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Post, Polizei, Hunde und Räuberei

Karel Capek: Post, Polizei, Hunde und Räuberei - Kapitel 3
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typenarrative
authorCarl Capek
titlePost, Polizei, Hunde und Räuberei
publisherCecilie Dressler Verlag
translatorJulius Mader
illustratorFritz Wolff
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Die Post-Geschichte

Das möchte ich denn doch gerne wissen: wenn es Geschichten von allen möglichen anderen Berufen und Handwerken geben kann, wie von Königen, Prinzen und Räubern, von Hirten, Rittern und Schwarzkünstlern, von Riesen und Holzfällern, warum sollte es nicht auch mal eine Geschichte von einem Briefträger geben?

So ein Postamt ist ja fast ein verzauberter Ort; da gibt es lauter Aufschriften, wie »Rauchen verboten«, »Das Mitnehmen von Hunden ist untersagt« und viele andere Warnungstafeln – ja so viele Kundmachungen und Verbote haben nicht einmal die Schwarzkünstler oder Drachen in ihren Amtsräumen. Schon daraus kann man ersehen, daß die Post ein geheimnisvoller und mächtiger Ort ist. Und dann noch etwas: wer hat denn je gesehen, was in der Nacht auf so einem Postamt vorgeht, wenn es geschlossen ist? Ja, meine Lieben, das würden wir uns gar zu gern einmal anschauen!

Ein Herr – damit ihr es auch wißt, es war der Herr Hitzleputz, von Beruf Postbeamter und Briefträger – hat sich das auch wirklich einmal angesehen und hat es den anderen Briefträgern und Postbeamten erzählt, und die haben es wieder weitererzählt, bis es schließlich mir zu Ohren kam: ich aber bin keineswegs so mißgünstig, um es nur für mich zu behalten. Darum heraus damit, und schon fange ich an.

Also, diesen Herrn Hitzleputz, von Beruf Briefträger und Postbeamter, begann sein Briefträgerberuf zu verdrießen: was nur so ein Briefträger herumgehe, herumrenne, herumjage und sich die Füße ablaufe, so daß er angeblich tagaus tagein neunundzwanzigtausendsiebenhundertundfünfunddreißig Schritte machen müsse, worin achttausendzweihundertneunundvierzig Treppen hinauf Treppen hinab enthalten seien, und daß die Briefe, die er austrägt, doch nur lauter Drucksachen, Rechnungen und andere Überflüssigkeiten wären, die niemandem Freude machten; und dann sei auch das Postamt so ein unfreundlicher Ort, wo sich nie etwas Interessantes und Geheimnisvolles abspielte.

Einmal setzte er sich vor lauter Trübsinn auf der Post neben den Ofen und schlief ein, ohne zu bemerken, daß es bereits sieben Uhr war; und als es sieben Uhr schlug, gingen die anderen Postbeamten und Briefträger nach Haus, schlossen das Postamt zu, und Herr Hitzleputz blieb dort eingeschlossen und schlief.

Es mochte Mitternacht sein, als ihn ein Geräusch weckte, als wenn Mäuse am Fußboden herumtrappelten. Schau, schau, sagte sich Herr Hitzleputz, wir haben Mäuse hier; da sollte man doch eine Falle aufstellen. Und wie er sich so nach den Mäusen umblickte, sah er, daß es keine Mäuse, sondern Postkobolde waren. Das sind kleine, bärtige Wichte, ungefähr so groß wie ein Huhn oder ein Eichhörnchen oder ein Waldkaninchen, so ungefähr; auf dem Kopf trugen sie Mützen wie die wirklichen Postbeamten, und sie trugen auch Jacken wie die wirklichen Briefträger. Verflixt und zugenäht, sagte sich Herr Hitzleputz, aber sonst muckte, zuckte und rührte er sich nicht und gab keinen Laut von sich.

