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Priester und Detektiv

Gilbert Keith Chesterton: Priester und Detektiv - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titlePriester und Detektiv
publisherFriedrich Pustet
year1920
translatorH. M. von Lama
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid95b38bfb
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Das Zeichen des zerbrochenen Schwertes

Die tausend Arme des Waldes waren grau und seine Millionen Finger von Silber. An dem dunkelgrünlich blauen Himmel funkelten die Sterne gleich Eissplittern. Der ganze dicht bewachsene und spärlich bewohnte Landstrich stand starr in bitterem, hartem Froste. Die schwarzen Löcher zwischen den Stämmen sahen wie grundlose schwarze Höhlen jener herzlosen skandinavischen Hölle aus, einer Hölle von unabschätzbarer Kälte. Selbst der viereckige, steinerne Kirchturm blickte fast heidnisch-nordisch drein, als wäre er ein Barbarenturm inmitten der seeumspülten Felsen Islands. Es war eine sonderbare Nacht, um einen Friedhof zu durchforschen. Andererseits aber lohnte er vielleicht doch die Mühe der Durchforschung.

Er stieg von dem aschgrauen Waldgelände steil auf einer Art Höcker oder Schulter grünen Rasens empor, der in dem Sternenlichte grau erschien. Die meisten Gräber lagen auf dem abschüssigen Abhange und der zur Kirche führende Pfad stieg steil wie eine Treppe empor. Auf der Spitze des Hügels, dem einzigen ebenen und in die Augen springenden Platze stand das Denkmal, welches dem Orte seine Berühmtheit verlieh. Ein merkwürdiger Gegensatz zu all den formlosen Gräbern ringsum sprach daraus, denn es war das Werk eines der größten Bildhauer des neuzeitlichen Europa; und doch ward sein Ruhm sofort durch den Ruhm des Mannes, dessen Bildnis er dargestellt, in Vergessenheit getaucht. Der kleine Silberstift des Sternenlichtes zeichnete die massige Bronzegestalt eines ruhenden Soldaten, die starken Hände wie in einer ewigen Andacht verschlungen, das große Haupt auf einem Gewehre ruhend. Das ehrwürdige Gesicht war bebartet oder wies vielmehr einen Backenbart auf nach alter, schwerfälliger Oberst-Newcomescher Art. Die Uniform, wenngleich nur mit wenigen Strichen angedeutet, war die des modernen Kriegers. Zu seiner Rechten lag ein Schwert mit abgebrochener Spitze, zur Linken eine Bibel. An heißen Sommernachmittagen kamen Gesellschaftswagen voll von Amerikanern und gebildetem Vorstadtvolk, das Grabmal zu besichtigen; doch selbst dann empfanden sie das weite Waldgelände mit seiner einzigen schwermütigen Kuppel, mit Kirche und Friedhof als etwas seltsam Stummes und Vernachlässigtes. In diesem Eisesdunkel tiefsten Winters, möchte man meinen, würde das Denkmal allein mit den Sternen gelassen bleiben. Nichtsdestoweniger kreischte in der Stille dieses erstarrten Waldes ein hölzernes Tor und zwei unkenntliche Gestalten in Schwarz klommen den schmalen Pfad zum Grabmale hinan.

So schwach war das kalte Sternenlicht, daß nichts an ihnen sich wahrnehmen ließ, als daß beide zwar schwarze Kleidung trugen, aber der eine außergewöhnlich groß und der andere (vielleicht neben jenem) nahezu auffallend klein war. Sie stiegen zu dem großen Grabmal des historischen Kriegers hinauf und starrten es einige Minuten an. Kein menschliches, ja vielleicht kein lebendes Wesen in weitem Umkreise, und eine angekränkelte Phantasie hätte wohl fragen mögen, ob sie selbst menschlich waren. Jedenfalls mochte der Beginn ihrer Unterhaltung sonderbar scheinen. Nach dem ernsten Schweigen sagte nämlich der kleine Mann zu dem anderen:

»Wo verbirgt der Weise einen Kieselstein?«

Und der Große antwortete leise: »Am Strande.«

Der kleine Mann nickte und nach kurzem Schweigen fragte er weiter: »Wo verbirgt der Weise ein Blatt?«

Und der andere antwortete: »Im Walde.«

Abermaliges Schweigen und dann fuhr der Große fort: »Meinen Sie, man hat je gehört, daß ein Weiser, der einen echten Diamanten zu verbergen hat, ihn unter falschen verborgen hat?«

»Nein, nein,« sagte der Kleine lachend, »wir wollen das Vergangene ruhen lassen.«

Er stampfte ein paarmal auf seinen erkalteten Füßen hin und her und sagte dann: »Daran denke ich gar nicht, sondern, an etwas anderes, etwas von ganz besonderer Art. Zünden Sie einmal, bitte, ein Streichholz an.«

Der Große kramte in seiner Tasche und bald ließ ein Aufleuchten und ein Lichtschein die ganze flache Seite des Denkmales in Gold erglänzen. Auf ihr waren in schwarzen Buchstaben die wohlbekannten Worte eingegraben, die so mancher Amerikaner ehrfurchtsvoll gelesen hatte: Geweiht dem Andenken des Generals Sir Arthur St. Clare, Held und Martyrer, welcher stets seine Feinde besiegte und sie stets verschonte, und schließlich verräterisch von ihnen gemordet ward. Möge Gott, auf den er vertraute, ihn belohnen wie auch rächen.«

Das Zündholz brannte des großen Mannes Finger, erlosch und fiel nieder. Er war im Begriff, ein zweites anzustreichen, doch sein kleiner Gefährte wehrte ihm.

»Schon gut, Flambeau, alter Freund; ich habe gesehen, was ich wollte, oder vielmehr, ich habe nicht gesehen, was ich nicht sehen wollte. Und nun heißt es, anderthalb Meilen bis zum nächsten Gasthause laufen, und ich werde versuchen, Ihnen alles zu erzählen. Weiß Gott, man sollte wirklich ein Feuer und ein Glas Bier dazu haben, um eine solche Geschichte zu erzählen.«

Sie stiegen den steilen Pfad hinab, schlossen das verrostete Tor wieder und machten sich stampfenden Schrittes auf den gefrorenen Weg durch den Wald.

