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Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin

Alphonse Daudet: Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titlePort Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 7
translatorNatalie Rümelin
year1890
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectide5344f2d
modified20140408
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Viertes Kapitel.

Einschiffung des »Tarasque«. – »Gebt Dampf!« – Die Bienen verlassen ihren Stock. – Der Wohlgeruch Indiens und der Wohlgeruch Tarascons. – Tartarin lernt Papuanisch. – Zerstreuungen während der Ueberfahrt.

Wer an jenem Maimorgen des Jahres 1881 das Deck des Tutu-panpan gesehen hätte, der würde sich eines wahrhaft malerischen Anblicks zu erfreuen gehabt haben! Alle Direktoren in Gala: Tournatoire, Generaldirektor des Gesundheitsamtes; Costecalde, Direktor der Landwirtschaft: Bravida, Oberkommandierender der Bürgerwehr, und zwanzig andre zeigten den Blicken ein Gemisch der verschiedenartigsten gold- und silbergestickten Kostüme; außerdem trugen noch viele den Mantel der Granden erster Klasse: rot, mit goldnen Borten besetzt. Inmitten dieser buntausstaffierten Menge bildete der Großalmosenier der Kolonie und Kaplan des Gouverneurs einen großen weißen Flecken.

Besonders die Bürgerwehr funkelte. Da der größte Teil der gewöhnlichen Soldaten schon mit den andern Schiffen befördert worden war, sah man beinahe nur noch die Offiziere mit dem Säbel in der Faust, dem Revolver im Gürtel, mit hohlem Rücken und hochgewölbter Brust unter dem koketten mit Fangschnüren geschmückten Dolman, und mit ihrem Hauptstolz: den prächtigen spiegelblanken Lackstiefeln.

Unter diese Uniformen und Kostüme mischten sich die hellfarbigen, heiteren, schillernden Anzüge der Damen mit flatternden Bändern und Schärpen, und hier und da die tarasconische Haube eines Dienstmädchens. Und über dem allem, über dem Schiff mit seinen blitzblanken Messingbeschlägen, über den gen Himmel ragenden Masten denke man sich noch den Sonnenschein, einen schönen, festtäglichen Sonnenschein, als Horizont die breite Rhone mit ihren wogenden und vom Mistral rückwärts gestauten Wassern, und dann hat man einen Begriff von dem Anblick, den der Tutu-panpan vor seiner Abfahrt nach Port Tarascon gewährte.

Der Herzog von Mons hatte dieser Abfahrt nicht anwohnen können, da er durch eine neue Emission in London zurückgehalten wurde. Man brauchte nämlich Geld, um Schiffe, Mannschaft, Ingenieure, kurz alle Kosten der Auswanderung zu decken! Noch am Morgen hatte der Herzog durch ein Telegramm die Kapitalien angekündigt. Und alle bewunderten die praktische Seite des Mannes aus dem Norden.

»Welches Beispiel er uns gibt, meine Herren!« deklamierte Tartarin, und fügte immer hinzu: »Ahmen wir ihm nach. . . . Keine Windbeuteleien!« Und in der That, er selbst sah sehr ruhig und einfach aus und zeigte nicht die mindeste Großthuerei; inmitten seiner kostümierten Angestellten trug er nur den Großkordon des »Ordens« über seinem Ueberzieher um den Hals.

Vom Deck des Tutu-panpan sah man die Kolonisten von weitem gruppenweise herankommen, an den Straßenecken erscheinen und nach dem Quai einbiegen. Endlich wurden sie kenntlich und mit ihrem Namen begrüßt: »Ah, da sind die Roquetaillades!«

»Da, Herr Franquebalme!«

Und Geschrei und begeisterte Zurufe ertönten. Unter anderem brachte man der uralten Gräfin-Witwe von Aigueboulide, einer beinahe hundertjährigen Greisin, eine allgemeine Huldigung dar, als man sie in einem Umhang von flohbrauner Seide, mit wackelndem Kopf leichtfüßig an Bord steigen sah, in einer Hand ihre Wärmflasche, in der andern ihren ausgestopften alten Papagei.

