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Preisgekrönt

Ernst Eckstein: Preisgekrönt - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
titlePreisgekrönt
authorErnst Eckstein
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeZweiter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectid04acf981
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2.

Professor Schmidthenner, von dem Vorgefallenen alsbald unterrichtet, fühlte sich zwar ein wenig niedergeschlagen, sprach jedoch sich und der trauernden Dichterin mit gewohnter Beredsamkeit Mut ein.

Nach längerer Debatte faßte man den Beschluß, Fräulein Helene zunächst von dem Schauplatz ihrer so unliebsamen Herzenserlebnisse für einige Monate zu entfernen.

Adelaide besaß in ihrer Geburtsstadt eine Cousine, die sich gerne bereit erklärte, das junge Mädchen zu sich zu nehmen und ihren Wandel, insbesondere auch ihre Korrespondenzen, mit gebührender Strenge zu überwachen. Tante Möbius galt, wie Schmidthenner mit rücksichtsvoller Umschreibung betonte, in den weitesten Kreisen für einen Drachen; die würde dem törichten Kinde die albernen Mucken schon austreiben. Herrn Doktor Maxwaldt direkt vor den Kopf zu stoßen, schien dem Professor unzweckmäßig; das Gescheiteste war, ihn möglichst zu ignorieren.

Doktor Maxwaldt bildete seit Helenens Abreise trotzdem für Schmidthenner und Adelaide ein häufig berührtes Thema der Konversation.

»Ich fürchte,« sagte Aloys eines Abends, »dieser kritisch-verneinende Geist hat es gewagt, das dichterische Talent der Mama bei der Tochter herabzusetzen.«

»Wie?« fragte die Hofrätin, jäh im Sessel emporfahrend.

»Ich vermute es, und ich habe so meine Symptome. Natürlich geschieht diese pöbelhafte Beleuchtung nur in der Absicht, mich, den Bewunderer Ihres Talentes, zu diskreditieren, mich der niedrigsten Schmeichelei zu verdächtigen und so eine dauernde Antipathie gegen mich zu erzeugen. Es wäre wirklich ein Götterglück, wenn Sie der Welt einmal durch einen besonders glänzenden Coup den Beweis lieferten, daß Sie in der Tat ein Talent sind.«

»So?« meinte Adelaide erstaunt. »Habe ich diesen Beweis erst noch zu erbringen? Die ›Strandlieder‹, die ganz Tilsit in Aufruhr versetzten, mein Sonett ›Wandelnde Schatten‹ ...«

»Ja, ja, das alles ist schön und gut. Aber nirgends gilt so das alte Sprichwort von dem Geschmack, über den nicht zu streiten ist, als auf dem heiklen Gebiete der Lyrik. Ich erinnere Sie zum Beispiel an Martin Greif, der von den einen vergöttert wird, während die anderen vornehm auf ihn herablächeln. Ja, wenn Ihre epische Dichtung ›Deianeira‹ ...; dennoch, ich fürchte, der Stoff liegt unserem Publikum etwas zu fern. Und dann – Sie verzeihen – aber Ihre Behandlung entspricht meines Erachtens nicht völlig dem, was der Leser erwarten muß. Das verwickelte Metrum der Ottave rime verführt Sie zu lyrischen Exkursionen, die, an sich zwar berauschend, gleichwohl den Gang der Handlung gar zu erheblich beeinträchtigen.«

Adelaide von Weißenfels gab dem Professor eine ausweichende Antwort. Zum ersten Male seit der Erneuerung ihrer Bekanntschaft lenkte sie absichtlich das Gespräch vom Gebiete der literarischen Produktion ab. Sie erzählte von ihrer Tochter, die auf dem besten Wege sei, das kindische Gaukelspiel mit Maxwaldt und seiner vermeintlichen Liebe ad acta zu legen.

»Sie ist ganz vergnügt,« schreibt mir meine Cousine; »gar nicht wie ein geknicktes Rohr. Am letzten Montag haben sie eine Schlittenpartie unternommen: Helene soll auf der Heimfahrt geradezu ausgelassen gewesen sein. Ich sagte es ja: Beziehungen zu Persönlichkeiten ohne Gemüt können nur oberflächliche, rein konventionelle sein; echte Liebe ist nur möglich auf dem Untergrund wirklicher Poesie.«

So plauderte Adelaide, ohne zu ahnen, daß die Fröhlichkeit ihrer Helene bei jener Montagspartie einem reizenden, flammensprühenden Briefe zu danken war, den sich das kluge Mädchen früh beim Befolgen einiger dringend notwendigen Steck- und Nähnadeln unter der Chiffre ›H. v. W. 20‹ vom Kaiserlichen Postamt geholt hatte.