Sie waren bereits eine gute Viertelmeile gegangen, ehe der Kleinere wieder das Wort ergriff. Er begann: »Ja, der Weise verbirgt einen Kieselstein am Strande. Aber was tut er, wenn er keinen Strand hat? Wissen Sie etwas über die große St. Clare-Affäre?«

»Ich weiß nichts über englische Generäle, Father Brown,« antwortete der Große lachend, »wenn auch manches über englische Polizisten. Ich weiß nur, daß Sie mich ein anständiges Stück Weges umhergeschleppt haben zu all den Erinnerungsstätten dieses Burschen, wer immer er auch gewesen sein mag. Man möchte meinen, er liegt an sechserlei Orten begraben. Ich habe in der Westminsterabtei ein Grabmal des Generals St. Clare gesehen, ich habe auf dem Embankment ein Reiterstandbild des Generals St. Clare gesehen, ich sah ein Bild des Generals St. Clare in Medaillonform in der Straße, wo er geboren wurde und ein zweites in der, wo er gelebt hat, und jetzt schleppen Sie mich im Finstern zu seinem Sarge im Dorfkirchhof. Ich fange an, genug zu bekommen von seiner großartigen Persönlichkeit, besonders da ich nicht im mindesten weiß, wer er war. Was wollen Sie denn hinter all diesen Krypten und Denkmälern aufstöbern?«

»Ich suche nur nach einem Worte,« erwiderte Father Brown, »einem Worte, das nicht da ist.«

»Nun,« fragte Flambeau, »wollen Sie mir einiges darüber erzählen?«

»Ich muß zwei Teile daraus machen,« bemerkte der Priester. »Da ist zuerst das, was alle Welt weiß, und dann das, was ich weiß. Was nun alle Welt weiß, ist kurz und einfach genug. Auch ist es vollkommen unzutreffend.«

»Recht haben Sie,« sagte der Große namens Flambeau fröhlichen Tones. »Fangen wir am falschen Ende an. Fangen wir mit dem an, was alle wissen und was nicht wahr ist.«

»Wenn schon nicht gänzlich unwahr, so ist es mindestens sehr unzutreffend,« fuhr Brown fort; »denn tatsächlich läuft alles, was die Öffentlichkeit kennt, darauf hinaus: man weiß allgemein, daß Arthur St. Clare ein großer und erfolgreicher englischer General war. Man weiß, daß er nach glänzenden, doch sorgfältig durchgeführten Feldzügen in Indien und Afrika den Oberbefehl gegen Brasilien führte, als der große brasilianische Patriot Olivier sein Ultimatum erließ. Man weiß, daß bei jener Gelegenheit St. Clare mit sehr geringen Kräften Oliviers sehr starke Macht angriff und nach heldenmütigem Widerstande gefangen genommen wurde. Und man weiß, daß nach seiner Gefangennahme zum Entsetzen der gebildeten Welt St. Clare am nächsten Baume aufgeknüpft wurde. Man fand ihn nach dem Rückzuge der Brasilianer dort hängend mit seinem zerbrochenen Schwerte um den Hals.«

»Und diese allbekannte Geschichte ist unwahr?« fragte Flambeau.

»Nein,« antwortete sein Freund ruhig, »diese Geschichte ist insoweit ganz wahr.«

»Nun, ich meine, sie geht weit genug!« entgegnete Flambeau; »wenn aber das, was man sich allgemein erzählt, wahr ist, worin besteht dann das Geheimnis?«

Mehrere hundert grauer und gespenstischer Bäume zogen vorüber, ehe der kleine Priester antwortete. Dann biß er nachdenklich an seinem Finger und begann:

»Nun, das Geheimnis ist ein solches der Psychologie. Oder vielmehr, es ist ein Geheimnis zweier Psychologien. In jenem brasilianischen Vorfalle handelten zwei der berühmtesten Männer der neuzeitlichen Geschichte in vollem Gegensatz zu ihrem Charakter. Bedenken Sie, Olivier und St. Clare waren beide Helden – die alte Geschichte und jeder Zweifel ausgeschlossen; es war wie der Kampf zwischen Hektor und Achilles. Was würden Sie nun zu einem Vorfalle sagen, in welchem Achilles sich furchtsam und Hektor verräterisch benimmt?«

»Fahren Sie fort,« lud der Große ungeduldig ein, als der andere wieder an seinem Finger biß.

»Sir Arthur St. Clare war ein Soldat vom alten, frommen Schlage; jenem Schlage, der uns während des Aufstandes rettete,« fuhr Brown fort. »Er war stets mehr für die Pflicht als für das Wagnis; und bei all seinem persönlichen Mute war er entschieden ein vorsichtiger Befehlshaber, jeder nutzlosen Verschwendung von Soldatenleben ganz besonders abhold. Und doch unternahm er in dieser letzten Schlacht etwas, was ein Kind als ungeheuerlich erkannt haben würde. Man braucht nicht Stratege zu sein, um einzusehen, daß das unberechenbar war wie der Wind, ebenso wie man kein Stratege zu sein braucht, um einem Motoromnibus auszuweichen. Nun, das erste Geheimnis ist: was war mit dem Kopfe des englischen Generals vor sich gegangen? Das zweite Rätsel ist: was war mit dem Herzen des brasilianischen Generals vor sich gegangen? Olivier mag als Präsident ein Phantast oder ein Schädling genannt werden, aber selbst seine Feinde gaben zu, daß er hochherzig bis zum Grade eines fahrenden Ritters war. Nahezu jeder andere von all den Gefangenen, die er je gemacht, war freigelassen oder sogar mit Wohltaten überhäuft worden. Solche, die ihm wirklich Unrecht zugefügt hatten, gingen gerührt von seiner Einfalt und Milde hinweg. Weshalb also sollte er in so teuflischer Weise ein einzigesmal in seinem Leben Rache nehmen und noch dazu für den einen besonderen Schlag, der ihn gar nicht verletzt haben konnte? Da haben Sie es also. Einer der klügsten Menschen der Welt handelte wie ein Idiot ohne jeglichen Grund. Und einer der besten Menschen der Welt handelte wie ein Schurke ohne jeglichen Grund. Das ist der langen Rede kurzer Sinn; alles weitere überlasse ich Ihnen, junger Mann.«

»Nein, das tun Sie nicht,« lehnte jener schnaubend ab. »Ich überlasse es Ihnen und Sie werden mir hübsch die ganze Geschichte erzählen.«