Er traute seinen Augen kaum: ein Postkobold ordnete die Briefe, die Herr Hitzleputz in der Frühe austragen sollte; ein zweiter sah die Post durch; ein dritter wog die Pakete ab und klebte Zettel darauf; ein fünfter saß beim Schalter und zählte das Geld nach, wie es die Postbeamten tun. »Das habe ich mir gleich gedacht«, brummte der Kobold, »da hat sich dieser Postmensch wieder um einen Pfennig verzählt, das muß ich sofort richtigstellen.«

Der sechste Zwerg saß beim Telegraphenapparat und klopfte eine Depesche ab, ungefähr so: taktak tak tak taktaktak tak. Aber Herr Hitzleputz verstand, was er telegraphierte; in der gewöhnlichen Sprache lautete es: »hallo postministerium hier postwichtel nummer hunderteinunddreißig stop melde alles in Ordnung stop kollege elf bärtchenputzer hat husten meldet sich krank dienst nicht angetreten stop auf wiederhören stop.«

»Da ist ein Brief nach der Station Bambolimbonanda im kannibalischen Königreich«, ließ sich das siebente Wichtelmännchen vernehmen. »Wo liegt das?«

»Das geht über Benetschau«, sagte der achte Gnom. »Kollege, schreib noch dazu, Königreich Kannibalien, Bahnstation Unter-Weißenthurm, letzte Post Katzenhübel. Per Flugpost. So, und jetzt wären wir fertig. Was meint ihr, Leute, wenn wir ein wenig Karten spielen würden?«

»Warum denn nicht?«, sagte der erste Zwerg und zählte zweiunddreißig Briefe ab.

»So, da sind die Karten, wir können anfangen.«

Der zweite Kobold nahm die Briefe und mischte sie.

»Ich hebe ab«, sagte der erste Wichtelmann.

»Also teil aus«, sagte der zweite.

»Nu, nu«, brummte der dritte, »da habe ich aber ein schlechtes Blatt bekommen!«

»Ich spiele aus«, sagte der vierte und hieb mit einem Brief auf den Fußboden.

»Ich steche«, sagte der fünfte und legte seinen Brief auf den ersten.

»Das ist zu wenig für mich, mein Freund«, sagte der sechste und warf seinen Brief dazu.

»Oho«, meinte der siebente, »da hab ich noch eine höhere Karte.«

»Und ich hab das Trumpfas«, rief der achte Wichtelmann und warf seinen Brief auf die übrigen.

Das, Kinder, konnte der Herr Hitzleputz nicht mehr aushalten.

»Ich bitte die Herren Zwerge, sich durchaus nicht stören zu lassen«, rief er, »aber mit was für Karten spielt ihr da eigentlich?«

»Ah, guten Tag, Herr Hitzleputz«, sagte das erste Zwerglein. »Wir wollten Sie nicht wecken, Herr Hitzleputz, aber da Sie schon einmal wach sind, können Sie gern mit uns spielen. Wir spielen nämlich nur gewöhnliches Sechsundsechzig, aber zu achten.«

Herr Hitzleputz ließ sich das nicht zweimal sagen und setzte sich zu den Zwergen.

»Da haben Sie Karten«, sagte das zweite Zwerglein und gab ihm einige Briefe, »Sie können anfangen.«

Herr Hitzleputz blickte auf die Briefe in seiner Hand und sagte: »Liebe Herren Zwerge, bitte nehmt es mir nicht übel, aber ich habe doch keine Karten in der Hand, sondern nur unbestellte Briefe.«

»Eben«, antwortete der dritte Knirps, »das sind unsere Spielkarten.«

»Hm«, sagte Herr Hutzleputz, »werdet bitte nicht ärgerlich, meine Herren, aber Spielkarten sollen doch als niedrigste Karte eine Sieben, dann eine Acht, eine Neun, eine Zehn, Bube, Dame, König und als höchste Karte ein As haben. Aber auf diesen Briefen ist doch nichts dergleichen vermerkt.«

»Da irren Sie sich sehr, Herr Hitzleputz«, meinte das vierte Männchen. »Damit Sie's wissen, jeder dieser Briefe gilt mehr oder weniger, je nach dem, was drinnen steht.«

»Die niedrigste Karte oder die Sieben«, erläuterte das erste Heinzelmännchen, »sind solche Briefe, in denen sich die Menschen etwas vorlügen oder vortäuschen.«

»Die zweitniedrigste Karte ist die Acht«, fuhr der zweite Dreikäsehoch fort, »das sind solche Briefe, welche die Menschen aus Zwang oder Pflicht schreiben.«

»Die drittniedrigste Karte ist die Neun«, sagte der dritte Knirps, »das sind Briefe, welche die Menschen einander nur aus Höflichkeit schreiben.«

»Die erste hohe Karte ist die Zehn«, sagte der vierte. »Das sind solche Briefe, in denen die Menschen von etwas Interessantem und Neuem berichten.«

