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Priester und Detektiv

Gilbert Keith Chesterton: Priester und Detektiv - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titlePriester und Detektiv
publisherFriedrich Pustet
year1920
translatorH. M. von Lama
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid95b38bfb
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Der Hammer Gottes

Das Dörflein Bohun Beacon saß auf einem so steilen Hügel, daß seine hohe Kirchturmspitze sich nur wie ein kleiner Berggipfel ausnahm. Am Fuße der Kirche stand eine Schmiede, aus der gewöhnlich roter Feuerschein strahlte und Hämmer und Eisenstücke lagen stets unordentlich hingeworfen umher. Ihr gegenüber, jenseits der Kreuzung roh gepflasterter Straßen lag das »blaue Wildschwein«, das einzige Wirtshaus des Ortes. An dieser Straßenkreuzung und um die Stunde eines bleigrauen und silbernen Tagesanbruches war es, daß sich zwei Brüder trafen und miteinander sprachen, obwohl der eine den Tag begann und der andere ihn beschloß. Der hochwürdige und ehrenwerte Wilfried Bohun war sehr fromm und befand sich unterwegs zu irgendeiner strengen Gebetsübung oder Morgenbetrachtung. Der ehrenwerte Oberst Norman Bohun, sein älterer Bruder, war ganz und gar nicht fromm und saß noch im Abendgewande auf der Bank vor dem »blauen Wildschweine« und trank etwas, was der philosophische Leser als sein letztes Glas am Dienstag oder sein erstes Glas am Mittwoch ansehen mag. Der Oberst selbst legte darauf wenig Gewicht.

Die Bohuns waren eine von den sehr wenigen adeligen, wirklich in das Mittelalter zurückreichenden Familien und ihr Fähnlein hatte wirklich Palästina gesehen. Aber es ist ein großer Irrtum, anzunehmen, daß solche Häuser in ritterlicher Überlieferung sich aufrecht erhalten. Wenige außer den Armen bewahren Überlieferungen. Aristokraten leben nicht nach Überlieferungen, sondern nach Moden. Die Bohuns waren unter Königin Anna Mohocks (Raufbolde) und unter Viktoria Mashers (Stutzer) gewesen. Aber wie mehr als eines der wirklich alten Häuser waren sie in den letzten zwei Jahrhunderten in reine Trunkenbolde und Gecken ausgeartet, bis sich sogar leise Anzeichen von Geisteskrankheit eingestellt hatten. Sicherlich lag etwas kaum mehr Menschliches in des Obersten wolfshungrigem Jagen nach Vergnügen und sein chronischer Entschluß, nicht vor Tagesanbruch nach Hause zu gehen, zeugte mit schrecklicher Klarheit von dem Anzeichen der Schlaflosigkeit. Er war ein großer, hübscher, ältlicher Mann, jedoch von auffallend gelbem Haare. Er würde direkt blond und löwenhaft ausgesehen haben, doch lagen seine blauen Augen so tief in den Höhlen, daß sie schwarz erschienen. Auch standen sie ein wenig zu nahe beisammen. Ferner trug er einen sehr langen gelben Schnurrbart, zu dessen beiden Seiten je eine von den Nasenflügeln bis zum Kinn reichende Falte oder Runzel sich herabzog, so daß ein höhnisches Grinsen in sein Gesicht geschnitten schien. Über seinem Abendgewand trug er einen merkwürdig hellgelben Rock, der mehr wie ein sehr leichter Schlafrock als wie ein Überzieher aussah und auf seinem Hinterkopfe steckte ein außergewöhnlich breitrandiger Hut von lebhaft grüner Farbe, sichtlich eine fremdländische, aufs Geratewohl irgendwo aufgelesene Merkwürdigkeit. Bohun war stolz darauf, in solch nicht zusammenstimmendem Äußerem zu erscheinen, stolz darauf, die Gegensätze zum Zusammenstimmen zu zwingen.

Sein Bruder, der Kurat, hatte auch das gelbe Haar und die Eleganz, aber er war bis zum Kinn schwarz eingeknöpft und sein Gesicht glattrasiert, gepflegt und ein wenig nervös. Er schien für nichts anderes als für seine Religion zu leben, aber es gab Leute, welche behaupteten (und dazu gehörte vor allem der presbyterianische Dorfschmied), es sei mehr Liebe zur Gotik als zu Gott, und sein immerwährendes Herumspuken in der Kirche gleich einem Geiste sei nur ein anderer und reinerer Ausdruck des beinahe krankhaften Durstes nach Schönheit, der seinen Bruder den Weibern und dem Weine nachjagen ließ. Die Berechtigung dieses Vorwurfes muß jedoch angezweifelt werden, denn des Mannes praktische Frömmigkeit stand außer Frage. In der Tat war der Vorwurf zumeist nichts anderes als ein auf Unwissenheit beruhendes Mißverstehen seiner Liebe zur Einsamkeit und zu verborgenem Gebete und gründete sich darauf, daß man ihn oft im Gebete kniend fand, nicht vor dem Altare, sondern an besonderen Orten, in der Krypta oder auf der Galerie und selbst auf dem Kirchturme. In diesem Augenblicke stand er im Begriffe, durch den Hof der Schmiede in die Kirche einzutreten, doch blieb er stehen und runzelte die Stirne ein wenig, als er seines Bruders tief liegende Augen nach derselben Richtung starren sah. Auf die Annahme, daß das Interesse des Obersten der Kirche gelten könnte, verschwendete er keinen Gedanken. Es konnte somit nur die Behausung des Schmiedes in Frage kommen und wenngleich dieser Puritaner war und daher nicht zu seiner Gemeinde gehörte, hatte Wilfried so etwas von Skandal im Zusammenhange mit einem schönen und ziemlich bekannten Weibe gehört. Er warf einen Blick voll Verdachtes über den Hof hin, als der Oberst lachend aufstand, um ihn anzureden.

»Guten Morgen, Wilfried,« sagte er. »Wie ein guter Gutsherr wache ich schlaflos über meine Leute. Ich will eben den Schmied besuchen.«

Wilfried blickte zu Boden und erwiderte, der Schmied sei fort, hinüber nach Greenford.

