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Pommerles Jugendzeit

Magda Trott: Pommerles Jugendzeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePommerles Jugendzeit
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
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Magda Trott

Pommerles Jugendzeit

(Pommerle Band 3)

Erzählung für junge Mädchen

 

Paul Franke Verlag

Berlin

Buchumschlag

Für den schönen Herbstnachmittag war von acht Schülerinnen der vierten Klasse die Verabredung getroffen worden, am zeitigen Nachmittag in den Wald zu gehen, um Herbstblumen zu pflücken. Man hatte gehört, daß morgen der Klassenlehrer Seiffert seinen Geburtstag feierte, deshalb wollten einige der Schülerinnen ihm einen hübschen Blumenstrauß bringen. Selbstverständlich hatte sich die kleine Hanna Ströde, die man in Hirschberg unter dem Namen Pommerle gut kannte, ebenfalls bereit erklärt, mitzugehen. Der Lehrer Seiffert wußte immer gar schöne Geschichten zu erzählen und wurde deshalb von Pommerle schwärmerisch verehrt.

Die Pflegeeltern des kleinen Mädchens hatten nichts dagegen, obwohl Frau Professor Bender sorgenvoll zum Himmel hinaufschaute.

Die Sonne schien zwar schön; aber dennoch hatte Frau Bender schwere Bedenken, ob das Wetter den ganzen Tag über so bleibe.

»Ich fürchte, Pommerle, es gibt heute noch Regen. Geht nicht zu weit, damit ihr nicht naß werdet. Auf der Wiese am Hausberg findet ihr noch mancherlei Blumen. Beeilt euch, damit ihr gegen sechs Uhr wieder daheim seid.«

»Die Hübner Emma hat auch schon gesagt, daß wir am Hausberg noch schöne Blumen finden werden, liebe Tante, aber die Uhse Minna möchte nicht gern zum Hausberg gehen. Sie hat noch immer Angst.«

»Angst? – Wovor fürchtet sich die Minna, Pommerle?«

»Im Hausberg soll noch immer der Kilian sitzen. Ich glaube es aber nicht, Tante. Die Uhse Minna meint aber, der Kilian sei doch im Berge und rumort darin herum, weil er 'raus will.«

Frau Professor Bender überlegte einige Augenblicke. Es gab von dem Hausberg, der sich unweit der Stadt Hirschberg erhob, eine Sage, die sie aber nicht mehr kannte. Pommerle schien das besser zu wissen, obgleich das Kind erst seit knapp zwei Jahren in Schlesien lebte.

»Was will denn der Kilian im Hausberg, mein Kind?«

»'raus möcht' er, aber er kann nicht. Eines Tages, als er mal spazierenging, sah er im Berg ein großes Loch. Dort ist er 'reingegangen. Da hat er einen Haufen Gold und Silber gefunden. Er hat sich alle Taschen vollgestopft, ist wieder aus dem Berg herausgelaufen und hat dann furchtbar fein gelebt. Immer nur Flundern gegessen und Champagner dazu getrunken. Aber nach einigen Tagen hat er das ganze Gold aufgegessen gehabt. Da ist er wieder zum Hausberg gegangen. Wieder war das große Loch da, und dann hat er sich noch mal einen Haufen Gold und Silber geholt. Lauter blanke Fünfmarkstücke. Dann hat er wieder furchtbar fein gegessen, jeden Tag ist er ins Kino gegangen, da hat er bald wieder kein Geld gehabt. Als er dann zum drittenmal in das dunkle Loch ging, gab es einen Krach, der Berg schob sich zusammen; und nun ist der Kilian in dem Berg und kann nicht 'raus. Da hat die Uhse Minna Angst, daß uns auch mal was zustoßen könnte. – Nicht wahr, liebe Tante, der Kilian sitzt doch nicht in dem Hausberge? Das erzählen die Leute nur so.«

»Hast recht, Pommerle, das ist eine Sage, weiter nichts.«

»Wenn ich mal solch ein großes Loch in einem Berge sehen würde, ich ginge auch hinein. Oh, ich holte mir dann auch alle Fünfmarkstücke heraus, die dort liegen, und dann – –«, das Kindergesicht nahm einen verklärten Ausdruck an, »dann kaufte ich mir auch viele Flundern und ein Auto. Dann würde ich schnell mal wieder an die Ostsee fahren. Dort schenkte ich der Elli Götsch und der Grete Bauer eine Perlenkette, und dem Otto Jäger kaufte ich ein Paar hohe Wasserstiefel. – Ach, das wäre fein!«

»Es geht auch ohne die Fünfmarkstücke, Pommerle. Du hast ja alles, was du brauchst, mein Kind.«

»Aber wenn ich viele Fünfmarkstücke hätte, wie der Kilian, würde ich mir doch ein Auto kaufen und immerfort Flundern essen.«

»Du bekommst morgen auch Flundern, kleines Mädchen. Sei hübsch zufrieden, Pommerle, man muß nicht immer mehr verlangen, als man hat. Zufriedenheit ist das beste Gut. Wenn man zufrieden ist, fühlt man sich glücklich und froh.«

Pommerle schlang beide Arme um den Hals der Tante. »Oh, ich bin ja zufrieden, aber – viele blanke Fünfmarkstücke möchte ich doch gern haben.« –

Als sich die acht Mädchen am Nachmittag versammelten, um gemeinsam die Wanderung anzutreten, kam die Rede natürlich wieder auf den sagenhaften Hausberg. Die blonde Minna meinte, man höre den Kilian im Berge rufen und schreien. Es sei doch besser, man ginge ein Stück weiter, denn es wäre schrecklich, wenn der Kilian plötzlich, rot vor Wut, aus dem Berge gesprungen käme. Er wäre sicherlich fürchterlich anzusehen, weil er schon über tausend Jahre darin säße und sich in der Zeit nicht ein einziges Mal gewaschen hätte.

Minna wußte schließlich alles so schaurig darzustellen, daß selbst dem mutigen Pommerle das Herz zu klopfen anfing; scheuen Blickes ging man eilig am Hausberg vorüber und weiter, um an anderer Stelle Wiesenblumen für den Lehrer zu pflücken.

Man fand nichts Rechtes. Die Blumen, die jetzt noch blühten, erschienen den Kindern nicht geeignet. Es sollte doch etwas Besonderes sein. Pommerle meinte daher, es wäre wohl besser, wenn man den Strauß aus den Blumen herstellte, die noch im Garten des Onkels blühten.

Emma Hübner wehrte ab. Der Lehrer habe doch selbst einen Garten mit Blumen, ihm wäre ein Strauß aus Wiesenblumen gewiß lieber.

Weiter und weiter lief die kleine Schar, bis Pommerle plötzlich stehenblieb und mit heller Stimme rief:

»Seht doch die vielen Preiselbeeren. Wir schenken ihm Preiselbeeren!«

Dieser Vorschlag fand sogleich begeisterte Zustimmung. Blumen hatte der Lehrer im Garten, aber Preiselbeeren würde er sich sicherlich nicht pflücken. Außerdem hatte er erst kürzlich gesagt, daß er Preiselbeeren zu Eierkuchen sehr gern äße.

Kaum fünf Minuten später waren die acht Kinder dabei, die roten Beeren abzupflücken. Da man keine Behälter mitgenommen hatte, wurden einfach Mützen und Hüte benutzt, und bald war Pommerles Baskenmütze fast bis zur Hälfte mit roten, schönen Beeren angefüllt.

»Oh, wird ihm das schmecken!« sagte Pommerle, die Beeren betrachtend und einige davon in den Mund schiebend. »Wird er Freude daran haben! Nun kann er eine Woche lang jeden Mittag Eierkuchen und Preiselbeeren essen.«

Mit größtem Eifer wurde weitergepflückt, bis plötzlich eins der Mädchen rief:

»Jetzt fängt es an zu regnen!«

Niemand hatte es bemerkt, daß sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen hatte.

»Paßt mal auf, gleich pladdert es los«, sagte Minna. »Was machen wir nun? Wir werden naß wie die Katzen.«

»Wir laufen im Galopp nach Hause«, meinte Pommerle.

»Das ist viel zu weit!«

»Dann gehen wir eben zum Harfen-Karle.«

Pommerle horchte auf. Das war ihm ein ganz neuer Name. Vom Harfen-Karle hatte es noch nie etwas gehört.

»Wo ist er?«

»Der hat dort drüben ein kleines Häusel, darin wohnt er schon immer. Im ganzen Hirschberger Tal kennt man ihn.«

»Was macht er denn?«

»Er ist alt.«

»Er muß doch aber was tun«, meinte Pommerle.

»Nein, der tut nichts, er sitzt immer nur in der Sonne.«

»Und was macht er, wenn's regnet?«

»Dann sitzt er in der Stube.«

Nachdenklich blickte Pommerle nach der Richtung hinüber, in der das kleine Häuschen des Harfen-Karle stehen sollte. Aber es gab kein langes Überlegen mehr, denn der Regen setzte plötzlich mit ungeahnter Heftigkeit ein. Zwei der Kinder liefen voran, die anderen folgten, ohne lange zu überlegen.

Schließlich sah man auch am Waldrande ein kleines Haus, mehr eine Hütte, die einen recht dürftigen Eindruck machte.

Pommerle blieb stehen. »Wohnt dort der Harfen-Karle?«

»Ja, komm nur schnell, ich bin schon ganz naß!«

Pommerle war die letzte, die das Häuschen erreichte. Zögernd blieb das kleine Mädchen stehen. Die anderen Kinder waren bereits in den Hausflur getreten. Pommerle hörte eine fremde Stimme, die gar freundlich klang. Da folgte es den anderen und sah sich bald einem großen, hageren Mann gegenüber, den Pommerle erstaunt musterte. Viele Haare hatte der alte Mann nicht mehr auf dem Kopfe, aber die wenigen, die noch vorhanden waren, hingen in dünnen Strähnen bis auf die Schultern herab. Dazu kam ein langer, weißer Bart. Der alte Mann trug einen grauen Kittel, der fast bis auf die Erde hinunterreichte.

Und dann die Hände! – So lange, dünne Finger hatte Pommerle noch nie gesehen. Die Mitschülerinnen hatten bereits davon erzählt, daß sie beim Beerenpflücken vom Regen überrascht worden wären. Sie baten den Harfen-Karle, solange hierbleiben zu dürfen, bis der Regen nachgelassen habe.

So gut es ging, machte man es sich in der verräucherten Stube bequem. Die Kinder hockten an dem großen Ofen, um den eine Holzbank aufgestellt war.

»Meine Enkeltochter kommt erst am Abend heim, ich kann euch schlecht helfen, Kinder; aber trocknen könnt ihr euch hier.«

Vor Pommerle machte der Alte halt. »Dich kenne ich ja noch gar nicht, Kleine. – Wie heißt du?«

»Hanna Ströde, aber alle nennen mich Pommerle.«

»Ströde – ich kenne doch im Hirschberger Tal alle Leute, aber eine Ströde kenne ich nicht. – Wo wohnst du denn?«

»In Hirschberg, beim Onkel Professor Bender.«

»Bist du zu Besuch dort?«

»Nein, Harfen-Karle, ich bin immer dort. Ich bin aus Pommern gekommen. Mein Vater ist schon lange im Himmel. Da hat mich der Onkel Professor mitgenommen, und nun soll ich immer in Hirschberg bleiben.«

»Richtig! – So was habe ich ja auch gehört. Also das kleine Pommerle bist du. – Gefällt es dir in Hirschberg?«

»O ja. Der Onkel und die Tante sind sehr gut.«

»Und dann unsere schönen Berge. – Bist in eine gar hübsche Gegend gekommen, kleines Pommerle. Seit zweiundneunzig Jahren lebe ich hier. Ich habe viel gesehen –«

»Hast du auch Pommern gesehen und die Ostsee?«

»Nein, ich bin immer nur in den schlesischen Bergen gewesen, in dem schönsten Lande, das es in der ganzen Welt gibt.«

»Oh, die große Ostsee und Pommern sind auch sehr schön.«

»Harfen-Karle«, rief eins der Kinder, »möchtest du uns nicht was spielen und singen?«

»Spiele und singe nicht mehr vor Leuten, bin ein alter Mann.«

»Ach, Harfen-Karle, der Großvater sagt, du hast immer so schön gespielt und gesungen. Sieh mal, dort steht doch noch deine Harfe. Ach, lieber Harfen-Karle, spiele uns doch ein Lied!«

»Hab' viele tausend Lieder gespielt und gesungen, in der Hampelbaude, in der Peterbaude und in allen den anderen Bauden, die ihr ja auch kennt. Aber jetzt ist der Harfen-Karle ein alter Mann, der nicht mehr recht kann.«

Mit ausgestrecktem Finger wies Pommerle auf die große Harfe, die an der Wand lehnte.

»Kannst du darauf spielen?«

Der Alte nickte. »Über siebzig Jahre habe ich darauf gespielt und tue es jetzt auch noch; aber es will nicht mehr recht gehen.«

Immer stärker schlug der Regen gegen die kleinen Scheiben.

»Der Rübezahl ärgert uns wieder mal«, meinte Minna. »Er hat es nicht gern, wenn man ihm die roten Beeren abpflückt, er will alles für sich behalten.«

»Dabei soll es doch gar keinen Rübezahl geben«, sagte Pommerle, »er ist auch nur so ein Sagenmann, genau wie der Kilian.«

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Alle Kinder meinten, daß es ganz gewiß den Rübezahl gäbe, gar zu oft habe man ihn schon gesehen. Pommerle erinnerte sich selbst an seine Begegnung mit dem vermeintlichen Rübezahl. Doch hatte es sich später herausgestellt, daß jener Mann nicht der Berggeist, sondern ein freundlicher Tourist gewesen war, der ihm damals in seiner Not geholfen hatte.

»Bei euch in Pommern gibt es natürlich keinen Rübezahl, der lebt doch nur hier in seinen Bergen. Ihr habt eben nicht so was Schönes dort.«

»Wir haben die Stine«, rief Pommerle, »die Stine kann noch viel mehr als euer Rübezahl!«

»Dann ist die Stine auch nur eine Sagenfrau!«

Pommerles Augen glühten auf. »Die Stine ist gar keine Sagenfrau, die Stine wohnt bei uns im Wasser, sie weiß alles ganz genau. Der Vater hat gesagt, sie ist da, und dann ist sie auch da!«

Die schlesischen Mädchen verteidigten ihren Berggeist. Man kam ziemlich hart aneinander, bis Pommerle schließlich klein beigab und erklärte:

»Na, vielleicht ist er doch keine Sage, der Rübezahl. Ich werde ihn mal rufen, vielleicht kommt er. Aber dann muß er mir viele blanke Fünfmarkstücke und ein Schloß schenken.«

Der alte Harfner hatte die Unterhaltung der kleinen Mädchen schweigend mit angehört. Er setzte sich jetzt mitten unter die Kinderschar und sagte langsam:

»Was nützt euch alles Geld und ein Schloß. Ich habe es auch nicht und bin mein Leben lang glücklich und zufrieden gewesen.«

»Wenn man viel Geld hätte, könnte man noch glücklicher sein«, meinte Minna.

Da stand der alte Harfner auf, ging in die Zimmerecke und holte die Harfe hervor. Die Kinder schlugen begeistert in die Hände.

»Willst du uns was singen?«

Der Alte nickte. Er nahm die Harfe zwischen die Knie. Da wurde es mäuschenstill in dem Raum. Pommerles Augen hingen wie gebannt an den langen, dünnen Fingern, die in die Saiten griffen und ihnen gar liebliche Töne entlockten. Und jetzt begann der Alte zu singen. Wohl war seine Stimme heiser und brüchig, aber es klang doch noch ganz gut.

»Ich bin gar sehr ein armer Mann
Und bleib's gewiß auch immer.
Allein ich will nicht schrei'n und klag'n,
Den andern geht's viel schlimmer.
Ich bin gesund und wohlgemut,
Und das ist wohl das größte Gut.

Zur Arbeit, nicht zum Müßiggang,
Hat mich der Herr geschaffen,
Drum will ich auch mein Leben lang
Die Kräft' zusammenraffen.
Ich bin gesund und wohlgemut,
Und das ist wohl das größte Gut.«

Noch einmal einige schöne Akkorde; dann erhob sich der Alte und stellte die Harfe wieder in die Ecke.

Die Kinder waren mäuschenstill geworden. Soeben noch waren tausend Wünsche von ihren Lippen gekommen, Wünsche nach Geld und Gut, nach Schlössern, schönen Kleidern und anderen Dingen; nun hatte ihnen der alte Harfner davon gesungen, daß man auch in der Armut glücklich und zufrieden sein könne, wenn man nur gesund sei und frohen Mut habe.

Der Alte nahm die Harfe zwischen die Knie, griff in die Saiten und begann zu singen.

Pommerle hörte plötzlich wieder die Stimme der Tante. Heute mittag, als sie ihr vom Hausberg erzählt hatte, hatte die Tante auch gesagt, daß Zufriedenheit das höchste Gut sei, was man sich wünschen könne. Pommerle nahm sich vor, nicht wieder begehrlich nach blanken Fünfmarkstücken auszuschauen. Der alte Mann hatte davon gesungen, daß es anderen noch viel schlechter gehe. Pommerle hatte mit seinen neun Jahren schon manchen Blick ins Elend tun dürfen.

»Ich bin gesund und wohlgemut,
Und das ist wohl das größte Gut.«

Leise wiederholte Pommerle die beiden letzten Zeilen des Liedes. Diese Worte wollte es sich gut merken. Und wenn der Jule, der Spielgefährte, der seit wenigen Wochen bei Meister Reichardt in der Lehre war, wieder einmal ein so mürrisches Gesicht machte, wollte ihm Pommerle von diesem Lied erzählen. Wie war es doch gleich gewesen?

»Zur Arbeit, nicht zum Müßiggang,
Hat mich der Herr geschaffen.«

Ob der alte Mann auch heute noch arbeitete? Die anderen hatten doch gesagt, er säße immerzu in der Sonne. Pommerle hatte plötzlich für den Harfen-Karle ein brennendes Interesse gewonnen. Er war zweiundneunzig Jahre alt, also viel, viel älter als der Onkel Professor.

Währenddessen waren die anderen Kinder wieder in lebhaftem Gespräch mit dem Harfner. Staunend hörte Pommerle an, daß der Alte fast täglich in den Wald ging und Beeren und Kräuter suchte.

»Der Onkel sucht auch Grünzeug«, rief Pommerle begeistert aus.

»Weiß ich, kleines Pommerle, aber ich suche Kräuter und Wurzeln für die Apotheke. So ein alter Mann, wie ich, der weiß, was den Menschen gut tut, was ihnen hilft, wenn sie krank sind. Bin in meinem langen Leben nicht oft krank gewesen, und wenn es mal geschah, habe ich mir immer selber zu helfen gewußt. Der Wald ist der größte Wunderdoktor der Welt.«

»Was holst du denn im Walde?« forschte Pommerle interessiert.

»Allerlei Kräuter, aus denen man guten Tee kocht, wenn du Halsschmerzen oder Bauchweh oder sonst etwas hast. Und manches Kraut ist giftig. Das Gift bekommen dann solche Leute ein, die schwere Leiden haben. Aber das versteht ihr kleinen Kinder heute noch nicht, das lernt ihr erst viel später. – Kommt mal her, ich will euch mal meine Vorräte zeigen.«

Dann sahen die Kinder etwas ganz Neues. In Blechdosen, Tüten, kleinen Kästchen und anderen Behältern lagen getrocknete Blätter und Wurzeln. Die verschiedensten Düfte entströmten diesen Behältern. Ungezählte Fragen wurden laut, und mitunter lachte die kleine Schar ungläubig, wenn der alte Harfner berichtete, daß man aus dieser trockenen Pflanze ein schlimmes Gift bereite, durch das die Menschen sterben und auch gesund werden könnten.

Am aufmerksamsten hörte wohl Pommerle zu. Der Onkel hatte ihm schon manche Pflanze gezeigt. Es kannte auch die verschiedenen Namen der Gewächse; aber diese Kräutersammlung hier war ihm etwas ganz Neues.

»Kann der Onkel auch mal zu dir kommen und sich hier belernen?«

Der Harfner lachte. »Dein Onkel ist ein gar kluger und gelehrter Mann, der weiß das alles längst.«

Pommerle schüttelte den Kopf. »Von den kleinen Kräuterchen, die so giftig sind, die die Menschen tot und lebendig machen, weiß er gewiß nichts. – Darf der Onkel mal herkommen?«

»Natürlich, Pommerle.«

»Und der Jule auch?«

»Wer ist denn der Jule?«

»Nun, der Kretschmer Jule, mein Freund.«

»Den Kretschmer Jule kenne ich genau, auch dessen Mutter. Sie ist schon lange recht krank, wird wohl bald zu Ende mit ihr gehen.«

»Muß sie sterben?«

»Wird wohl nicht anders möglich sein.«

»Kannst du ihr nicht von der giftigen Wurzel was eingeben, daß sie wieder gesund wird?«

»Wird nicht mehr viel helfen, kleines Pommerle.«

»Ich denke, die giftige Wurzel hilft immer? Ich will den Jule mal herschicken. – Dann singst du dem Jule auch das Lied vor, von der Zufriedenheit, die das höchste Gut ist, und daß wir nicht zum Müßiggang geschaffen sind. – Willst du das tun?«

»Das kann geschehen, Pommerle. Aber der Jule ist doch jetzt bei einem Lehrherrn, er soll ein tüchtiger Tischler werden.«

»Er hat gemeint, es macht ihm keinen Spaß. Er möchte lieber für den Onkel viel Steine und Blumen sammeln.«

»Der Jule ist ein Taugenichts, wenn er nicht arbeiten will.«

»Nein«, sagte Pommerle energisch, »der Jule ist kein Taugenichts, der Jule arbeitet jetzt den ganzen Tag, und vorher hat er auch gearbeitet. Der Jule ist mein bester Freund, der Jule wird bald ein Meister, und später, wenn wir beide groß sind, heiratet mich der Jule.«

»Ich kenne den Kretschmer Jule recht gut, kleines Mädchen. Will ihm nur wünschen, daß die Mutter wieder gesund wird.«

Endlich hatte der Regen nachgelassen. Emma mahnte zum Aufbruch. Es war bereits sechs Uhr vorüber, die erste Dämmerung senkte sich hernieder.

Man nahm die mit Beeren gefüllten Hüte und Mützen. Pommerle zögerte ein Weilchen. Es hatte ihm beim Harfen-Karle sehr gut gefallen. Das kleine Mädchen hätte dem alten Mann gar gern eine Freude gemacht. Ob sie die Beeren teilte und dem alten Mann die Hälfte schenkte?

Pommerle reichte dem Alten abschiednehmend die Hand und hielt ihm die Mütze hin.

»Ich möchte dir ein paar Beeren schenken. Willst du sie haben? Aber nicht alle, ich habe sie für den Lehrer gepflückt.«

»Ich danke dir, kleines Pommerle, ich habe selbst meine Beeren. Nimm sie nur wieder mit. Bist ein gar liebes Mädchen.«

Pommerle war recht glücklich, daß es die gefüllte Mütze behalten durfte. Rasch folgte es den anderen, und dann ging es im Sturmschritt heim.

Der starke Regen, der niedergegangen war, hatte die Straße unterhalb des Hausberges stark aufgeweicht. Die Kinder mußten oftmals über Wasserpfützen springen, um weiterzukommen. Plötzlich stieß Pommerle einen lauten Ruf aus:

»Ein ganz kleiner Piepmatz!«

Völlig durchnäßt, mit herunterhängenden Flügeln, hüpfte am Wege ein Sperling dahin. Er mußte von einem Ast heruntergefallen sein und war unfähig, wieder aufzufliegen.

»Wenn er hierbleibt, frißt ihn die Katze, oder es holt ihn ein Raubvogel. Wir müssen ihn in einen Strauch setzen.«

»Nein«, meinte Pommerle, »dann friert er oder fällt wieder herunter. Wir müssen ihn zuerst trocknen.«

Mit raschem, aber vorsichtigem Griff hatte Pommerle das Vöglein gefangen. Die gefüllte Mütze mit den Beeren stand mitten auf der Straße.

»O je, wie es zittert! Es wird sich erkälten.«

Noch immer hielt Pommerle das Vöglein zwischen beiden Händen. Der Sperling piepte gar ängstlich.

»Kleiner Piepmatz, fürchte dich nicht, ich tue dir wirklich nichts. Ich bin doch keine Katze!«

»Wir müssen es warm setzen«, sagte eins der Mädchen.

Man überlegte. Das war nicht so einfach, denn die Kleider der Kinder waren noch immer feucht.

»Einer von euch nimmt meine Mütze mit den Beeren, und ich trage den Vogel zwischen beiden Händen heim. Dort setze ich ihn in ein Körbchen, daß er trocknet, und morgen hat er sich wieder erholt.«

»Wenn du ihn immerzu in den Händen hältst, brichst du ihm ein Bein oder einen Flügel ab«, meinte Minna. »Mein Bruder hat es auch mal so gemacht. Du mußt den Vogel ins Warme setzen.«

Ida erklärte sich bereit, das Vöglein in die Manteltasche zu stecken, doch Pommerle wies voller Entrüstung dieses Ansinnen zurück.

»Dann zerdrückt ihr ihn ja.«

»So laß den dummen Vogel sitzen«, rief eine andere. »Wir müssen weiter.« Und schon setzte sich die Schar in Bewegung.

Noch immer stand Pommerle ratlos mit dem Vögelchen in beiden Händen da.

»Nehmt doch meine Mütze mit!«

Die anderen hatten Eile, heimzukommen; die gefüllte Mütze mit den Beeren blieb mitten auf der Straße stehen. Es dauerte auch nur wenige Minuten, da sah sich Pommerle allein auf der Straße.

»Fürchte dich nicht, kleiner Piepmatz, ich verlasse dich nicht.«

Wenn es nur einen Behälter gehabt hätte, etwas Warmes, daß es den Vogel hineinsetzen könnte. Pommerle sah ratlos an sich herab. Es befühlte mit den Händen sein Röckchen, aber das war viel zu naß. Der kleine Vogel mußte trocken sitzen.

»O je, wie er zittert – er wird sich noch zu Tode zittern.« Pommerle war recht unglücklich. Einen Augenblick dachte es daran, die Beeren auszuschütten und das Vöglein in die Mütze zu setzen. – Aber da kam ihm plötzlich ein rettender Gedanke: »Kleiner Piepmatz, brauchst nicht mehr zu frieren, jetzt habe ich ein schönes Häuschen für dich!«

Pommerle lehnte sich an einen Baum, schnürte rasch den einen Schuh auf, zog ihn aus, faßte hinein und stellte erfreut fest, daß der Schuh innen warm war.

»So, kleiner Piepmatz, nun hast du ein feines Häuschen, darin tut dir keiner was.«

Vorsichtig ließ das kleine Mädchen das Vöglein in den Schuh schlüpfen, hauchte vorher noch einige Male hinein. Das Vöglein saß ganz still in seinem dunklen Häuschen.

»Na, ist es schön warm?«

Nur ein leises Piepen war die Antwort. Als Pommerle den Fuß aufsetzte, schrak es ein wenig zusammen. Es hatte mit dem Strumpf gerade in eine kleine Wasserpfütze getreten. Aber was schadete das! Das Vöglein saß doch warm. Rasch griff Pommerle nach der Mütze, stellte den schmutzigen Schuh auf die Beeren, dann eilte es auf einem Schuh und einem Strumpf hinter den anderen Mädchen her. Es gelang ihm zwar nicht mehr, die Gefährtinnen einzuholen, zumal Pommerle mehrmals stehenblieb und bei dem Sperling anfragte, ob er sich auch wohlfühle.

Als es die ersten Häuser von Hirschberg erreicht hatte, traf Pommerle auf der Straße eine ältere Frau. Diese schlug die Hände zusammen, als sie das Kind kommen sah.

»Wie siehst du denn aus, du Schmutzfink? Warum ziehst du denn den Schuh nicht an?«

Pommerle hob das Gesichtchen mit den strahlenden Blauaugen, durch seine Stimme klang unterdrückter Jubel.

»Weil ein liebes Vöglein drinnen wohnt.«

»Kind, du wirst dich erkälten, der ganze Strumpf ist naß und beschmutzt.«

»Warum ziehst du denn den Schuh nicht an?« – »Weil ein liebes Vöglein drinnen wohnt.«

Andere kamen und sahen dem kleinen Pommerle nach, manch einer lachte belustigt.

»Die Kleine aus dem Pommerlande hat doch immer allerlei Schnurren im Kopfe!«

Endlich war die Villa des Onkels erreicht. Pommerle lief sogleich in die Küche, in der das Hausmädchen und Frau Bender mit dem Abendessen beschäftigt waren.

»Endlich bist du wieder da, Pommerle – aber was ist denn das?«

Behutsam stellte Pommerle den Schuh vor die Tante hin. »Ein kleines Vögelchen ist drin. Nun müssen wir es warm setzen, daß es sich nicht erkältet.«

Frau Bender wollte ein wenig schelten; aber als sie die Liebe sah, mit der die Kleine das nasse Tierchen betreute, schwieg sie. Pommerles gutes Herz, seine große Liebe zu den Tieren, zeigte sich heute wiederum. Außerdem war das kleine Mädchen das Barfußgehen von früher her gewöhnt. Der kleine Spaziergang ohne Schuh würde ihm nichts schaden.

»Jetzt bringe dich auch in Ordnung, Pommerle, inzwischen habe ich das Vöglein versorgt.«

Sehr rasch stellte sich das kleine Mädchen wieder in der Küche ein. Die gute Tante hatte inzwischen den Sperling in ein Körbchen gesetzt, mit einer Decke zugedeckt und meinte, es sei nun das richtigste, man lasse das Tierchen in Ruhe.

»Sobald er wieder trocken ist, lassen wir ihn fliegen.«

»Wollen wir ihm nicht etwas zu fressen geben?«

»Er ist viel zu verängstigt, Pommerle, jetzt frißt er nichts. Er fühlt sich jetzt schwach und braucht nur Ruhe.«

Pommerle eilte schon wieder davon, um wenige Augenblicke später mit einer Flasche Kölnischen Wassers wieder zu erscheinen.

»Nur mal riechen soll es dran. Wenn es schwach ist, tut es ihm gut.«

»Laß das Vöglein hübsch in Ruhe, mein Kind.«

»Aber die Frau Möller hat auch neulich dran riechen müssen, als sie schwach war.«

»Das ist etwas ganz anderes, der Vogel braucht nur Ruhe.«

Als Frau Bender nach einer Weile wieder in die Küche kam, saß Pommerle noch immer neben dem Körbchen.

»Wir wollen den Vogel jetzt zudecken, daß er nicht umherflattert; dann wollen wir Abendbrot essen. Morgen früh ist dann das Tierchen wieder gesund. – So, nun komm zu Tisch, der Onkel wartet schon.«

»Und ich habe noch so viel zu erzählen. – Tante, kennst du den Harfen-Karle?«

»Freilich kenne ich den alten Mann.«

Während des Essens berichtete Pommerle von seinen heutigen Erlebnissen.

»Und da mußt du mal hingehen, Onkel, der hat 'ne Menge giftige Wurzeln und Blätter. Dann kannst du wieder ein Buch darüber schreiben.«

»Das können wir mal machen, Pommerle. Zum alten Harfen-Karle wollte ich schon lange mal gehen, bin nur noch nicht dazugekommen. Aber wir wollen ihn später einmal gemeinsam besuchen.«

Als man gegessen hatte, griff Pommerle nach den Tellern und Messern, räumte sie zusammen, so daß alles schon schön geordnet stand, als das Mädchen das Zimmer betrat. Erstaunt schaute Frau Bender auf die kleine Fleißige.

»Nanu, Pommerle, heute gar so emsig?«

Pommerle nickte, und dann begann es, allerdings in recht falschen Tönen, aber doch nicht ohne musikalisches Verstehen zu singen:

»Zur Arbeit, nicht zum Müßiggang,
Hat mich der Herr geschaffen.«

Mit leiser Zärtlichkeit strich Frau Bender dem Kinde über das Haar.

Kindertränen

Unter fröhlichem Lachen und Lärmen strömten die Kinder aus dem Schulhaus. Wieder einmal Ferien! Herbst- oder Kartoffelferien! – Besonders Pommerle strahlte, war ihm doch vom Onkel für die Herbstferien wieder ein kleiner Ausflug ins Gebirge versprochen worden.

Nur schade, daß der Spielgefährte, der Jule, diesmal nicht dabei sein konnte! Jule war seit dem ersten September bei Meister Reichardt in der Lehre, um das Tischlerhandwerk zu erlernen. Da konnte er nicht mehr fort. Er kam auch jetzt nicht mehr so häufig ins Haus des Professors, weil er tagsüber beschäftigt war. Seine Verpflegung erhielt er beim Meister, nur des Abends ging er heim.

Seit einigen Tagen war das aber auch anders geworden. Jules Mutter, die viel kränkelte, war wieder einmal ins Krankenhaus gekommen. Man sagte, es gehe ihr gar nicht gut, und Jule war daher vollständig zu Meister Reichardt übergesiedelt.

Ferien! – Pommerle packte die Schultasche an beiden Riemen und wirbelte sie in der Luft herum. Die fellbesetzte Klappe löste sich, und im nächsten Augenblick lagen Bücher, Hefte und Federkasten auf der Straße verstreut.

»O je!« sagte Pommerle erschrocken.