»Die zweite hohe Karte ist der Bube«, sagte der fünfte, »das sind Briefe, welche die Menschen schreiben, wenn sie dem anderen eine Freude bereiten wollen.«

»Die dritte hohe Karte ist die Dame«, sagte der sechste. »Das sind Briefe zwischen guten Freunden.«

»Die vierte hohe Karte heißt König«, fügte die siebente hinzu. »Das ist ein Brief, der aus Liebe geschrieben wurde.«

»Und die höchste Karte oder das As«, beendete der achte Gnom, »ist ein Brief, in dem ein Mensch dem anderen sein ganzes Herz schenkt. Das ist die Karte, die alle anderen übersticht oder übertrumpft. Damit Sie es wissen, Herr Hitzleputz, so einen Brief findet man, wenn die Mutter ihrem Kinde oder ein Mensch einem anderen Menschen schreibt, den er lieber hat als sich selbst.«

»Aha«, sagte Herr Hitzleputz. »Aber jetzt möchte ich noch gern wissen, wie ihr das so rasch erkennt, was in den Briefen drinnensteht. Ich würde es sehr ungern hören, meine Herren, daß ihr sie am Ende öffnet und lest. Das darf man nicht, da würdet ihr das Briefgeheimnis verletzen, und ich müßte euch dann auf der Polizei anzeigen, Gesindel.«

»Das wissen wir auch, Herr Briefträger«, meinte der sechste Zwerg, »aber wir, wir fühlen gleich durch den geschlossenen Umschlag hindurch, was in dem Brief steht. Die gleichgültigen Briefe fühlen sich kalt an, aber je mehr Liebe im Brief ist, desto wärmer ist er.«

»Und wenn wir Wichtelmänner einen geschlossenen Brief an die Stirne halten«, fügte der zweite hinzu, »können wir Wort für Wort sagen, was darin geschrieben steht.«

»Das ist eine andere Sache«, meinte der Briefträger Hitzleputz, »aber wenn wir schon so beisammen sind, würde ich euch gern noch etwas fragen. Hoffentlich werdet ihr darüber nicht ungehalten sein.«

»Nun, weil Sie es sind, Herr Hitzleputz«, erwiderte der dritte Wicht, »können Sie fragen, was Sie wollen.«

»Ich möchte gern wissen«, fragte der Briefträger Hitzleputz, »was die Wichtelmännchen eigentlich essen?«

»Das ist verschieden«, antwortete der vierte Zwerg. »Wir Wichtelmänner, die wir in den einzelnen Ämtern hausen, nähren uns wie die Schwaben von dem, was ihr Menschen verstreut: also von einem Bröcklein Brot oder einem Bissen Semmel – Sie wissen ja, Herr Hitzleputz, es ist nicht viel, was euch Menschen vom Mund abfällt.«

»Wir Postkobolde«, sagte der fünfte Wicht, »haben es nicht so schlecht. Wir kochen uns manchmal die Telegraphenstreifen als Nudeln und tun als Fett Postkleister dazu, aber es muß Kleister aus Dextrin sein.«

»Doch am häufigsten nähren wir uns von Abfällen«, erzählte der siebente Heinzel. »Wissen Sie, Herr Hitzleputz, deshalb kehrt man ja auch in Amtsräumen so selten aus, damit für uns ein paar Brösel übrigbleiben.«

»Und wenn ich so frei sein darf«, fragte der Briefträger weiter, »wo schlaft ihr denn eigentlich?«

»Das sagen wir Ihnen nicht, Herr Hitzleputz,« erwiderte das achte Männchen. »Wenn die Menschen wüßten, wo wir Heinzelmännchen hausen, würden sie uns dort hinausfegen. Nein, nein, das dürfen Sie nicht wissen.«

Nun gut, wenn ihr es mir nicht sagen wollt, dann laßt es sein, dachte sich Hitzleputz. Ich werde schon aufpassen, wohin ihr schlafen geht. Und er setzte sich wieder zum Ofen, um achtzugeben. Aber kaum hatte er es sich dort bequem gemacht, begannen ihm die Augenlider so merkwürdig schwer zu werden, und ehe noch jemand bis fünf zählen konnte, war Herr Hitzleputz bereits eingeschlafen und schlief wie ein Klotz bis in alle Herrgottsfrühe.