Von Minute zu Minute entleerte sich die Stadt immer mehr; zwischen den geschlossenen Häusern und den Kaufläden mit herabgelassenen Jalousieen und Rollläden erschienen die Straßen breiter als sonst.

Als alles an Bord war, kam ein Augenblick der Sammlung, der feierlichen Stille, nur von dem Zischen des unter Druck befindlichen Dampfes unterbrochen. Hunderte von Augen richteten sich auf den Kapitän, der, bereit den Befehl zum Lichten des Ankers zu erteilen, aufrecht auf der Kommandobrücke stand. Plötzlich rief irgend jemand: »Und die ›Tarasque‹! . . .«

Sicherlich hat jedermann schon von der »Tarasque« gehört, dem fabelhaften Tier, das der Stadt Tarascon ihren Namen gegeben hat. Diese »Tarasque« war, um in Kürze wieder an ihre Geschichte zu erinnern, in uralten Zeiten ein furchtbares Ungeheuer, das die Umgegend der Rhonemündung verheerte. Die heilige Martha, die nach dem Tode Christi in die Provence gekommen war, begab sich, weiß gekleidet, in die Sümpfe, um das Tier zu holen, und führte es, nur mit einem blauen Band gebunden, aber gezähmt und bezwungen durch ihre Unschuld und Frömmigkeit in die Stadt.

Seither feiern die Tarasconer alle zehn Jahre ein Fest, bei dem man ein aus Holz und bemalter Pappe verfertigtes Ungeheuer durch die Stadt führt: dies rohe, schnurrige Ebenbild der einstigen »Tarasque«, das etwas von einer Schildkröte, einer Schlange und einem Krokodil an sich hat, wird heute wie ein Abgott verehrt, auf Kosten des Staates erhalten und untergebracht, und ist im ganzen Land unter dem Namen der »Großmutter« bekannt.

Ohne die Großmutter abzureisen, schien ihnen gar nicht möglich. Einige junge Leute stürzten fort und holten sie schleunigst auf den Quai.

Da gab's so viel Thränengüsse und ein so begeistertes Geschrei, als ob die Seele der Stadt, ja das Vaterland selbst in diesem Ungeheuer aus Pappe atme, das so sehr schwer einzuschiffen war.

Viel zu groß, um im Innern des Fahrzeuges untergebracht werden zu können, wurde die »Tarasque« auf dem Hinterdeck befestigt. Riesig groß und lächerlich sah sie mit ihrem Leinwandbauch und ihren gemalten Schuppen aus wie ein Ungeheuer aus einer Zauberposse. Mit dem über Bord weit emporragenden Kopf vervollständigte sie das malerische und eigenartige Bild des beladenen Schiffes und machte den Eindruck eines jener am Schnabel der Schiffe angebrachten geschnitzten Ungeheuer, die während der Reise über das Geschick der Fahrzeuge zu wachen haben. Man überschüttete die »Tarasque« mit Ehrenbezeugungen, man sprach zu ihr und liebkoste sie.

Als er diese allgemeine Aufregung sah, fürchtete Tartarin, es könne hierdurch der Schmerz um das verlassene Vaterland in den Herzen wach gerufen werden, und auf ein Zeichen von ihm befahl Kapitän Scrapouchinat mit furchtbarer Stimme: »Gebt Dampf! Vorwärts!«

Alsbald erschallten Fanfaren, das Zischen des Dampfes und das Rauschen des Wassers unter den Schaufeln ließen sich vernehmen, und dies alles wurde überdröhnt von der Stimme Excourbaniès': »Hurra! . . .« Im Nu trat das Ufer zurück: die Stadt, die Türme König Renés rückten in die Ferne und verkleinerten sich immer mehr, wie verschleiert durch das auf dem Wasser der Rhone zitternde Sonnenlicht.