»Ich weiß,« antwortete der Bruder mit stillem Lachen, »eben deswegen will ich ihm einen Besuch machen.«

»Norman,« versetzte der Geistliche, während sein Auge auf einem Stein am Wege ruhte, »fürchtest du dich nie vor Donnerschlägen?«

»Was meinst du damit?« fragte der Oberst. »Ist dein Steckenpferd etwa jetzt Meteorologie?«

»Ich meine, ob du nie bedacht hast, daß Gott dich auf der Straße niederstrecken könnte?«

»Entschuldige,« antwortete der Oberst, »aber ich sehe, dein Steckenpferd sind Kindermärchen.«

»Ich weiß, das deine ist die Gotteslästerung,« gab der Geistliche in der einen empfindlichen Stelle seiner Natur getroffen zurück. »Aber wenn du dich schon vor Gott nicht fürchtest, hast du doch wenigstens allen Grund, die Menschen zu fürchten.«

Der Ältere zog die Brauen hoch. »Die Menschen fürchten?« fragte er.

»Barnes, der Schmied ist der stärkste und größte Mann auf vierzig Meilen ringsum,« warnte der Geistliche ernst. »Ich weiß, du bist kein Feigling oder Schwächling, aber er könnte dich über die Mauer werfen.«

Dieser Hieb saß, denn er war nur zu wahr, und die tiefe Linie um Mund und Nasenflügel trat noch schärfer und tiefer hervor. Einen Augenblick stand Oberst Bohun mit breitem Grinsen im Gesichte da. Aber im Nu hatte er seinen alten grausigen guten Humor wieder gefunden und lachte, wobei unter seinem gelben Schnurrbarte wie bei einem Hunde zwei Fangzähne hervortraten. »In diesem, Falle, mein lieber Wilfried,« bemerkte er ganz sorglos, »war es sehr klug von dem letzten der Bohuns, teilweise in Harnisch auszugehen.«

Und er nahm den eigentümlich runden grün überzogenen Hut ab und zeigte, daß er innen mit Stahl gefüttert war. Wilfried erkannte in der Tat einen leichten japanischen oder chinesischen Helm wieder, der einer Trophäe aus dem alten Ahnensaal entnommen war.

»Es war der erste Hut, der mir zur Hand war,« erklärte der Bruder leichthin. »Stets den nächsten Hut – und das nächste Weib.«

»Der Schmied ist nach Greenford hinüber,« versetzte Wilfried ruhig, »es ist unbestimmt, wann er zurückkehrt.«

Und damit wandte er sich ab und trat, sich wie jemand bekreuzend, der sich von einem unreinen Geiste losgesagt zu haben wünscht, gebeugten Hauptes in die Kirche. Ihn drängte es, solche Gemeinheit in dem kühlen Dämmerlichte seines hohen gotischen Gotteshauses zu vergessen, aber diesen Morgen sollte es nun einmal so sein, daß sein stiller Rundgang religiöser Übungen immer wieder von kleinen Zwischenfällen aufgehalten wurde. Als er die um diese Stunde stets leere Kirche betrat, erhob sich eilig eine Gestalt und schritt dem vollen Tageslichte des Haupteinganges zu. Als der Kurat sie sah, blieb er überrascht stehen, denn der frühe Beter war niemand anderer als der Dorftrottel, ein Neffe des Schmiedes, der sich weder um die Kirche noch um irgend etwas anderes bekümmerte noch zu bekümmern imstande war. Man pflegte ihn den »verrückten Joe« zu nennen und er schien keinen anderen Namen zu haben. Er war ein starker, einherschlotternder Bursche mit einem gedrückten, weißen Gesichte, dunklem, straffem Haare und stets offenem Munde. Als er an dem Geistlichen vorbeikam, ermangelte sein mondkälbernes Aussehen jeder Andeutung dessen, was er getan oder gedacht haben mochte. Nie noch hatte man ihn beten gesehen. Welche Art von Gebet sollte er jetzt verrichtet haben? Sicherlich eine außergewöhnliche.

Wilfried Bohun stand noch lange wie angewachsen auf seinem Platze und blickte dem Idioten nach, wie er in den Sonnenschein hinaustrat und sogar sein liederlicher Bruder ihn mit einer gewissen gönnerhaften Heiterkeit begrüßte. Das letzte, was er sah, war, wie der Oberst Pfennigstücke in Joes offenes Maul warf und sich den ernsthaften Anschein gab, es zu verbergen.

Das häßliche sonnenbestrahlte Bild vollkommener Tölpelhaftigkeit und Vertiertheit ließ den Aszeten endlich sich seinem Gebete um Reinigung und neue Gedanken zuwenden. Er schritt nach einer Kniebank unter einem farbigen Fenster in der Galerie hinauf, das er liebte, weil es immer sein Gemüt beruhigte, ein blaues Fenster mit einem lilientragenden Engel. Dort begann er nachzudenken, weniger über den Idioten mit seinem fahlen Gesichte und seinem Fischmaule. Mehr und mehr entfernten sich auch seine Gedanken von seinem schlimmen Bruder, der wie ein abgemagerter Löwe in seinem schrecklichen Heißhunger einherschritt. Tiefer und tiefer versank er in jene kalten und süßen Farben von Silberblüten und saphirenem Himmel.

An diesem Platze wurde er eine halbe Stunde darauf von Gibbs, dem Dorfschuster gefunden, der in Eile nach ihm geschickt worden war. Rasch erhob er sich, denn er wußte, daß eine Kleinigkeit Gibbs unter keinen Umständen hierher geführt hätte. Der Schuster war wie in vielen Dörfern ein Gottesleugner und sein Erscheinen in der Kirche noch um einen Grad außergewöhnlicher als das des Verrückten. Es war ein Morgen voll von theologischen Rätseln.

»Was gibt es?« fragte Wilfried Bohun ziemlich steif, aber die Hand zitternd nach dem Hute ausstreckend.

Der Gottesleugner sprach in einem Tone, der aus seinem Munde ganz auffallend achtungsvoll klang und in diesem Falle sogar eine gewisse urwüchsige Teilnahme verriet.