»Nun,« fuhr Father Brown fort, »es ist nicht recht von mir, zu sagen, daß der öffentliche Eindruck eben der ist, wie ich ihn dargestellt habe, ohne hinzuzufügen, daß zwei Dinge seitdem geschehen sind. Ich kann nicht sagen, daß sie neues Licht verbreiteten, denn niemand kann aus ihnen klug werden. Aber sie verbreiteten eine neue Art von Dunkel; sie verbreiteten die Finsternis nach neuen Richtungen hin. Das erste war dies. Der Hausarzt der St. Clares überwarf sich mit der Familie und begann eine Reihe scharfer Artikel zu veröffentlichen, worin er sagte, der verstorbene General litt an religiösem Wahnsinn; aber soviel man daraus erfuhr, schien das nur wenig mehr zu besagen, als daß er eben ein religiöser Mann war. Jedenfalls war das Geschwätz bald eingeschlafen. Jedermann wußte natürlich, daß St. Clare einige der Überspanntheiten puritanischer Frömmigkeit an sich hatte. Der zweite Vorfall machte weit mehr Aufsehen. Bei dem unglücklichen und sich selbst überlassenen Regimente, welches jenen Überfall am Rio Negro machte, befand sich ein gewisser Hauptmann Keith, der damals mit St. Clares Tochter verlobt war und sie nachher heiratete. Er war einer von denen, die von Olivier gefangen genommen wurden und wie die übrigen mit Ausnahme des Generals gut behandelt und nachher freigelassen worden zu sein schienen. An die zwanzig Jahre später veröffentlichte dieser Mann, nunmehr Oberstleutnant Keith, eine Art Selbstbiographie unter dem Titel ›Ein britischer Offizier in Birma und Brasilien‹. An der Stelle, wo der Leser mit Spannung irgend einen Bericht über das Geheimnis von St. Clares Mißgeschick sucht, finden sich nur die Worte: ›Das ganze Buch hindurch habe ich die Dinge genau so erzählt wie sie geschahen, da ich die veraltete Meinung teile, Englands Ruhm sei alt genug, um sich selbst zu genügen. Die Ausnahme, die ich machen werde, bezieht sich auf die Niederlage am Rio Negro, und meine Gründe dafür sind wenngleich private so doch ehrbare und zwingende. Ich will jedoch, um dem Andenken zweier berühmter Männer Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, folgendes hinzufügen. General St. Clare ist bei dieser Gelegenheit der Unfähigkeit geziehen worden; ich kann nur erklären, daß dieses Unternehmen, richtig verstanden, eines der glänzendsten und scharfsinnigsten seines Lebens war. Präsident Olivier wird ähnlicherweise roher Ungerechtigkeit angeklagt. Ich glaube, es der Ehre eines Feindes zu schulden, wenn ich sage, daß er bei dieser Gelegenheit sogar noch mehr als sonst nach seiner charakteristischen guten Gesinnung handelte. Um die Sache leichtverständlich auszudrücken, kann ich meine Landsleute versichern, daß St. Clare keineswegs ein solcher Narr und Olivier keineswegs ein solcher Unmensch war, wie es den Anschein hatte. Das ist alles, was ich zu sagen habe; und kein irdischer Beweggrund wird mich veranlassen, dem ein Wort hinzuzufügen.«

Ein großer frostiger Mond, einem leuchtenden Schneeball gleich, begann durch das Gezweige vor ihnen zu blicken und bei seinem Lichte war es dem Erzähler möglich gewesen, seiner Erinnerung von Hauptmann Keiths Text durch ein Blatt bedruckten Papieres nachzuhelfen. Als er es zusammenfaltete und in seine Tasche zurücksteckte, erhob Flambeau seine Hände mit einer echt französischen Bewegung.

»Warten Sie, warten Sie ein wenig,« rief er erregt. »Ich glaube, ich kann es aufs erstemal erraten.«

Er schritt voran, schwer atmend und den schwarzen Kopf und den Stiernacken vorwärts gebeugt wie ein Mann bei der letzten Runde eines Wettlaufes. Der kleine Priester, den dies belustigte und interessierte, hatte einige Mühe, neben ihm herzutraben. Gerade vor ihnen traten die Bäume zur Rechten wie zur Linken etwas zurück und der Weg senkte sich durch ein klares, mondhelles Tal, bis er wieder wie ein Kaninchen in der Wand des weiteren Waldes verschwand. Der Eingang in den fernergelegenen Wald schien klein und rund wie das schwarze Loch eines fernen Eisenbahntunnels. Aber er lag nur ein paar hundert Meter weg und gähnte sie wie eine Höhle an, ehe Flambeau wieder das Wort ergriff.

»Ich hab's,« rief er endlich. »Nur vier Minuten Nachdenkens und ich kann Ihnen Ihre ganze Geschichte selbst erzählen.«

»Recht so,« stimmte sein Freund bei, »erzählen Sie sie.«

Flambeau erhob den Kopf und senkte seine Stimme.

»General Sir Arthur St. Clare,« begann er, »entstammte einer Familie, in welcher Irrsinn erblich war, und sein ganzes Streben ging dahin, dies vor seiner Tochter und wenn möglich auch vor seinem künftigen Schwiegersohne geheim zu halten. Ob mit Recht oder Unrecht, er glaubte, der Zusammenbruch stehe bevor, und beschloß Selbstmord. Doch ein gewöhnlicher Selbstmord hätte eben die Idee verraten, die er fürchtete. Mit dem Herannahen des Feldzuges verdichteten sich auch die Wolken mehr und mehr über seinem Geiste und schließlich opferte er in einem Augenblicke des Wahnsinnes die äußere Pflicht seiner eigenen, privaten. Er stürzte sich Hals über Kopf in den Kampf und hoffte, von der ersten Kugel zu fallen. Als er fand, daß ihm nur Gefangenschaft und Schande gelungen war, barst die in seinem Hirne versiegelte Bombe und er zerbrach sein Schwert und erhängte sich.«

Er starrte auf die große Waldmauer vor ihm mit der einen schwarzen Öffnung darin, als wäre sie der Zugang zu dem Grabe, nach dem ihr Pfad führte. Vielleicht lag etwas Drohendes in diesem so plötzlich endenden Pfade, was seine lebhafte Anschauung von der Tragödie noch verstärkte, denn er schauderte.

»Eine entsetzliche Geschichte!« schloß er.

»Eine entsetzliche Geschichte,« wiederholte der Priester gesenkten Hauptes, »aber nicht die wahre Geschichte.« Dann warf er mit einer gewissen Verzweiflung den Kopf zurück und rief: »O, ich wünschte, sie wäre es gewesen.«

Der große Flambeau wandte sich um und starrte ihn an.

»Die Ihrige ist eine saubere Geschichte,« rief Father Brown tief ergriffen. »Eine liebliche, unschuldige, ehrbare Geschichte, so offen und weiß wie jener Mond. Wahnsinn und Verzweiflung sind etwas ganz Unschuldiges. Es gibt Schlimmeres, Flambeau!«

Flambeau blickte wild zu dem so angerufenen Monde empor und von da, wo er stand, krümmte sich eben ein schwarzer Baumast wie ein Teufelshorn darüber.

