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Portugiesische Briefe

Marianna Alcoforado: Portugiesische Briefe - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
authorMarianna Alcoforado
titlePortugiesische Briefe
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
printrun41. bis 50. Tausend
year
firstpub1669
translatorRainer Maria Rilke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080716
projectid952a6713
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Dritter Brief

Was soll aus mir werden, was willst du, das ich tun soll? Wie bin ich weit von allem, worauf ich seinerzeit vorbereitet war. Ich hatte mir vorgestellt, du würdest mir von allen Orten schreiben, durch die du kämst, und daß deine Briefe recht lang sein würden; du würdest meine Leidenschaft unterstützen durch die Hoffnung, dich wiederzusehen; ein vollkommenes Vertrauen in deine Treue würde mir eine Art von Gelassenheit verschaffen, so daß mein Zustand mindestens erträglich sich gestalte ohne übertriebene Schmerzen: ich ging sogar so weit, flüchtig zu erwägen, wie ich meine Kräfte verwenden könnte, um meine Leiden loszuwerden, falls mir eines Tages die Gewißheit entstünde, daß du mich ganz vergessen hast. Deine Abwesenheit, einzelne Augenblicke frommen Ergriffenseins, die Furcht, was mir von meiner Gesundheit bleibt, in Nachtwachen und Sorgen zugrunde zu richten, die geringe Aussicht auf deine Rückkehr, die Kälte deines Benehmens und deines Abschieds, dein Fortgehn, für das so ungenügende Vorwände herhalten mußten, – dies alles und tausend andere nur zu gute und überflüssige Gründe schienen mir dazu einen gewissen Beistand zu versprechen, falls ich dessen bedürfte. Am Ende hatte ich nur gegen mich selbst zu kämpfen, aber ich hatte keinen Begriff, wie schwach ich sei, und ahnte nicht alles das, was ich jetzt leide. Ach, ich bin namenlos beklagenswert, weil ich meine Leiden nicht mit dir teilen kann und ganz allein sein muß in meinem Unglück. Dieser Gedanke tötet mich. Ich sterbe vor Entsetzen, wenn ich mir sage, daß dein Gefühl in allen unseren Freuden nie sehr bei der Sache war. Ja, ich kenne jetzt die Verlogenheit deines ganzen Vorgehns: du hast mich betrogen, sooft du mir versichertest, es mache dich selig, mit mir allein zu sein. Einzig meinem eigenen Ungestüm, mit dem ich mich dir aufdrängte, verdank ich dein Interesse und deine Leidenschaftlichkeit. Kaltblütig hast du den Plan gefaßt, mich zu entflammen. Du hast mein Gefühl nur wie einen errungenen Sieg angesehen, dein Herz ist nie wirklich an alledem beteiligt gewesen... Macht es dich denn nicht unglücklich und mußt du nicht sehr wenig Zartgefühl besitzen, um aus meiner Hingabe keinen andern Gewinn zu ziehen? Und wie ist es möglich, daß ich, bei so viel Liebe, nicht imstande war, dich ganz glücklich zu machen? Ich weine (deinetwegen, einzig deinetwegen) um die grenzenlosen Freuden, die dir verloren gegangen sind: es muß schon so sein, daß du sie nicht hast genießen wollen. Kenntest du sie, du würdest ohne Zweifel zugeben, daß sie empfindlicher sind als die Freude, mich verführt zu haben, und du hättest Gelegenheit gehabt, zu erfahren, daß man bedeutend glücklicher ist und etwas Rührenderes fühlt, wenn man selbst heftig liebt, als wenn man sich lieben läßt.

Ich weiß nicht mehr, was ich bin, noch was ich will: ich bin zerrissen von tausend sich widersprechenden Qualen. Kann man sich einen solchen Jammer denken? Ich liebe dich namenlos, und ich habe zu viel Rücksicht für dich, als daß ich dir ernstlich zu wünschen wagte, du möchtest von demselben Wahnsinn geschüttelt sein... Ich würde mich töten, oder ich hätte es nicht mal nötig, mich zu töten, ich stürbe vor Schmerz, wenn ich gewiß wüßte, daß du nie zu Ruhe kommst, daß dein Leben lauter Aufregung und Wirrnis ist, daß du nicht aufhörst zu weinen und alles dir widerwärtig sei. Ich bestreite kaum meine eigenen Leiden; wie sollte ichs leisten, auch noch den Kummer zu tragen, den die deinigen mir verursachen würden, die mir tausendmal empfindlicher wären?

Und doch kann ich mich auch nicht entschließen, zu wünschen, daß du nicht mehr an mich denken solltest; offengestanden, ich bin rasend eifersüchtig auf alles, was dir Freude macht, was dir, dort in Frankreich, nach deinem Sinn und nach deinem Herzen ist.