»Sie müssen mich entschuldigen, Herr,« sagte er in heiserem Flüstern, »aber wir meinten, es wäre nicht recht, wenn wir Sie nicht sofort verständigt hätten. Ich fürchte, es ist etwas ziemlich Schreckliches geschehen, Herr. Ich fürchte, Ihr Bruder –«

Wilfried ballte seine zarten Hände. »Was hat er jetzt wieder Teuflisches begangen!« rief er in ungewollter Leidenschaftlichkeit.

»Nun, Herr,« fuhr der Schuster hüstelnd fort, »ich fürchte, er hat nichts begangen und wird nichts dergleichen tun. Ich fürchte, es ist mit ihm aus. Sie kommen besser selbst herab, Herr.«

Der Geistliche folgte dem Schuster eine kurze Wendeltreppe hinab, die sie nach einem stark über der Straße liegenden Eingange brachte. Bohun erfaßte die Tragödie mit einem Blick; wie eine Landkarte breitete sie sich unter ihm aus. Im Hofe der Schmiede standen fünf oder sechs Männer beisammen, die meisten in Schwarz, einer in der Uniform eines Polizeiinspektors. Außerdem waren dabei der Doktor, der presbyterianische Pastor und der Priester von der römisch-katholischen Kapelle (wohin das Weib des Schmiedes gehörte). Der letztere sprach eben ziemlich rasch und halblaut auf sie ein, die, eine wunderschöne Frau mit rötlichgoldenem Haare, auf einer Bank schluchzte. Zwischen diesen beiden Gruppen und gerade abseits vom Haupthaufen von Hämmern lag breit und flach auf seinem Gesichte ein Mann in Abendkleidern. Von der Höhe aus hätte Wilfried auf jede Einzelheit seines Gewandes und Äußeren, herab bis zu den Bohunschen Ringen schwören können, der Schädel aber war ein einziger gräßlicher Spritzer wie ein Stern aus Schwarz und Blut.

Ein Blick genügte Wilfried Bohun, dann rannte er die Treppe nach dem Hofe hinab. Der Doktor, sein Hausarzt, begrüßte ihn, aber er schenkte dem kaum Beachtung. Er vermochte nur zu stammeln: »Mein Bruder tot! Was hat das zu bedeuten? Was ist das für ein entsetzliches Geheimnis?«

Unheilschweres Schweigen antwortete ihm, dann meinte der Schuster, der Mitteilsamste von allen: »Entsetzen genug, Herr, aber Geheimnis ist keines dabei.«

»Was meinen Sie?« fragte Wilfried aschfahl.

»Es ist klar genug,« erwiderte Gibbs. »Es gibt nur einen Mann auf vierzig Meilen in der Runde, der einen Schlag wie diesen führen könnte und das ist der, der am meisten Grund dazu hatte.«

»Wir dürfen nichts übereilen,« bemerkte ziemlich nervös der Doktor, ein großer schwarzbärtiger Mann. »Aber als Fachmann kann ich nur bestätigen, was Mr. Gibbs über die Natur des Schlages sagt, es ist ein ganz unglaublicher Schlag. Mr. Gibbs sagt, nur ein einziger Mann in diesem Bezirke könnte es getan haben. Ich meinerseits würde selbst ausgesprochen haben, daß niemand anderer dazu imstande gewesen wäre.«

Ein Schaudern von Angst überlief die schlanke Gestalt des Geistlichen. »Ich kann es schwer verstehen,« meinte er.

»Mr. Bohun,« bemerkte der Doktor mit gedämpfter Stimme, »es ist mir nicht gegeben, die Dinge zu umschreiben. Es ist noch zu wenig gesagt, wenn ich behaupte, der Schädel wurde in Scherben geschlagen wie eine Eierschale. Knochenstücke sind in den Körper und in den Boden getrieben wie Kugeln in eine Lehmmauer. Es war die Hand eines Riesen.«

Er schwieg einen Augenblick, blickte grimmig durch seine Brille, dann fuhr er fort: »Das Ding hat ein Gutes, nämlich daß es die meisten Leute auf einen Schlag von allem Verdachte reinigt. Würden Sie oder ich oder irgend jemand normal Veranlagter aus der Gegend des Verbrechens angeklagt, wir würden freigesprochen wie man ein Kind von der Anklage freisprechen müßte, es habe die Nelsonsäule gestohlen.«

»Das sagte ich eben auch,« wiederholte der Schuster hartnäckig, »es gibt nur einen Menschen, der es getan haben kann und dem es zuzutrauen ist. Wo steckt Simeon Barnes, der Schmied?«

»Er ist hinüber nach Greenford,« stotterte der Kurat.

»Wahrscheinlicher hinüber nach Frankreich,« brummte der Schuster.

»Nein, er ist an keinem von diesen beiden Orten,« ließ sich die unbedeutende und farblose Stimme des kleinen katholischen Priesters vernehmen, der sich der Gruppe zugesellt hatte. »Tatsächlich kommt er soeben die Straße herauf.«

Der kleine Priester mit seinem Stoppelhaare und dem runden, wenig geistreichen Gesichte war kein Mann, um die Blicke auf sich zu ziehen. Aber wäre er auch so herrlich gewesen wie Apoll, so würde doch in diesem Augenblicke niemand nach ihm hingesehen haben. Alle wandten sich um und schauten nach dem Fußpfade, der sich durch die Ebene heraufwand und den in der Tat mit seinem ihm eigenen schweren Schritte und einem Hammer auf der Schulter Simeon der Schmied entlang wanderte. Er war ein starkknochiger Mann von Riesengestalt mit einem dunklen Kinnbarte. Ruhig schritt er im Gespräche mit zwei anderen Männern seines Weges und obschon er niemals besonders frohgestimmt war, schien er dennoch ganz unbefangen.