»Ist das eine Art, die Bücher herumzuwerfen?«

Ein vorübergehender Herr musterte das Kind vorwurfsvoll durch die Brillengläser. »Was stehst du müßig herum? Sammle die Sachen wenigstens auf!«

Schuldbewußt und niedergeschlagen machte sich Pommerle ans Werk. Es war doch zu schlimm, daß man immer, wenn man sich über etwas gar so sehr freute, gleich etwas Unangenehmes zu spüren bekam. Es war doch gewiß ein erfreuliches Ereignis, daß Ferien waren und daß man wieder ins schöne Riesengebirge wandern durfte.

Pommerle verzog das Gesichtchen wehleidig, als es sah, daß einige Hefte starke Spuren von Straßenschmutz trugen. Das war nun wieder einmal Kinderpech. Die Tante würde sehr ärgerlich darüber sein. In Zukunft wollte Pommerle ein wenig vorsichtiger mit seinen Schulsachen umgehen.

Nun ging es in schnellem Laufe heim. Pommerle öffnete die Gartenpforte und wollte schnell ins Haus huschen, als es seinen Namen hörte.

»Pommerle!«

Das kleine Mädchen blieb stehen. Hinter der großen Hecke drüben schaute der Kopf Jules hervor. Das Antlitz des kleinen Mädchens strahlte. Es freute sich immer, wenn es den älteren Gespielen sah.

Ferien! – Pommerle packte die Schultasche an beiden Riemen und wirbelte sie in der Luft herum.

»Jule!« rief es erfreut.

»Sei still, komm hierher, mich darf keiner sehen.«

Gehorsam huschte Pommerle hinter die Hecke und schaute fragend den Knaben an.

»Kannst du heute nachmittag mit mir in den Wald gehen? Oder zu den Bobersteinen? Wir können aber nicht zusammen hingehen, ich habe dir was zu sagen.«

»So sag es doch gleich, Jule.«

»Nein, das ist zu lang.«

»Warum stehst du denn hinter der Hecke?«

Jule scharrte mit dem Fuße im Kies herum. »Das erzähle ich dir alles später. Kommst du?«

»Ich muß zuerst die Tante fragen. Wenn ich darf, komme ich.«

»Nee, fragen darfst du nicht, sie brauchen es nicht zu wissen, daß ich da bin.«

»Warum sollen sie es nicht wissen, Jule?«

»Das erzähle ich dir später.«

Pommerle überlegte. »Wir haben heute Ferien bekommen, da darf ich vielleicht nachmittags weit spazierengehen.«

Ein langgezogener Seufzer kam über Jules Lippen. »Du hast Ferien, und ich muß immerzu arbeiten, immerzu, von früh bis abends. Dann zankt der Meister, und – und – nun kommt auch noch die andere, die wird auch immerfort aufpassen und – wenn ich doch nichts mehr recht mache – wenn ich doch kein richtiger Tischler werde – du, Pommerle, heute nacht ist mir der Rübezahl erschienen.«

»Der Rübezahl?«

»Er hat mir gesagt, ich würde mal ein reicher Mann werden. Dann hat er mich auf einen hohen Berg geführt und an ein großes Wasser. Na, kurz heraus, Pommerle – ich will nach Amerika!«

»Was willst du denn in Amerika?«

»Ich habe es auch vom Meister gehört, er hat erzählt, dort sind viele Leute reich geworden, dort liegt das Geld nur so herum.«

Pommerle hob aufmerksam den Kopf. »Das wird sein wie im Hausberg. Dort kann man sich auch die Taschen vollstopfen.«

Jule neigte seine Lippen zu Pommerles Ohr.

»Ich will heute nacht auch nach dem Hausberg gehen. Wenn mir der Rübezahl versprochen hat, daß ich reich werde, zeigt er mir vielleicht den Eingang.«

»Heute nacht? Jule, fürchtest du dich denn nicht?«

»Natürlich fürchte ich mich, sehr sogar! Aber ich will nicht länger bei Meister Reichardt bleiben. Ich will nach Amerika, und dazu brauche ich Geld.«

Pommerle faßte nach Jules Hand. »Bleib doch lieber hier, Jule. Amerika soll so weit weg sein.«

»Nein, ich bleibe nicht«, erwiderte der Bursche und stampfte trotzig mit dem Fuße auf den Boden. »Ich gehe auch nicht mehr zum Meister zurück. Einen faulen Schlingel hat er mich geheißen. Nun kommt auch noch seine Tochter, die soll ebenfalls auf mich aufpassen. In der Werkstatt soll sie sitzen. Nein – nein – nein.« Jules Stimme wurde immer weinerlicher. »Ich gehe nach dem Hausberg, hole mir Geld und fahre nach Amerika.«

»Wollen wir nicht zuerst mal den Onkel fragen?«

»Na, das wäre ja noch schöner! Du darfst keinem Menschen etwas davon sagen. Wenn ich erst drüben in Amerika bin, schicke ich dir viel Geld, dann kommst du nach.«

»Und Onkel und Tante auch?«

»Nein, wir zwei ganz allein. Mach doch kein so dummes Gesicht, Pommerle. Der Rübezahl ist mir heute nacht erschienen.«

»Das hast du geträumt, Jule.«

»Nun ja, Träume gehen doch in Erfüllung.«

»O nein«, lachte Pommerle schallend auf. »Ich habe auch geträumt, es ist ein großer Fisch gekommen, der hat meine Puppe gefressen und den schönen Gummifrosch. Dann habe ich nachgesehen, und da war alles noch da. Der Onkel sagt, die Träume sind nur Geschichten, die uns der Himmel im Schlafe schickt, daß wir uns in der Nacht nicht langweilen.«

»Ach was«, meinte Jule unwillig. »Der Rübezahl meint es gut mit mir. Ich gehe nach Amerika.«

»Der Rübezahl«, meinte Pommerle nachdenklich, »der Rübezahl ist doch nur ein Sagenmann. Vor vielen hundert Millionen Jahren mag er ja in den Bergen herumgestiegen sein. Dann ist er gestorben und zur Sage geworden.«

»Unsinn!« brauste der Jule auf. »Wirst ja sehen, wie mir der Rübezahl hilft.«

Nachdenklich schaute das kleine Mädchen vor sich nieder. Wenn der Jule nicht mehr zu seinem Meister zurückgehen wollte, würde sich der Meister sehr wundern und ihn suchen lassen. Pommerle hatte sich auch einmal im Gebirge verlaufen. Da hatten viele Menschen nach ihm gesucht. Der Meister würde dann in großer Angst sein.

»Geh doch lieber zu deinem Meister zurück, Jule. Dann wirst du ein tüchtiger Tischler und auch sehr reich. Der Meister Reichardt ist doch auch reich.«

»Mit dir ist heute gar nichts los. Wenn du eben nicht mitmachst, bleibst du hier. Du hast immerfort Ferien, aber ich soll nur arbeiten. Und wenn ich doch nichts recht mache –«

Der jämmerliche Ton, in dem diese Worte gesagt wurden, schnitt Pommerle ins Herz.

»Mir machst du alles recht, Jule. Und wenn du eben nach Amerika willst, dann geh nur hin. Aber kommst du bald wieder?«

»Das weiß ich nicht.«

»Deine Mutter kann doch aber nicht allein hierbleiben?«

Ein Schatten glitt über das Gesicht des Knaben. »Die Mutter ist immerzu krank. Mit der kann ich nicht viel reden. Sie ist nicht daheim, ich wohne jetzt beim Meister, und – da ist doch keiner, mit dem ich so reden kann wie mit dir.«

»Komm mit zum Onkel oder zur Tante, Jule. Vielleicht schenkt sie dir ein blankes Fünfmarkstück, daß du nach Amerika fahren kannst. Dann brauchst du nicht heute nacht zum Berg zu gehen.«

»Ich habe es dir doch schon mal gesagt, daß deine Tante nichts wissen darf.«

Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, noch immer sprach Jule von seinen abenteuerlichen Plänen. Bis plötzlich Pommerle vom Flur des Hauses die Stimme der Tante hörte.

»Wenn ich nur wüßte, wo das Kind bleibt!«

»Jule, ich muß nun gehen, sie warten schon mit dem Mittagessen. Jule, lieber Jule, komm doch mit!«

»Du darfst nichts sagen, daß ich hier war, keiner darf es wissen.«

Dann war der Platz hinter der Hecke leer, Jule war davongelaufen.

Pommerle befand sich in einem Zwiespalt. Es vertraute so gern der Tante alles an, was es auf dem Herzen hatte. Doch der Jule hatte verboten, von der Zusammenkunft zu reden. Nun fragte die Tante sogar noch, warum sich das Kind heute so sehr verspätet habe.

Pommerle stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte der Tante ins Ohr: »Ich darf es keinem sagen, daß ich mit einem Jungen im Garten gewesen bin. Er hat mir gesagt, ich muß stille sein.«

Es dauerte gar nicht lange, da ahnte Frau Bender, wer dieser Knabe gewesen sei. Sie fragte Pommerle nicht weiter darüber aus, wunderte sich auch nicht über dieses Zusammentreffen, da sie glaubte, daß Jule in seiner Mittagsstunde auf Pommerle gewartet und mit ihm geplaudert habe. Erst am Abend, als das Kind immer wieder fragte, ob es gefährlich sei, nachts am Hausberg spazierenzugehen, wurde Frau Bender aufmerksam.

»Ich glaube nicht, daß jemand nachts am Hausberg spazierengeht.«

»Doch, Tante, heute nacht geht einer dort spazieren.«

»Wer denn?«

Wieder überlegte Pommerle. Das hatte der Jule nicht verboten zu erzählen. Aber ehe die Antwort kam, tönte die dunkle Stimme eines Mannes durch das Haus. Frau Bender wurde aufmerksam.

Das war doch Meister Reichardt! Sie ging hinaus und ließ den Tischler eintreten.

»Ich wollte nur fragen, gnädige Frau, ob sich der Jule heute hier sehen ließ. Der Junge ist mir heute früh fortgelaufen, hat sich zum Mittagessen nicht eingestellt und ist auch nach Feierabend nicht zurückgekommen. Seine Kammer ist leer.«

»Der Jule ist heute mittag in unserem Garten gewesen.«

»So, ich habe ihn heute früh wegen einer Unvorsichtigkeit ausgescholten. Schon gestern hat er allerlei Dummheiten gemacht. Er ist ja ein ganz guter und anstelliger Bengel, aber wenn er seinen Eigensinn bekommt, ist nichts mit ihm anzufangen. Wo mag er nur hingelaufen sein?«

Pommerle hörte die Worte des Meisters. Sein Herz klopfte bis in den Hals hinauf. Durfte es den Jule verraten? Sollte es sagen, daß der Jule heute nacht in den Hausberg gehen wollte, um Geld zu holen und nach Amerika zu fahren? Noch schwieg der Kindermund.

»Ich denke, Meister Reichardt, der Jule wird sich zum Abend wieder einfinden. Sollte er zu uns kommen, werden wir ihn sofort zu Ihnen bringen.«

Abends, kurz vor zehn Uhr, Pommerle lag schon lange in seinem Bettchen und schlief, schickte Meister Reichardt nochmals zu Professor Bender, um nach Jule zu fragen. Aus dem Krankenhaus war die Botschaft gekommen, daß sich der Zustand der Mutter Jules plötzlich verschlimmert habe. Der Knabe sollte hinkommen.

»Wo mag der Bengel nur stecken?« sagte Professor Bender. »Ich kann dem Meister keine Auskunft geben.«

»Vielleicht wäre es gut«, meinte die gutherzige Frau Bender, »wenn ich zu Frau Kretschmer hinginge.«

Mutter Kretschmer, wie man sie in Hirschberg nannte, hatte jahrelang Zeitungen ausgetragen und war fast allen gut bekannt. Sie war immer eine stille und ruhige Frau gewesen, die sich und ihr Kind mühsam durchbrachte. Sie empfand für Benders herzliche Dankbarkeit, weil sich der Professor immer des Julius angenommen hatte, und weil er es auch gewesen war, der dem Knaben die Lehrstelle verschafft hatte.

»Wenn es mit Mutter Kretschmer so schlecht geht, will ich heute noch nach ihr sehen.« Schon zog sich Frau Bender den Mantel an und verließ nach wenigen Minuten die Villa. Sie bat noch, man solle den Jule sofort nachschicken, falls er sich heute abend doch noch sehen lasse.

Mit Mutter Kretschmer ging es zu Ende. Wohl hörte sie noch die freundlichen Worte, die Frau Bender an die Sterbende richtete, wohl blickten die halbgebrochenen Augen nochmals suchend nach der Tür.

»Der Jule ist ein ganz guter und anstelliger Bengel«, berichtete Meister Reichardt, »aber wenn er seinen Eigensinn bekommt, ist nichts mit ihm anzufangen.«

»Der Jule –«

»Der Jule wird bald hier sein, Mutter Kretschmer«, tröstete Frau Bender. »Bleiben Sie ganz ruhig liegen, ich bin bei Ihnen und verlasse Sie nicht.«

»Verlassen Sie auch den Jule nicht, er soll ein ordentlicher Mensch, ein tüchtiger Handwerker werden – er soll seine Mutter lieb behalten.«

»Nicht so viel reden, Mutter Kretschmer. Der Jule wird gewiß ein braver Mann werden. Sie dürfen jetzt nicht so viel reden, recht ruhig liegenbleiben.«

Eine zitternde Hand tastete sich zu der Frau Benders.

»Mein Jule, mein lieber, guter Junge!«

Zehn Minuten später war das Lebenslicht der alten Frau erloschen. Friedlich ruhte Mutter Kretschmer in den Kissen, Frau Bender drückte der Entschlafenen die Augen zu. Wie schmerzlich würde es für Jule sein, wenn er hörte, daß die Mutter in ihrer letzten Stunde immer wieder nach dem Sohne ausgeschaut hatte, der nicht gekommen war.

Am Morgen des nächsten Tages fragte man bei Meister Reichardt an, ob sich der Jule eingefunden habe. Niemand hatte ihn gesehen. Pommerle hörte auch davon, es vernahm auch, daß Frau Kretschmer gestorben sei, und eine unerklärliche Angst legte sich auf das Herz des Kindes.

»Er hat mir gesagt, ich darf nichts verraten, aber er ist gestern nacht in den Hausberg gegangen, um Geld zu holen. Er will nach Amerika gehen.«

Professor Bender und seine Frau forschten weiter, und Pommerle erzählte nun alles. Tiefe Trauer bemächtigte sich Frau Benders. An dem Tage, an dem der Knabe sich mit schlechten Gedanken trug, an dem er seinem Lehrmeister ausreißen wollte, war seine Mutter gestorben. Noch in ihrer letzten Stunde hatte sie gehofft, daß der Jule ein tüchtiger Mensch, ein fleißiger Handwerker werden würde. Nun war sie tot, und wenn der Jule wiederkam, hatten sich die Lippen seiner Mutter für immer geschlossen. Niemals würde er mehr ein liebevolles Wort aus Muttermund hören.

Aber auch Pommerle war tief niedergeschlagen. Dem Jule war die Mutter gestorben. Das war dasselbe wie damals, als ihm der Vater genommen war. All der Schmerz und das Leid, das Pommerle damals durchlebt hatte, erwachte erneut in dem Kinderherzen. Pommerle ging in sein Zimmerchen, legte sich die Puppe auf den Schoß, nahm den Gummifrosch in den Arm; dann tropfte Träne auf Träne aus den Kinderaugen.

»Vater, Vater! Jule, nun hast du keine Mutter mehr und keinen Vater, nun ist sie tot, die gute Mutter Kretschmer. Ich möchte an die Ostsee!«

Professor Bender entdeckte am Mittag den Jule, der sich gerade nach dem Geräteschuppen des Benderschen Hauses schlich. Dort wollte der übermüdete Knabe ausruhen. Schweigend nahm der Professor den Knaben am Arm, führte ihn ins Haus, hinein in sein Zimmer.

Frau Bender wurde erst aufmerksam, als sie wildes Kinderweinen hörte. Sie horchte, kam näher und hörte den Jule.

»Tot ist sie!«

Da ging sie hinein ins Zimmer, nahm den Knaben in die Arme und drückte ihn fest an sich.

»Nun laß dir sagen, mein liebes Kind, was mir deine Mutter in ihrer letzten Stunde zuflüsterte. Sie hat sehr nach dir verlangt, nach ihrem lieben, guten Jule. Wärest du Meister Reichardt nicht fortgelaufen, hättest du ihr zum Abschied die Hand drücken dürfen. Aber du warst nicht da. Jule, deine tote Mutter erwartet von dir, daß du ein tüchtiger Mensch, ein fleißiger Handwerker werden sollst.«

»Ich will zur Mutter!« Das war nicht mehr der fünfzehnjährige Lehrling, es war ein hilfloser Knabe, der plötzlich erkannte, daß ihm der gestrige Tag das Beste, was es auf der Erde für ihn gab, geraubt hatte. »Ich will zur Mutter!«

»Du wirst zuerst etwas essen, Jule, dann gehen wir zusammen hin.«

Aber der Knabe aß nichts. Die Tränen strömten ihm über die Wangen. Er versuchte, zwar einige Bissen hinunterzuwürgen, es ging nicht. Nochmals schaute Frau Bender nach Pommerle. Auch hier ein weinendes Kind.

»Komm zum Onkel, mein Pommerle. Der Jule geht jetzt mit mir zu seiner Mutter.«

»Ich möchte zum Vater!«

»Sei vernünftig, mein liebes Kind, der Onkel wartet schon auf dich.«

Sie ging und barg das verweinte Köpfchen an der Brust des treuen Beschützers. – –

Da stand nun der Jule vor der entschlafenen Mutter, würgte und schluckte die immer neu hervorbrechenden Tränen herunter.

Endlich mahnte Frau Bender leise:

»So, mein liebes Kind, nun gib noch einmal deiner Mutter die Hand, ihre letzten Worte waren ein Segen für dich, ihr letzter Wunsch war der, daß du gut und brav werden sollst. Vor einiger Zeit hast du Professor Bender versprochen, du wolltest ein braver Handwerker werden. Du hast dein gegebenes Wort bisher schlecht gehalten, Jule. Ich denke, nun wird es anders werden. Ich weiß, daß die Lehrzeit eine schwere Zeit ist. Besonders für dich, der du daran gewöhnt bist, frei herumzustreifen, für dich ist das Stillsitzen eine schwierige Aufgabe. Aber schau die Lehrzeit mit frohen Augen an, denke an deine gute Mutter, denke auch daran, daß sie segnend auf dich herniederblickt. Nun sieh mich einmal an, Jule, und sage mir ehrlich: Wirst du wieder zu Meister Reichardt zurückkehren und fleißig sein?«

»Ich will ein tüchtiger Handwerker werden!« stieß Jule unter heftigem Schluchzen hervor. Dann wandte er sich wieder der toten Mutter zu, und wieder klang es leise und kläglich: »Ja, ich will ein tüchtiger Handwerker werden.«

Drei Tage später trug man Mutter Kretschmer zu Grabe.

Jule war merkwürdig gefaßt. Nur von Zeit zu Zeit kam ein Schluchzen aus seiner Brust. Aber wenn er dann die liebevollen Hände Frau Benders fühlte, klammerte er sich fest an sie, als könne sie ihm ein wenig das Verlorene ersetzen.

Meister Reichardt hatte Jule ohne jeden Vorwurf wieder aufgenommen. Der Tod der Mutter hatte einen tiefen Eindruck auf den Knaben gemacht. Jule nahm sich nach Kräften zusammen. Er war anfangs sehr still und in sich gekehrt, mitunter kam es vor, daß er ganz plötzlich das Handwerkszeug fortwarf und aus der Werkstatt lief. Einmal war ihm der Meister nachgegangen, hatte den weinenden Knaben im Hofe gefunden und war schweigend wieder zurückgegangen. Es war wohl am besten, wenn Jule diese seelischen Erschütterungen allein durchkämpfte.

Professor Bender hatte die Vormundschaft über den Knaben übernommen. Es war mit Meister Reichardt ausgemacht worden, daß Jule die Sonntage im Benderschen Hause verbrachte.

Pommerle schien sich noch inniger an Jule angeschlossen zu haben. Die Kinderaugen hingen mit rührender Zärtlichkeit an dem großen Spielgefährten, und manches Stück Schokolade, mancher Apfel wurden ihm zugesteckt; dann freute sich Pommerle, wenn über Jules Gesicht ein Lächeln ging.

Waren die beiden Kinder zusammen, sprachen sie oft von den toten Eltern.

»Keiner ist mehr da«, sagte Jule, »der so lieb zu mir spricht wie sie. Sie hat mich so oft gestreichelt. Sie hat mich ihr Julchen genannt, nun ist sie tot.«

»Ich will dich immer Julchen nennen und dich immerzu streicheln, Jule. Ich will so gut zu dir sein wie deine Mutter.«

»Ja, aber deswegen bist du doch nicht meine Mutter. Jetzt weiß ich erst, wie gut sie war. Ich war auch oft häßlich zu ihr. Wenn sie nochmals wiederkäme, ich wollte niemals garstig zu ihr sein.«

An einem der nächsten Sonntage legte Pommerle vor den Freund ein aufgeschlagenes Buch hin.

»Ich habe ein schönes Gedicht gefunden.« Dann lasen sie zusammen die Verse:

»Wenn du noch eine Mutter hast,
So danke Gott und sei zufrieden,
Nicht jedem auf dem Erdenrund
Ist dieses hohe Glück beschieden.«

Pommerle erschrak, als Jule in dem schönen Gedicht nicht den Trost fand, den es erwartet hatte. Im Gegenteil, Jule legte die Arme auf die Tischplatte und begann heftig zu weinen.

Immerfort strichen die Kinderhände über sein Haar, immerfort klang es zärtlich von Pommerles Lippen:

»Julchen, aber Julchen, weine doch nicht, ich habe doch auch keine Mutter, und mein Vater ist auch gestorben. Julchen, Julchen, ich hole dir ein Stück Schokolade.«

So trugen in den nächsten Wochen zwei Kinder gemeinsam ein Leid. Allmählich legte sich der große Schmerz in Jules Herzen, nur stille Wehmut blieb darin zurück.

Da der November noch schöne Tage brachte, kündete Professor Bender seinem Mündel und seiner Pflegetochter an einem Freitagabend an, daß man morgen nachmittag nochmals in die Berge wolle. Meister Reichardt hatte sich bereit erklärt, Jule schon am Sonnabend gegen Mittag zu beurlauben; man wollte erst am Sonntagabend wieder zurückkehren, konnte also eine größere Wanderung unternehmen.

Jules Gesicht strahlte auf, als er von diesem Plan hörte.

»Na, Jule, freut es dich?« fragte Professor Bender.

Statt einer Antwort preßte der Knabe heftig die Hand seines Vormundes. Er hatte es keinem verraten, daß er große Sehnsucht im Herzen trug, wieder einmal in die Berge zu gehen, eine Wanderung zu machen.

»Da du in den letzten Wochen so brav gearbeitet hast, mein Junge, gibt es eine Belohnung. Dann schmeckt die Arbeit wieder doppelt gut.«

Auch Pommerle machte Luftsprünge vor Freude.

»Gehen wir hoch 'rauf, bis auf die Schneekoppe?«

»Nein, mein kleines Mädelchen, das geht jetzt nicht. Das können wir nur im Sommer machen. Trotzdem wirst du viel Schönes zu sehen bekommen.«

»Aber auf einen hohen Berg gehen wir doch, Onkel?«

»Ein gutes Stück steigen wir aufwärts, so weit wir kommen.«

»Es wäre schön, wenn wir auf einen ganz hohen Berg gingen.«

»Warum denn, Pommerle?«

»Ich denke mir, Onkel, daß der Jule sich dann besser mit seiner Mutter unterhalten kann, die oben im Himmel ist. Wenn er ganz laut zu den Wolken hinaufschreit, daß er so fleißig ist, wird sie es schon hören.«

»Das braucht Jules Mutter nicht erst zu hören, das sieht sie.«

»Wenn ich an der See bin, Onkel, dann höre ich durch das Wasser den Vater sprechen. Dann rauschen die Wellen, und ich höre alles, was er mir sagt. Vielleicht hört der Jule seine Mutter auch auf dem hohen Berge.«

»Wenn man seinen Vater und seine Mutter im Herzen hat, mein geliebtes Kind, hört man ihre Stimmen im Waldesrauschen, an der See, im Winde und überall. Und der Jule hat sein totes Mütterchen fest und tief im Herzen.«

»Und ich meinen Vater.«

»Ja, Pommerle, und so soll es immer bleiben. Du kennst ja das Gebot, das uns sagt, du sollst Vater und Mutter ehren, daß es uns wohlergehe. Auch wenn Vater und Mutter tot sind, muß man sie ehren und lieben, wie es der Jule jetzt zeigt, indem er so fleißig und ohne zu murren arbeitet.«

Pommerle nickte dazu.

Pommerle wandert durch Rübezahls Reich

Freudestrahlend, voll froher Erwartungen hatte man in Hirschberg am Sonnabend mittag die Bahn bestiegen, um zunächst nach Warmbrunn zu fahren, weil Professor Bender dort einen kurzen Besuch zu machen hatte.

Pommerle und Jule wanderten mit der Tante durch den Ort. Bei dieser Gelegenheit begegneten ihnen mehrfach Damen und Herren, die in Rollstühlen saßen und von ihren Angehörigen gefahren wurden. Pommerle blickte den Kranken lange nach. Frau Bender mußte dem Kinde die Erklärung geben, daß man hier in Warmbrunn viele Leidende sehen könne, die das ganze Jahr über die heilkräftigen Bäder aussuchten, um von ihren Leiden befreit zu werden.

Man sah sich auch die großen Badeanstalten an, die das Kind voller Ehrfurcht betrachtete. Immer wieder hatte die kleine Wißbegierige allerlei Fragen zu stellen, Pommerle wollte wissen, woher es käme, daß man durch Bäder gesund werde. Es war für Frau Bender mitunter nicht ganz leicht, den Wissensdurst des kleinen Mädels zu stillen.

Es dauerte nicht lange, so gesellte sich der Professor wieder zu den Seinen. Mit der Talbahn ging es weiter nach Hermsdorf, von dort begann die Fußwanderung, denn man wollte über Agnetendorf nach Schreiberhau. Für heute war allerdings nur Agnetendorf das Ziel, dort wollte man übernachten.

Rüstig schritt man aus. Jule und Pommerle gingen strammen Schrittes vor Professor Bender und seiner Gattin her. Das Kind war nicht so gesprächig wie bisher. Es sah noch immer die Rollstühle mit den Kranken vor sich. Plötzlich fing es laut an zu singen. Es waren immer wieder zwei Zeilen, zu denen sich Pommerle die eigene Melodie gemacht hatte.

»Ich bin gesund und wohlgemut,
Und das ist wohl das größte Gut!«

Nachdem das Kind die beiden Zeilen etwa zwanzigmal gesungen hatte, sagte Jule:

»Warum singst du denn immerfort dasselbe?«

»Weil ich so froh und wohlgemut bin, daß ich nicht im Rollstuhl zu sitzen brauche, und daß ich bis nach Agnetendorf und noch viel weiter laufen kann.«

Selbstverständlich kam gar bald die Rede der beiden Kinder auf den Harfen-Karl.

»Dich hat der Himmel auch zur Arbeit und nicht zum Müßiggang erschaffen«, meinte das Kind ernsthaft. »Wer ein Meister werden will, der fällt nicht vom Himmel.«

»Man kann auch wohlgemut sein«, meinte Jule nachdenklich, »wenn man nicht gesund ist. Meinst du nicht auch, Pommerle?«

»Nein«, klang es energisch zurück. »Dann hat man das größte Gut nicht. Wenn ich immerzu in einem Rollstuhl sitzen müßte, wäre ich nicht wohlgemut.«

»Aber unsere Sabine ist doch wohlgemut.«

»Wer ist die Sabine?«

»Die Tochter von meinem Meister. Sie ist noch nicht lange aus Breslau zurück. Sie ist viel in der Werkstatt und sieht mir beim Arbeiten zu. Eigentlich sieht sie nicht, denn sie hat keine Augen, sie ist blind.«

Pommerle blieb ruckartig stehen. »Keine Augen hat sie?«

»Augen hat sie schon, aber die sind blind.«

»Und nun kann sie gar nichts sehen?«

»Ich weiß nicht«, sagte Jule nachdenklich. »Sie sagt, sie kann nicht sehen, und die Meisterin sagt es auch. Aber wenn sie in der Werkstatt sitzt und zu mir herüberblickt, kommt es mir doch manchmal vor, als ob sie mir zuschaue.«

»Was macht sie denn, wenn sie da sitzt?«

»Sie kann hübsche Körbchen flechten, ganz kleine.«

»Wenn sie aber doch nichts sieht?«

»Sie meint, sie fühlt es. So was hätte sie in Breslau gelernt.«

Wieder wurde Pommerle nachdenklich. »Wenn sie aber doch gar nichts sieht, kann sie denn da froh und wohlgemut sein?«

»Sie sagt, sie ist zufrieden.«

»Ach, Jule, kann ich die Sabine nicht mal sehen?«

»Freilich, mußt mich mal besuchen kommen.«

Weiter gingen die Kinder. Pommerle hob die Augen zu den grünen Tannen und zum blauen Himmel auf. Dann drehte sie sich um und lief zur Tante. Weit breiteten sich die Kinderarme aus.

»Ach, liebe Tante, ich kann laufen, springen, ich kann alles sehen, den blauen Himmel, die Berge, den Wald und die liebe See. Aber die Sabine soll gar nichts sehen können. Ach, Tante, ich bin so froh und wohlgemut, daß ich das größte Gut habe!«

»Hast recht, mein liebes Pommerle.«

Darauf erkundigte sich das Kind sehr eingehend nach der blinden Sabine. Es war schwer, zu glauben und zu fassen, daß ein junges, sechzehnjähriges Mädchen gar nichts von der schönen Welt sehen sollte, daß es trotzdem zufrieden war und Körbchen flechten konnte.

»Wenn du ein sehr gutes Zeugnis im Schreiben heimbringst«, sagte der Professor, »gehen wir in den nächsten Tagen zu Meister Reichardt in die Werkstatt. Dort sollst du Sabine kennenlernen.«

»Stößt sie sich nicht furchtbar oft, wenn sie nicht sehen kann, wo sie geht?«

»Blinde lernen ihre Umgebung sehr schnell kennen. Zunächst muß sie sich freilich zurechttasten.«

Da Pommerle gar zu gern wissen wollte, wie es sei, wenn man gar nichts sähe, schloß es die Augen. Vorläufig hing es freilich noch am Arm der Tante, da ging alles ganz gut.

Aber schließlich überkam es das Verlangen, sich auch einmal zurechtzutasten. Benders, die von Pommerles Absicht nichts ahnten, gingen ruhig des Weges weiter, bis sie plötzlich durch einen Wehruf aufmerksam wurden. Pommerle war über eine Baumwurzel gefallen und lag auf der Erde. Es rieb sich das aufgeschlagene Knie.

»Ich möchte doch nicht die Sabine sein«, sagte es kläglich. »Ich bin froh, daß ich die Gesundheit und das höchste Gut habe. Ach, es muß schrecklich sein!«

Das Schicksal der Blinden beschäftigte die Kleine noch immer, als man bei einbrechender Dämmerung schließlich Agnetendorf erreichte und in einem Gasthause Wohnung nahm. Pommerle kam sich wieder sehr stolz vor, als der Kellner ihm den kleinen Rucksack abnahm und freundlich sagte:

»Ist das kleine Fräulein sehr müde?«

Strahlend wandte sich das Kind den Pflegeeltern zu. Hoffentlich hatten sie es gehört, daß dieser große Herr von einem Fräulein redete.

Der Sonntag war ebenso strahlend schön wie der gestrige Sonnabend. So machte man sich zeitig auf den Weg nach Schreiberhau. Hin und wieder machte Professor Bender die Kinder auf eigenartig gewachsene Bäume, verschiedene Moose und Steine aufmerksam. Jule hatte sich bereits wieder einen Vorrat davon in die Taschen gesteckt. Er hatte auch schon einen großen Busch Tannengrün abgebrochen, den er seiner Meisterin mitbringen wollte. Professor Bender meinte zwar, daß dazu auf dem Heimwege noch Zeit genug wäre. Aber der Jule hatte es wieder sehr eilig. Gar bald störte ihn allerdings dieses Gepäckstück.

»Du hast nichts in den Händen, Pommerle«, meinte er, »trage mir das Grün doch ein wenig.«

Bereitwillig griff das gutmütige Kind danach. Der Jule, frei jeder Bürde, spähte sogleich nach allen Seiten aus, um interessante Steine oder Moose zu finden.

Kurz vor Schreiberhau machte Professor Bender plötzlich halt und wies kopfschüttelnd auf einen Schuttabladeplatz.

»Wie unschön! Hier an der großen Verkehrsstraße solch eine häßliche Müllabladestelle. Können die Leute ihre zerbrochenen Töpfe und anderes Gerümpel nicht an einer versteckter liegenden Stelle abladen?« Dann ging er weiter.

Aber Jule und Pommerle schauten wie gebannt auf jenen Haufen. Welche Schätze lagen hier zusammengetragen! Besonders das Vorderrad eines alten Fahrrades zog Jule mit unwiderstehlicher Gewalt an. Pommerle dagegen starrte auf einen mit Blumen bemalten Emailleeimer, der zwar keinen Boden mehr hatte, dessen rote Blumen aber gar so verlockend leuchteten. Und dort noch etwas! Dort lagen, allerdings an einen alten Lappen festgenäht, sechs herrliche Sprungfedern, wie man sie daheim in einer Matratze hatte. Mit solch einer Sprungfeder hatten die Kinder oben an der See tagelang gespielt. Es war herrlich, wenn der dicke Draht auf und nieder wippte. Und hier lagen viele dieser Schätze achtlos hingeworfen.

