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Predigten durch ein Jahr

Martin Luther: Predigten durch ein Jahr - Kapitel 35
Quellenangabe
typespeech
authorMartin Luther
titlePredigten durch ein Jahr
senderandreas.janssen@gmx.co.uk
created20010526
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Sonntag nach Epiphanias

Lukas 2,41-52

Und seine Eltern gingen alle Jahre gen Jerusalem auf das Osterfest. Und da er 12 Jahr alt war, gingen sie hinauf denn Jerusalem, nach Gewohnheit des Festes. Und da die Tage vollendet waren, und sie wieder zu Hause gingen, blieb das Kind Jesus zu Jerusalem, und seine Eltern wußten es nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise und suchten ihn unter den Gefreundeten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wiederum gen Jerusalem und suchten ihn. Und es gab sich nach drei Tagen, fanden sie ihn im Tempel sitzen mitten unter den Lehrern, daß er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antwort. Und da sie in sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich habe dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Was ist es, daß ihr mich gesucht habt? Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, daß meines Vaters ist? Und sie verstanden daß Wort nicht, daß er mit ihnen redete. Und erging mit ihnen hinab und kamen gen Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Dies ist ein Evangelium, daß uns vorhält ein Beispiel des heiligen Kreuzes, wie es mit denen zugeht, die da Christen sind, und wie sich dieselben darin halten sollen. Denn wer ein Christ sein will, muß sich das überlegen, daß er helfe das Kreuz tragen; denn Gott wird ihn zwischen die Sporen fassen und prüfen, ob er weich werde, denn es wird keiner ohne Leiden zu Christus kommen. Darum ist uns hier dieses Beispiel erzählt, dem wir nachfolgen sollen. Das wollen wir hören.

Obwohl die Heilige Maria, die hoch begnadet ist, ohne Zweifel die größte Lust und Freude an ihrem Kind gehabt hat, hat sie doch der Herr also regiert, daß sie nicht das Paradies an ihm gehabt hat, und hat es ihr eben genau so aufgespart als den anderen für das zukünftige Leben. Darum hat sie auch auf Erden viel Unglück, Schmerzen und Herzeleid haben müssen. Dieses war der erste Jammer der ihr widerfuhr, daß sie mußte zu Bethlehem gebären an einem fremden Ort, da sie keinen Raum hatte mit ihrem Kinde, denn im Stall zu liegen. Das andere, daß sie bald danach, nach den sechs Wochen, mußte in ein fremdes Land, nach Ägypten mit dem Kind fliehen; welches alles ein schlechter Trost gewesen ist. Diese Stöße wird sie ohne Zweifel viel mehr gehabt haben, die hier aber nicht alle beschrieben sind.

Also ist dies hier auch von diesen eins, da er ihr aber ein Unglück auf den Hals legt, bleibt zurück von ihr im Tempel, und läßt sich so lange suchen und sie findet ihn nicht. Das hat sie so erschreckt und betrübt gemacht, daß sie verzagen wollte, wie sie auch sagt: «Ich und dein Vater haben dich mit Schmerzen gesucht.» Denn es ist zu denken, daß ihr Herz also gedacht hat: Siehe, daß Kind ist mein allein, daß weiß ich, das hat mir Gott gegeben, und befohlen, daß ich darauf aufpassen, wie kommt es nun, daß es verloren ist? Es ist nun meine Schuld, daß ich nicht genug Achtung gegeben habe; und vielleicht will Gott nicht, weil ich nicht würdig bin, seine Mutter zu sein, und Gott will es wieder von mir nehmen. Da wird ohne Zweifel ihr Herz erschrocken sein, und voll Schmerz gewesen.

Da siehst du, wie es ihr geht, ob sie gleich die Mutter ist und sich des Kindes wohl könnte rühmen vor allen anderen Müttern, also, daß sie eine große Freude wie nie zuvor gehabt hat, doch jetzt siehst du, wie Gott ihr Herz bloß und nackend auszieht, daß sie nicht mehr sagen kann, ich bin seine Mutter; und gemacht, daß sie also einen Schrecken kriegt von dem Kind, daß sie nun gewünscht haben möchte, daß sie ihn nie gesehen noch bekommen hätte, also hätte mögen größere Sünde tun, denn als nie eine andere Mutter getan hat.