»Mein Gott,« rief der atheistische Schuster, »und da ist auch der Hammer, womit er es tat.«

»Nein,« bemerkte der Inspektor, ein verständig aussehender Mann mit rötlichgelbem Schnurrbarte, indem er das erstemal den Mund auftat. »Dort ist der Hammer, womit er es tat, drüben an der Kirchenmauer. Wir haben ihn und die Leiche gelassen, genau wie wir sie fanden.«

Alles blickte dorthin und der kleine Priester ging hinüber und sah stumm auf das dort liegende Werkzeug nieder. Es war einer der kleinsten und leichtesten von den Hämmern und er würde unter den anderen kaum das Augenmerk auf sich gelenkt haben, doch an seiner Eisenkante klebte Blut und gelbes Haar.

Nach kurzem Schweigen sprach der kleine Priester ohne aufzublicken und seine matte Stimme hatte einen neuen Beiklang: »Mr. Gibbs hatte kaum recht, wenn er sagte, es liege kein Geheimnis vor. Wir haben zum mindesten das eine Geheimnis, weshalb ein solcher Riese von einem Menschen einen so furchtbaren Schlag mit einem so kleinen Hammer versuchen sollte.«

»O, das hat gar nichts zu sagen,« rief der Schuster. eifrig. »Was soll mit Simeon Barnes geschehen?«

»Laßt ihn nur,« versetzte der Priester ruhig. »Er kommt von selbst hierher. Ich kenne die beiden, die bei ihm sind. Es sind sehr brave Burschen von Greenford und sie kommen in die presbyterianische Kapelle herüber.«

Gerade als er sprach, bog der große Schmied um die Kirchenecke und trat in seinen Hof. Dann blieb er unbeweglich stehen und der Hammer entfiel seiner Hand. Der Inspektor, der undurchdringliche Unbefangenheit bewahrt hatte, trat sofort auf ihn zu.

»Ich will Sie nicht fragen, Mr. Barnes, ob Sie etwas darüber wissen, was hier vorgefallen ist. Sie sind nicht verpflichtet es auszusagen. Ich hoffe, Sie wissen es nicht und sind imstande, das zu beweisen. Aber ich muß nun einmal der Form wegen Sie im Namen des Königs wegen Mordes, begangen an Oberst Norman Bohun verhaften.«

»Sie brauchen gar nichts auszusagen,« sagte der Schuster in zudringlicher Erregung. »Es muß alles erst erwiesen werden. Es ist noch nicht einmal erwiesen, daß es Oberst Bohun ist, dessen Kopf so zermalmt ist.«

»Das hilft ihm nichts,« bemerkte der Doktor abseits zum Priester. »Das hat gar nichts mit Detektivgeschichten zu tun. Ich war beim Oberst Hausarzt und kannte seinen Körper besser als er selbst. Er hatte sehr zarte, aber ganz eigenartige Hände. Der Mittel- und der Ringfinger waren beide von derselben Länge. O, es ist der Oberst, so gewiß wie nur etwas.«

Während er auf die auf dem Boden liegende Leiche niederblickte, folgten ihnen die Stahlaugen des regungslosen Schmiedes und hafteten darauf.

»Ist Oberst Bohun tot?« fragte er ganz ruhig. »Dann ist er in der Hölle.«

»Sagen Sie nichts! O, sagen Sie gar nichts,« rief der atheistische Schuster in verzückter Bewunderung für das englische Gerichtsverfahren. Denn niemand hängt so sehr am Buchstaben des Gesetzes, wie der gute Freidenker.

Der Schmied kehrte ihm über die Schulter das selbstbewußte Gesicht eines Fanatikers zu.

»Das könnt ihr, ihr Ungläubigen, wie die Füchse auskneifen, weil ihr das weltliche Gesetz stets auf eurer Seite habt. Aber Gott wacht über die Seinen, das wird euch heute noch offenbar.« Dann deutete er nach dem Oberst und fragte: »Wann starb dieser Hund in seinen Sünden?«

»Mäßigt Eure Sprache,« mahnte der Doktor.

»Mäßigen Sie die Sprache der Bibel und ich mäßige die meinige. Wann starb er?«

»Ich traf ihn um sechs Uhr morgens noch am Leben,« stammelte Wilfried Bohun.

»Gott ist gut,« sagte der Schmied. »Herr Inspektor, ich habe nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß Sie mich festnehmen. Sie sind es. der etwas dagegen einzuwenden haben dürfte. Mir liegt nichts daran, wenn ich den Gerichtssaal ohne einen Flecken auf meinem Charakter verlasse. Aber Ihnen ist es vielleicht nicht gleichgültig, mit einem Aufsitzer Ihre Karriere zu schädigen.«

Zum erstenmal sprach aus dem Blicke des Inspektors eine größere Beachtung für den Schmied, wie alle anderen sie ihm entgegenbrachten. Eine Ausnahme machte nur der kleine seltsame Priester, der noch immer auf den kleinen Hammer niederstarrte.

»Draußen stehen zwei Männer,« fuhr der Schmied mit schwerfälliger Klarheit fort, »brave Kaufleute aus Greenford, die ihr alle kennt. Sie können beschwören, daß sie mich von vor Mitternacht bis zum Tagesanbruch und auch später noch im Versammlungssaale unserer die ganze Nacht hindurch tätigen Erweckungsmission sahen. In Greenford selbst können noch zwanzig Personen einen Eid für die ganze Zeit ablegen. Wäre ich ein Heide, Herr Inspektor, dann würde ich Sie Ihrem Hereinfall zueilen lassen. Aber als christlicher Mann fühle ich mich verpflichtet, Ihnen die Gelegenheit zu geben und frage Sie, ob Sie mein Alibi jetzt gleich ober vor Gericht hören wollen.«

Der Inspektor schien zum erstenmal unentschlossen und meinte: »Natürlich wäre es mir lieber, Sie jetzt gleich laufen lassen zu können.«

Der Schmied begab sich mit demselben weitausholenden Schritte vor den Hof hinaus und kehrte zu seinen beiden Greenforder Freunden zurück, die tatsächlich auch mit fast allen Anwesenden gut befreundet waren. Jeder der beiden sprach ein paar Worte, die niemand auch nur im entferntesten in Zweifel zu ziehen in den Sinn kam. Als sie geendet hatten, stand die Unschuld Simeons so aufrecht da, wie die große Kirche hinter ihnen.

