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Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin

Alphonse Daudet: Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titlePort Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 7
translatorNatalie Rümelin
year1890
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectide5344f2d
modified20140408
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Zwölftes Kapitel.

Erscheinen des Herzogs von Mons. – Die Insel bombardiert. – Es war nicht der Herzog von Mons. – Tod und Teufel, zieht die Flagge ein! – Vierundzwanzig Stunden Frist für die Tarasconer, um die Insel zu räumen ohne Schiff. – An der Tafel Tartarins schwören alle, ihrem Gouverneur in die Gefangenschaft zu folgen.

»Seht! Seht! . . . Ein Schiff. . . . Ein Schiff auf der Reede!«

Bei diesem Ruf, den eines Morgens der Bürgerwehrsoldat Berdoulat ausstieß, als er eben im Begriff war, in strömendem Regen Schildkröteneier zu suchen, zeigten sich die Kolonisten von Port Tarascon an den Oeffnungen ihrer im Kot beinahe versinkenden Arche. Und während tausend Stimmen den Ruf Berdoulats »Ein Schiff, seht, seht, ein Schiff!« wiederholten, drang die Menge aus Thüren und Fenstern und eilte hüpfend mit wahren Bockssprüngen, wie man sie sonst nur in englischen Pantomimen sieht, an den Strand, wo alle brüllten wie die Seekälber.

Der Gouverneur kam auf die Nachricht alsbald herbeigeeilt, und während er sein Jackett vollends zuknöpfte, strahlte er unter den strömenden Wassergüssen inmitten seines Volkes in Regenschirmen.

»Nun, meine Kinder, habe ich euch nicht gesagt, daß er kommen würde? . . . Es ist der Herzog! . . .«

»Der Herzog?«

»Wer sollte es denn sonst sein, he? Ja, ja, unser guter Herzog, der kommt, um seine Kolonie neu zu verproviantieren: er bringt uns Waffen, Werkzeuge und die Arbeiter, die ich stets von ihm verlangt habe!«

Man muß in diesem Augenblick die verblüfften Gesichter derer gesehen haben, die sich am entrüstetsten über den »ehrlosen Belgier« geäußert hatten, denn nicht alle besaßen die Unverfrorenheit eines Excourbaniès, der am Strand herumwirbelte und schrie: »Es lebe der Herzog von Mons! . . . Hoch, hoch, hoch! . . . Es lebe unser Erretter! . . .«

Unterdessen kam ein stolzer, großer Dampfer immer näher heran auf der offenen Reede. Er pfiff, ließ seinen Dampf ausströmen, warf wegen der Korallenriffe sehr weit vom Land dröhnend seine Anker aus und blieb unbeweglich liegen, in Regen und Schweigen gehüllt.

Die Kolonisten fingen an, sich darüber zu wundern, daß die Leute an Bord des Schiffes so wenig Eifer zeigten, ihre Zurufe und ihr Winken mit Regenschirmen und Hüten zu erwidern. Er schien ihnen kalt, der edle Herzog.

»Im Gegenteil, er ist vielleicht nicht sicher, daß wir es sind.«

»Oder nimmt er übel, daß man so über ihn geschimpft hat!«

»Geschimpft? Ich habe nie etwas über ihn gesagt.«

»Ich sicherlich auch nicht.«

»Ich noch viel weniger! . . .«

Inmitten all dieser Verwirrung verlor Tartarin den Kopf nicht. Er gab Befehl, die Flagge auf dem First der Residenz zu schwenken und ihre Echtheit mit einem Kanonenschuß zu versichern.

Der Schuß wurde abgefeuert, die Farben Tarascons flatterten in der Luft.

Im selben Augenblick erdröhnte ein furchtbarer Knall auf der Reede; das Fahrzeug war von einer Wolke dichten Rauches umhüllt, während eine Art schwarzer Vogel mit heiserem Pfeifen über die Köpfe weg auf das Dach des Magazins flog und dessen Ecke abriß.

Ein Augenblick allgemeiner Verblüfftheit folgte.

»Aber sie schie – schießen ja nach unsrer Flagge!« jammerte Pascalon.

Dem Beispiel des Gouverneurs folgend, hatte sich die ganze Kolonie flach auf den Bauch geworfen.

