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Post, Polizei, Hunde und Räuberei

Karel Capek: Post, Polizei, Hunde und Räuberei - Kapitel 4
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typenarrative
authorCarl Capek
titlePost, Polizei, Hunde und Räuberei
publisherCecilie Dressler Verlag
translatorJulius Mader
illustratorFritz Wolff
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Geschichte vom Wassermann

Wenn ihr glaubt, daß es keine Wassermänner mehr gibt, so sage ich euch, daß es doch welche gibt und was für welche! Zum Beispiel gleich bei uns, dort wo wir sozusagen geboren wurden, hauste einer in der Neisse unter dem Wehr, und einer war da in Ottmachau bei der Holzbrücke, und ein dritter hielt sich im Laskowitzer Bach auf; einmal kam er zu meinem Vater und ließ sich einen Zahn ziehen, dafür brachte er ihm ein Körbchen mit silbernen und rosaroten Forellen, fein säuberlich mit Brennesseln zugedeckt, damit sie frisch blieben; und daß es ein Wassermann war, erkannte man daran, daß er neben dem Sessel eine Wasserlache zurückließ. Und einer war bei der Mühle meines Großvaters in Dürhennerschlag; dort hielt er sich im Wasser unter dem Wehr sechzehn Pferde: daher sagten die Ingenieure, daß an der Stelle dort der Mettaufluß sechzehn Pferdekräfte habe. Diese sechzehn weißen Pferde zogen fort und fort; deshalb drehte sich die Mühle auch ununterbrochen; als einmal eines Nachts mein Großvater starb, ging der Wassermann hin, spannte leise alle sechzehn Pferde aus, und die Mühle drehte sich drei Tage nicht. In großen Flüssen gibt es Wassermänner, die noch mehr Pferde haben, vielleicht fünfzig oder hundert; aber manche sind wieder so arm, daß sie sich nicht einmal einen Holzbock halten können.

So ein Großwassermann in Breslau in der Oder ist freilich ein schrecklich reicher und großer Herr; vielleicht hat er sogar ein Motorboot und fährt im Sommer ans Meer. Aber es gibt auch armselige Kleinwassermänner, die haben eine Pfütze, so groß wie eine Handfläche, und darin einen Frosch, drei Mücken und zwei Tauchkäfer; oder sie betreiben ihr Gewerbe in einem so elenden Graben, wo sich nicht einmal eine Maus ihr Bäuchlein eintaucht; manche fangen das ganze liebe Jahr lang nichts als ein paar Papierschifflein und eine Kinderwindel, die der Mutter beim Waschen davonschwamm. Ja, das ist ein Elend! Und dann ist da zum Beispiel wieder so ein Rosenberger Teich, der hat vielleicht zweihundertzwanzigtausend Karpfen und dazu Schleie, Stichlinge und Barben und noch den einen oder anderen scharfzahnigen Hecht. Ja, ja, es gibt keine Gerechtigkeit auf der Welt!

Wassermänner sind Einsiedler, aber so ein-, zweimal im Jahre, wenn Hochwasser eintritt, kommen sie aus der ganzen Gegend zusammen und halten, wie man sagt, eine Kreissitzung ab. Aus unserer Gegend trafen sie sich bei Hochwasser immer auf den Wiesen in der Nähe von Wartha, weil dort so eine hübsche Ebene und schöne Tiefen und Buchten und Flußarme, ausgepolstert mit dem allerfeinsten Doppelnuller-Schlamm, sind. Es muß gelber oder ein wenig bräunlicher Schlamm sein; der rote oder graue ist nicht mehr ganz so fein wie Salbe. An einem so hübschen nassen Platz setzen sie sich also zusammen und erzählen, was es Neues gibt; daß die Leute in Patschkau die Wasserläufe regulieren, so daß der dortige Wassermann, der alte Görgel, ausziehen mußte; daß die Töpfe und Seile so teuer geworden sind, so daß es nicht mehr schön ist; daß ein Wassermann, wenn er jetzt jemanden fangen will, für vier Mark Seile dazu braucht, und dabei kostet ein kleiner Topf mindestens vierzig Pfennig, und dann ist es noch Ausschußware; am besten, das ganze Zeug hinhauen und was anderes anfangen. Und da erzählen sich die Wassermänner, daß der Camenzer Wassermann, der rothaarige Faltis, ein Geschäft angefangen hat und Mineralwasser verkauft, und der hinkende Steffke Installateur geworden ist und Wasserleitungen macht, und andere sich auf ähnliche Gewerbe geworfen haben. Es versteht sich, daß ein Wassermann immer nur so ein Gewerbe betreiben kann, wo Wasser dabei ist. So kann er zum Beispiel ein Wasserdoktor, ein Wasserbaumeister, ein Wasserleiter, ein Wasserzöllner, ein Wassermüller, ein Wasserpolizist oder ein Wasserwahrsager sein; kurz Wasser muß dabei sein.