»Father – Father,« rief er mit einer echt französischen Bewegung und noch rascher voranschreitend, »meinen Sie, es war noch schlimmer als dieses?«

»Schlimmer noch als dieses,« kam es von Brown zurück. Und sie verschwanden in der schwarzen Säulenhalle des Waldes, der sich in einem düsteren Wandteppiche von Stämmen gleich einem finsteren Gange in einem Traume zu ihren beiden Seiten hinzog.

Bald befanden sie sich in dem geheimnisvollen Innern und fühlten sich von unsichtbarem Laube nahe umgeben, als der Priester wieder anhub:

»Wo verbirgt der Weise ein Blatt? Im Walde. Aber was tut er, wenn er keinen Wald hat?«

»Nun was?« rief Flambeau gereizt, »was tut er?«

»Er läßt sich einen Wald wachsen, um es darin zu verbergen,« beantwortete der Priester finster die eigene Frage. »Eine furchtbare Sünde!«

»Hören Sie,« versetzte sein Freund ungeduldig, denn der dunkle Wald und das dunkle Gerede gingen ihm auf die Nerven. »Wollen Sie mir diese Geschichte erzählen oder nicht? Was veranlaßt Sie, sie noch weiter auszudehnen?«

»Drei weitere Beweisspuren liegen vor,« erklärte jener, »die ich in Löchern und Winkeln aufgestöbert habe und ich will sie lieber in folgerichtiger als in zeitlicher Reihenfolge aufzählen. Vor allem haben wir als Gewährsmann für den Verlauf und Ausgang der Schlacht natürlich Olivier in seinen Meldungen, welche an Klarheit nichts zu wünschen übrig lassen. Er lag mit zwei oder drei Regimentern auf den zum Rio Negro abfallenden Höhen verschanzt, dessen anderes Ufer niedriges Sumpfgelände bildete. Jenseits desselben stieg das Land wieder sanft aufwärts und dort stand der erste englische Vorposten, der von anderen, jedoch erheblich ferner ausgesetzten, gestützt wurde. Die britischen Truppen zusammen genommen waren an Zahl bedeutend überlegen, aber dieses eine Regiment stand gerade entfernt genug von seiner Basis, um Olivier den Plan erwägen zu lassen, den Fluß zu überschreiten und es abzuschneiden. Um Sonnenuntergang hatte er sich jedoch entschlossen, in seiner eigenen, besonders starken Stellung zu bleiben. Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch sah er zu seiner größten Verblüffung, daß diese Handvoll Engländer gänzlich außer Verbindung mit der Nachhut den Fluß überschritten hatte, die eine Hälfte mittels einer Brücke zur Rechten, und die andere Hälfte weiter oben auf einer Furt, und daß sie sich im Sumpfgelände unterhalb seiner Stellung festgesetzt hatten. Daß sie bei solcher Zahl auf eine solche Stellung einen Angriff wagen sollten, war einfach unglaublich; doch Olivier bemerkte etwas noch Ungewöhnlicheres. Denn anstatt zu versuchen, festeren Boden zu gewinnen, tat dieses wahnwitzige Regiment mit dem Fluß im Rücken nichts Geringeres, als dort im Schlamme stecken zu bleiben wie Fliegen im Sirup. Es versteht sich von selbst, daß die Brasilianer mit ihrer Artillerie große Lücken hineinrissen, worauf jene nur mit einem schwachen Gewehrfeuer zu erwidern vermochten. Doch hielten sie sich, und Oliviers kurzer Bericht schließt mit einem Ausdruck der Bewunderung für die geheimnisvolle Tapferkeit dieser von Vernunft Verlassenen. ›Unsere Linie ging dann endlich vor,‹ schreibt Olivier, ›und trieb sie in den Fluß; wir nahmen General St. Clare selbst und mehrere andere Offiziere gefangen. Der Oberst und der Major waren beide im Kampfe gefallen. Ich kann nicht umhin, es auszusprechen, daß man in der Geschichte nur selten ein ähnlich schönes Blatt antrifft wie den letzten Widerstand dieses außerordentlichen Regimentes; verwundete Offiziere ergriffen die Gewehre gefallener Soldaten und der General selbst stand entblößten Hauptes zu Pferde und mit zerbrochenem Schwerte uns gegenüber.‹ Über das, was mit dem General dann weiter geschah, schweigt sich Olivier ebenso aus, wie Hauptmann Keith.«

»Gut,« brummte Flambeau, »gehen wir zum nächsten Gewährsmanne über.«

»Den nächsten zu finden,« sagte Father Brown, »brauchte Zeit, um so weniger wird es brauchen, davon zu erzählen. Ich fand in einem Armenhause im Lincolnshire-Moore endlich einen alten Soldaten, der nicht nur am Rio Negro verwundet worden war, sondern tatsächlich neben dem Oberst des Regiments gekniet hatte, als dieser starb. Dieser letztere war ein gewisser Oberst Clancy, ein Riese von einem Irländer, und es scheint, daß er fast ebensosehr aus Wut wie von den feindlichen Kugeln starb. Jedenfalls trug er keine Verantwortung für diesen lächerlichen Überfall, er muß ihm vom General aufgezwungen worden sein. Seine letzten erbaulichen Worte waren nach der Aussage meines Gewährsmannes: ›Und dort steht der verfluchte alte Esel mit seinem abgeschlagenen Schwerte. Wäre es lieber sein Schädel!‹ Es muß Ihnen auffallen, daß alle diesen Umstand des zerbrochenen Schwertes vermerkt zu haben scheinen, obwohl die meisten darin etwas Achtungswerteres erblicken, als der verstorbene Oberst Clancy. Und nun zum dritten Bruchstücke.«

Ihr Waldpfad begann anzusteigen und der Erzähler hielt ein wenig an, um Atem zu schöpfen, ehe er weiter schritt. Dann fuhr er in demselben geschäftsmäßigen Tone fort:

»Erst vor ein paar Monaten starb in England ein brasilianischer Beamter, der mit Olivier in Streit geraten war und sein Land verlassen hatte. Er war hier sowohl wie auf dem Festlande eine wohlbekannte Erscheinung, ein Spanier namens Espado. Ich habe ihn selbst gekannt, ein alter Geck mit gelbem Gesichte und einer Adlernase. Aus Gründen persönlicher Natur hatte ich Erlaubnis, die von ihm hinterlassenen Dokumente einzusehen. Er war natürlich Katholik und ich war während seiner letzten Stunden bei ihm. Es gab nichts unter seinen Sachen, was irgendwie über die dunkle Geschichte neues Licht verbreiten hätte können, außer fünf oder sechs gewöhnliche Schreibhefte, angefüllt mit den Tagebuchaufzeichnungen eines englischen Soldaten. Ich kann nur vermuten, daß es von den Brasilianern bei einem der Gefallenen gefunden wurde. Jedenfalls brach es am Vorabende der Schlacht plötzlich ab.

