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Preußentum und Sozialismus

Oswald Spengler: Preußentum und Sozialismus - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
authorOswald Spengler
titlePreußentum und Sozialismus
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
printrun32. bis 38. Tausend
year1921
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectid782cf339
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Die Internationale

22.

Später einmal wird man auch das mit Ironie betrachten, was heute als internationaler Sozialismus das politische Bild der Welt beherrscht. Was wirklich vorhanden ist, die Internationale der Schlagworte, der Marxismus als Phrase, vermag nur für Jahrzehnte und auch dann nur in viel geringerem Grade, als das Geräusch der Kongresse und die Zuversicht der Aufrufe vermuten läßt, in den Arbeitern aller Länder ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu erwecken. In Wirklichkeit beschränkt sich die Einigung auf den Glauben, daß sie vorhanden ist, und auf die Tatsache, daß eine Bewegung in einem Lande oft solche in andern hervorruft, wo dann vermeintlich dasselbe angestrebt wird. Aber es ist bezeichnend für eine mit Literatur so durchsättigte Zivilisation wie die heutige, daß Massenführer, die in einem beständigen Nebel von Theorien leben, trotzdem Träger von sehr starken Wirklichkeiten werden können. Auf diesen Lügenkongressen kommen die Vertreter englischen, französischen, deutschen, russischen Lebensgefühls zusammen, um sich immer wieder, ohne einander in den letzten Gründen des Wollens und Fühlens irgendwie zu verstehen, auf einen gewissen Bestand von Sätzen zu einigen, unter denen man dasselbe zu meinen und zu fordern glaubt.

Wie dünn diese intellektuelle Wirklichkeit über die andre der nationalen Instinkte gebreitet ist, hat der August 1914 gezeigt, wo sie in einem Tage unter der plötzlichen Glut natürlicher und nicht geistiger Leidenschaften verdunstete. Sozialismus ist in jedem Lande etwas andres. Es gibt so viel Arbeiterbewegungen, als es heute lebendige Rassen in seelischem Sinne gibt, und sie lehnen sich, sobald es sich um mehr handelt als die Feststellung gemeinsamen Hasses, mit demselben Hasse gegenseitig ab wie die Völker selbst. Es gibt rote Jakobiner und rote Puritaner, ein rotes Versailles, ein rotes Potsdam. Zwischen Shaw und Bebel besteht dieselbe Distanz wie zwischen Rhodes und Bismarck. Es ist immer wieder nur derselbe theoretische Stoff, aus dem sie alle ihre Kleider machen.

Im Weltkriege war es nicht nur die Entente, die sich gegen Deutschland, sondern auch der Pseudosozialismus der Ententeländer, der sich gegen den wirklichen, den preußischen, in Deutschland richtete. In der Person des Kaisers hat der echte Sozialismus sich selbst verraten, seine Herkunft, seinen Sinn, seine Stellung in der sozialistischen Welt. Bebel hätte das gefühlt und verhindert. Seine Epigonen verstanden es nicht. Heute gehen sie auf die Lügenkongresse und unterzeichnen den Versailler Vertrag im Reich der Phrase noch einmal. Der preußisch-deutsche Sozialismus hat seinen gefährlichsten Gegner nicht in dem deutschen Kapitalismus, der starke sozialistische Züge in sich trug und den er selbst erst seit 1917 in englische Formen gedrängt hat, am stärksten vielleicht durch die Lockerung der meisterhaft organisierten Gewerkschaften und die Einführung der lokalen Betriebsräte, hinter deren Zugeständnis die Mehrheitssozialisten ihren liberal-parlamentarischen Hang vor den Massen zu verbergen suchen, sondern in dem, was in der Heimat des Kapitalismus unter dem Namen Sozialismus getrieben wird. Was Engels mit seinen scharfen Augen sah, daß es nur deutschen Sozialismus gibt, das haben die heutigen Wortführer des deutschen Sozialismus vergessen und sie suchen es durch michelhafte Unterwürfigkeit den Ententesozialisten zu beweisen.

In der Tat ist der französische Sozialismus der Putsche und Sabotagen ein bloßes Gefühl der sozialen Revanche, das schon im Pariser Kommuneaufstand seine Clémenceaus gefunden hat, der englische ein Reformkapitalismus, der deutsche allein eine Weltanschauung. Der Franzose bleibt Anarchist, der Engländer liberal und vor allem ist der französische und englische Arbeiter zuerst Franzose und Engländer und erst dann, vielleicht, theoretisch, Anhänger der Internationale. Der geborne Sozialist, der preußische Arbeiter, Es liegt ein tiefer Sinn in dem Worte Bebels, als er München einmal als das Capua der deutschen Sozialdemokratie bezeichnete. In dem Karneval der Rätezeit würde er eine Bestätigung gefunden haben. ist immer der Narr der andern gewesen. Er allein nahm die Phrase ernst wie nur irgendein Professor die Phrasen der Paulskirche. Er, der allein auf eine grandiose Schöpfung, auf seine Partei, verweisen konnte, war der andächtige Zuhörer der andern und half ihre Streiks bezahlen.

