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Pommerle

Magda Trott: Pommerle - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePommerle
publisherLeipziger Graphische Werke AG
yearo.J.
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151109
modified20150911
projectid12ac5659
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Pommerles Sehnsucht wird gestillt.

Pommerles Erwartung stieg von Tag zu Tag. An jedem Morgen strich es gewissenhaft einen Tag aus und berichtete Jule, daß es nun nicht mehr gar so lange sei, bis es wieder an die See käme.

Jule wurde immer kleinlauter. Im geheimen hoffte er auch jetzt noch, daß er mitgenommen werden würde. Weil aber der Professor so gar nichts sagte, beschloß er, sich bei seiner kleinen Freundin einmal deswegen etwas genauer zu erkundigen.

»Wenn du an die Ostsee fährst, kann ich dir ja keine Blumen mehr bringen.«

»Nein, Jule, dort spiele ich mit Sand.«

»Ist das sehr schön, mit Sand zu spielen?«

»Wunderschön.«

»Ich habe noch nie mit Sand gespielt. Ich möchte auch mal gerne mit dem Sande spielen.«

»Ach, Jule, es wäre so schön gewesen, wenn du mitgekommen wärst.«

»Der Professor wollte mich doch mitnehmen.«

Pommerle schüttelte den Kopf. »Du warst unartig, Jule.«

»Aber nun bin ich doch schon so lange artig. – Du könntest deinem Onkel doch sagen, daß er mich mitnehmen soll.«

Die Kleine überlegte.

»Frag ihn doch mal,« drängte der Knabe.

»Ja, Jule, ich will den Onkel fragen.«

»Du mußt ihn schön bitten.«

Auch das versprach Pommerle und benutzte die erste Gelegenheit, um Jules Wunsch vorzubringen. Da der Onkel gerade in seinem Zimmer saß und arbeitete, ging Pommerle zu ihm, schmiegte sich zärtlich an ihn an und sagte, indem es die blauen Augen bittend zu ihm aufschlug:

»Du – Onkel, – der Jule möchte auch gerne mal mit Sand spielen. Wie wäre es, wenn wir ihn mit an die Ostsee nähmen?«

»Dich hat wohl der Jule zu mir geschickt, Kleine?«

»Ja, – er hat gesagt, ich möchte dich doch mal fragen.«

»So – na, dann sage dem Jule, daß ich ihn nicht mitnehmen werde. Er soll sich daran erinnern, daß er in Krummhübel fortgelaufen ist. Ich habe einmal gesagt, daß ich ihn nicht mitnehme, daß er zur Strafe daheim bleibt, und wenn ich etwas sage, halte ich mein Wort.«

Pommerle nickte. »Sein Wort muß man halten, lieber Onkel, da hast du recht.«

»Der Jule bleibt hier und macht sich nützlich, indem er Gepäck den Fremden trägt und sich das Geld, das er dafür bekommt, für einen neuen Anzug zusammenspart. Im Herbst geht er dann zu Meister Reichardt in die Lehre, und nach drei Jahren ist er ein tüchtiger Tischler.«

Das kleine Mädchen eilte wieder davon und suchte den Spielgefährten auf. Erwartungsvoll scheute der Knabe ihr entgegen.

»Darf ich mit?«

»Nein, Jule, du sollst daran denken, daß du unartig warst, und da Onkel einmal gesagt hat, daß er dich zur Strafe nicht mitnimmt, muß er jetzt sein Wort halten. – Du mußt also hierbleiben.«

»Dann wirst du mich ganz vergessen,« jammerte der Knabe.

Pommerle legte beide Arme um den Hals des Knaben. »Nein, Jule, dich vergesse ich nicht. Weißt du, ich habe dich doch so furchtbar gern, genau so gern wie die Trude Götsch oben an der Ostsee.«

»Nur? Du sollst mich doch viel lieber haben als die dumme Gans!«

»Das ist keine dumme Gans!«

»Wenn die nur mit Sand spielen kann, – wenn die nicht mal die Berge kennt – – und du mußt mich lieber haben, Pommerle!«

»Wenn du erst ein Tischler bist, habe ich dich noch viel lieber.«

»Heiratest du mich auch?« fragte Jule.

»Ja, freilich, ich heirate dich.«

»Hurra – –« brüllte Jule, »dann bist du also meine Braut, und ich kann dir 'nen Kuß geben!«

Jule preßte das kleine Mädchen so fest an sich, daß es leise aufschrie.