Professor Schmidthenner verabschiedete sich, ohne auf die »Deianeira« zurückzukommen. Die Worte aber, die er zu Adelaiden betreffs ihres Dichterruhmes gesprochen hatte, verfolgten sie unablässig. Schmidthenner hatte recht! Sie zählte jetzt vierzig Jahre. Beim Phöbus, nun war es die höchste Zeit, die skeptisch klügelnde Welt durch eine gewaltige »Tat in Worten« endgültig niederzuschmettern! Adelaide mußte etwas gestalten – knapp, wuchtig, fesselnd, eigenartig und gemeinverständlich zugleich; sie mußte endlich das leisten, was Schiller mit seinen Räubern und Goethe mit seinem Werther geleistet.

Vier Tage lang schlich sie, von diesem Gedanken beherrscht, wortlos umher wie der Jüngling von Sais, nachdem er den Schleier hinweggezogen.

Am fünften Tage bot ihr ein Gott die errettende Hand.

Das neueste Heft des »Weltalls« ward ihr ins Haus geschickt, und da sie es öffnete, las sie die pomphafte Ankündigung eines Preisausschreibens.

Der Prospekt lautete:

»Zur Belebung der in Deutschland immer noch stark vernachlässigten ›Kurzgeschichte‹ ( short-story) setzen wir für die drei besten Novelletten, die bis zum 15. Mai inkl. uns zugehen, drei Preise aus, und zwar 900 Mark für die beste, 600 Mark für die zweitbeste und 300 Mark für die drittbeste Novelle. Die Manuskripte, deren Umfang sich auf mindestens fünf bis höchstens fünfzehn Spalten des ›Weltalls‹ belaufen soll, dürfen nicht von der Hand des Autors geschrieben, auch nicht mit dem Namen des Autors bezeichnet sein, sondern lediglich rechts oben ein Motto tragen. Ein mit dem gleichen Motto versehenes, wohlverschlossenes Kuvert, das den Namen und die genaue Adresse des Autors enthält, ist beizulegen. Die Preisverteilung erfolgt am 15. Juni; die Resultate werden im ersten Julihefte bekannt gemacht.

Als Preisrichter fungieren usw. usw.

Die Eröffnung der Kuverts – auch derjenigen, die den ungekrönten Arbeiten anliegen – erfolgt unter strengster Diskretion im Privatbureau des Verlegers.

Die Redaktion und die Verlagshandlung des Weltalls.«

Adelaide von Weißenfels hatte noch nicht zu Ende gelesen, als der Entschluß in ihr reifte, die hier so freigebig angebotenen neunhundert Mark – auf einen zweiten oder gar dritten Preis reflektierte sie nicht – zu verdienen. Mit dem Glorreichen verknüpfte sie so das Nützliche. In Geldsachen war die Frau Hofrätin ja von Urbeginn über Gebühr zartfühlig. Neunhundert Mark, die ihr so völlig unerwartet als Nebeneinnahme zufielen, dünkten ihr an und für sich schon des Schweißes der Edlen wert und lockten ihre bewegliche Phantasie mit gar entzückenden Bildern. Sie erwog bereits, wie sie den »hübschen Zuschuß« demnächst verwenden solle, und raffte sich zu der Anschauung auf, daß sie zwar etwa drei Viertel des ruhmvoll geernteten Kapitals zinsbar anlegen, den Rest jedoch im Jubel über den frisch erkämpften Lorbeer rückhaltslos einem Extravergnügen opfern müsse. Das erheischte nicht nur die Dankbarkeit gegen das Schicksal; nein, es war ihr ein unabweisliches Herzensbedürfnis, durch eine ungewöhnliche Ausgabe öffentlich zu bekunden, daß ihr Triumph ein Ereignis von verblüffender Tragweite sei. Durch ein Kollegium, das sich vorgesetzt hatte, die Pflege der »Kurzgeschichte« (short-story) zu beleben, als die vornehmste Stütze dieser Bestrebungen amtlich gekrönt zu werden, – der Gedanke machte sie schwindeln! Je höher aber das Ziel, um so mächtiger wuchs ihre Zuversicht. Adelaide verwechselte eben die kleine Tafelrundengesellschaft, wo sie in Wahrheit eine bedeutende Stellung einnahm, mit dem riesigen Tempel der Literatur.

Der ganze Tag verging ihr so in phantastischer Aufregung. Alle Phasen der Zukunft spielten sich vor ihr ab, – von dem ersten Ansetzen ihres begeisterten Griffels bis zu den Görlitzer Brauereiaktien, die sie zu kaufen gedachte; vom Versenden des Manuskripts bis zu dem ländlichen Ballfest, das ihr die würdigste und zugleich billigste Siegesfeier bedünkte. Reminiszenzen an die isthmischen und olympischen Spiele zuckten ihr durchs Gehirn; das Bild eines altklassischen Vaters schwebte ihr vor der Seele, den die Freude über den Ruhm seines Sohnes getötet hatte ...

