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Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin

Alphonse Daudet: Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titlePort Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 7
translatorNatalie Rümelin
year1890
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectide5344f2d
modified20140408
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Erstes Kapitel.

Klagen der Tarasconer über den Stand der Dinge. – Die Ochsen, die Weißen Brüder. – Ein Tarasconer im Paradies. – Belagerung und Uebergabe der Abtei Pampérigouste

»Franquebalme, mein Lieber . . . ich bin mit Frankreich nicht zufrieden! . . . Unsere Regierung bringt uns vollends um alles!«

Diese denkwürdigen Worte, von Tartarin eines Abends am Kamin des Kasinos mit dem Ton und der Gebärde ausgesprochen, die man sich denken kann, faßten alles zusammen, was man in Tarascon-sur-Rhone zwei oder drei Monate vor der Auswanderung dachte und sagte. Der Tarasconer kümmert sich im allgemeinen nicht um Politik: von Natur träge, ist er gleichgültig gegen alles, was kein lokales Interesse für ihn hat, und hält, wie er zu sagen pflegt, am Stand der Dinge fest. Nichtsdestoweniger warf man dem Stand der Dinge seit einiger Zeit eine ganze Menge Dinge vor.

»Unsere Regierenden bringen uns vollends um alles,« sagte Tartarin.

Unter diesem »Alles« war in erster Linie das Verbot der Stiergefechte zu verstehen.

Gewiß ist die Geschichte jenes Tarasconers allgemein bekannt, der als schlechter Christ und Taugenichts ersten Ranges nach seinem Tod durch Ueberrumpelung ins Paradies gelangt war, während ihm der heilige Petrus einen Augenblick den Rücken gekehrt hatte, und trotz aller Bitten des himmlischen Pförtners nicht mehr hinausgehen wollte. Was that dann der große heilige Petrus?

Er schickte einen ganzen Flug Engel vor den Himmel hinaus und hieß sie aus Leibeskräften rufen: »Da! da! . . . die Ochsen! . . . da! da! . . . die Ochsen! . . .« wie man es bei den tarasconischen Stiergefechten schrie. Die Züge des Spitzbuben hellten sich auf, als er dies hörte: »Ihr habt hier also auch Stiergefechte, heiliger Petrus?«

»Stiergefechte? . . . Das will ich meinen! . . . Und zwar prächtige, mein guter Freund.«

»Wo denn? . . . Wo finden sie denn statt?«

»Vor dem Paradies . . . da gibt's Platz genug, wie du dir denken kannst.«

Der Tarasconer stürzt alsbald hinaus, um zuzusehen, und die Pforten des Himmels schließen sich für immer hinter ihm.

Wenn ich hier an diese Legende erinnere, die so alt ist wie die Bänke auf der »Promenade«, so geschieht es nur, um die Leidenschaft der Bewohner Tarascons für die Stiergefechte und den Zorn anzudeuten, mit dem sie deren Verbot aufgenommen hatten.

Darauf folgte der Befehl, die Weißen Brüder auszuweisen und ihr hübsches Kloster Pampérigouste zu schließen, das auf einem von Thymian und Lavendel grauschimmernden Hügelchen thront. Schon seit Jahrhunderten steht es dort vor den Thoren der Stadt, von der aus man zwischen den Fichten hindurch die ausgezackten Zinnen der Türmchen erblickt, deren Glockenklänge sich in der hellen Morgenluft mit dem Gesang der Lerche, und in der Abenddämmerung mit dem traurigen Ruf der Brachschnepfen vermischen.

Die Tarasconer liebten sie sehr, ihre guten, sanften, harmlosen Weißen Brüder, die es so vortrefflich verstanden, aus den würzigen Kräutern, mit denen der kleine Berg übersät ist, ein treffliches Elixir zu bereiten. Außerdem liebten sie die frommen Väter auch wegen ihrer Schwalbenpasteten und ihrer köstlichen Quittenkrapfen, pains-poires oder pan-péri genannt, die aus einer in goldgelber feiner Kruste eingebackenen Quittenbirne bestanden, und denen das Kloster seinen Namen Pampérigouste oder Panpérigousto verdankt.