»Dann wird es wohl nicht der Herzog sein,« sagte Tartarin ganz leise zu Cicero Franquebalme, der, neben ihm im Schmutz ausgestreckt, den Augenblick für geeignet erachtete, eine seiner erbarmungslosen Beweisführungen loszulassen: »daß wenn einerseits vorauszusetzen war . . ., man andrerseits doch auch sagen konnte . . .«

Die Ankunft eines neuen Geschosses unterbrach seine Folgerungen.

Plötzlich sprang der Bruder Bataillet auf, rief mit wütender Stimme den Meßner Galoffre, seinen Zeugwärter, herbei und erklärte, sie beide wollten mit der Feldschlange antworten.

»Das fehlte gerade noch! Das verbiete ich Ihnen,« schrie Tartarin. »Welche Thorheit! . . . Haltet sie fest, ihr andern . . . haltet sie zurück! . . .«

Torquebiau und Galoffre selbst ergriffen den Hochwürdigen, jeder an einem Arm, und zwangen ihn, sich wie alle andern niederzulegen, gerade in dem Augenblick, wo auf dem Fahrzeug der dritte Schuß auf die tarasconische Flagge gelöst wurde. Offenbar galt es den nationalen Farben.

Tartarin verstand es: er begriff auch, daß es erst aufhören würde, Geschosse zu regnen, wenn die Flagge verschwunden wäre, und aus Leibeskräften brüllte er: »Tod und Teufel, zieht die Flagge ein!« Alsobald begannen alle zu rufen wie er: »Zieht die Flagge ein! . . . Zieht doch die Flagge ein!«

Aber niemand zog sie ein, weder Ackerbauern noch Bürgerwehrleute fühlten den Drang, dort hinaufzuklettern und das gefährliche Geschäft auszuführen.

Wiederum war es die Jungfrau Alric, die sich opferte: Sie erklomm das Dach an einer Leiter und nahm die unheilbringende Flagge weg.

Dann erst hörte der Dampfer auf zu schießen. Einige Augenblicke später stießen zwei Schaluppen mit Soldaten, deren Waffen man blitzen sah, von dem Fahrzeug ab und näherten sich im Taktschlag der großen Ruder der Staatsschiffe dem Ufer.

Als sie näher kamen, konnte man die englischen Flaggen unterscheiden, die am Hinterdeck im Schaum des Kielwassers nachschleppten.

Die Entfernung war groß und Tartarin hatte Zeit, sich zu erheben, die Schmutzflecke von seinen Kleidern wegzuputzen und sich sogar noch den Großkordon des Ordens holen zu lassen, den er in aller Eile über sein schlangengrünes Jackett anlegte.

Als die beiden Boote landeten, zeigte er hinlänglich Gouverneurshaltung.

Der erste der Insassen, ein hochmütiger englischer Offizier, mit seitwärts gesetztem, dreieckigem Hut, sprang ans Ufer, und hinter ihm stellte sich in Reih und Glied die Bemannung auf, die auf ihren Matrosenmützen alle den Namen »Tomahawk« trugen; ihnen folgte außerdem noch eine Compagnie Landungstruppen.

Tartarin, zu seiner Rechten den Bruder Bataillet, zu seiner Linken Franquebalme, erwartete ihn sehr würdig, mit jenem Zug um den Mund, den er bei großen Gelegenheiten anzunehmen pflegte.

Excourbaniès war, statt bei ihnen zu bleiben, den Engländern entgegengestürzt, ganz bereit, vor dem Sieger eine tolle Bamboula zu tanzen. Allein der Offizier Ihrer allergnädigsten Majestät schritt, ohne diesen Hampelmann im mindesten zu beachten, geradezu auf Tartarin los und fragte auf englisch: »Welche Nation?«

Franquebalme, der ihn verstand, erwiderte in derselben Sprache: »Tarasconisch.«

Der Offizier machte Augen so groß wie Teller, als er den Namen einer Nation vernahm, die er bis jetzt noch auf keiner Seekarte gefunden hatte, und fragte noch unverschämter: »Was machen Sie auf dieser Insel? Mit welchem Recht halten Sie dieselbe besetzt?«

Franquebalme übersetzte voll Bestürzung Tartarin die Frage, und dieser befahl: »Erwidern Sie, daß die Insel uns gehört, Cicero, daß König Négonko sie an uns abgetreten hat und daß wir einen Vertrag in aller Form Rechtens besitzen.«

Franquebalme hatte nicht nötig, seine Dolmetscherrolle länger fortzuführen. Der Engländer wandte sich an den Gouverneur und sagte in ausgezeichnetem Französisch: »Négonko? Kenne ich nicht. . . . Es gibt keinen König »Négonko.«

Sofort erteilte Tartarin Befehl, seinen königlichen Schwiegervater überall zu suchen und herzuführen.