Die Gruppe war von einem jener Schweigen betroffen, welche eigentümlicher und unerträglicher sind als jede Rede. Gedankenlos und nur um das Gespräch wieder in Fluß zu bringen, bemerkte der Kurat zu dem katholischen Priester: »Sie scheinen sich sehr für diesen Hammer zu interessieren, Father Brown.«

»Ja, das tue ich auch,« versetzte dieser. »Weshalb ist es ein so kleiner Hammer?«

Der Doktor wandte sich ihnen zu.

»Wahrhaftig, das ist richtig,« rief er aus, »wer sollte sich einen so kleinen Hammer aussuchen, wenn deren ein Dutzend große umherliegen?« Dann flüsterte er dem Kurat ins Ohr: »Nur jene Sorte von Leuten, welche keinen großen Hammer heben können. Es handelt sich nicht um den Stärkeunterschied zwischen Mann und Weib, die Schulterhebekraft kommt hier in Frage. Ein kräftiges Weib könnte zehn Morde mit einem leichten Hammer ausführen, ohne sich anzustrengen. Mit einem schweren Hammer hätte sie aber nicht einmal einen Käfer zu töten vermocht.«

Wilfried Bohun starrte ihn wie in hypnotisiertem Schrecken an, während Father Brown, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, wirklich eingenommen und aufmerksam zuhörte. Dann fuhr der Doktor mit zischendem Nachdrucke fort: »Weshalb nehmen diese Dummköpfe immer nur an, die einzige Person, welche den Geliebten einer Frau haßt, müsse deren Gemahl sein? In neun Fällen unter zehn ist die Person, die den Geliebten einer Frau am meisten haßt, diese selbst, wer weiß, was er sich ihr gegenüber an Unverschämtheit oder Verräterei herausgenommen hat – da, sehen Sie.«

Er wies rasch nach dem rothaarigen Weibe auf der Bank. Sie hatte endlich den Kopf erhoben und die Tränen trockneten auf ihrem schönen Gesichte. Aber die Augen blieben mit einem elektrischen Glanze, der etwas Idiotenhaftes an sich hatte, an der Leiche haften.

Wilfried Bohun machte eine schlaffe Handbewegung, wie wenn er alle Wißbegier beiseite schieben wollte, Father Brown jedoch, von seinem Ärmel ein wenig von der Esse aufgeblasene Asche wegwischend, sprach ganz geläufig.

»Sie sind alle mitsammen richtige Doktoren.« sagte er. »Ihr geistiges Wissen ist wirklich anregend, aber Ihr physisches ist ganz und gar unmöglich. Ich gebe zu, daß das Weib den mitschuldigen Ehebrecher viel mehr noch als der Hintergangene umzubringen wünscht. Und ich gebe zu, daß ein Weib stets nach einem kleinen Hammer greifen wird anstatt nach einem großen. Aber die Schwierigkeit liegt in der physischen Unmöglichkeit. Kein Weib hätte je den Schädel des Mannes so zu Brei zu schlagen vermocht!« Dann nach einer Pause fügte er nachdenklich hinzu, »diese Leute haben das Ganze immer noch nicht erfaßt. Der Mann trug tatsächlich einen Eisenhelm und der Schlag zersplitterte ihn wie Glasscherben. Sehen Sie doch die Frau an, ihre Arme!«

Wiederum standen sie alle stumm, bis der Doktor ziemlich ärgerlich zugab: »Nun ja, ich mag unrecht haben; Einwendungen lassen sich gegen alles vorbringen, aber am Hauptpunkte halte ich fest. Niemand außer ein Idiot würde nach einem kleinen Hammer greifen, wenn er einen großen zur Hand hätte.«

Die mageren und bebenden Hände Wilfried Bohuns fuhren nach dem Kopfe und schienen in das spärliche gelbe Haar greifen zu wollen. Einen Augenblick später fielen sie herab und er rief: »Das war das richtige Wort; Sie haben es ausgesprochen.« Und seine Aufregung bemeisternd fuhr er fort: »Ihre Worte waren, niemand als nur ein Idiot würde nach dem kleinen Hammer gegriffen haben.«

»Ja,« bestätigte der Doktor. »Und?«

»Nun, und niemand anderer als ein Idiot tat es.«

Die anderen blickten ihn mit starren großen Augen an und er fuhr in fieberhafter und geradezu weibischer Aufregung fort.

»Ich bin ein Priester,« schrie er unsicher, »und ein Priester soll kein Blut vergießen. Ich – ich meine, er soll niemand an den Galgen liefern. Und ich danke Gott, daß ich den Verbrecher jetzt klar erkenne – denn er ist ein Verbrecher, den man nicht an den Galgen bringen kann.«

»Sie werden ihn nicht angeben?« fragte der Doktor.

»Er würde nicht gehenkt, selbst wenn ich ihn angebe,« antwortete Wilfried mit wildem und eigentümlichem Lächeln. »Als ich diesen Morgen die Kirche betrat, fand ich einen Idioten dort beten – jenen armen Joe, der sein Leben lang nicht recht bei Trost war. Weiß Gott, was er betete, aber bei solch seltsamen Leuten ist es nicht so unglaublich, anzunehmen, daß es in ihrem Gebete drunter und drüber geht. Es ist ganz wahrscheinlich, daß ein Verrückter zuerst sein Gebet verrichtet, ehe er einen Menschen tötet. Als ich den armen Joe zum letztenmal sah, war er bei meinem Bruder. Mein Bruder hänselte ihn.«

»Beim Zeus,« rief der Doktor, »das nenne ich endlich reden! Aber wie erklären Sie –«

Der Geistliche bebte beinahe vor Erregung über seine Entdeckung der Wahrheit. »Sehen Sie nicht? Sehen Sie nicht,« schrie er wie im Fieber, »daß dies die einzige Theorie ist, welche auf beide sonderbare Dinge paßt, daß sie beide Rätsel löst! Die beiden Rätsel sind der kleine Hammer und der gewaltige Schlag. Dem Schmied hätte man den gewaltigen Schlag zutrauen können, aber der hätte dazu nicht den kleinen Hammer gewählt. Sein Weib würde den kleinen Hammer gewählt haben, aber sie hätte den gewaltigen Schlag nicht auszuführen vermocht. Aber der Idiot konnte beides getan haben, was den kleinen Hammer betrifft – nun, der Mann war unzurechnungsfähig und hätte ebensogut nach irgend etwas anderem auch greifen können. Und was den gewaltigen Schlag anbelangt, Doktor, so hat man doch schon oft gehört, daß Tollheit in Augenblicken des Anfalles die Stärke von zehn Männern zu verleihen imstande ist.«