Eine echte Internationale ist nur durch den Sieg der Idee einer Rasse über alle andern möglich und nicht durch die Auflösung aller Meinungen in eine farblose Masse. Seien wir endlich Skeptiker und werfen wir die alte Ideologie fort. Es gibt keine Versöhnungen in der wirklichen Geschichte. Wer an sie glaubt, muß ein ewiges Grauen vor dem Narrentanz der Ereignisse empfinden, und er flüchtet sich nur in eine Selbsttäuschung, wenn er meint, ihn je durch Verträge beschwören zu können. Es gibt nur ein Ende des ewigen Kämpfens, den Tod. Den Tod des einzelnen, den Völkertod, den Tod einer Kultur. Der unsrige liegt noch weit vor uns im ungewissen Dunkel des nächsten Jahrtausends. Wir Deutsche, die wir in dieses Jahrhundert gestellt sind, eingeflochten mit unserm Dasein in das der faustischen Zivilisation, haben reiche, unverbrauchte Möglichkeiten in uns und ungeheure Aufgaben vor uns. Zu der Internationale, die sich unwiderruflich vorbereitet, haben wir die Idee der Weltorganisation, des Weltstaates, die Engländer die der Welttruste und Weltausbeutung, die Franzosen nichts zu geben. Wir stehen dafür nicht mit unsern Reden, sondern mit unserm Dasein ein. Mit dem Preußentum steht und fällt der Ordensgedanke des echten Sozialismus. Nur die Kirche trägt noch den alten spanischen Universalgedanken in sich, die Hütung und Pflege aller Völker im Schatten des Katholizismus. Aus den Tagen der Stauferzeit droht das Bild eines riesenhaften Kampfes zwischen einem politischen und einem religiösen Weltgedanken herüber. In diesem Augenblick aber triumphiert in dem britischen Löwen der dritte, der Wikingergedanke: die Welt nicht als Staat, nicht als Kirche, sondern als Beute.

Die echte Internationale ist Imperialismus, Beherrschung der faustischen Zivilisation, also der ganzen Erde, durch ein einziges gestaltendes Prinzip, nicht durch Ausgleich und Zugeständnis, sondern durch Sieg und Vernichtung. Der Sozialismus hat den Kapitalismus und den Ultramontanismus neben und gegen sich, drei Arten sozialistischen Willens zur Macht: durch den Staat, das Geld, die Kirche. Sie haben ihre Kräfte in der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Bewußtseinswelt, von denen jede die beiden andern sich einzuordnen sucht: das sind die schöpferischen Instinkte des preußischen, des englischen und des spanischen Menschen und sie reichen von der geistigen Kälte und Höhe der modernen Zivilisation zurück bis zu jenen frühen triebhaften Menschen der gotischen Zeit, die sich mit Schwert und Pflug die märkischen Sümpfe unterwarfen, in ihren zerbrechlichen Kähnen das Nordmeer kreuzten und den Glaubenskampf gegen die Mauren südlich der Pyrenäen führten. Märkische, englische und spanische Gotik zeugen von einer andern Seele als die französische. Diese Instinkte sind mächtiger als alles und können sogar die Völker überleben, in denen sie sich sichtbare Symbole geschaffen haben. Es gab einen römischen Geist noch zu einer Zeit, wo es echte Römer nicht mehr gab. Der spanische Geist als Volk ist ohnmächtig, aber als Kirche steht er in ungebrochner Kraft da.

Das sind die Wirklichkeiten, welche die Internationale der Kongresse mit den Schlagworten von Marx glaubt einebnen zu können.

23.

Das schlimmste dieser Worte heißt Kommunismus. Mit seiner Kritik wird die Kardinalfrage des Eigentums berührt. Es ist hier nicht der Ort, eine so schwierige Frage auch nur im Umriß darzulegen Das wird im Untergang des Abendlandes, Band II, geschehen. und die tiefen Zusammenhänge zwischen Eigentum und Ehe, Eigentum und politischem Ideal, Eigentum und Weltanschauung in ihrer ganzen symbolischen Wucht zu beleuchten. Jede der großen Kulturen hat auch hier ihre eigne Sprache. Der abendländische Gedanke des Eigentums ist von dem antiken, indischen, chinesischen weit entfernt: Eigentum ist Macht. Was nicht dynamisch wirkt, aller tote Besitz, das »Haben« an sich gilt dem echt faustischen Menschen wenig. Darin liegt das Geheimnis der Hervorhebung des produktiven Eigentums vor allem andern, der bloßen »Habe«. Die sinnliche antike Freude an aufgehäuften Schätzen ist unter uns selten. Der Stolz des Eroberers, des Kaufmanns und Spielers, selbst des Sammlers von Kunstwerken ruht auf dem Bewußtsein, mit seiner Beute Macht erworben zu haben. Der spanische Golddurst, der englische Landhunger richten sich auf werbenden Besitz. Gegen diesen energischen Begriff des Eigentums erhebt sich in der Renaissance und in Paris ein andrer: das Rentnerideal. Nicht Wirkung, sondern Genuß, nicht »alles«, sondern »genug«, nicht Tat, sondern »Leben« war das Endziel dieser Habsucht. Die Kondottieri Die Borgia waren Spanier!] wollten ihre Fürstentümer und Schätze haben, um die müßige Kultur ihres Jahrhunderts in vollen Zügen zu genießen. Das Bankhaus der Medici, eines der ersten Europas, war weit von dem Ehrgeiz entfernt, den Weltmarkt beherrschen zu wollen. Ludwig XIV. sandte seine Generäle und Steuerpächter aus, um eine gesicherte Unterlage für das olympische Dasein eines Sonnenkönigtums zu schaffen. Der französische Adel von Versailles war durchaus von Renaissancegefühlen beherrscht. Seine Kultur war nichts weniger als dynamischer Art. Reisende Engländer wie Young waren, kurz vor der Revolution, erstaunt, wie schlecht er seine Güter bewirtschaftete. Es genügte ihm, wenn er sie »hatte« und wenn der Intendant die Summen für das Leben in Paris zusammenbrachte. Diese Aristokratie des 18. Jahrhunderts bildete den strengsten Gegensatz zu der tätigen, erwerbenden und erobernden englischen und preußischen. Der bloße Selbsterhaltungstrieb des französischen Reichtums hat ihn zur Beherrschung des Weltmarktes und zu echter Kolonisation selbst in den großen Augenblicken der französischen Geschichte unfähig gemacht. Aber der Grandseigneur von 1750 ist als Typus durchaus der Vorgänger des Bourgeois von 1850, jenes harmlosen Rentners, den nur nationale Eitelkeit von Zeit zu Zeit gefährlich machte und dessen Namen Marx wirklich nicht zur Bezeichnung der kapitalistischen Gesellschaft hätte verwenden sollen.