Natürlich sagte der Postbeamte Hitzleputz von dem, was er gesehen hatte, niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen, denn, ihr wißt ja, auf dem Postamt darf man eigentlich nicht übernachten. Nur trug er seither doppelt so gern die Briefe aus. Dieser Brief da, sagte er sich, ist ziemlich lau, aber dafür brennt dieser hier beinahe, so heiß ist er; das ist wohl ein Brief von einer Mutter.

Einmal ordnete er auf der Post die Briefe, die er im Briefkasten ausgehoben hatte, um sie den Leuten zuzustellen. »Achherrje«, sagte er plötzlich, »da ist ein Brief in einem zugeklebten Umschlag, aber auf dem Umschlag fehlt die Adresse und die Marke.«

»Aha«, meinte der Herr Oberpostsekretär, »da hat wieder jemand ein Schreiben ohne Adresse in den Briefkasten geworfen.«

Es war gerade ein Herr auf der Post, der seiner Mutter einen eingeschriebenen Brief schicken wollte; dieser Herr hörte das und sagte: »Na, das muß aber ein Tolpatsch und ein Dummkopf und ein Dromedar sein, der einen Brief abschickt, ohne eine Adresse draufzuschreiben.«

»Oh nein, mein Herr«, sagte der Herr Oberpostsekretär, »solche Briefe finden wir im Laufe des Jahres eine ganze Menge. Sie würden nicht glauben, mein Herr, wie zerstreut die Leute sind. Schreiben einen Brief, mein Herr, laufen damit Hals über Kopf auf die Post, mein Herr, und vergessen ganz und gar nachzusehen, ob sie auch schon die Adresse geschrieben haben. Oje, mein Herr, das kommt öfters vor, als Sie glauben.«

»Aber, aber«, wunderte sich der Herr, »und was machen Sie mit solchen Briefen ohne Adresse?«

»Wir lassen sie auf der Post liegen, mein Herr«, erwiderte der Oberpostsekretär, »weil wir sie nicht zustellen können, mein Herr.«

Herr Hitzleputz drehte inzwischen den Brief hin und her und brummte: »Herr Oberpostsekretär, dieser Brief ist so warm, in dem steht sicher etwas Aufrichtiges drinnen. Ich denke, man sollte den Brief doch demjenigen zustellen, dem er gehört.«

»Wenn keine Adresse aufgeschrieben ist, ist das nicht möglich und damit basta«, wendete der Herr Oberpostsekretär ein.

»Vielleicht könnten Sie das Schreiben öffnen«, riet der fremde Herr, »und nachsehen, wer es abgeschickt hat.«

»Das geht nicht, mein Herr«, entgegnete der Herr Oberpostsekretär streng, »das wäre eine Verletzung des Briefgeheimnisses, mein Herr, und das darf nicht sein.« Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt.

Aber als der fremde Herr fortgegangen war, wandte sich Hitzleputz an den Oberpostsekretär. »Wenn ich so frei sein darf, Herr Oberpostsekretär, aber bezüglich dieses Schreibens könnte uns vielleicht der eine oder der andere Postkobold raten.« Und er erzählte, wie er einmal in der Nacht die Postzwerge gesehen hatte, und auf welche Weise die Heinzelmännchen Briefe lesen können, ohne sie zu öffnen.

Der Oberpostsekretär sann nach und meinte dann: »Sapperment, das ginge. Versuchen Sie es mal, Hitzleputz; wenn uns die Heinzelmännchen sagen, was in dem geschlossenen Brief drinnen steht, könnten wir vielleicht feststellen, wem das Schreiben gehört.«

So ließ sich denn Herr Hitzleputz in dieser Nacht wieder auf dem Postamt einsperren und wartete. Es mochte Mitternacht sein, als er es tap tap auf dem Fußboden hörte, so als wenn Mäuse herumtrappelten, und dann sah er wieder die Heinzelmännchen, wie sie Briefe ordneten, Pakete abwogen, Geld nachzählten und Depeschen abtelegraphierten. Und als sie mit allem fertig waren, setzten sie sich auf den Fußboden und spielten mit den Briefen Sechsundsechzig.

In diesem Augenblick ließ sich Hitzleputz vernehmen: »Schön guten Abend, meine lieben Herren Zwerge.«

»Ah, der Herr Hitzleputz«, sagte der älteste Kobold. »Kommen Sie, spielen Sie mit uns Karten.«

Herr Hitzleputz ließ sich das nicht zweimal sagen und setzte sich zu ihnen auf den Fußboden.

»Ich spiele aus«, sagte das erste Wichtel und legte seine Karte auf den Boden.