Also kann unser Herr Gott handeln, daß er uns unsere Freude und Trost nimmt, wann er will, und uns auch damit am meisten erschrecken, davon wir sonst die größte Freude haben; und wiederum, die größte Freude gibt davon, daß uns am meisten erschreckt. Denn das ist ihre größte Freude gewesen, daß sie des Kindes Mutter geworden war, so hat sie jetzt keinen größeren Schrecken, denn eben davon. Also haben wir auch keinen größeren Schrecken, denn von Sünde und Tod; doch kann uns Gott darin also trösten, daß wir uns wie Paulus rühmen dürfen: Römer 7: daß die Sünde eben dazu gedient habe, daß wir rechtfertigt würden, und das wir auch gern wollten tot sein und begehren zu sterben.

Also haben wir nun hier die großen Leiden dieser Mutter Christi, daß sie ihres Kindes beraubt war, dazu, daß ihr auch ihre Zuversicht gegen Gott genommen wird; denn sie mußte fürchten, daß Gott mit ihr zürnte und wollte sie nicht zur Mutter seines Sohnes haben. Es wird aber niemand recht verstehen, wie ihr da zu Mute gewesen ist. Darum sollen wir das Beispiel auch auf uns ziehen; denn es ist nicht um ihret-, sondern um unseretwillen geschrieben. Denn Maria braucht es nicht mehr; darum müssen wir uns danach richten, auf das wir uns, wenn uns auch solches widerfährt, dazu gerüstet sind.

Also, wenn Gott uns einen feinen starken Glauben gegeben, daß wir daher gehen in starker Zuversicht und sicher sind, daß wir einen gnädigen Gott haben, und auch darauf trotzen können, so sind wir im Paradies. Wenn uns aber Gott das Herz entfallen läßt, daß wir meinen, er wolle uns den Herrn Christum aus dem Herzen reißen; also das unser Gewissen fühlt, daß es ihn verloren habe, und dann zappelt und verzagt, daß die Zuversicht untergeht: dann ist Jammer und Not da. Denn ob das Herz auch schon nichts von Sünden weiß, so kann es doch verzagen, daß es denkt: Wer weiß, ob mich Gott haben will; wie hier die Mutter zweifelt, daß sie nicht weiß, ob er sie noch zur Mutter haben will. Also spricht das Herz auch, wenn es solche Stöße fühlt: Ja, Gott hat dir wohl bisher einen feinen Glauben gegeben; aber vielleicht will er ihn von dir nehmen und dich nicht weiter haben. Aber solche Anstöße zu halten, gehören starke Geister zu, und sind nicht viel Leute, die Gott so angreift. Wir müssen uns aber dennoch darauf trösten, ob es uns auch so ginge, daß wir dann nicht verzweifeln.

Und solche Beispiele haben wir auch mehr in der Schrift; als, da wir lesen von Josua Kapitel 7,6.-7. Dem hatte Gott große und starke Verheißungen getan, daß er sollte die Heiden vertilgen, und vermahnt ihn selbst, daß er ja sollte keck sein und frisch gegen die Feinde gehen, wie er auch tat. Was geschah aber? Da er in solchem köstlichen Glauben stand, begab es sich, da er einmal bei 3000 Mann an eine Stadt richtet, daß sie sie gewinnen sollten; die waren auch Stolz weil sie sahen, daß es eine kleine Stadt und wenig Volk darin war. Und da sie nun an die Stadt kamen, brachen die Feinde aus der Stadt heraus und schlugen das Volk weg. Da viel Josua nieder auf die Erde auf sein Angesicht und durfte den ganzen Tag nicht zum Himmel sehen, und fing an zu schreien und klagen zu Gott und sprach: Ach warum hast du uns hierher geführt, daß du uns in die Hände unserer Feinde kommen läßt? Sieh, da lag sein Glaube nieder und wollte verzagen, daß ihn Gott selbst mußte aufrichten. Solches tut Gott mit seinen großen Heiligen, denen nimmt er zuweilen den Christum aus dem Herzen, das ist, ihren Glauben und Zuversicht.