»Doch der Bericht über jenen letzten Tag im Leben dieses armen Burschen war wirklich des Lesens wert. Ich habe ihn bei mir, aber es ist zu dunkel, um ihn hier zu lesen und ich will ihn im Auszuge erzählen. Der erste Teil der Eintragungen ist mit Scherzen gespickt, die wie es scheint seitens der Leute jemand zum Gegenstand hatten, den man den Geier nannte. Es hat nicht den Anschein als ob diese Person, wer sie auch gewesen sein mag, einer unter ihnen, noch überhaupt ein Engländer gewesen sei; auch ist von ihm nicht wie von einem Feinde die Rede. Es klingt vielmehr, als war es irgend eine dort ansässige Zwischenperson, ein Nichtkämpfer; vielleicht ein Führer oder Journalist. Er hat mit dem alten Oberst Clancy eine geheime Unterredung gehabt, wurde aber öfters noch mit dem Major im Gespräche gesehen. In der Tat tritt der Major in der Erzählung des Soldaten ziemlich hervor, ein hagerer, dunkelhaariger Mann, anscheinend ein gewisser Murray, Nordirländer und Puritaner. Es finden sich fortwährend Scherzworte über den Gegensatz zwischen der Strenge dieses Ulstermannes und Oberst Clancys Gemütlichkeit. Auch einige Witze über den Geier stehen darin, der sich in lebhafte Farben gekleidet trug.

»Doch all diese Tändeleien sind verscheucht, man möchte fast sagen durch den Ton eines Jagdhornes, hinter dem englischen Lager und fast gleichlaufend mit dem Flusse zog sich eine der wenigen Hauptstraßen dieses Bezirkes hin. Gegen Westen bog sie zum Flusse ab, über den die vorerwähnte Brücke führte. Ostwärts zog sich der Weg nach der Wildnis zurück und etwa zwei Meilen entfernt stand zu seiner Seite der nächste englische Vorposten. Aus dieser Richtung kam an jenem Abend ein Blitzen und Rasseln von leichter Kavallerie die Straße entlang, worunter selbst der einfache Tagebuchschreiber zu seinem Staunen den General mit seinem Stabe erkennen konnte. Er ritt den großen Schimmel, den Sie so oft in illustrierten Zeitungen und auf Gemälden in den Ausstellungen gesehen haben; und Sie können glauben, daß der Gruß, der ihn empfing, keine bloße Zeremonie war. Er wenigstens verlor keine Zeit mit solchen, sondern sprang sofort aus dem Sattel, trat unter die Offiziere und begann ein angelegentliches, doch vertrauliches Gespräch. Was unserem Freund, dem Tagebuchschreiber, am meisten auffiel, war seine besondere Vorliebe, sich mit Major Murray zu besprechen; aber in der Tat war eine solche Bevorzugung, solange nicht eine Absicht hervortrat, keineswegs unnatürlich. Die beiden Männer waren für gegenseitige Zuneigung wie geschaffen; sie waren Männer, welche ›ihre Bibeln lasen‹, sie waren beide Offiziere vom alten protestantischen Schlage. Wie dem auch sei, soviel ist sicher, daß der General, als er wieder zu Pferd stieg, noch in ernstlichem Gespräche mit Murray weilte, und daß, als er mit seinem Pferde langsam zum Flusse hinabstieg, der große Ulstermann noch in ernstlichem Gespräche neben seinem Zügel einherschritt. Die Soldaten beobachteten die beiden, bis sie hinter einer Baumgruppe verschwanden, von wo aus sich der Weg zum Flusse hinabwand. Der Oberst war zu seinem Zelte zurückgekehrt und die Leute zu ihren Abteilungen; der Mann mit dem Tagebuch verweilte noch vier Minuten und sah etwas ganz Wunderbares.

»Das große weiße Pferd, welches langsam den Weg hinabstieg, wie es dies in so vielen Aufzügen getan hatte, riß nach rückwärts aus und galoppierte zurück, ihnen entgegen als wollte es ein Wettrennen gewinnen. Anfangs glaubte man, es sei mit seinem Reiter durchgegangen, doch bald sah man, daß der General, ein gewandter Reiter, es selbst zu vollem Galopp anspornte. Roß und Reiter jagten wie ein Wirbelwind daher, dann rief der General flammenden Gesichts und die Zügel straff anziehend dem Obersten mit einer Stimme zu, die wie die Posaune des Weltgerichtes klang.

»Ich kann mir vorstellen, daß nun all die erschütternden Umstände dieser Katastrophe wie ein zusammenstürzendes Baugerüst auf das Denkvermögen solcher Leute wie unseren Tagebuchschreiber niederprasselten. Mit der wirren Erregung eines Träumenden sahen sie sich in Reih und Glied fallen – buchstäblich fallen – und hörten, daß sofort über den Fluß hinüber angegriffen werden müsse. Der General und der Major, so hieß es, hatten an der Brücke irgend etwas festgestellt und es war eben noch Zeit, um noch auf Leben und Tod zu kämpfen. Der Major hatte sich unverweilt auf der Straße entfernt, um die Reserven heranzurufen, aber es war fraglich, ob die Hilfe noch zur rechten Zeit eintreffen konnte. Die Nacht noch mußte der Fluß überschritten und am Morgen der Sturm auf die Höhen unternommen werden. Und mit dem Wirrwarr und Durcheinander dieses romantischen Nachtmarsches bricht das Tagebuch plötzlich ab.«

Father Brown war vorangeschritten, denn der Waldweg wurde schmäler, steiler und gewundener, wie wenn er eine Wendeltreppe hinaufführte, so daß jetzt die Stimme des Priesters von oben herab aus dem Dunkel ertönte.