»Ich steche«, sagte das zweite.

»Ich trumpfe«, sagte das dritte.

Jetzt kam die Reihe an Herrn Hitzleputz, der den geschlossenen Brief ohne Adresse auf die drei übrigen legte.

»Sie haben gewonnen, Herr Hitzleputz«, sagte der erste Knirps, »weil Sie die höchste Karte oder Herzas ausgespielt haben.«

Hitzleputz erwiderte: »Aber wißt ihr auch sicher, daß das so eine hohe Karte ist?«

»Wenn ich das nicht erkennen sollte«, sagte der Zwerg.

»Das ist doch ein Brief, den ein Bursch seinem Mädel schreibt, welches er lieber hat als sich selbst.«

»Das scheint mir nicht der Fall zu sein«, sagte Herr Hitzleputz absichtlich.

»Doch, es ist so«, entgegnete der Zwerg. »Wenn Sie es nicht glauben wollen, lese ich Ihnen den Brief vor.« Er nahm das Schreiben, legte es an die Stirne, schloß die Augen und las:

»Meine herzallerlibste Marie, (da ist ein Schreibfehler, meinte der Kobold, herzallerliebst schreibt man mit ie) so benachrichtige ich dir das ich eine Stelle als Schofer bekomen habe wenn du also willst könen wir Hochzeit feiern also schreibe mir bald ob du mir noch libst dein treuer Franz.«

»Schönen Dank, Herr Kobold«, sagte der Briefträger, »das wollte ich nämlich erfahren. Nochmals schönen Dank.«

»Gern geschehen«, sagte der Kobold, »aber damit Sie's wissen, es sind acht Fehler in dem Brief. Viel hat der Franz in der Schule nicht gelernt.«

»Jetzt möchte ich nur noch gern wissen, was für eine Marie und was für ein Franz das ist«, brummte Hitzleputz.

»Damit kann ich nicht dienen«, sagte das winzige Männchen, »das steht nicht mehr in dem Brief.« –

Am nächsten Morgen meldete der Briefträger Hitzleputz dem Herrn Oberpostsekretär, daß diesen Brief ohne Adresse ein Schofför Franz einem Fräulein Marie geschrieben hat und daß dieser Herr Franz das betreffende Fräulein Marie gern heiraten möchte.

»Ei der Daus«, rief der Herr Oberpostsekretär, »das ist ja ein außerordentlich wichtiges Schreiben, das sollte das Fräulein doch bekommen!«

»Ich würde das Brieflein schwupps zustellen«, sagte Herr Hitzleputz, »wenn ich nur wüßte, wie dieses Fräulein Marie mit dem Zunamen heißt, in welcher Stadt, in welcher Straße und unter welcher Hausnummer sie wohnt.«

»Das würde ein jeder treffen, Hitzleputz«, meinte der Oberpostsekretär. »Dazu brauchte man nicht einmal einen Briefträger. Aber ich würde es gern sehen, wenn das Fräulein dieses Schreiben bekäme.«

»Gut, Herr Oberpostsekretär«, rief Herr Hitzleputz, »ich werde das Fräulein Adressatin suchen, und wenn ich ein ganzes Jahr herumlaufen und die ganze Welt durchsuchen müßte.«

Nach diesen Worten warf er die Posttasche mit den Briefen und einem Stück Brot über die Schulter und begann zu wandern.

Und Herr Hitzleputz ging und ging und fragte überall, ob nicht in dieser Gegend ein Fräulein Marie wohne, die einen Brief von einem gewissen Herrn Schofför Franz erwarte. Und so durchwanderte er die ganze Gegend von Glatz nach Neisse, Hirschberg und Görlitz, Bunzlau und Liegnitz, Münderberg, Haynau, Frankenberg, Strehlen, den Kreis Oppeln und den Kohlenbezirk und Ratibor; er kam nach Brückenberg, Hain, Schmiedeberg, Dittersbach, Schreiberhau, Krummhübel, Reinerz, Kudowa, ja selbst nach Zobten und Groß-Mochbern, auf die Schneekoppe und auf den Glatzer Schneeberg, kurz er fragte überall und überall nach diesem Fräulein Marie. Er fand eine Menge Fräulein Maries in Schlesien, insgesamt neunundvierzigtausendneunhundertachtzig, aber keine von ihnen erwartete ein Brieflein von Herrn Schofför Franz; einige von ihnen erwarteten zwar ein Briefchen von einem Schofför, aber der hieß nicht Franz, sondern Karl oder Max oder Werner, Kurt oder Ernst oder Wilhelm, Otto oder auch Georg, Hans oder Erich, ja auch Bernhard und Peter und Robert, nur nicht Franz; und andere Fräulein warteten wieder auf ein Brieflein von irgendeinem Herrn Franz, aber der war wieder kein Schofför, sondern Schlosser oder Feldwebel, Tischler oder Schaffner, manchmal auch Drogist, Tapezierer, Frisör oder Schneider, nur grade kein Schofför.