»Du mußt mich nicht so sehr drücken, Jule, eine Braut faßt man immer ganz leise an.«

»Und wenn wir erst groß sind, machen wir Hochzeit.«

»Aber erst, wenn du genau so ein Tischler geworden bist wie unser Meister Hinsche.

»Dann mache ich die ganze Einrichtung für unsere Wohnung, Tische und Stühle, Schränke und Bettstellen. Au, Pommerle, das wird fein!«

»Und ich lerne kochen, und dann kochen wir uns genau so gute Sachen wie beim Onkel, oder« – des Kindes Augen leuchteten plötzlich auf. »Du, Jule, ich koche dir ganz was Besonderes,– – Flundern!«

»Schweinebraten ist mir lieber.«

»Du weißt ja gar nicht, wie gut Flundern schmecken, aber es müssen solche aus der Ostsee sein. – Ach, Jule, wenn ich erst wieder an der See bin, esse ich den ganzen Tag Flundern!«

»Nee, da bleiben einem ja die Gräten im Halse stecken.«

»Ach – wenn ich doch erst wieder an der Ostsee wäre! Aber es sind noch siebenundzwanzig Striche auf meinem Zettel.«

Dann trennten sich die Kinder. Jule beschloß, noch jetzt auf die Wiese zu laufen, um seiner neuen Braut einen Strauß Feldblumen zu pflücken. Er fühlte sich heute sehr glücklich, denn nun würde er sein Pommerle immer behalten, und wenn der Otto Jäger mal kam, der oben an der See wohnte, und das Pommerle heiraten wollte, mußte es sagen, daß es bereits mit dem Jule Kretschmar verlobt war. Das beruhigte den Knaben sichtlich, denn nun konnte er das Pommerle ruhig ziehen lassen.

Tag auf Tag verging. Im Hause des Professors begann man mit den Reisevorbereitungen. Als Pommerle den Koffer sah, den es schon aus dem Fischerdorfe her kannte, schrie es laut auf. Blitzschnell kamen alle Erinnerungen an die Heimat wieder zurück. Es kniete an dem Koffer nieder und schlang die kleinen Arme darum.

»An die See,« rief es unter Lachen und Weinen, »nun geht es wirklich an die Ostsee! Nun werden mir die Wellen wieder alles erzählen, ich werde im Sande liegen, und die Sonne wird wieder so rot sein und ins Wasser untertauchen!«

In Tränen aufgelöst fand sie Frau Bender.

»Du mußt nicht so aufgeregt sein, mein Kind, schließlich wirst du noch krank, und wir können nicht fahren. Du darfst dich freuen, mußt aber nicht gar so wild dabei sein.«

»Ach, Tante,« rief das kleine Mädchen, »mir ist es, als ob in mir alles entzwei ist. Es knackst und kracht an allen Stellen, und dann wird mit heiß und kalt, so, als ob ich glühendes Wasser getrunken habe. Das kommt immer so, wenn ich nur an die Ostsee denke!«

Da die Erregung von dem Kinde nicht weichen wollte, da jede neue Vorbereitung zur Reise dem kleinen Mädchen das Blut glühend heiß ins Gesicht trieb, beschloß die Professorenfrau, noch vor Antritt der Reise einen Arzt zu befragen. Der gute Hausarzt Dr. Klauß wurde gerufen, um Pommerle einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen.

»Die Kleine sieht frisch und munter aus,« sagte der Arzt, »aber trotzdem werde ich ihr die Lunge abklopfen und das Herz behorchen, damit Sie vollkommen beruhigt sind.«

Frau Bender holte ihr Pflegetöchterchen, das sich entkleiden mußte, und dann begann Dr. Klauß mit der Untersuchung.

»Tut es dir irgendwo weh, Pommerle?« fragte der freundliche Herr.

»Nein, Onkel Doktor, aber in mir ist alles so voll, wenn ich an die Reise an die Ostsee denke.«

Dr. Klauß untersuchte die Kleine eingehend.

»Warum klopfst du denn an mir herum? Ich kann dich doch nicht hereinlassen?«

»Ich will doch nur hören, ob da drinnen alles in Ordnung ist.«

Darauf zog der Arzt das Horchrohr aus der Tasche und legte es an die Stelle, an der das kleine Herzchen saß. Erstaunt betrachtete das Kind das eigenartige Ding, dann sagte es lebhaft:

»Onkel Doktor, du telephonierst wohl jetzt mit meinem Herzen?« Das Horchrohr erinnerte Pommerle stark an den Telephonhörer, der auch heute noch einen tiefen Eindruck auf die Kleine machte.

