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Preisgekrönt

Ernst Eckstein: Preisgekrönt - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
titlePreisgekrönt
authorErnst Eckstein
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeZweiter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectid04acf981
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3.

Am folgenden Mittwoch kehrte Helene seelenvergnügt aus der Verbannung zurück. Sie erzählte ihrer Mama mit großer Beredsamkeit von der ebenso strengen als liebenswürdigen Tante, von den kleinen aber stimmungsvollen Genüssen der Provinzialstadt, und wie der Abschied ihr ordentlich leid getan, verschwieg jedoch, daß sie mit Doktor Maxwaldt regelmäßig korrespondiert hatte, ach, so hold, so reizend, wie je zwei Liebende seit den Tagen des Troilus, und daß diese Korrespondenz, die ihr den zuverlässigen, tüchtigen, praktischen und doch von echtem Sinn für das Schöne beseelten Charakter ihres Verlobten so voll offenbart habe, das einzig Herrliche bei der ganzen Geschichte gewesen sei.

Leopold Maxwaldt ging mit ruhiger Zuversicht seinem Ziele entgegen.

Er hatte eine so jünglingshaft-männliche Art, sein Liebchen zu trösten.

»Du bist mein,« schrieb er z. B., »und ich bin Dein; – ich möchte die Macht der Erde sehn, die uns scheidet.« –

»Ja,« hatte dann wohl Helene geantwortet, »aber eine Entführung ist doch was Schreckliches; sie wird sogar, wie neulich der hiesige Amtsrichter beim Tee behauptete, strafrechtlich verfolgt ... Und wenn ich auch gern und aus freudigem Herzen bekenne: Ich folge Dir bis ans Ende der Welt – so möchte ich doch keinen so fürchterlichen Eklat, denn ich muß unter den Menschen doch schließlich leben, und ich habe Mama so lieb, und sie würde sich tot grämen ...«

»Keine Sorge!« gab Leopold ihr zurück, »Zum Äußersten wird sie's nicht kommen lassen. Ich kenne ja jetzt ihre Hauptbeweggründe. Wollt' ich in meinem Verhältnis zu ihrer Lyrik vollständig umsatteln, so würde sie das natürlich für Heuchelei halten. Aber ich werde mich mäßigen; ich werde mich zum Prinzip des Schweigens bekennen; ich werde sehn, was sich machen läßt. Den Professor unterschätze ich ganz und gar nicht; er ist ein respektabeler Konkurrent; aber da ich Dein Herz besitze, dünkt mich sein ganzes Bewerben eine trostlose Sisyphusarbeit. Laß die Zeit nur gewähren! Vorläufig hab' ich ja noch Verpflichtungen bei dem Geheimrat. Ehe jedoch das neue Jahr in die Lande zieht – verlaß Dich darauf, Du sollst nicht in Zwiespalt geraten mit Deiner Mama! Wo ein Wille ist, sagt das englische Sprichwort, da ist auch ein Weg ...«

Adelaide schien trotz aller Verschwiegenheit ihrer Tochter etwas zu ahnen. Wiederholt betonte sie, äußerst gereizt, daß sie erfreut sei, von Doktor Maxwaldt neuerdings wenig zu hören; der junge Mann sei ihr äußerst fatal; sie werde in Zukunft jede Gesellschaft vermeiden, wo sie Gefahr laufe, mit dem frivolen Kunstverächter zusammenzutreffen.

Auch abgesehen von diesen vorübergehenden Mißstimmungen, die wohl eigentlich nur ein Symptom der bereits vorhandenen Nervosität waren, verfehlte die achttägige Präparations- und Erholungsfrist, die Adelaide sich vorgesetzt, durchaus die erhoffte Wirkung. Das Problem, das Frau von Weißenfels zu gestalten wünschte, kam ihr keine Minute lang aus dem Bewußtsein. Die Personen der Novelle verfolgten sie wie Gespenster; wenn sie des Nachmittags schlummernd auf ihrem Sofa lag, kämpfte sie unbewußt mit den Einzelheiten des Dialogs.

Erschöpft und abgehetzt von diesen Gemütsbewegungen schritt sie endlich ans Werk.

Sieben Tage lang schaffte sie mit unermüdlichem Eifer.