So war denn der Briefträger Hitzleputz schon über ein Jahr gewandert, ohne daß er den Brief dem richtigen Fräulein Marie hätte zustellen können. Er lernte vieles, vieles kennen: er sah Dörfer und Städte, Felder und Wälder, den Aufgang und Untergang der Sonne, die Rückkehr der Nachtigallen und das Kommen des Frühlings, Aussaat und Ernte, Pilze im Walde und reifwerdende Pflaumen, er sah in Grünberg die Weinberge, in Militsch die Karpfen und in Neisse die Lebkuchen. Als das vergebliche Suchen schon länger als ein Jahr währte, setzte er sich betrübt am Straßenrand nieder und sagte: »Jetzt ist schon alles umsonst, dieses Fräulein Marie werde ich wahrscheinlich nie mehr finden.«

Fast hätte er losgeheult, so leid tat ihm das. Er bedauerte das Fräulein Marie, daß sie den Brief von dem Burschen nicht bekam, der sie lieber hatte als sich selbst; er bedauerte den Schofför Franz, dessen Schreiben er nicht zustellen konnte; und schließlich bedauerte er sich selbst, weil er sich so eine Arbeit damit gemacht hatte, und so lange im Regen und Sonnenschein, im Sturm und Wetter herumgewandert war – und alles umsonst.

Und wie er so an der Straße saß und traurig war, sah er ein Auto auf der Straße fahren. Es fuhr langsam, etwa sechs Kilometer in der Stunde. Hitzleputz dachte sich: Das muß aber ein alter Karren sein, der so langsam daherkriecht. Als das Auto aber näher kam, bemerkte er, daß es, um Himmelswillen, ein schöner achtzylindriger Steyr war, und daß hinterm Steuerrad ein trauriger, schwarzgekleideter Schofför und im Wagen ein trauriger, schwarzgekleideter Herr saß.

Und als der traurige Herr den betrübten Briefträger Hitzleputz an der Straße sitzen sah, ließ er halten und sagte: »Kommen Sie her, Briefträger, ich nehme Sie ein Stück mit.«

Herr Hitzleputz war froh, weil ihm von dem vielen Wandern schon die Füße weh taten; er setzte sich zu dem traurigen, schwarzgekleideten Herrn, und der Wagen fuhr langsam und traurig weiter.

Als sie ungefähr drei Kilometer so gefahren waren, begann Hitzleputz: »Mit Verlaub, mein Herr, Sie fahren wohl zu einem Begräbnis, nicht wahr?«

»Oh nein«, antwortete der traurige Herr mit hohler Stimme. »Warum glauben Sie, daß wir zu einem Begräbnis fahren?«

»Nun«, meinte Hitzleputz, »weil Sie gar so traurig sind.«

»Ich bin nur deshalb so traurig«, entgegnete der Herr mit Grabesstimme, »weil mein Auto so traurig fährt.«

»Nun ja«, meinte Hitzleputz, »aber warum fährt denn so ein schöner Steyrwagen gar so langsam und traurig?«

»Weil ihn ein trauriger Schofför lenkt«, antwortete der schwarzgekleidete Herr düster.

»Aha«, sagte Herr Hitzleputz. »Aber mit Verlaub, mein Herr, warum ist denn eigentlich dieser Schofför so traurig?«

»Weil er keine Antwort auf einen Brief bekam, den er vor Jahr und Tag auf die Post gegeben hat«, erwiderte der schwarze Herr. »Sie müssen nämlich wissen, daß er seiner Herzallerliebsten geschrieben hat, ohne eine Antwort von ihr zu bekommen.«

Als Hitzleputz das hörte, fuhr er in die Höhe: »Mit Verlaub, heißt Ihr Schofför nicht Franz?«

»Ja, Franz, Franz Müller«, erwiderte der traurige Herr.