Als den Brüdern der offizielle Ausweisungsbefehl übersandt wurde, und diese sich weigerten, ihre Kloster zu verlassen, schlossen sich fünfzehnhundert bis zweitausend Tarasconer, Leute aus dem Volk, Packträger, Schuhputzer, Spanier, kurz, was wir »Raupentum« nennen, mit den guten Mönchen in Pampérigouste ein.

Die tarasconische Bürgerschaft, die Herren vom Kasino, Tartarin voran, beabsichtigten ebenfalls die heilige Sache zu unterstützen. Sie schwankten keinen Augenblick. Aber man stürzt sich doch nicht ohne alle und jede Vorbereitung in ein solches Unternehmen. Den »Raupen« stand es besser an, so kopflos vorzugehen.

Vor allem brauchte man Kostüme. Sie wurden bestellt: prächtige Kostüme, wie sie einst die Kreuzfahrer trugen, lange, schwarze Gewänder mit einem großen, weißen Kreuz auf der Brust und überall, vorne und hinten, gekreuzte Totenbeine in Soutachestickerei. Die Stickerei namentlich kostete viel Zeit.

Bis alles fertig wurde, war das Kloster schon eingeschlossen. Die Truppen, im Feld und auf den steinigen Abhängen des kleinen Hügels gelagert, umschlossen es in dreifachem Kreis.

Inmitten des Thymians und des Lavendels machten die roten Hosen der Soldaten von weitem ganz den Eindruck von plötzlich aufgegangenen roten Mohnblüten.

Reiterpatrouillen, den Karabiner am Schenkel, das Revolverfutteral im Gürtel, die Säbelscheide an die Flanken des Pferdes schlagend, konnte man allerorten begegnen.

Allein diese Machtentfaltung vermochte den kühnen Tartarin nicht aufzuhalten, der, wie auch der größte Teil der Kasinoherren, entschlossen war, durchzubrechen.

Im Gänsemarsch, auf Händen und Füßen kriechend, alle Vorsichtsmaßregeln und sämtliche klassische Listen der Wilden Fenimore Coopers gebrauchend, gelang es ihnen, durch die Linien der Blockade, an den Reihen der schlafumfangenen Zelte entlang zu kriechen und die Schildwachen und Patrouillen zu umgehen, wobei sie sich durch unvollkommene Nachahmung eines Vogelschreis gegenseitig auf besonders gefährliche Stellen aufmerksam machten.

Es gehörte wirklich nicht wenig Mut dazu, in diesen taghellen Nächten ein solches Abenteuer zu wagen! Allerdings muß aber auch gesagt werden, daß es im Interesse der Belagerer lag, möglichst viele Leute hinein gelangen zu lassen.

Man wollte nämlich die Abtei lieber aushungern, als mit Gewalt nehmen. Deshalb drehten die Soldaten gerne den Kopf nach der andern Seite, wenn sie im Monden- und Sternenscheine diese Schatten dahinhuschen sahen. Mehr als ein Offizier, der im Kasino seinen Absinth in Gesellschaft des berühmten Löwentöters getrunken hatte, erkannte diesen trotz seiner Verkleidung von weitem und begrüßte ihn durch den vertraulichen Zuruf: »Gute Nacht, Herr Tartarin!«

Einmal an Ort und Stelle, organisierte Tartarin die Verteidigung.

Dieser Tausendsasa hatte alles gelesen, was je über Belagerungen und Blockaden geschrieben worden ist. Er formierte die Tarasconer in Landwehrbrigaden unter dem Oberbefehl des tapferen Obersten Bravida, und ließ sie, von den Erinnerungen an Sebastopol und Plewna erfüllt, Erde aufwerfen, sehr viel Erde, und umgab die Abtei mit Wällen, Gräben und Befestigungen aller Art, deren Kreise sich immer enger zogen, so daß die Belagerten hinter ihren Verteidigungswerken zur Freude der Belagerer wie eingemauert waren.