Aber das geschieht alles aus überschwenglicher Gnade und Güte, daß wir ja auf allen Seiten spüren sollen, wie freundlich und lieblich der Vater mit uns umgeht und uns bewährt, daß sich unser Glaube übe und je stärker und stärker werde. Und besonders tut er es, die Seinen wieder zweierlei Unglück zu bewahren, die sonst folgen möchten. Zum ersten, wenn sie so starken Geist und trotzig sind, möchten sie zuletzt auf sich selbst fallen, daß sie meinten, sie täten es aus eigenen Kräften. Darum läßt er manchmal ihren Glauben fehlen und niederlegen, daß sie sehen, wer sie sind, und sprechen müssen: Wenn ich schon wollte Glauben, so kann ich nicht. Also demütigt der allmächtige Gott die Heiligen und hält sie in ihrer Erkenntnis. Denn die Natur und Vernunft will immer auf Gottes Gaben fallen und an denselben hängen. Darum muß er somit uns handeln, daß wir sehen, daß er uns den Glauben ins Herz geben muß und wir ihn nicht selbst machen können. Also soll bei einander stehen, beides Gottesfurcht und seine Zuversicht, daß wir durch beides gehen, auf das der Mensch nicht vermessen und sicher werde, und auf sich falle. Dies ist eine Ursache, warum Gott die Heiligen so hoch versucht.

Zum anderen, tut er es uns zu einem Beispiel. Denn wenn wir in der Schrift kein Beispiel hätten von den Heiligen, denen es auch so gegangen wäre, so könnten wir solches nicht tragen, und das Gewissen würde also sagen: Ich bin’s allein, der in solchem Leiden steckt und Gott hat nie einen so liegen lassen; darum muß es ein Zeichen sein, daß Gott mich nicht haben will. Weil wir aber sehen, daß es der Jungfrau und anderen Heiligen auch so gegangen ist, so haben wir dennoch einen Trost, daß wir nicht verzagen, und ein Beispiel, daß wir sollen still halten und warten, bis Gott kommt und uns stärkt.

Denn von solchem Leiden haben wir mancherlei Beispiele in der Schrift, und daher gehört auch, was der Prophet David sagt im Psalm 31,23: «Ich habe gesagt, da ich entzückt war: Ich bin verworfen von deinem Angesicht»; das ist, wenn das Gewissen also sagt: Gott will mich nicht. Diese Leiden sind über allen Maßen schwer; darum schreien die Heiligen darin auch über die Maßen sehr; denn wenn Gott ihnen nicht heraus hülfe, so wären sie in der Hölle. Die anderen Anfechtungen und Leiden sind alles noch Fuchsschwänze dagegen wenn man einem sein Gut und Ehre nimmt und desgleichen: als, da man die unschuldigen Kindlein tötete und Jesus in Ägypten fliehen mußte. Das sagt der Prophet auch an einem anderen Ort, Psalm 94,17. «Hättest du mir, Herr Gott, nicht geholfen, so hätte es nicht um ein Haar gefehlet, daß meine Seele in der Hölle geblieben wäre.» So groß wird der Schrecken und die Angst in diesen Nöten. Darum läßt es nun Gott also gehen, daß wir solche Beispiele fassen und uns damit trösten, auf das wir nicht verzweifeln; denn wenn der Tod kommen wird, so werden solche Anfechtungen an uns fallen. Darum müssen wir uns darauf rüsten.

Das ist die Geschichte und Beispiel des hohen Leidens, daß uns in diesem Evangelium gezeigt ist; aber daneben ist wiederum angezeigt, wo man Trost finden soll. Denn seine Eltern verlieren ihn und kommen eine Tagesreise von ihm, suchen ihn unter den Freunden und Bekannten, da ist er nicht; und gehen weiter gen Jerusalem, da finden sie ihn auch nicht; am dritten Tag in dem Tempel, da läßt er sich finden. Da hat uns Gott angezeigt, wo wir Trost und Stärke finden sollen in allerlei Leiden, und besonders in diesem hohen Leiden, daß wir den Herrn Christum finden können, nämlich, daß wir ihn suchen im Tempel. Denn also spricht er zu ihnen: «Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, daß meines Vaters ist?»