»Wo bleibt ihr denn?«

»Oooh«, sagte Pommerle, »wir kommen gleich, wir haben aber erst noch so viel Schönes zu sehen!«

Benders gingen weiter. Sie achteten nicht auf die beiden Kinder, die auf dem Haufen umherstiegen und nach weiteren Schätzen suchten. Pommerle riß und zerrte an den Sprungfedern.

»Jule, du hast doch ein Messer. Sie sind so fest angebunden.«

»Was willst du denn mit dem ollen Zeug?«

»Mitnehmen.«

Bereitwilligst trennte Jule die Sprungfedern von den alten Gurten ab. Entzückt nahm sie Pommerle in Empfang. Jule stand noch immer neben dem Rade und erklärte seiner kleinen Freundin, daß er gerade dieses Rad ganz vortrefflich brauchen könne. Er bastle nämlich seit Wochen an einem eigenen Fahrrad. Es fehlten freilich noch allerhand Teile dazu, aber vielleicht fände er noch weitere Stücke in dem Haufen.

Mit Händen und Füßen ging es ans Wühlen. Dabei schnitt sich Jule an Glasscherben tüchtig in die Finger.

Aus größerer Entfernung ertönte wieder die Stimme Professor Benders. Er rief nach den Zurückgebliebenen.

»Wie schade«, meinte Pommerle, »wir hätten sicherlich noch viel Schönes gefunden!«

Den bodenlosen Eimer mit den roten Rosen hing es an den Arm, es war nicht ganz leicht, auch noch die vier Sprungfedern mitzunehmen. Hilfesuchend blickte Pommerle auf Jule.

»Die grünen Tannenzweige mußt du dir jetzt aber allein tragen.«

»Ich habe doch mein Rad.«

»Ich kann nichts tragen.«

Da fing Jule an, Pommerles Schätze ineinanderzuschachteln. Die Sprungfedern wurden in den Eimer gelegt, obenauf kam der Strauß.

»Nun ja«, meinte Pommerle gutmütig, »so geht es.«

Beide Kinder eilten hinter Benders her, die, als sie Jule und Pommerle so beladen erblickten, stehenblieben. Was schleppte denn das Kind für einen Eimer am Arm? Was rollte der Jule neben sich her?

Pustend und schnaufend kamen die Kinder heran.

»Tante, schau, was wir Schönes gefunden haben!«

»Aber, Pommerle, was willst du denn damit?«

»Sieh nur, so einen schönen Eimer! Au, das wird fein, den stelle ich in den Garten. Im Sommer, wenn die vielen Schnecken da sind, ist das ihr Schloß. Sieh doch nur die schönen Rosen, herrlich!«

»Und das da?«

»Das ist ein feines Spielzeug, Tante. Sollst mal sehen, wie schön wir damit spielen werden.«

»Aber, mein Kind, du kannst doch unmöglich mit dem Eimer und dem Müll im Gebirge herumlaufen. Wir haben noch einige Stunden zu wandern. Es geht nicht!«

Pommerle riß und zerrte an den Sprungfedern. »Jule, du hast doch ein Messer. Sie sind so fest angebunden.«

»Ach, doch, Tante, es geht schon«, meinte Pommerle.

»Na, und du, Jule? Was willst du mit dem verrosteten Rade?«

Mit Eifer verteidigten die Kinder ihre Schätze. Pommerle erklärte immer wieder, daß es einen so schönen Eimer in ganz Hirschberg nicht gäbe. Es wolle den Eimer behalten.

»Ich verspreche dir, Pommerle, daß ich dir in Hirschberg einige Sprungfedern besorgen werde. Diese Dinger werden fortgeworfen und der Eimer dazu.«

»Mein schöner Eimer, mein Schloß für die Schnecken! – Ach, es ist recht traurig. Sieh doch die schönen roten Rosen.«

»Ich will dir daheim auch einen Eimer geben.«

Jule dagegen war nicht zu bewegen, das Rad liegen zu lassen. Er meinte, er müsse ein Fahrrad haben, und es fehlten nicht mehr viel Teile dazu.

»So willst du das Rad durch Schreiberhau und weiter durch das Gebirge rollen? Aber töricht ist es von dir, Jule.«

»Ich möchte doch aber das Rad behalten.«

Lachend gab der Professor nach. Pommerle warf noch einen schmerzlichen Blick auf den schönen Eimer und die Sprungfedern; dann nahm es Jules Tannenstrauß wieder auf und trug ihn, weil Jule mit dem Rade zu tun hatte.

Man hatte Schreiberhau verlassen, da näherte sich der Spielgefährte dem kleinen Pommerle.

»Hier gibt es wieder so viel schöne Steine. Willst du nicht mal für 'ne Weile das Rad nehmen? Es macht viel Spaß.«

Aber ehe Pommerle eine Antwort geben konnte, hatte ihm der Jule das Rad in die Hand gedrückt und war davongelaufen.

Professor Bender sah es. Zunächst sagte er nichts. Aber plötzlich schwenkte er vom Wege ab.

»Wohin gehen wir?« fragte Frau Bender.

»Jule muß wieder einmal einen kleinen Denkzettel haben. Er ist ein guter, aber ein recht selbstsüchtiger Junge.«

Pommerle quälte sich mit dem Strauß und dem Rade. Es hatte ein rotes Köpfchen bekommen, als man endlich vor einem mächtigen Granitfelsen stand. Hier machte Professor Bender halt.

»So«, meinte er freundlich, »hier wollen wir ein wenig rasten. Pommerle mag sich ausruhen, denn es ist vom Tragen erschöpft. Komm nur her, Jule, ich möchte euch hier eine kleine Geschichte erzählen. Dieser Fels heißt im Volksmunde ›Rübezahls Grab‹.«

Zögernd war Jule näher gekommen. Er warf einen besorgten Blick auf das krebsrote Pommerle und sagte leise:

»So, nun nehme ich wieder das Rad.«

Man saß auf den umherliegenden Steinen, und Professor Bender begann zu erzählen, daß eine Sage gehe, hier an dieser Stelle sei Rübezahl, der mächtige Berggeist, begraben.

Jule schüttelte unmerklich den Kopf.

»Wenn er noch gar nicht tot ist, kann er doch nicht begraben sein.«

»Rübezahl hat gesagt, er will niemals mehr die Menschen necken und ärgern, er will sich tief in die Erde verkriechen und für immer verschwinden, wenn er einmal einen Menschen träfe, der selbstlos, gütig und dankbar wäre. Kennst du die Geschichte, Jule?«

Der Knabe verneinte.

»Gut, so sollt ihr sie hören. Hier in Mariental lebte einmal ein alter Weber mit seiner Frau, die hatten nur einen Sohn, das war der Franz. Sie hatten aber eine arme Waise an Kindes Statt angenommen, ein liebes, gutes Mädchen, das den alten Leuten viel Freude machte. Nun kehrten Kummer und Not in der Familie des Webers ein, aber der Franz war ein wackerer Sohn. Er leistete Führer- und Trägerdienste. Früher waren nämlich die Wege im Riesengebirge nicht so gut wie heute, da brauchte man Leute, die Wege und Stege wiesen oder die Damen, die ins Gebirge hinauf wollten, in Sesseln trugen. Damit verdiente der Franz den Unterhalt zum Leben für sich und seine Eltern.

Aber im Winter glitt der Franz einmal aus und fiel den Berg hinab. Seit diesem Tage litt er an heftigen Brustschmerzen. Das war für die Familie ein großes Unglück, denn es fehlte der Verdiener.

Der Frühling kam, und noch immer war der Franz nicht gesund. Die Not wurde immer größer, aber wenn Franz versuchte, auch nur eine Kleinigkeit zu tragen, fing er an zu husten und brach bald ermattet zusammen.

Da war es eines Tages, im Sommer, als ein alter Führer in das Haus des Webers kam. Rösi, die Pflegetochter, trat ihm entgegen und fragte, was er wolle. Der Führer sagte, es sei ein reicher Graf mit seiner Tochter im Wirtshause angekommen, der wolle morgen früh nach dem Zackenfall hinauf, um die Sonne aufgehen zu sehen. Der Graf habe dreifache Bezahlung versprochen, wenn man seine Tochter in einem Sessel hinauftrage. Der Franz solle mit ihm kommen, denn solch eine gute Gelegenheit fände sich nicht oft.

Traurig erklärte Rösi, daß der Franz diese Arbeit nicht mehr übernehmen könne, denn er sei viel zu krank. Aber das tapfere Mädchen meinte:

›Peter, nehmt mich statt des Franz mit. Ich kann auch tragen. Wenn wir beide zusammen den Sessel mit der jungen Gräfin anfassen, ist es nicht so schwer.‹

Anfangs wehrte der alte Führer ab, aber Rösi bat ihn so herzlich, daß er nachgab.

›Ich ziehe die Kleider vom Franz an‹, sagte Rösi, ›dann merkt der Graf nicht, daß ich ein Mädchen bin.‹

Am frühen Morgen war sie pünktlich zur Stelle. Sie hatte die Kleider des Pflegebruders angezogen und sah gar schmuck darin aus. Der Peter glaubte anfangs selbst, daß es doch der Franz sei. Dann strich er dem tapferen Mädchen zärtlich über die Wange.

›Bist eine gar gute Pflegeschwester. Der Himmel wird es dir lohnen.‹

Dann wurde der Sessel für die junge Gräfin fertiggemacht, an zwei Stangen befestigt. Vorn sollte Rösi tragen, hinten der Peter.

Die Gräfin nahm Platz, dann ging es los. Bald zitterten dem guten Mädchen die Hände und Füße, das Blut pochte und klopfte ihm in den Schläfen von der großen Anstrengung.

Und als man endlich, nach einer guten Stunde, am Zackenfall ankam, war Rösi so ermattet, daß sie sich ins Moos warf. Vor ihren Augen tanzten und wirbelten die seltsamsten Gestalten. Bald war es ihr glühend heiß, dann klapperten ihr die Zähne vor Frost.

Sie erschrak, als plötzlich der Peter zu ihr kam und sagte, die Gräfin wolle noch bis zur nächsten Baude hinauf, vielleicht werde es noch gehen. Rösi nickte.

Aufs neue nahm man den Sessel und stieg bergan. Oben angekommen, fand sich ein anderer Führer, so daß man Rösi entlohnen konnte. Sie bekam noch ein besonders gutes Trinkgeld, dann wanderte sie wieder abwärts. Es war ihr aber unmöglich, Mariental zu erreichen. Hier an dieser Stelle, an der ihr jetzt steht«, sagte der Professor, »brach das junge Mädchen zusammen. Ein Blutstrom entquoll ihrem Munde – sie starb.

Aber der Berggeist hatte Rösi in all der Zeit beobachtet. Er hatte gesehen, was das junge Mädchen aus Liebe zu dem Pflegebruder leistete. Er kam dahergebraust, riß eine Wurzel aus der Erde und erweckte damit die tote Rösi. Dann hüllte er sie in seinen Mantel und trug sie ins Haus der Pflegeeltern, nachdem er vorher die Taschen des tapferen Mädchens mit Gold und Silber gefüllt hatte. Dann kehrte der mächtige Berggeist an diese Stelle hier zurück, rief seine Geister herbei und gebot ihnen, einen mächtigen Felsblock heranzuschaffen. Er werde für immer im Innern der Erde verschwinden, denn er habe erkannt, daß es noch gute und edle Menschen auf der Erde gäbe. Dann verschwand Rübezahl in der Erde, die Berggeister wälzten den mächtigen Stein auf die Stelle, der bis auf den heutigen Tag den Namen ›Rübezahls Leichenstein‹ führt.«

Zunächst sagte keiner ein Wort. Jule hatte den Kopf tief gesenkt, verstohlen schaute er auf Pommerle. Die Röte der Anstrengung war aus dem Gesicht des Kindes gewichen. Aber Jule fühlte sich trotzdem recht bedrückt. Er hatte der Spielgefährtin alle Lasten aufgeladen und war, ohne sich darum zu kümmern, nach Moosen und Steinen gelaufen. In Gedanken verglich er das Pommerle mit der tapferen Rösi. Es wäre furchtbar gewesen, wenn nun Pommerle auch vor Anstrengung gestorben wäre. Da Jule sich den Glauben an den Berggeist nicht nehmen ließ, war ihm diese Stelle, an der man gerade verweilte, recht unbehaglich. Der mächtige Rübezahl wußte alles, der hatte auch gesehen, daß das Pommerle den Strauß und das Rad bis hierher geschleppt hatte. Wenn jetzt ganz plötzlich der Felsblock zur Seite geschleudert wurde, wenn Rübezahl auftauchte und dem Jule heftige Vorwürfe machte, was dann?

»Ich denke, wir müssen nun weitergehen«, meinte Jule kleinlaut.

Professor Bender ahnte sofort, was den Knaben quälte. Er sah deutlich die Unruhe in den Augen seines Mündels.

»Nun ja«, meinte er, »wir können aufbrechen. Wir wollen ja noch ein gutes Stück weiter, und abends geht es wieder heim.«

Als Pommerle den kleinen Rucksack wieder aufschnallen wollte, nahm ihn Jule fort.

»Laß nur, ich werde ihn tragen.«

»Nein, laß nur.«

»Er ist viel zu schwer für ein kleines Mädchen.«

»Nichts da«, entschied der Professor. »Ein jeder trägt seine Last allein. Pommerles Rucksack ist ganz leicht, er macht ihm keinerlei Beschwerden.«

Nochmals warf Jule einen mißtrauischen Blick auf den großen Felsblock; doch der stand fest und rührte sich nicht. Dann griff er energisch nach dem Tannenstrauß und nach dem Rade, fragte schließlich noch Tante Bender, ob er ihr den Rucksack abnehmen sollte.

»Nein, Jule, du hast ja beide Hände voll.«

Als man aufbrach, war der Jule der erste, der den Platz verließ, auf dem »Rübezahls Leichenstein« stand. Bei der letzten Wegbiegung warf er nochmals einen Blick zurück. – Der Granitfelsen stand fest.

Je weiter man wanderte, um so lästiger wurde Jule seine Beute. Er schwankte einige Male, ob er den Tannenstrauß oder das Rad liegenlassen sollte. Vier volle Stunden rollte er es nun schon neben sich her. Gar zu gern hätte er wieder einmal bei Pommerle angefragt, aber er traute sich nicht recht. Er machte zwar mehrmals Andeutungen, daß er auch schon genau so müde sei wie die Rösi; doch Pommerle schien es nicht zu verstehen. Wenn sie ihn wenigstens für zehn Minuten ablösen wollte!

»Es macht großen Spaß, das Rad neben sich herzurollen. Findest du das nicht auch?« fragte Jule die Kleine.

»Wenn es aufwärts geht, muß man es tragen.«

»Es wird aber nachher wieder abwärts gehen. Du müßtest mal versuchen, was das für Spaß macht.«

Jule stellte das Rad quer vor Pommerle hin. Aber dieses Geräusch mochte wohl einige Krähen, die ganz in der Nähe saßen, erschreckt haben; flatternd flogen sie auf. Der Jule erfaßte das Rad, schaute mit ängstlichen Augen um sich. Er glaubte nichts anderes, als daß sich der Rübezahl auf ihn herniederstürze. Er war froh, daß sich nichts ereignete.

Da fragte er nicht mehr wegen des Rades an. Aber so manche leise Verwünschung kam über seine Lippen.

Am beschwerlichsten war es hinauf zum Zackenfall.

»So laß doch das Rad im Gebüsch liegen, Jule. Wir kommen denselben Weg wieder zurück.«

»Und dann hat es einer mitgenommen.«

»Es wird dir niemand das alte Rad fortnehmen, Junge.«

Jule gab nach. Er suchte einen dichten Busch aus, hinter dem er das Rad und den Strauß verbarg. Er atmete erleichtert auf, als das geschehen war.

Andächtig stand Pommerle an dem schönen Zackenfall, der in die tiefe, bewaldete Schlucht hinabbrauste. An der Hand der Tante stieg das Kind die vielen Stufen hinab, um den Fall auch von unten zu bewundern. Inmitten dieser herrlichen Landschaft überkam es wieder das Gefühl, daß es sehr glücklich sein könne, und mit dem Tosen des Wassers vermischte sich der Gesang des kleinen Mädchens:

»Ich bin gesund und wohlgemut,
Und das ist wohl mein größtes Gut!«

Man verweilte längere Zeit an dem Fall. Aber endlich drängte Professor Bender zum Heimwege.

»Wir müssen von Schreiberhau den Zug nach Hirschberg bekommen, denn morgen früh muß der Jule wieder an die Arbeit, und auch du, mein liebes Kind, mußt frisch sein, denn dann beginnt wieder das Tagewerk.«

In langer Reihe, einer in den Arm des anderen eingehängt, wanderte man abwärts.

»Jetzt singen wir ein fröhliches Wanderlied, jeder so gut er kann. Was wollen wir singen?«

»Ihr Kinderlein, kommet«, rief Pommerle begeistert.

»Das ist doch ein Weihnachtslied, Pommerle. Wir wollen lieber singen: ›Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.‹«

Alle sangen kräftig mit. Der Jule wohl am lautesten. Hier in seinen geliebten Bergen fühlte er sich so froh, so leicht.

So wanderten die vier abwärts. Drei-, viermal wurde das Lied gesungen. Nun lag Schreiberhau vor den Reisenden. Professor Bender wußte noch einige hübsche kleine Geschichten zu erzählen, auf dem Bahnhof nahm man noch einen kleinen Imbiß ein, dann brauste der Zug heran.

»Fein war es«, sagte der Jule strahlend.

»Und nächstens komme ich zu deinem Meister und der Sabine, und dann bringe ich ihr schönes Tannengrün und Blumen –«

Jule sprang von seinem Platz auf, drehte sich einige Male um sich herum, schaute in das Netz des Wagens, sah aber nur die Rucksäcke und stammelte:

»Mein Rad – meine Tannenzweige!«

Ja, an das Rad und an die Tannenzweige, die schön hinter einem dichten Busch verborgen worden waren, hatte beim Abmarsch keiner mehr gedacht.

»Mein Rad!« jammerte der Jule kläglich.

»Das ist nun freilich dahin«, meinte Professor Bender. »Fünf Stunden lang hast du dich damit herumgeschleppt. Ja, mein lieber Jule, man muß seine Gedanken schon beisammen haben.«

»Und der Meisterin wollte ich die Tannenzweige mitbringen.«

Jule war recht verstört. Kurz vor Hirschberg legte Pommerle den Arm um den Hals des Spielgefährten.

»Sei mal nicht traurig«, sagte es herzlich, »mein schöner Eimer mit den roten Rosen liegt auch im Gebirge. Wenn wir wieder mal ins Gebirge fahren, holen wir alles.«

»Ach«, meinte der Jule weinerlich, »das schöne Rad hat dann schon lange ein anderer genommen. – Ach, das schöne Rad!«

»Sei nur nicht traurig, Julchen, wenn ich erst groß bin, und wenn ich viel Geld habe, kaufe ich dir ein richtiges Rad.«

Aber dieser Trost nützte nicht viel. Jule blieb in sich gekehrt, und als Hirschberg erreicht war, lag noch immer der Kummer auf seinem Gesicht.

Pommerle dagegen war von dem Ausflug in die Berge vollauf befriedigt, obwohl es den herrlichen Eimer nicht mit hatte heimbringen dürfen. Am Abend umarmte es stürmisch den Onkel und die Tante.

»Oh, meine Ostsee ist sehr, sehr schön, aber das Gebirge ist auch sehr schön, und ihr seid so gut, gerade so gut wie mein Vater!«

Pommerle erlebt etwas ganz Neues

Pommerle hatte den Kopf tief auf den Bogen gesenkt, den es mit Eifer beschrieb. Zeile reihte sich an Zeile. Es war so sehr in seine Arbeit vertieft, daß es das Eintreten des Onkels nicht hörte. Erst als Professor Bender dem Kinde die Hand auf die Schulter legte, blickte es auf.

»So fleißig, kleine Maus?«

»Sieh mal, Onkel, ich habe schon drei Seiten ganz voll geschrieben.«

»Für die Schule?«

»Nein – ein Wunschzettel zu Weihnachten.«

»Aber, Pommerle! Seit wann bist du denn so anspruchsvoll? Bist doch immer unser bescheidenes Pommerle gewesen.«

»In der Schule haben sie mir gesagt, ihr seid sehr reich, du verdienst schrecklich viel Geld. Da habe ich mir gedacht, ihr möchtet eurem Pommerle viel Freuden machen. Und wenn man schenkt, freut man sich doch. Nun schreibe ich alles auf, was ich haben möchte.«

»Wer reich oder arm ist, können deine Mitschülerinnen wohl sehr wenig beurteilen, mein liebes Kind. Dein Onkel ist ein fleißiger Mann, der sich sein Geld verdienen muß, und deine Tante ist eine tüchtige Hausfrau, die alles gut zusammenhält. Ich glaube nicht, daß dir alle deine Wünsche erfüllt werden.«

Pommerle hielt dem Onkel die beschriebenen Seiten hin. »Ich habe mir gedacht, daß es sehr schön wäre, wenn ich das alles bekäme.«

»Recht lange Pulswärmer? – Willst du Pulswärmer tragen?«

»Für den Jule.«

Weiter las der Professor. – Was stand da alles niedergeschrieben! Gewiß, Pommerle war nicht gerade bescheiden; es hatte sich allerlei hübsches Spielzeug ausgesucht. Aber auf dem Wunschzettel stand gar vieles, was für andere bestimmt war.

»Da wollen wir uns den Wunschzettel einmal nehmen und gemeinsam überlegen, was man streichen könnte.«

»Ich bin noch lange nicht fertig, Onkel.«

»Nun gut«, sagte Professor Bender, »so behalte vorläufig deinen Wunschzettel. Aber sprechen werden wir doch noch einmal darüber. Ich glaube, man kann auch glücklich und zufrieden sein, wenn man sich weniger wünscht. Meinst du das nicht auch?«

Pommerle blickte nachdenklich auf das Papier nieder, dann sagte es kleinlaut:

»Aber ein Roller, ein Handball, eine neue Puppe und ein Paar Schlittschuhe müßten es doch sein.«

»Hast du Lust, mich zu Meister Reichardt zu begleiten, mein Kind? Ich will zu ihm gehen und mir einen kleinen Schrank bestellen; will dem Meister sagen, wie er ihn machen soll.«

Der Federhalter flog auf den Tisch. Pommerle sprang auf. »Oh, fein! Zum Jule und zur Sabine, die nichts sehen kann!«

»Ganz recht, Pommerle. Auch ich möchte gern einmal das junge Mädchen wiedersehen. Sabine war lange von Hause fort; sie hat in Breslau allerlei gelernt. Nun ist sie zu den Eltern zurückgekehrt und wird sich nützlich machen.«

»Wenn man nichts sehen kann, Onkel, kann man sich doch nicht nützlich machen.«

»Deswegen ist Sabine ja lange in Breslau in einer Blindenanstalt gewesen. Dort lernte sie Lesen und Schreiben – –«

Pommerle lachte auf. »Lesen? – Wenn sie doch keine Buchstaben sehen kann?«

»Das erkläre ich dir unterwegs, Pommerle. Nun mache dich fertig, wir wollen gehen.«

Pommerle griff hastig in die Schürzentasche. Ein paar Bonbons kamen daraus zum Vorschein.

»Die nehme ich der blinden Sabine mit, Onkel, damit sie sich freut. Schmecken kann sie ja.«

»Ich finde, deine Bonbons sehen nicht gerade appetitlich aus, kleines Pommerle.«

»Das finde ich auch, Onkel, aber – sie sieht sie doch nicht.«

»Blinde können mit den Händen sehen.«

»Hahaha, Onkel –«

»Blinde haben solch ein feines Tastgefühl, daß sich Sabine sehr leicht eine Vorstellung machen kann, ob die Bonbons gut aussehen.«

Wieder wurde das kleine Mädchen nachdenklich. Dann sagte es ein wenig kleinlaut: »Onkel, schenkst du mir ein Stück Schokolade aus dem Kasten, wo jedes Stück so hübsch eingewickelt ist?«

»Ich denke, wir nehmen der Sabine den ganzen Karton mit.«

»Den Karton mit dem hübschen Bild darauf?«

»Ja, Pommerle, ich denke, du wirst ihn gern für Sabine hergeben.«

»Wenn sie doch das hübsche Bild auf dem Deckel nicht sehen kann, und wenn ich das hübsche Bild immerfort sehen kann? Oder – fühlt sie auch das Bild?«

»Aber, Pommerle, ich muß ja ganz neue Eigenschaften an dir entdecken. Ich dachte immer, du bist ein kleines Mädchen, das gern anderen etwas schenkt, zumal solchen, die nicht so glücklich sind wie du. Du hast zwei helle, große Augen, kannst alles sehen, und die arme Sabine ist blind. Willst du den Karton behalten, oder wollen wir ihn der Sabine schenken?«

»Der Sabine«, sagte das Kind leise.

Bald war man auf dem Wege zu Meister Reichardt. Aufmerksam hörte das kleine Mädchen den Worten des Onkels zu. Unzählige Fragen hatte es zu stellen. Es wollte Pommerle gar nicht in den Sinn, daß sich ein Blinder auch zurechtfinden könne, daß er das Lesen erlerne und Handarbeiten mache. Pommerle konnte es kaum noch erwarten, Sabine kennenzulernen; das Kind wollte die Sechzehnjährige fragen, ob sie tatsächlich alles das leisten könne, was der Onkel gesagt hatte.

Meister Reichardt stand gerade im Vorgarten seines Hauses, als Professor Bender herankam. Er fragte nach Jule und ob der Meister mit ihm zufrieden sei.

»Ich kann nicht über ihn klagen; er macht zwar manches verkehrt, ist mitunter etwas zu eifrig und verdirbt dabei allerlei. Aber er ist dann auch wieder einsichtsvoll, nimmt ruhig den Tadel hin und gibt sich Mühe.«

»Und wo ist er jetzt?«

»Hinten im Hof, er schichtet Bretter auf.«

»Dann laufe rasch mal zu ihm, Pommerle.«

Das ließ sich das kleine Mädchen nicht zweimal sagen. Jule war bald gefunden, seine Augen strahlten, als er Pommerle sah.

»Bist du fleißig?«

»Komm, kannst mir etwas helfen. – Hier, faß mal mit an!«

Aber in dem Augenblick, als Pommerle das erste Brett aufhob und ein Ächzen ausstieß, weil das Brett recht schwer war, rief Jule beinahe erschrocken:

»Nee, nee, laß mal liegen, das verstehst du nicht!«

Ihm stand plötzlich ›Rübezahls Leichenstein‹ wieder vor Augen. Er glaubte nun einmal an den Berggeist. Er ließ es sich nicht nehmen, daß der alte Herr mit seinem langen Bart überall herumsaß und ihn beobachtete.

»Ich kann schon tragen«, meinte Pommerle wichtig.

»Nein, nein, das ist keine Arbeit für junge Damen, das macht nur ein Lehrling.«

Als Pommerle das erste Brett aufhob, rief Jule beinahe erschrocken: »Nee, nee, – laß mal liegen, das verstehst du nicht!«

»Wo ist denn die Sabine?«

»Sie ist gerade drin in der Werkstatt.«

»Was macht sie denn da?«

»Nichts. Sie ist vorhin hereingekommen, da wird sie wohl noch dort sein.«

»Kann ich sie mal sehen, Jule?«

»Komm mit!« Jule klemmte zwei Bretter unter den Arm und schritt voran in die Werkstatt. Pommerle folgte ihm zögernd.

An der Hobelbank stand ein junges Mädchen. Ein dicker, blonder Zopf war zweimal um ihren Kopf geschlungen. Pommerle blieb an der Tür stehen und rührte sich nicht, als Jule sagte:

»Fräulein Sabine, hier ist das Pommerle, von dem ich Ihnen schon erzählt habe.«

»Das Pommerle! Willkommen, kleines Pommerle!«

Sabine hatte sich umgewandt, die beiden Mädchen standen sich gegenüber. Pommerle sah die ausgestreckte Hand nicht. Das Kind starrte der Blinden ins Gesicht und stellte fest, daß Sabine zwei richtige Augen im Kopfe hatte. Genau so blaue Augen wie Pommerle.

»Willst du mir nicht die Hand geben, Pommerle?«

Noch immer schaute Pommerle in das Gesicht Sabines. Dann streckte es die Hand aus, die Sabine herzlich drückte.

»Du bist die Sabine? Vom Meister Reichardt die Sabine?«

»Ei freilich.«

Pommerle hielt den Karton mit dem Konfekt hin, wickelte rasch das Papier ab und sagte:

»Möchtest du das haben?«

»Was denn?«

»Das hier!«

»Willst du es mir nicht einmal zeigen?«

Der Onkel hatte gesagt, daß Sabine mit den Händen so gut fühlen könne, daß sie wisse, was sie bekäme. Sie reichte Sabine die Schachtel.

»Das hast du mir mitgebracht, kleines Pommerle? Sicherlich ist da etwas Gutes zum Essen darin. – Soll ich alles haben?«

»Ja, alles. Mach doch mal auf!«

Geschickt öffnete Sabine die Schachtel, fuhr mit den Fingerspitzen über den Inhalt hinweg und sagte freudig:

»Oh, welch schönes Konfekt! Ich danke dir herzlichst dafür, Pommerle.«

Das kleine Mädchen war fassungslos. So etwas hatte es noch nicht erlebt. Und als nun Sabine das Kind sogar aufforderte, es möge mit ihm hinüber in die Wohnung kommen, kannte das Staunen Pommerles keine Grenzen.

»Komm, Pommerle, ich führe dich hinüber zur Mutter. Der Vater hat jetzt zu tun.«

Die Kleine wagte kaum zu atmen. Sie sollte von Sabine geführt werden – von einer Blinden, die gar nichts sah! Willenlos ließ sich das Kind an die Hand nehmen. Immer wieder gingen die blauen Kinderaugen zu Sabines Gesicht hinauf, das froh und zufrieden aussah.

Sabine war zur Tür gegangen. Pommerles Herz schlug laut, als die Blinde vor der Schwelle stand. Jetzt mußte Sabine gleich hinfallen. Aber das junge Mädchen schritt darüber hinweg, ging an einem Stoß Bretter, der im Hofe stand, ohne Zögern vorüber und schritt ganz richtig, ohne einen Umweg zu machen, auf die Haustür zu.

»Ich denke – du bist – blind?«

»Das bin ich, Pommerle.«

»Wie siehst du denn dann, wo du gehen mußt?«

»Ich fühle es, und ich höre es.«

»Wenn ich die Augen zumache, fühle und höre ich nicht, wo ich gehen muß, dann falle ich hin.«

»Das ist eben bei uns ganz anders, kleines Pommerle.«

»Bist du nicht sehr traurig, daß du nichts sehen kannst?«

»Nein, kleines Mädchen, warum soll ich traurig sein? Ich habe so vieles, worüber ich mich freuen kann; ich bin behütet und beschützt von den Eltern, habe liebe Freunde, ich höre die Vögel singen, das Wasser rauschen. Ich kann teilhaben an allen Unterhaltungen, die die Eltern führen. Und wenn ich auch nicht zwei Augen habe wie andere Menschen, kann ich mir doch vorstellen, wie schön die Welt ist.«

»Weißt du auch, wie die Blumen aussehen und die Fische – und die Schiffe?«

»Ja, das stelle ich mir alles vor. Man hat uns vieles gezeigt, wir haben es befühlen dürfen, und daher würde ich mich in der Welt zurechtfinden.«

»Wenn es doch immer schwarz vor deinen Augen ist, so kannst du dich doch nicht an der Sonne und den Sternen erfreuen. – Oder – siehst du doch ein bißchen von der Sonne?«

»Von der Sonne, die du siehst, sehe ich freilich nichts, Pommerle, trotzdem ist es nicht dunkel vor meinen Augen – und auch nicht dunkel in meinem Herzen. Ich weiß nicht, ob du das schon verstehst, kleines Mädchen. Wir Blinden, wir fangen uns die Sonne ein, die behalten wir dann im Herzen, und der Mensch, der Sonne im Herzen hat, für den kann die Welt nicht öde und traurig sein. Wir finden immer etwas, worüber wir uns freuen, wir sind dem Himmel dankbar, daß wir noch so viel Schönes genießen und in uns aufnehmen können.«

»Wenn du nun die Sonne im Herzen hast, Sabine, dann hast du wohl immer Freude?«

»Ja, Pommerle, ich weiß, daß ich blind bin, daß ich es immer bleiben werde. Wenn mir nun auch dieser eine Sinn fehlt, nutze ich die anderen doppelt aus.«

Die beiden standen vor dem Hause. Sabine öffnete die Tür.

»Komm, wir gehen nun zur Mutter.«

»Eine Mutter hast du noch«, sagte Pommerle, »da hast du sehr viel. Der arme Jule hat keine mehr – und ich auch nicht. Mein Vater ist ertrunken. – Du hast auch noch einen Vater. – O ja, du hast noch viel Sonne im Herzen.«

Wieder kam eine Schwelle. Eben wollte Pommerle laut aufschreien, um Sabine zu warnen, da war das junge Mädchen schon darüber hinweggestiegen, ging ohne Zögern den Flur entlang, hin zu einer Tür.

Das alles begriff Pommerle nicht. Es mußte wohl mit der Sonne im Herzen zusammenhängen, die so hell herausleuchtete, daß Sabine immer alles fand – die Tür, die Klinke, daß sie die Schwelle sah und nicht an den Haufen Bretter stieß.