Ueber die Brüstung des Schiffes gebeugt, sahen alle ruhig, lächelnd, gleichgültig zu, wie ihr Vaterland immer mehr zurücktrat und in der Ferne verschwand. Nun, da sie die gute »Tarasque« bei sich hatten, waren sie nicht mehr ergriffen, als ein Bienenschwarm, der beim Geklapper von Kesseln oder Pfannen den Korb wechselt, oder als ein großer Zug von Staren, der im Triangel seinen Flug gen Afrika richtet.

Und wirklich, ihre »Tarasque« beschützte sie gut. Himmlisches Wetter, strahlendes Meer; kein Sturm, keine Bö, kein Regenschauer – nie hat eine günstigere Ueberfahrt stattgefunden.

Wohl ließ man im Kanal von Suez unter der feurigen Sonnenglut trotz der nach dem Beispiel Tartarins von allen angenommenen kolonialen Kopfbedeckung, einem mit weißer Leinwand überzogenen und mit einem grünen Gazeschleier garnierten Korkhelm, die Zunge aus dem Halse hängen, allein man litt doch nicht allzusehr unter dieser Backofentemperatur, auf die der Himmel der Provence die Auswanderer längst vorbereitet hatte.

Nachdem Port Saïd, Suez und Aden passiert und das Rote Meer durchschifft war, stürmte der Tutu-panpan in raschem, ununterbrochenem Lauf quer durch den Indischen Ocean unter einem Himmel dahin, der so weiß, so milchig und so samtartig war, wie jene Knoblauchmayonnaise, die von den Auswanderern zu allen Mahlzeiten genossen wurde.

Was überhaupt Knoblauch vertilgt wurde an Bord! Man hatte ungeheure Vorräte davon mitgenommen und sein köstlicher Duft folgte im Kielwasser des Schiffes und vermischte den Wohlgeruch Tarascons mit den Wohlgerüchen Indiens.

Bald fuhr man an Inseln entlang, die wie Körbe voll seltener Blumen aus dem Meer emporstiegen, über denen prächtige, wie mit glitzernden Edelsteinen bekleidete Vögel dahinschwebten. Die ruhigen, durchsichtigen, von Myriaden Sternen erhellten Nächte schienen von fern her tönender, den Tanz von Bajaderen begleitender Musik erfüllt zu sein.

An den Malediven, in Ceylon, in Singapore hätte man in himmlisch schönen Zwischenhäfen ankern können, allein die Tarasconerinnen, Frau Excourbaniès an der Spitze, verboten ihren Männern, ans Land zu gehen.

Eine unbändige, instinktive Eifersucht erfüllte die Frauen alle mit Mißtrauen gegen das gefährliche, indische Klima und seine erschlaffenden Einflüsse, die bis auf das Deck des Tutu-panpan herüberwirkten. Man mußte nur den schüchternen Pascalon sehen, wie er sich, wenn der Abend herniedersank, neben Fräulein Clorinde von Espazettes, einem großen, schönen jungen Mädchen, von dessen aristokratischem Reiz er sich angezogen fühlte, auf die Brüstung des Schiffes lehnte.

Der gute Tartarin lachte sich ins Fäustchen und sah für die Ankunft schon eine Heirat voraus.

Uebrigens zeigte sich der Gouverneur während der Ueberfahrt gegen alle von einer Sanftmut und einer Nachsicht, die einen scharfen Gegensatz bildete zu dem gewaltthätigen und finsteren Wesen des Kapitäns Scrapouchinat, der sich an Bord seines Schiffes als ein wahrer Tyrann erwies und beim geringsten Wort zornig wurde und davon sprach, jeden Widerspenstigen »wie einen grünen Affen« erschießen zu lassen. Tartarin fügte sich geduldig und vernünftig den Launen des Kapitäns, suchte ihn sogar zu entschuldigen und gab, um den Zorn seiner Bürgerwehr abzulenken, allen das Beispiel einer unermüdlichen Thätigkeit.