In Erwartung dessen lud er den englischen Offizier ein, sich bis in das Regierungsgebäude zu bemühen, wo er ihm die betreffenden Schriftstücke vorlegen werde.

Der Offizier folgte der Einladung; zur Bewachung der Schaluppen ließ er seine Seesoldaten zurück, die Gewehr bei Fuß, mit aufgepflanzten Bajonetten dastanden. Und welche Bajonette sie hatten! So glänzend, so scharf, daß einen eine Gänsehaut überlief.

»Ruhe, meine Kinder, Ruhe!« flüsterte Tartarin im Vorübergehen.

Eine sehr überflüssige Empfehlung für alle, von Bruder Bataillet abgesehen, der zu schäumen fortfuhr. Allein man hatte ein Auge auf ihn. »Wenn Sie sich nicht ruhig halten, Hochwürden, so binde ich Sie!« sagte Excourbaniès halb toll vor Angst.

Unterdessen suchte man Négonko, man rief ihn von allen Seiten, allein vergebens. Schließlich fand ihn ein Bürgerwehrsoldat ganz hinten im Magazin zwischen zwei Stückfässern schnarchend, völlig betrunken von Brennspiritus, Knoblauch und Lampenöl, von denen er sich fast den ganzen Vorrat zu Gemüte geführt hatte.

In diesem Zustand, schmierig und stinkend, führte man ihn vor den Gouverneur, aber es war unmöglich, ein Wort aus ihm herauszubringen.

Darauf las Tartarin den Vertrag laut vor, zeigte das Kreuz als Unterschrift seiner Majestät, die Siegel der Regierung und der Großwürdenträger der Kolonie.

Wenn dieses authentische Schriftstück die Rechte der Tarasconer auf die Insel nicht bewies, so waren sie überhaupt durch nichts zu beweisen.

Der Offizier zuckte die Achseln: »Dieser Wilde ist nichts als ein Gauner, mein Herr. . . . Er hat Ihnen verkauft, was ihm gar nicht gehörte. Die Insel ist schon seit lange englische Besitzung.«

Gegenüber dieser Erklärung, der durch die Kanonen des »Tomahawk« und die Bajonette der Seesoldaten besonderer Nachdruck verliehen wurde, hielt Tartarin jede weitere Erörterung für überflüssig, weshalb er sich damit begnügte, seinem unwürdigen Schwiegervater einen entsetzlichen Auftritt zu machen.

»Alter Spitzbube! . . . Warum hast du gesagt, die Insel gehöre dir? . . . Warum hast du sie an uns verkauft? . . . Schämst du dich nicht, ehrliche Leute so angeführt zu haben?« Négonko, der ganz vertiert war, blieb stumm; sein kurzer Verstand hatte sich in den Dünsten des Alkohols und Knoblauchs völlig verflüchtigt.

»Man schaffe ihn fort! . . .« befahl Tartarin den Milizsoldaten, die ihn hergebracht hatten. Dann wandte er sich an den englischen Offizier, der während dieser Familienscene steif und gleichgültig stehen geblieben war: »Jedenfalls ist nicht zu bestreiten, daß ich in gutem Glauben gehandelt habe, mein Herr.«

»Darüber werden die englischen Gerichte befinden . . .« entgegnete der andre mit dünkelhafter Amtsmiene. »Von diesem Augenblick an sind Sie mein Gefangener. Was die Einwohner betrifft, so müssen sie innerhalb vierundzwanzig Stunden die Insel geräumt haben, sonst lasse ich sie niederschießen!«

»Oho! . . . Niederschießen!« rief Tartarin. »Aber wie in aller Welt wollen Sie denn, daß sie die Insel räumen? Wir haben kein Schiff, und wenn sie nicht ihr Heil im Schwimmen suchen . . .«

Schließlich brachte man den Engländer zur Vernunft und er willigte ein, die Kolonisten bis Gibraltar an Bord zu nehmen, unter der Bedingung, daß ihm alle Waffen, selbst die Jagdflinten, die Revolver und der Winchester zu zweiunddreißig Schüssen ausgeliefert würden.

