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Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin

Alphonse Daudet: Port Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titlePort Tarascon - Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 7
translatorNatalie Rümelin
year1890
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectide5344f2d
modified20140408
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Zehntes Kapitel

Es regnet immer. – Umsichgreifen von wassersuchtartigen Krankheiten. – Knoblauchsuppe. – Befehl des Gouverneurs. – Der Knoblauch ist am Ausgehen! – Der Knoblauch geht nicht aus! – Die Taufe Liki-Rikis.

Unterdessen immer derselbe graue Himmel, dieselben Regengüsse, die fort und fort herniederströmten. . . .

Des Morgens konnte man sehen, wie sich in der Stadt die Fenster ein wenig öffneten und Hände sichtbar wurden: »Regnet's?«

»Es regnet! . . .«

Es regnete beständig, wie Bézuquet erzählt hatte.

Armer Bézuquet! Trotz all dem Elend, das er mit denen von der »Farandole« und vom »Lucifer« erduldet hatte, war er in Port Tarascon geblieben, da er wegen seiner Tättowierung nicht in christliche Länder zurückzukehren wagte. Wiederum Apotheker und, unter dem Befehl Tournatoires stehend, Bataillonsarzt unterster Klasse geworden, war dies dem ehemaligen provisorischen Gouverneur doch noch lieber, als wenn er sein ungeheuerliches Gesicht und seine tättowierten, karmoisinroten Hände hätte in zivilisierten Ländern zur Schau tragen müssen. Nur suchte er sich für seine Leiden dadurch zu entschädigen, daß er seine Gefährten mit den düstersten Prophezeiungen ängstigte. Wenn sie über den Regen, den Schmutz oder über den Schimmel klagten, dann zuckte er die Achseln: »Wartet nur . . . das kommt noch ganz anders.«

Und er täuschte sich nicht. Infolge dieses ständigen eingeweichten Zustandes, zu dem noch der Mangel an frischem Fleisch trat, wurden viele krank.

Die Kühe waren längst verzehrt. Man rechnete auch nicht mehr auf die Jäger, obgleich sich mancher recht gute Schütze, wie der Marquis von Espazettes, unter ihnen befand und obgleich allen die Regeln Tartarins: »zwei Takte für die Wachtel, drei für das Rebhuhn« ganz geläufig waren.

Zum Teufel auch! Es gab eben weder Rebhühner noch Wachteln oder sonst etwas derartiges; nicht einmal eine Möwe oder irgend ein anderer Seevogel zeigte sich je an dieser Küste. Auf den Jagdzügen stieß man höchstens auf ein Wildschwein, aber so selten! oder auf Känguruhs, die indessen wegen ihres hüpfenden Sprunges äußerst schwer zu treffen sind.

Tartarin selbst vermochte nicht genau anzugeben, auf wie viel man bei diesem Tier zählen mußte. Als ihn eines Tages der Marquis von Espazettes darüber um Rat fragte, erwiderte er aufs Geratewohl: »Zählen Sie auf sechs, Herr Marquis. . . .«

Von Espazettes zählte auf sechs, erwischte aber nichts als einen kräftigen Katarrh, weil es unaufhörlich Bindfaden regnete.

»Ich werde wohl selbst gehen müssen,« sagte Tartarin, allein er verschob die Partie des schlechten Wetters wegen beständig wieder und das Wildbret wurde immer seltener. Gewiß waren die großen Eidechsen nicht schlecht, aber man aß sich schließlich einen Widerwillen an diesem weißen, faden Fleisch, aus dem der Kuchenbäcker Bouffartigue nach den Rezepten der Weißen Brüder Konserven bereitete.

Zu der Entbehrung des frischen Fleisches gesellte sich noch der Mangel an Bewegung. Was draußen thun in dem Regen, in den Schmutzpfützen, von denen sie umgeben waren?

Die Promenade war überschwemmt und vom Winde zerstört.