Im Zimmer gab es wieder viel neue Überraschungen. Sabine schob dem Pommerle einen Stuhl hin und wollte davongehen, um die Mutter zu rufen.

»Inzwischen kannst du dir einmal die kleinen Körbchen ansehen, die ich gearbeitet habe.«

Was war das für ein feines Rohrgeflecht! Körbchen mit blauem und rotem Rand; sogar Muster waren hineingeflochten. Und alles das hatte eine Blinde gearbeitet.

Sabine war längst hinausgegangen, und Pommerle schaute noch immer fassungslos aus die hübschen Arbeiten. Da kam Sabine schon wieder zurück ins Zimmer und mit ihr die Meisterin. Das erste war, daß sich Pommerles Augen in die der freundlichen Frau bohrten. Wie kam es nur, daß ein Vater und eine Mutter sehen konnten und doch ein Kind hatten, das blind war.

Freundlich sprach die Meisterin mit Pommerle. Die Kleine wagte kaum zu antworten. Solange sie neben Sabine saß, fühlte sie sich verwirrt. Alles, was die Blinde sagte, erschien Pommerle ganz anders. Wenn Sabine erzählte, daß sie kürzlich eine hübsche Geschichte gelesen habe, daß sie demnächst auch durchs Hirschberger Tal wandern wollte, klang es Pommerle wie ein Märchen.

»Und wenn du nun mal zu einem Doktor gehst, kann der dich denn nicht gesund machen?«

»Ich bin doch gesund, Pommerle.«

»Aber du kannst doch nicht sehen!«

»Da kann mir auch der Doktor nicht helfen.«

»Wenn du aber groß bist, kannst du dann auch noch nicht sehen?«

»Nein, niemals mehr.«

»Auch dann nicht, wenn du ganz alt bist?«

»Nein, Pommerle.«

Aus Pommerles Augen fielen Tränen. Sabine sprang auf und legte den Arm um das erschütterte Kind.

»Liebes Pommerle, warum weinst du?«

»Weil – weil – du nie mehr sehen kannst!«

»Du gutes, liebes Mädchen. Aber darüber brauchst du wirklich nicht zu weinen. Glaube mir, Pommerle, ich bin trotzdem so glücklich wie du. Das hat das Schicksal schon so eingerichtet. Ich brauche auch gar nicht traurig zu sein, ich fühle mich wirklich recht zufrieden. Von innen heraus kommt so viel Fröhlichkeit, so viel Glück, daß ich meine Blindheit ganz und gar vergesse. Ich kann ja noch einiges arbeiten, und wenn ich erst länger im Hause bin, dann werde ich auch der Mutter fleißig helfen, ganz gewiß! Ich werde kochen und plätten und wirtschaften. Das kann ich alles, Pommerle. – Warum sollte ich also traurig sein?«

»Wenn du doch aber nicht siehst, daß die Veilchen blau blühen, und daß der Schnee so schön weiß ist und das Meer so schön blau, und die vielen, vielen Wolken darüber.«

»Ich sehe es auch, Pommerle, ich sehe das alles mit meinen blinden Augen. Vielleicht ein wenig anders als du, aber ich sehe es mit meinem Herzen.«

Langsam trocknete Pommerle seine Tränen. In diese neue Welt mußte es sich erst hineinfinden. Nochmals betrachtete es staunend all die hübschen Körbchen, hörte von den vielen Handarbeiten, die die Blinden anfertigten. Dann kam Professor Bender und mahnte zum Aufbruch.

»Onkel, darf die Sabine auch mal zu uns kommen? Wenn sie doch sehen kann, will ich ihr meine Puppen und den Gummifrosch zeigen.«

»Aber natürlich darf die Sabine kommen. – Wie wäre es, wenn du sie am nächsten Sonntag abholtest? Und der Jule kommt auch mit?«

»Kommst du?« fragte das Kind unsicher.

»Natürlich komme ich gern zu dir.«

»Ich werde dich abholen. Dann trinkst du bei uns Kaffee. Du darfst auch allen meinen Kuchen essen. Und ich schenke dir – ich schenke dir – ganz was Schönes. Dir – schenke ich es jetzt gern.«

»So, mein Pommerle, nun verabschiede dich, und dann komm.«

»Darf ich noch schnell mal zum Jule gehen?«

»Freilich, aber halte den Jule nicht lange auf. Ich warte auf dich.«

Leise und behutsam drückte Pommerle der blinden Sabine die Hand. Diese Hand war für das Kind etwas ganz Wundersames geworden. Mit dieser Hand konnte Sabine alles erfühlen, was sie nicht sehen konnte.

Pommerle lief nach der Werkstatt. Da stand der Jule.

»Jule«, sagte das Kind, heiser vor innerer Erregung, »sieh dir mal alles recht genau an. Es könnte doch auch mal sein, daß du blind wirst. Dann ist es schwarz vor dir. – Du mußt dir auch die Sonne einfangen, ins Herz hinein einfangen, damit es niemals vor dir dunkel wird. Jule, es drückt mich so am Herzen. Aber sie ist nicht traurig, sie sagt, sie kann sehen, nur anders.«

»Sehen kann sie nun nicht, aber ich habe mir schon gedacht, der Rübezahl hat doch eine Wurzel, mit der kann er Tote wieder lebendig machen. Vielleicht kommt er mal und hält der Sabine die Wurzel an die Augen. Dann kann sie wieder sehen.«

»Jule, du bist dumm! Der Rübezahl ist eine Sage. Sie hat gesagt, sie kann nie mehr sehen, und wenn sie so alt wird wie eine Großmutter.«

»Vielleicht kommt er doch mal mit der Wurzel.«

»Am Sonntag kommt ihr zu uns. Die Sabine auch. Oh, wir wollen sehr lieb zu ihr sein.«

Daheim angekommen, ging Pommerle in sein Stübchen. Auf dem Tisch lagen die drei Blätter, voll beschrieben mit den Wünschen.

»Ich bin reich – ich bin glücklich«, sagte das Kind. »Ich will zufrieden sein, ich will nichts haben. Ich will meine hellen Augen behalten. Ich kann die schöne, große Welt sehen, ich will keinen Roller, ich will auch keine Puppe. Ich will der Sabine lieber etwas ganz Schönes schenken.«

Energisch riß Pommerle seinen Wunschzettel durch. Nach einer Weile nahm es ein neues Blatt Papier zu Hand, überlegte zuerst ein Weilchen, dann setzte es zögernd die Feder an.

»Ich wünsche mir, daß ich der Sabine eine große Freude machen darf, und dann möchte ich noch einen ganz kleinen Roller, um durch die schöne Welt zu fahren, die ich sehen kann. Und wenn ich noch um etwas bitten dürfte, ich möchte auch noch einen Handball.«

Das letzte strich das Kind wieder durch.

»Nein, es ist genug«, sagte es energisch. »Aber lesen kann man es doch noch. Vielleicht bekomme ich ihn trotzdem.«

Und dann stand das kleine Mädchen lange am Fenster, schaute hinauf zum Himmel, blickte hinaus in den verödeten Garten.

»Oh, du schöne, große Welt, die ich sehen darf!«

 

*

 

Der Frühwinter war in diesem Jahre so schön, daß Professor Bender seinem Pflegetöchterchen Pommerle den Vorschlag machte, am kommenden Sonntag nicht daheim am Kaffeetische zu sitzen; es würde Sabine sicherlich eine große Freude sein, wenn man mit ihr und Jule ein wenig durchs Hirschberger Tal wandere. Noch sei kein Schnee gefallen, es ließe sich also trefflich marschieren.

»O ja«, sagte Pommerle strahlend, »das wird ihr Freude machen. Ach, Onkel, wenn heute schon Weihnachten wäre, wünschte ich mir was zum Sonntag.«

»Was wünschtest du dir?«

»Daß wir mit der Sabine zum Harfen-Karle gingen. Weißt du, der Harfen-Karle kann so schöne Lieder singen. Er soll auch mal der Sabine etwas vorsingen. Irgendein Lied, über das sie schrecklich lachen muß und sich freuen kann.«

»Wenn es am Sonntag schön ist, können wir ja einmal den Harfen-Karle besuchen. Ich will schon lange einmal hinaus zu ihm gehen.«

»Es ist auch nur zu deinem Besten, lieber Onkel. Der Harfen-Karle hat lauter Kasten mit Kräutern, über die du viel schreiben kannst, und dann verdienst du wieder massenhaft Geld damit. Ja, ja, komm nur mit mir zum Harfen-Karle.«

»So wollen wir es Meister Reichardt wissen lassen, daß wir schon am Sonntag vormittag loswandern wollen. Früh gegen neun Uhr holst du die Sabine ab, wenn es nicht regnet. Und der Jule geht auch mit.«

Während der nächsten zwei Tage schaute das Kind gar häufig zum Himmel hinauf. Als es aber am Sonntag morgen schön und trocken war, sprang Pommerle in aller Frühe aus den Federn und eilte zum Bett des Onkels.

»Heute geht es zum Harfen-Karle. Ich hole gleich nachher die Sabine und den Jule!«

Bereits um neun Uhr war Pommerle bei Meister Reichardt. Sabine kam dem Kinde freudestrahlend entgegen.

»Ach, wie freue ich mich auf den Spaziergang, es wird wunderschön werden!«

Auch der Jule stellte sich pünktlich ein. Pommerle faßte die Blinde an der Hand, der Jule mußte an Sabines anderer Seite gehen, und dann ging es dem Hause des Professors zu.

Pommerles Herzchen klopfte wie ein Hammer. Es hatte namenlose Angst um Sabine. Wenn ein Straßenübergang kam, kündete es der Blinden schon eine ganze Weile vorher dieses Hindernis an. Vernahm Pommerle aus der Entfernung Räderrollen, eilte es mitten auf die Straße; kam der Wagen näher, streckte es beide Arme aus, zum Zeichen, daß man vorsichtig und langsam fahren solle. Kurzum, das Kind befand sich beständig in Angst und atmete erst auf, als man das Haus des Onkels erreicht hatte.

Sabine hatte zwar mehrfach ihrer kleinen Beschützerin gesagt, daß solch übergroße Vorsicht gar nicht notwendig sei. Aber Pommerle war sich seiner Verantwortung voll bewußt. Es nahm sich auch vor, auf dem Wege durchs Hirschberger Tal die blinde Sabine treu zu behüten.

Frau Bender nahm an dem Spaziergang nicht teil. Sie hatte daheim zu tun und ließ den Gatten mit seinen drei Schützlingen allein gehen.

»Ich denke, Sabine, du nimmst meinen Arm, und die beiden anderen laufen neben uns her. Ich kann dir dann am besten die Gegend erklären und dich auf allerlei aufmerksam machen.«

»Soll sie der Jule nicht noch an die Hand nehmen?« fragte Pommerle besorgt.

Professor Bender schüttelte den Kopf. »Sabine hat ihr Spazierstöckchen mitgenommen, mit dem sieht sie.«

Pommerle sagte dazu gar nichts. Alles, was Sabine betraf, war so merkwürdig, daß an den Worten des Onkels nicht zu zweifeln war.

Hatte sich Pommerle eingebildet, daß man nur ganz langsam, Schritt für Schritt gehen werde, so irrte es sich. Der Professor schritt rüstig aus, und die blinde Sabine wanderte wacker an seiner Seite mit. Pommerle ging stets sechs Schritte vor den beiden her. Es achtete nur auf den Weg. Lag ein größerer Stein oder ein kleines Ästchen auf dem Wege, bückte es sich schnell und räumte das Hindernis fort, daß die Blinde ja nicht stolpere.

Sabine fühlte sich sehr glücklich. Wie lange hatte sie sich nach solch einer Wanderung gesehnt! Doch die Mutter war schlecht zu Fuß, und der Vater hatte bisher noch keine Zeit gehabt, seiner Tochter diese Freude zu bereiten.

»Wenn es nicht zu anstrengend ist, Sabine, gehen wir öfter einmal. Jetzt kommt freilich erst mal der Winter. Wenn dann aber die Natur wieder erwacht, geht es einmal etwas höher hinauf.«

»Ach ja, wenn der Frühling kommt, wenn alles wieder grün wird, wenn die Vöglein singen, dann wollen wir hinauf in die Berge gehen.«

Pommerle hatte diese Worte gehört. Ein Weilchen blieb das Kind still; dann schlich es an Jule heran und sagte flüsternd:

»Wenn der Frühling kommt, so sieht sie es auch, wenn es grün wird. Das sieht sie alles mit dem Herzen, weil sie dort viel Sonne hat.«

Nach einstündiger Wanderung war das bescheidene Häuschen des Harfen-Karle erreicht. Heute saß der Alte nicht vor der Hütte. Man fand ihn im Zimmer. Er war gerade damit beschäftigt, getrocknete Blätter in kleine Säckchen zu legen.

»Sabine hat ihr Spazierstöckchen mitgenommen, mit dem sieht sie«, sagte Professor Bender zu Pommerle.

»Das ist ja ein gar lieber Besuch«, sagte der Alte. »Ei, Herr Professor, welche Freude, daß Sie auch wieder einmal zu dem Alten kommen!«

»Ich bringe Ihnen noch anderen Besuch mit, alter Freund.«

Gar schnell war man in lebhafter Unterhaltung. Pommerle rückte schon ein Weilchen ungeduldig auf dein Stuhl hin und her, so daß Professor Bender lachend sagte:

»Was ist denn mit dir, Kleines, hast wohl keine Ruhe zum Sitzen mehr?«

»Ich möchte gern auch mal mit dem Harfen-Karle reden.«

»Was willst du denn von mir wissen, kleines Mädchen?« fragte der alte Mann freundlich.

»Möchtest du mir nicht ein Lied singen?«

»Ach was, das kann ich nicht mehr recht.«

Pommerle legte bittend die Hände zusammen. »Du kannst es so gut wie kein anderer. Hast mir damals so ein schönes Lied gesungen, ich weiß es heute noch. Und dem Jule habe ich es auch gesagt. Er weiß jetzt, daß er zur Arbeit, nicht zum Müßiggang geschaffen ist. – Harfen-Karle«, Pommerle nahm den Alten am Bart und zog seinen Kopf zu sich herab, »singe der Sabine doch auch so ein hübsches Lied. Ein Lied, das sie froh und glücklich macht. – Die Sabine hat keine Augen, vor der ist es immer finster. Aber sie meint, sie kann doch sehen, weil sie sich die Sonne eingefangen hat. – Harfen-Karle, bitte, bitte, singe der Sabine ein Lied, damit sie recht froh ist.«

»Na, wenn du meinst, daß es eine Freude wird, will ich es schon tun. – Ich soll dem kleinen Pommerle ein Lied vorsingen.«

»Nein, der Sabine«, rief Pommerle lebhaft.

»Für mich ein Lied? Das wäre sehr schön, wenn es der Harfen-Karle täte«, sagte Sabine.

»Hörst du?« meinte das Kind. Dann eilte es in die Ecke und winkte dem Alten.

Lachend kam Harfen-Karle heran.

Die Augen des Alten glitten zu Sabine hinüber, die den Kopf lauschend gehoben hatte. Ein Weilchen überlegte er, dann begann er:

»Ich bin ein armes, doch frohes Blut,
Trotz meiner Leiden und Schmerzen,
Ich habe als eigen das kostbarste Gut,
Ich habe die Sonne im Herzen.
Ich sing' mit den Vöglein, daß laut es schallt,
Kann lachen, springen und scherzen,
Ich freu' mich an Wiese, Feld und Wald,
Ich habe die Sonne im Herzen.
Drum bin ich der reichste, der glücklichste Mann,
Vergessen sind Sorgen und Schmerzen,
Ich wandle zufrieden des Lebens Bahn,
Denn mir leuchtet die Sonne im Herzen.«

Pommerle sah in Sabines glückliches Gesicht. Dem Kinde wurde andachtsvoll zumute. Ja, das war ein Lied, wie es zu Sabine paßte, die sich die Sonne eingefangen hatte und in deren Herzen es hell und licht war. Dann blickte Pommerle auf den alten Harfen-Karle, der auch seinerseits schmunzelnd zu dem Kinde hinüberschaute.

»War's gut so?«

»Lieber, lieber Harfen-Karle«, sagte Pommerle, und in diesen wenigen Worten lag heißer Dank einer beglückten Kinderseele.

»Wie schön, wie wunderschön war das!« sagte nun auch Sabine.

»Hat es dir Freude gemacht?« forschte die Kleine.

»Ich habe schon viele schöne Tage erlebt, Pommerle, doch der heutige war wohl der schönste von allen. Nun hast du es auch gehört, daß es das Schönste und Beste ist, wenn man sich die Sonne im Herzen eingefangen hat.«

Pommerle breitete die Arme aus. »Oh,« rief es glücklich, »jetzt weiß ich, wie es ist, wenn die Sonne ins Herz hineinrutscht, Mir ist so heiß hier drin, es klopft so furchtbar. Oh, ich bin so froh, so froh! Bist du nun auch wirklich glücklich, Sabine? Und war's schön, was der Harfen-Karle sang?«

»Das alles habe ich dir zu verdanken, Pommerle, dir und deinem guten Onkel.«

»Onkel, nun habe ich auch die Sonne im Herzen und, nicht wahr, du auch, denn die Sabine ist so froh und zufrieden.«

Professor Bender legte den Arm zärtlich um sein kleines Pflegetöchterchen und drückte das Kind an seine Brust.

Kleine Ursachen, große Wirkungen

»Pommerle!«

Die Tante rief das kleine Mädchen aus dem Wohnzimmer in die Küche. Pommerle kam gelaufen und fragte, was es solle. Schweigend wies Frau Bender auf den Küchenschemel, auf dem Pommerles Mütze lag.

»Ach so!« sagte das Kind kleinlaut, »da ist sie wieder mal liegengeblieben. Ich weiß schon, wo sie hingehört: in den Flur, an den Haken.«

»Wenn du die Mütze angehängt hast, gehst du einmal hinüber zum Onkel ins Arbeitszimmer, aber bald, ehe er zurückkehrt. Dort sieh dich um.«

Pommerle senkte den Kopf, nahm die Mütze, hing sie im Flur auf und begab sich zögernden Schrittes ins Arbeitszimmer des Onkels. Auf einem der Klubsessel lagen, unordentlich hingeworfen, verschiedene Puppenkleider. Rasch griff das Kind danach und sagte seufzend:

»Schrecklich, daß immer alles liegenbleibt! Dabei wollte ich mich doch bessern.«

Mit den Puppenkleidern kehrte es in sein Zimmerchen zurück. Es war ein kleiner, aber sehr freundlich eingerichteter Raum, in dem Pommerles Bett stand, am Fenster ein Tisch, der zum Spielen und zum Arbeiten diente. Das Zimmer lag neben dem Schlafraum der Pflegeeltern. Nachts blieb die Verbindungstür offen, denn Frau Bender wollte das kleine, temperamentvolle Mädchen möglichst viel unter ihren Augen haben.

Nicht immer sah es in Pommerles Stübchen so ordentlich aus wie eben jetzt, denn Anna, das tüchtige, langjährige Hausmädchen, hatte alles, was unordentlich umherlag, fortgeräumt und an seinen Platz gelegt. Gar zu oft mußte Frau Bender ihr Pflegetöchterchen daran erinnern, daß in einem Kinderzimmer auch Ordnung zu herrschen habe, daß es die Spielsachen, die benutzt worden waren, selbst wieder forträumen müsse. Es kam oftmals vor, daß Pommerle nach etwas suchte, dann klang sein Stimmchen weinerlich durch die Zimmer:

»Wo ist mein Federkasten, wo sind meine Handschuhe?«

»Wenn die Sabine auch alles so herumwerfen wollte«, sagte Pommerle zu sich selbst, »würde sie es nicht finden. Sie kann doch nicht so sehen wie ich.«

Dann legte das Kind die Puppenkleider ordentlich in den kleinen Puppenschrank, drohte dem Puppenkind mit dem Finger und meinte ernsthaft:

»Daß du mir als großer Mensch ordentlich wirst, ich kann keine Liederlichkeit leiden. Nur nichts herumwerfen! Hörst du?«

Aufmerksam schaute sich die Kleine im Raume um. Alles war an seinem Platz. Wenn die Tante kam, würde sie nichts zu tadeln finden.

Die Schulaufgaben waren gemacht, nun galt es, sich den Weihnachtshandarbeiten zuzuwenden, denn das Fest war nicht mehr fern. Pommerle seufzte. Es hatte noch viel zu tun. Da es in der Schule gelernt hatte, Strümpfe zu stricken, wollte es dem Onkel ein Paar derbe, graue Socken herstellen. Ein Strumpf war bereits unter Anleitung der Lehrerin fertig geworden, aber der zweite war noch stark im Rückstand. Dazu kam, daß auch die Pulswärmer für Jule noch manche Arbeitsstunde erforderten. Der eine war auch fertiggestellt, schön, warm und lang. In mühsamer Strickarbeit war er gefertigt. Wie würde sich der Jule freuen, denn bei seinen Arbeiten draußen im Hof oder im Schuppen war es mitunter so kalt, daß ihm die Finger steif wurden. Diesem Übel sollten die Pulswärmer abhelfen.

Das Geschenk für die Tante war fertig und stand wohlverwahrt in Pommerles Schrank. Alltäglich holte das Kind die kleine, selbstgefertigte Kommode hervor, die später auf dem Nähtisch der Tante prangen sollte. Hierfür hatte ebenfalls die Lehrerin die Anleitung gegeben, und voller Begeisterung hatte sich Pommerle dieser niedlichen Handarbeit unterzogen. Sie hatte sechs Streichholzschachteln in zwei Doppelreihen übereinander geleimt, so daß sich sechs kleine Schubfächer ergaben. Um diese sechs Kästchen herum war ein Stoffstreifen gespannt, auf den ein kleines Muster gestickt worden war. Auf dunkelblauem Grunde prangten gelbe und rote Kreuzchen aus Seide. Seit Tagen wartete das Kind darauf, dieses herrliche Geschenk Sabine zu zeigen, die versprochen hatte, in Kürze ihre kleine Freundin Pommerle wieder zu besuchen.

Pommerle holte den Strumpf und den Pulswärmer hervor. Woran sollte es nun arbeiten? Der Pulswärmer war fast fertig. Es fehlten nur noch die kleinen Zäckchen, die den Abschluß bildeten. Dabei mußte die Tante helfen, denn das war für Pommerle noch zu schwer.

Das Kind nahm den Pulswärmer zur Hand, stellte aber bald fest, daß es richtiger sei, an dem Strumpfe zu arbeiten, warf ihn auf den Stuhl und begann dann, an dem Strumpfe für den Onkel zu stricken. Immer wieder wurde an dem bereits fertiggestellten Strumpfe gemessen. Pommerle dehnte das gestrickte Stück und fand bald, daß es nun wohl an der Zeit sei, mit der schweren Ferse zu beginnen. Wenn der zweite Strumpf etwas kürzer würde, hatte das wohl nichts auf sich.

Nachdem Pommerle die ersten Nadeln der Ferse gestrickt hatte und wieder zu messen begann, stellte es erschreckt fest, daß der andere Strumpf viel länger war. Wenn es noch so sehr zog und dehnte, der in Arbeit befindliche Strumpf schrumpfte immer wieder zusammen. Wenn die Tante nachschaute, mußte es am Ende das gestrickte Stück wieder aufziehen. So wollte sich das Kind einmal bei Anna erkundigen, ob es nicht einerlei sei, wenn ein Strumpf kürzer, der andere etwas länger wäre.

Es strickte zunächst emsig weiter, immer wieder vor sich hin singend:

»Zwölfmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag.«

Doch das Stricken der Ferse war gar zu schwer. Sehr bald glitten einige Maschen von der Nadel, die Pommerle nicht mehr festhalten konnte. So begab es sich zur Tante.

»Es ist wieder mal ein Unglück bei dem dummen Strumpf geschehen, Tante. Bitte, mache mir doch den Strumpf wieder in Ordnung.«

»Nein, Pommerle, das geht nicht. Der Onkel hat zwei ganz gleich lange Beine, folglich müssen auch die Strümpfe gleich lang gearbeitet werden.«

»So ist es recht, mein liebes Kind, daß du fleißig arbeitest. Du kannst bei mir im Zimmer bleiben, ich habe auch zu nähen, und wir können uns dabei etwas erzählen. Nun gib einmal her.«

Mit nicht ganz gutem Gewissen reichte Pommerle den Strumpf hin.

»Du strickst schon die Ferse? Hast du den anderen Strumpf hier?«

»Drüben bei mir ist er.«

»So lauf hinüber und hole ihn.«

Zögernd ging Pommerle in sein Stübchen, dabei warf es den Pulswärmer, der unordentlich auf dem Stuhl lag, herunter, das Wollknäuel rollte davon, aber Pommerle ließ es ruhig liegen.

Tante Bender legte die beiden Strümpfe aufeinander und schüttelte den Kopf.

»Nein, Pommerle, das geht nicht. Der Onkel hat zwei ganz gleich lange Beine, folglich müssen auch die Strümpfe gleich lang gearbeitet werden. Wenn man ein Geschenk anfertigt, muß es tadellos sein, sonst macht es keine Freude.«

Die begonnene Ferse wurde aufgetrennt, seufzend schaute das Kind der Tante zu. Dann machte es sich wieder an die Strickarbeit, während die Tante nähte. Nach einer Weile fragte die Kleine ganz unvermittelt:

»Tante, wollen wir nicht ein bißchen zusammen spielen?«

»Aber gewiß, Kleines.«

»Wollen wir Mutter und Kind spielen?«

»Auch gut, Pommerle.«

»Darf ich dann mal die Mutter sein und du das Kind?«

»Schön.«

»Nun heißt du also Pommerle, Tante. – Höre mal, Pommerle, Weihnachten kommt bald heran, da haben wir in unserem Haushalt noch viel zu tun. Ich bin schrecklich beschäftigt, ich habe für meinen Mann noch zu nähen und zu flicken, und für die Gäste muß ich Kuchen backen. – Pommerle, willst du mir helfen?«

»Freilich, Mama«, sagte die Tante lächelnd, »was soll ich denn tun?«

»Willst du mein liebes kleines Mädchen sein und mir eine große Arbeit abnehmen?«

»Ja, Mamachen, das will ich tun.«

Da sprang Pommerle wie elektrisiert auf, drückte der Tante den Strumpf in die Hände und sagte strahlend:

»Ätsch, Tante, du hast gesagt, du willst mir helfen, nun strick!«

Frau Bender mußte lachen. »Ja, Pommerle, wenn du das so machst. Wer schenkt denn den Strumpf, du oder ich?«

»Ach, liebe Tante, ich habe noch so viel zu tun. Wenn du mir ein ganz klein wenig helfen wolltest.« Plötzlich nahm das Kindergesichtchen einen strengen Ausdruck an. »Du strickst jetzt! Deine Mutter befiehlt es dir!«

»Oh, ich habe aber eine strenge Mama. Da muß ich mir wohl ein Beispiel nehmen. – Nun gib her, ein Stückchen will ich dir gern stricken.«

»Und die Pulswärmer für den Jule machst du mir auch fertig? Die kleinen Zacken obenauf kann ich nicht.«

»Die sind recht leicht herzustellen, Pommerle, ich will dir gern zeigen, wie man sie macht.«

»Na gut«, meinte das Kind, »dann will ich sie holen.«

Wenige Minuten später vernahm Frau Bender einen lauten, entsetzten Schrei. Darauf die Stimme Annas, dann wieder ihr Pommerle. Was hatte das Kind nur? Es schien dem Weinen nahe zu sein. Und wieder war es Anna, die laut und ärgerlich rief:

»Das ist doch nicht meine Schuld – warum wirfst du alles so liederlich umher!«

»Oh, nun ist alles hin, alles – alles!«

Frau Bender erhob sich. Da mußte sie doch einmal nachsehen, warum ihr Pommerle gar so jämmerlich klagte. Die Stimmen kamen aus dem Schlafzimmer. Sie trat ein. Da stand Pommerle und hielt Jules Pulswärmer in der Hand. Aber von dem langen, schönen Pulswärmer war nur noch ein kleiner Rand vorhanden.

»Sie hat alles kaputt gemacht«, klagte das Kind.

»Ich habe eben ein Knäuel mit Wolle auf der Erde gefunden«, verteidigte sich Anna, »es lag im Schlafzimmer der Herrschaften, da habe ich es aufgenommen und aufgewickelt. Und plötzlich ging es nicht weiter, da bin ich in Pommerles Zimmer gegangen, aus dem der Faden kam. Dann habe ich erst gesehen, daß ich den Pulswärmer aufgetrennt habe.«

»Wo war denn der Pulswärmer?«

Pommerle schwieg. Es erinnerte sich genau, daß es vorhin, als es den Strumpf holte, mit den Füßen das Wollknäuel mitgenommen und nicht aufgehoben hatte. Anscheinend war es ins Schlafzimmer der Tante gerollt. Dann war Anna gekommen, hatte das Knäuel aufgewickelt und die mühsame Arbeit vernichtet.

Ein mahnender Blick aus den Augen der Tante veranlaßte das kleine Mädchen, alle weiteren Vorwürfe Anna gegenüber zu unterlassen. Pommerle war ja selbst an diesem Unglück schuld. Nun mußte es doppelt fleißig sein, um Jule rechtzeitig beschenken zu können. Er sollte seine Pulswärmer haben, denn es wurde von Tag zu Tag kälter.

Am Abend dieses verhängnisvollen Tages hatte Pommerle doch noch eine Freude. Jule kam mit einer Bestellung ins Haus des Professors, und Sabine begleitete ihn.

»Wir haben nicht lange Zeit, Pommerle, ich wollte dir nur guten Abend sagen.«

»Ach, dann kann ich dir etwas ganz Feines zeigen. Komm doch mal mit.«

Geheimnisvoll zog Pommerle die große Freundin in sein Stübchen. Aus dem Schrank holte es die kleine Kommode, das Geschenk für die Tante.

»Ist es nicht herrlich?«

Sabine befühlte das Geschenk, Pommerle gab alle Erklärungen, die Blinde meinte, das sei ein reizendes Geschenk, und Pommerle hätte es gewiß recht hübsch und ordentlich beklebt und bestickt.

»Und dann zeige ich dir noch was anderes«, sagte Pommerle, indem es die kleine Kommode rasch auf einen der Stühle stellte. »Sieh mal, das hier werden Strümpfe für den Onkel. Aber einer ist erst fertig. – Kannst du eigentlich auch stricken?«

»Ja, das kann ich.«

»Ohne hinzusehen? Und wenn dir mal eine Masche herunterfällt?«

»Dann muß ich jemand bitten, mir die Masche aufzuheben. Aber wir stricken langsam, da fallen nur selten Maschen von der Nadel.«

»Kannst du auch eine Ferse stricken?«

»Ja, einen ganzen Strumpf.«

»Ach, Sabine, wenn du mal gar nichts zu tun hast, kommst du mich besuchen, aber noch vor Weihnachten. Dann erzählen wir uns schöne Sachen, und dabei strickst du.«

»Ich will dir gern helfen, kleines Pommerle.«

»Ach, das ist fein«, jubelte das Kind. »Nun setz dich mal ein Weilchen hin, dann zeige ich dir noch die Pulswärmer für den Jule. Den einen hat mir die Anna heute aus Versehen aufgetrennt. So, nun setz dich mal da auf den Stuhl.«

»Ich habe nicht lange Zeit, Pommerle, die Eltern warten mit dem Abendessen auf mich. Der Jule sollte gleich wieder heimkommen.«

»Na, ein Weilchen kannst du dich doch hinsetzen«, meinte die Kleine, indem sie Sabine am Arm nahm und energisch auf den Stuhl niederdrückte. Aber schon schnellte Sabine wieder auf.

»Was ist denn das?« Ihre Hand griff auf den Sitz. »Ach, Pommerle, deine kleine Kommode!«

Die eben noch so niedlich aussehende Handarbeit war vollkommen zerstört. Die kleinen Schachteln völlig zerbrochen, der gestickte Bezug glitt zu Boden.

»Au, die schöne Kommode!« klagte das Kind. »Heute ist alles verhext! Nun habe ich kein Geschenk für die Tante! Warum hast du dich auch daraufgesetzt?«

»Ich habe sie ja nicht gesehen«, sagte Sabine leise.

Da wurde Pommerle ganz still. Es durfte Sabine keinen Vorwurf machen. Wenn es die Weihnachtshandarbeit gleich wieder in den Schrank zurückgestellt hätte, wäre das Unglück nicht geschehen. – Was hatte die Tante gesagt? ›Du wirst dir durch deine Unordentlichkeit manchen Schaden zufügen.‹

»Oh, Pommerle«, klagte Sabine, »sei mir nicht böse. Ich will dir gern helfen, aber das werde ich nicht können.«

»Dann strickst du eben den Strumpf.«

»Ja, das will ich gern tun. Ich komme in den nächsten Tagen wieder, dann sind wir den ganzen Nachmittag zusammen, wir wollen fleißig arbeiten. Es tut mir ja so leid, daß ich dir das schöne Geschenk zerstörte.«

»Nun habe ich auch keine Streichholzschachteln mehr.«

»Die will ich dir gern besorgen, sei nur nicht traurig.«

Da betrat der Jule das Zimmer. Hastig ergriff Pommerle die Pulswärmer und versteckte sie auf dem Rücken.

»Ich glaube, wir müssen gehen, der Meister wartet.«

Als die beiden fort waren, betrachtete das Kind nochmals sorgenvoll die zerdrückte kleine Kommode.