»Noch eine unscheinbare Ungeheuerlichkeit geschah. Als der General sie zu ihrem ritterlichen Angriffe drängte, zog er seinen Säbel halb aus der Scheide und wie beschämt von einer solchen schönen Geste stieß er ihn wieder zurück. Sie sehen, wiederum das Schwert!«

Schwaches Licht brach durch das Netzwerk des Gezweiges über ihnen, und warf ihnen selbst ein gespenstiges Netz um die Füße, denn sie stiegen nun wieder zur matten Helle der nackten Nacht hinan. Flambeau empfand Wahrheit ringsum wie eine Atmosphäre, aber nicht wie eine Idee. Er antwortete verwirrt: »Nun, was ist denn eigentlich los mit dem Schwert? Offiziere tragen doch gewöhnlich ein solches, nicht?«

»Man erwähnt sie nicht oft im modernen Kriege,« versetzte der andere gleichgültig, »aber in dieser Geschichte stolpert man immer und überall über das verwünschte Schwert.«

»Nun, und was ist denn dabei Schlimmes?« brummte Flambeau. »Es war ein ganz alltäglicher Zwischenfall, daß das Schwert des Alten in seiner letzten Schlacht zerbrach. Man konnte darauf wetten, daß die Zeitungen so etwas ausbeuten würden, wie sie es auch taten. Auf all diesen Grabmälern und dergleichen ist es abgebildet mit seiner abgebrochenen Spitze. Ich hoffe, Sie haben mich nicht auf diese Polarexpedition mitgeschleppt, nur weil zwei Männer von geschultem Auge St. Clares zerbrochenes Schwert gesehen haben?«

»Nein,« schrie Father Brown mit einer Stimme, so scharf als käme sie aus einer Pistole geschossen, »aber wer hat sein unzerbrochenes Schwert gesehen?«

»Was meinen Sie damit?« rief der andere und blieb im Lichte der Sterne stehen. Unvermittelt waren sie aus dem grauen Waldestore herausgetreten. »Ich meine, wer sah sein unzerbrochenes Schwert?« wiederholte Father Brown hartnäckig. »Keinesfalls der Verfasser des Tagebuches, denn der General steckte es noch rechtzeitig in die Scheide.«

Flambeau blickte im Mondscheine um sich her wie etwa ein plötzlich Erblindeter in der Sonne, und sein Freund geriet zum erstenmal in Eifer.

»Flambeau,« rief er. »ich kann es nicht beweisen, selbst nach meiner Jagd durch die Grabdenkmäler nicht. Aber ich bin dessen sicher, lassen Sie mich nur noch eine winzige Tatsache hinzufügen, die der ganzen Sache ein anderes Gesicht gibt. Der Oberst war durch einen merkwürdigen Zufall einer der ersten, den eine feindliche Kugel niederstreckte. Er fiel lange bevor noch die Truppen aufeinanderstießen. Doch er sah St. Clares Schwert zerbrochen. Weshalb wurde es zerbrochen? Wie wurde es zerbrochen? Mein Freund, es wurde vor der Schlacht zerbrochen!«

»O, versetzte dieser halb im Scherz, aber bitte, wo ist das andere Stück?«

»Das kann ich Ihnen sagen,« erwiderte der Priester ohne Zögern. »In der Nordostecke des Friedhofes der protestantischen Kathedrale zu Belfast.«

»Wirklich? Haben Sie darnach gesucht?«

»Ich konnte nicht,« gestand Father Brown mit offenem Bedauern. »Es steht ein großes Marmordenkmal darüber, ein Denkmal zu Ehren des heldenhaften Major Murray, der ruhmvoll kämpfend in der berühmten Schlacht am Rio Negro fiel.«

Flambeau schien plötzlich wie durch einen elektrischen Schlag ins Leben zurückgerufen. »Sie meinen,« rief er barsch, »General St. Clare haßte Murray und ermordete ihn auf dem Schlachtfeld, weil –«

»Sie stecken immer noch voll von guten und reinen Gedanken. Es war Schlimmeres als das!«

»Nun,« gestand der Große ein, »ich bin in dieser Richtung am Ende meiner Einbildungskraft angelangt.«

Der Priester schien wirklich in Verlegenheit, wo er beginnen sollte und fragte endlich von neuem:

»Wo würde ein Weiser ein Blatt verbergen? Im Walde.«

Der andere antwortete nichts.

»Und wenn er keinen Wald hätte, würde er sich einen machen. Und wenn er ein welkes Blatt verbergen wollte, würde er sich einen welken Wald machen.«

Noch keine Antwort kam, so daß der Priester noch milder und noch ruhiger hinzufügte: »Und wenn ein Mensch eine Leiche zu verbergen wünschte, würde er ein Feld von Leichen herstellen, um sie dort zu verbergen.«

Flambeau begann energisch voranzustampfen, ungeduldig über den Verlust von Zeit und Raum, doch Father Brown erzählte weiter, als vollende er nur den letzten Satz.

»Sir Arthur St. Clare war, wie ich schon sagte, ein Mann, der seine Bibel las. Das war es, worum es sich bei ihm handelte. Wann werden es die Leute endlich einsehen, daß es einem Menschen nichts nützt, seine Bibel zu lesen, wenn er nicht auch die der anderen liest? Ein Buchdrucker liest die Bibel der Druckfehler wegen. Ein Mormone liest seine Bibel und findet darin Vielweiberei; ein Gesundbeter liest sie und findet, daß wir weder Arme noch Beine haben. St. Clare war ein alter anglo-indischer protestantischer Haudegen. Nun stellen Sie sich einmal vor, was das bedeuten mag, aber um's Himmels willen, lassen Sie jede Scheinheiligkeit beiseite! Es kann einen unter tropischem Himmel in orientalischer Gesellschaft physisch sich vollkommen auslebenden Menschen bedeuten, der ohne Verständnis oder Führung sich an einem orientalischen Buche vollsaugt. Selbstverständlich las er das Alte Testament lieber als das Neue. Selbstverständlich, denn er fand darin alles was er wollte – Wollust, Tyrannentum, Verräterei. O, ich glaube sogar, er war ehrlich, wie man es nennt. Aber was hilft es, wenn ein Mann ehrlich ist im Dienste der Ehrlosigkeit? In jedem der heißen und verschwiegenen Länder, wohin dieser Mann kam, hielt er sich einen Harem, folterte er Zeugen und häufte in Schanden Gold an; gewiß aber würde er festen Auges versichert haben, er tue es zur Ehre des Herrn. Meine eigene Theologie kommt dabei genügend zum Worte, wenn ich frage: welches Herrn? Jedenfalls hat es mit der Schlechtigkeit die Bewandtnis, daß sie eine Türe nach der anderen zur Hölle öffnet und in immer kleinere und kleinere Kämmerlein führt. Darin besteht das Eigenartige des Verbrechens, daß der Mensch nicht wilder und roher, sondern nur immer noch gemeiner wird. St. Clare erstickte nur allzu bald unter Schwierigkeiten von Bestechungen und Erpressungen und hatte immer mehr und immer noch mehr Geld nötig. Und zur Zeit der Schlacht am Rio Negro war er auf der Stufe angelangt, welche Dante zur alleruntersten des Universums macht.«

»Welche meinen Sie?«, fragte sein Freund wieder.