»Nein, ich will meine Gefühle im Zaum halten!« hauchte sie und preßte die Hände wie friedenspendend auf ihre pochende Brust. »Nicht übermütig noch stolz will ich werden, sondern wie August von Platen nur in stiller Bewunderung dem Genius huldigen, der mich besucht hat!«

Wie berauscht ging sie zu Bette, und bis lange nach Mitternacht trieben und jagten sich ihre farbenreichen Gedanken. Noch im Traume sah sie sich – ein weiblicher Tasso – auf den Stufen des Kapitols: eine ritterlich-edle Gestalt, in der sie freudigen Herzens ihren trefflichen Jugendfreund, den Literaturprofessor Aloys Schmidthenner wiedererkannte, hielt ihr mit weihevoller Gebärde den Kranz entgegen.

Trotz dieser für beide Teile so schmeichelhaften Vision nahm sich die Hofrätin früh beim Erwachen vor, selbst den Professor nicht ins Vertrauen zu ziehen. Es sollte die blendendste Überraschung werden – für Helene, für Aloys, für den skeptischen Doktor Maxwaldt; kurz für alle, die zu den Schöpfungen Adelaidens irgendwie ein Verhältnis hatten.

Mit glühendem Feuereifer ging die Poetin ans Werk.

Adelaide hatte sich das Erfinden interessanter Konflikte und fesselnder Charaktere doch etwas leichter gedacht.

Die Stoffwahl bot ihr zunächst erhebliche Schwierigkeiten.

Fünf, sechs Pläne warf sie vertrauensvoll aufs Papier, um beim Versuche der Ausarbeitung sofort zu entdecken, daß hier – »trotz aller Größe des Grundgedankens« – die Pointe fehlte.

Wenn sich dann wirklich einmal etwas ergab, was wie der Gipfelpunkt einer geflossenen Komposition aussah, dann ließ sich aus der mühsam zurecht gezimmerten Anekdote kein Duft, keine Stimmung, kein harmlos frischer Humor schlagen. Und der Humor lag der Verfasserin der in Tilsit bewunderten Strandgesänge doch mindestens ebenso gut wie die Tragik. Merkwürdig nur, daß die innere Potenz so gar nicht heraustreten wollte. Sie stöhnte und würgte förmlich an dieser verborgenen Fülle: alles umsonst!

Das waren traurige Tage und Wochen!

So sehr Adelaide bemüht war, den quälenden Zwiespalt ihres Gemüts zu verbergen, er trat dennoch zutage; besonders in den Vereinssitzungen der Tafelrunde, wo sich die sonst so milde und weihevolle Poetin als überaus reizbar erwies und sich mehrfach sogar zu Ausdrücken wie »ungebührlich«, »lächerlich« usw. verirrte, die der Herr Vorsitzende – nach Paragraph zwölf der Statuten – als unparlamentarisch zu rügen hatte.

Professor Schmidthenner schrieb die augenscheinliche Nervosität seiner Freundin dem irrtümlich von ihm vermuteten Fortschreiten der altklassischen Ballade »Deianeira« zu. Da er bemerkte, daß die frühere Mitteilsamkeit Adelaidens einer sonderbaren Verschlossenheit Platz gemacht hatte, so drang er nicht weiter in sie, sondern sagte nur einmal anspielungsweise:

»Ja, ja, die Ottave rime! Die haben's in sich!«

»Meinen Sie?« fragte die Hofrätin.

»Ein verteufeltes Versmaß! Die dreimal wiederkehrenden Reime! Und, wie gesagt – die Ottave verleiten zur Abschweifung. Ihr Talent freilich ...«

Adelaide seufzte.

Augenblicklich betonte der höfliche Literaturprofessor, der den unwillkürlichen Klagelaut seiner Freundin als den Verräter heimlicher Strophen- und Reimschmerzen interpretierte, die immer noch wachsende Popularität Corinnas in der Gegend von Tilsit und sprach von der mündlich geäußerten Absicht eines namhaften Komponisten, der mit dem Plane umging, eines der prächtigen Strandlieder in Musik zu setzen.

Selbst diese Eröffnung, die von der Hofrätin sonst mit heiligster Freude begrüßt worden wäre, blieb diesmal ohne ersichtlichen Eindruck. Das Preisausschreiben beherrschte die unglückliche Adelaide so vollständig, daß alle übrigen Organe ihres Empfindens erstorben schienen.

Endlich zu Anfang Mai hatte sie einen Stoff gefunden, der ihr niedergedrücktes Selbstgefühl wieder aufrichtete.

»Die geborene Kurzgeschichte!« sagte sie strahlend, als sie die glücklich vollendete Disposition kritisch durchmusterte. »Einfach, sinnig und doch voll urdramatischer Kraft! Nun acht Tage Erholung – und dann rüstig ans Werk!«

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