»Erst trennt Anna mir den Pulswärmer auf, dann zerdrückt mir die Sabine die Kommode. Ach, es ist schrecklich!«

Zu schade, daß es sein Leid der Tante nicht klagen konnte. Aber das Geschenk war doch eine Überraschung, von der Frau Bender nichts wissen durfte. –

Am Spätabend desselben Tages ging Frau Bender nochmals durch das Haus. Sie sah nach, ob alle Fenster und Türen gut geschlossen waren, denn draußen tobte ein heftiger Sturm. Er riß an den Ästen der Bäume und bog die beiden Tannen, die am Eingang zum Garten standen, hin und her.

Pommerle, das bereits in seinem Bettchen lag, horchte auf.

»Puh, Tante, wie der Wind heute bläst! Wenn er auch so tüchtig an der See bläst, spritzen die Wellen hoch auf. Ich habe das oft gesehen. Höre doch mal, Tante, es klingt, als ob die Ostsee rauscht.«

»Schlaf' nur ein, Pommerle, es ist schon spät.«

Noch einmal warf sich das Kind unruhig im Bett umher, dann senkte sich trotz des heulenden Sturmes der Schlaf auf die Lider Pommerles hernieder. –

Pommerle hob den Kopf. Was war das? Alles war finster, und doch war es nicht so still wie sonst. Sogar im Hause hörte man sprechen. Es rief nach der Tante, dem Onkel, doch es erfolgte keine Antwort. Da kletterte das Kind aus dem Bett und eilte ins Nebenzimmer. Wie sah denn das Zimmer aus, alles in rotes Licht getaucht, die Betten der Pflegeeltern waren leer, und von unten her tönte immer lauter werdendes Rufen.

Im Hemdchen lief die Kleine auf den Flur hinaus. Hier war das elektrische Licht eingeschaltet, unten eilten Leute hin und her.

»Tante – Onkel!«

Pommerle eilte die Treppe hinab. Die Tante, die unten im Flur stand, sah das Kind.

»Aber, Pommerle, du kannst dich erkälten. Geh rasch wieder hinauf!«

»Was ist denn los?« fragte das Kind, unruhig werdend.

»Ein schreckliches Unglück ist geschehen, Pommerle, das Haus von Frau Hanke brennt.«

Frau Hanke! Pommerle kannte die alte Dame genau; sie hatte nebenan das hübsche Holzhaus mit dem großen Garten.

»Geh hinauf, Pommerle, und lege dich wieder ins Bett.«

»Du mußt bei mir bleiben, Tante – ich fürchte mich!«

»Deine Tante hat jetzt viel zu tun, sie muß helfen. Die Leute bringen die Sachen von Frau Hanke in unser Haus. Die Feuerwehr ist auch schon gekommen.«

»Da möchte ich auch helfen, Tante!«

»Vor allem ziehe dich an, Kind.« Frau Bender hielt es für das beste, daß das Kind munter blieb. Bei dem herrschenden Sturme konnte niemand wissen, wie sich das Feuer ausdehnte. Zwar stand der Wind nicht nach dem Hause des Professors zu, die Feuerwehr hatte erklärt, für den Benderschen Besitz sei keine Gefahr, um so mehr aber für das Grundstück auf der anderen Seite des brennenden Hauses. Selbstverständlich durfte das Kind sich nicht nach der Brandstelle begeben. Es sollte im Hause bleiben. Es konnte an der Seite der Tante auf die Sachen achtgeben, die die Feuerwehrleute und andere hilfsbereite Menschen heranbrachten.

Als Pommerle das brennende Nachbarhaus sah, erschrak es. Der Anblick war für das Kind ungewohnt und schaurig. Wenn es gar daran dachte, daß der freundlichen, alten Dame alles verbrannte, was sie besaß, tat Pommerle das Herz weh.

Hastig kleidete sich das Kind an, warf alles durcheinander, nur um recht rasch fertig zu werden, und kam dann herunter in das Wohnzimmer, in dem Möbel, Betten, Kisten und Kasten standen, und immer noch trug man weiteren Hausrat heran, der vor dem Feuer in Sicherheit gebracht werden sollte.

Wieder wagte sich das kleine Mädchen hinaus in den Hausflur. Es lauschte. Was war das für ein Jaulen und Heulen, das aus der Küche kam? Das Kind eilte sogleich hinüber. Auch in der Küche brannte Licht. Drei ganz kleine, reizende Hunde waren an langer Leine am Küchentisch festgebunden. Sie jammerten wohl nach ihrer Herrin.

»Oh, ihr süßen Tierchen«, jubelte Pommerle, kniete nieder und strich ihnen zärtlich über das zottige Fell. »Habt ihr auch Angst vor dem Feuer? Aber fürchtet euch nur nicht.«

»Geh hinaus!« ertönte eine Stimme.

Pommerle fuhr zusammen. Wer hatte eben gesprochen? »Geh hinaus!« Verwundert schaute sich Pommerle um. Dort in der Kammer, neben der Küche, stand ein großer Käfig, darin saß ein schöner Papagei. Er legte den Kopf auf die Seite und rief zum drittenmal: »Geh hinaus!«

»Ein Papagei – und einer, der so schön sprechen kann! – Oh, ihr süßen Tierchen«, sagte Pommerle, »wie schön ist es, daß ich euch hier habe!«

Aber den drei Hunden schien es gar nicht zu gefallen. Sie rissen an den Leinen und wollten sich mit Gewalt frei machen.

»Die armen Tierchen werden sich erwürgen«, meinte Pommerle. »In der Küche ist es so kalt. Ich glaube, ich muß sie in die warme Stube nehmen.«

Pommerle knotete die Leinen vom Tisch ab, die drei Hunde umbellten das Kind freudig.

»Habt ihr Hunger? – Hier ist es viel zu kalt für euch!«

Zuerst wollte Pommerle die drei Hunde ins Wohnzimmer bringen, doch darin lag so viel, daß kein rechter Platz mehr vorhanden war. So entschloß sich das Kind nach kurzem Überlegen, die süßen drei Hündchen hinauf in die warme Schlafstube zu nehmen. Dort brauchten sie nicht an der Leine festgebunden zu sein. Sie machte die Tür fest zu, dann konnten die Hündchen frei umherlaufen und würden sich nicht mehr ängstigen.

So stieg Pommerle mit den drei Hunden die Treppe empor und brachte die Tierchen in sein kleines Zimmerchen.

»Ja, das glaube ich, hier gefällt es euch, hier ist es auch schön warm.«

Pommerle saß mit den kleinen Hunden im Zimmer und fand es herrlich, des Nachts solch lieben Besuch zu haben.

Das eine der Tierchen sprang zutraulich an dem Kinde hoch, als es von der Leine gebunden war. Pommerle nahm den Hund auf den Arm, ihn zärtlich streichelnd. Die beiden anderen schienen darüber neidisch zu sein, sie wollten gewiß auch spielen.

So saß das kleine Mädchen mitten zwischen den Hunden, hatte Feuer und alle anderen Aufregungen vergessen und fand es herrlich, des Nachts solch lieben Besuch zu haben. Schade, daß es nicht auch den Papagei heraufbringen konnte! Auch dem armen Vogel würde es dort unten zu kalt werden. Vielleicht fand sie die Anna, und diese konnte den Käfig heraufbringen.

»Ihr kleinen, süßen Hündchen bleibt jetzt allein. Ich bringe euch noch einen Spielgefährten.«

Sorgsam schloß Pommerle die Türe, daß die drei Hunde nicht heraus konnten. Aber Anna war nirgends zu finden. Dagegen stand die Tante wieder im Flur.

»Tante, ich glaube, der Papagei friert. Kannst du ihn mir nicht herauftragen?«

»Laß nur die Tiere in Ruhe, sie sind in Sicherheit.« Und schon war die Tante wieder fortgegangen. Beim Durchschreiten des Flures sah Pommerle gerade, wie ein glühender Funkenregen zum nächtlichen Himmel hinaufstieg. Das fesselte erneut seine Aufmerksamkeit. Wie sehr das hübsche Haus brannte – es war schrecklich anzusehen. Aus mehreren Schläuchen spritzte man Wasser in die Flammen; dicker, weißer Rauch stieg auf; doch das Feuer kam nicht zum Stehen.

Plötzlich erblickte Pommerle den Jule. Mit ausgebreiteten Armen lief es ihm entgegen. Der Jule schleppte auf dem Rücken einen großen Packen daher und warf ihn in den Flur.

»Hast du gesehen, Jule, es brennt!«

»Ja, es ist schrecklich!«

»Willst du mir nicht den Papagei herauftragen?«

»Ich habe jetzt keine Zeit.«

Nach wenigen Minuten war der Jule schon wieder da. Wieder trug er eine schwere Last. Und dann kamen viele andere, Männer und Frauen.

Endlich wurde es draußen ruhiger. Von dem Nachbarhause stand nicht mehr viel; nur das gemauerte Fundament war zu sehen, aus dem es stark rauchte und qualmte. Aus zwei Schläuchen gaben die Männer noch immer Wasser, damit auch die letzten Flammen erstickt wurden. Pommerle stand im Flur. Es horchte aus die Reden der Leute, die kamen und gingen.

»Wenn es wahr ist, was sie sagen«, sagte ein Mann, »dann wäre es doch schrecklich. Gestern abend waren die Enkelkinder zu Besuch. Da sollen die Jungens heimlich hinauf auf den Boden gegangen sein, um Zigaretten zu rauchen. Wahrscheinlich hat das umherliegende Gerümpel Feuer gefangen. Das kommt vom heimlichen Rauchen.«

Aufmerksam hatte Pommerle den Worten gelauscht. Es blickte von einem zum anderen, sah den Jule, der wie versteinert in der Tür stand. Warum riß er die Augen so weit auf? Warum sah er plötzlich so ganz anders aus? Und dann drehte sich der Jule um, Pommerle sah, wie er davonlief, er stürmte durch den Garten, weiter und weiter.

Was hatte der Mann gesagt? Zum ersten Male hatte der Jule gestern eine Zigarette geraucht. Er hatte einen guten Bekannten getroffen, nicht älter als er selbst, der hatte Zigaretten gehabt. Der Jule hatte bisher stets neidvoll auf alle jene gesehen, die rauchten. Ihm hatte man es verboten. Der Meister meinte, daß ein junger Bursche im ersten Lehrjahre noch nicht zu rauchen brauche. Und auch von Professor Bender hatte er niemals eine Zigarette bekommen. Gestern hatte ihm der Freund eine geschenkt, und am Abend hatte sich der Jule ganz heimlich in die bereits geschlossene Werkstatt geschlichen und dort geraucht.

»Die Werkstatt brennt«, murmelte Jule vor sich hin, während er im Sturmschritt die Straße hinunterlief. »Die Werkstatt brennt, ich habe sie angezündet, ich habe ja geraucht.« Er lief gegen zwei daherkommende Männer, die sich auch des Nachts aufgemacht hatten, um das schaurige Schauspiel zu betrachten. Er hörte nicht die Scheltworte der beiden. Nur weiter, daß er das Feuer in der Werkstatt löschen konnte.

Totenblaß, mit klopfendem Herzen erreichte der Jule das Haus Meister Reichardts. Es lag in tiefem Dunkel. Er ging hinter zur Werkstatt, schob den Riegel zur Seite. Alles war finster. Da sank der Jule erschöpft auf einem Haufen Hobelspäne nieder, rieb sich den Schweiß von der Stirn und sandte ein Dankgebet zum Himmel.

»Ich will niemals wieder heimlich rauchen«, sagte er vor sich hin. »Der Rübezahl hat es wohl nicht gesehen, sonst hätte er mir bestimmt einen Streich gespielt.« – –

»Nun aber zu Bett, Pommerle«, mahnte Frau Bender, »und bemühe dich, recht schnell einzuschlafen.«

»Ich bin gar nicht müde, Tante.«

»Doch, mein Kind, es ist kaum vier Uhr früh, da kannst du noch einige Stunden schlafen. Kleine Mädchen gehören um diese Zeit ins Bett.«

Pommerle wollte etwas erwidern, aber die Tante hob warnend den Finger. Sie drückte dem Kinde einen herzlichen Kuß auf die Stirn und wiederholte energisch: »Nun geh schnell zu Bett, wir kommen auch gleich nach.«

Da wußte Pommerle, daß es keine Widerrede gab. Es sagte der Tante gute Nacht und stieg die Treppe empor. Schon im Schlafzimmer der Pflegeeltern vernahm es das freudige Bellen der drei Hunde. Da strahlte das Gesicht des Kindes. Es würde jetzt mit den drei Hündchen schlafen gehen. Wenn das Licht wieder ausgelöscht war, würden auch die drei süßen Tierchen müde sein und schlafen. Ob es die niedlichen weißen Hündchen mit in sein Bett nehmen konnte?

Pommerle trat über die Schwelle. Die drei Hunde kollerten auf dem Teppich übereinander. Einer hielt etwas Graues im Maule, die beiden anderen bemühten sich, dem Bruder das Spielzeug zu entreißen.

Pommerle blickte auf die Hunde. Was hatten die im Maule? Was war das für ein langer Streifen?

Ritsch – ratsch, da war wieder in den Zähnen eines Hundes ein Stück grauer Stoff hängengeblieben. Und nun sah das Kind, was die drei süßen Tierchen angerichtet hatten. Beim schnellen Ankleiden hatte Pommerle auch das Strickzeug herausgeworfen. Der schöne fertige Strumpf, der für den Onkel als Weihnachtsgeschenk bestimmt war, diente den weißen, süßen Hündchen als Spielzeug. Sie schienen sich redlich darein zu teilen, denn jeder hatte ein Stück Strumpf abgerissen.

Anfangs war das Kind starr, dann hätte es am liebsten laut geweint.

»Oh, ihr Reißteufel! Oh, ihr schlimmen Tiere!«

Aber die drei Hunde schienen die Scheltworte als eine Liebkosung zu empfinden. Sie sprangen mit ihrer grauen Beute an dem kleinen Mädchen empor und kläfften es freudig an.

Da begann Pommerle bitterlich zu weinen. Langsam löste es ein Stück Strumpf nach dem anderen aus den Zähnen der Tiere. Hier war freilich nicht mehr viel zu retten.

»Da wollte ich nun mit euch zusammen schlafen gehen; nun dürft ihr zur Strafe nicht mit hereinkommen.«

Pommerle ergriff eins seiner Kopfkissen und warf es verärgert nach den Hunden. Dieses Wurfgeschoß wurde mit Freuden begrüßt. Der Kleinste biß sogleich kräftig hinein. Dem Kinde blieb das Herz stehen.

»Laß los«, rief es ängstlich, »das Bett gehört mir! Du böser Hund, laß doch los!«

Gerade in dem Augenblick, als Pommerle kräftig an dem Kissen zerrte, stürzten auch die beiden anderen Hunde auf das neue Spielzeug.

»Bitte, bitte«, rief Pommerle angstvoll, »laßt doch los, das ist ein gutes Bett! Laßt doch los!«

Es gelang dem Kinde wirklich, das Kissen aus den Zähnen der drei Hunde zu befreien, doch klaffte ein großer Riß in dem weißen Bezug. Ratlos stand das Mädchen vor den freudig wedelnden Tieren. Dann holte es die Leinen wieder herbei, fing einen Spitz nach dem anderen ein, band ihn am Halsband fest und führte die süßen drei Hunde scheu und verlegen wieder die Treppe hinab, hinein in die Küche.

»Das habt ihr nun davon, daß ihr so unartig seid.« Aber es erschien ihm doch zu grausam, die Tiere in der kalten Küche zu lassen. Es suchte noch einige Decken zusammen, dann bekam jeder Hund einen freundschaftlichen Klaps und die gute Ermahnung, zu schlafen. Dann drehte Pommerle in der Küche das Licht aus.

Sehr sorgenvoll stieg es empor. Die Hündchen hatten doch viel Unordnung im Zimmer gemacht. Und der schöne Strumpf! Nun war alles entzwei. Der Strumpf, der Pulswärmer und die kleine Kommode.

Am nächsten Tag berichtete Pommerle der Tante unter Tränen, was sich ereignet hatte.

»Siehst du, mein Pommerle, das kommt davon, wenn man als Kind eigenmächtig handelt. Die Tiere waren in der Küche gut aufgehoben. Sie hätten auch nicht gefroren, denn die Küche ist nicht kalt. Nun hast du dir durch eigene Schuld alle deine Weihnachtsgeschenke selbst verdorben. Siehst du nun ein, daß ein unordentlicher Mensch und einer, der zu vorlaut ist, sich selbst den meisten Schaden zufügt?«

»Ja, Tante, ich sehe das alles ein. Ach, mein schöner Strumpf!«

Als man am Frühstückstische saß, war das Kind still und niedergedrückt. Wie sollte es bis zum Weihnachtsfest neue Geschenke herstellen? Auch wenn Sabine ihm half, würden die Strümpfe für den Onkel nicht fertig werden.

Professor Bender sprach von dem Brande. Still und aufmerksam hörte Pommerle ihm zu.

»Es hätte ein furchtbares Unglück geben können. Die arme Frau Hanke! Durch den Leichtsinn der Knaben hat sie so schwere Verluste zu erleiden.«

Pommerle dachte an das zerrissene Kopfkissen und senkte das Köpfchen. Doch eine weitere Bemerkung des Onkels ließ es wieder aufhorchen.

»Ein schaurig-schöner Anblick war es, das lodernde Feuer in der Nacht. Ja, ja, die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand.«

Als der Onkel später allein war, forschte das Kind neugierig:

»Onkel, was sind denn Elemente? Warum hassen die das Gebild von Menschenhand? – Und was ist ein Gebild?«

»Schau, Pommerle, da haben die Menschen in mühsamer Arbeit etwas geschaffen, und ganz plötzlich kommt eine große Kraft, eine Naturkraft, die zerstört alles, was die Menschen aufgebaut haben. Ein Dichter hat diese Worte gesagt. Von dem Dichter Schiller wirst du später auch hören und manches von ihm lernen.«

Darauf ging Pommerle zu den drei Hunden, die vorläufig von Anna betreut wurden. Es setzte sich neben die Hunde, die sogleich auf Pommerles Schoß sprangen.

»Ihr lieben, ihr bösen Tierchen; ihr seid auch solche Elemente! Da habe ich nun wochenlang an dem Strumpfe gestrickt – hört ihr zu? Meine Menschenhände haben den Strumpf gestrickt, nun kommt ihr Elemente und reißt ihn kaputt. Schämt euch!«

Drei Hundeschweife wedelten vergnügt. Da konnte Pommerle nicht länger zürnen. »Ach, liebe, süße Tierchen seid ihr ja doch, ihr seid eben noch zu dumm, um zu wissen, daß man das nicht machen darf. Aber lieb habe ich euch doch. – Ach, ich möchte zu Weihnachten auch so einen kleinen süßen Hund haben.«

O du fröhliche ...

Pommerle stand in der Küche neben Anna, dem Hausmädchen, und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

»Anna, strick' schnell!«

Die Nadeln klapperten in der Hand des gutmütigen Mädchens, das Pommerles Strumpf vorhatte und eiligst daran arbeitete.

»Kannst du nicht noch schneller machen? Der Jule wird gleich kommen, dann klingelt's, und wir gehen in die Weihnachtsstube.«

»Fertig wird der Strumpf doch nicht, Pommerle.«

»Aber es fehlt wenigstens dann nur ein Stückchen. Wenn du recht, recht schnell strickst, und wenn die Tante noch sehr viele Sachen in der Weihnachtsstube aufbaut, dann kannst du ihn vielleicht doch noch fertigmachen.«

»Wo denkst du hin, Pommerle! Es fehlt doch noch das ganze Stück für die Zehen. Ich bin noch nicht einmal oben beim Abnehmen.«

»Vielleicht könntest du ihn ein bißchen kürzer machen, er dehnt sich doch.«

»Nein, Pommerle, wenn man etwas schenkt, muß es ordentlich sein. Du erzählst dem Onkel von den Hündchen, die den fertigen Strumpf zerrissen haben, dann nimmt er es nicht übel.«

»Sabine hat auch so fleißig gestrickt. Oh, die Sabine bekommt auch von mir etwas sehr Schönes.«

»Wer weiß, ob sie sich darüber freuen wird?«

»Natürlich freut sie sich darüber! Jule würde sich auch über eine Mundharmonika mächtig freuen. In den Ohren hat die Sabine keinen Schaden. Sie hört alles, wenn sie tüchtig bläst. Oh, sie wird sich mächtig freuen!«

»Ja, ja, es ist ein Glück, daß wir heute Weihnachtsabend haben. Seit du diese entsetzliche Mundharmonika gekauft hast, hat man im Hause keine ruhige Minute mehr.«

»Ich will sie holen«, lachte das Kind. »Ich blase, und du strickst. Der Jule hat doch gesagt, mit Musik geht alles besser. – Kannst du mir nicht ein bißchen sagen, was die Tante hinter der Tür alles für mich aufbaut?«

»Eine Rute.«

»Hahaha«, lachte Pommerle, »eine Rute ist doch nur für ganz kleine Kinder!«

»Einen großen Zettel in großem Rahmen, so wie ein Bild. Das sollst du dir über dein Bett hängen. Auf diesem Zettel steht: ›Sei ordentlich‹.«

»O je«, meinte Pommerle kleinlaut, »ich denke, ich bekomme doch noch was anderes. Weißt du, Anna, was ich furchtbar gern haben möchte? Einen Roller.«

»Was willst du denn damit anfangen? Jetzt liegt doch draußen alles voll Schnee. Da kannst du den Roller gar nicht brauchen.«

»Ich fahre damit durch die Stuben.«

»Na freilich, da werde ich dich jagen. Ein Roller ist doch nichts für die Zimmer.«

»Wenn ich ihn erst habe, werden wir uns schon darüber einigen«, meinte die Kleine. »Anna, bist du nun bald fertig?«

Die Klingel schlug an.

»Das ist der Jule!« rief Pommerle erfreut, eilte in den Hausflur hinaus, um zu öffnen.

Es war wirklich der Jule. Pommerle stemmte die Arme in die Hüften und schaute den Spielgefährten lange an. Jule hatte sich heute sehr fein gemacht. Am heutigen Heiligen Abend war um fünf Uhr Schluß mit der Arbeit gewesen. Zur Bescherung war der Jule zu Benders eingeladen; nun war der junge Lehrling gekommen und glühte vor Erwartung. Daß er von Benders beschenkt werden würde, stand natürlich fest, sonst hätte man ihn doch nicht eingeladen.

»Oh, bist du fein!« staunte das kleine Mädchen.

Den dunkelblauen Anzug trug der Jule freilich nicht oft. Das war sein bestes Stück, das mußte geschont werden. Sogar einen Schlips hatte er umgebunden, genau so wie der Onkel.

»Du gefällst mir«, sagte Pommerle. »Au, Jule, ich habe dir was Feines zu Weihnachten gemacht.«

»Und ich schenke dir das Allerschönste, was es gibt.«

»Was denn?«

»Es sieht grau aus.«

»Einen Handball?«

»Nein. – Es hat Beine und einen Schwanz.«

»Wird wohl eine Maus sein«, meinte Anna. »Der Jule hat doch nichts als Flausen im Kopfe.«

»Sag' doch, was schenkst du mir?« drängte Pommerle.

»Ich schenke es nur dir«, meinte Jule. »Ich möchte es eigentlich gern selber behalten, aber es geht nicht. Ich muß es fortgeben. Der Meister hat einen Hund, und der kann das, was ich dir schenke, nicht leiden.«

»Schenkst du mir – schenkst du mir dein Grauchen?« Pommerle zitterte vor Erregung. Der Jule hatte eine große, graue Katze, oh, eine so wunderschöne Katze. Als seine Mutter noch lebte, hatte er schon immer von dem Grauchen erzählt. »Schenkst du mir das Grauchen?«

»Ja, nicht gern, aber ich schenke es dir doch, weil du es eben bist. – Schenkst du mir auch was?«

»Ja, auch was Graues.«

»Was ist es denn?«

»Ich verrate gar nichts, es ist doch eine Überraschung. Aber wenn du tüchtig an die Hände frierst, wird es dich wärmen.«

»Ach so«, meinte Jule gedehnt, »Handschuhe ziehe ich aber nie an, daraus mache ich mir nichts.«

»Ach was, Handschuhe, es ist was viel Schöneres.«

»Dann werden es eben Strümpfe sein.«

»Aber, Jule, die zieht man doch nicht über die Hände. – Anna, strick' schnell, es wird gleich losgehen mit der Bescherung.«

Jule stellte sich neben Anna, schaute dem fleißig strickenden Mädchen zu.

»Sie soll es noch fertigmachen«, sagte Pommerle. »Ich möchte so gern, daß es fertig wird, aber es fehlt das untere Ende.«

»Steck doch einen anderen Strumpf durch«, meinte Jule.

»Wie denn?«

»Wenn ich die Strümpfe sehr zerrissen hatte und dann alle Zehen 'rausguckten, habe ich ein anderes Paar daruntergezogen. Da sah man nicht mehr, daß Löcher darin waren.«

»Anna, wollen wir uns ein Paar Strümpfe holen und sie durchstecken?«

»Das ist ja alles Unsinn«, meinte Anna. »Wir werden doch den guten Onkel nicht zum Heiligen Abend betrügen.«

»Geht's denn noch immer nicht los?« fragte der Jule ungeduldig. »Ich denke, ihr wolltet um sechs Uhr bescheren. Nun ist es schon sechs.«

»Komm, wir wollen mal klopfen gehen.«

Beide schlichen an die geheimnisvolle Tür. Pommerle klopfte zuerst leise, dann immer lauter an.

»Nun ist es sechs Uhr, nun muß es losgehen!«

»Nur Geduld«, klang es von innen heraus. »Ist der Jule schon da?«

»Ich warte schon so lange!«

»Nun, dann wartest du eben noch ein Weilchen, Jule. Singt inzwischen noch einige Weihnachtslieder, daß ihr sie nachher auch gut könnt.«

»Komm nur«, meinte das Kind seufzend. »Es nützt nichts. Wir wollen uns vor die große Uhr in der Wohnstube setzen und auf die Zeiger aufpassen. Dabei wollen wir was singen. – Anna, du strickst doch recht fleißig?«

Hand in Hand gingen die beiden Kinder ins Wohnzimmer hinüber und stellten sich vor die große Uhr, die schon fünf Minuten über sechs zeigte.

Pommerle lief ungeduldig im Zimmer umher. Die Ungeduld wuchs mehr und mehr. Schließlich begann es doch zu singen: »O du fröhliche, o du selige. – Jule, du sollst mitsingen!«

Gemeinsam begann man das Lied von vorn. Aber schon nach der ersten Zeile hielt Pommerle inne. »Was hast du denn eben gesungen, Jule?«

»Nun, das Weihnachtslied.«

»Sing doch mal allein.«

Da sang der Jule los: »O du fröhliche, o du selige, gabenbringende Weihnachtszeit.«

Das Kind lachte. »Du kannst ja nicht mal das Weihnachtslied. Ach, Jule, bist du dumm!«

»Wenn es nun nicht bald losgeht, trage ich meine Geschenke wieder nach Hause. – Weißt du was, Pommerle, bei mir ist eben jetzt Bescherung. Ich hole dir das Grauchen.«

»Wo ist es denn?«

»Nun, das habe ich auch schon der Frau Professor gebracht. Jetzt sitzt es auch in der Weihnachtsstube. Aber sie soll es mir wieder 'rausgeben.«

»Und meine Pulswärmer liegen auch auf deinem Platz.«

»Ach so, Pulswärmer. – Na ja, die kann ich gut brauchen.«

Gerade als die große Standuhr ausholte, um die erste Viertelstunde nach sechs zu schlagen, ertönte die Glocke, die die beiden Kinder und Anna, das Hausmädchen, in die Weihnachtsstube rief. Auch Frau Krause, die Aufwärterin, hatte sich inzwischen eingefunden, denn auch für sie war im Benderschen Hause ein Gabentisch aufgebaut worden.

Jule und Pommerle stießen mit den Köpfen in der Tür heftig zusammen, jeder wollte zuerst im Zimmer sein.

Da stand der große Weihnachtsbaum mit seinen strahlenden Lichtern, im Gold- und Silberschmuck. Zwischen den Zweigen leuchteten rote Äpfel und braune Pfefferkuchen. Während Jule mit den Augen seinen Platz suchte, stand Pommerle wie gebannt in den Anblick des schönen Baumes versunken. Was war das für eine Pracht! Sogar in diesem Augenblick dachte es kurz an Sabine. Sie sagte zwar, sie könne durch das Herz sehen, aber es war wohl doch nicht möglich, daß sie den Weihnachtsbaum in all seinem strahlenden Glanz erkannte.

Aber die Gedanken des Kindes wurden sehr bald abgelenkt durch das Freudengebrüll, das der Jule ausstieß.

»Oh, juhu – fein – das ist 'ne Kiste! Oh, Hurra! Jetzt geht es in die weite Welt. Gehört es wirklich mir? Mir ganz allein? Oh – oh – uff!«

Jule stand vor einem Fahrrad. Er strahlte vor Glück und Wonne. Es war kein neues, blitzblankes Rad, man sah es ihm an, daß es wohl schon oftmals benutzt worden war; aber der Jule kniete neben dem Rad nieder, streichelte die Speichen, die Pedale, alle Stangen; und ehe Professor Bender, der lächelnd dem Treiben des Knaben zusah, es hindern konnte, hatte sich der Jule aufgeschwungen. Er wollte sicherlich nicht fahren, aber in seiner Freude trat er auf die Pedale. Im nächsten Augenblick fuhr Jule geradeswegs in den Weihnachtsbaum hinein.

Herr und Frau Bender sprangen rasch hinzu, um ein Unglück zu verhüten. Es lief auch alles gut ab, obwohl der Baum bedenklich schwankte. Aber der Jule lag auf der Erde. Er war sichtlich erschrocken.

»Aber, Jule, was machst du denn?«

Der Knabe konnte vor Verwirrung nicht antworten. In seinen Gedanken tobte der Sturm der Freude: »Ich habe ein Rad, ich habe ein richtiges Fahrrad!«

Pommerle stand vor seinem Gabentisch und war ebenfalls überwältigt von all den schönen Geschenken. In einem Körbchen lag ganz ruhig eine große, graue Katze. Es schien, als ließe sie sich durch all den Glanz und Lärm nicht stören.

»Grauchen, mein liebes Grauchen!«

Doch lange konnte sich Pommerle mit dem Tier nicht aufhalten, denn vor dem Tische stand etwas, das dem Kinde ebenfalls helles Jubelgeschrei entlockte: der Roller.

Jule hatte ein Fahrrad bekommen; er strahlte vor Glück und Wonne.

»Oh – uh – herrlich!«

Und plötzlich rollte auch Pommerle durch das Zimmer und wurde noch im letzten Augenblick von den Armen des Onkels aufgehalten, sonst wäre der Weihnachtsbaum abermals in Gefahr gekommen.

»Darf ich jetzt gehen?« fragte Jule.

»Aber, Jule, wir haben noch nicht einmal ein Weihnachtslied gesungen.«

Er stand an seinem Rade und hielt es mit beiden Händen fest. Er schien wohl zu fürchten, daß man ihm diesen kostbaren Schatz wieder entreißen könnte.

»Nun wollen wir zuerst ein schönes Lied singen.«

»Darf ich dazu das Grauchen in den Arm nehmen?«

»Laß die Katze nur im Körbchen liegen, sie ist zu schwer für dich.«

Frau Bender setzte sich ans Klavier; man begann zu singen: »Stille Nacht, heilige Nacht.« Andächtig sang Pommerle mit, aber die erste Strophe war noch nicht beendet, als Jule schon wieder mit dem Rade gegen die Tür fuhr. Er hatte nochmals einen kleinen Aufschwung gewagt und bekam selbst einen Schreck, als das Fahrrad mit ihm davonlief.

Professor Bender hob warnend den Finger. Da stellte Jule beschämt das Rad an seinen Platz zurück.

Nachdem das Lied beendet war, meinte der Jule:

»Ich habe nun zuviel der Güte genossen, ich glaube, ich muß nun heim.«

»Nein, Jule, nachher essen wir alle zusammen Abendbrot.«

»Ich habe gar keinen Hunger, ich bin mächtig satt.«

»Ganz gleichgültig, wir bleiben heute abend zusammen.«

Dann kam Pommerle mit seinen Geschenken. Bei der Tante war es sehr stolz. Strahlend überreichte es ihr die neuerstandene kleine Kommode. Dann kam der Onkel an die Reihe. Erst gab Pommerle den einen Strumpf, dann hielt es den zweiten hin, wobei es den Arm über die Nadeln deckte.

»Einer sieht wie der andere aus, Onkel. Begucke dir nur den anderen recht genau.«

Der gutmütige Professor stellte sich auch tatsächlich so, als sähe er die Nadeln darin nicht. Er hatte von der Hundetragödie gehört und wußte um des Kindes Kummer.

Die Kleine hing geschickt den noch unfertigen Strumpf über die Tischkante, legte den anderen darauf und flüsterte Anna glückselig an:

»Du, er hat nichts gemerkt!«

Dann brachte Frau Bender für Pommerle einen reizenden geflochtenen Nähkorb.

»Sieh her, mein liebes Kind, den schenkt dir Sabine. Sie hat ihn selbst geflochten – für dich.«

»Oh, ist der herrlich! Nun kann ich den ganzen Tag nähen. Und wenn ich mit meinem schönen Roller einen Ausflug mache, setzen wir uns dann ins Grüne und nähen. – Wie schön wird das sein! Der Jule fährt auf dem Rade – und ich auf dem Roller immer neben ihm her.«

Jule hantierte schon wieder bedenklich mit seinem Fahrrad herum. Mit dem einen Fuß stand er ständig auf dem Pedal.