Einige mutige Kolonisten, wie Escaras, Douladour, Mainfort, Roquetaillade, zogen manchmal trotz der Regengüsse aus, um zu ackern. Sie gruben ihre Hektare um und waren völlig versessen auf Anpflanzungsversuche, die die wunderbarsten Ergebnisse hervorbrachten: in der feuchten Wärme dieses ständig durchnäßten Bodens verwandelte sich der Sellerie in einer Nacht in wahre Riesenbäume von einer entsetzlichen Zähigkeit! Auch der Kohl entwickelte sich geradezu phänomenal, aber schoß nur in Stiele, die so lang waren wie die Schäfte der Palmen. Auf Kartoffeln und gelbe Rüben mußte man schlechtweg verzichten.

Bézuquet hatte wahr gesprochen: entweder kam nichts, oder alles kam viel zu stark.

Nimmt man zu diesen mannigfachen Ursachen der Entmutigung noch das Heimweh, die Erinnerung an das ferne Vaterland, die Sehnsucht nach den warmen tarasconischen Windschirmen, die auf den in goldnem Lichte erglänzenden Wällen der Stadt angebracht waren, und es wird sich niemand wundern, daß sich die Zahl der Kranken tagtäglich vermehrte.

Zum Glück für diese hielt der Direktor des Gesundheitsamtes, Tournatoire, nichts auf die Pharmakopöe, und statt seine Kranken wie Bézuquet mit Arzneien zu vergiften, verordnete er ihnen nur »ein gutes, zartes Knoblauchsüppchen«.

Und das war nicht bloß ut aliquid fiat (um etwas gethan zu haben): der Erfolg versagte niemals. Da waren ganz geschwollene, ganz saft- und kraftlose Menschen, die nur noch nach dem Priester und nach dem Notar verlangten. Erschien dann aber das Knoblauchsüppchen: drei Zehen, drei Eßlöffel guten Olivenöls und eine geröstete Brotschnitte in einem Topf, so sagten Leute, die vorher nicht mehr hatten sprechen können: »Ah! . . . Was das gut riecht! . . .«

Schon der Geruch allein belebte sie sofort.

Sie nahmen einen Teller, zwei Teller und beim dritten standen sie aufrecht, die Geschwulst hatte sich verloren, die Stimme war wieder natürlich geworden, und am Abend spielten sie im Saal ihre Partie Whist. Allerdings darf man nicht außer acht lassen, daß es eben Tarasconer waren.

Eine einzige Kranke, und zwar eine Kranke von Stand, die hochedle Dame von Espazettes, geborene von Escudelles und Lambesc, hatte sich geweigert, die Arznei Tournatoires anzuwenden. Gut für den Plebs, die Knoblauchsuppe, aber wenn man seinen Stammbaum bis zu den Kreuzzügen zurückführt! Ebensowenig wollte sie von der Heirat Clorindes mit Pascalon hören. Und doch befand sich die unglückliche Dame in einem trostlosen Zustand. Ja, sie hatte »das Uebel« Unter diesem unbestimmten Wort ist die sonderbare, infolge der Feuchtigkeit entstandene, wassersuchtartige Krankheit zu verstehen, von der diese südfranzösische Kolonie heimgesucht wurde. Diejenigen, die von ihr befallen waren, wurden plötzlich sehr häßlich; sie bekamen Triefaugen, und Leib und Beine schwollen an; das alles erinnerte lebhaft an das »Uebel des Doktor Mauve« in der Legende vom »Menschensohn«.

Die arme Marquise war also, um einen Ausdruck aus den »Erinnerungen« zu gebrauchen, »ganz aufgelaufen«, und allabendlich, wenn der sanfte, verzweifelte Pascalon in die Stadt hinunter kam, fand er die arme Frau unter einem über ihrem Kopfkissen befestigten blauen baumwollenen Regenschirm wimmernd im Bett; trotzdem weigerte sie sich hartnäckig die Knoblauchsuppe zu nehmen, während die lange, sanfte Clorinde mit einer Kaffeekanne voll Lindenblütenthee hantierte, und der Marquis in einem Winkel mit philosophischer Ruhe seine Patronen für die morgige, höchst zweifelhafte Jagd füllte.