»Und das Fräulein heißt Marie, nicht wahr?«, fragte Hitzleputz weiter.

Da mischte sich der traurige Schofför ins Gespräch und sagte mit einem wehmütigen Seufzer: »Fräulein Marie Schulze heißt die Ungetreue, die meine Liebe vergessen hat.«

»Aha«, rief Hitzleputz erfreut, »Mensch du bist ja der Windbeutel, der Rappelkopf, der Tölpel, der Quakelhans, der Plumpsack, der Trampel, der Dümmling, der Teigaffe, der Einfaltspinsel, der Schöps, der Tropf, der Tolpatsch, der Klotz, der Dämelack, der Schlendrian, der Fridolin, der Pfuscher, der Schussel, der Schildbürger, der dumme Jäckel, der Pomuchel, der pudelnärrische, wirrköpfige, vermaledeite, faule, verrückte, schußlige, leichtsinnige, fahrige, schlampige, unordentliche Kerl, der den Brief ohne Marke und Adresse in den Briefkasten geworfen hat. Jemine, da bin ich aber froh, dich kennenzulernen! Wie sollte denn das Fräulein Marie antworten, wenn sie bis heute dein Schreiben nicht bekommen hat?«

»Wo, wo ist mein Brief?«, rief der Schofför Franz.

»Nun«, antwortete der Briefträger Hitzleputz, »bis du mir sagst, wo dein Fräulein Braut wohnt, wird dieser Brief, damit du's weißt, gerade auf dem Weg zu ihr sein. Du lieber Gott, jetzt trage ich schon länger als ein Jahr diesen Brief in der Tasche herum und suche die ganze Welt nach dem richtigen Fräulein Marie ab! Aber jetzt, junger Mann, gib mir schnell und rasch, ohne Aufschub und im Galopp die Adresse dieses Fräuleins Marie, damit ich hingehen und ihr den Brief aushändigen kann.«

»Sie werden nirgends hingehen, mein lieber Briefträger«, sagte der schwarze Herr, »weil ich Sie hinfahren werde. Also, Franz, gib Gas, wir fahren zum Fräulein Marie.«

Da gab der Herr Schofför Franz auch schon Gas, der Wagen tat einen Sprung, und jetzt, Herrschaften, raste er sechzig, siebzig, achtzig Kilometer, hundert, hundertzehn, hundertzwanzig, hundertfünfzig, immer schneller, bis der Motor vor lauter Freude sang, heulte und tobte, und der schwarze Herr sich mit beiden Händen den Hut halten mußte, damit er ihm nicht davonfliege, und der Briefträger Hitzleputz sich mit beiden Händen an den Sitz anklammerte, während der Schofför Franz schrie: »Herr Chef, jetzt fahren wir aber, was? Hundertachtzig Kilometer! Juchhe, wir fahren ja gar nicht mehr, sondern fliegen nur so durch die Luft, schauen Sie nur, Herr Chef, wo wir die Straße gelassen haben! Herr Chef, Herr Chef, wir haben Flügel bekommen!«

Und als sie so eine Weile mit der Geschwindigkeit von hundertachtzig Kilometern dahinrasten, tauchte ein hübsches, weißes Dorf auf – meiner Treu, das war ja Dreihunden – und der Herr Schofför Franz sagte: »Herr Chef, da wären wir also.«

»Dann halte«, sagte der schwarze Herr, und das Auto blieb am Eingang des Dorfes stehen. »Aber mein Steyr fährt schön, nicht wahr!«, freute sich der Herr. »Und jetzt können Sie, Herr Hitzleputz, dem Fräulein Marie das Briefchen zustellen.«

»Vielleicht«, meinte Hitzleputz, »möchte ihr der Herr Franz lieber mündlich sagen, was er ihr geschrieben hat. Es sind nämlich acht Schreibfehler in dem Brief.«

»Was fällt dir ein«, wehrte sich Herr Franz, »ich schäme mich, ihr vor die Augen zu treten, weil sie so lange von mir keine Nachricht erhalten hat. Und vielleicht«, fügte er betrübt hinzu, »hat sie mich bereits vergessen und hat mich gar nicht mehr gern. Siehst du, Hitzleputz, sie wohnt dort in dem Häuschen, dessen Fenster so klar wie Brunnenwasser sind.«

»Gut, ich gehe hin«, sagte der Briefträger Hitzleputz, blies hübsch mit dem Mund »Trara, trara die Post ist da« und ging, mit dem rechten Fuß ausschreitend, in der Richtung auf das Häuschen zu. Dort saß hinter dem blitzblanken Fenster ein bleiches Mädchen und nähte an einem Kleide.