Professor Bender trat zu dem Knaben.

»Dein Meister hat mir in letzter Zeit viel Gutes von dir gesagt, mein lieber Junge. Da habe ich mir gedacht, daß ich solch einem braven Lehrling auch einmal eine recht große Freude machen will. Wie du siehst, ist das Rad nicht neu. Es ist mein eigenes Rad. Auf ihm habe ich so manchen schönen Ausflug unternommen. Es ist nicht so modern ausgestaltet wie die Räder, die die heutige Jugend fährt, aber das ist auch nicht nötig, Jule. Dir wird auch dieses Rad viele frohe Stunden bereiten. Kannst du dir erst dein Geld selber verdienen, dann darfst du dir ein schönes modernes Rad kaufen. Vom selbstverdienten Geld, mein Junge! Ich hoffe, daß du auch mit dem alten Rade zufrieden bist.«

Der Jule wußte nichts darauf zu antworten. Er war etwas verlegen, er war aber auch überglücklich, und, ohne zu wissen, was er tat, saß er schon wieder oben. Er fuhr den armen Herrn Professor kräftig an, daß dieser beinahe gestürzt wäre, wenn er sich nicht an der Lenkstange festgehalten hätte.

»Jule, Jule, du bist unverbesserlich! Aber das sage ich dir, wenn du mir im Zimmer etwas entzweifährst, nehme ich dir das Rad in den Weihnachtsfeiertagen fort.«

Erschrocken ließ der Jule das Rad los.

»Pommerle, um Himmels willen!«

Das Kind war mit dem Roller in den großen Spiegel gefahren, aber glücklicherweise nicht in die Scheibe, sondern nur an den Rahmen.

»Nun ist's genug«, sagte Frau Bender. »Roller und Rad werden nicht mehr angerührt. Wir gehen jetzt hinüber zum Essen. Aber vorher wird noch ein Weihnachtslied gesungen.«

Da klang das schöne Lied vom »Tannenbaum« auch schon durch das Zimmer. Der Jule hatte wenig Interesse für den geschmückten Baum, er blickte verzückt nach seinem Rade, während Pommerle glücklich das Grauchen und die neue Puppe abwechselnd streichelte. Der Jule mußte mehrfach ermahnt werden, mitzusingen. Das Fahrrad füllte seine Gedanken vollständig aus.

Dem Jule wollte es heute nicht recht schmecken, obwohl er Besseres erhielt als das, was er bei Meister Reichardt vorgesetzt bekam.

»Ob der Meister nicht auf mich warten wird?« sagte er. Der Meister wartete bestimmt nicht. Aber der Jule wollte zu gern das Rad probieren. Das Stillsitzen bei Tische war fürchterlich. Und plötzlich begann er unter dem Tisch taktmäßig zu treten. Er bildete sich ein, er sitze auf seinem wunderschönen Rade. Schneller, immer schneller.

Bum – bum – bum. Der erregte Jule schlug mit den arbeitenden Knien gegen die Tischplatte und kam durch diese Geräusche erst wieder zur Vernunft. Er wurde dunkelrot vor Verlegenheit.

»Ist das aber ein komischer Tisch«, meinte er, »so niedrig.«

Benders sagten nichts dazu. Nur als Pommerle plötzlich mit den Händen vom Teller ein Stückchen Fleisch nahm und in die Tasche verschwinden ließ, fragte die Tante:

»Was machst du denn da, Pommerle?«

»Ich will dem Grauchen nachher den Weihnachtsbraten bringen.«

»Und da steckst du das fettige Fleisch in die Kleidertasche?«

Das Kind holte das Stückchen Fleisch wieder heraus und legte es auf den Teller. »Nun ja, Grauchen kann auch vom Teller essen.«

Abermals schlug des Jules Knie dröhnend gegen den Tisch.

»Ich kann wirklich nicht mehr essen«, meinte der Knabe. »Ich bin bis oben in den Hals hinein vollgestopft.«

Aber er mußte warten, bis man fertig gegessen hatte.

»Nun möchte ich gehen, es wird sonst zu spät.«

»Meinetwegen, nun gehe«, meinte Professor Bender. »Wenn du den heutigen Abend nicht mit uns verleben willst, so gehe heim. Aber nicht mehr zu lange auf den Straßen bleiben und niemanden umfahren.«

Die Kinder drängten zurück ins Weihnachtszimmer. Professor Bender folgte ihnen, denn er hatte Sorge um den Weihnachtsbaum, den Spiegel und die anderen Möbel.

Jule griff nach seinem Rade. »Guten Abend.«

Er ging zur Tür.

»Was soll denn mit deinem bunten Teller werden, Jule?«

»Ach so –«

»Und mit den Pulswärmern und den Strümpfen? Und das Buch siehst du wohl auch nicht?«

»Das hole ich mir morgen ab. – Nun muß ich aber gehen.«

Er hatte die Zimmertür weit geöffnet und schob das Rad hinaus.

»Jule«; klang es hinter ihm her.

»Das hole ich mir alles morgen!« Der Knabe stand schon im Hausflur.

»Komm noch einmal zurück, Jule. Hast du nicht etwas vergessen, mein Kind?«

»Ich habe doch schon gesagt, daß ich mir das andere morgen hole.«

»Nein, Jule, du hast noch etwas anderes vergessen.«

Die Augen des Knaben glitten über den Gabentisch hinweg. Verständnislos schaute er auf den Professor.

»Ach, Jule, du bist doch ein recht undankbarer Knabe. Haben wir dir heute eine Freude gemacht?«

»Na und ob!«

»Und was tust du nun?«

»Ich fahre den ganzen Abend auf den Straßen spazieren«, klang es beglückt zurück.

»Ich lasse dich aber nicht eher fortgehen, Jule, bis dir eingefallen ist, was man tut, wenn man von einem anderen Menschen beschenkt wurde.«

Der Jule schlug plötzlich die Augen zu Boden. Dann faßte er nach der Hand des Professors und sagte stotternd:

»Wenn ich mich eben so furchtbar freue, habe ich an nichts anderes gedacht. Ich danke Ihnen auch sehr schön, Herr Professor, Ihnen auch – na, wo ist denn die Frau Professor? Und dir, Pommerle, danke ich auch. Das Pommerle hat sich ja auch noch nicht bedankt für das Grauchen.«

Das Kind eilte herbei und umschlang den Spielgefährten.

»Wenn auch das Grauchen jetzt bei uns wohnt, Jule, soll dir doch davon die Hälfte gehören. Ach, ich freue mich so!«

»Und ich danke auch schön für die Pulswärmer. Aber nun muß ich fort. Ich danke Ihnen wirklich sehr, Herr Professor. Und morgen komme ich wieder, da fahre ich her. – Ich danke Ihnen, daß ich fahren darf. Ja, wirklich, ich danke Ihnen. – Na, wo ist denn die Frau Professor? Ich will doch endlich losfahren!«

Tante Bender nahm den hochgeschossenen Lehrling in die Arme, klopfte ihm zärtlich auf die Schulter und sagte:

»Möge dir das Rad viel Freude machen, Jule. Nur sei nicht zu übermütig und nimm auf die Fußgänger auch Rücksicht. Betrage dich so, daß das Rad sich deiner nicht zu schämen braucht.«

»Ich werde immer ganz laut klingeln!«

Dann war der Jule fort. Er fuhr schon durch den Vorgarten, mußte an der Gartenpforte freilich absteigen, und ehe er die Straße erreicht hatte, vernahmen Benders noch laute Rufe, die stieß der Jule aus; er mußte seiner großen inneren Freude erst einmal Luft machen. Daß er an diesem Abend noch etwa zwanzigmal am Hause des Professors vorüberfuhr, das wußten Benders freilich nicht, und jedesmal, wenn er die Villa sah, riß der Jule die Mütze vom Kopf, schwenkte sie gegen das Haus und rief:

»Ich danke, ich danke!«

In der Weihnachtsstube war es durch das Fortgehen Jules stiller geworden. Professor Bender und seine Frau saßen auf dem Sofa und riefen ihr Pflegetöchterchen herein.

»Jetzt setze dich einmal zu uns, Pommerle. Der Onkel will dir von einer großen Weihnachtsfreude erzählen, die er uns allen dreien macht. Du wirst es noch nicht recht verstehen, aber du bist ein kluges Mädchen, du mußt jetzt gut aufpassen.«

»Bekomme ich noch was?«

»Ja, Pommerle, wir bekommen eine kleine Tochter, und du bekommst einen Vati und eine Mutti.«

»Einen Vati? – Einen Vater?« fragte das Kind mit bebender Stimme.

»Dein Vater und deine Mutter sind oben im Himmel. Da wurde uns ein Englein auf die Erde gesandt, gerade jetzt, zum Weihnachtsfeste, mit der Nachricht: ›Onkel Bender und Tante Bender, ihr seid immer so allein, und das Pommerle ist auch so allein und hat keine Eltern. Wollt ihr nicht die neuen Eltern vom Pommerle sein?‹«

Das Kind schaute von einem zum anderen.

»Wenn wir nun wollen, so können wir dich, kleines Pommerle, von jetzt ab als unser richtiges Kindchen annehmen. Bis jetzt bist du bei uns immer nur als unser Pflegetöchterchen gewesen. Sage mal, möchtest du nicht gern wieder einen Vati und eine Mutti haben?«

»O ja!«

»Dann wollen wir von heute an dein Vati und deine Mutti sein, nicht mehr Tante und Onkel, sondern dein zweiter Vater und deine zweite Mutter.«

»Solche Stiefeltern, wie sie die Ilse hat?«

»Eltern, die treu für dich sorgen wollen, mein Kind, die alle Elternrechte über dich haben. Das kannst du noch nicht verstehen. Aber das eine sollst du wissen, daß du in uns nun wieder deinen Vater und deine Mutter sehen sollst. Nun sage, mein liebes Kind, willst du uns von nun an ›Vati‹ und ›Mutti‹ nennen?«

»Vati – Mutti«, sagte Pommerle leise und überlegend, und nach einer Pause nochmals: »Vati – Mutti!« Und plötzlich schlang das Kind seine kleinen Arme um Tante und Onkel: »Vati – Mutti!« rief es laut. »O ja, ich will wieder einen Vati haben und eine Mutti, wie sie die Sabine hat. Sie hat mir gesagt: Kinder, die noch Eltern haben, die sind furchtbar glücklich. – Bleibt ihr nun immer mein Vati und meine Mutti, bis ich groß und alt bin?«

»Solange wir leben, wollen wir es dir sein.«

»Und der Jule?«

»Der Jule ist unser junger Freund, für den wir nach Möglichkeit sorgen wollen, Pommerle.«

»Vati – Mutti –, nun habe ich zu Weihnachten neue Eltern bekommen. Ich denke, das ist sehr schön. – Ach, Tante, daß du jetzt meine Mutti bist, ach, Tante, das ist herrlich!«

Gegen zehn Uhr mahnte Frau Bender zum Schlafengehen.

»Darf ich das Grauchen mitnehmen?« fragte Pommerle.

»Wir wollen das Grauchen nicht daran gewöhnen, daß es in deinem Zimmer schläft. Grauchen würde sich nicht glücklich fühlen, Grauchen bekommt ein schönes Lager, ganz nach seinem Geschmack.«

»Na ja«, meinte Pommerle, »da brauche ich in der Nacht nicht Angst zu haben, daß es das Kopfkissen zerreißt. – Oh, Tante Mutti, ich bin ja so glücklich! Ich habe nun einen Roller, ein Grauchen, eine Mutti, eine neue Puppe und einen Vati! Habe ich aber viel bekommen, viel mehr, als ich mir gedacht habe. Aber weißt du, Tante, ich habe doch immer ein bißchen gehofft, daß ich den Roller bekomme. Sage mal, freust du dich eigentlich über die Kommode?«

»Aber natürlich, die will ich mir nach den Feiertagen auf den Nähtisch stellen.«

»Freust du dich auch, Onkel Vati, über die neuen Strümpfe?«

»Ja, die werde ich sehr bald anziehen.«

»Warte lieber damit noch ein wenig, Onkel Vati. Erst wenn es ganz kalt geworden ist, kannst du sie anziehen.«

Als Pommerle im Bettchen lag, nahm es sich vor, recht bald den zweiten Strumpf für den neuen Vati fertigzustricken. Und noch im Einschlafen murmelte der kleine Mund:

»Ich bin ja so glücklich!«

Was Pommerle am Sonntag erlebte

»Lauf schnell einmal zum Kaufmann, Pommerle, und hole zwei Pfund Zucker und sechs Eier. Hier hast du Geld. Beeile dich, ich brauche alles sehr notwendig.«

Pommerle fuhr hastig in den Mantel, setzte die blaue Mütze auf und griff nach dem Roller, um möglichst schnell den Auftrag auszuführen. Auf dem Roller kam man doppelt so schnell vorwärts. Die Tante brauchte dann nicht lange auf die Sachen zu warten.

Der Kaufmann wohnte nicht weit. Pommerle erstand die Eier und den Zucker, klemmte die Tüte fest unter den Arm, nahm die Eier behutsam in die Hand, schwang sich auf den Roller, dann ging die Fahrt los.

Plötzlich bremste es heftig. Auf der Straße lag ein Hufeisen. Ein Hufeisen war immer die Sehnsucht des Kindes gewesen, seitdem der Vati geäußert hatte, er habe in letzter Zeit recht wenig Glück. Pommerle hatte in der Schule gehört, ein Hufeisen bringe Glück, und auch der Jule hatte gesagt, wenn man ein Hufeisen über sein Bett hänge, könne einem nichts mehr zustoßen.

Das Hufeisen! Pommerle war mit einem Satz vom Bürgersteig herunter, schwang sich erneut auf den Roller, bremste geschickt gerade vor dem Hufeisen – im nächsten Augenblick stieß es mit dem Kopfe gegen den Kopf eines Knaben, der im vollen Lauf auf das Hufeisen zugestürzt kam.

Einige Augenblicke flimmerte es vor den Augen des Kindes, es fuhr mit der Hand an die schmerzende Stirn, irgend etwas fiel zur Erde.

»Au!« sagte Pommerle.

»Dumme Trine!«

Und dann stand neben Pommerle noch ein dritter, ein viel größerer Knabe. Pommerle hörte ihn laut lachen. Noch immer rieb das Kind die Stirn. – Endlich war der Schmerz ein wenig überwunden.

»Wo hast du denn das Hufeisen?« sagte der Knabe. »Gib es her!«

»Das Hufeisen gehört mir«, meinte Pommerle. Das Kind sah sich um. Von dem Hufeisen war nichts zu sehen. Dagegen sickerte aus einer Tüte eine gelbe Flüssigkeit heraus.

»Der Steiner hat das Hufeisen genommen!« Der kleinere Knabe schrie es hinter dem davoneilenden größeren Knaben her.

Pommerle stimmte ein. »Gib das Hufeisen wieder her!« Trotz der schmerzenden Stirn schwang es sich wieder auf den Roller, um den Dieb einzuholen. Der aber schwenkte das gefundene Eisen hoch in der Luft und verschwand um die nächste Straßenecke.

Pommerle kehrte an die Stelle des Unfalls zurück. Jetzt erst sah es, daß nicht nur die Eiertüte, sondern auch der Zucker auf die Straße gefallen und beide Umhüllungen geplatzt waren.

Das Kind war entsetzt. Es stimmte schon, was der Jule sagte. Ohne ein Hufeisen hatte man kein Glück.

»Das Hufeisen«, klagte es, mitten auf dem Damm stehend. Es begann, in die geplatzte Tüte den Zucker hineinzufüllen. Erst im letzten Augenblick hörte es das laute Schimpfen eines Fuhrmannes, der gerade noch sein Pferd zum Stehen bringen konnte. Das Kind sprang entsetzt zur Seite. Der Wagen fuhr wieder weiter.

»Meine Eier – meine Eier!«

Aber es war zu spät. Das eine Rad des Wagens rollte durch den gelben Brei, Tüte und Eier waren völlig zermalmt.

Da stand das Pommerle im Rinnstein, an seinen Roller gelehnt, den Zuckerrest in dem Stück Papier, und war so unglücklich, daß es nicht heim wollte. Und wie es nun immer ist, ein Unglück kommt selten allein. Aus einem der Nebenhäuser goß ein Mädchen, das soeben das Schaufenster putzte, den Wassereimer in den Rinnstein, und Pommerles Stiefelchen waren sehr bald von der schmutzigen Flut umspült. Es sprang auf. Da fiel auch noch der letzte Rest des Zuckers in das Wasser und wurde fortgeschwemmt.

Sehr gedrückt kehrte es ins Haus zurück. Die Tante kam ihm schon entgegen.

»Gib schnell her, mein Kind!«

»Ach, was du denkst, das ist nicht. Das Hufeisen ist schuld daran, und der Kutscher ist über die Eier gefahren, und der Zucker liegt im Rinnstein.«

»Aber, Pommerle, was ist denn schon wieder los? Was hast du denn an der Stirn? Das gibt ja eine große Beule.«

»Da siehst du eben, der Vati und ich, wir haben beide kein Glück.«

Anna wurde nochmals zum Kaufmann geschickt. Inzwischen rieb Frau Bender dem Kinde die Stirn ein. Aber sie konnte es doch nicht verhindern, daß Pommerles Stirn eine große Beule zeigte.

Jule tröstete die Kleine am Abend.

»Wenn du ein Hufeisen haben willst, dann gehen wir am Sonntag zum Schmied. Der hat viele. Dann kannst du es deinem Onkel bringen.«

»Dem Vati.«

»Ach was, dem Onkel, dem Professor!«

»Das verstehst du nicht, Jule. Der Vati hat gesagt, er ist jetzt mein Vati, und darum ist er es auch. Aber zum Schmied komme ich mit.«

»Ich fahre 'raus, und du kannst hinterherkommen. Es ist ja nicht weit. Gleich hinten am Bober.«

»Kann ich nicht hinten aufsitzen?«

»Ja, das kannst du.«

Am Sonntag drängte das Kind, es müsse mit dem Jule eine geheimnisvolle Besorgung machen.

»Es ist wohl besser, mein Kind, du sagst uns zuerst, was du tun willst.«

»Der Mutti kann ich es sagen, aber der Vati darf es nicht wissen. Der Jule meinte, man müßte damit überrascht werden, sonst hilft es nicht.«

Frau Bender erfuhr von dem Geheimnis, und da der Schmied nur eine Viertelstunde entfernt wohnte, gab sie die Erlaubnis, daß die beiden Kinder ein Hufeisen holten.

Sehr stolz kam der Jule am Hause vorgefahren. Er benutzte sein Fahrrad bei jeder Gelegenheit. Erst kürzlich mußte ihm der Meister verbieten, daß er mit dem Rade von der Wohnung zur Werkstatt hinüberfuhr, die kaum zwanzig Schritte entfernt war. Mußte der Jule sein Rad einmal irgendwo stehenlassen, so kettete er es dreimal fest, damit ihm ja keiner seinen großen Schatz stehle. In jeder Tasche hatte er eine Sicherheitskette und ein mächtiges Schloß daran.

»Aber vorsichtig sein, Kinder«, mahnte Frau Bender. »Jule, wirf mir das Pommerle nicht um!«

»Wäre ja gelacht«, meinte der Jule. »Ich kann schon fahren, ohne daß ich die Hände auf die Lenkstange lege.« Mit diesen Worten schwang er sich aufs Rad, steckte die Hände in die Hosentaschen und fuhr Frau Bender eine Runde vor.

»Wenn aber das Pommerle mit drauf ist, machst du mir solche Sachen nicht, Jule.«

»Sie brauchen keine Sorge zu haben, Frau Professor. Ich weiß doch, wie man mit kleinen Mädchen umgehen muß.«

Die Schmiede war bald erreicht. Jule brachte sein Anliegen vor, und der Meister war lachend bereit, dem Kinde ein Hufeisen zu geben.

»Ein recht großes und recht dick. Je dicker, um so mehr Glück hat dann der Vati.«

»Kannst es dir selbst aussuchen. Drüben in der Ecke liegt ein ganzer Haufen.«

»Darf ich dann gleich zwei nehmen? Eins für den Vati und eins für die Sabine.«

»Jawohl, das darfst du.«

Pommerle suchte die beiden größten aus, bedankte sich artig bei dem Meister und sagte: »Du wirst ja genug Glück haben, Meister, du hast so viele Hufeisen, da kommt das Unglück nicht über deine Schwelle.«

»Ich habe auch Glück, mein Kind, ich bin gesund, habe Arbeit, mein gutes Brot und liebe Kinder.«

»Hast recht, Meister, du bist gesund und wohlgemut, und das ist wohl das größte Gut.«

»Ei, ei, kleines Pommerle, so ist es richtig. Da weißt du ja etwas recht Schönes.«

»Ich weiß auch noch mehr. Zur Arbeit, nicht zum Müßiggang, hat mich der Herr geschaffen.«

»Auch das stimmt, kleines Mädchen. Denke nur immer daran, dein ganzes Leben lang.«

»Steige nun endlich auf«, sagte der Jule. »Wollen wir noch etwas weiter fahren? Am Bober entlang?«

»Es könnte nichts schaden.«

»Ist dir auch nicht kalt?«

»O nein, es zwickt wohl etwas im Gesicht und an den Händen, aber das ist nicht schlimm.«

Sie fuhren los. Pommerle fand es herrlich. Sie hatte volles Vertrauen zu Jule und ängstigte sich auch nicht, als ihr Jule zeigte, daß er ohne Hände fahren könne. Das Rad schwankte zwar mitunter recht bedenklich, aber es gelang Jule doch immer wieder, das Gleichgewicht zu halten.

Endlich ging es in raschem Tempo heim. Plötzlich mäßigte Jule die Geschwindigkeit. Ein Hund jaulte gar jämmerlich. Dazwischen vernahm man zornige Stimmen.

Wieder schrie der Hund auf. Anscheinend bekam er Schläge. Und nun kamen zwei Burschen aus dem Walde heraus, die hatten einen Hund an der Leine und trieben ihn mit Schlägen dem Boberufer zu.

Mit einem Satz war der Jule vom Rade herunter. Wenn man einem Tier ein Leid antat, drehte sich in Jule alles um. Schon stieg ihm dunkle Röte in die Stirn. In dem einen Knaben erkannte er seinen früheren Mitschüler, den um zwei Jahre älteren Robert Scholz.

»Scholz Robert, was fällt dir ein, den Hund zu schlagen!«

Daß Pommerle bei seinem Abspringen fast vom Rade gefallen wäre, kümmerte Jule im Augenblick nicht. Er vergaß sogar für Sekunden sein kostbares Geschenk.

»Was zerrst du denn den armen Hund?«

»Wir wollen ihn ersäufen.«

»Ihr seid wohl verrückt!«

»Wir mögen ihn nicht mehr. Er ist häßlich und schmutzig.«

»Das ist er freilich«, stellte der Jule fest, indem er auf den unsauberen und ungepflegten Hund schaute. »Kann der Hund dafür? Denkst du vielleicht, du bist hübscher? Bist auch dreckig. Jetzt laß den Hund los!«

Statt einer Antwort versetzte Robert Scholz dem Hund einen weiteren Schlag mit dem Stecken.

In der nächsten Sekunde war der Jule auf den einstigen Schulkameraden losgesprungen, hatte ihm den Stock aus der Hand gerissen und verabfolgte ihm einen kräftigen Schlag.

»Daß du weißt, wie das tut!« Dann knickte er den Stock über dem Knie in kleine Stücke.

»Dich geht das gar nichts an«, sagte der andere. »Der Hund gehört uns, wir können mit ihm machen, was wir wollen.«

Angstvoll war Pommerle näher gekommen. »Warum soll denn der süße Hund totgemacht werden? So ein lieber Hund.«

»Weil er häßlich ist, wir wollen ihn nicht mehr.«

»Oh, du bist doch aber auch häßlich«, meinte das Kind. »Wenn dich deine Mutter auch ins Wasser werfen wollte! Laß doch den lieben Hund in Ruhe.«

»Wenn du den Hund noch einmal schlägst«, rief der Jule wild, »sollst du aber was erleben! Dann haue ich dich so zusammen, daß dir Hören und Sehen vergehen soll. – Jetzt laß den Hund los!«

Der Größere suchte einen Stein, um ihn dem Hunde um den Hals zu binden.

Pommerle schrie angstvoll auf. »Der liebe Hund darf nicht sterben, es ist ein lieber Hund.« Das Kind kniete neben dem verängstigten Tier nieder, das Pommerle zunächst anfletschte, sich dann aber ruhig streicheln ließ.

»Du lieber, schmutziger Hund«, meinte Pommerle, »häßlich bist du ja, aber gut bist du doch. Die alte Krausen ist auch häßlich, aber sie ist gut, und niemand wird ihr was tun.«

Wieder hatten sich Jule und Robert angepackt, sie rauften zusammen und wälzten sich schließlich am Boden. Jule merkte, daß er unterliegen würde.

»Rübezahl«, schrie er laut, »du willst nicht, daß man Tiere quält! Rübezahl, komm!«

»Laß den Jule los!« rief Pommerle, und kurz entschlossen schlug es mit beiden Fäusten auf den anderen ein. Nun kam aber der Größere seinem Gefährten zu Hilfe, versetzte dem Kinde einige kräftige Schläge und riß es von den sich Balgenden zurück.

»Rübezahl!« schrie der Jule laut.

»Was ist denn hier los?«

Es war ein Spaziergänger, der von dem Lärm aufmerksam geworden war. Jule zeigte arge Kratzwunden im Gesicht, Pommerle hatte den Strumpf heruntergezogen und rieb das blutende Knie.

»Sie schlagen den lieben Hund und wollen ihn ins Wasser werfen, nur weil der Hund häßlich ist.«

Da geschah etwas ganz Merkwürdiges. Der Hund kam zu dem weinenden Kind, legte seinen Kopf in Pommerles Schoß und sah es mit seinen treuen Augen vertrauensvoll an.

»Nun bittet er, ihr sollt ihm wieder gut sein und ihm das Leben lassen. Ja, du lieber Hund, du brauchst nicht zu sterben. – Willst du mit mir kommen?«

Der Spaziergänger wollte Aufklärung haben. Da schrie der Jule los. Aber auch der andere verteidigte sich. Und so war es für den Herrn schwer, etwas zu verstehen.

»Schenkt mir den Hund«, sagte Pommerle weinerlich, »ich schenke euch auch eins meiner Hufeisen oder was anderes. Aber ich möchte nicht, daß der Hund ins Wasser kommt. – Nicht wahr, du süßes Hundchen, du gehst mit mir? Daheim hast du auch eine Spielgefährtin, eine Katze. Du kannst doch Katzen gut leiden, kleines Tierchen?«

Der Herr schlichtete schließlich den Streit. Mürrisch erklärten sich die beiden Burschen bereit, den Hund zu verschenken.

»Es ist ja gar kein Hund, es ist eine Hündin. Wir mögen sie nicht mehr. Sie hat Ungeziefer und bekommt Junge.«

»Dir streiche ich es noch mal an!« rief der Jule erbittert. »Komm du nur in meine Nähe, ich schlage dich mit meinem ersten gehobelten Brett vor den Kopf. – Einen Hund so zu quälen. Komm du mir nur in den Weg, du Lümmel – du Mörder!«

Der Jule redete sich immer mehr in Wut, und plötzlich stürzte er sich erneut auf den Robert. Ehe sich der zur Wehr setzen konnte, hatte er von Jule einige kräftige Ohrfeigen erhalten.

»Dich müßte ich in den Bober schmeißen, dir müßte ich einen Stein um den Hals hängen.«

»Schäme dich«, sagte der Herr. »Und nun geht ihr auseinander, sonst liegt ihr beide im Wasser.«

Auch der Robert schimpfte weidlich, doch der andere gab ihm nichts nach. Pommerle saß noch immer auf dem kalten Boden, hatte den einen Arm um den Hund geschlungen und liebkoste das Tier.

»Wenn du kleine Hundchen bekommst, lege ich dich in ein schönes Körbchen und passe gut auf, daß dir keiner was tut.«

»Kleines Mädchen, so stehe doch auf, du wirst dich erkälten. Der Hund geht schon von selbst mit dir.«

Jetzt erst merkte Pommerle, daß es sehr fror.

»Und jetzt marsch, macht, daß ihr heimkommt. Erst geht ihr fort, mit den beiden bleibe ich noch ein Weilchen zurück, sonst gibt es erneut eine Keilerei.«

Immer vor sich hin brummend, ging der Jule zu seinem Fahrrad.

»Und das Hundchen?« fragte Pommerle.

Den Hund konnte man freilich nicht mit aufladen.

»Dann gehen wir eben alle drei zu Fuß«, meinte der Jule. »Oder ich fahre ganz langsam neben euch her.«

Er stieg auch wirklich auf, wandte sich dann aber nochmals um.

»Na warte nur, wenn ich dich treffe. Den Rübezahl will ich an jedem Tage darum bitten, daß du auch mal in den Bober geworfen wirst. Er wird mir den Wunsch schon erfüllen. – Du niederträchtiger Lümmel! – Pfui, so ein Kerl, pfui – pfui – pfui!«

Einige Augenblicke überlegte Jule, ob er nicht doch noch einmal umkehren und den Robert kräftig anfahren sollte. Das wäre ein Triumph gewesen. Aber er begnügte sich schließlich damit, noch aus der Ferne seine lauten Pfuirufe ertönen zu lassen.

Der Hund wandte sich nicht mehr nach seinen Peinigern um. Er trottete ruhig neben Pommerle her, das sich so glücklich fühlte, das häßliche, unsaubere Tier vor dem Tode gerettet zu haben. Vati und Mutti würden gewiß nichts dagegen haben, daß es sich ein liebes Hundchen mit heimbrachte. Man würde dar Tier baden und immer gut abbürsten, dann würde sehr bald aus dem alten struppigen Köter ein schönes, sauberes Hündchen werden, das jedermann lieb hatte.

»Wirst du dich auch mit Grauchen vertragen?«

»Du Scheusal, na, warte nur, wenn ich dich kriege! Das vergesse ich dir als mein Lebtag nicht.«

»Was willst du denn, Jule?« fragte Pommerle erschreckt.

»Dich verhaue ich noch gründlich!«

»Jule, warum bist du denn so böse?«

»Kann das Vieh denn was dafür, daß es so garstig ist? Dabei sieht er selbst aus wie ein Teufel ohne Hörner. Pfui!«

»Schimpfst du auf den Robert?«

Der Jule redete sich schließlich so in Wut, daß er immer heftiger auf die Pedale trat und bald dem Pommerle entschwunden war. Aber das Kind hatte ja auch nur Gedanken für das liebe Hundchen. Am liebsten hätte es beim Fleischermeister angepocht und um ein Stückchen Wurst gebeten. Aber der Laden war heute, am Sonntag, geschlossen.

Der Jule hatte unterwegs noch ein böses Erlebnis. Er war noch immer voller Groll und schimpfte lustig weiter. Ein alter Herr, der gerade über die Straße gehen wollte, blieb stehen, denn Jule fuhr in gar zu schnellem Tempo an ihm vorbei.

»Mal etwas mehr Vorsicht!«

»Du ekelhafter Lümmel! Dir werde ich es anstreichen! Komm mir nur in die Nähe!«

Der Jule ahnte gar nicht, daß seine Worte von dem alten Herrn gehört worden waren. Er hatte ihn gar nicht angesehen, ihn gar nicht erkannt. Daß es sein eigener, früherer Rektor gewesen war, wußte er nicht. Zu sehr war er mit dem Scholz Robert beschäftigt; er mußte seinem ergrimmten Herzen Luft machen.

Aber der Rektor hatte den Jule erkannt, er wußte, daß Professor Bender ja Jules Vormund war. Schließlich brauchte sich ein alter Herr nicht gefallen zu lassen, daß ihn ein junger Bursche einen ekelhaften Lümmel nannte. Der Rektor beschloß, Klage bei Professor Bender zu führen, und machte sich sofort auf den Weg.

Inzwischen war Pommerle daheim angekommen und zeigte freudestrahlend den Hund.

Frau Bender verzog ein wenig das Gesicht. Der Hund hatte wohl niemals etwas Pflege gehabt. Er war voller Schmutz.

»So ein süßes Tierchen«, meinte das Kind und streichelte zärtlich über das unsaubere Fell.

»Pommerle, was soll mit dem Tier geschehen?«

»Wir wollen es behalten und alle recht liebhaben. Es wird sehr fein sein, wenn das Hundchen mit Grauchen spielt.« Dann lockte Pommerle die Katze herbei.

Sie kam, machte einen krummen Buckel, und auch dem Hunde sträubten sich die Haare.

Ein alter Herr, der gerade über die Straße gehen wollte, blieb stehen, denn Jule fuhr in gar zu schnellem Tempo an ihm vorbei.

»Ihr müßt euch gut vertragen«, sagte Pommerle, »denn ihr gehört jetzt zusammen. Ihr seid nun beide meine Kinder.«

Als aber der Hund heftig zu kläffen begann, nahm Frau Bender die Katze rasch hoch.

»Sie müssen sich erst aneinander gewöhnen, Pommerle. Aber willst du den Hund wirklich behalten?«

»Bitte, bitte, liebe, süße Mutti, so ein niedliches Hundchen habe ich mir schon lange gewünscht.«

Frau Bender fand zwar, daß der Hund gar nicht niedlich war; aber sie gab schließlich nach. Man konnte doch ein Tier, das in aller Kürze Junge erwartete, nicht ertränken. Das war eine Grausamkeit, die sie auch nicht zugab. Was aber wurde dann, wenn die Hündin mehrere Junge warf? Pommerle würde sich über die kleinen Hundchen sehr freuen und sich nicht von ihnen trennen wollen.