»Das meine ich,« gab der Geistliche zurück und wies plötzlich auf eine eingefrorene Pfütze, die im Mondlichte erglänzte. »Erinnern Sie sich, wen Dante in den letzten Eiskreis versetzt?«

»Die Verräter,« antwortete Flambeau schaudernd. Da er in der alles Menschlichen entkleideten Baumlandschaft mit ihren höhnischen, fast widerlichen Umrissen umherblickte, konnte er beinahe glauben, Dante zu sein, und der Priester mit der fließenden Rede war in der Tat ein Virgil, der ihn durch ein Land endloser Sünden geleitete.

Die Stimme fuhr fort: »Olivier war, wie Sie wissen, eine Don-Quixote-Natur und ließ keinerlei Geheimdienst oder Spione zu. Doch dies wurde, wie so viele andere Dinge, dennoch gemacht, wenn auch hinter seinem Rücken. Mein alter Freund Espado war es, der das besorgte; er war der auffällig gekleidete Geck, dessen Adlernase ihm den Spitznamen Geier eingetragen hatte. Indem er sich als einen Menschenfreund an der Front ausgab, schlängelte er sich durch die englischen Reihen und traf so schließlich auf dessen – Gott sei Dank – einzigen, korrumpierten Mann, und dieser Mann war der an der Spitze. St. Clare brauchte dringend Geld, Berge von Geld. Der fallen gelassene Hausarzt drohte mit jenen Enthüllungen, welche später auch begannen, dann aber abgebrochen wurden, Geschichten von unerhörten und geradezu urgeschichtlichen Dingen, die sich in Park Lane abgespielt, Dinge, die nach Menschenopfer und Horden von Sklaven rochen. Geld wurde auch benötigt zur Mitgift der Tochter, denn für reich gehalten zu werden, daran lag ihm nicht minder, wie es wirklich zu sein. Er griff nach dem letzten Strohhalm, flüsterte Brasilien das Wort zu und der Reichtum strömte herbei von Englands Feinden. Aber noch ein anderer hatte mit Espado, dem Geier, gesprochen. Irgendwie war der finstere, grimme junge Major aus Ulster der schrecklichen Wahrheit auf die Spur gekommen, und als sie mitsammen langsam den Weg zur Brücke hinabgingen, erklärte Murray dem General, er müsse entweder sofort den Oberbefehl niederlegen oder vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen werden. Der General suchte ihn hinzuhalten, bis sie an jenen Saum von Tropenbäumen bei der Brücke kamen, und an dem plätschernden Flusse unter den sonnigen Palmen (ich sehe das Bild geradezu vor mir) zog der General den Säbel und stieß ihn dem Major in den Leib.«

Der winterliche Pfad bog in schneidendem Froste über eine mit schwarzen Schreckgestalten von Gebüsch und Dickicht bewachsenen Höhe, doch Flambeau glaubte, jenseits davon den schwachen Umriß und Lichtschein von etwas zu sehen, was weder Sternen- noch Mondlicht war, sondern ein Feuer schien, wie Menschen es machen. Er beobachtete es, während die Erzählung ihrem Ende zueilte.

»St. Clare war ein Höllenhund, aber er besaß Rasse. Nie, das schwöre ich Ihnen, war er so klar bei Verstand und so starkmütig, als da der arme Murray kalt und starr zu seinen Füßen lag. In keinem von all seinen Triumphen, wie Hauptmann Keith sehr richtig sagt, war der große Mann so groß wie in dieser letzten mißachteten Niederlage. Kühl blickte er auf seine Waffe nieder, um das Blut abzuwischen; er sah, daß die Spitz, die er seinem Opfer zwischen die Schultern gestoßen hatte, abgebrochen war. Ganz ruhig als blicke er zum Fenster seines Clubs hinaus, sah er, was folgen mußte. Er sah, daß seine Leute diese unerklärliche Leiche finden mußten, die unerklärliche, steckengebliebene Säbelspitze herausziehen, den unerklärlichen zerbrochenen Säbel – oder den gänzlich fehlenden Säbel – bemerken mußten. Er hatte wohl den Tod, aber nicht Schweigen herbeigeführt. Doch sein herrschgewohnter Geist lehnte sich gegen diesen Querhieb auf; es gab noch einen Ausweg. Er konnte diese Leiche weniger unerklärlich machen. Er konnte einen Hügel von Leichen schaffen, um diese eine damit zu verdecken. In zwanzig Minuten marschierten achthundert englische Soldaten in ihren Tod hinein.«

Die warme Glut hinter dem schwarzen winterlichen Walde nahm an Stärke und Helle zu und Flambeau schritt mächtig aus, sie zu erreichen. Auch Father Brown beschleunigte seine Schritte, doch schien er völlig in seine Geschichte versunken.

»So groß war die Tapferkeit dieser englischen Tausend und so gewaltig das Genie ihres Befehlshabers, daß, wenn sie sofort den Hügel angegriffen hätten, sogar dieser unsinnige Vormarsch noch glücklich ausgehen hätte können. Doch der böse Geist, der mit ihnen spielte, als wären es Pfänderstücke, hatte andere Ziele und andere Beweggründe. Sie mußten wenigstens so lange im Sumpfe an der Brücke stehen bleiben, bis britische Leichen dort keinen ungewöhnlichen Anblick mehr boten. Dann kam die letzte großartige Szene: der silberweiße, ehrwürdige Soldatengreis händigt sein zerbrochenes Schwert aus, um weiteres Blutvergießen hintanzuhalten. O, es war für ein Stegreifstück sehr fein eingefädelt. Aber ich glaube (beweisen kann ich es nicht), ich glaube, es geschah, während sie dort in dem blutigen Sumpfe steckten, daß jemand zweifelte – und jemand ahnte.«

Einen Augenblick schwieg er und fügte dann hinzu: »Eine Stimme, ich weiß nicht woher, sagt mir, der Mann, der es erriet, war der Liebende ... der Mann, der das Kind des Alten heimführen sollte.«

»Aber wie steht es mit Olivier und dem Aufhängen?« fragte Flambeau.