Aus den benachbarten Wohngelassen hörte man das Wasser auf die offnen Regenschirme tropfen und die Kinder kreischen, oder auch drangen aus dem Saal lärmende Erörterungen und laute politische Gespräche herüber, und dazu immer das Prasseln des Regens gegen die Fensterscheiben, auf dem Zinkdach, und das Gegurgel der gleich Wasserfällen strömenden Dachrinnen.

Unterdessen setzte Costecalde seine geheimen Umtriebe fort – des Tages in seinem Arbeitszimmer, dem Kabinett, das er als Direktor der Landwirtschaft inne hatte, des Abends in der Stadt, in dem gemeinschaftlichen Saal, unterstützt von seinen Kreaturen, dem niederträchtigen Barban und Rugimabaud, die ihm die unseligsten Gerüchte verbreiten halfen, unter andern auch das: »Der Knoblauch ist am Ausgehen!«

Welch schrecklicher Gedanke, daß man eines nicht allzu fernen Tages diesen rettenden, heilenden Knoblauch werde entbehren müssen, dieses Universalmittel, das man im Magazin der Regierung aufbewahrte, der Regierung, die von Costecalde beschuldigt wurde, es für sich in Beschlag zu nehmen.

Excourbaniès unterstützte – und mit welchem Gedonner! – die Verleumdungen des Direktors der Landwirtschaft. Es gibt ein altes tarasconisches Sprichwort: »Die Spitzbuben von Pisa prügeln sich des Tags und des Nachts stehlen sie zusammen.«

Das war ungefähr der Fall des doppelzüngigen Excourbaniès, der bei Tartarin im Regierungsgebäude immer gegen Costecalde sprach, während er abends in der Stadt den schlimmsten Feinden des Gouverneurs zustimmte.

Tartarin, dessen Geduld und Güte man kennt, waren diese Angriffe nicht unbekannt. Wenn er abends, unter dem offnen Fenster lehnend, seine Pfeife rauchte, konnte er durch die Geräusche der Nacht, in die sich das Murmeln und Plätschern der Klein-Rhone und all der durch die Regengüsse an den Böschungen des Ufers entstandenen kleinen Rinnsale mischte, fernen Streit unterscheiden, den Widerhall zorniger Stimmen; durch die trübe, feuchte Luft sah er zitternde Lichter sich hinter den Fenstern des großen Hauses bewegen: und bei dem Gedanken, daß all dieser Lärm durch Costecalde angestiftet wurde, erbebte seine Hand auf der Fensterbank und seine Augen spieen Feuer in der Dunkelheit. Da ihm aber diese Gemütsbewegungen im Verein mit der feuchten Nachtluft »das Uebel« zuziehen konnten, beherrschte er sich, schloß das Fenster wieder und ging ruhig zu Bett.

Schließlich verschlimmerte sich die Sache aber derart, daß er einen großen Entschluß faßte, Costecalde nebst seinen beiden Anhängern verabschiedete, ja ihn sogar des Mantels eines Granden erster Klasse verlustig erklärte und an seiner Stelle Beaumevieille, einen früheren Uhrmacher, ernannte. Dieser war vielleicht in der Landwirtschaft auch nicht stärker als sein Vorgänger, aber jedenfalls ein äußerst ehrenhafter Mann, der in Lafranque, einem einstigen Wachstuchfabrikanten, und in Rébuffat, dem wegen seiner Karamelen berühmten Zuckerbäcker, ganz außerordentliche Unterstützung fand. Diese beiden wurden statt Rugimabaud und Barban Unterdirektoren.

Das Dekret wurde in aller Frühe an dem großen Haus angeschlagen, so daß Costecalde, als er heraustrat, um sich auf die Regierung zu begeben, die Kränkung wie einen Schlag ins Gesicht empfinden mußte. Sofort konnte man sehen, wie recht Tartarin hatte, mit solchem Nachdruck vorzugehen.

Nach Verlauf von einer oder zwei Stunden sammelten sich etwa zwanzig bis an die Zähne bewaffnete Unzufriedene, die nach der Residenz zogen und brüllten: »Nieder mit dem Gouverneur! . . . Nieder mit ihm! . . . In die Rhone! . . . Fort mit ihm! . . . Entlassung! . . . Entlassung!«

Hinter der Bande drein kam Meister Excourbaniès und brüllte ärger als alle andern: »Entlassung! . . . Hurra! Hurra! . . . Entlassung!«

Unglücklicherweise regnete es, und zwar goß es wie mit Kübeln, was sie zwang, in einer Hand den Regenschirm und in der andern das Gewehr zu tragen. Uebrigens hatte die Regierung ihre Maßregeln ergriffen.

