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Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin

Alphonse Daudet: Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titlePort Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 7
translatorNatalie Rümelin
year1890
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectide5344f2d
modified20140408
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Dreizehntes Kapitel.

Von dem Empfang, den die Engländer Tartarin an Bord des Tomahawk bereiteten. – Letzter Abschied von der Insel Port Tarascon. – Unterhaltung des Gouverneurs mit seinem kleinen Las Cases auf dem Oberdeck. – Costecalde wird wiedergefunden. – Die Frau des Kommodore. – Tartarin schießt seinen ersten Walfisch.

Die würdevolle Haltung Tartarins, als er an Bord des Tomahawk stieg, machte einen großen Eindruck auf die Engländer, die von dem Großkordon des Ordens, einer Rose mit daraufgestickter »Tarasque«, den der Gouverneur wie ein Freimaurerzeichen um sich geschlungen trug, und auch von dem rot und goldnen Grandenmantel, der Pascalon von Kopf zu Fuß umwallte, ganz überwältigt waren.

Die Engländer haben wirklich, zu allem andern hin, einen überaus großen Respekt vor der Hierarchie, der Büreaukratie und einer gewissen harmlosen, gutmütigen Verdrehtheit.

Auf dem Quarterdeck wurde Tartarin von dem dienstthuenden Offizier des Schiffes empfangen und mit der größten Aufmerksamkeit in seine Kabine erster Klasse geleitet. Pascalon folgte ihm und fand den Lohn seiner Treue, denn man wies ihm ein Gemach neben dem des Gouverneurs an, während die übrigen Tarasconer im Zwischendeck mit dem einstigen Generalstab der Insel, der damit die wohlverdiente Strafe für seine Schwäche und Feigheit erhielt, als jämmerliche Auswandererherde zusammengepfercht wurden.

Hinter der Kabine Tartarins und der seines getreuen Sekretärs befanden sich ein kleiner, mit Diwans, Waffensammlungen und exotischen Pflanzen ausgestatteter Salon und ein Speisezimmer, in dem zwei Eisblöcke in Eckvasen eine beständige Kühle verbreiteten.

Ein Haushofmeister und zwei oder drei Bediente versahen den Dienst bei seiner Excellenz, der diese Ehrenbezeigungen mit der köstlichsten Seelenruhe hinnahm und bei jeder neuen Zuvorkommenheit in dem Tone eines Herrschers, der an Ehrenbezeigungen und Aufmerksamkeiten jeder Art gewöhnt ist, sagte: »Ganz recht, ganz recht!«

Als der Anker gelichtet wurde, stieg Tartarin trotz des Regens auf Deck, um seiner Insel das letzte Lebewohl zu sagen.

Unklar, neblicht lag sie vor ihm, aber trotz des grauen Schleiers, der sie verhüllte, doch noch deutlich genug, daß man den König Négonko mit seiner Räuberbande sehen konnte, die im schönsten Zug waren, die Stadt und die Residenz zu plündern und am Ufer eine tolle Farandole zu tanzen.

Alle Katecheten des Bruder Bataillets ließen sich, sobald der Pater und die Gendarmen fort waren, wieder von ihren angeborenen guten Trieben leiten.

Pascalon glaubte sogar in dem Gewühl der Tänze die anmutigen Umrisse Liki-Nikis zu, erkennen, allein er sagte nichts aus Angst, seinem guten Herrn, der übrigens dies alles recht gleichgültig mit anzusehen schien, wehe zu thun.

Sehr ruhig, die Hände auf dem Rücken, in historischer, marmorkalter Haltung, starrte der tarasconische Held vor sich hin, ohne zu sehen; er vertiefte sich immer mehr in die Analogie zwischen seinem und Napoleons Schicksal und wunderte sich sehr, tausenderlei Vergleichspunkte, ja sogar gemeinschaftliche kleine Schwächen zu entdecken, zu denen er sich schlechtweg bekannte.

»Sehen Sie,« sagte er zu seinem kleinen Las Cases, »so hatte Napoleon furchtbare Zornausbrüche; ich ebenfalls, besonders in meinen jungen Jahren. . . . Zum Beispiel damals im Theatercafé, wo ich in einem Streit mit Costecalde seine und meine Tasse mit einem Faustschlag zertrümmerte. . . .«

»Bonaparte in Leoben . . .« bemerkte Pascal schüchtern,

»Ganz recht, mein Kind,« sagte Tartarin mit seinem gutmütigen Lächeln.