Danach begab er sich zum Frühstück wieder auf seine Fregatte, ließ aber zur Bewachung des Gouverneurs einen bewaffneten Posten zurück.

Auch im Regierungsgebäude pflegte man um diese Zeit zu essen, und nachdem man die Prinzessin auf allen Fächerpalmen und Kokospalmen der Residenz gesucht und nirgends gefunden hatte, setzte man sich schließlich, ihren Platz frei lassend, ohne sie zu Tisch.

Alle waren dermaßen erschüttert, daß der Bruder Bataillet das Benedikte darüber vergaß.

Sie hatten schon eine Weile lang emsig gegessen, als sich Pascalon plötzlich erhob und, sein Glas in der Hand, begann: »Meine Herren, unser Gou . . . verneur ist Kriegsge . . . gefangener. Schwören wir, ihm in seine Ge . . . ge . . . ge . . .«

Ohne das Ende abzuwarten, sprangen alle auf, hielten ihre Gläser hin und riefen voll Begeisterung: »Vortrefflich!«

»Himmeldonnerwetter! Ob wir ihm folgen! . . .«

»Das will ich meinen! . . . Bis aufs Schafott!«

»Hoch! Hoch! Hoch! . . . Es lebe Tartarin!« brüllte Excourbaniès.

Eine Stunde später hatten mit Ausnahme Pascalons alle den Gouverneur verlassen; alle, selbst die kleine Prinzeß Liki-Riki, die man wunderbarerweise auf dem Dach der Residenz wieder aufgefunden hatte. Beim ersten Schuß der Kanonade hatte sie dort Zuflucht gesucht, ohne sich klar zu machen, daß sie da droben viel größere Gefahr lief, als unten. Sie war so toll vor Schrecken, daß ihre Hofdamen sie nur dadurch bestimmen konnten, herunterzukommen, daß sie ihr von weitem eine offene Sardinenbüchse zeigten, wie man einen entflogenen Papagei durch Vorhalten von einem Stückchen Zucker in seinen Käfig zurücklockt.

»Mein liebes Kind,« sagte Tartarin in feierlichem Tone zu ihr, als man sie zu ihm brachte, »ich bin Kriegsgefangener. Was willst du lieber, mit mir gehen, oder auf der Insel hier zurückbleiben? Ich denke, die Engländer werden es dir gestatten, aber in diesem Fall siehst du mich niemals wieder.«

Ohne Zögern sagte sie ihm mit ihrem hellen, kindlichen Zwitschern ganz geradezu: »Ich Insel bleiben, immer.«

»Gut, du bist frei,« sagte Tartarin ergeben, aber in Wahrheit drohte dem armen Kerl das Herz zu brechen.

Verlassen von seiner Frau, von seinen Würdenträgern, nur noch Pascalon zu seiner Seite, lehnte er am Abend lange träumerisch unter dem offenen Fenster.

Aus der Ferne schimmerten die Lichter der Stadt zu ihm herüber; man vernahm zornige Stimmen, das Singen der am Ufer kampierenden Engländer und das Getöse der durch die Regenfälle angeschwollenen Klein-Rhone.

Mit einem tiefen Seufzer schloß Tartarin das Fenster, und während er sein getupftes, seidenes Nachttuch um den Kopf band, sagte er zu seinem getreuen Sekretär: »Daß mich die andern verleugnet haben, hat mich weder allzusehr überrascht noch betrübt, aber diese Kleine, . . . wahrhaftig, ich hätte gedacht, sie sei doch etwas anhänglicher.«

Der gute Pascalon versuchte ihn zu trösten. Alles in allem genommen wäre diese wilde Prinzessin bei ihrer Rückkehr nach Tarascon doch ein sehr merkwürdiger Importartikel gewesen, denn nach Tarascon würde man schließlich doch zurückkehren. – Wenn Tartarin dann drüben sein altes Leben wieder aufnahm, hätte ihm seine papuanische Frau doch lästig fallen, ihn bloßstellen können. . . .

