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Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin

Alphonse Daudet: Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titlePort Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 7
translatorNatalie Rümelin
year1890
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectide5344f2d
modified20140408
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Elftes Kapitel.

Fortsetzung von Pascalons Tagebuch.

4. Dezember. – Als heute, am zweiten Advent, der Meßner Galoffre, Inspektor der Marine, wie alle Tage die Schaluppe inspizieren wollte, fand er sie nicht mehr.

Der Ring, die Kette, alles war abgerissen, das Schiff verschwunden.

Er hat zuerst an irgend einen neuen Streich Négonkos und seiner Bande gedacht, der wir fortgesetzt mißtrauen, aber in dem durch das Losreißen der Kette entstandenen Loch fand sich, ganz aufgeweicht vom Wasser und von Schmutz überzogen, ein großer an den Gouverneur überschriebener Briefumschlag.

Dieser Briefumschlag enthielt die Karten Costecaldes, Barbans und Rugimabauds mit den Buchstaben p. p. c. versehen; auf der Karte Barbans hatten sich auch noch vier Bürgerwehrsoldaten unterschrieben und verabschiedet: Caissargue, Bouillargue, Truphénus und Roquetaillade.

Seit einigen Tagen lag die Schaluppe verproviantiert und völlig in stand gesetzt zu einer neuen von Bruder Bataillet geplanten Expedition bereit. Das war für diese Elenden ein gefundenes Fressen; sie haben alles mitgenommen, selbst den Kompaß und ihre Gewehre noch obendrein.

Und dazu denke man, daß drei von ihnen verheiratet sind und ihre Frauen und einen ganzen Haufen Kinder zurückgelassen haben! Daß man die Frauen in dieser Weise verläßt, das mag noch hingehen, aber die Kinder!

Das allgemeine Gefühl der Kolonie infolge dieses Ereignisses war eine grenzenlose Verblüfftheit. Solange man die Schaluppe besaß, blieb doch die Hoffnung, von Insel zu Insel den Kontinent erreichen zu können, man glaubte wenigstens an die Möglichkeit, Hilfe erlangen zu können; jetzt aber schienen alle Verbindungsbrücken mit der übrigen Welt abgebrochen zu sein.

Der Bruder Bataillet ist in einen fürchterlichen Zorn geraten und hat alle Feuer des Himmels herabgerufen auf diese Banditen, diese Diebe, diese Fahnenflüchtigen und wie er sie sonst noch nannte. Excourbaniès rannte überall herum und schrie, man hätte sie wie grüne Affen füsilieren sollen, und jetzt müsse man als Gegenmaßregel wenigstens ihre Frauen und Kinder erschießen.

Der Gouverneur allein bewahrte seine Kaltblütigkeit: »Wir wollen uns nicht hinreißen lassen,« sagte er. »Schließlich bleiben sie doch immer noch Tarasconer. Wir müssen sie beklagen und an die Gefahren denken, denen sie ausgesetzt sind. Von ihnen allen hat nur Truphénus allein einen Begriff vom Segeln.«

Dann kam er auf den schönen Gedanken, die verlassenen Kinder für Mündel der Kolonie zu erklären.

Ich glaube, daß er im Grund sehr froh ist, seinen Todfeind und dessen Helfershelfer los zu sein.

Im Lauf des Tages hat mir Seine Ezcellenz folgenden in der Stadt anzuschlagenden Tagesbefehl diktiert:

Tagesbefehl.

Wir, Tartarin, Gouverneur der Insel Port Tarascon und aller unter deren Botmäßigkeit stehenden Gebiete, Großkreuz des Ordens u.s.w., u.s.w, empfehlen der Bevölkerung die größtmögliche Ruhe. Die Schuldigen werden eifrigst verfolgt und mit der ganzen Strenge des Gesetzes behandelt werden.

Der Direktor der Artillerie und der Marine ist mit der Ausführung dieser Verfügung beauftragt.