»Jawohl, mein Kind, ich telephoniere mit deinem Herzen.«

»Was hat dir denn das Herz gesagt, Onkel Doktor?«

»Es freut sich, daß es verreisen darf.«

»Ja, lieber Onkel Doktor, manchmal hopst es ganz hoch, und dann fühle ich, wie es mir im Bauche herumspringt. Horch doch gleich noch mal, Onkel Doktor, es will dir noch etwas sagen.«

Er legte das Horchrohr nochmals an und sagte: »So, nun habe ich alles verstanden. Aber das Herz darf nicht so toll umherhüpfen, kleines Pommerle, das muß ganz artig in seinem Bettchen liegen. Wenn du an die See kommst, wird es wieder ganz ruhig werden.«

Darauf mußte das Kind noch den Mund öffnen. »Jetzt strecke mal die kleine Zunge hervor, Pommerle.«

Das kleine Mädchen wandte sich fragend an die Tante. »Darf ich denn dem Onkel Doktor die Zunge herausstrecken?«

»Ja, mein Schäfchen, aber nur, weil er sehen will, ob auf der Zunge etwas Schlimmes ist.«

»Ach so, ob ich gelogen habe. Nicht wahr?«

»Ja, das sehe ich auch.«

Dann steckte Pommerle die kleine Zunge heraus. »Du hast nicht gelogen, bist ein kleines aufrichtiges Mädchen, und das ist sehr brav.«

»Sitzt sonst noch etwas auf der Zunge?«

»Wollen mal sehen, ob etwas im Halse sitzt. Steck die Zunge noch einmal recht weit heraus.«

Pommerle tat es, aber es schien dem Arzt noch nicht zu genügen.

»Bringe doch die Zunge ganz heraus, kleines Pommerle.«

Einen Augenblick schaute die Kleine den Arzt an, dann sagte sie traurig: »Das kann ich nicht, Onkel Doktor.«

»Warum denn nicht?«

»Weil mir die Zunge am Rücken festgewachsen ist.«

»So meine ich es auch nicht,« erwiderte der Doktor lachend, »du sollst sie nur ganz weit herausstrecken, sie reißt ja nicht los.«

Da versuchte es Pommerle denn noch einmal, und der Arzt war zufrieden.

»Siehst du, so ist es schön, – du bist ein ganz gesundes Mädchen, und in vierzehn Tagen fährst du bereits an die Ostsee.«

»Nein, Onkel Doktor, in zwölf Tagen.«

»Also gut. Freust du dich wirklich so sehr?«

»Ach, Onkel Doktor, ich freue mich furchtbar toll!«

Frau Bender war durch die Untersuchung beruhigt. Der Arzt hatte gemeint, daß das kleine Mädchen durch die Seeluft gekräftigt würde, dann aber sollte sich endlich die Sehnsucht erfüllen, und gerade das würde der Kleinen neue Kräfte geben.

Pommerle packte alltäglich seine Sachen ein, wieder aus und wieder ein. Es hatte unendliche Freude daran. Immer näher kam der Tag der Reise, und immer lauter jubelte das Kind, immer heller glänzten die blauen Augen.

Endlich war es soweit, daß man morgen in aller Frühe abfahren konnte. Pommerle stand vor seinem Zettel und küßte zärtlich den letzten Strich.

»So, nun ist alles weg, nun kann's losgehen!«

Am Vormittage kam Jule. Er brachte einen Pappkasten und stellte ihn vor Pommerle nieder.

»Ich bringe dir noch ein Geschenk zum Abschied.«

Das kleine Mädchen machte behutsam den Deckel auf. Ein prachtvoller Salamander saß in dem Kasten. Das schlanke Tier mit seiner schwarzen Haut, auf der grellgelbe Flecken leuchteten, schaute die Kleine mit klugen Aeuglein ängstlich an.

»Was ist denn das!« jauchzte Pommerle.

»Ein Salamander. So was gibt's im Gebirge.«

»O wie schön, – den nehme ich mit. Mit dem Salamander spiele ich im Sande.«

Das kleine Mädchen eilte zum Onkel, um ihm sein neuestes Spielzeug zu zeigen.