Denn Kapital ist das große Wort, in dem die englische Auffassung vom Eigentum liegt. Kapital bedeutet wirtschaftliche Energie; es ist die Rüstung, in der man den Kampf um den Erfolg aufnimmt. Dem französischen Kavalier und Rentner stehen hier die Börsen-, Petroleum- und Stahlkönige gegenüber, deren Genuß im Bewußtsein wirtschaftlicher Allmacht besteht. Daß eine Erkältung überall in der Welt die Kurse fallen läßt, daß ein Telegramm von drei Worten Katastrophen auf der andern Seite des Erdballs hervorruft, daß Handel und Industrie ganzer Länder im Bereich ihres persönlichen Kredits liegen, das ist ihr Begriff vom Eigentum und zwar vom Privateigentum. Man muß das ganze Pathos des Wortes zu würdigen wissen. Der Milliardär fordert die unumschränkte Freiheit, durch seine privaten Entschlüsse mit der Weltlage nach Gefallen zu schalten, ohne einen ethischen Maßstab als den des Erfolges. Er kämpft mit allen Mitteln des Kredits und der Spekulation den Gegner auf seinem Felde nieder. Der Trust ist sein Staat, seine Armee, und der politische Staat nicht viel mehr als sein Agent, den er mit Kriegen, wie dem spanischen und südafrikanischen, mit Verträgen und Friedensschlüssen beauftragt. Die Vertrustung der ganzen Welt ist das Endziel dieser echten Herrenmenschen: Mag das nominelle Eigentumsrecht des Durchschnittsmenschen unangetastet bleiben, mag er sein Hab und Gut als Rentnerkapital in voller Freiheit vererben, verkaufen, verteilen, die wirtschaftliche Kraft dieser Habe als Händlerkapital wird doch von einem Zentrum aus unsichtbar in bestimmte Richtung geleitet; damit ist der Geldmagnat Eigentümer in einem höheren Sinne und ganze Völker und Staaten arbeiten unter seinem schweigenden Befehl und nach seinem allgegenwärtigen Willen. Und diesem Eigentumsbegriff, in den sich der Liberalismus des Geschäfts verkleidet hat, tritt nun der preußische entgegen: Eigentum nicht als private Beute, sondern als Auftrag der Allgemeinheit, nicht als Ausdruck und Mittel persönlicher Macht, sondern als anvertrautes Gut, für dessen Verwaltung der Eigentümer dem Staate Rechenschaft schuldig ist; der nationale Wohlstand nicht als Summe individueller Einzelvermögen, sondern die Einzelvermögen als Funktionen der wirtschaftlichen Gesamtmacht. Das große Wort Friedrichs II. muß immer wiederholt werden: Ich bin der erste Diener meines Staates. Wenn jeder einzelne diese Anschauung zu seiner eignen macht, ist der Sozialismus eine Tatsache geworden. Es gibt keinen stärkeren Gegensatz als Ludwig XIV. mit der Tatsache: Der Staat bin ich. Preußentum und Jakobinismus, sozialistischer und anarchischer Instinkt sind, ob auf dem Thron oder in den Gassen, der stärkste überhaupt denkbare Gegensatz innerhalb des Abendlandes, und auf ihm beruht die unauslöschliche Feindschaft zwischen beiden Völkern. Napoleon hat auf St. Helena bemerkt: »Preußen war ein Hindernis für Frankreich seit den Tagen Friedrichs und wird es auch bleiben; es war das größte Hindernis in bezug auf meine Absichten für Frankreich.«

Denn in der Tat, die Form, in welcher das Revanchebedürfnis der französischen Arbeiterschaft den Besitzenden entgegentritt, ist das Gegenteil von Sozialismus: der Kommunismus im eigentlichen Sinne. Auch der Arbeiter will Rentner sein. Er haßt die Muße der andern, die er selbst auf keine Weise erreichen kann. Gleichheit des Genusses, gleiche Möglichkeit des Rentnerdaseins für jedermann ist das Ziel, das auch der berühmten, echt französischen Formel Proudhons zugrunde liegt: Eigentum ist Diebstahl. Denn hier bedeutet Eigentum nicht Macht, sondern die erworbene Möglichkeit des Genusses. Gütergemeinschaft und nicht Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Verteilung des Reichtums (»Alles soll allen gehören«) und nicht Vertrustung der wertschaffenden Kräfte – das ist ein französisches Ideal gegen ein englisches. Und dem entspricht die sozialistische Utopie Fouriers: Auflösung der Staaten in kleine Gesellschaften, Kommunen, »Phalansterien«, die sich zusammentun, um bei möglichst geringer Arbeit einen möglichst reichen Lebensgenuß zu erzielen.