Und hier ist zu merken, daß Lukas sagt, daß sie das Wort nicht verstanden haben, welches er mit ihnen redete. Denn damit hat er den unnützen Schwätzern das Maul gestopft, die die Jungfrau Maria gar zu hoch heben und preisen, daß sie alles wohl gewußt und nicht hätten irren müssen. Denn hier siehst du, wie sie der Herr fehlen läßt, daß sie ihn lange sucht und doch nicht findet, bis am dritten Tag im Tempel. Da fährt er sie dazu an und spricht: «Was ist es, daß ihr mich sucht; wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, was meines Vaters ist?» So versteht sie auch das Wort nicht, daß er zu ihr sagt. Darum sind jenes eitel Lügendinge, und die Jungfrau darf des erdichteten Lobes nicht. Gott hat sie also geführt, daß er ihr viel verborgen hat und in viel Unglück geworfen, auf daß er sie in Demut hielte, daß sie sich nicht ließe besser dünken denn andere.

Daß ist aber nun hier der Trost, wie ich gesagt habe, daß sich Christus nicht läßt finden denn allein im Tempel, das ist, in dem, daß Gottes ist. Was ist aber Gottes? Sind es nicht alle Kreaturen? Wahr ist es, daß alles Gottes ist: aber eigentlich ist es die heilige Schrift und sein Wort; denn das andere alles ist uns gegeben. So ist nun Summa Summarum hiervon: Niemand soll sich unterstehen, einen anderen Trost zu schöpfen oder zu finden denn als in dem Wort Gottes; denn den Sohn wirst du nirgend finden denn als allein im Tempel. Da siehe nun die Mutter an, die versteht solches noch nicht, weiß nicht, daß sie im Tempel suchen soll, und weil sie ihn sucht unter den Bekannten und Freunden und nicht an dem rechten Orte, so fehlet sie.

Darum habe ich oft gesagt und sage noch, daß in der Christenheit nichts gepredigt werden soll denn als das lautere Wort Gottes. Dazu stimmt dies Evangelium auch, daß sie den Herrn nicht finden unter den Bekannten und Freunden. Darum gilt es nicht, wenn man sagt, man müsse glauben, was die Konzilien beschlossen haben, oder was Hieronimus, Augustinus oder andere heilige Väter geschrieben haben; sondern man muß einen Ort anzeigen, da man Christum findet, und kein anderen, nämlich, den er selbst anzeigt und sagt: Er müsse sein in dem, daß seines Vaters ist, das ist, niemand würde ihn finden als allein im Wort Gottes. Darum was die Heiligen Väter lehren, soll man ja nicht so annehmen, daß man mit dem Gewissen darauf vertraue und darin Trost suche. Wenn man nun zu dir sagt: Ei, soll man nicht den Heiligen Väter glauben? So kannst du antworten: Christus läßt sich nicht finden unter den Bekannten und Freunden. Und wäre es wohl recht, daß wir Christen dieses Beispiel aus dem heutigen Evangelium annehmen, um gleich ein Sprichwort daraus nähmen, daß wir brauchten wieder alle Lehre, die nicht Gottes Wort ist.