Als Nachschrift, um gewissen schlimmen Gerüchten, die in letzter Zeit verbreitet worden waren, entgegenzutreten, ließ er mich noch beisetzen: »Der Knoblauch geht nicht aus.«

6. Dezember. – Der Tagesbefehl des Gouverneurs bringt in der Stadt den besten Eindruck hervor.

Man hätte sonst leicht die Betrachtung anstellen können: Die Schuldigen verfolgen? Wie? In welcher Richtung? Mit was? Aber nicht umsonst haben wir ein Sprichwort, das sagt: »Den Menschen muss man mit Worten, den Ochsen bei den Hörnern packen.« Die tarasconische Rasse ist so empfänglich für schöne Redensarten, daß niemand die Worte des Gouverneurs in Zweifel gezogen hat.

Unterdessen ist zwischen zwei Regengüssen hinein ein Sonnenstrahl hervorgebrochen, und nun ist jedermann entzückt; auf der Promenade nichts als Gelächter und Tanz. Ach! Das liebenswürdige Volk! Es ist wirklich bequem zu lenken!

10. Dezember. – Ein unerhörtes Glück ist mir zu teil geworden: ich bin zum Granden erster Klasse ernannt.

Das Dekret heute morgen beim Frühstück unter meinem Teller gefunden. Der Gouverneur hat sich sehr erfreut gezeigt, mir diese hohe Auszeichnung gewähren zu können. Franquebalme, Beaumvieille und der Hochwürdige schienen ebenso entzückt, wie ich selbst, über meine neue Würde, die mich zu ihresgleichen macht.

Am Abend zu denen von Espazettes hinuntergegangen, wo die Neuigkeit schon bekannt war. Der Marquis hat mich vor Clorinde, die vor Freude errötete, umarmt. Die Marquise allein schien meine neue Würde gleichgültig hinzunehmen. In ihren Augen hebt mich auch der Mantel des Granden erster Klasse noch nicht über meine bürgerliche Herkunft hinaus. Was will sie denn noch? . . . Erster Klasse! . . . Und in meinem Alter! . . .

14. Dezember. – Es geht etwas Außergewöhnliches vor in der Regierung, was ich selbst diesen Blättern kaum anzuvertrauen wage.

Der Gouverneur hat eine Neigung! Und für wen? Das ratet einmal!

Für seine kleine Pate, die Prinzessin Liki-Riki!

Er, Tartarin, unser großer Tartarin, der so viele glänzende Partieen ausgeschlagen hat, weil der Ruhm seine einzige Geliebte bleiben sollte, verliebt in eine Aeffin! Aeffin von königlichem Blut, das gebe ich zu; wiedergeboren durch das Wasser der Taufe, trotzdem aber ist sie eine verlogene, naschhafte, diebische Wilde geblieben. Dazu hat sie Sitten und Gewohnheiten der wunderlichsten Art und stets zerfetzte Kleider. Sobald es nicht regnet, hockt sie immer auf einer Kokospalme und vergnügt sich damit, unsern Alten steinharte Nüsse auf die kahlen Schädel zu werfen. Auf diese Weise hat sie beinahe den ehrwürdigen Miègeville ums Leben gebracht.

Dann der Altersunterschied zwischen den beiden: Tartarin ist reichlich sechzig Jahre alt; er wird grau und dick. Sie zwölf bis vierzehn Jahre höchstens – das Alter der kleinen Fleurance in dem tarasconischen Lied:

»Er hat sie genommen so jung, so jung,
Sie weiß sich noch nicht zu gürten!«

Und dieses kindische Ding, diese Inselwilde soll unsre Herrscherin werden!

Seit lange hatte ich gewisse Anzeichen bemerkt. So zum Beispiel die Nachsicht des Gouverneurs mit dem Vater, diesem alten Strandräuber Négonko, den er oft an unsre Tafel zieht, trotz der Unreinlichkeit dieses abscheulichen Gorilla, der mit den Fingern ißt und sich in Branntwein besäuft, bis er unter den Stuhl fällt.