Was die englische Unterklasse will, um das Eigentumsideal der herrschenden Oberklasse sich zugänglich zu machen, hat Owen in einer Art von Kapitalreform zu zeichnen versucht. Aber man kennt die Macht jener Wikingerinstinkte schlecht, wenn man glaubt, daß das englisch-amerikanische Kapital auch nur einen Schritt auf dem Wege der absoluten wirtschaftlichen Weltherrschaft zurückweichen werde. Die unbedingte persönliche Freiheit und die natürliche Ungleichheit, die aus ihr auf Grund persönlicher Fähigkeiten folgt, ist die Voraussetzung. An Stelle des autoritativen Sozialismus setzt der angelsächsische Milliardär einen allerdings großartigen Privatsozialismus, eine Wohltätigkeit und Fürsorge großen Stils, in der die eigne Macht noch einmal zum Genuß und in der das empfangende Volk auch moralisch besiegt wird. Über der glänzenden Art, in welcher diese Millionen ausgegeben werden, vergißt man, wie sie erworben sind: es ist die Haltung jener alten Korsaren, die beim Festmahl in eroberter Burg den Gefangenen die Brocken ihrer Tafel zuwarfen. Diese freiwillige Preisgabe von Eigentum verstärkt die Kraft des übrigen. Und daß dieser freie Willensakt nicht zur gesetzlichen Pflicht gemacht wird, ist im Grunde der prinzipielle Streitpunkt zwischen den wirtschaftlichen Zukunftsparteien in England und Amerika. Man ist heute bereit, weite wirtschaftliche Gebiete, die sich nicht zur Spekulation eignen, wie Bergbau und Eisenbahn, der Regierung eines Scheinstaates zu überweisen, aber man behält die stille Macht, diese Regierung selbst durch die demokratischen Formen des Parlamentarismus, das heißt durch Bezahlung der Wahlen und Zeitungen und damit der Anwerbung der Wähler und Leser, zu einem ausführenden Organ der eignen Geschäfte zu machen. Das ist die furchtbare Gefahr einer Versklavung der Welt durch das Händlertum. Ihr Mittel ist heute der Völkerbund, das heißt ein System von Völkern, die »Selbstregierung« nach englischer Art besitzen, das heißt in Wirklichkeit ein System von Provinzen, deren Bevölkerung von einer Händleroligarchie mit Hilfe erkaufter Parlamente und Gesetze ausgebeutet wird, wie die römische Welt durch Bestechung der Senatoren, Prokonsuln und Volkstribunen.

Dies werdende System hat Marx durchschaut und dagegen richtet sich der ganze Haß seiner Gesellschaftskritik. Er will diesen englischen Begriff des allmächtigen Privateigentums stürzen, aber er weiß wiederum nichts zu formulieren als eine Verneinung: Expropriation der Expropriateure, Beraubung der Räuber. Und trotzdem ist in diesem antienglischen Prinzip das preußische enthalten: mit der vollen germanischen Achtung vor dem Eigentum doch die in ihm ruhende Macht nicht dem einzelnen, sondern der Gesamtheit, dem Staate zuzuweisen. Das heißt Sozialisierung. Sie ist mit dem sichern Instinkt einer nicht durch Theorien verwirrten Regierung von Friedrich Wilhelm I. bis auf Bismarck, von den Kriegs- und Domänenkammern des ersten bis auf die Sozialpolitik des letzten fortschreitend entwickelt worden, bis die strenggläubigen und die abtrünnigen Marxisten der deutschen Revolution den Gedanken um die Wette verdarben. Sozialisierung heißt nicht Verstaatlichung auf dem Enteignungs- oder Diebstahlswege. Sie ist überhaupt keine Frage des nominellen Besitzes, sondern der Verwaltungstechnik. Dem Schlagwort zuliebe ohne Maß und Ziel Betriebe aufzukaufen und sie statt der Initiative und Verantwortung ihrer Besitzer einer Verwaltung überliefern, die zuletzt alle Übersicht verlieren muß, das heißt den Sozialismus zugrunde richten. Der altpreußische Gedanke war, unter sorgfältiger Schonung des Eigentums- und Erbrechtes die gesamte Produktivkraft in ihrer Form der Gesetzgebung zu unterstellen, die persönliche Unternehmungslust, das Talent, die Energie wie den Geist eines geübten Schachspielers unter Regeln und mit der Freiheit, welche gerade die Beherrschung der Regeln gewährt, arbeiten zu lassen. Das war in weitgehendem Maße schon in den alten Kartellen und Syndikaten der Fall und das müßte sich planmäßig auf die Arbeitsweise, Arbeitswertung, Gewinnverteilung und die dienstlichen Beziehungen zwischen dem anordnenden und dem ausführenden Element ausdehnen lassen. Sozialisierung bedeutet die langsame, in Jahrzehnten erst sich vollendende Verwandlung des Arbeiters in einen Wirtschaftsbeamten, des Unternehmers in einen verantwortlichen Verwaltungsbeamten mit sehr weitgehender Vollmacht, des Eigentums in eine Art erblichen Lehens im Sinne der alten Zeit, das mit einer gewissen Summe von Rechten und Pflichten verbunden ist. Der Wirtschaftswille bleibt frei wie der Wille des Schachspielers: nur die Wirkung nimmt einen geregelten Verlauf. Den preußischen Beamtentypus, den ersten der Welt, haben die Hohenzollern gezüchtet. Er bürgt für die Möglichkeit einer Sozialisierung durch seine ererbten sozialistischen Fähigkeiten. Er ist seit 200 Jahren als Methode das, was der Sozialismus als Aufgabe ist. In diesen Typus muß der Arbeiter hineinwachsen, wenn er aufhört Marxist zu sein, und dadurch beginnt Sozialist zu worden. Der »Zukunftsstaat« ist ein Beamtenstaat. Das gehört zu den unausweichlichen Endzuständen, die aus den Voraussetzungen unsrer in ihrer Richtung festgelegten Zivilisation folgen. Auch der Milliardärsozialismus würde ein Volk unvermerkt in ein Heer von Privatbeamten verwandeln. Die großen Trusts sind heute schon Privatstaaten, welche ein Protektorat über den offiziellen Staat ausüben. Preußischer Sozialismus bedeutet aber die Einordnung dieser Wirtschaftsstaaten der einzelnen Berufszweige in den Gesamtstaat. Die Streitfrage zwischen Konservativen und Proletariern ist im Grunde gar nicht die Notwendigkeit dieses autoritativ-sozialistischen Systems, dem man nur durch die Annahme des amerikanischen entgehen könnte (der Wunsch des deutschen Liberalismus), sondern die Frage des Oberbefehls. Es gibt heute scheinbar die Möglichkeiten eines Sozialismus von oben und von unten, beide in diktatorischer Form. In Wirklichkeit würden beide allmählich in dieselbe Endform auslaufen.