Daß wir aber dies besser behalten, und klar machen, müssen wir sehen, was man uns anderes gelehrt hat denn Gottes Wort. Bisher haben wir dreierlei Lehre gehabt. Zum ersten, ist das die gröbste, so St. Thomas gelehrt hat; welcher aus der heidnischen Lehre und Kunst kommt, von dem großen Licht der Natur, Aristoteles, geschrieben hat. Davon sagen sie so: Das sei wie eine hübsche, helle Tafel, und Christi Wort sei wie die Sonne. Und gleich als die Sonne auf eine solche Tafel scheint, daß sie dann schöner leuchtet und scheint: also scheint auch das göttliche Licht auf das Licht der Natur und erleuchtet es. Mit diesem hübschen Gleichnis haben sie die heidnische Lehre auch in die Christenheit gebracht, daß haben die hohen Schulen allein gelehrt und getrieben, aus dieser Lehre hat man Doktoren und Prediger gemacht. Das hat sie der Teufel gelehrt zu reden. Also ist Gottes Wort zu Füßen gelegen; denn wenn das hervor kommt, so stößt es solche Teufelslehren alle zu Pulver.

Zum anderen, hat man uns Menschengesetz gelehrt und geboten, die man jetzt Ordnung und Gebot der heiligen christlichen Kirche heißt; dadurch haben die Narren gemeint, die Welt in den Himmel zu führen, und damit haben sie unser Gewissen trösten wollen und darauf gründen. Das hat man also in Schwung gebracht, daß es ist wie eine Sündflut in die ganze Welt gerissen, und ist alle Welt darin ersoffen, daß fast niemand zu retten ist aus der Hölle Grund.. Denn da schreien sie immer ohne Aufhören, als wären sie unsinnig: Ei, daß haben die heiligen Konzilien beschlossen; das hat die Kirche geboten; das hat man so lange Zeit gehalten, sollen wir denn nicht daran glauben?

Darum soll man darauf antworten, wie ich gesagt habe, aus diesem Evangelium: Wenn es gleich Maria, die heilige Jungfrau, selbst getan hätte, wäre es kein Wunder, daß sie geirrt hätte: die war doch eine Mutter Gottes; noch kommt sie in die Unwissenheit, daß sie nicht weiß, wo sie Christum finden soll, die ihn unter den Freunden und Bekannten sucht und fehlt damit, daß sie ihn nicht findet. Hat sie denn nun gefehlt und Christum nicht mögen finden unter den Freunden, sondern mußte zuletzt in den Tempel kommen: wie wollen wir denn ihn finden außer Gottes Wort in Menschenlehren, und das was die Konzilien beschlossen oder Doktoren gelehrt haben? Die Bischöfe und Konzilien haben ohne Zweifel des heiligen Geistes nicht so viel gehabt, als sie. Hat die Jungfrau Maria gefehlt: wie sollten denn jene nicht irren, weil sie Christum meinen anderswo zu finden, denn in dem, daß seines Vaters ist, das ist, in Gottes Wort?

Darum wenn du einen hörst, der an den zweierlei Lehren hängt, und glaubt, daß es recht sei, steht und vertraut darauf, so frage ihn, ob er auch gewiß vertraue, daß er seine Seele damit möge trösten, wenn der Tod kommt, oder Gottes Gericht und Zorn, daß er damit unverzagtem Gewissen dürfte sagen: Also hat der Papst und die Bischöfe in den Konzilien gesagt und beschlossen, da verlasse ich mich drauf und bin gewiß, daß ich damit nicht fehle. So wird er bald sagen müssen: Wie kann ich mich dessen gewiß sein? Also, wenn es nun zum Treffen kommt, daß der Tod kommt, wird dein Gewissen sagen: Es ist wohl wahr, die Konzilien haben es beschlossen, ja, wenn sie aber gefehlt haben, wer weiß, ob es recht sei? Wenn du denn in solchen Zweifel kommts, so kannst du nicht bestehen, da kommt der Teufel, und rückt dich herum, und stürzt dich, daß du danieder liegst.

Zum dritten, neben diesen zwei Lehren haben sie uns dennoch auf die heilige Schrift geführt, und gesagt, daß ja vor allen Lehren des Papstes Gesetz, und was er schließt und in den Dingen, so dem Glauben angehören, soll gehalten werden; doch ausgenommen etlicher heiligen Väter Lehre, die die Schrift ausgelegt haben, die haben sie dennoch so groß gemacht, daß sie sollen gleich so viel gelten, als der Papst zu Rom, oder ein wenig mehr; und haben aber daneben gesagt, sie könnten nicht irren, und fallen auch darauf, daß sie schreien: Ei, wie sollten diese heiligen Väter die Schrift nicht verstanden haben? Aber laßt die Narren sagen, was sie wollen, und wirf ihnen immer das vor, daß hier Christus spricht: «wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, daß meines Vaters ist?» Gottes Wort muß man vor allen Dingen haben und allein an dem hangen; denn da will Christus sein und an keinem anderen Ort. Darum ist es vergebens, daß du ihnen anderswo suchst. Denn wie kannst du mich gewiß machen, daß die heiligen Väter das Ding sei, da Christus sein muß?