Die Klein-Rhone war überschritten, die Empörer langten vor dem Blockhaus an und sahen folgendes: Im ersten Stock stand Tartarin mit seinem Winchester wie in einem Rahmen unter dem weitgeöffneten Fenster und hinter ihm seine getreuen Mützen- oder Konservenjäger, in erster Linie der Marquis von Espazettes, lauter Schützen, die auf dreihundert Schritte – auf vier zählend – die kleine runde Etikette einer Quittenkrapfenbüchse trafen.

Unten unter dem Schutzdach des großen Portales stand Bruder Bataillet, über seine Feldschlange gebeugt, und wartete nur auf das Signal des Gouverneurs, um sie abzufeuern.

So furchtbar und so unerwartet war der Anblick dieses Geschützes, mit brennender Lunte, daß die Anführer zurückwichen und daß Excourbaniès mit einer der ihm eignen plötzlichen Wendungen unter dem Fenster Tartarins einen tollen Solotanz aufführte, was er cynisch die Huldigung vor dem Erfolg zu nennen pflegte, und dazu brüllte, so lange sein Atem reichte: »Es lebe der Gouverneur! . . . Es lebe der »Status quo!« . . . Hurra! . . . Hoch! Hoch! Hoch!«

Tartarin, den Winchester immer fest in der Faust, schleuderte von der Höhe seines Postens mit bebender Stimme folgende Worte hinab: »Wir wollen heimgehen, meine Herren Unzufriedenen. Das Wasser strömt vom Himmel und ich würde mir ein Gewissen daraus machen, Sie in dem Regenguß länger hier zurückzuhalten. Morgen werden wir unser gutes Volk zur Abstimmung berufen und die Nation befragen, ob sie noch etwas von uns wissen will. Bis dahin halte man sich ruhig . . . oder aufgepaßt!«

Am andern Tag stimmte man ab und der alte »Status quo« wurde mit vernichtender Mehrheit wiedergewählt.

Einige Tage später fand, wie im Gegensatz zu diesem Auftritt, die Taufe der jungen Liki-Riki statt, der Tochter des Königs Négonko, die von dem hochwürdigen Bruder Bataillet unterrichtet worden war, der das durch Bruder Bézole mit seinem »Gelobt sei Gott« begonnene Bekehrungswerk zu Ende geführt hatte.

Sie war wirklich ein köstlicher kleiner Affe, diese wohlgestaltete, wohlgeformte, rundliche Prinzeß Gelbhaut, mit ihren Korallenhalsbändern und ihrem blaugestreiften, von Fräulein Tournatoire angefertigten Kleid.

Als Pate figurierte der Gouverneur, als Patin Frau Franquebalme.

Sie wurde getauft auf die Namen Martha Maria Tartarine. Nur konnte wegen des entsetzlichen Wetters an jenem Tag, am Tag vorher und an allen vorhergegangenen Tagen die Taufe nicht in der Kirche »Sankt Marta zu den Palmen« stattfinden, die unter ihrem längst eingesunkenen Blätterdach von Wasserströmen überschwemmt war.

Man versammelte sich zu der Feierlichkeit in dem Saale des großen Hauses, und man kann sich denken, welche Erinnerungen durch die Taufe in dem zärtlichen Herzen Pascalons erweckt wurden, der wiederum mit seiner Clorinde zu Gevatter zu stehen wähnte!

An dieser Stelle seines Tagebuches, das wir nur kurz zusammenfassen, finden wir Thränenspuren und die ganz vermischten Worte: »Ach, ich Armer, und ach, die Arme!«

Und am Tag nach der Taufe Liki-Nikis trat die erschreckliche Katastrophe ein! . . . Aber die Ereignisse werden zu gewaltig, wir lassen den »Erinnerungen« das Wort.

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