Im Augenblick wird dies noch in dem Grade verkannt, daß beide Parteien in der Verfassung das Entscheidende sehen. Es kommt aber nicht auf Sätze, sondern auf Persönlichkeiten an. Gelingt es den Arbeiterführern nicht, in kurzer Zeit die von ihnen erforderten hohen staatsmännischen Fähigkeiten zum Vorschein zu bringen, so werden andre sie ablösen. In einer Organisation, die den Unterschied von Arbeitern und Beamten grundsätzlich aufhebt, indem sie jedem Befähigten eine geregelte Laufbahn von der Handarbeit untersten Ranges über Aufsichtsämter bis zur Leitung eines Wirtschaftskörpers eröffnet, werden unter der Hand eines gebornen Staatsmannes konservative und proletarische Endziele: die vollkommene Verstaatlichung des Wirtschaftslebens nicht durch Enteignung, sondern durch Gesetzgebung, schließlich doch zusammenfallen. Die oberste Leitung aber kann nicht republikanisch sein. Republik bedeutet heute, wenn man alle Illusionen beiseite setzt, die Käuflichkeit der ausübenden Gewalt durch das Privatkapital. Ein Fürst gehorcht der Tradition seines Hauses und der Weltanschauung seines Berufs. Mag man davon denken, wie man will: das enthebt ihn der Interessenpolitik der Parteien heutigen Schlages. Er ist ihr Schiedsrichter, und wenn in einem sozialistisch gedachten Staat die Berufsräte bis zum obersten Staatsrat eine Auslese nach praktischen Fähigkeiten, so kann er eine engere Auswahl nach sittlichen Eigenschaften treffen. Ein Präsident oder Premierminister oder Volksbeauftragter aber ist die Kreatur einer Partei und eine Partei ist die Kreatur derer, die sie bezahlen. Ein Fürst ist heute der einzige Schutz einer Regierung vor dem Händlertum. Die Macht des Privatkapitals führt sozialistische und monarchische Prinzipien zusammen. Das individualistische Eigentumsideal bedeutet Unterwerfung des Staates unter die freien Wirtschaftsmächte, das heißt Demokratie, das heißt Käuflichkeit der Regierung durch den privaten Reichtum. In einer modernen Demokratie stehen die Massenführer nicht den Führern des Kapitals, sondern dem Gelde selbst und dessen anonymer Macht gegenüber. Die Frage ist, wie viele der Führer dieser Macht widerstehen können. Wenn man wissen will, wie sich eine nicht mehr junge und deshalb von ihrer eignen Vortrefflichkeit begeisterte Demokratie in Wirklichkeit von der in ideologischen Köpfen vorhandenen unterscheidet, so lese man Sallust über Catilina und Jugurtha. Es ist kein Zweifel, daß uns Römerzustände bevorstehen, aber eine monarchisch-sozialistische Ordnung kann sie unwirksam machen.

Das sind die drei Eigentumsideale, die heute im Kampfe stehen: das kommunistische, das individualistische und das sozialistische mit den Endzielen der Verteilung, Vertrustung und Verwaltung des gesamten produktiven Eigentums der Welt.

24.

Ich habe bis jetzt von Rußland geschwiegen; mit Absicht, denn hier trennen sich nicht zwei Völker, sondern zwei Welten. Die Russen Näheres wird der Untergang des Abendlandes, Band II, enthalten. sind überhaupt kein Volk wie das deutsche und englische, sie enthalten die Möglichkeit vieler Völker der Zukunft in sich wie die Germanen der Karolingerzeit. Das Russentum ist das Versprechen einer kommenden Kultur, während die Abendschatten über dem Westen länger und länger werden. Die Scheidung zwischen russischem und abendländischem Geist kann nicht scharf genug vollzogen werden. Mag der seelische und also der religiöse, politische, wirtschaftliche Gegensatz zwischen Engländern, Deutschen, Amerikanern, Franzosen noch so tief sein, im Vergleich zum Russentum rücken sie sofort zu einer geschlossenen Welt zusammen. Wir lassen uns durch manche westlich gefärbte Bewohner russischer Städte täuschen. Der echte Russe ist uns innerlich so fremd wie ein Römer der Königszeit oder ein Chinese lange vor Konfuzius, wenn sie plötzlich unter uns erschienen. Er selbst hat das immer gewußt, wenn er zwischen dem »Mütterchen Rußland« und »Europa« eine Grenze zog.