Allein bei näherer Ueberlegung war es die Einbildungskraft, die furchtbare südliche Einbildungskraft, worin er und der Kaiser sich am meisten glichen. Napoleon besaß eine überströmende, großartige Phantasie, was sein Feldzug in Aegypten, sein Ritt durch die Wüste auf dem Rücken eines Kameles – abermals eine augenfällige Aehnlichkeit, dies Kamel –, sein russischer Feldzug und sein Plan der Eroberung Indiens beweist. –

Und sein – Tartarins – Leben war nichts als ein fabelhafter Traum! . . . Die Löwen, die Nihilisten, die Jungfrau, die Regierung dieser fünftausend Meilen von Frankreich entfernten Insel. Gewiß wollte er die Ueberlegenheit des Kaisers in gewissen Punkten nicht bestreiten, aber er, Tartarin, hatte wenigstens selbst kein Blut vergossen und keine Ströme von Blut fließen lassen, auch die Welt niemals mit Entsetzen erfüllt wie der andere. . . .

Unterdessen verschwand die Insel in der Ferne und Tartarin, auf die Schiffsverschanzung gestützt, fuhr fort, für die Galerie zu sprechen, für die Matrosen, welche die aus der Maschine auf das Deck gefallenen Kohlen beseitigten, und für die wachhabenden Offiziere, die näher getreten waren.

Auf die Länge wurde er langweilig; Pascalon bat ihn um Erlaubnis, sich auf das Vorderschiff zu begeben, um sich unter die Tarasconer zu mischen, von denen man einige verscheuchte Gruppen im Regen bemerkte. Er wollte, wie er sagte, hören, was sie vom Gouverneur dächten, in Wahrheit hoffte er aber Gelegenheit zu finden, seiner lieben Clorinde einige Worte des Trostes und der Ermutigung zuzuflüstern.

Als er eine Stunde später zurückkam, hatte sich's Tartarin auf dem Diwan des kleinen Salons in Flanellunterhosen, das Foulardtuch um den Kopf, bequem gemacht, wie einst in seinem kleinen Hause am Korso, und stand im Begriff, ein Pfeifchen zu schmauchen und einen delikaten Sherrygobbler dazu zu schlürfen.

In ausgezeichneter Stimmung fragte der Gebieter: »Nun, was sagen sie von mir, die guten Leute?«

Pascalon machte kein Hehl daraus, daß sie ihm alle sehr »aufgebracht« zu sein schienen.

Wie eine Viehherde im Zwischendeck eingepfercht, schlecht verpflegt und schlecht behandelt, machten sie den Gouverneur für ihr Mißgeschick verantwortlich.

Aber Tartarin zuckte die Achseln. Er kannte sein Volk zu gut, um nicht zu wissen, daß beim ersten Sonnenstrahl dies alles wieder verflogen sein würde.

»Gewiß sind sie von Haus aus nicht bösartig, aber dieser schlechte Kerl, der Costecalde, hetzt sie immer auf,« erwiderte Pascalon.

»Costecalde? Wie so? . . . Was schwatzen Sie denn von Costecalde?«

Die Nennung dieses unheilvollen Namens hatte Tartarin aufgeregt.

Pascalon erklärte ihm nun, daß ihr Feind, nachdem er auf hoher See in einem Boot, in dem er vor Hunger und Durst am Verschmachten war, vom Tomahawk aufgenommen worden sei, das Vorhandensein einer provençalischen Kolonie auf einer englischen Besitzung verraten und das Schiff bis auf die Reede von Port Tarascon geführt habe.

Die Augen des Gouverneurs funkelten: »Der Lump! . . . Der Schurke! . . .«

Er beruhigte sich aber, als ihm Pascalon die unheilvollen Abenteuer schilderte, die der ehemalige Würdenträger und seine Helfershelfer bestanden hatten.

Truphénus ertrunken! . . . Die drei andern Bürgerwehrsoldaten in die Hände der Menschenfresser gefallen, als sie landeten, um Wasser zu fassen! . . . Barban an Bord der Schaluppe vor Entkräftung gestorben! . . . Rugimabaud von einem Haifisch verschlungen!