Währenddessen saß der Rektor bei Professor Bender und berichtete von Jule und dessen häßlichen Ausdrücken.

»Der Jule wird bald hier sein. Sonntags ißt er bei uns. Ich will ihm ordentlich die Meinung sagen, Herr Rektor.«

Als der Jule dann kam, klärte sich das Mißverständnis sehr schnell auf. Trotzdem bekam er Vorwürfe, daß er noch immer in so ungezogenen Ausdrücken über den Robert Scholz zeterte.

»Nun ist es genug, Jule. Der Robert wird auch einmal seine Strafe bekommen.«

Am Nachmittag verbreitete sich in Hirschberg die Kunde, daß Robert Scholz durch eine Unvorsichtigkeit in den Bober gestürzt sei, doch habe er sich, ohne Schaden zu nehmen, retten können. Jule hörte die Botschaft von Anna, die soeben das Kaffeegeschirr ins Zimmer tragen wollte. Wie ein Besessener sprang er umher.

»Ich danke dir, Rübezahl, oh, du bist doch der Beste! Hättest ihm auch einen Stein um den Hals hängen sollen und ihn dann eine Weile zappeln lassen. Rübezahl, Rübezahl, du bist doch der Beste!«

Da der Jule mit Rufen nicht aufhören wollte, kam Frau Bender erschreckt ins Zimmer geeilt, gefolgt von Pommerle.

»Was ist denn geschehen?«

»In den Bober ist er gefallen«, jauchzte Jule. »So ist es recht, das hat der Rübezahl gemacht.«

»Schämst du dich nicht, Jule? Wie kann man sich darüber freuen, wenn jemandem etwas Böses zustößt?«

»Wenn er einen Hund ertränken will, ist er ein Mörder, ein ganz gemeiner Kerl. Und mit so einem gemeinen Kerl habe ich kein Mitleid. Der Rübezahl hat ihn gestraft.«

Pommerle schaute zu Frau Bender auf.

»Ich will mein süßes Hundchen und mein liebes Grauchen niemals quälen, Mutti. Sie sollen es beide sehr gut haben.«

»Jawohl, Pommerle, wir werden auch deinem Hundchen ein hübsches Lager bereiten, und du wirst dafür sorgen, daß es seine Ordnung hat.«

Tags darauf wurde gemeinsam mit Jule beraten, was das neue Hündchen für einen Namen bekommen sollte. Er betrachtete das Tier prüfend und meinte schließlich:

»Klug sieht das Vieh aus, auch gelehrt. Der muß einen sehr vornehmen Namen bekommen. Wollen wir es ›Professor‹ nennen?«

»Nein«, meinte Pommerle. »Mein Hundchen muß einen schöneren Namen haben.«

Allerlei wurde beraten; immerfort fragte das Kind:

»Möchtest du ›Rumpelstilzchen‹ heißen – oder ›Dornröschen‹? Oder vielleicht ›Leberwürstchen‹?«

Plötzlich schnappte der Hund lustig nach den streichelnden Händen des Kindes.

»Sieh nur, Jule, wie niedlich er schnappt!«

»Du oller Schnapper! Sollst du nach deinem Frauchen schnappen?«

»Natürlich soll er das, schnapp nur immerfort, mein liebes Hündchen! Schnapp – schnapp.« Und wirklich begann der Hund mit dem Kinde zu spielen.

»Schnapp!« Der Hund kam gelaufen. »Oh«, meinte Pommerle entzückt, »jetzt weiß ich, wie ich ihn nenne. Er hört schon auf seinen neuen Namen. ›Schnapp‹ sollst du heißen, mein süßes Hundchen. Hast du verstanden? Schnapp!«

Schweifwedelnd sprang das Tier an dem Kinde empor.

»Ja, der Name scheint dir gut zu gefallen, Schnapp. Nun wollen wir zur Anna gehen und sie fragen, ob sie nicht ein kleines Wursteckchen hat. Du mußt doch zu deiner Taufe etwas geschenkt bekommen.«

Man ging in die Küche. Pommerle brachte sein Anliegen vor.

»Aber, Pommerle«, sagte Anna. »Vor einer halben Stunde hast du eine Wurstecke gewollt. Ich kann doch nicht immerfort Wurstecken abschneiden.«

»Nur weil Taufe ist, Anna.«

»Eine Käserinde kann ich dir geben.«

»Und eine kleine Wurstecke.«

»Na, meinetwegen. Aber heute kommst du nicht wieder.«

Schnapp bekam seine Wurstscheibe, blinzelte Anna dankbar an und blieb neben ihr stehen.

»Na, komm nur, Schnapp«, meinte Pommerle, »ein Stückchen Schokolade habe ich auch noch. Das schenke ich dir.«

Dann wurde Jule gebeten, er möchte von jetzt an alle Wurstecken aufheben und mitbringen.

»Der Meister hat aber auch einen Hund.«

»Na, da laß die Wurstpellen dem Hund von deinem Meister. Ich werde in der Schule bitten, daß ich Wurstpellen bekomme.«

Am nächsten Tage, in der Pause, stellte sich Pommerle mitten auf den Schulhof und rief mit lauter Stimme seine Mitschülerinnen herbei.

»Ich habe euch was Wichtiges zu sagen. Kommt doch mal alle her!« Dann wurde von dem Hund erzählt, der viel Hunger hätte, der nächstens viele Kinderchen bekommen würde, die alle ernährt werden müßten. Jeder sollte daheim nachsehen, ob nicht Knochen, Wurstabfälle oder sonst etwas Gutes übrig sei, das sollte man Pommerle am folgenden Tage mit in die Schule bringen.

Der Erfolg war groß. Schon am nächsten Tage bekam das Kind, da es bei seinen Mitschülerinnen sehr beliebt war, viele kleine Päckchen. Ein Mädchen brachte sogar einen großen Schinkenknochen mit. Strahlend nahm Pommerle alles in Empfang.

»Jetzt kann der Schnapp viele Tage lang fressen.«

Die Vorräte wurden in die Schulmappe gepackt. Diese konnte die Menge kaum fassen. Und als Pommerle beglückt heimkam und vor Anna den Ranzen entleerte, schlug das Hausmädchen entsetzt die Hände zusammen. Aus den Papieren waren natürlich die Wurstpellen herausgefallen; erschrocken betrachtete Pommerle seine Hefte, die fast alle Spuren der fettigen Geschenke zeigten. Anna nahm von den Vorräten fast alles fort.

»Wenn du einen Hund haben willst, Pommerle, mußt du auch wissen, wie man ihn behandelt, wieviel er fressen darf und wie man ihn zu erziehen hat. Sonst stirbt eines Tages dein Schnapp.«

Da wurde die Kleine nachdenklich. Sie ging zu Schnapp, nahm ihn auf den Schoß und sagte zärtlich:

»So, Schnapp, jetzt geht es los mit der Erziehung, sonst wirst du mir krank, liebes Hundchen. Vor allem mußt du dich mit Grauchen vertragen. Ihr seid doch jetzt Geschwister, und die dürfen sich nicht zanken.« Dann holte Pommerle das Grauchen; aber schon wieder fauchte die Katze den Hund an, und Schnapps Haare sträubten sich bedenklich. Obwohl Pommerle beiden gut zuredete, waren seine Worte erfolglos. Schnapp knurrte, wurde immer unruhiger, und Grauchen behielt den krummen Buckel.

»Ihr seid eben beide noch nicht erzogen«, seufzte die Kleine. »Na, es wird schon noch anders werden. Wenn ihr erst beide Kinderchen habt, werdet ihr euch schon vertragen.«

Noch am selben Tage lauschte Pommerle aufmerksam den Worten des Vati, der ihm erklärte, was eine Hündin brauche und wie man sie zu behandeln habe.

»Aber vielleicht ist mein Hund anders.«

»Nein, kleines Pommerle. Wenn du zuviel des Guten tust, wird das Tier krank. Und besonders, wenn es demnächst Junge haben wird, mußt du ganz besonders vorsichtig sein.«

»Wieviel junge Hundchen werde ich bekommen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Und wieviel junge Kätzchen?«

»Das weiß ich auch nicht«, sagte Professor Bender seufzend. »Aber ich sehe schon eine ganze Menagerie um dich herum. – Was willst du mit allen den Tierchen nur anfangen, Pommerle?

»Schrecklich liebhaben will ich sie, und alle zu guten, brauchbaren Tierchen erziehen.«

Pommerles Lieblinge

Pommerle lag in süßen Träumen. Alles das, was es an Glück in den letzten Tagen erlebt hatte, spiegelte sich im Schlummer wieder.

Schnapp, die liebe, süße Hündin, hatte drei kleine, schwarze Hundchen bekommen, und alle schwarzen Hündchen hatten weiße Pfötchen.

Grauchen hatte tags zuvor vier kleine Kätzchen bekommen.

Der Professor hatte zwar gemeint, man wolle gleich zwei der Kätzchen fortschaffen. Da waren dem Kinde die hellen Tränen über die Wangen gerollt, es hatte so inständig gebeten, ihm die vier Kätzchen zu lassen, daß Herr Bender nachgab.

Alle die Hunde und Katzen krochen nun im Traume um Pommerle herum, die Hände zuckten auf der Bettdecke hin und her, jeder Kater, jeder Hund wollte gestreichelt sein, und in Pommerles Träume hinein bellte und miaute es.

Aber es bellte wirklich. Professor Bender erwachte sogar davon. Das war doch Schnapp, der den nächtlichen Lärm machte? Schnapp hatte sein Körbchen unter der Treppe im Hausflur. Es war dort nicht kalt, denn die Dampfheizung, die das Haus durchwärmte, wurde vom Flur aus in Gang gebracht. Schnapp konnte daher mit seinem Lager recht zufrieden sein. Damit sich aber Schnapp und Grauchen, die sich noch immer nicht recht vertrugen, nicht ins Gehege kamen, hatte man Grauchen auf dem Hausboden ein weiches Lager bereitet. Damit es aber in seinen nächtlichen Wanderungen nicht behindert war, hatte man eine der Dachluken offen gelassen, durch die sich das Tier auf das Dach eines Schuppens und in den Garten hinabschwang und auf dem gleichen Wege wieder zurückkehrte.

Professor Bender richtete sich auf. Warum bellte Schnapp so sehr? Und plötzlich hörte er ein jämmerliches Miauen. Hatten sich die beiden Tiere wieder einmal in den Haaren? Er lauschte noch ein Weilchen. Schnapp beruhigte sich bald wieder. Vielleicht war nur jemand am Hause vorübergegangen, und Schnapp, der sehr besorgt um seine Kleinen war, hatte in seiner Erregung so heftig gebellt.

Nach Stunden erwachte Professor Bender abermals. Er sah nach der Uhr. Es war kaum sechs Uhr. Das war doch wieder Schnapp, der sich draußen so unruhig benahm. Deutlich vernahm Professor Bender, daß Schnapp die Treppe zum Boden hinaufsprang und nach kurzer Zeit wieder herunterkam. Was hatte Schnapp oben auf dem Boden zu suchen? Wollte er Grauchen beunruhigen? Nun, das mutige Grauchen würde Schnapp schon einen ordentlichen Denkzettel geben, wenn er gar zu nahe an die jungen Kätzchen herankam.

Nach kurzer Zeit hörte Herr Bender abermals den Hund zum Boden hinauflaufen. Dann blieb es still.

Aber gegen sieben Uhr, als Pommerle aufstehen mußte, weil um acht Uhr die Schule begann, kratzte Schnapp an der Tür des Schlafzimmers.

»Schnapp ist da!« rief das Kind fröhlich und eilte im Unterröckchen zur Tür, um die vierbeinige Freundin hereinzulassen.

Schnapp stellte sich an Pommerle hoch, lief zur Tür zurück, wandte sich nach Pommerle um; aber da das Kind ruhig weiter die Haare kämmte, kam Schnapp erneut gelaufen, ging dann wieder zur Tür.

»Willst du nun wieder 'raus?«

Pommerle öffnete die Tür. Doch Schnapp wollte nicht gehen. Er stand vor dem Mädchen und blickte die Kleine bittend an.

»Ich darf dir leider keine Wurstpellen geben, lieber Schnapp. Nachher bekommst du aber deine Suppe. – Ja, was willst du denn eigentlich?«

Als Pommerle die Haare weiter kämmte, sprang der Hund an ihm hoch, ergriff mit den Zähnen das Unterröckchen und versuchte Pommerle zur Tür zu ziehen.

»Aber guter, lieber Schnapp, ich bin doch noch lange nicht fertig. – Warum zerrst du mich denn so?«

Der Hund ließ nicht nach.

»Soll ich mit dir kommen?«

Wieder das Zerren zur Tür hin.

»Na, was willst du denn?« Pommerle stand in der Tür. Da lief Schnapp zur Treppe, kam wieder zurück. Es schien, als fordere er Pommerle ganz energisch auf, mitzukommen. »Was willst du denn?«

Einige Stufen sprang Schnapp hinab, blieb wartend stehen und wedelte mit dem Schwanz. Als aber Pommerle nun auch an die Treppe trat, bellte der Hund vergnügt auf. Man sah ihm ganz deutlich die Freude an, daß das Kind ihm folgen wollte.

»Schnapp, du bist ein kleiner Esel! Ich bin doch noch nicht angezogen. Ich kann doch nicht spazierengehen. Geh zurück zu deinen Kleinen und sage ihnen guten Morgen.«

Wieder ein energisches Schnappen nach Pommerles Röckchen. Der Hund wurde immer aufgeregter. So blieb dem Kinde nichts anderes übrig, als die ersten Stufen hinunterzusteigen. Schnapp jaulte vor Entzücken. Jetzt ließ er das Röckchen des kleinen Mädchens nicht mehr los, so sehr Pommerle dem Hunde auch Vorwürfe machte. Es blieb nichts anderes übrig, das Kind mußte die Treppe hinabsteigen. Erst unten ließ Schnapp das Röckchen los und sprang zu seinem Körbchen, das unter der Treppe stand.

Pommerle trat hinzu. – Was war denn das? Das Kind schlug die Hände zusammen.

»Schnapp, was hast du denn da drin? O Schnapp, du böser, garstiger Schnapp, warum hast du Grauchen die Kinderchen weggenommen?«

Mit großen, treuen Augen schaute der Hund zu Pommerle auf. Sein Schweif wedelte ruhig, er wußte, er hatte in dieser Nacht eine gute Tat getan.

»Aber, Schnapp, was soll denn das?«

Pommerle zählte. Es waren drei kleine, schwarze Hundchen und vier graue Kätzchen in dem Körbchen, und alle sieben Köpfchen waren mit schnubbernden Näschen aufgereckt, quiekend, miauend, bittend. Hündchen und Kätzchen, in buntem Durcheinander. Schnapp blickte stolz zu Pommerle auf, leckte dann jedes Tierchen, stieg behutsam in seinen Korb hinein und legte sich in seiner ganzen Breite auf die Kleinen.

»Gib die Kätzchen wieder her, Schnapp«, sagte Pommerle tadelnd. »Oh, das arme Grauchen! Wie wird es um seine Kinderchen weinen. Ich weiß ja, Schnapp, daß du mein Grauchen nicht leiden kannst; daß du ihm aber die Kinderchen fortnimmst, ist böse von dir. – Geh fort, ich will die Kätzchen zu Grauchen zurückbringen.«

Aber Schnapp rührte sich nicht.

»Geh fort, Schnapp!«

Pommerle griff mit den Händen in den Korb. Da fing Schnapp an, leise zu knurren.

»Na warte, du unartiges Tier. Jetzt rufe ich meinen Vati, er wird dir sagen, was sich gehört.«

Pommerle eilte hinauf zu Benders. Es erzählte, was es eben gesehen hatte. Frau Bender stieg die Treppe hinab und trat an den Korb. Da erhob sich Schnapp, kam vorsichtig heraus, blieb aber am Lager stehen und schaute bald die vier Kätzchen, bald Frau Bender an. Auch jetzt schien er noch sehr stolz zu sein und auf eine Liebkosung zu warten.

Pommerle wollte rasch in den Korb fassen; aber da lag der Hund schon wieder auf den Kleinen und ließ sich weder durch Bitten noch durch freundliches Zureden bewegen, seinen Platz zu verlassen.

»Da will ich doch gleich einmal nach dem Boden gehen und nach Grauchen sehen.«

»Ich habe die Katze schon überall gesucht, gnädige Frau«, sagte Anna. »Ich wollte früh die Milch hinauftragen. Aber Grauchen ist fort und das Körbchen leer.«

Nun begann ein gemeinsames Rufen nach Grauchen. Die Luke war geöffnet. Grauchen war sicherlich, wie alle Nächte, ein wenig spazierengegangen. Als man Professor Bender den Verlust der Katze meldete, erinnerte er sich, daß er heute nacht das ängstliche Miauen einer Katze vernommen hatte. Schnapp hatte heftig gebellt. Sollte man Grauchen weggefangen haben? Man klagte in den letzten Wochen in der ganzen Gegend, daß so viele Katzen gefangen wurden. Wahrscheinlich brauchte man die schönen Felle und opferte die armen Tiere.

Schnapp war des Nachts mehrfach die Treppe hinaus und hinunter gegangen. Wahrscheinlich hatte er die kleinen Kätzchen oben auf dem Boden jämmerlich miauen gehört. Da hatte er die Jammernden und Frierenden Stück für Stück heruntergebracht und in seinen Korb getan.

»Schnapp«, sagte Professor Bender, als er am Korbe des Hundes stand, »du guter Schnapp. Hast du heute nacht die armen, verlassenen Kätzchen heruntergeholt? Hast du gehört, daß die Kleinen nach der Mutter riefen und Hunger hatten?«

Es schien fast, als verstehe Schnapp die Worte Herrn Benders. Er blickte so stolz um sich, wedelte dazu fröhlich mit dem Schweif und bellte einige Male kurz und freudig auf. Dann stieg er aufs neue aus dem Korb, betrachtete voller Interesse seinen Familienzuwachs, beleckte abwechselnd Hund und Kätzchen und legte sich dann wieder zu ihnen.

Der gute Schnapp. Es war nichts Wunderbares, daß ein Hund auf einmal ein kleines Kätzchen mit großzog. So etwas hatte man schon manches Mal erlebt. Warum sollte Schnapp nicht ebenso edel handeln?

Immer wieder rief und suchte man nach Grauchen. Man fragte nach ihr in der ganzen Umgegend, aber sie war nirgends zu finden.

Pommerle kehrte mittags aus der Schule zurück. Seine erste Frage galt Grauchen.

»Du mußt dich damit abfinden, mein Kind, daß Grauchen nicht wiederkommt. Böse Menschen haben sie gefangen und wahrscheinlich getötet, um das Fell zu verkaufen.«

Eine tiefe Trauer breitete sich über das Kindergesicht. Pommerle hatte sein Grauchen so gern gehabt.

»Und der Schnapp, was macht er nun mit den Katzenkindern?«

»Er wird sie mit seinen Hundchen säugen. Wir müssen ihn jetzt ganz besonders gut pflegen, denn er braucht viel Kräfte, um sieben Kinder zu ernähren. Es wäre besser, wenn es zwei weniger wären. Wollen wir ihm nicht zwei Kätzchen fortnehmen?«

Pommerles Augen strömten über. »Wenn ich schon kein Grauchen mehr habe, möchte ich doch die vier kleinen Kätzchen behalten. Oh, liebe Mutti, laß mir die vier kleinen Kätzchen und die drei Hundchen. Du kannst auch immer mein Essen dem lieben Schnapp geben. Ich will gar nichts Gutes mehr haben, nur die vier Kätzchen und die drei kleinen Hundchen.«

»Dem Schnapp wäre es aber auch lieber, wenn er nicht so viele Kinderchen hätte.«

»Nein«, sagte Pommerle energisch. »Wenn sich der Schnapp heute nacht die vier Kätzchen heruntergeholt hat, will der Hund doch so viele Kinderchen haben. Man darf dem Schnapp die Kinderchen nicht nehmen.«

Wieder gaben Benders dem Bitten des Kindes nach. Das Körbchen mit den sieben Tierchen sah auch gar zu niedlich aus. Dieses bunte Durcheinander bereitete sogar dem Professor und seiner Frau die denkbar größte Freude. Wie oft nahm Schnapp behutsam eins der Kätzchen ins Maul, um es anders zu betten. Aber immer herrschte größte Ordnung in dem Körbchen. Kroch einmal eins der Hundchen zwischen die Kätzchen, so schob und scharrte Schnapp so lange im Korbe herum, bis wieder die Hundchen in Reih und Glied neben den Kätzchen lagen.

Pommerle bedauerte es auf das lebhafteste, daß es diese wichtige Nacht verschlafen hatte. Wie wunderschön wäre es gewesen, wenn es gesehen hätte, wie Schnapp die Kätzchen vom Boden herunterbrachte.

»Woher hat er denn gewußt, daß Grauchen fort ist?«

»Wahrscheinlich haben die kleinen Kätzchen gefroren oder waren hungrig. Sie haben nach ihrer Mutter gerufen, und da Schnapp sehr gut hört, hat er das Jammern der Kätzchen vernommen. Da ist er auf den Boden gegangen, hat nach Grauchen Umschau gehalten, und als Grauchen nicht zurückkam, dann die kleinen, frierenden Tierchen zu sich in sein warmes Körbchen geholt.

»O du guter Schnapp«, jubelte Pommerle. »Am liebsten möchte ich dir einen Kuß auf deine süße Schnauze geben. Der Schnapp ist ebenso gut wie du, Mutti. Als mein Vater ertrank, da war ich auch ganz allein. Da habt ihr mich auch in euer Nest getragen. Ach, Mutti, du bist gerade so gut wie der Schnapp.«

Wenn Pommerle daran dachte, daß der Jule nun sein Grauchen niemals wiedersehen konnte, wurde ihm das Herz schwer. Aber der Jule sollte von den vier Kätzchen zwei als Eigentum haben. Vielleicht auch noch ein Hundchen. Und die Sabine mußte sich auch das Körbchen mit den sieben kleinen Tierchen ansehen. Was würde sie dazu sagen?

Da fiel es Pommerle schwer aufs Herz, daß Sabine dieses junge Tierglück ja nicht sehen könnte. Sie konnte nur mit den Händen über die Kleinen hinwegstreichen.

»Die arme Sabine! Sie muß wirklich ihr Herz ganz dick voll Sonne haben, Mutti, daß sie jetzt nicht traurig wird. Sie kann doch den Schnapp mit seinen vielen Kinderchen nicht sehen. – Mutti, darf ich heute noch zur Sabine gehen? Sie muß kommen – und der Jule auch.«

Pommerle bekam die Erlaubnis.

Atemlos vom schnellen Laufen, eilte es in die Werkstatt, in der Jule fleißig arbeitete.

»Weine mal nicht, lieber Jule, es ist etwas Schreckliches geschehen. Sie haben uns unser Grauchen weggefangen. Und das Grauchen hat vier Kätzchen, die hat jetzt der Schnapp alle in seinem Körbchen.«

Der Jule stellte vor Schreck die Arbeit ein. Sein Grauchen war weggefangen?

Pommerle mußte die näheren Erklärungen geben. Der sonst so vorwitzige Lehrling wurde still und immer stiller. Der Verlust seiner Katze schmerzte ihn tief.

Pommerle merkte, daß Jule sehr traurig war.

»Armes Julchen, aber ich schenke dir zwei andere Kätzchen und noch ein Hundchen dazu. Vielleicht kommt auch unser Grauchen noch mal wieder.«

Sabine ging mit Pommerle heim. Der Jule wollte nicht mitkommen. Er meinte, er würde sich später Schnapps Kinder ansehen. Heute, nach Feierabend, wolle er lieber mal ordentlich herumfahren, um Grauchen zu suchen. Vielleicht finde er es doch noch.

Strahlend führte Pommerle Sabine vor das Körbchen. Aber Schnapp hatte jetzt gar keine Lust, seinen Platz zu verlassen.

»Geh doch mal fort, Schnapp, Sabine will deine Kinder sehen.«

Schnapp ließ das nicht zu. Mit mißtrauischen Augen blickte er auf das junge Mädchen und fing sogar an zu knurren, als Pommerle eins der Tierchen nehmen wollte.

»Laß sie nur liegen«, meinte Sabine. »Er fürchtet, daß man den Kleinen ein Leid antun könnte. Wir wollen den guten Schnapp nicht unnötig ängstigen.«

»Nun hast du aber gar nichts gesehen, Sabine, und hast keine Freude«, seufzte Pommerle. »Dafür schenke ich dir auch, wenn die Kätzchen erst groß geworden sind, das allerschönste.«

Bis spät abends suchte und lockte der Jule sein Grauchen. Aber alle Mühe blieb erfolglos.

Als Pommerle an einem der nächsten Tage wieder einmal im Flur bei Schnapp stand, klingelte es. Die Kleine öffnete selbst die Haustür und sah sich einer älteren Dame gegenüber, der ein größerer Knabe folgte.

»Wir kennen uns, Pommerle.«

»Ja«, sagte das Kind. »Du bist die Frau Hanke, der das Haus abgebrannt ist. Wo wohnst du denn jetzt?«

»Ich wollte soeben zu dir kommen, kleines Pommerle. Ich hörte, daß du eine große Tierfreundin bist. Und weil du damals bei dem Unglück so fleißig geholfen hast, will ich dir jetzt eine ganz besondere Freude bereiten. – Fritz, komm einmal her.«

Der größere Knabe, der in der Tür stand und einen großen Behälter trug, der mit Tüchern umwickelt war, kam näher heran. Während Frau Hanke das Tuch entfernte, tönte von innen heraus eine Stimme:

»Schafskopf!«

»Der Papagei!«

»Ja, Pommerle, der Papagei. Ich habe mir gedacht, daß ich dir eine große Freude damit bereiten werde, wenn ich dir meine Lora schenkte. – Möchtest du den Vogel haben?«

»O ja! – So ein süßer Papagei, den habe ich mir schon immer gewünscht. – Willst du nun mal meine Hundchen und meine Kätzchen sehen?«

»So sollst du den Papagei behalten, kleines Pommerle.«

Die Tür des Wohnzimmers wurde geöffnet. Frau Bender hatte Stimmen gehört und wunderte sich, daß man den Besuch im Flur stehenließ. Als sie Frau Hanke und den großen Käfig erblickte, erschrak sie.

»Mutti«, jauchzte ihr Pommerle entgegen, »nun haben wir auch noch einen Piepmatz, einen großen, bunten Papagei! Und ›Schafskopf‹ kann er sagen! – Ach, Mutti, bin ich glücklich!«

»Bitte, wollen Sie nicht eintreten, Frau Hanke?«

»Mein schöner, lieber Papagei! Den stelle ich in meine Stube.«

Während Frau Bender den Besuch ins Zimmer nötigte, betrachtete Pommerle den Vogel interessiert.

»Er kann gut sprechen«, sagte Fritz. »Er kann auch fein schimpfen.«

»Schafskopf – Schafskopf – Schafskopf!« rief Pommerle in den Käfig hinein. Und prompt kam die Antwort: »Schafskopf!«

»Willst du mal meine Hundchen und meine Kätzchen sehen?«

Schnapp knurrte den fremden Knaben grimmig an und ließ seine Kinderschar nicht beäugen.

Gemeinsam trugen die beiden Kinder dann den Käfig in des Professors Zimmer.

»Vati, ein neues Glück ist uns ins Haus gekommen. – Siehst du, seit wir das Hufeisen haben, seit jener Zeit regnet es Glück.«

»Was soll denn mit dem Vogel werden?« fragte Bender ein wenig beklommen.

»Den habe ich geschenkt bekommen.«

»Bist du da? – Bist du da? – Hahaha, hörst du? – Bist du da? – Schmeckt fein. – Herein! – Schafskopf! – Bist du da?«

»Was soll denn der Vogel hier bei mir?« fragte Bender, als er sich das Geplapper ein Weilchen angehört hatte.

»Das ist jetzt mein Vogel, den hat mir Frau Hanke geschenkt. Vati, nun habe ich einen großen Hund, drei kleine Hündchen, vier Kätzchen und den schönen Papagei. Und wenn der kleine Sperling nicht wieder fortgeflogen wäre, hätte ich noch einen Sperling.«

»Geschenkt hat man dir den Papagei?«

»Jawohl – jawohl – jawohl«, schnarrte der Vogel. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«

Professor Bender ließ sich in den Stuhl fallen. Seit der Hundezucht war keine Ruhe mehr im Hause. Nun kam noch ein Papagei hinzu – und wahrscheinlich einer, der den ganzen Tag plapperte.

»Nimm den Vogel nur wieder mit, kleines Pommerle. Wir werden ihn in einem anderen Zimmer unterbringen.«

»Aber natürlich, Vati. Er kommt in mein Zimmer.«

»Aber, Kind, was denkst du dir denn? Wir wollen doch wenigstens unsere Nachtruhe haben.«

»In der Nacht schläft doch die süße, kleine Lora. Ach, lieber, lieber Vati, laß mich nur machen. Du wirst noch viel Freude haben, wenn du allein bist und du kannst dir was mit der Lora erzählen.«

»Auf Wiedersehen – auf Wiedersehen«, schnarrte Lora.

»Jawohl, auf Wiedersehen«, antwortete Bender, stand auf, nahm den Käfig und trug ihn zunächst ins Eßzimmer hinüber. »Ich habe zu arbeiten, Pommerle, und möchte dabei ungestört sein.«

Als sich Frau Hanke verabschiedete, lief ihr Pommerle nochmals in den Weg.

»Ich danke dir schön für den süßen Vogel. Ich habe die Tiere so furchtbar gern.«

»Soll ich dir noch eins von meinen weißen Hündchen schenken?«

»Ja.«

»Nein«, rief Frau Bender entsetzt. »Auf keinen Fall! Unser Haus ist schon jetzt der richtige zoologische Garten.«

»Ach, Mutti, so ein süßer, weißer Hund. Hast du denn gesehen, wie niedlich so ein Hund ist?«

»Du hast Schnapp.«

»Nun«, meinte Frau Hanke, »dann will ich dir meinen Schnipp nicht noch dazuschenken.«

Begeistert schlug das Kind in die Hände. »Mutti, Schnipp heißt er. Ach, Mutti, jetzt möchte ich noch den Schnipp haben. Denke doch, wie sehr sich der Schnapp freute, wenn auch noch ein Schnipp käme. – Ist das ein Hundemännchen?«

»Jawohl, mein Kind.«

»Ach, Mutti, dann laß mir doch den Schnipp. Die kleinen Hündchen wollen doch auch einen Vati haben. Ich habe doch auch wieder einen Vati bekommen. – Liebe, liebe Mutti, ich möchte noch den Schnipp haben.«

»Nein, mein Kind, den Schnipp bekommst du nicht.«

»Dann hat doch der Schnapp niemand, mit dem er spielen kann. Nun hat man mir schon das Grauchen genommen. – Mutti, wenn ich jetzt hundert Tage furchtbar artig bin, bekomme ich dann den Schnipp?«

»Nein, Pommerle, du hast an dem einen Hunde genug.«

»Aber wenn ich ihn mir zum Geburtstag wünsche? Wenn ich gar nichts anderes haben will? So ein süßes, kleines Hündchen, so weiß und so schön. Mutti, zum Geburtstag schenkst du mir doch den Schnipp?«

»Quäle nicht so sehr, Pommerle. Du hast Schnapp, damit ist es genug.«

Die Kleine schaute hilfesuchend zu Frau Hanke auf. Sie erwartete von dort Beistand. Aber Frau Hanke meinte auch, daß es an einem Hund und drei kleinen reichlich genug habe.

»Aber besuchen darf mich der Schnipp doch einmal?«

»Das kann er. Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich ihn mit.«

»Vielleicht bekommt er mich dann so lieb, daß er hierbleibt, und daß ich ihn – daß ich ihn – Mutti, was hast du mit mir gemacht?«

»Was meinst du, Pommerle?«

»Warum sage ich mit einem Male ›Mutti‹ zu dir statt ›Tante‹?«

»Weil wir dich als unser Kindchen angenommen haben.«

»Nein, Mutti, du hast noch was anderes mit mir gemacht.«

»Wir haben dich adoptiert, Pommerle. Das ist dasselbe.«

»Ja, so war es. – Vielleicht, wenn ich immer sehr gut mit dem weißen Hund bin, will er auch bei mir bleiben. Dann wird er von mir adoptiert. Basta!«

Nur mit Mühe unterdrückten die beiden Damen ein Lachen. Dann verabschiedete sich Frau Hanke.

Wer nicht hören will, muß fühlen

»Der Meister hat mir von deinem Fleiß erzählt, lieber Jule. Und auch du, Pommerle, hast in dieser Woche in der Schule nur gute Arbeiten geschrieben. Da will ich euch für morgen eine ganz besondere Freude machen. Wir fahren morgen im Hörnerschlitten von der Prinz-Heinrich-Baude zu Tale. Es heißt also sehr frühzeitig aufbrechen, weil wir mit dem ersten Zuge bis nach Krummhübel fahren wollen. Nicht verschlafen, Jule!«

Pommerle hing am Halse des Vaters und drückte ihn stürmisch.

»Hörnerschlitten fahren!« jubelte sie. »Hast du gehört, Jule? Das geht noch viel schneller, als wenn ich mit dem Roller fahre!«

Der Jule verdrehte verzückt die Augen. Hörnerschlitten fahren war schon immer seine Sehnsucht gewesen. Leider hatte er dieses Vergnügen nicht oft genießen können, es war zu teuer, seine Mutter konnte dafür kein Geld ausgeben, und mitgenommen wurde er nur hin und wieder einmal von Holzfällern.