Für uns ist die russische Urseele, hinter Schmutz, Musik, Branntwein, Demut und seltsamer Trauer, etwas Unergründliches. Unsre Urteile, die von späten, städtischen und geistig zur Höhe gereiften Menschen einer ganz anders gearteten Kultur, sind von uns aus geformt. Was wir da »erkennen«, ist nicht diese eben erst aufdämmernde Seele, von der selbst Dostojewski nur in hilflosen Lauten redet, sondern unser geistiges Bild von ihr, das vom Oberflächenbilde russischen Lebens und russischer Geschichte bestimmt und durch unsre aus eigner innerer Erfahrung geschöpften Beziehungsworte wie Wille, Vernunft, Gemüt gefälscht ist. Dennoch ist einigen ein kaum in Worte zu fassender Eindruck von ihr vielleicht möglich, der wenigstens über die unermeßliche Kluft keinen Zweifel läßt, die zwischen ihr und uns liegt.

Dies kindlich dumpfe und ahnungschwere Russentum ist nun von »Europa« aus durch die aufgezwungenen Formen einer bereits männlich vollendeten, fremden und herrischen Kultur gequält, verstört, verwundet, vergiftet worden. Städte von unsrer Art, mit dem Anspruch unsrer geistigen Haltung wurden in das Fleisch dieses Volkstums gebohrt, überreife Denkweisen, Lebensansichten, Staatsideen, Wissenschaften dem unentwickelten Bewußtsein eingeimpft. Um 1700 drängt Peter der Große dem Volk den politischen Barockstil mit Kabinettsdiplomatie, Hausmachtpolitik, Verwaltung und Heer nach westlichem Muster auf; um 1800 kommen die diesen Menschen ganz unverständlichen englischen Ideen in der Fassung französischer Schriftsteller herüber, um die Köpfe der dünnen Oberschicht zu verwirren; noch vor 1900 führen die Büchernarren der russischen Intelligenz den Marxismus, ein äußerst kompliziertes Produkt westeuropäischer Dialektik ein, von dessen Hintergründen sie nicht den geringsten Begriff haben. Peter der Große hat das echt russische Zarentum zu einer Großmacht im westlichen Staatensystem umgeformt und damit seine natürliche Entwicklung verdorben, und die Intelligenz, selbst ein Stück des in diesen fremdartigen Städten verdorbenen echt russischen Geistes, verzerrte das primitive Denken des Landes mit seiner dunklen Sehnsucht nach eignen, in ferner Zukunft liegenden Gestaltungen wie dem Gemeinbesitz von Grund und Boden des »Mütterchen Rußland« zu kindischen und leeren Theorien im Geschmack französischer Berufsrevolutionäre. Petrinismus und Bolschewismus haben gleich sinnlos und verhängnisvoll mißverstandene Schöpfungen des Westens, wie den Hof von Versailles und die Kommune von Paris, dank der unendlichen russischen Demut und Opferfreude in starke Wirklichkeiten umgesetzt. Dennoch haften ihre Einrichtungen an der Oberfläche russischen Seins und die eine wie die andre ist der beständigen Möglichkeit plötzlichen Verschwindens und ebenso plötzlicher Wiederkehr ausgesetzt. Das Russentum selbst hat bis jetzt nur religiöse Erlebnisse gehabt, keine wirklich sozialen und politischen. Man verkennt Dostojewski, einen Heiligen in der vom Westen her erzwungenen widersinnigen und lächerlichen Gestalt eines Romanschriftstellers, wenn man seine sozialen »Probleme« anders auffaßt als seine Romanform. Sein Wirklichstes steht mehr zwischen als in den Zeilen und steigert sich in den Brüdern Karamasow zu einer religiösen Tiefe, neben der nur Dante genannt werden darf. Die revolutionäre Politik aber stammt lediglich von einer kleinen, nicht mehr sicher russisch empfindenden und auch der Abkunft nach kaum russischen Schicht der großen Städte und bewegt sich deshalb in den Formen von doktrinärem Zwang einerseits und instinktiver Abwehr anderseits.

Und daher jener furchtbare, tiefe, urrussische Haß gegen den Westen, das Gift im eignen Leibe, der aus dem innerlichen Leiden Dostojewskis und den lauten Ausbrüchen Tolstois in derselben Stärke spricht wie aus dem wortlosen Empfinden des kleinen Mannes; der oft unbewußte, oft hinter einer aufrichtigen Liebe verborgene unstillbare Haß gegen alle Symbole faustischen Willens, gegen die Städte, Petersburg voran, die sich als Stützpunkte dieses Willens in das Bauerntum dieser endlosen Ebenen genistet haben, gegen Wissenschaften und Künste, das Denken, das Fühlen, den Staat, das Recht, die Verwaltung, gegen Geld, Industrie, Bildung, Gesellschaft, gegen alles. Es ist der Urhaß der Apokalypse gegen die antike Kultur, und etwas von der finsteren Erbitterung der Makkabäerzeit und viel später noch jenes Aufstandes, der zur Zerstörung von Jerusalem führte, liegt sicherlich allem Bolschewismus zugrunde. Seine doktrinären Konstruktionen würden die Wucht nicht erzeugt haben, mit welcher die Bewegung heute noch fortdauert. Er selbst wird von den Instinkten des unterirdischen Rußland gegen den Westen gedrängt, der sich zunächst in dem Petrinismus darstellte, und er wird zuletzt, als Erzeugnis dieses Petrinismus, auch noch vernichtet werden, um die innere Befreiung von »Europa« zu vollenden.