»Ach was, von einem Haifisch! . . . Sagen Sie lieber von diesem niederträchtigen Costecalde!«

»Aber das Wunderbarste von allem ist, Herr Gou . . . Gouverneur, daß Costecalde behauptet, er sei an einem stürmischen Tag auf hoher See, unter Donner und Blitz . . . raten Sie, wem begegnet?«

»Wie zum Henker soll ich das raten?«

»Die ›Tarasque‹ . . . die Großmutter!«

»Welche Lüge!«

»Nun . . . schließlich . . . wer weiß . . . der Tutu-panpan könnte Schiffbruch gelitten haben; oder vielleicht hat eine Sturzsee die am Bug befestigte ›Tarasque‹; weggewaschen. . . .«

In diesem Augenblick überreichte der Steward dem Herrn Gouverneur das Menü und dieser ließ sich einige Augenblicke später mit seinem Sekretär zu einer vortrefflichen Mahlzeit mit Champagner nieder, bei der es prachtvollen Salm, ein ganz wunderbar zubereitetes blutiges Roastbeef und zum Nachtisch einen leckeren Pudding gab. Tartarin fand diesen so ausgezeichnet, daß er dem Bruder Bataillet und Franquebalme einen guten Teil davon schickte, während Pascalon einige Salmbrötchen bereitete und beiseite steckte – es wird, weiß Gott, nicht nötig sein, zu sagen für wen!

Wie wenn die Insel Port Tarascon inmitten dieses Archipels eine abgesonderte Vorratskammer von Nebel und Regen gewesen wäre, wurde es, als sie am zweiten Tag der Fahrt ganz außer Sicht kam, sofort schönes Wetter.

Jeden Morgen nach dem Frühstück begab sich Tartarin auf Deck, und ließ sich dort, immer am nämlichen Platz, nieder, um mit Pascalon zu plaudern.

So hatte auch Napoleon an Bord des »Northumberland« seinen Lieblingsplatz, jene Kanone, auf die er sich zu stützen pflegte und die deshalb die »Kanone des Kaisers« genannt wurde.

Dachte der große Tarasconer wohl daran? War diese Uebereinstimmung eine absichtliche? Vielleicht; aber dies darf ihn in unsern Augen nicht heruntersetzen. Hat Napoleon, als er sich den Engländern übergab, nicht an Themistokles gedacht, ja sogar nicht einmal ein Hehl daraus gemacht? »Ich komme wie Themistokles. . . .« Und wer weiß, ob Themistokles, als er kam und sich am Herd der Perser niederließ, nicht auch . . .? Die Menschheit ist so alt, ihre Wege sind so überfüllt, so breit getreten! Man geht immer in irgend jemandes Fußstapfen. . . .

Uebrigens erinnerten die vertraulichen Angaben, die Tartarin seinem kleinen Las Cases machte, in nichts an das Leben Napoleons und waren ganz sein eigen, ganz des Tartarin von Tarascon.

Da kam seine Kindheit auf der »Promenade« aufs Tapet, seine frühzeitigen Abenteuer, wenn er des Nachts vom Kasino heimging: seine Vorliebe für die Waffen, für die Jagd auf großes Wild schon als er noch ganz klein war; der gesunde Menschenverstand, der ihn selbst bei seinen tollsten Streichen nicht verließ, diese innere Stimme, die zu ihm sagte: »Geh früh nach Hause . . . erkälte dich nicht!«

In der tiefsten Tiefe seines Gedächtnisses ruhte die Erinnerung an einen Ausflug nach dem altrömischen Viadukt von Gard, bei welchem ihm eine alte, alte Zigeunerin, nachdem sie die Linien in seiner Hand betrachtet, wahrgesagt hatte: »Du wirst eines Tages König werden!« Er war damals kaum zehn Jahre alt, und man kann sich denken, welche Heiterkeit diese Prophezeiung bei jedermann erregte! Und doch sollte sie in Erfüllung gehen!

Hier unterbrach sich der große Mann: »Ich werfe Ihnen all diese Dinge nur so hin, wie sie mir gerade einfallen, aber für die »Erinnerungen« können sie Ihnen doch am Ende nützlich sein. . . .«

»Gewiß,« sagte Pascalon, der seinem Helden die Worte von den Lippen las, während ein halbes Dutzend junger Seekadetten, die sich um Tartarin versammelt hatten, mit offnem Mund seinen Erzählungen lauschten.

Aber am aufmerksamsten war die Frau des Kommodore, eine ganz junge, zarte, schmachtende Kreolin, die nicht weit davon in lässiger Haltung, mit der warmen Blässe einer Magnolia und mit großen, sanften, tiefen, sinnenden schwarzen Augen auf einem Ruhebett aus Bambus lag. . . . Ja, diese Dame verschlang Tartarins Geschichten förmlich.