Aufatmend gab der Doktor nach. »Teufel nochmal, ich glaube, Sie haben recht.«

Father Brown hatte seine Augen so lange und nachhaltig auf den Sprecher geheftet, daß es klar war, daß seine großen Kalbsaugen denn doch nicht so nichtssagend waren, wie der Rest seines Gesichtes. Als niemand mehr sprach, bemerkte er mit betontem Respekt: »Mr. Bohun, die Ihrige ist die einzige, bisher vorgebrachte und wirklich wasserdichte und wesentlich unangreifbare Theorie. Ich glaube daher, daß man Ihnen schuldet, es auszusprechen – nach meiner positiven Kenntnis ist sie nicht die wahre.« Und damit schritt der kleine Mann beiseite und starrte wieder auf den Hammer nieder.

»Der Bursche scheint mehr zu wissen, als er sollte,« flüsterte der Doktor verdrießlich. »Diese papistischen Priester sind verteufelt verschlagen.«

»Nein, nein,« beharrte Bohun einigermaßen erschöpft, »es war der Verrückte.«

Die Gruppe der beiden Geistlichen und des Doktors stand von der mehr amtlichen Gruppe, welche aus dem Inspektor und dem Verhafteten bestand, etwas abseits. Jetzt aber, da ihre Partei sich aufgelöst hatte, ließ sich von der anderen her eine Stimme vernehmen. Der Priester blickte ruhig auf und dann wieder nieder, während er den Schmied mit lauter Stimme sagen hörte: »Ich hoffe, Inspektor, ich habe Sie überzeugt. Ich bin ein starker Mann, wie Sie sagen, aber von Greenford bis hierher hätte ich meinen Hammer doch nicht schleudern können. Mein Hammer hat nicht Flügel bekommen, um eine halbe Meile über Hecken und Felder geflogen zu kommen.«

Der Inspektor lachte gutmütig. »Nein, ich denke, wir können von Ihnen absehen, obwohl es eines der sonderbarsten Zusammentreffen ist, das mir je unterkam. Ich kann Sie nur bitten, uns jeden Ihnen möglichen Beistand zu leihen, um einen Mann zu finden, der so groß und so stark ist wie Sie selbst. Wahrhaftig, wir könnten Sie vielleicht brauchen, wenn auch nur, um ihn festzuhalten. Sie selbst haben wohl keine Vermutung, was den Mann betrifft?«

»Ich hätte wohl eine Vermutung,« gab der bleiche Schmied zur Antwort, »aber es ist kein Mann.« Dann, als er sah, wie sich die erschrockenen Blicke nach seinem Weibe auf der Bank wandten, legte er seine mächtige Hand auf ihre Schulter und fügte hinzu »– noch auch ein Weib.«

»Was meinen Sie damit?« fragte der Inspektor scherzhaft. »Sie glauben doch nicht, daß eine Kuh einen Hammer benutzt? Oder doch?«

»Ich denke, kein Ding von Fleisch und Blut hielt jenen Hammer,« sagte der Schmied mit gedämpfter Stimme; »menschlich gesprochen glaube ich, der Mann starb allein.«

Wilfried machte plötzlich eine Bewegung nach vorwärts, und sah den Sprecher mit brennenden Augen an.

»Wollen Sie damit sagen, Barnes,« ertönte die scharfe Stimme des Schusters dazwischen, »daß der Hammer ganz von selbst aufsprang und den Mann niederstreckte?«

»O, ihr Herren, starret nur und lachet,« rief Simeon, »ihr geistlichen Herren, die ihr uns Sonntags sagt, wie der Herr Senacherib schlug. Ich glaube, daß einer, der unsichtbar in jedem Hause wandelt, die Ehre des meinen verteidigte und den, der sie verunglimpfte, tot vor seine Türe legte. Ich glaube, die Kraft jenes Schlages war die Kraft, die aus dem Erdbeben spricht und keine geringere.«

Mit gänzlich unbeschreiblicher Stimme bemerkte Wilfried: »Ich selbst sagte noch zu Norman, er möge sich vor dem Donnerstreiche hüten.«

»Dieses Agens liegt außer meiner Rechtsgewalt,« meinte der Inspektor mit leichtem Lächeln.

»Aber Sie stehen nicht außerhalb der seinigen,« versetzte der Schmied und indem er ihm seinen breiten Rücken zukehrte, ging er in sein Haus.

Der erschütterte Wilfried ließ sich von der leichten und freundlichen Art Father Browns hinwegführen. »Verlassen wir diesen schrecklichen Ort, Mr. Bohun,« lud er ihn ein. »Darf ich einmal Ihre Kirche ansehen? Ich höre, es ist eine der ältesten Englands. Sie wissen ja,« fügte er mit einer komischen Grimasse hinzu, »wir haben einiges Interesse an alten englischen Kirchen.«

Wilfried Bohun lächelte nicht, denn Humor war niemals seine starke Seite. Aber er nickte ziemlich heftig, nur allzu gerne bereit, seine gotischen Herrlichkeiten jemanden zu erklären, der wahrscheinlich mehr Vorliebe dafür empfand als der presbyterianische Schmied oder der glaubenslose Schuster.

»Jedenfalls,« sagte er, »wollen wir von dieser Seite aus eintreten.« Und er schritt nach dem hohen Seiteneingang oberhalb der Stufen voran. Father Brown machte eben den ersten Schritt auf der Treppe, um ihm zu folgen, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte. Er wandte sich um und gewahrte die düstere dünne Gestalt des Doktors mit seinem vom Verdachte noch finsteren Gesichte.