Auf die Fragen ihrer Tochter Helene gab sie zuerst ausweichende und dann wahrheitswidrige Antworten: sie mache Exzerpte aus Pascal und Montesquieu; sie durchfeile die vollendete Hälfte der »Deianeira«; und was so der Notlügen mehr waren.

Da Fräulein Helene sie öfters in ihrer Arbeit gestört hatte, so schloß Adelaide sich vom dritten Tage ab in ihrem »Studiergemach« ein, ließ sich mit großer Regelmäßigkeit zweimal vergeblich zu Tisch pochen und fuhr das arme Helenchen beim drittenmal ganz eigentümlich an. Der scheuen Bemerkung, der Braten werde »zu durch«, oder die Suppe »zu dick«, setzte sie undeutlich gemurmelte Phrasen entgegen, wie »andres im Kopfe«, »Verständnislosigkeit«, »Barbarei«, »Einfluß des Doktors«, »schon lehren« usw.

Endlich am dreizehnten Mai war die Novelle vollendet.

Frau von Weißenfels, die schon drei Tage zuvor im Anzeiger dieserhalb inseriert hatte, bestellte sich einen zuverlässigen Kopisten, ließ das Ganze höchst kalligraphisch ins Reine schreiben, mit dem vielfach bewahrten Motto: ›Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken‹ versehen und das gleiche Motto auf ein Kuvert setzen, das sie dann später, nachdem sie ihre Visitenkarte hineingesteckt hatte, sorgsam verschloß.

Hiernach gab sie das Manuskript mit allen Vorsichtsmaßregeln, die durch die Wichtigkeit der Sache geboten schienen, zur Post.

Ungeduldig zählte sie nun die Tage bis zum Schiedsrichterspruch.

Ihre Zuversicht hatte sich während des Schaffens wieder fröhlich erholt. Der 15. Juni schwebte ihr als ein epochemachender Zeitpunkt, reich an märchenhaft-phantastischen Konsequenzen, vor.

Er gewann schließlich eine Art von Individualität.

Sie träumte von ihm als von einem lockenumwallten Genius, der sich nächtlicherweile aus rosigem Himmelsgewölk auf ihr Lager senkte und ihr zärtlich die hoch erglühende Stirn küßte.

Immer von neuem erwog sie ihre leuchtenden Chancen, und mutig kämpfte sie die Zweifel zu Boden, die ihr aus dem unbestimmten Gerücht erwuchsen, es seien nicht weniger als 340 Arbeiten zur Konkurrenz eingelaufen.

Sie hatte ja vor den gewöhnlichen Novellisten, die hier gemeinsam mit ihr um die Krone rangen, soviel voraus!

Lautete nicht der charakteristische Ausspruch eines unserer berühmtesten Philosophen: »Die Lyrik ist das Urelement aller Dichtung –?«

Wohl: sie beherrschte die Lyrik meisterhaft! Corinna, die Schöpferin der jetzt tatsächlich in Musik gesetzten und schon zweimal gesungenen Strandlieder, gebot über die höchsten und tiefsten Töne menschlicher Leidenschaft.

Eine Novelle also, die keine Reimschwierigkeiten bot, mußte ihr eo ipso gelungen sein, selbst wenn das Thema, das sie gewählt hatte, minder reizvoll gewesen wäre.

Ach, und dies Thema war doch so fesselnd, so stimmungsvoll, so den Humor und die tiefste Tragik verschmelzend, wie kaum wohl ein zweites: eine Herzensgeschichte aus eignem Erlebnis!

Adelaide von Weißenfels hatte in ihrer frühesten Jugend auch einmal, wie soviele edel veranlagte Dichternaturen, glücklos geliebt. Sie sah ihn noch vor sich, den schneidigen, tiefblauäugigen Kavallerieoffizier, der damals ihr Leben und jetzt ihre Dichtung erfüllte. »Wladimir« hatte sie ihn genannt, und der Genius des 15. Juni raunte ihr schmeichelnd ins Ohr, daß dieser Name bereits eine Schöpfung sei.