Tartarin behandelt dies alles als »erfreuliche, herzliche Lustigkeit«, und wenn die kleine Prinzessin dem Beispiel ihres Vaters folgte und irgend einen wunderlichen Einfall hatte, bei dem es uns kalt den Rücken hinunterlief, lächelte unser guter Herr, sah sie mit einem väterlich zärtlichen Blick an, der um Nachsicht für sie zu bitten schien, und sagte: »Sie ist noch das reine Kind. . . .«

Immerhin wollte ich trotz dieser und andrer noch unverkennbareren Anzeichen nicht daran glauben; allein jetzt ist mir kein Zweifel mehr gestattet.

18. Dezember. – Heute morgen im Rat hat uns der Herr Gouverneur seinen Plan, die kleine Prinzessin zu heiraten, zu wissen gethan.

Er hat die Politik vorgeschützt, von einer Konvenienzheirat und den Interessen der Kolonie gesprochen. Port Tartarin sei isoliert, ohne Bundesgenossen, im Ocean verloren. Indem er die Tochter eines papuanischen Königs heiratet, führt er uns eine Flotte, eine Armee zu.

Im Rat erhob niemand Einsprache.

Excourbaniès sprang als der erste zitternd vor Begeisterung auf: »Bravo! . . . Ausgezeichnet! . . . Wann ist die Hochzeit? . . . Hurra! Ah! Ah! . . .« Wer weiß, welche Niederträchtigkeit er heute abend in der Stadt wieder verbreitet.

Cicero Franquebalme hat aus Gewohnheit seine unvermeidlichen Erwägungen des Für und Wider entwickelt und uns dargethan, daß wenn einerseits die Kolonie . . ., so müßte man doch andrerseits sagen . . . so oft als nötig . . . verum enim vero . . . und schloß sich dann schließlich der Meinung des Herrn Gouverneurs an.

Beaumevieille und Tournatoire folgten seinem Beispiel. Was den Bruder Bataillet betrifft, so schien er von der Sache unterrichtet zu sein und hat nicht dagegen protestiert.

Das Komischste waren die heuchlerischen Gesichter, die wir alle machten, indem wir in schweigender Zustimmung thaten, als ob wir an die von Tartarin vorgeschobenen Interessen der Kolonie glaubten.

Plötzlich wurden seine guten Augen feucht von Freudenthränen und er sagte sanft zu uns: »Und außerdem, seht, meine Freunde, das ist es nicht allein . . . ich liebe sie, diese Kleine!«

Das war so schlicht, so rührend, daß es uns allen ins Herz gegriffen hat. »Nur zu, Herr Gouverneur, nur zu!« und man umringte ihn und schüttelte ihm die Hände.

20. Dezember. – Die Absicht des Gouverneurs ist in der Stadt aufs lebhafteste erörtert, aber weniger streng beurteilt worden, als ich erwartet hatte. Die Männer sprachen in tarasconischer Weise lustig und leicht darüber mit jener kleinen Prise von Spott, die man bei uns allen Liebesangelegenheiten beimischt.

Die Frauen, besonders der Anhang Fräulein Tournatoires, stellen sich feindlicher dazu. Warum wählte er nicht eine von den Töchtern des Volkes, wenn er heiraten wollte? Viele, die so sprechen, denken dabei an sich oder an ihre Fräulein Töchter.

Excourbaniès, der am Abend in die Stadt ging, hat die Partei der Damen ergriffen und die schwachen Seiten der Heirat hervorgehoben: den allen und jeden Anstands baren kannibalischen Trunkenbold von einem Schwiegervater; dann die Braut selbst, die aller Wahrscheinlichkeit nach schon Tarasconerbraten gegessen hatte. Tartarin hätte dies auch bedenken sollen.

Als ich diesen Verräter so sprechen hörte, fühlte ich den Zorn in mir kochen, und ich bin rasch hinausgegangen, so sehr hatte ich Angst, ich könnte ihm einen Abdruck meiner Hand im Gesicht zurücklassen. Man ist gar hitzig in Tarascon, zum Kuckuck auch!

Von dort ging ich zu denen von Espazettes. Die Marquise, die arme Frau, sehr schwach, beständig zu Bett und weist noch immer die Knoblauchsuppe Tournatoires zurück. Sobald sie mich sah, sagte sie: »Nun, Herr Kammerherr, wird die neue Königin auch Palastdamen in ihrer Umgebung haben?«

Sie sagte dies aus Spott, aber alsbald ist mir der Gedanke gekommen, daß da für uns etwas zu machen wäre.