In dem zur Festung umgewandelten Kloster wurde, wie es sich gebührt, wenn der Belagerungszustand erklärt ist, militärische Disziplin eingeführt. Alles wurde nach Trommelwirbeln und Trompetensignalen ausgeführt.

Beim Tagesanbruch, zur Reveille, wirbelte die Trommel durch die Höfe, die Gänge und die Hallen des Klosters. Man trompetete von morgens bis abends; gebieterische, kurze, tiefe Trompetenstöße riefen mit Tara-ta zu den Gebeten; mit Tara-ta-ta galten sie dem Bruder Säckelmeister und mit Tara-ta-ta-ta dem Bruder Küchenmeister. Man blies zum Angelus, zur Frühmette und zur Complete. Es war beschämend für die Armee der Belagerer, die im freien Feld bedeutend weniger Spektakel machte, während sich da oben auf dem Gipfel des kleinen Hügels, hinter den feinen kunstvollen Zinnen der Klosterfestung Trompetengeschmetter und Trommelwirbel mit Glockenklängen zu stolzem Getöne vereinten und einen lustigen, halb kriegerischen, halb kirchlichen Sang als Siegesverheißung in alle vier Winde schickten.

Zum Kuckuck! Die Belagerer konnten sich aber auch in ihrer Aufstellung mühelos verproviantieren und lebten alle Tage herrlich und in Freuden. Die Provence ist ein Land der Genüsse und bringt alle möglichen guten Sachen hervor: helle, goldne Weine, Bratwürste und Arleserwürstchen, köstliche Melonen, saftige Kürbisse, Nußmandelbrot von Montélimar; und all dies kam den Truppen der Regierung zu gute, während kein Krümchen und kein Tröpfchen in die blockierte Abtei gelangte.

So kam es, daß einerseits die Soldaten, die nie so schwelgerisch gelebt hatten, so dick wurden, daß ihre Uniformen beinahe platzten, und daß die Pferde glänzende, wohlgenährte Rücken zeigten, während andererseits, o weh! die armen Tarasconer und besonders die »Raupen«, die, überangestrengt, spät zu Bett und früh auf den Beinen, ständig in Bewegung gehalten wurden und von morgens bis abends bei Sonnenglut und Fackelschein Erde graben und schaufeln mußten, immer mehr abmagerten und so zusammenschrumpften, daß es ein Jammer war.

Dazu kam noch, daß die Vorräte der guten Väter sich erschöpften; Schwalbenpasteten und Quittenkrapfen gingen zu Ende.

Konnte man noch lange aushalten?

Dies war die Frage, die auf den Wällen und auf den infolge der Trockenheit berstenden Erdverschanzungen tagtäglich erörtert wurde.

»Diese Feiglinge, die nicht angreifen!« sagten die von Tarascon und schüttelten die Fäuste nach den Rothosen, die im Schatten der Fichten der Länge nach im Grase lagen. Allein der Gedanke, daß sie zuerst angreifen könnten, kam ihnen nicht, so sehr war dies kleine Volk vom Selbsterhaltungstrieb beseelt.

Ein einziges Mal sprach Excourbaniès, ein Hitzkopf, davon, die Mönche voran, einen Massenausfall zu unternehmen und diese Söldlinge zu vernichten.

Tartarin zuckte seine breiten Schultern und antwortete nur das eine Wort: »Kindskopf!«

Dann faßte er den aufbrausenden Excourbaniès unter dem Arm, zog ihn auf den Außenwall hinauf und wies mit einer großartigen Bewegung auf die Soldaten, die den Hügel terrassenförmig besetzt hielten, und auf die an allen Wegen aufgepflanzten Schildwachen.

»Ja oder nein, sind wir die Belagerten, oder sind wir's nicht? . . . Haben wir den Sturm zu wagen?«

Beifälliges Gemurmel ertönte ringsum: »Offenbar . . . er hat recht. . . . An ihnen ist es, den Anfang zu machen, da sie uns belagern. . . .«

Und wieder einmal sah man, daß niemand in der Kriegsführung so erfahren war als Tartarin.

