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Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin

Alphonse Daudet: Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titlePort Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 7
translatorNatalie Rümelin
year1890
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectide5344f2d
modified20140408
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Vorwort zur Uebersetzung.

Mit dem gegenwärtigen Buch, das der Herausgeber den Lesern der »Romanbibliothek« seines hohen Interesses wegen nicht vorenthalten wollte, schließt Alphonse Daudet, der Rabelais des modernen Frankreichs, einen Cyklus grotesk-humoristischer Erzählungen ab, die in einer Reihe farbenreicher Bilder uns das Leben und Treiben eines wunderlichen Völkchens schildern.

In »Tatarin de Tarascon« und in »Tartarin sur les Alpes« führt uns der Dichter Typen des südfranzösischen Volkscharakters vor, die alle Fehler und Schwächen des leicht beweglichen provençalischen Stammes in sich vereint zur Schau tragen. Diese Typen sind keine unbestimmten, verschwommenen Figuren, sondern sie erhalten durch die Gestaltungskraft des Dichters Leben und Individualität, ganz besonders der Held dieser Erzählungen, der Tarasconer Tartarin, eine aus dem Vollen geschöpfte Gestalt, die uns mit all ihren drastischen Schwächen derart zu packen weiß, daß wir an seinem endlichen Untergang den innigsten Anteil nehmen. Ob er auf der Löwenjagd (Tatarin de Tarascon) seinen zahmen Löwen schießt, ob er leichtgläubig alle Gefahren des Bergsteigens für Humbug hält und lächelnd über Gletscherspalten schwebt, ob er die Jungfrau ersteigt und auf ihrem Gipfel das Banner von Tarascon aufpflanzt (Tartarin sur les Alpes), oder ob er mit seinen bethörten Genossen fern auf einer öden polynesischen Insel die Kolonie Port Tarascon gründet – er ist überall derselbe köstliche, großartige Tartarin, der uns gerade durch seine Fehler und liebenswürdigen Schwächen menschlich näher tritt.

Daudet will, wie er in diesem Buch selbst zugesteht, nicht nur dem provençalischen Stamm, sondern dem gesamten französischen Volke in diesen tarasconischen Gestalten Spiegelbilder vor Augen führen. »Alles in allem genommen,« läßt er einen Engländer sagen, »ist der tarasconische Typus nichts als der französische Charakter, nur in übertriebenem, vergrößertem Maßstabe, als ob man ihn in einer jener großen Glaskugeln, die man ab und zu in unsern Gärten findet, abgespiegelt sähe.«

Daudet kennt sein Volk und weiß, daß dessen Fehler zugleich seine Vorzüge sind. Deshalb kämpft er nicht wie Rabelais mit der scharfen Waffe der Satire, sondern schöpft aus der Fülle seines Humors jene typischen Gestalten, durch die er seinem Volke zeigen will, wohin solche Schwächen führen müssen.

Und was sind diese Fehler des französischen Volkscharakters, die uns der Dichter in einer bis an die Grenzen der Karikatur gehenden Drastik vor die Augen führt?

Kein Volk der Welt kennt weniger soziale Vorurteile als der Franzose, aber auch keines trägt mehr den Drang zur Schau, sich äußerlich von seinen Mitmenschen zu unterscheiden. Die Titel- und Ordenssucht, die Eitelkeit, die Schwäche für Schein und Schimmer ist es daher vor allem, die Daudet in seinen tarasconischen Würdenträgern mit ihren Großkordons und Grandenmänteln zu geißeln sucht. Hier schlägt er der Thorheit geradezu mit ihrer eignen Narrenmütze ins Gesicht!

Sodann ist es die Unkenntnis fremder Verhältnisse, die Leichtgläubigkeit und das rasche, unüberlegte Ueberspringen vom Gedanken zur That, das in der Geschichte des französischen Volkes eine so große Rolle spielt und es so häufig dazu getrieben hat, für andre die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Diese spezifische und positivste Eigenschaft der Franzosen findet ihren drastischen Ausdruck in der tollen Kolonialunternehmung der Tarasconer, von der uns dieses Buch erzählt, und die ihr tragikomisches Ende darin findet, daß die allzeit beutegierigen Engländer ohne weiteres von der Insel Besitz ergreifen.

So lacht Daudet die Tollheiten seines Volkes hinweg, wie der frische Morgenwind die Nebel verscheucht. Keine seiner Gestalten hat je etwas Rohes oder Gemeines an sich; auch vergißt er bei ihrer Individualisierung nie jene kleinen liebenswürdigen Züge, die Beweglichkeit des Geistes, das Geschick, der inneren Empfindung den besten Ausdruck zu verleihen, die Begeisterungsfähigkeit, die Hingebung an das Allgemeine und die Unterordnung unter dasselbe – kurz alle jene Eigenschaften, die den Franzosen zu dem gemacht haben, was er heute ist. Daudets Humor ist durchtränkt und geadelt von der Liebe zu seinem Volk!

Auch seiner Sprache verleiht er durch Verschmelzung der Dialekte und Anwendung von Provinzialismen eine ganz eigenartige Kraft und Fülle, die eine Übersetzung leider ebensowenig wiederzugeben vermag, wie die Vollendung und Schönheit des Daudetschen Stiles. Trotzdem dürfte von dem Geiste des Originals genug übrig bleiben, um auch dem deutschen Leser Befriedigung und Genuß zu gewähren.

Natalie Rümelin.

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