Der westliche Proletarier will die Zivilisation des Westens in seinem Sinne umgestalten, der russische Intelligent will sie, meist gegen sein Wissen, das dünn auf der Oberfläche seiner Instinkte schwimmt, vernichten. Das ist der Sinn des östlichen Nihilismus.

Unsre Zivilisation ist längst eine rein städtische geworden; dort aber gibt es keine »Masse«, sondern nur » Volk«. Der echte Russe ist ohne Unterschied Bauer, auch als Gelehrter, auch als Beamter. Diese nachgemachten Städte mit ihrer nachgemachten Masse und Massenideologie berühren sein Interesse nicht. Trotz alles Marxismus gibt es nur eine Landfrage. Der »Arbeiter« ist ein Mißverständnis. Das unberührte, unzerstörte Land ist wie bei den Germanen der Karolingerzeit die einzige Wirklichkeit. Diese Stufe haben wir vor einem Jahrtausend durchlebt. Wir verstehen einander nicht. Wir Westeuropäer können gar nicht mehr in Verbundenheit mit dem Urboden leben. Wenn wir aufs Land gehen, so tragen wir die Stadt mit uns samt allen ihren seelischen Bedingungen und zwar im Blute, nicht wie der russische Intelligent nur im Kopfe. Der Russe aber trägt innerlich sein Dorf in diese russischen Städte. Man muß immer wieder die russische Seele vom russischen System unterscheiden, das Bewußtsein der Führer von den Instinkten der Geführten, um den unüberbrückbaren Abstand zwischen östlichem und westlichem »Sozialismus« nicht zu verkennen. Was ist der Panslawismus anders als eine westlich-politische Maske für das Gefühl einer großen religiösen Mission? Der russische Arbeiter ist trotz aller Industrieschlagworte von Mehrwert und Expropriation kein Großstadtarbeiter, kein Massenmensch wie der in Manchester, Essen und Pittsburg, sondern ein entlaufener Pflüger und Mäher mit einem Haß gegen die fremde ferne Macht, die ihn für seinen Beruf, von dem die Seele sich doch nicht lösen kann, verdorben hat. Es ist ganz gleichgültig, mit was für Anschauungen der Bolschewismus arbeitet. Wenn in seinen Programmen von allem das Gegenteil stünde, würde seine unbewußte Mission für das erwachende Rußland doch dieselbe sein: der Nihilismus.

Aber die geistige Hefe unsrer Städte begeistert sich dafür. Er ist eine Mode müßiger und zerrütteter Gehirne geworden, eine Waffe verrottender Weltstadtseelen, ein Ausdruck faulen Blutes. Der Salonspartakismus gehört mit Theosophie und Okkultismus zusammen: er bedeutet uns das, was der Isiskult nicht für die orientalischen Sklaven Roms, sondern für entartende Römer selbst war. Daß er in Berlin eingezogen ist, hängt mit der ungeheuren Lüge dieser Revolution zusammen, in der nichts Echtes mehr war. Daß öde Narren hier Bauernräte gründeten, um die Formeln der Sowjets nachzuäffen, daß man nicht merkte, wie dort die Landfrage, hier die Stadtfrage das Problem war, bedeutet wenig. In Deutschland hat der Spartakismus dem Sozialismus gegenüber keine Zukunft. Aber der Bolschewismus wird sich Paris erobern und dort in Verschmelzung mit dem anarchischen Syndikalismus die müde, sensationsbedürftige französische Seele befriedigen. Er wird die Form sein, in welcher das taedium vitae dieser lebenssatten Riesenstadt sich ausdrückt. Er hat als gefährliches Gift für raffinierte Geister im Westen eine größere Zukunft als im Osten.

In Rußland wird ihn die einzig mögliche Form für ein Volkstum unter diesen Bedingungen, ein neuer Zarismus irgendwelcher Gestalt ablösen, und daß dieser den preußisch-sozialistischen Formen näher stehen wird als den parlamentarisch-kapitalistischen, läßt sich vermuten. Die Zukunft des unterirdischen Rußland aber liegt nicht in der Lösung politischer oder sozialer Verlegenheiten, sondern in der sich vorbereitenden Geburt einer neuen Religion, der dritten aus den reichen Möglichkeiten des Christentums, so wie die germanisch-abendländische Kultur um das Jahr 1000 mit der unbewußten Schöpfung der zweiten begann. Dostojewski ist einer der voraufgehenden Verkünder dieses noch namenlosen, aber heute schon mit einer stillen, unendlich zarten Gewalt eindringenden Glaubens.

Wir Menschen des Westens sind religiös fertig. In unsren Stadtseelen hat die frühe Religiosität sich längst zu »Problemen« intellektualisiert. Die Kirche ist mit dem Tridentinum vollendet. Aus dem Puritanismus ist der Kapitalismus, aus dem Pietismus der Sozialismus geworden. Die angloamerikanischen Sekten repräsentieren nur das Bedürfnis nervöser Geschäftsmenschen nach einer Beschäftigung des Gemüts mit theologischen Fragen. Nichts kann jämmerlicher sein als die Versuche eines gewissen Protestantismus, seinen Leichnam mit bolschewistischem Kot wieder lebendig zu reiben. Anderswo ist dasselbe mit Okkultismus und Theosophie versucht worden. Und nichts ist trügerischer als die Hoffnung, die russische Religion der Zukunft werde die westliche befruchten. Darüber sollte heute schon kein Zweifel bestehen: der russische Nihilismus richtet sich mit seinem Haß gegen Staat, Wissen, Kunst auch gegen Rom und Wittenberg, deren Geist sich in allen Formen westlicher Kultur ausgesprochen hat und in ihnen getroffen werden soll. Das Russentum wird diese Entwicklung beiseite schieben und über Byzanz wieder unmittelbar an Jerusalem anknüpfen.