»Erinnern Sie sich nur, guter Herr Gouverneur, wie lästig Sie Ihr Ka . . . Kamel gefunden haben, als sie aus Algier zurückkamen. . . .«

Sofort unterbrach sich Pascalon und wurde ganz rot. Welcher Einfall, eine Prinzessin von königlichem Geblüt in Verbindung mit einem Kamel zu bringen! Um die Respektswidrigkeit dieses Vergleiches zu verwischen, machte er Tartarin auf die Aehnlichkeit aufmerksam, die dessen Schicksal mit dem Napoleons hatte, als letzterer sich in Gefangenschaft der Engländer befand und von Marie Luise verlassen wurde.

»Wahrhaftig!« sagte Tartarin sehr stolz auf diesen Vergleich. Und die Aehnlichkeit seines Geschicks mit dem des großen Napoleons verhalf ihm zu einer ausgezeichneten Nacht.

Am andern Morgen wurde Port Tarascon zur großen Freude der Kolonisten geräumt. Ihr Geld war verloren, die Hektare ein Wahn, sie waren die Opfer des Gründungsschwindels des »gemeinen Belgiers« geworden: allein all dies erscheint ihnen gering im Vergleich zu der Erleichterung, die sie empfanden, endlich aus diesem Sumpf herauszukommen.

Man schiffte sie zuerst ein, um jedes Zusammentreffen mit dem »Status quo« zu vermeiden, denn von jetzt ab machten sie diesen für ihr Mißgeschick verantwortlich.

Als man sie nach den Schaluppen führte, zeigte sich Tartarin am Fenster, mußte sich aber schleunigst zurückziehen vor den Schimpf- und Hohnreden, die ihn empfingen, und vor den drohenden Fäusten, die sich gegen ihn erhoben.

Unzweifelhaft hätten sich die Tarasconer an einem hellen, sonnigen Tag nachsichtiger gezeigt, aber sie mußten sich in einem wolkenbruchartigen Regen einschiffen; die Unglücklichen wateten in Schmutz und Schlamm und trugen diesen unseligen Boden pfundweise an ihren Schuhsohlen mit fort, und die Regenschirme vermochten kaum das bißchen Gepäck zu schützen, das jeder in der Hand trug.

Als alle Kolonisten die Insel verlassen hatten, kam die Reihe an Tartarin.

Schon mit dem frühesten Morgen war Pascalon thätig gewesen: er hatte alles vorbereitet und das Archiv der Kolonie bündelweise zusammengepackt.

Noch im letzten Augenblick kam ihm ein glänzender Gedanke. Er fragte Tartarin, ob er, um sich an Bord zu begeben, nicht den Mantel eines Granden erster Klasse anlegen solle.

»Thu es immerhin, es wird Eindruck auf sie machen,« erwiderte der Gouverneur.

Und er selbst legte den Großkordon des Ordens an.

Unten hörte man die Gewehrkolben der militärischen Begleitung auf die Erde stoßen und die harte Stimme des Offiziers, der rief: »Herr Tartarin! Vorwärts, Herr Gouverneur!«

Ehe er hinunterging, warf Tartarin noch einen letzten Blick auf dieses Haus, in dem er geliebt, in dem er gelitten und alle Qualen der Herrschaft und der Leidenschaft erduldet hatte.

In diesem Augenblick sah er, wie sein Kanzleidirektor ein Heft unter seinem Mantel verbarg: er fragte danach und wünschte es zu sehen, und Pascalon mußte seinem guten Herrn das Geheimnis des Tagebuchs verraten.

»Gut, fahre fort, mein Kind,« sagte Tartarin sanft und kniff ihn dabei ins Ohrläppchen, wie es Napoleon bei seinen Grenadieren gethan hat, »du wirst dann mein kleiner Las Cases werden.«

Die Ähnlichkeit zwischen seinem und Napoleons Geschick beschäftigte ihn seit gestern abend. Ja, es war genau so. Die Engländer, Marie Luise, Las Cases . . . Ganz dieselben Umstände und derselbe Typus. . . . Und beide aus dem Süden, Donnerwetter!

Drittes Buch.

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