Wie ihr seht, gibt es genug andere Gewerbe für Wassermänner, und deshalb nimmt ihre Zahl auch ständig ab. Wenn sie dann auf ihren alljährlichen Zusammenkünften nachzählen, sagen sie traurig: »Wieder sind wir fünf weniger; Jungens, unser Beruf stirbt langsam aus.«

»Nun ja«, meinte der alte Kreuzmann, der Trautenauer Nick, »es ist lange nicht mehr so, wie es einmal war. Das ist schon schrecklich viele Jahrtausende her; damals standen ganz Schlesien und Böhmen unter Wasser, und der Mensch, wollte sagen, der Wassermann, denn damals gab es ja noch keine Menschen, ja, ja, das waren andere Zeiten – ojemine, wo hab ich eigentlich aufgehört?«

»Daß ganz Schlesien und Böhmen unter Wasser standen«, half ihm der Neurodener Wassermann Zellner.

»Aha«, sagte der Kreuzmann, »also ganz Schlesien und Böhmen standen damals unter Wasser, und auch das Eulengebirge und das Adlergebirge und der Glatzer Schneeberg und alle anderen Berge; und unsereiner konnte nassen Fußes, schön unter Wasser, vielleicht von Glatz nach Görlitz und von Brünn nach Prag gehen. Noch eine Elle über der Schneekoppe stand das Wasser . . . ja, ja, das waren Zeiten.«

»Ja, das waren Zeiten«, erinnerte sich der Ratiborer Wassermann Kulda. »Damals waren wir Wassermänner noch keine solchen Einsiedler und Eremiten wie heute. Damals hatten wir unterm Wasser Häuser, aus Wasserziegeln gebaut, und Möbel, aus hartem Wasser geschnitzt, und die Federbetten waren aus weichem Wasser, und mit warmem Wasser heizte man; da gab es weder Grund, noch Ufer, noch eine Wasserfläche; nichts als Wasser und wir.«

»Ja, ja«, sagte Fuchsner, genannt Kummradel, der Wassermann vom Kleinröschler Sumpf, »und was das für ein Wasser damals war. Wie Butter konnte man es schneiden und Kugeln daraus machen und Zwirn daraus spinnen und Stricke daraus drehen; es war wie Stahl und wie Glas, wie ein Flaumfeder und dick wie Sahne und fest wie Eichenholz und wärmte wie ein Pelz. Alles war aus Wasser gemacht. Mein Lieber, so ein Wasser gibt es nicht einmal in Amerika mehr, woher denn auch.« Und der alte Kummradel spuckte aus, daß sich ein tiefer Tümpel bildete.

»Ja, das war einmal«, sagte der alte Kreuzmann in Gedanken versunken, »das war einmal ein sehr schönes Wasser, aber es war noch ganz stumm.«

»Wieso?«, wunderte sich Zellner, der noch nicht so alt war wie die übrigen.

»Nun eben stumm«, antwortete Kummradel. »Es hatte keine Stimme und konnte noch nicht sprechen. Es war so still und stumm wie jetzt, wenn es zufriert. Oder wenn Schnee fällt, und es Mitternacht ist und sich nichts mehr rührt; da ist es so still, so ganz still, daß dir fast bange wird; da steckst du den Kopf aus dem Wasser heraus und horchst; da krampft sich dein Herz zusammen in dieser fürchterlichen Stille. So eine Stille war damals, als das Wasser noch nicht sprechen konnte.«

»Und warum«, fragte Zellner, der nur siebentausend Jahre alt war, »warum ist es jetzt nicht mehr stumm?«

»Das kam so«, sagte Kummradel, »mir hat es mein Urgroßvater erzählt und gesagt, daß es schon einige Millionen Jahre her wäre. Also damals lebte ein Wassermann, warte, wie hieß er denn nur? Rohrspatzer, nein, nicht Rohrspatzer. Meinhauer, auch nicht. Hampl, Hampl auch nicht. Riedbinder, auch nicht, Herrgott, wie hat der nur geheißen?«

»Arion«, sagte Kreuzmann.

»Ja, Arion«, stimmte Kummradel zu. »Ich hatte es gerade auf der Zunge. Arion hieß er. Und diesem Arion hatte der Herrgott so eine merkwürdige Gabe, so eine Fähigkeit, nun halt so ein Talent verliehen. Er konnte wunderschön sprechen und singen, daß einem fast das Herz sprang, bald vor Freude, bald vor Trauer, wenn er sang. So ein Musikant war das.«

»Ein Dichter«, verbesserte Kulda.