Damit aber ist noch einmal gesagt, wie bedeutungslos der Bolschewismus, diese blutige Karikatur westlicher Probleme, die ihrerseits einst aus westlicher Religiosität hervorgegangen sind, für die große Weltfrage ist, die der Westen heute zur Entscheidung stellt und die nur für das Oberflächenrußland mit gestellt ist: die Wahl zwischen preußischer oder englischer Idee, Sozialismus oder Kapitalismus, Staat oder Parlament.


Ich fasse zusammen. Was in diesen kurzen Ausführungen zur Sprache gekommen ist, sollte demjenigen Teil unsres Volkes, der durch Tatkraft, Selbstzucht und geistige Überlegenheit zur Führung der nächsten Generation berufen ist, ein Bild der Zeit geben, in der wir stehen, und der Richtung, in welche unsre Bestimmung uns weist.

Wir wissen jetzt, was auf dem Spiele steht: nicht das deutsche Schicksal allein, sondern das Schicksal dar gesamten Zivilisation. Es ist die entscheidende Frage nicht nur für Deutschland, sondern für die Welt, und sie muß in Deutschland für die Welt gelöst werden: soll in Zukunft der Handel den Staat oder der Staat den Handel regieren?

Ihr gegenüber sind Preußentum und Sozialismus dasselbe. Bis jetzt haben wir das nicht eingesehen. Wir sehen es auch heute noch nicht. Die Lehre von Marx und die Klassenselbstsucht haben es verschuldet, daß beide, die sozialistische Arbeiterschaft und das konservative Element, sich wechselseitig und damit den Sozialismus mißverstanden haben.

Heute aber ist die Gleichheit des Ziels nicht länger zu verkennen. Preußentum und Sozialismus stehen gemeinsam gegen das innere England, gegen die Weltanschauung, welche unser ganzes Leben als Volk durchdringt, lähmt und entseelt. Die Gefahr ist ungeheuer. Wehe denen, die in dieser Stunde aus Eigennutz und Unverstand fehlen! Sie werden andre und sich selbst verderben. Die Vereinigung bedeutet die Erfüllung des Hohenzollerngedankens und zugleich die Erlösung der Arbeiterschaft. Es gibt eine Rettung nur für beide oder keinen.

Die Arbeiterschaft muß sich von den Illusionen des Marxismus befreien. Marx ist tot. Der Sozialismus als Daseinsform steht an seinem Anfang, der Sozialismus als Sonderbewegung des deutschen Proletariats aber ist zu Ende. Es gibt für den Arbeiter nur den preußischen Sozialismus oder nichts.

Die Konservativen müssen sich von der Selbstsucht befreien, um deren willen schon der Große Kurfürst dem Hauptmann v. Kalckstein den Kopf vor die Füße legte. Demokratie, mag man sie schätzen wie man will, ist die Form dieses Jahrhunderts, die sich durchsetzen wird. Es gibt für den Staat nur Demokratisierung oder nichts. Es gibt für die Konservativen nur bewußten Sozialismus oder Vernichtung. Aber wir brauchen die Befreiung von den Formen der englisch-französischen Demokratie. Wir haben eine eigne.

Der Sinn des Sozialismus ist, daß nicht der Gegensatz von reich und arm, sondern der Rang, den Leistung und Fähigkeit geben, das Leben beherrscht. Das ist unsre Freiheit, Freiheit von der wirtschaftlichen Willkür des einzelnen.

Was ich erhoffe, ist, daß niemand in der Tiefe bleibt, der durch seine Fähigkeiten zum Befehlen geboren ist, daß niemand befiehlt, der durch seine Begabung nicht dazu berufen war. Sozialismus bedeutet Können, nicht Wollen. Nicht der Rang der Absichten, sondern der Rang der Leistungen ist entscheidend. Ich wende mich an die Jugend. Ich rufe alle die auf, die Mark in den Knochen und Blut in den Adern haben. Erzieht euch selbst! Werdet Männer! Wir brauchen keine Ideologen mehr, kein Gerede von Bildung und Weltbürgertum und geistiger Mission der Deutschen. Wir brauchen Härte, wir brauchen eine tapfre Skepsis, wir brauchen eine Klasse von sozialistischen Herrennaturen. Noch einmal: der Sozialismus bedeutet Macht, Macht und immer wieder Macht. Pläne und Gedanken sind nichts ohne Macht. Der Weg zur Macht ist vorgezeichnet: der wertvolle Teil der deutschen Arbeiterschaft in Verbindung mit den besten Trägern des altpreußischen Staatsgefühls, beide entschlossen zur Gründung eines streng sozialistischen Staates, zu einer Demokratisierung im preußischen Sinne, beide zusammengeschmiedet durch eine Einheit des Pflichtgefühls, durch das Bewußtsein, einer großen Aufgabe, durch den Willen, zu gehorchen, um zu herrschen, zu sterben, um zu siegen, durch die Kraft, ungeheure Opfer zu bringen, um das durchzusetzen, wozu wir geboren sind, was wir sind, was ohne uns nicht da sein würde.

Wir sind Sozialisten. Wir wollen es nicht umsonst gewesen sein.

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