Ganz stolz, daß seinem Gebieter eine so leidenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde, wollte ihn Pascalon in seinem vollsten Glanze zeigen und veranlaßte ihn, seine Löwenjagden, die Besteigung der Jungfrau und die Verteidigung von Pampérigouste zu erzählen. Und der Held, gutmütig wie immer, ging auf dieses harmlose Manöver ein, gab sich ganz preis und ließ sich durchblättern wie ein Buch, sogar wie ein Buch mit Bildern, das er mit seiner ausdrucksvollen tarasconischen Mimik und dem Piff! Paff! seiner Jagdgeschichten illustrierte.

Die fröstelnd auf ihrem Sofa zusammengekauerte Kreolin erbebte bei jedem lauteren Ton seiner Stimme, und ihre Bewegung verriet sich in einem feinen rosigen Hauch, der sich über ihre durchsichtige Blässe legte.

Wenn ihr Gatte, der Kommodore, eine Art Hudson Lowe, mit seiner boshaften, schnüffelnden Marderschnautze erschien, um sie hinunterzuführen, bat sie: »Nein, nein . . . noch nicht,« und warf einen Blick auf den großen Mann von Tarascon, von dem sie natürlich nicht unbemerkt geblieben war, und der um ihretwillen die Stimme erhob und etwas Edleres in Haltung und Sprache legte.

Wenn sie sich nach einer derartigen Sitzung in ihre Kabinen zurückbegaben, fragte er Pascalon manchmal mit nachlässiger Miene: »Was hat die Frau des Kommodore zu Ihnen gesagt? Es schien mir, als hätte es sich um mich gehandelt . . . wie was?«

»Es war auch so, Herr Gou . . . Gouverneur. Die Dame sagte, sie habe schon viel von Ihnen sprechen hören.«

»Das wundert mich nicht,« entgegnete Tartarin einfach, »man kennt mich in England.«

Eine weitere Aehnlichkeit mit Napoleon!

* * *

Als er eines Morgens ziemlich frühzeitig auf Deck kam, verwunderte er sich sehr, seine Kreolin nicht wie gewöhnlich vorzufinden. Ohne Zweifel hatte das schlechte Wetter, das an diesem Tage war, die etwas frische Temperatur, der Sprühregen, der das Deckhaus bespritzte, der so zarten, für äußere Eindrücke so nervös empfänglichen Frau nicht gestattet, heraufzukommen!

Das Deck selbst und die Schiffsmannschaft schienen von der Unruhe der See angesteckt zu sein.

Ein Walfisch war signalisiert worden, was unter diesen Strichen eine große Seltenheit ist. Er hatte kein Spritzloch und stieß keine Wasserstrahlen aus, woran ein Teil der Matrosen einen weiblichen Wal, andre eine ganz besondre Art zu erkennen vermeinten. Man war nicht einig darüber.

Da der Walfisch im Fahrwasser des Schiffes blieb, ohne sich weiter zu entfernen, verfügte sich ein Abgesandter der Kadetten zu dem Kommandanten und bat um die Erlaubnis, ihn fangen zu dürfen. Widerwärtig, wie immer, verweigerte er dies unter dem Vorwand, man habe keine Zeit zu verlieren, und gestattete nur, daß einige Flintenschüsse auf das Tier abgefeuert würden.

Der Walfisch hielt sich in einer Entfernung von etwa zweihundertfünfzig bis dreihundert Meter vom Schiff, bald zeigte er sich, bald verschwand er wieder, geschaukelt von den wuchtigen, unruhigen Wogen der See, was das Zielen außerordentlich erschwerte.

Nach einigen Flintenschüssen, deren Ergebnisse die Marsgasten in den Wanten verkündeten, war das Tier noch immer nicht getroffen, denn es fuhr fort auf den Wellen zu schaukeln und zu tanzen, und alles sah zu, selbst die Tarasconer, die auf dem Vorderdeck bespritzt und durchnäßt vor Kälte mit den Zähnen klapperten, da sie dem Sprühregen der hochgehenden See viel mehr ausgesetzt waren als die Herren auf dem Hinterdeck.