»Herr,« sagte der Arzt barsch, »Sie scheinen einige Geheimnisse dieser dunklen Geschichte zu kennen. Darf ich fragen, ob Sie beabsichtigen, sie für sich zu behalten?«

»Nun, Doktor,« antwortete der Priester ganz freundlich lächelnd, »es gibt einen sehr guten Grund, aus dem ein Mann von meinem Berufe Dinge für sich behalten soll, wenn er ihrer nicht sicher ist, und dieser Grund besteht darin, daß es so andauernd seine Pflicht ist, sie für sich zu behalten, wenn er ihrer sicher ist. Wenn Sie aber glauben, ich sei gegen Sie oder gegen irgend jemand unhöflich verschwiegen gewesen, so will ich bis an die äußerste Grenze meiner Gewohnheit gehen. Ich will Ihnen zwei sehr kräftige Winke erteilen.«

»Nun?« fragte der Doktor verdrossen.

»Erstens,« erklärte der Priester in aller Seelenruhe, »das Ding liegt ganz innerhalb Ihres Tätigkeitsbereiches. Es handelt sich um etwas aus dem physikalischen Wissensgebiete. Der Schmied irrt, nicht vielleicht weil er sagt, der Streich sei göttlichen Ursprunges, sondern weil er ihn durch ein Wunder ausführen läßt. Es war kein Wunder, Doktor, außer insoferne, als ein Mensch selbst mit seinem sonderbaren, zum Lösen neigenden und dennoch halb heroischen Herzen ein Wunder ist. Die Kraft, die jenen Schädel zertrümmerte, war eine den Gelehrten wohlbekannte, eine der in den Naturgesetzen am meisten umstrittenen.«

Der Doktor, der ihn mit anhaltendem Stirnrunzeln betrachtete, begnügte sich zu fragen. »Und der andere Wink?«

»Der andere ist das. Erinnern Sie sich, wie der Schmied trotz seines Wunderglaubens spöttisch von dem unmöglichen Märchen sprach, daß sein Hammer Flügel bekam und eine halbe Meile über Land flog?«

»Ja, ich entsinne mich dessen,« gab der Doktor zu.

»Nun, jenes Märchen kam von all dem, was heute gesagt wurde, der Wahrheit am nächsten.« Und damit kehrte er ihm den Rücken und stampfte hinter dem Kurat die Treppe hinauf.

Wilfried Bohun, der bleich und unruhig auf seinen Gefährten gewartet hatte, als wäre diese letzte Verzögerung der Strohhalm für seine Nerven, führte ihn sofort nach seinem Lieblingswinkel in der Kirche, jenem Teile der Galerie, der der gemeißelten Decke am nächsten und im Lichte des wunderbaren Fensters mit dem Engel lag. Der kleine lateinische Priester besah und bewunderte alles nach Gebühr und sprach die ganze Zeit über freundlich, doch mit gedämpfter Stimme. Als er im Verlaufe seiner Untersuchungen auf den Seitenausgang und die Wendeltreppe traf, über welche Wilfried hinabgeeilt war, um seinen Bruder tot zu finden, lief Father Brown mit der Behendigkeit eines Affen nicht etwa hinab, sondern hinauf und seine klare Stimme kam von einer der äußeren Plattformen herab.

»Kommen Sie hier herauf, Mr. Bohun. Die Luft wird Ihnen gut tun.«

Bohun folgte ihm und trat auf eine Art steinerner Galerie oder Balkons außerhalb des Gebäudes, von wo man die endlose Ebene, aus der sich dieser kleine Hügel erhob, in Wäldern am Horizont entschwindend und mit Dörfern und Gütern bestreut überblicken konnte. Deutlich und viereckig, jedoch winzig klein lag der Hof der Schmiede unter ihnen, wo noch der Inspektor stand und Notizen machte und noch die Leiche wie eine zerklatschte Fliege am Boden lag.

»Könnte die Weltkarte sein, nicht?« meinte Father Brown.

»Ja,« stimmte Bohun sehr ernst zu und nickte mit dem Kopfe.

Unmittelbar unter ihnen und um sie her verliefen die Linien des gotischen Baues mit einer dem Selbstmord verwandten Beschleunigung nach außen ins Leere. Es liegt in der Bauweise des Mittelalters, jenes Element titanenhafter Tatkraft, das, von wo immer man es auch betrachtet, stets zu entschwinden scheint. Diese Kirche war aus altem und schweigendem Steine gehauen, bebartet mit alten Schwammbildungen und beklebt mit den Nestern der Vögel. Und doch, wenn man sie von unten besah, sprang sie wie ein Springbrunnen zu den Sternen empor, während sie jetzt von oben besehen wie ein Wasserfall in den lautlosen Abgrund stürzte. Diese beiden Männer standen jetzt allein auf dem Turme der schreckhaftesten Seite der Gotik gegenüber, der ungeheuerlichen, verkehrten Wirkung und Verkehrung der Verhältnisse, der schwindelerregenden Fernsicht ringsum, dem Anblicke großer Gegenstände, die sich winzig, und winziger, die sich groß darstellten, dem Durcheinander in der Luft hängenden steinernen Schlingwerkes. Bruchstücke aus Stein, gewaltig durch ihre Nähe, hoben sich gegen eine Musterkarte von in ihrer Ferne pygmäenhaften Feldern und Formen ab. Ein aus Stein gehauener Vogel oder irgend ein Tier an der Ecke erschien wie ein kriechender oder fliegender Drache, der sich anschickt, die Triften und Dörfer dort unten zu verwüsten. Die ganze Atmosphäre war schwindel- und gefahrvoll, man hatte das Gefühl, als werde man von wirbelnden Schwingen kolossaler Genien in der Luft gehalten, und die ganze alte Kirche, groß und reich wie eine Kathedrale, schien wie ein Wolkenbruch über dem sonnenbeschienenen Lande zu lasten.

»Ich finde, es liegt etwas gewissermaßen Gefährliches darin, auf diesen hohen Punkten zu stehen, selbst um zu beten,« begann Father Brown. »Höhen sind dazu da, daß man hinanblickt und nicht hinab.«

»Meinen Sie, man könnte darüber fallen?« fragte Wilfried.