»Musikant oder Dichter«, meinte Kummradel, »aber das Singen hat er wirklich gekonnt, mein Lieber. Der Urgroßvater hat erzählt, daß alle weinten, wenn er zu singen begann. Dieser Arion mußte ein großes Herzeleid gehabt haben. Niemand weiß was für eins. Niemand weiß, was ihm Böses widerfahren war. Aber es muß ein schreckliches Leid gewesen sein, weil er so schön und so traurig sang. Und wenn er so unterm Wasser sang und klagte, zitterte jeder Wassertropfen, als wäre es eine Träne. Und in jedem Tropfen blieb etwas von seinem Gesang hängen, wie die Töne so durch das Wasser hindurchdrangen. Jeder Tropfen fing ein Stückchen seiner Stimme auf, und deshalb ist das Wasser nicht mehr stumm. Darum tönt, säuselt und raunt es, murmelt, plätschert, wispert und schäumt es, braust, tost, heult und jammert es, poltert, brüllt, tobt und donnert es, stöhnt, seufzt und kichert es, spielt wie auf einer silbernen Harfe, summt wie eine Laute, singt wie eine Orgel, schmettert wie ein Waldhorn und redet wie ein Mensch in Freud oder Leid. Seit jener Zeit spricht das Wasser alle Sprachen der Welt und sagt Dinge, die fast niemand mehr versteht, so wunderlich und schön sind sie. Und am wenigsten verstehen sie die Menschen. Aber bis Arion nicht gekommen war und das Wasser nicht singen gelehrt hatte, war es immer stumm gewesen, so stumm wie der Himmel, wenns nicht gewittert.«

»Aber das war nicht Arion, der den Himmel ins Wasser brachte«, sagte der alte Kreuzmann. »Das geschah erst später unter meinem Vater, Gott schenk ihm die ewige Ruh, das tat der Wassermann Quaquaquokoax, und zwar aus Liebe.«

»Wie geschah das?«, fragte der Wassermann Zellner.

»Das geschah so. Quaquaquokoax verliebte sich. Quaquaquokoax sah die Prinzessin Kuakuakunka und entbrannte in Liebe zu ihr, quak. Kuakuakunka war schön. Sie hatte einen gelben Froschbauch und Froschbeine und ein Froschmaul von einem Ohr zum andern und war ganz naß und kalt: so eine Schönheit war sie. Solche gibt's nicht mehr.«

»Und weiter?«, fragte der Wassermann Zellner begierig.

»Nun, was sollte schon weiter sein? Kuakuakunka war schön und stolz. Sie blies sich nur auf und sagte quak. Quaquaquokoax war wie ein Narr. ›Wenn du mich zum Mann nimmst‹, sagte er ihr, ›hole und schenke ich dir, was dein Herz begehrt.‹ Darauf sagte sie: ›Hol mir das Blaue vom Himmel hinunter, quak.‹«

»Und was tat Quaquaquokoax?« fragte Zellner.

»Nun, was sollte er tun? Er saß unterm Wasser und jammerte: qua, qua, qua, qua. Und dann wollte er sich das Leben nehmen. Deshalb sprang er aus dem Wasser in die Luft, um sich zu ertränken, quak. Noch niemand war je vor ihm in die Luft gesprungen. Quaquaquokoax war der erste.«

»Und was tat er in der Luft?«

»Nichts, er blickte hinauf, und über ihm war blauer Himmel. Er blickte hinunter, und unter ihm war auch blauer Himmel. Quaquaquokoax erschrak. Damals wußte noch niemand, daß sich der Himmel im Wasser spiegelt. Als Quaquaquokoax sah, daß auch im Wasser blauer Himmel ist, rief er vor Verwunderung ›quak‹ und fiel wieder ins Wasser. Und dann nahm er Kuakuakunka auf den Rücken und sprang mit ihr in die Luft. Kuakuakunka erblickte den blauen Himmel im Wasser und rief vor Freude ›quaqua!‹ Denn Quaquaquokoax . . .«

»Und was war weiter?«

»Nichts. Sie lebten dann glücklich miteinander und brachten viele Kaulquappen zur Welt. Seit dieser Zeit kriechen die Wassermänner aus dem Wasser heraus, um zu sehen, daß auch dort der Himmel ist, wo ihre Heimat liegt. Wenn jemand die Heimat verläßt, wer immer es auch sei, und dann zurückblickt, so wie Quaquaquokoax ins Wasser, sieht, daß dort daheim der richtige Himmel ist. Weißt du, der richtige blaue und schöne Himmel, quak.«

»Und wer brachte das zustande?«

»Quaquaquokoax.«

»Quaquaquokoax soll leben!«

»Und Kuakuakunka!«

In dem Augenblick ging ein Mensch vorüber und dachte sich: Heute quaken wieder einmal die Frösche und griff nach einem Stein und warf ihn in den Tümpel. Das Wasser spritzte hoch auf, plätscherte und war wieder ruhig; alle Wassermänner sprangen ins Wasser, und erst nächstes Jahr werden sie wieder eine Kreissitzung abhalten.

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