Minder poetisch faßte der Hausarzt ihre Erregung auf. Nachdem ihn Frau Adelaide wegen starker Migräne zwei- oder dreimal zu Rate gezogen, stellte er die unerwartete Diagnose auf hochgradige Neurasthenie und verordnete seiner Patientin, die stets eine ausgesprochene Ängstlichkeit betreffs ihrer körperlichen Zustände an den Tag gelegt hatte, völlige Ruhe verbunden mit einer gelinden Kaltwasserkur in den herrlichen Fichten- und Tannenforsten eines Thüringer Badeorts. Gemütsbewegung, Überarbeitung und zweckwidrige Ernährung bezeichnete er als die Ursache dieser plötzlichen Nervosität. Die Sache werde im Laufe des Sommers zu heben sein, wenn die Frau Hofrätin augenblicklich ans Werk gehe, die Stadt und ihr geräuschvolles Treiben hinter sich lasse und sich jeder geistigen Tätigkeit möglichst enthalte.

Das war ein schmerzlicher Schlag für die sparsame Dichterin.

Wenn sie jetzt wirklich den ersten Preis gewann, so nahm ihr der unerwartete Aufenthalt in dem freundlichen Saßburg, das der Arzt ihr besonders empfohlen, leider das meiste von dem erhofften klingenden Resultat weg, so daß ihr beinahe nur noch der Ruhm verblieb!

Gleichviel: was nicht zu ändern war, mußte mit Fassung ertragen werden. Sie fühlte ja selbst, daß es mit ihrem Zustand nicht länger so fortgehen konnte. Wenn sie nur siegte, wenn ihr der Kranz nicht entging, den ihr der Genius des 15. Juni schon einigemal wie zur Anprobe über die pochenden Schläfe gehalten! Dann mochte schließlich der gleißende Mammon, so schön es gewesen wäre, sanglos dahinfahren!

»Ja, ja, das Kainszeichen der göttlich-schaffenden Geister – die Nervosität! Ach, daß dem Menschen nichts Vollkommenes wird!«

Am 3. Juni packte sie ihre Koffer. Helene mußte sie natürlich begleiten. Einmal hatte der Arzt dies geboten, da grüblerisches Alleinsein für die Poetin ebenso schädlich sein würde, als geistige Anstrengung und übertriebene Geselligkeit. Dann aber konnte sie das Kind unmöglich in der Hauptstadt zurücklassen, da Doktor Maxwaldt, der Poesieverächter, jetzt wieder häufiger auf der Bildfläche auftauchte, mehrfach höchst unziemliche Fensterpromenaden und ähnliche Demonstrationen in Szene gesetzt hatte und überhaupt ein Charakter schien, dem eine kluge Mama nicht über den Weg traute.

Am Abend vor der Abreise hatte Corinna-Adelaide noch eine umständliche Konferenz mit der Flurnachbarin, einer älteren unverheirateten Dame von großer Schlichtheit des Auftretens, die sich gelegentlich bei der Köchin Adelaidens ein Plätteisen warm stellte oder sich auf ein Stündchen das »Weltall« und die Beilage des Anzeigers holte.

Fräulein Marie Keßler hatte den kleineren Teil des Stockwerks inne, dessen weitaus größeren Teil Adelaide bewohnte. Beide Parteien verkehrten sozusagen nur wirtschaftlich. Fräulein Keßler in ihrer stillen Demut hätte sich nie getraut, der Frau Hof- und Schulrätin, die – namentlich seit sie Witwe geworden – das Haupt sehr hoch trug, einen förmlichen auf gesellschaftliche Ansprüche hinzielenden Besuch abzustatten. Nur einmal, als es im Nebenhaus brannte, war sie, das Schaltuch um die knochigen Schultern geschlagen, angstvoll hinübergehuscht, hatte schüchtern gepocht und war mit gebührender Leutseligkeit empfangen worden. Ab und zu richtete auch Helene ein freundliches Wort an sie. Im übrigen herrschte zwischen der armen Privatlehrerin und der wohlhabenden Adelaide keinerlei ernste Beziehung.

Jetzt aber, da die Koffer gepackt auf der Hausflur standen, und Adelaide sich schon zum zehnten Male versichert hatte, daß der Schnellzug um 7 Uhr 50 Minuten aus dem nordvorstädtischen Bahnhof abfuhr, trat eine seltsame Wandlung ein.