Als Hofdame oder Palastdame würde Clorinde in der Residenz wohnen, man könnte sich jederzeit sehen. . . . Ein solches Glück – wenn das möglich wäre! . . .

Als ich zurückkam, ging der Gouverneur eben zu Bett, aber ich habe nicht bis zum nächsten Morgen warten wollen, um mit ihm über meinen Plan zu sprechen, den er für sehr schlau erklärt hat. Bin sehr lang an seinem Bett gesessen und habe von seiner und meiner Liebe mit ihm gesprochen.

25. Dezember. – Gestern nacht, am heiligen Abend, versammelte sich die ganze Kolonie, die Regierung und die Würdenträger, im großen Saal, und wir alle haben, fünftausend Meilen von der Heimat entfernt, unser schönes provençalisches Fest gefeiert.

Bruder Bataillet las die Weihnachtsmesse, und dann wurde der »Julklotz« gelegt. Das ist ein Scheit Holz, das der Aelteste der Anwesenden feierlich im Saal herumträgt und ins Feuer legt, indem er es mit weißem Wein besprengt.

Prinzessin Liki-Riki war auch da und war sehr erbaut von der Feierlichkeit und den Mandelkuchen, Schneckennudeln, Nußstrudeln und tausend andern heimischen Leckerbissen, mit denen der erfinderische Kuchenbäcker Bouffartigue den Tisch geschmückt hatte.

Man hat alte Weihnachtslieder gesungen:

»Da kommt der Mohrenkönig
Mit seinem rollenden Blick;
Das Jesuskindlein weinet,
Der Mohr er bebt zurück!«

Diese Gesänge, die Kuchen, das große Feuer, um das man einen Kreis bildete, all dies versetzte uns in die Heimat zurück trotz des Wassergeplätschers auf dem Dach und der offenen Regenschirme im Saal.

Plötzlich hat Bruder Bataillet auf dem Harmonium das schöne Lied von Friedrich Mistral angestimmt: »Johann von Tarascon in der Gefangenschaft der Korsaren«, die Geschichte eines Tarasconers, der in die Hände der Türken fallt, ohne Erröten den Turban nimmt und im Begriff steht, die Tochter des Paschas zu heiraten, als er am Ufer die Matrosen einer tarasconischen Barke provençalisch singen hört; dann:

»Als das Wasser emporrauscht unter dem Schlage des Ruders – ein mächtiger Thränenstrom – erweicht sein hartes Herz; – der Vaterlandslose gedenkt des Vaterlandes, – und verzweifelt – sich als Türken zu sehen.«

Bei der Strophe »Als das Wasser emporrauscht unter dem Schlage des Ruders« schluchzten wir alle laut auf. Der Gouverneur selbst verschluckte seine Thränen mit abgewandtem Antlitz, und man sah, wie sich der Großkordon des Ordens auf seiner Athletenbrust senkte und hob.

Dieses Lied des großen Mistral wird vielleicht gar manches ändern.

29. Dezember. – Heute, vormittag um zehn Uhr Vermählung Seiner Excellenz des Herrn Tartarin, Gouverneurs von Port Tarascon, mit Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Négonko.

Den Kontrakt haben unterzeichnet: Seine Majestät Négonko, der statt seines Namens ein Kreuz setzte, die Direktoren und die Großwürdenträger der Kolonie. Dann wurde im großen Saal die Messe gelesen.

Sehr einfache, sehr würdige Feier: die Bürgerwehr in Uniform und alle übrigen in Gala. Nur Négonko war ein Schandfleck. Sein Benehmen als König wie als Vater war gleich beklagenswert.

Gegen die Prinzessin ließ sich nichts sagen: Sie war sehr hübsch in ihrem weißen Kleid und ihrem Korallenschmuck.

Am Abend großes Fest, doppelte Ration Lebensmittel, Kanonenschüsse, Büchsensalven von unsern Konservenjägern, Hochrufe, Gesang, allgemeine Freude.

Und es regnet! . . . Es regnet Bindfaden! . . .

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