Immerhin mußte aber ein Entschluß gefaßt werden.

Eines Tages versammelte sich der Konvent in dem großen, von hohen Fenstern erhellten Kapitelsaal mit seinen geschnitzten Vertäfelungen, und der Bruder Küchenmeister erstattete Bericht über die Hilfsmittel der Festung. Aufrecht und schweigend saßen sämtliche Weißen Brüder auf ihren »Stützen«, Halbsitze von heuchlerischer Form, auf denen man sitzen konnte, während es aussah, als ob man stehe, und hörten ihm zu. Kläglicher Bericht des Bruders Küchenmeister!

Was hatten sie seit Beginn der Belagerung nicht alles verzehrt, diese Tarasconer! Schwalbenpasteten so und so viel Hundert, Quittenkrapfen so und so viel Tausend, und so viel von diesem und so viel von jenem! Von all den Dingen, die er aufzählte, mit denen man anfangs so gut versehen gewesen, war nur noch ganz wenig übrig, so wenig, daß man ebensogut sagen konnte – gar nichts mehr.

Mit langen Gesichtern sahen die Hochwürdigen einander an und waren ganz einig darüber, daß sie mit all diesen Vorräten einem Feind gegenüber, der die Sache nicht aufs äußerste zu treiben entschlossen war, jahrelang hätten aushalten können, ohne an irgend etwas Mangel zu leiden, wenn man ihnen nur nicht zu Hilfe gekommen wäre. Der Bruder Küchenmeister las mit eintöniger, schmerzerfüllter Stimme weiter, bis er durch Geschrei von außen unterbrochen wurde.

Die Thür des Saales öffnet sich mit Getöse und Tartarin erscheint, ein ergriffener, tragischer Tartarin, mit rotem Gesicht und über das weiße Kreuz seines Kostümes herniederwallendem Bart. Seines Schwertes Spitze neigt sich grüßend vor dem Prior, der sich kerzengerade auf seiner »Stütze« hält, und vor jedem einzelnen der Brüder, dann beginnt er ernst:

»Herr Prior, ich kann meine Mannschaft nicht mehr halten . . . Sie stirbt vor Hunger. . . . Alle Cisternen sind leer. Der Augenblick ist gekommen, wo wir die Festung übergeben oder uns unter ihren Trümmern begraben müssen.«

Was er zwar nicht sagte, was aber auch seine Bedeutung hatte, das war, daß er seit vierzehn Tagen seiner Frühstücksschokolade beraubt war, die ihm nun in jedem Traum erschien, fett, dampfend, ölig, in Begleitung eines Glases frischen, krystallhellen Wassers an Stelle des halbsalzigen Cisternenwassers, mit dem er sich nun begnügen mußte.

Sofort stand die ganze Versammlung auf ihren Füßen und drückte in einem wirren Durcheinander von Stimmen, denn alle sprachen zumal, einstimmig die Meinung aus: »Uebergeben . . . man muß die Festung übergeben!« Nur der Bruder Bataillet, ein ganz übertriebener Mann, schlug vor, das Kloster mit dem vorhandenen Pulver in die Luft zu sprengen und selbst in Brand zu stecken.

Allein man hörte nicht auf ihn, und als die Nacht gekommen war, verließen die Mönche und die Bürgerwehr, von Excourbaniès, Bravida, Tartarin und einem Stab von Kasinoherren gefolgt, kurz alle Verteidiger von Pampérigouste ohne Sang und Klang das Kloster, in dessen Thüren sie sämtliche Schlüssel stecken ließen, und zogen im hellen Mondenschein, unter den wohlwollenden Blicken der feindlichen Schildwachen, den Hügel hinab.

Diese denkwürdige Verteidigung der Abtei gereichte Tartarin zu höchster Ehre, allein die Besetzung des Klosters der Weißen Brüder durch die Truppen erregte finsteren Groll in den Herzen der Tarasconer.

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