»Sieh einmal, mein liebes Kind,« sagte der Professor ernst, »das Tierchen ist hier in den Bergen aufgewachsen. Es würde sehr traurig sein, wenn du es mit an die See nehmen würdest. Außerdem hat es hier seine Eltern und Geschwister, da wollen wir es doch lieber zurücklassen.«

»Wenn's nicht mit an die See mag, soll es schon hierbleiben, Onkel. Denn das Tier ist vielleicht auch so traurig, wenn es nicht mehr die Berge sehen kann.«

»Aber wir können es in den Garten setzen.«

»Freut sich dann der Salamander?«

»Ja, er freut sich.«

»Dann wollen wir schnell gehen und ihn in den Garten tragen. Die Tiere müssen sich doch auch freuen, nicht wahr, lieber Onkel?«

»Freilich, mein Kind, mit Tieren muß man ganz besonders lieb umgehen. Es sind kleine Wesen, die sich nicht wehren können gegen uns große Menschen. Und so glauben die kleinen Tiere immer, daß der große Mensch ihnen etwas Böses antun will. Da muß man sehr, sehr lieb zu ihnen sein, darf ihnen nicht wehe tun, denn du weißt ja, daß die Tiere alle sehr nützlich sind.«

Pommerle nickte, nahm die Schachtel und trug sie behutsam hinaus in den Garten.

»Du brauchst keine Angst zu haben, lieber Salamander, ich tue dir gar nichts. Ich setze dich jetzt in den Garten, dann darfst du an allen Blumen riechen und deine Eltern und Geschwister besuchen gehen.«

Mit diesen Worten ließ Pommerle den Salamander aus dem Kasten schlüpfen und schaute ihm voller Freude nach, als das Tier unter der Hecke verschwand.

Während des Nachmittags wußte die Kleine nichts mehr anzufangen; sie lief hin und her, jubelte und jauchzte und wartete auf den Abend. Und als sie dann endlich in ihrem Bettchen lag, wollte der Schlaf nicht kommen. Sie drückte beide Hände fest aufs Herz.

»Du sollst doch nicht so sehr hüpfen, wir sollen doch beide ruhig und artig sein. – Lieber Gott, nun mache recht rasch, daß es morgen früh wird, denn ich kann es gar nicht mehr aushalten.«

Endlich schlief Pommerle doch ein. Es schlief so lange, daß es am nächsten Morgen von Frau Bender geweckt werden mußte. Pommerle hatte aber kaum die Augen geöffnet, da rief es jubelnd aus:

»Heute geht es an die Ostsee!«

Dann wurde es stiller und immer stiller. Es hatte ein Gefühl, als säße ein dicker Kloß fest im Halse. Die Erwartung bei dem Kinde war so groß, daß es kaum reden konnte. Es zog sich still an, hatte aber Mühe, das Frühstück herunterzubekommen.

Draußen stand schon der Wagen, Anna lud mit dem Kutscher die Koffer auf, und dann bestiegen die drei Reisenden das Gefährt, und fort ging es zum Bahnhof.

Dort stand Jule. Er hatte einen Rucksack auf dem Rücken. Mit gesenktem Haupte trat er an Professor Bender heran.

»Wenn ich ein sehr ordentlicher Tischler werde, darf ich dann mitkommen?«

»Höre, Jule,« sagte der Professor, »ich pflege mein Wort zu halten. In diesem Jahre nehme ich dich nicht mit. Aber übers Jahr, wenn ich wieder an die See fahre, wenn mir dein Meister sagt, daß du ein fleißiger Lehrling bist, dann sollst du mitkommen,«

Da wußte der Knabe, daß er seine letzten Hoffnungen begraben mußte. Pommerle eilte auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch.

»Jule – Jule – Jule,« mehr konnte es nicht sagen.

Dann trug der Zug die Reisenden davon. Das Kind saß bleich in der Wagenecke, und je näher man der pommerschen Heimat kam, um so stärker klopfte das kleine Kinderherz. Mitunter sprang es von seinem Platze auf.