»Es wird wohl der letzte Sonntag sein, den wir benutzen können«, sagte Herr Professor Bender. »Es beginnt zu tauen. Aber oben auf dem Kamm geht es noch.«

Pommerle wiederholte mehrfach voller Entzücken: »Hörnerschlitten fahren. – Ach, wenn es doch recht bald morgen wäre!«

Man hatte leider noch den ganzen Sonnabendnachmittag vor sich. Das Kind schaute nach der Uhr.

»Es ist erst sechs. Oh, da müssen wir noch eine ganze Nacht schlafen. Dann erst geht es auf den Hörnerschlitten.«

»Hast du auch deine Tiere gut versorgt, Pommerle?«

»Nun freilich«, klang es strahlend zurück. »Zum Sonnabend bekommt jedes eine Extrafreude. Der Kaufmann schenkt mir immer was für die Lora.«

»Ja, ja, ich weiß«, sagte Herr Bender seufzend. »Wann wirst du denn nun die Hunde und Katzen verschenken, Pommerle?«

Der Blondkopf machte ein pfiffiges Gesicht. »Vielleicht gar nicht, Vati. Sie sind alle so hübsch.«

Ehe Professor Bender darauf eine Antwort geben konnte, klingelte das Telephon auf dem Schreibtisch.

»Laß mich doch mal horchen, Vati.«

»Nein, Pommerle, zuerst will ich wissen, wer da ist.«

Jule und Pommerle saßen flüsternd in der Zimmerecke. Von Zeit zu Zeit jauchzte es auf: »Hörnerschlitten!« Plötzlich zog der Jule die Augenbrauen hoch. Er achtete nicht mehr auf Pommerles Geflüster, er lauschte den Worten des Professors.

»Bestellen Sie, bitte, dem Herrn Geheimrat, daß ich morgen selbstverständlich zu seiner Verfügung stehe. Es ist mir eine große Ehre, Herrn Geheimrat meine Sammlungen zeigen zu dürfen. Wann darf ich den Herrn Geheimrat erwarten?«

»Hast du gehört?« flüsterte der Jule.

»Dann kommt er eben mit auf den Hörnerschlitten.«

»Gut, um zwölf Uhr stehe ich zur Verfügung.«

Professor Bender legte den Hörer auf die Gabel und machte sich einige Notizen.

Pommerle trat an ihn heran.

»Kommt morgen noch einer mit auf den Hörnerschlitten?«

»Ja, mein liebes Kind, nun muß ich dir einmal eine große Freude zerstören. Die Fahrt nach Krummhübel am morgigen Sonntag muß leider unterbleiben. Der Vater bekommt Besuch von einem Herrn. Das ist für den Vater eine große Ehre, denn der Herr Geheimrat Unolt ist einer der berühmtesten deutschen Geologen. Er kommt eigens nach Hirschberg, weil er mich aus meinen Büchern kennt.«

»Du hast doch aber gesagt, wir fahren morgen mit dem Hörnerschlitten.«

»Das geht jetzt nicht mehr, mein Kind. Wir fahren ein anderes Mal.«

»Sie haben aber gesagt, wir fahren morgen. Da brauche ich ja auch nicht mehr so tüchtig beim Meister zu lernen, und das Pommerle braucht auch keine so guten Arbeiten zu schreiben, wenn doch nachher nichts los ist.«

»Ich denke, ihr werdet alle beide einsehen, daß der Besuch dieses berühmten Herrn für mich von größter Bedeutung ist. Herr Geheimrat Unolt ist ein Herr, der mir außerordentlich viel nützen kann.«

»Der Unhold kann an einem anderen Tage kommen. – Was hat der Kologe hier zu suchen! – Sagen Sie ihm, wir fahren morgen Hörnerschlitten. Am Montag sind wir ja wieder da.«

»Ja, der Unhold soll an einem anderen Tage kommen!«

»Ihr seid jetzt hübsch vernünftig.«

»Vati, wenn man was versprochen hat, muß man es halten.«

»Ich habe doch nicht gewußt, daß ich so ehrenden Besuch bekomme.«

»Wir pfeifen auf den Besuch«, brummte der Jule. »Der Kologe soll bleiben, wo er ist.«

»Das ist ein Geologe, lieber Jule; ein Mann, der Gesteinkunde studiert hat und der –«

»Ich kann Ihnen auch viele Steine bringen. – Ich möchte doch morgen Hörnerschlitten fahren.«

»Wenn du jetzt noch ein Wort sagst, Jule, ein Wort in diesem Ton, darfst du morgen gar nicht herkommen.«

»Wenn ich morgen doch nicht Hörnerschlitten fahre, liegt mir auch nichts daran.«

»Schön, dann bleibst du morgen bei Meister Reichardt. Ich will dich hier nicht sehen.«

Pommerle streichelte dem Jule die Wange. »Siehst du, Jule, das haben wir nun davon. Erst sollen wir Hörnerschlitten fahren, und weil dann das dumme Telephon klingelt, und weil so ein alter, neugieriger Mann herkommt, muß der Vati sein Wort brechen.«

»Ich hoffe, mein liebes Pommerle, daß du nicht auch so unvernünftig bist wie der Jule. – Komm einmal her zu mir.«

Professor Bender hob die Kleine auf die Knie.

»Nun höre mich einmal an. – Du weißt doch, daß sich der Vati sein Geld zum Leben durch Schreiben von Büchern verdient. Das ist nicht immer leicht. Nun hat er ein Buch geschrieben, viele, viele Jahre lang hat er dazu gebraucht. Dieses Buch haben ganz berühmte Leute gelesen, und das Buch gefällt. Nun kommt so ein ganz berühmter Mann zu deinem Vati und will ihm recht viel Schönes und Liebes sagen. Der Vati hat darüber große Freude und ist sehr glücklich, daß der Herr Geheimrat morgen kommt.«

»Ich wäre aber auch sehr glücklich, wenn ich morgen Hörnerschlitten fahren könnte.«

»Ich habe dir doch eben gesagt, liebes Pommerle, daß es für deinen Vater eine Freude ist, wenn berühmte Leute sein Buch schön finden.«

»Na ja, Vati, ich finde den ›Struwelpeter‹ auch sehr schön. Aber der Mann könnte doch auch an einem anderen Tage kommen. Dann könnten wir morgen doch Hörnerschlitten fahren. Hier, Vati«, Pommerle nahm das Telephon zur Hand, »sage ihm, er soll am Montag kommen, und wir fahren dann morgen doch Hörnerschlitten.«

»Jule, dann bleibst du morgen bei Meister Reichardt. Ich will dich hier nicht sehen«, bestimmte Professor Bender.

»Ich habe gedacht, daß mein Pommerle seinem Vati eine große Freude gönnt.«

»Nun ja, Vati, aber du hast doch auch Freude, wenn du Hörnerschlitten fährst.«

»Er kann ja mitkommen«, klang es aus der Ecke her. »Auf einem Hörnerschlitten kommen wir sowieso nicht alle weg. Sie können sich doch unterwegs von Ihrem Buche unterhalten.«

»Jetzt ist es genug«, sagte Bender. »Morgen wird daheim geblieben. Sollte sich das Wetter halten, werden wir am nächsten Sonntag fahren.«

»Und dann kommt wieder so ein Unhold«, maulte der Jule. »Ich glaub's nicht mehr!«

»Jule! Habe ich dich schon jemals belogen?«

»Nein, Vati«, rief Pommerle dazwischen. »Aber gesagt hast du doch, daß wir morgen Hörnerschlitten fahren.«

»Es war ein Plan, mein Kind, der nun durch Geheimrat Unolt durchkreuzt wurde.«

»Wenn man schon Unhold heißt«, murmelte Jule. »Wenn mir der Unhold unter die Finger käme! – Ich bin ja schon still!«

Jule verschwand aus dem Zimmer, und Pommerle eilte hinter ihm her.

»Wollen wir zur Mutti gehen? Sie freut sich auch so sehr – oder vielleicht weiß sie noch gar nichts. Vielleicht sagt sie ja, und dann fahren wir mit der Mutti.«

Die beiden Kinder stürmten in Frau Benders Zimmer.

»Hat dir Vati auch gesagt, daß wir morgen Hörnerschlitten fahren?«

»Jawohl. Du siehst, die Mutti sucht schon alles zusammen.«

»Laß mal sein«, sagte das Kind mit wegwerfender Handbewegung. »Ein Unhold kommt an und macht uns alles kaputt.«

»Nein, Pommerle, der Vati hat gesagt, wir fahren, und dann ist es auch so.«

»Nee, so ist es eben nicht«, rief Jule ergrimmt. »Vor einer Viertelstunde hat er ja gesagt, nu sagt er nee.«

»Waret ihr vielleicht unartig?«

»Ganz im Gegenteil. Der Meister hat mich gelobt, und Pommerle hat gut gearbeitet. Da denkt man nun, man kann endlich mal wieder Hörnerschlitten fahren, und dann kommt der Unhold.«

Jules Faust fiel auf den Tisch, daß die daraufstehenden Gläser klirrten.

»Weiht du, Mutti, wir wollen jetzt alle furchtbar böse sein, wenn der Vati durchaus nicht will. Die Uhse Minna hat mir gesagt, ihre Mutter macht immer so lange Krach, bis der Vater nachgibt. – Wollen wir mal auch so sein?«

»Aber, Pommerle!«

»Na ja«, sagte das Kind kleinlaut, »wenn der Vati doch gesagt hat, daß wir morgen Hörnerschlitten fahren, und ich möchte doch so gern fahren. Mutti, ich wünsche mir noch hinterher zu Weihnachten, daß ich morgen Hörnerschlitten fahre.«

»Willst du endlich schweigen!« Professor Bender stand in der Tür. Er war gekommen, um seiner Frau den angekündigten Besuch zu melden. Schon ein ganzes Weilchen hatte er die temperamentvollen Äußerungen seiner Tochter gehört. »Soll ich dich ernstlich bestrafen, Pommerle?«

»Wenn – wenn –« Mehr wagte das Kind nicht zu sagen. Von unten heraus schaute es den zürnenden Vati an.

»Ihr geht sofort hinaus!«

Unter der Treppe, neben dem Hundelager, kauerten die beiden Kinder. Pommerle erzählte den Tieren, daß aus der schönen Hörnerschlittenfahrt nun nichts werde, weil ein Unhold dazwischengekommen sei.

»Ich fahre überhaupt nicht mehr mit. Und wenn er mich das nächste Mal noch so sehr bittet, ich bleibe daheim. Ich lasse mir nichts vormachen!« Jule stampfte zu seinen Worten mit dem Fuße auf.

»Wollen wir morgen allein Hörnerschlitten fahren? Ich auf dem Roller, und du auf deinem Rade?«

»Ein Gedanke! Ich habe einen Rodelschlitten fertiggemacht, einen Doppelsitzer. Wollen wir am Vormittag hingehen?«

»Au ja, wenn der Unhold beim Vati ist.«

»Wird gemacht«, rief der Jule. »Wenn er nicht mit uns Hörnerschlitten fährt, fahren wir allein.«

»Ja, das machen wir«, bekräftigte Pommerle. »Jule, holst du mich ab?«

»Nee, ich darf ja morgen nicht herkommen.«

»Aber vorbeikommen kannst du doch und draußen kräftig pfeifen. Wann kommst du denn?«

»Wenn wir morgen doch nicht Hörnerschlitten fahren, brauche ich auch nicht so früh aufzustehen. Ich komme um elf.«

»Ist gut, dann bin ich weg, wenn der Unhold kommt. Ich kann den Mann gar nicht leiden, Jule.«

»Geizig ist er. Soll er sich doch das Buch von deinem Vati kaufen, dann kann er sich die Bilder besehen, die drin sind. Dazu kommt er doch nur her, weil er sich das Buch nicht kaufen will. Und darum können wir nicht Hörnerschlitten fahren.«

»Schrecklich!«

»Wenn du dann mittags heimkommst, dann sagst du: ›Ätsch, jetzt sind wir auch Hörnerschlitten gefahren.‹«

»Au ja, das sage ich!«

Die beiden kleinen Bösewichter waren sich einig. Wenn ihnen der Vati das Vergnügen verdarb, wollten sie sich auf eigene Faust eins schaffen. Schon lange bastelte der Jule an einem Rodelschlitten herum. Den wollte man morgen einmal benutzen.

»Wohin gehen wir denn?«

»Weiß noch nicht. Es muß sehr steil sein, gerade so wie von der Prinz-Heinrich-Baude herunter.«

Diese versprochene Rodelpartie schien für Pommerle zwar nur ein schwacher Ersatz, aber immerhin, es war doch ein Vergnügen. Nun mochte der Unhold stundenlang in die Bücher des Vaters gucken. Pommerle würde sich mit Jule schon vergnügen.

Beim Abendessen war viel die Rede von Professor Unolt. Pommerle machte ein verächtliches Gesicht. Der Mann, der sich nicht einmal Vatis Bücher kaufte, imponierte dem Kinde gar nicht.

»Nun, Pommerle, hast du dich wieder beruhigt? Bist du jetzt wieder artig? Sollte es mit der Hörnerschlittenfahrt nichts mehr werden, sollte es weiter so stark tauen, so hat dein Vater noch eine andere Freude für dich in Aussicht.«

Pommerle verzog die Lippen. »Was denn?«

»Vati und Mutti fahren zu Ostern, das sind nur noch fünf Wochen, nach Breslau. Dann nehmen wir dich mit. Ist das nicht schön?«

»Fahrt ihr auch, wenn wieder Besuch kommt?«

»Ja, mein Kind, auch dann. Der Vater hat dort einen Kongreß, den will er besuchen.«

»Na, wollen mal sehen. Also zu Ostern.«

Pommerle rechnete aus, daß es doch bis zu Ostern noch ziemlich lange sei. Da lagen noch fünf Sonntage dazwischen. Das Kind nahm sich vor, die Eltern öfters einmal an die Breslauer Reise zu erinnern, daß sie nicht in Vergessenheit gerate. Zunächst erhoffte es aber, daß neuer Schnee fiele, daß man am nächsten Sonntag doch noch Hörnerschlitten fahren konnte.

Im Hause von Professor Bender herrschte am heutigen Sonntag ziemliche Erregung. Es war etwas ganz Seltenes, daß der berühmte Geheimrat Professor Doktor Unolt die Wohnung eines Gelehrten aufsuchte. Bisher war diese Auszeichnung nur einem einzigen Herrn in München zuteil geworden.

Frau Bender war sehr stolz darauf, den Geheimrat als Gast in ihrem Haus begrüßen zu können, und auch Professor Bender fühlte sich hochgeehrt.

So kam es, daß man am Sonntag vormittag Pommerle allein ließ, daß es auch keinem auffiel, als sich das Kind gegen elf Uhr entfernte. Pommerle ging ja öfters zu Freundinnen oder zur Eisbahn; Frau Bender hatte dem Kinde nur freundlich zugenickt, als es fragte, ob es ein bißchen fortgehen dürfe.

Im selben Augenblick ertönte von der Straße her Jules schriller Pfiff. Pommerle eilte hinaus und bewunderte den prachtvollen neuen Rodelschlitten.

»Wann hast du denn den gemacht?«

Jule sah sich verlegen um. »Die größere Hälfte in meiner Freizeit. Aber zum Schluß habe ich etwas gemogelt. Na, ich denke, es wird nichts schaden.«

»Der Meister hat dich aber gelobt. Ach, Jule, wenn der alte Unhold nicht gekommen wäre, wären wir jetzt in Schreiberhau.«

»Wegen so eines Kologen kommen wir um unser schönes Vergnügen.«

Während der Wanderung hinaus zum Rodeln wurde nur von der vereitelten Partie gesprochen. Pommerle erzählte, daß es zu Ostern nach Breslau fahren solle. Es habe sich aber viel mehr auf die Hörnerschlittenfahrt gefreut.

»Brauchst dich auf Breslau gar nicht erst zu freuen; du kommst ja doch nicht hin. Es kommt bestimmt wieder Besuch. Ich kenne das. Aber dafür rodeln wir heute wie die Verrückten!«

»Ja«, sagte das Kind, »je toller, desto besser.«

Jeder Hang, der sich zum Rodeln eignete, wurde kritisch betrachtet. Heute erschien den beiden nichts steil genug. Immer wieder meinte der Jule: »Ich hab' 'ne Wut in mir, die muß erst wieder 'raus!«

»Ich hab' auch 'ne Wut in mir«, meinte Pommerle.

Sie wanderten weiter. Plötzlich wies Jule auf einen ziemlich steilen Hang.

»Das wäre fein!«

»Na, da werden wir wohl kopfüber gehen.«

»Pah, du Feigling! Auf dem Schlitten geschieht uns nichts! Ich lenke ja auch.«

»Ein bißchen steil ist es ja, und viele Bäume stehen auch hier.«

»Dann fahre ich eben allein.«

Schon stieg der Jule den Hang hinan. Das kleine Mädchen kam zögernd nach.

Kurz darauf sauste der Jule mit dem Schlitten, eine fabelhafte Geschicklichkeit im Lenken zeigend, an Pommerle vorüber.

»Wenn ich hundertmal heruntergerodelt bin, ist es mit meiner Wut wieder besser. Willst du nun aufsitzen?«

Jubelnd wurde die gefährliche Rodelbahn benutzt.

»Im Hörnerschlitten wäre es ja noch schöner«, meinte das kleine Mädchen. Aber schließlich mußte es doch zufrieden sein. In diesem Augenblick wäre der Schlitten beinahe an einen Baum gefahren. Doch gerade das bereitete dem Jule ungeheures Vergnügen.

»Ich bin aber erschrocken«, meinte Pommerle.

Das war dem übermütigen Jule gerade recht. Er konnte sich auf seine Lenkkünste verlassen. Beim nächsten Male wollte er noch einmal, ganz genau so dicht an der Tanne vorüberfahren.

»Aufgesessen!« kommandierte er. »Die Hörnerschlittenfahrt geht los!«

»Los!« klang es hinter seinem Rücken.

Und dann geschah das Unglück. Jule hatte die Gewalt über den sausenden Schlitten verloren, er fuhr mit aller Wucht an einen Baum, Jule empfand einen schmerzenden Schlag gegen den Kopf, der ihm für die nächsten Sekunden die klare Besinnung nahm. Es klang aber, als ob jemand neben ihm furchtbar aufschrie.

Als er wieder zu sich kam, lief ihm etwas Warmes über das Gesicht. Er wischte es fort. Seine Hand war voller Blut.

»Pommerle!«

Ein Stöhnen drang zu ihm herüber. Der Jule richtete sich auf. Etwa zehn Schritte von Jule entfernt lag Pommerle im Schnee. Es sah totenblaß im Gesichtchen aus. Die Kleine blutete auch. Die Trümmer des Schlittens waren weit im Umkreise verstreut.

»Ich kann nicht aufstehen. Oh, es tut so furchtbar weh!«

Nochmals wischte sich der Jule das rinnende Blut von der Stirn, dann ging er zu Pommerle, um ihm zu helfen.

»Mein Fuß!« schrie das Kind qualvoll.

»Du mußt aufstehen«, meinte der Jule. »Beiße fest die Zähne zusammen.«

Er versuchte, abermals zu helfen; doch wieder sank das Kind aufschreiend zurück in den Schnee.

»Hast du ihn vielleicht gebrochen?«

»Ich glaube, ich habe alles gebrochen«, weinte das Kind. »Ach, mein Fuß!«

»Im Gesicht hast du auch eine große Schramme.«

Jule wischte der Weinenden das Blut ab.

»Ach, es tut so weh! – Ach, mein Fuß! Und hier in der Seite sticht es. – Ich will heim!«

»Versuch doch noch mal zu laufen – nur auf einem Fuße. Ich helfe dir.«

Es gelang dem Jule, das Pommerle aufzurichten, obwohl das Kind dabei furchtbar stöhnte. Doch nach dem ersten Hüpfen sank Pommerle erneut zur Erde.

»Ach, Jule, es tut so furchtbar weh!«

Jule sah, wie das Kindergesicht immer blässer wurde. Schließlich war es weiß wie Kalk, die Lippen färbten sich bläulich. Pommerle schloß die Augen. Es war vor Schmerzen ohnmächtig geworden.

»Pommerle! – Rübezahl!«

Der Jule achtete nicht des rinnenden Blutes, das auf seine Jacke tropfte. Er packte Pommerle an der Schulter und schüttelte es.

»Du sollst nicht sterben! – Was hast du denn? – Pommerle, mach doch die Augen auf – ich trage dich heim!«

Ein Weilchen gab das Kind keine Antwort. Der Jule rieb dem Kinde die Stirn mit Schnee.

Endlich schlug Pommerle die Augen wieder auf.

»Mein Fuß, ach, mein Fuß!«

»Bleib ruhig hier liegen, ich hole Hilfe herbei. Dort unten wohnen Leute. Fürchte dich nur nicht, liebes Pommerle, es ist alles gar nicht so schlimm.«

»Ich will nicht allein bleiben, Jule, ich will heim!«

»Ich kann dich doch nicht tragen. Willst du nicht noch mal hüpfen?«

Aber Pommerle fühlte sich so matt, daß es sich kaum aufrichten konnte. Es stöhnte fürchterlich.

Jule war in Todesängsten. Hilfe mußte geholt werden. Pommerle konnte unmöglich im Schnee liegenbleiben. Wenn doch wenigstens der Schlitten ganz geblieben wäre! Er stürmte davon, obwohl Pommerle jämmerlich hinter ihm drein rief.

Das nächste Haus war immerhin zehn Minuten von der Unglücksstelle entfernt. Eine Holzfällerfamilie bewohnte es. Die Frau schlug die Hände zusammen, als sie den blutenden Knaben sah. Er berichtete hastig, was sich ereignet hatte, und bat um Hilfe.

Und dann geschah das Unglück. Jule hatte die Gewalt über den Schlitten verloren, er fuhr mit aller Wucht an einen Baum.

Die Frau rief nach dem Manne, nach dem Sohne. Man holte einen kleinen Handwagen, auf den man Decken legte. Der Jule zeigte die Unglücksstelle. Pommerle schrie wild auf, als man es auf den Wagen bettete.

Dem Jule hatte man mit einem feuchten Tuch das blutende Gesicht abgewischt und einen Notverband angelegt.

So ging die traurige Fahrt heim.

»Vielleicht ist es besser«, meinte der Jule, »wir fahren zu Meister Reichardt, nicht zu Professor Bender. Wenn er Pommerle so sieht, wird er schimpfen.«

»Unsinn«, meinte der Mann. »Je eher das Kind daheim ist, um so besser. Und du kannst gleich zum Arzt laufen, Jule.«

»Bringen Sie auch das Pommerle gut heim?«

»Freilich, wir sind ja zwei. Dich kann der Arzt auch gleich richtig verbinden.«

Ein Weilchen ging der Jule noch neben dem Wagen her. Als man aber in die Nähe des Benderschen Hauses kam, war er froh, daß er sich entfernen konnte.

Frau Bender bekam einen namenlosen Schreck, als man ihr sagte, was sich ereignet hatte. Pommerle hatte sich wahrscheinlich das rechte Bein gebrochen und auch noch andere kleine Verletzungen erlitten.

Doktor Klaus war sehr schnell zur Stelle. Er untersuchte das Bein des Kindes und stellte neben einem Beinbruch fest, daß ein Holzsplitter in Pommerles Wange und einer in die Hüfte gedrungen sei.

»Die Kleine wird sehr lange zubringen müssen, ehe der Fuß wieder brauchbar ist.«

Pommerle mußte die größten Schmerzen ertragen. Wie weh tat die Untersuchung, wie schmerzhaft war das Strecken des gebrochenen Beines! Es schrie oftmals wild auf. Immer wieder rannen die Tränen über das Gesicht.

Frau Bender hatte kein Wort des Vorwurfs für das Kind, aber Pommerle fühlte doch, daß es ein großes Unrecht begangen hatte, daß der Unfall die Strafe für seinen Trotz war.

In den ersten Tagen waren freilich die Schmerzen so groß, daß Pommerle an nichts anderes denken konnte. Aber allmählich kam ihm die Erinnerung an sein Verhalten an jenem Sonnabend. Wie häßlich war es zu dem guten Vati gewesen. An diesem Sonnabend war auch der Plan entstanden, zu rodeln. Je toller, desto besser! Aus Trotz hatte man jenen steilen Hang gewählt. Nun war diesem Trotz die Strafe gefolgt.

Es dauerte mehrere Tage, ehe sich Jule im Benderschen Hause sehen ließ. Er hatte den Kopf noch immer verbunden. Als er den Professor erblickte, schlug er schuldbewußt die Augen nieder.

»Gebe der Himmel, Jule, daß der Bruch und die Wunden gut heilen. Ich glaube, du würdest dein Leben lang nicht mehr froh werden können, wenn unser Pommerle ein verkürztes Bein behielte und immer hinken müßte. Du wirst –«

Der Jule wartete den Schluß der Rede nicht ab. Ihm war es, als müsse er laut herausheulen. Ohne Mütze lief er davon, diese hatte er im Hausflur fallen lassen. Nur weiter, immer weiter, hin zum Hausberge, hin zu Rübezahl, um den mächtigen Berggeist anzurufen, daß er jetzt dem Pommerle beistehe. Aber der Rübezahl hatte wohl hier die meiste Schuld. Nun mußte er ihn bitten, daß er alles wieder in Ordnung bringe. Schon manches Mal hatte der Rübezahl auf Jules Ruf gehört. Warum sollte es der mächtige Berggeist heute nicht auch wieder tun?

Der Jule stürmte den Hausberg hinan. Oben streckte er beide Arme zum Himmel und schrie, so laut er konnte:

»Fürst Rübezahl, du thronst so stolz
In deinem Wolkensitz.
In deinem Mantel spielt der Sturm,
Ums Haupt zuckt dir der Blitz.
Laß deine schlimmen Launen ruhn,
Oh, zeig' dich mild gesinnt.
Es flehet hier, gar demutsvoll,
Ein armes Menschenkind.
Oh, Geist der Berge, gnädig hör'
Auf dieses Stoßgebet.
Ich glaube auch mein Leben lang
An deine Majestät!«

Der Jule flehte für das Wohlergehen seines geliebten Pommerle.

»Ich will meinetwegen bis an mein Lebensende mit einer zerschundenen Stirn herumlaufen, aber mach' das Pommerle wieder gesund!« –

Nicht nur Jule, auch Sabine ging oft zu der kleinen kranken Freundin. Da lag nun Pommerle, blaß und schmal in seinem Bett und durfte sich kaum rühren, trotz der großen Schmerzen, die es hatte. Draußen war wieder Schnee gefallen, neuer Frost war gekommen.

Und als der nächste Sonntag kam, blickten zwei Kinderaugen unendlich wehmutsvoll durch das Fenster hinaus.

»Heute wären wir Hörnerschlitten gefahren«, sagte Pommerle ganz leise, daß es niemand hörte.

Kurz darauf kam die Mutter ins Zimmer. Da war es mit Pommerles Fassung vorbei.

»Ach, Mutti, jetzt weiß ich aber wirklich, daß der Himmel alles Böse bestraft. Ich bin sehr unartig gewesen. Und der Jule auch. Ich habe dem Vati seine große Freude nicht gegönnt, daß der Unhold zu ihm kam. Ich habe vergessen, daß ihr immer lieb und gut mit mir seid. Und nun habe ich das Bein gebrochen. – Bin ich denn zu Ostern wieder ganz gesund?«

»Hoffentlich, mein Pommerle. Aber richtig wieder laufen wirst du dann noch nicht können.«

»Fährt der Vati zu Ostern nach Breslau – und du auch?«

»Vati fährt hin, aber ich werde bei meinem kranken Liebling bleiben.«

Einige Augenblicke schwieg das Kind. Dann zog es erneut seine Mutti zu sich nieder.

»Nun habe ich dir auch diese Freude kaputt gemacht. Nun kannst du nicht fahren, weil ich unartig war.«

»Werde mir nur wieder ganz gesund, mein Pommerle.«

»Du schimpfst ja gar nicht, Mutti«, meinte das Kind, »weil das Vergnügen kaputt geht? Du bist immer lieb und gut. – Ach, Mutti, ich will es auch nicht mehr tun. Wenn was sein soll und es ist nicht, werde ich immer zufrieden sein. Ich will wirklich nicht mehr so schlecht sein, ganz wirklich nicht. – Glaubst du mir?«

»Ja, mein Liebling, ich glaube es dir.«

Ein zärtlicher Kuß besiegelte das Versprechen des Kindes.

An diesem Sonntag bereitete Jule seiner kleinen Freundin unabsichtlich Kummer.

»Es wird schon so kommen«, sagte er. »Das eine Bein wird überhaupt nicht mehr gesund, und dann kannst du gar nicht mehr auf die Berge steigen. Du kennst doch die Lina, die kann auch nicht auf die Berge gehen, weil das eine Bein krank ist.«

»Wird mein Bein denn nie wieder gesund?«

»Wenn es doch zerbrochen ist. Wenn mir eine Latte zerbricht, kann ich sie auch nicht mehr zusammenleimen. Du wirst nun wohl dein Leben lang hinken.«

Da wurde Pommerle sehr still. Nur ein paar Tränen rannen ihm über das Gesichtchen.

Wieder kam Frau Bender und sah die Veränderung in den Zügen ihres kleinen Töchterchens.

»Was bedrückt dich denn so sehr, mein liebes Kind? Hast du einen Wunsch?«

»Mutti, kennst du das Lied, das der Harfen-Karle gesungen hat?«

»Nein, mein Liebling.«

»Ich bin gesund und wohlgemut,
Und das ist wohl mein größtes Gut.«

»Du wirst auch wieder gesund werden, kleines Pommerle.«

»Der Jule sagt«, klang es schluchzend, »ich werde nie wieder auf die Berge gehen können und muß immer so laufen wie die Lina. Aber das ist mir ja ganz recht. Ich war so unartig.«

»Der Himmel wird dafür sorgen, mein Kind, daß alles wieder in Ordnung kommt. Du hast nun eingesehen, daß du trotzig und ungezogen warst. Du hast mir versprochen, in Zukunft ein liebes Mädchen zu sein. Ich glaube, der Fuß wird so ausheilen, daß du auch wieder auf die Berge gehen kannst. Freilich wirst du dich noch ein ganzes Weilchen gedulden müssen.«

Mit dem Vati hatte Pommerle eine lange Aussprache im Flüsterton.

»Jetzt kann jeden Sonntag meinetwegen ein Geheimrat Unhold kommen, ich will nicht mehr brummen. Ich weiß, daß du mich furchtbar lieb hast und mir immer Freude machen willst. Ich möchte nur wieder ganz gesund werden, damit ich auf die Berge gehen kann. Und auch wieder mal an die Ostsee, Vati. Ob ich wohl wieder ganz gesund werde?«

»Wir wollen es hoffen, mein Kind.« –

Im Garten wurden die Hecken grün. Da durfte Pommerle mit einem Stock die ersten Gehversuche machen.

Der Jule war gerade dabei, er schluckte mehrfach an den aufsteigenden Tränen. Das alles hatte er verschuldet. Aber das kam davon, daß er den Schlitten in den Arbeitsstunden fertiggemacht hatte und dem guten Herrn Professor gegenüber frech gewesen war.

Auch Sabine war gekommen, um Pommerle zu seinen ersten Gehversuchen zu beglückwünschen. Das Kind ging sehr unsicher und stellte den verletzten Fuß behutsam auf.

»Ach, Sabine, jetzt erst weiß ich wirklich, daß Gesundheit das höchste Gut ist. Das ist noch viel besser und viel schöner, als wenn man Hörnerschlitten fährt. Wenn ich nun erst wieder zum Harfen-Karle gehen könnte, daß er mir das Lied singt. Es war so schön!«

»Ich habe meine Laute mitgebracht, Pommerle, ich weiß, du hörst gern singen. Ich kann zwar keine so schönen Lieder wie der Harfen-Karle, aber ich kann auch eins, das dir bestimmt Freude macht, über das du nachher, wenn du wieder im Bett liegen mußt, ein wenig nachdenken kannst.«

»So singe es«, bat Pommerle.

Die blinde Sabine nahm die Laute, setzte sich auf einer Bank nieder und begann mit ihrem feinen, süßen Sümmchen:

»Was frag' ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin,
Gibt Gott mir nur gesundes Blut, so hab' ich frohen Sinn,
Und sing' mit dankbarem Gemüt mein Morgen- und mein Abendlied.«

»Ja«, sagte Pommerle leise, »so ist es. Das ist dasselbe, was der Harfen-Karle sagte. Gesund möchte ich wieder werden, und zufrieden will ich in Zukunft immer sein. Ich habe ja viel mehr als alle die anderen. So viele sind krank, so viele müssen hungern und frieren, und ich habe alles, alles im Überfluß. Ich danke dir, Sabine. Singe mir das Lied noch einmal.«

Sabine tat es. Pommerle winkte Jule herbei.

»Nun hast du es auch gehört, Jule. Ob ich wohl wieder ganz gesund werde und das größte Gut habe?«

Acht Tage später erklärte Doktor Klaus, daß das Bein recht gut geheilt sei, daß Pommerle in kurzem wieder laufen und umherspringen könne, genau wie früher.

Frau Bender umarmte ihren kleinen Liebling zärtlich.

»Ach, Mutti«, sagte das Kind mit feuchten Augen, »es war schlimm, so lange krank zu sein, aber glaube mir, ich habe doch manches überlegt. Du hast so oft gesagt, ich bin dein liebes Töchterchen. Ach, Mutti, ich will von nun an wirklich dein liebes Pommerle sein und bleiben!«








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