Darum ist dies Evangelium ein harter Stoß wider alle Lehre und allen Trost, und was es sein mag, daß nicht Gottes Wort ist und aus dem Wort fließt. So kannst du nun also sagen: Ich laß geschehen, hebt die Vernunft und das natürliche Licht so hoch als du willst; doch will ich mir vorbehalten, daß ich mich nicht müsse darauf verlassen. Es haben die Konzilien beschlossen und der Papst oder die heiligen Väter gelehrt, was sie wollen, daß lasse ich stehen, ich will mich aber nicht darauf verlassen. Wollen sie mir das zugeben, so wollen wir bald eins sein, daß ich die Freiheit behalte, daß sie schließen und setzen, was sie nur wollen; ich aber darf sagen: Gefällt es mir, so halte ich’s; aber also will ich es nicht halten, als tät ich etwas Köstliches daran. Aber das werden sie uns nicht zugeben; denn sie haben nicht genug daran, daß man es frei dahin halte, sondern wollen den Zusatz dabei haben, daß man sein Vertrauen und Trost darauf setze, und soll so viel gelten, wenn du darauf traust, als du auf Christum und den Heiligen Geist traust. Diese falschen Wahn und Vertrauen sollen wir nicht leiden, da sie meinen: man tue ein gutes Werk, wenn man es hält; und wiederum, wenn man es nicht hält, sei es Sünde. Denn sie sprechen, was der Papst und Kirche gebietet oder lehrt, das ist der heilige Geist und Gottes Wort, darum soll man es glauben und halten: welches eine öffentliche unverschämte Lüge ist; denn wie können sie solches beweisen?

Ja, sprechen sie, die christliche Kirche hat ja den Heiligen Geist, der läßt sie nicht irren noch fehlen. Antwort, wie oben gesagt: Die Kirche sei wie sie wolle, so hat sie dennoch nicht so viel Geist gehabt als Maria; und obwohl er sie regiert hat, läßt er sie dennoch auch irren uns zum Beispiel. Wenn die Kirche ungewiß ist, was soll mich gewiß machen? Wo sollen wir denn hin? In den Tempel müssen wir auch kommen, das ist, wir müssen das Wort Gottes fassen, das ist mir gewiß und fehlt nicht, da finde ich Christum gewiß. Darum, wo das Wort ist, da muß ich auch bleiben, wenn ich daran hänge. Wie das Wort mitten in den Tod geht, und durchdringt und lebendig bleibt; so muß ich auch durch den Tod dringen und ins Leben kommen, daß mich nichts aufhalten noch umstoßen kann, weder Sünde, noch Tod, noch Teufel. Den Trost und solchen Trotz, den ich aus Gottes Wort habe, kann mir keine andere Lehre geben; darum ist es mit keinem anderen Weg zu vergleichen.