Die Morgenstunden wurden dem Studium des Papuanischen gewidmet, unter der Leitung seines Kaplans, des hochwürdigen Bruders Bataillet, der als ehemaliger Missionar dieser und vieler andrer Sprachen mächtig war.

Unter Tags versammelte Tartarin all seine Leute auf dem Deck oder im Salon um sich und besprach und beriet allerlei mit ihnen, oder gab seine ganz frisch erworbenen Kenntnisse über Zuckerplantagen und den Trepangfang zum besten.

Zweimal wöchentlich hielt er Jagdstunde, denn da drüben in der Kolonie gab es Wild genug, da war es nicht wie in Tarascon, wo man nur auf die in die Luft geworfenen Mützen schießen konnte.

»Ihr schießt gut, Kinder, aber ihr schießt zu schnell,« sagte Tartarin.

Sie waren zu heißblütig, sie mußten sich mäßigen.

Er gab ihnen vortreffliche Ratschläge und lehrte sie, wie viel Zeit man sich je nach der Art des Wildes nehmen, und wie man methodisch, wie ein Metronom dazu zählen müsse.

»Für die Wachtel drei Takte. Eins, zwei, drei . . . pardauz! . . . da haben wir sie. . . . Für das Rebhuhn« – und er schüttelte seine offne Hand in Nachahmung des Vogelfluges – »für das Rebhuhn, zählt nur auf zwei. Eins, zwei . . . piff, paff! . . . Hebt's auf, es hat seinen Treff!«

So vergingen die einförmigen Stunden der Ueberfahrt und jede Schraubendrehung brachte all diese guten Leute, die sich während der ganzen Reise in schönen Zukunftsplänen wiegten, und in der Hoffnung auf das, was sie drüben erwartete, nur von Einrichtungen, Urbarmachung und allerlei eingebildeten Verschönerungen ihres künftigen Eigentums sprachen, der Verwirklichung ihrer Träume näher.

Der Sonntag war ein Ruhetag, ein wahrer Festtag. Auf dem Achterschiff las der Bruder Bataillet mit großem Pomp die Messe, und die Trompeten erschallten, die Trommeln schlugen den Fahnenmarsch in dem Augenblick, wo der Priester die Hostie erhob. Nach der Messe trug der hochwürdige Bruder eine jener feurigen Parabeln vor, in deren Erzählung er so groß war, und die weniger einer Predigt glich als einem poetischen Mysterium voll südlicher Glaubensglut.

Hier folgt eine jener Erzählungen – kindlich wie eine Heiligengeschichte, die man auf den bemalten Fenstern einer alten Dorfkirche dargestellt sieht; aber um ihren ganzen Reiz zu genießen, muß man sich das frischgewaschene Schiff vorstellen, mit seinen glänzenden Metallbeschlägen, den Kreis der Damen, den Gouverneur in seinem Rohrsessel, umgeben von seinen Direktoren in großer Gala, die in zwei Reihen geordnete Bürgerwehr, die Matrosen in den Wanten und all diese Menschen still, aufmerksam, die Augen auf den Priester gerichtet, der aufrecht auf den Stufen des Altars steht. Das Stoßen der Schraube begleitet seine Stimme im Takt, der Rauch des Dampfers steigt dünn und gerade auf gegen den reinen, tiefen Himmel; Delphine schaukeln sich auf den Wellen, Seevögel, große Möwen und Albatrosse folgen kreischend im Kielwasser des Schiffes, und wenn der Weiße Bruder mit seiner schiefen Schulter seine Arme erhebt und die weiten Aermel schüttelt, so gleicht er selbst einem jener großen Vögel, der, im Begriff sich emporzuschwingen, mit den Flügeln schlägt.

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