»Grüß Gott, Fräulein Marie«, rief Herr Hitzleputz. »Sie nähen wohl an Ihrem Hochzeitskleide?«

»Ach nein«, entgegnete Fräulein Marie traurig, »ich nähe mir ein Totenkleid für den Sarg.«

»Aber, aber«, sagte Hitzleputz mitfühlend, »jejejej achdumeingott, duliebeseel herjemine, es wird doch nicht so arg sein? Sind Sie denn krank, Fräulein?«

»Nein«, seufzte Fräulein Marie, »aber mein Herz bricht vor Leid.« Und dabei legte sie die Hand aufs Herz.

»Um Himmelswillen«, rief Herr Hitzleputz, »Fräulein Marie, warten Sie noch mit dem Brechen! Mit Verlaub, warum tut Ihnen denn eigentlich das Herz weh?«

»Weil ich schon Jahr und Tag«, antwortete Fräulein Marie leise, »weil ich schon Tag und Jahr auf einen Brief warte, der nicht kommt.«

»Da machen Sie sich nichts daraus«, beruhigte sie Hitzleputz. »Ich wieder trage schon länger als ein Jahr einen Brief in der Tasche und weiß nicht, wem er gehört. Wissen Sie was, Fräulein Marie, ich gebe das Brieflein einfach Ihnen.« Und mit diesen Worten reichte er ihr den Brief.

Fräulein Marie erbleichte noch mehr. »Herr Briefträger«, sagte sie mit ruhiger Stimme, »dieser Brief ist vielleicht nicht für mich bestimmt, er hat doch gar keine Adresse!«

»Machen Sie ihn nur auf«, riet ihr Herr Hitzleputz, »und wenn er nicht für Sie sein sollte, geben Sie ihn mir wieder zurück und fertig.«

Fräulein Marie öffnete mit zitternden Fingern den Brief, und als sie ihn zu lesen begann, röteten sich ihre Wangen.

»Nun«, fragte Herr Hitzleputz, »bekomme ich den Brief zurück oder nicht?«

»Nein«, hauchte Fräulein Marie, und ihre Augen füllten sich mit Freudentränen. »Herr Briefträger, das ist doch der Brief, auf den ich schon über ein Jahr warte! Herr Briefträger, ich weiß gar nicht, was ich Ihnen dafür geben soll!«

»Dann werde ich es Ihnen sagen«, erwiderte Herr Hitzleputz. »Sie geben mir fünfundzwanzig Pfennig Strafporto, weil das Schreiben nicht gehörig frankiert war, verstanden? Du lieber Gott, ich laufe doch nur deshalb über ein Jahr schon mit diesem Brief herum, damit die Post die fünfundzwanzig Pfennig Porto bekommt! So, danke schön«, sagte er, als er das Geld erhielt, »und auf Ihre Antwort, Fräulein, wartet hier jemand.« Bei diesen Worten winkte er dem Schofför Franz zu, der schon an der Ecke wartete.

Und während Franz die Antwort erhielt, setzten sich Hitzleputz und der schwarze Herr nieder, und der Briefträger sagte: »Sehen Sie, mein Herr, über ein Jahr bin ich mit diesem Brief herumgelaufen, aber es hat sich gelohnt: was ich alles gesehen habe! Das ist so ein wunder-wunderschönes Land. Aha, da kommt der Franz schon zurück. Ja, mündlich läßt sich halt so eine Angelegenheit rascher erledigen als mit einem Brief ohne Adresse.«

Franz sagte kein Wort, nur seine Augen leuchteten.

»Also fahren wir, Herr Chef?«, fragte er.

»Ja«, sagte der Herr. »Zuerst aber bringen wir Herrn Hitzleputz auf die Post.«

Der Schofför sprang in den Wagen, drückte den Starter, trat auf den Kupplungs- und den Gashebel, und der Wagen fuhr so glatt und so leicht an wie im Traum. Gleich stand der Zeiger des Geschwindigkeitsmessers auf hundertzwanzig Kilometer.

»Der Wagen fährt aber gut, nicht wahr!«, freute sich der schwarze Herr. »Ja, jetzt rast er halt wie der Teufel, weil ihn ein glücklicher Schofför lenkt.«

Und alle kamen gut an, und wir auch.

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