»Olivier? Teils aus Klugheit, teils aus Ritterlichkeit beschwerte er sich selten auf dem Marsche mit Gefangenen. Meistens ließ er alles laufen und so tat er auch in diesem Falle.«

»Alles mit Ausnahme des Generals,« versetzte der Große.

»Alles,« wiederholte der Priester.

Flambeau runzelte seine dunklen Brauen. »Ich verstehe noch immer nicht ganz,« gestand er.

»Es gibt noch eine Szene, Flambeau,« sagte Brown und seine Stimme hatte einen geheimnisvollen Unterton. »Ich kann sie nicht beweisen, aber ich kann noch mehr tun – ich kann sie sehen. Ich sehe vor mir, wie morgens ein Lager abgebrochen wird, ich sehe kahle, glühende Hügel und brasilianische Uniformen in Haufen und Reihen marschbereit. Ich sehe Oliviers Rothemd und seinen langen, schwarzen, wehenden Bart, während er selbst dort steht mit dem breitkrämpigen Hute in der Hand. Er verabschiedet sich von dem großen Feinde, den er freigibt – von dem einfachen, greisen, englischen Veteranen, der ihm im Namen seiner Leute dankt. Der Rest der überlebenden Engländer steht dahinter in Reih und Glied, ihnen zur Seite Proviantstapel und Fahrzeuge für den Rückzug. Die Trommeln wirbeln, die Brasilianer ziehen ab, die Engländer stehen noch wie Statuen. Und so verharren sie, bis der letzte Laut und der letzte Schatten des Feindes vom Tropenhorizont verschwunden ist. Dann ändert sich plötzlich ihre Haltung, wie wenn Tote lebendig werden. Ihre fünfzig Gesichter kehren sich dem Generale zu – Gesichter, die unvergeßlich bleiben.«

Flambeau sprang hoch auf. »O,« schrie er, »Sie meinen doch nicht –«

»Ja,« sagte Father Brown mit tiefer bewegter Stimme. »Eine englische Hand war es, die den Strick um St. Clares Nacken legte, ich glaube, die Hand, die den Ring an seiner Tochter Hand steckte. Englische Hände waren es, die ihn auf den Baum der Schande hinaufzogen, die Hände derer, die ihn angebetet hatten und ihm zum Siege gefolgt waren. Und es waren englische Seelen (Gott erbarme sich unser aller!) die ihn anstarrten, wie er dort unter fremdem Himmel am Galgen einer grünen Palme baumelte und die in ihrem Hasse beteten, er möge von da hinabfahren in die Hölle.«

Als die beiden den Kamm der Kuppe erreicht hatten, leuchtete ihnen das grelle Licht der roten Vorhänge eines englischen Gasthauses entgegen. Es stand zur Seite des Weges, als stehe es auch hinsichtlich seiner gastlichen Ausdehnung etwas abseits. Seine drei Türen standen einladend offen und schon tönte ihnen das Summen und Lachen für diese Nacht fröhlicher Menschen entgegen.

»Mehr brauche ich Ihnen nicht zu erzählen,« schloß Father Brown. »In der Einöde verurteilten und richteten sie ihn. Und dann, um der Ehre Englands und seiner Tochter willen schwuren sie einen Eid, die Geschichte vom Lohne des Verräters und vom Schwerte des Mörders auf ewig zu versiegeln, vielleicht – Gott helfe ihnen – versuchten sie, sie zu vergessen, versuchen wenigstens wir, sie zu vergessen. Hier ist unser Gasthaus.«

»Herzlich gerne,« sagte Flambeau und wollte eben festen Schrittes in das erleuchtete und geräuschvolle Gastzimmer eintreten, als er zurückprallte und fast zu Boden fiel.

»Da, sehen Sie, in Teufels Namen!« rief er und wies starr auf das viereckige hölzerne Wirtsschild über der Türe. Es zeigte undeutlich die rohe Gestalt einer Säbelscheide und einer zerbrochenen Klinge und in nachgemacht altertümlicher Schrift die Worte ›Zum zerbrochenen Schwerte‹.

»Waren Sie nicht darauf vorbereitet?« fragte Father Brown teilnehmend. »Er ist der Gott dieser ganzen Gegend; die Hälfte der Gasthäuser und Anlagen und Straßen sind nach ihm und seiner Geschichte benannt.«

»Ich hoffte, wir wären endlich fertig mit diesem Ekel,« rief Flambeau und spuckte auf den Weg.

»Sie werden nie mit ihm fertig sein in England,« sagte der Priester zu Boden blickend, »so lange Metall und Stein bestehen. Seine Marmorstandbilder werden auf Jahrhunderte die Seelen stolzer, unschuldiger Knaben erheben, aus seiner ländlichen Ruhestätte wird wie aus Lilien der Duft der Treue emporsteigen. Millionen, die ihn nie gekannt, werden ihn wie einen Vater lieben – ihn, den die wenigen, die ihn zuletzt gekannt, wie Kot behandelten. Er soll als Heiliger gelten und nie soll die Wahrheit über ihn bekannt werden, denn ich bin nun zu einem Entschlusse gekommen. Es hat so viel des Guten und des Schlimmen, Geheimnisse zu brechen, daß ich meinen Ruf dafür einzusetzen bereit bin. All diese Zeitungen werden vergehen; der antibrasilianische Schwindel ist schon verflogen, Olivier steht bereits überall in Ehren. Ich aber habe mir mein Wort gegeben, daß, wenn je durch Namen, Metall oder Marmor, unvergänglich wie die Pyramiden, Oberst Clancy oder Hauptmann Keith oder Präsident Olivier oder sonst ein Unschuldiger ungerechterweise beschuldigt worden wäre, ich sprechen würde. Wenn es sich aber nur darum handelt, daß St. Clare unverdienterweise gerühmt wird, würde ich schweigen. Und das will ich nun.«

Sie traten in das Gasthaus mit den roten Vorhängen, dessen Inneres nicht nur gemütlich, sondern auch mit einem gewissen Reichtum ausgestattet war. Auf einem Tische stand eine Nachbildung in Silber von St. Clares Grabmal, das Silberhaupt gebeugt, das Silberschwert zerbrochen. An den Wänden hingen farbige Photographien derselben Darstellung sowie der Wägen, mit denen die Touristen angefahren kamen. Man setzte sich auf die bequemen gepolsterten Bänke nieder.

»Kommen Sie, es ist kalt,« lud Father Brown ein, »trinken wir ein Glas Wein oder Bier.«

»Oder Whisky,« meinte Flambeau.

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