Die erregte Poetin benutzte den Umstand, daß ihre Tochter noch eine Abschiedsvisite bei einer ganz in der Nähe wohnenden Freundin machte, um Fräulein Keßler in ihrem traulich-bescheidenen Wohnstübchen recht zeremoniell aufzusuchen, ihr die Hand zu drücken, von der bevorstehenden Reise zu sprechen und ihr endlich mit überraschender Liebenswürdigkeit eine Bitte ans Herz zu legen.

»Ich empfange nur wenig Briefe,« sagte sie mit einem Blick der Genugtuung in das sichtlich geschmeichelte Antlitz der Nachbarin. »Darf ich Sie, liebes Fräulein, ersuchen, dieselben während unserer Abwesenheit in Verwahrung zu nehmen? Ich schicke nämlich das Dienstmädchen für sechs bis acht Wochen nach Hause. Das ist mir sicherer, als wenn ich mir sagen muß: Deine Wohnung wird vielleicht, ohne daß du es ahnst, eine Filiale der Grenadierkaserne ...«

Das Fräulein errötete. Ein protestierendes »O!« schwebte ihr auf den Lippen. Sie unterdrückte es, da sie der Hofrätin nicht widersprechen wollte, und sagte nur:

»Mit dem größten Vergnügen ...«

»Danke,« versetzte Adelaide wohlwollend. »Nun noch eins, liebes Fräulein. Es wäre wohl denkbar, daß ..., daß eine Wertsendung für mich einträfe. Diese Wertsendung möchte ich nachgesandt haben. Würden Sie wohl so freundlich sein, dem Briefträger alsdann sofort meine Adresse zu übermitteln? Ich schreibe sie Ihnen hier auf: Saßburg, Hotel Herzog Karl. Wir haben die Zimmer bereits bestellt.«

»Gewiß, gewiß,« stammelte Fräulein Keßler, die Karte mit der Bleistiftnotiz der Hofrätin ehrfurchtsvoll in Empfang nehmend.

»Sie sind die Liebenswürdigkeit selbst. Aber das ist nicht alles. Ich bin so frei, Ihnen hier fünfzig Pfennige zu behändigen. Ich mochte Sie bitten, mir sofort, wenn die Wertsendung eintrifft, dieses Eintreffen telegraphisch zu melden. Es handelt sich um eine Angelegenheit von so hohem Belang, daß ich geradezu brenne, sobald als tunlich von der bangenden Ungeduld, die mich heimsucht, erlöst zu werden. Ich bin seit einigen Wochen so fiebrisch nervös, daß der Gedanke, nur fünf Minuten länger als nötig in Ungewißheit zu schweben, mir förmliche Qual bereitet. Sie können das nachfühlen?«

»Vollkommen, gnädige Frau,« sagte die Lehrerin. »Seien Sie fest überzeugt ... Zur besonderen Ehre werd' ich's mir rechnen, unverzüglich zu telegraphieren. Ich bin ja den ganzen Tag über hier. Und die fünfzig Pfennige kann ich ja auslegen; wirklich, Frau Hofrätin ...«

»Nein, nein! Alles muß seine Ordnung haben. Nochmals: ich danke Ihnen, und hoffe, daß Sie mir schon am sechzehnten ... Ich will sagen, es wäre ja möglich ... Bleiben Sie recht gesund!«

Etwas verwirrt brach sie ab. Wenn Fräulein Keßler um das Preisausschreiben und seine Bedingungen wußte! Aber das war ja nicht anzunehmen.

Adelaide drückte dem alten Fräulein zärtlich die Hand.

Das war also abgemacht. Hielt das Preisgericht Wort, mußte sie in der Tat am sechzehnten aller Ungewißheit enthoben sein. »Die Ehrenpreise,« so hieß es ausdrücklich in einer Notiz am Schlusse des ersten Maiheftes, »werden sofort am Abend des 15. Juni an die preisgekrönten Autoren in bar versandt. Auch betreffs aller sonstigen Punkte sichern wir eine Schnelligkeit der Erledigung zu, wie sie bei ähnlichen Konkurrenzen niemals erlebt worden ist. Dies zur Erwiderung auf zahlreiche an uns gerichtete Anfragen.«

Ja, ja, das »Weltall« verstand sein Metier! Es war eine Freude, mit einem so prompten Blatte zu arbeiten – geschweige denn, von seinem ästhetischen Tribunale bekränzt zu werden!

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