»Tante, die See rauscht!«

»Nein, Pommerle, so weit sind wir noch nicht, die Lokomotive läßt nur den Dampf heraus.«

Endlich hatte man Stettin erreicht. »So, mein liebes Kind, jetzt sind wir schon in Pommern. Nun nur noch wenige Stunden, und wir sehen die See.«

Endlich war der kleine Badeort erreicht. Da die Reisezeit begonnen hatte, standen am Bahnhofe mehrere Droschken. Pommerle stand wie gebannt in der Bahnhofstür und rührte sich nicht. Es starrte auf einen der Männer, der auf dem Bock einer der Wagen saß.

»Onkel Will!«

Pommerle hatte in dem Fuhrmann den Freund des Vaters erkannt. Aber auch er hatte die Kleine bemerkt. Mit einem Sprunge war er vom Bocke herunter.

»Hanna, bist du nicht die kleine Hanna Ströde?«

Pommerle lag dem Manne in den Armen, wieder lachte und weinte es, und jetzt kam noch ein Zweiter heran, der ebenfalls seine Arme um die Kleine legte.

»Ich bin wieder da!« jubelte das glückliche Kind, »und bleibe dreißig lange Tage hier!«

Nachdem die erste Wiedersehensfreude vorüber war, drängte der Professor zur Abfahrt. Mit Onkel Will fuhr man ins Dorf. Professor Bender hatte nicht wieder in jenem Fischerhause gemietet, in dem er so viele Jahre gewohnt hatte. Er wollte nicht, daß Hanna zu stark an die Vergangenheit erinnert wurde. Aber man hatte ein ähnliches Fischerhaus gewählt, um dort die nächsten vier Wochen zu verleben.

Hanna saß im Wagen. Sie wurde jetzt immer lebhafter.

»Sieh mal dort das Haus, das gehört Onkel Schmidt, und alle Bäume sind noch da. – Ach, die vielen Hühnerchen! – Und dort drüben steht Tante Marta, – und das dort ist der Paul!«

Fast über jedes Haus, über jeden Garten wußte Pommerle etwas zu berichten. Dann kam die See in Sicht. Da verstummte der kleine Plappermund ganz plötzlich. In Hannas Augen traten Tränen.

»Die Ostsee,« sagte sie leise. Unendlicher Jubel lag in den beiden Worten.

Sie wandte jetzt keinen Blick mehr von der weiten Wasserfläche, die heute fast regungslos dalag. Der Wagen hielt, das Kind merkte es nicht einmal.

»Wir sind da, Pommerle, jetzt steige aus,« mahnte Frau Bender.

Da sprang die Kleine rasch heraus, lief aber nicht ins Haus, das der Onkel bereits betreten hatte, wandte sich nach der anderen Seite und lief über die weißen Dünen hinab zum Strande.

»Die See, – – die See, – – der Strand, – – o du mein liebes Wasser!«

Dann tauchte sie die Händchen ins Wasser, legte sich schließlich gänzlich nieder und gab den leise herankommenden Wellen einen langen Kuß. Dann setzte sich das Kind still nieder, schloß die Augen und hörte auf das leise Plätschern des Wassers.

»Die See, – – die See, – – der Strand, – – o du mein liebes Wasser!«

»Erzähl' mir vom Vater und von der Trude, vom Hans und von allen anderen.«

So lag das Mädchen wohl eine halbe Stunde lang still da. Frau Bender konnte vom Fenster ihrer Wohnung aus die Kleine sehen, sie ließ sie ruhig gewähren.

Als dann aber die Dunkelheit hereinbrach, ging Frau Bender hinab zum Strande, um ihr Pflegetöchterchen zu holen.

»Nun komme ins Haus, Kleine, vom Fenster aus kannst du auch die See sehen.«

Pommerle schlang seine Aermchen fest um den Hals der Tante. »Ich bin heute so froh, – ach, so froh, das Wasser hat mir so schöne Sachen erzählt.«

»Nun komme heim, mein kleines Plappermäulchen, der Onkel wartet.«

Man nahm das Abendessen ein, Pommerle schaute immer wieder durchs Fenster auf die weiße See. Und als es dann endlich zu Bett gebracht wurde, sprach es ein herzliches Dankgebet zum lieben Gott.

Dann lauschte das Kind den leise tauschenden Wellen und schlief bald mit glücklichem Lächeln ein. Im Traume aber sah es sich wieder mit Trude, Hans und Otto spielen, und daneben stand Jule, der hobelte fleißig eine Strandlaube. Diese Strandlaube aber, so sagte er, sollte die schöne Wohnung sein, in der er mit Pommerle Hochzeit machen wollte.

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