Darum ist es Not, daß man solches wohl fasse und setze weder das Vertrauen auf Menschenlehre und der heiligen Väter. Denn Gott hat solches auch in vielen anderen Beispielen angezeigt, daß man sehe, wie gar nicht auf Menschen zu bauen und zu trauen ist; weil besonders auch die Heiligen fehlen können; als, da wir lesen Apostelgeschichte 15,5 ff., daß kurz nach der Himmelfahrt Christi, ungefähr 18 Jahre später, die Apostel zusammen kamen, und der vornehmste Haufe derer, die da Christen waren da erhob sich eine Frage: Ob man die Heiden müßte zwingen, daß sie sich beschneiden ließen? Und traten auf die obersten aus der Pharisäer Sekte und Gelehrte, die da gläubig geworden waren, und sprachen: man müßte sie beschneiden und gebieten zu halten das Gesetz Mose, und erhob sich darüber ein Streit, daß der ganze Haufe diesen zufallen wollte. Da trat allein Petrus, Paulus, Barnabas und Jakobus auf und traten dem entgegen, und besonders Petrus stand auf und schloß also: Gott hat den Heiden, die aus meinem Mund gehört haben das Evangelium, den Heiligen Geist gegeben, ebensowohl als uns, und hat keinen Unterschied zwischen ihnen und uns gemacht, sondern reinigte ihre Herzen durch den Glauben. Haben sie denn den Heiligen Geist bekommen und sind nie beschnitten gewesen: was wollt ihr sie denn dazu binden, und ein Joch auf ihren Hals legen, welches weder unsere Väter noch wir haben können tragen? Denn wir glauben durch die Gnade des Herrn Christi selig zu werden gleichwie auch sie.

Nun siehe, hier sind so viel Christen gewesen, die da geglaubt haben, da die Kirche noch jung war und am besten gestanden ist, Gott läßt sie alle irren ohne diese drei oder vier allein; also wenn sie nicht gewesen wären, so wären da irrige Dinge gelehrt und ein Gebot wider Christum aufgesetzt worden. Noch sind wir solche Narren und so blind, daß wir nichts anderes könnten sagen, denn: das haben die Konzilien und die Kirche geboten, die können nicht irren, und was sie schließen, dem soll man folgen.

Mehr lesen wir auch, daß danach die Vornehmsten, beide Petrus und Barnabas, auch fielen und mit ihnen die anderen Juden allesamt; da trat als einziger Mann Paulus auf und strafte ihn öffentlich, wie er selbst schreibt zu den Galatern Kapitel 2,11. Haben nun diese heiligen Konzilien und die heiligen Leute geirrt, was sollen denn wir auf unsere Konzilien vertrauen? Welche, wenn man sie gegen die hält, die von Aposteln gehalten sind, ihnen nicht das Wasser reichen können.

Warum läßt denn Gott solches geschehen? Darum tut er es, daß er nicht will, daß wir uns auf einen Menschen verlassen noch trösten auf irgend eines Menschen Wort und Lehre, wie heilig sie auch sein mögen, sondern allein unser Vertrauen auf sein Wort setzen darum, wenn gleich ein Apostel käme, oder gleich ein Engel vom Himmel, wie Paulus sagt: Galater 1,8-9, und etwas anderes lehrt, soll man frei sagen: Das ist nicht Gottes Wort, darum will ich es nicht hören. Und bleib nur dabei, daß man das Kindlein nirgends finden wird denn im Tempel, oder in dem, daß Gottes ist. Maria sucht ihn auch wohl unter den Freunden, das sind freilich große, Gelehrte und fromme Leute; aber da findet sie ihn nicht.

Gleiche Beispiele und Figuren haben wir auch an anderen Stellen im Evangelium, welche auch eben das anzeigen, daß man nichts anderes lehren soll denn Gottes Wort, und keine andere Lehre annehmen, weil man Christum nicht findet denn als allein in der Schrift. Also lesen wir im Evangelium am Christtag Lukas 2,12. Da spricht der Engel, der den Hirten verkündigt die Geburt Christi: «Daß sollt ihr zum Zeichen haben: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.» Warum gib er nicht die Mutter Maria und Josef zum Zeichen, sondern allein die Windeln und Tücher, und die Krippe? Darum, daß uns Gott auf keinen Heiligen weisen will, auch zu der Mutter selbst nicht; denn das kann alles fehlen. Darum muß er uns einen gewissen Ort anzeigen, da Christus liegt; das ist die Krippe, da findet man ihn gewiß, wenn gleich Josef und Maria nicht da wären. Das ist so viel gesagt: Christus ist in der Schrift eingewickelt durch und durch, gleich wie der Leib in den Tüchern, die Krippe ist nun die Predigt, darin er liegt und gefaßt wird, und daraus man Essen und Futter nimmt. Nun hat es wohl einen größeren Schein, daß das Kind sollte da liegen, da Maria und Josef sind, die großen heiligen Leute; doch zeigt der Engel allein auf die Krippe, die will er nicht verachtet haben. Es ist ein geringes einfältiges Wort: doch liegt Christus darin.