Tartarin hatte sich unter die Kadetten gemischt, die ihre Geschicklichkeit versuchten, und begutachtete ihre Schüsse: »Zu hoch! . . . Zu kurz! . . .«

»Wie wär's, wenn Sie einmal schössen, Herr Gou . . . Gouverneur?« blökte Pascalon.

Sofort wandte sich einer der Seekadetten mit der Lebhaftigkeit der Jugend an Tartarin: »Wollen Sie, Herr Gouverneur?«

Er bot ihm seinen Karabiner an, und es war der Mühe wert zu sehen, wie Tartarin die Waffe ergriff, wie er sie wog und anlegte, während Pascalon schüchtern und stolz fragte: »Auf wie viel zählen Sie beim Walfisch?«

»Auf dieses Wild habe ich noch nicht oft geschossen,« erwiderte der Held, »aber ich meine, man könnte auf zehn zählen.«

Er zielte, zählte auf zehn, drückte ab und gab dem jungen Mann seinen Karabiner zurück.

»Ich glaube, daß er getroffen ist,« sagte der Kadett.

»Hurra! . . .« schrieen die Matrosen.

»Ich wußte es,« sagte Tartarin bescheiden.

Allein in diesem Augenblick wurde die Luft von einem entsetzlichen Gebrüll erfüllt, und es entstand ein so wütender Tumult, daß der Befehlshaber herbeieilte, weil er glaubte, sein Schiff sei von einer Bande Seeräuber gestürmt worden. Die Tarasconer im Vorschiff sprangen hin und her, fuchtelten mit Armen und Beinen in der Luft herum und schimpften und tobten mit Wind und Wellen um die Wette.

»Die ›Tarasque‹. . . . Er hat auf die ›Tarasque‹ geschossen. . . . Er hat auf die Großmutter geschossen. . . .«

»Zum Teufel auch . . . was sagen sie da?« fragte Tartarin erbleichend.

Und jetzt tauchte nur noch etwa zehn Meter vom Schiff entfernt die »Tarasque« von Tarascon, das ungeheuerliche Idol mit seinem Schuppenleib und seinem phantastischen, rotgoldnen, grinsenden Kopf mit den blutroten Augen aus den grünen Wogen empor.

Aus sehr hartem Holze fest gezimmert, trieb sie, wie man später erfuhr, auf der See umher, seit dem Tag, wo eine Sturzwelle sie vom Deck Scrapouchinats weggewaschen hatte. Allen Meeresströmungen preisgegeben, leuchtend, mit Muscheln und Algen bedeckt, aber ohne Havarie erlitten zu haben, schlingerte sie auf dem Ocean dahin; unverletzt, unzerstörbar hatte sie die furchtbarsten Orkane überstanden und ihre erste, ihre einzige Verletzung war die, die ihr Tartarin von Tarascon soeben beigebracht hatte. . . .

Er! Ihr!

Mitten in der Stirne der armen Großmutter zeigte sich die frische Wunde!

Ein englischer Offizier rief: »Sehen Sie nur, Lieutenant Shipp, was das für ein sonderbares Tier ist!«

»Das ist die ›Tarasque‹, junger Mann,« sprach Tartarin feierlich. »Das ist die Ahne, die ehrwürdige Großmutter jedes guten Tarasconers.«

Der Offizier blieb nicht ohne Grund ganz sprachlos vor Staunen, als er hörte, daß dieses lächerliche Ungeheuer die Großmutter dieses sonderbaren, schwarzbraunen, schnauzbärtigen Völkleins sei, das sie auf einer wilden Insel, fünftausend Meilen von der Heimat entfernt, im Meer aufgelesen hatten.

Tartarin hatte ehrerbietig sein Haupt entblößt, als er also sprach, aber schon war die Großmutter fern, von den Strömungen des Stillen Oceans mit fortgerissen, wo sie noch heute als unversenkbares Wrack zum großen Schrecken der Walfischfänger umhertreibt und in den Berichten der Reisenden unter dem Namen Seeschlange bald hier, bald dort wieder auftaucht.

Solange man sie noch erblicken konnte, folgte ihr der Held stumm mit den Augen; erst als sie nur noch wie ein ganz kleiner schwarzer Punkt auf den weißen Kämmen der Wogen erschien, die den Horizont begrenzten, flüsterte er mit schwacher Stimme: »Pascalon, ich sage Ihnen, das war ein Schuß, der mir Unglück bringen wird!«

Und kummervoll, von Gewissensbissen und heiliger Scheu erfüllt, verbrachte er den Rest des Tages.

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