»Ich meine, die Seele könnte einem darüber fallen, wenn schon nicht der Leib,« erwiderte der Priester.

»Ich verstehe Sie nicht ganz,« bemerkte Bohun undeutlich.

»Sehen Sie z. B. diesen Schmied, ein guter Mann, aber kein Christ – hart, gebieterisch, unnachsichtlich. Nun, seine schottische Religion ist das Erzeugnis von Leuten, welche auf Hügeln und hohen Felsgipfeln beteten und dabei mehr auf die Welt hinabzublicken lernten, als zum Himmel hinan. Niedrigkeit ist die Mutter der Riesen. Große Dinge sieht man vom Tale aus, aber nur kleine vom Gipfel.«

»Aber er – er hat es nicht getan,« sagte Bohun zitternd.

»Nein,« entgegnete der andere in seltsamem Tone, »wir wissen, er war es nicht.«

Einen Augenblick ließ er den Blick seiner hellgrauen Augen ruhig über die Ebene hingleiten, um dann fortzufahren: »Ich kannte einen Mann, der mit anderen zusammen vor den Altären zu beten begonnen hatte, dann aber eine Vorliebe für hohe und einsame Orte faßte, um von dort aus, in Ecken oder Nischen vom Kirchturm oder Giebeldach sein Gebet zu verrichten. Und einmal verdrehte sich an einem jener schwindelerregenden Orte, wo die ganze Welt unter ihm wie ein Rad sich zu drehen schien, auch seine Vernunft und er wähnte sich Gott. Und so beging er, obschon er ein guter Mann war, ein großes Verbrechen.«

Wilfrieds Gesicht war abgewandt, doch seine knochigen Hände liefen blau und weiß an, während sie das Steingeländer umspannten.

»Er dachte, ihm sei es gegeben, über die Welt zu richten und den Sünder niederzustrecken. Nie wäre ihm ein solcher Gedanke gekommen, wäre er mit anderen Menschen zusammen unten knien geblieben. Er aber sah alle Menschen unter sich, winzig wie Insekten. Einen insbesondere sah er unmittelbar unter sich einherstolzieren, ausgeschämt und durch seinen grünen Hut kenntlich – ein giftiges Insekt.«

Krähen krächzten um die Pfeiler, aber nichts weiter war zu hören, bis Father Brown fortfuhr.

»Auch das versuchte ihn, daß er in seiner Hand eine der furchtbarsten Maschinen der Natur trug, ich meine die Schwerkraft, jene wahnsinnige, sich verschnellernde Kraft, durch die alle irdischen Geschöpfe, sobald losgelassen, dem Herzen der Erde zufliegen. Sehen Sie, da spaziert der Inspektor gerade unter uns in der Schmiede. Wenn ich einen Kieselstein über das Geländer stoßen würde, besässe er die Kraft etwa einer Gewehrkugel, bis er träfe. Nähme ich einen Hammer – selbst einen kleinen Hammer –«

Wilfried Bohun legte ein Bein über das Geländer, doch Father Brown faßte ihn mit fester Hand am Kragen.

»Nicht durch dieser Pforte,« sagte er ganz zuvorkommend, »diese Pforte führt zur Hölle.«

Bohun stolperte gegen die Mauer zurück und starrte ihn entsetzten Auges an.

»Wie wissen Sie das alles?« schrie er. »Sind Sie ein Teufel?«

»Ich bin ein Mensch,« erwiderte Father Brown sehr ernst, »und habe daher alle Teufel in meinem Herzen. Hören Sie mich,« sagte er nach einer kurzen Pause. »Ich weiß, was Sie getan haben oder wenigstens ich kann mir den größten Teil davon denken. Als Sie Ihren Bruder verließen, waren Sie von einem nicht unberechtigten Zorne erfaßt, so zwar, daß Sie nach einem kleinen Hammer griffen, beinahe geneigt, ihn mit seiner Schamlosigkeit auf der Zunge niederzuschlagen. Als Sie sich wieder gefaßt hatten, bargen Sie den Hammer unter Ihrem Rocke und eilten damit nach der Kirche. Da beten Sie verwirrt an verschiedenen Orten, unter dem Engelfenster, auf der Plattform darüber und auf einer noch höheren, von der Sie des Obersten orientalischen Hut wie den Rücken eines grünen Käfers umherkrabbeln sahen. Dann schnappte etwas in Ihrer Seele ein und Sie ließen Gottes Donnerkeil fallen.«

Wilfried fuhr sich langsam mit der Hand an den Kopf und fragte mit erlöschender Stimme: »Wie wußten Sie, daß sein Hut wie ein grüner Käfer aussah?«

»O, das sagte mir nur mein gesunder Menschenverstand. Aber hören Sie weiter. Ich sage, ich weiß alles das, aber niemand anderer wird es erfahren. Der nächste Schritt kommt nun Ihnen zu; ich werde keine weiteren mehr unternehmen, sondern alles unter das Beichtsiegel verschließen. Wenn Sie mich fragen, weshalb, so gibt es viele Gründe dafür und nur einen, der Sie angeht. Ich überlasse alles Ihnen, denn Sie sind noch nicht sehr weit gekommen wie andere Mörder. Sie halfen nicht mit, das Verbrechen dem Schmiede aufzubürden, noch auch seinem Weibe, als es leicht war. Sie suchten es dem Schwachsinnigen in die Schuhe zu schieben, denn Sie wußten, er würde dafür nicht büssen müssen. Das war einer der Lichtpunkte, die bei Mördern herauszufinden zu meinem Berufe gehört. Und jetzt kommen Sie hinab ins Dorf und ziehen Sie Ihres Weges, frei wie der Wind, denn ich habe nichts mehr zu sagen.«

In tiefstem Schweigen stiegen sie die Wendeltreppe hinab und traten durch die Schmiede in das helle Sonnenlicht hinaus. Wilfried Bohun öffnete sorgfältig die hölzerne Zauntüre und sagte, indem er auf den Inspektor zutrat: »Ich wünsche, mich Ihnen zu stellen, ich habe meinen Bruder getötet.«

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