Ich weiß nicht, warum ich dir schreibe. Du wirst höchstens Mitleid haben mit mir, das seh ich wohl, und ich will dein Mitleid nicht... Es bringt mich auf gegen mich selbst, wenn ich überlege, was ich dir alles geopfert habe: ich habe meinen guten Ruf verloren, ich habe mich dem Wüten meiner Familie ausgesetzt, der Strenge der hiesigen Gesetze gegen die Nonnen und am Ende deinem Undank, der mir von allem meinem Unglück das größte scheint.

Trotzdem fühle ich deutlich, daß meine Gewissensbisse nicht ganz echt sind, daß ich aus Liebe zu dir von ganzem Herzen mit noch größeren Gefahren es hätte aufnehmen mögen, und es bereitet mir eine unselige Freude, daß ich mein Leben und meine Ehre aufs Spiel gesetzt habe. Mußte ich dir nicht alles Kostbarste, was ich besaß, zur Verfügung stellen? Und sollte ich nicht im Grunde ganz zufrieden sein, es so, wie ich tat, verwendet zu haben? Mir kommt immer vor, als wäre ich nicht so recht zufrieden, weder mit meinen Leiden noch mit dem Übermaß meiner Liebe, obwohl ich doch, leider Gottes, keinen Anlaß habe, mit dir zufrieden zu sein. Ich lebe, ich Treulose, und ich tue genau soviel, mein Leben zu erhalten, wie es zu zerstören. Ich sterbe vor Beschämung. So ist also meine Verzweiflung nur in meinen Briefen. Wenn ich dich so liebte, wie ich es dir tausend Mal versichert habe: müßte ich nicht längst tot sein? Ich habe dich betrogen. Es ist an dir, dich zu beklagen. Ach, warum beklagst du dich nicht? Ich habe dich fortgehn sehen, mir bleibt keine Hoffnung, daß du je wiederkommst, und ich atme noch. Ich habe dich betrogen, ich bitte dich um Verzeihung. Du aber gib nicht nach. Behandle mich mit Härte, finde, daß meine Gefühle nicht Gewalt genug haben. Sei immer schwerer zufriedenzustellen. Laß mir sagen, du willst, daß ich sterbe vor Liebe zu dir. Ich flehe dich an, mir auf diese Weise beizustehen, daß ich die Schwäche meines Geschlechts überwinde und alle meine Unentschlossenheiten in einer wahrhaftigen Verzweiflung zu Ende bringe.

Ein tragisches Ende würde dich zweifellos nötigen, oft an mich zu denken, mein Andenken würde dir teuer sein, das Außerordentliche eines solchen Todes würde dir möglicherweise nahe gehn. Und wäre er nicht in Wirklichkeit besser als der Zustand, auf den du mich heruntergebracht hast? Adieu, ich wollte, ich hätte dich nie gesehn. Ah, das ist wieder ein verlogenes Gefühl, ich weiß ganz genau, während ich dies hier schreibe, daß ich es vorziehe, in der Liebe zu dir elend zu sein, als dich nie gesehen zu haben. Ich murre also nicht und bin mit meinem bösen Los einverstanden, da du es nicht besser hast gestalten wollen. Adieu, versprich mir, mich zärtlich zu betrauern, wenn ich Kummers sterbe, und daß wenigstens die Inständigkeit meiner Liebe dir Lust und Neigung zu allen anderen Dingen benehme. Das soll mir Trost genug sein; wenn ich dich schon aufgeben muß für immer, so will ich dich doch zum mindesten keiner andern lassen. Am Ende wärst du grausam genug, dich meiner Verzweiflung zu bedienen, um vor anderen noch liebenswürdiger zu erscheinen und um zu zeigen, daß du die größte Liebe von der Welt hast einflößen können? Adieu, noch einmal. Diese Briefe sind zu lang, die ich dir schreibe, ich nehme nicht genügend Rücksicht auf dich, verzeih mir, ich hoffe, du wirst etwas Nachsicht aufbringen für ein armes unzurechnungsfähiges Geschöpf, das, wie du weißt, nicht so war, bevor es dich liebte. Adieu, ich glaube, ich rede zu oft von dem unerträglichen Zustand, in dem ich jetzt bin: aber ich danke dir im Grunde meines Herzens für die Verzweiflung, die du über mich bringst, und ich habe nichts als Abscheu für die Ruhe, in der ich gelebt habe, ehe ich dich kannte. Adieu, es vergeht kein Augenblick, ohne daß meine Liebe zunimmt. Wieviel Dinge hab ich dir noch zu sagen...

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