Also, daß sehen wir auch in anderen Geschichten; als, von dem heiligen Simeon, der von Gott eine Verheißung hatte, der sollte nicht sterben, er hätte denn zuvor den Christum gesehen. Der kommt aus Anregung des Heiligen Geistes in den Tempel, da findet er das Kind und nimmt es auf seine Arme. Das ist aber allein darum angezeigt, daß er Christum im Tempel findet. Darum ist das Summa Summarum, daß uns Gott vor Menschenlehren warnen will, wie gut sie auch sein mögen, daß man sich ja nicht darauf verlasse, sondern allein dem einigen und rechten Wahrzeichen glaube, welches ist das Wort Gottes. Das andere laß alles fahren. Es mag wohl gut und recht gesagt oder beschlossen sein, doch wollen wir nicht mit dem Herzen darauf vertrauen.

Dies ist nun der Trost, den wir haben aus diesem Evangelium, wenn das hohe Leiden anfängt, davon wir oben gesagt haben, daß wir dann wissen, wie kein anderer Trost zu finden ist denn allein in der Schrift und Gottes Wort. Und darum hat es Gott schreiben lassen, daß wir solches daraus lernen, Paulus sagt Römerbrief 15,4.: «was geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf das wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.» Da spricht er auch, daß die Schrift tröstlich ist, oder Geduld und Trost gebe, darum kann kein anderes Ding sein, daß die Seele tröstet, auch in den geringsten Anfechtungen. Denn was etwas anderes ist, dadurch sich ein Mensch trösten will, wie groß es auch ist, das ist alles ungewiß; da denkt das Herz immerdar: Ei, wer weiß, ob es recht sei? Ei, wenn ich es doch gewiß wüßte! Aber wenn es an Gottes Wort hängt, so kann es ohne wanken also sagen: Da ist Gottes Wort, das kann nicht genügen noch fehlen, dessen bin ich gewiß. Das ist der höchste Streit, den wir haben, daß wir das Wort behalten und dabei bleiben; wenn das aus dem Herzen gerissen wird, so ist der Mensch verloren.

Darum laßt uns ja darauf rüsten, wenn man kommt und uns vorhält, daß die christliche Kirche nicht irren könnte, daß wir dem Wissen zu begegnen, und sprechen: Siehe, das ist nicht Menschen, sondern Gottes Wort; das steht hier im Evangelium, daß die Mutter voll, voll heiligen Geistes ist; und doch fehlt sie. Also, auch in der Apostelgeschichte waren die, die da glaubten und den Geist hatten, und dennoch fehlten, und hätten ein unchristliches Gesetz gemacht, wenn nicht ein paar andere Apostel aufgestanden wären. Darum soll man keinen Konzilien noch anderen Heiligen glauben, wenn sie nicht Gottes Wort bringen. Also haben wir das Hauptstück in der Summe dieses Evangeliums; was aber mehr darin ist, wollen wir denen befehlen zu handeln, die da müßig sind; und wer Achtung darauf hat, wird es leicht selbst finden.

Über den Satz, den Lukas sagt: Christus habe zugenommen an Weisheit und Gnade; so er doch Gott gewesen ist und volle Gnade und Weisheit gehabt, sobald er in den Mutterleib gekommen ist, hat man viel gestritten. Da haben sie den Text schändlich verkehrt mit ihren Glossen. Darum laßt solch erdichtetes Gerede fahren, und laßt die Worte liegen, wie sie liegen, ohne alle Glosse, und verstehe es nur aufs einfältigste, daß er immer mehr und mehr gewachsen und stärker geworden ist im Geist, wie ein anderer Mensch, wie oben im Evangelium am Sonntag nach dem Christtag weiter gesagt ist.

 

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