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Pommerle

Magda Trott: Pommerle - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePommerle
publisherLeipziger Graphische Werke AG
yearo.J.
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151109
modified20150911
projectid12ac5659
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Rübezahl rächt sich.

Während die beiden Kinder sanft schliefen, saßen Professor Bender und seine Frau im Nebenzimmer und besprachen die Ereignisse.

»Der Jule ist an allem schuld,« sagte der Professor. »Er soll gehörige Strafe haben, aber auch unserem Pommerle müssen wir ein für allemal einschärfen, daß es nicht ohne Erlaubnis fortlaufen darf. Wieviel Kummer und Sorgen haben wir gehabt!«

»Strafe den Knaben nicht zu hart, lieber Mann,« sagte Frau Bender, »du hättest ihn sehen sollen, wie er ankam. Er hat herzbrechend geweint und war in größter Angst. Ueber das ganze Gebirge ist er gelaufen, um Pommerle zu suchen.«

»Wie kann der Bengel unser Kind allein lassen? Wie kann er überhaupt die Kleine zu solch einem weiten Matsch verführen? Nein, Strafe muß sein!«

»Laß ihn wenigstens erst gründlich ausschlafen.«

»Das wohl, dann aber geht es zurück nach Hirschberg. Ich hatte die Absicht, noch zwei Tage hier zu bleiben, um den Kindern noch mehr Schönheiten des Gebirges zu zeigen. Da sie beide unfolgsam waren, fahren wir heim, noch heute. Und Jule bekommt noch seine Extrastrafe.«

Frau Bender erwiderte nichts darauf, denn auch sie sah ein, daß der Knabe Strafe verdient hatte. Jule, der das Gebirge genau kannte, hätte wissen müssen, daß zwei Kinder nicht so rasch bis zur Koppe hinaufkamen, außerdem mußte er sich denken, daß Pommerles Pflegeeltern in Angst und Sorgen sein mußten, wenn sich die Kinder für Stunden entfernten. Pommerle wäre gewiß auch nicht mitgegangen, wenn es gewußt hätte, daß die Wanderung hinauf zur Koppe einen vollen Tag in Anspruch nahm. Ganz unverantwortlich aber war es von Jule gewesen, daß er, um sich Geld zu verdienen, auf halbem Wege kehrt gemacht und das Kind allein weitergeschickt hatte.

Die beiden Kinder schliefen bis mittags. Jule war der erste, der erwachte. Als er sich alles nochmals überlegte, wurde ihm das Herz recht schwer. Was würde der Professor dazu sagen? Er begriff selbst nicht, wie er Pommerle ganz allein hatte weitergehen lassen.

Sehr langsam kleidete er sich an, dann horchte er an der Zimmertür. Er verspürte rasenden Hunger, wagte aber nicht, hinunter in den Speisesaal zu gehen, obgleich er feststellte, daß die Mittagszeit herangekommen sei.

Ein Klingelknopf befand sich an der Wand. Daneben stand: einmal drücken dem Hausdiener, zweimal drücken dem Stubenmädchen, dreimal drücken dem Kellner. Jule ging mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Knopf zu. Er hatte fürchterlichen Hunger. Sollte er den Kellner heraufklingeln und ihn um Kartoffeln und Hering bitten?

Jetzt stand er unmittelbar vor dem Knopf der Klingel und überlegte lange. Würde sich ein so fein gekleideter Herr von Jule mit den zerrissenen Hosen überhaupt herbeiklingeln lassen? Mit den zerrissenen Hosen durfte er sich dort unten überhaupt nicht zeigen. Die mußte erst repariert werden. – Aber wie? Mit Stecknadeln konnte er den Riß doch unmöglich zusammenstecken.

Jule suchte im Zimmer umher, fand aber in dem Hotelzimmer nichts weiter als einige Stecknadeln, die die Gardinen zusammenhielten. So entschloß er sich, den Riß mit den vier vorhandenen Nadeln zusammenzuhalten.

Die Arbeit war bald getan. Jule drehte sich vor dem Spiegel hin und her und fand, daß er wieder sehr fein aussähe.

Wenn nur der gewaltige Hunger nicht gewesen wäre! Ob er doch in den Speisesaal hinabging? Aber dort wartete der Professor sicherlich auf ihn und würde ihn vor allen den vielen Menschen durchhauen, und das war ihm unangenehm. Wenn er schon Prügel bekommen sollte, war das doch besser, es geschah hier oben im Zimmer ohne Zuschauer.

Leise klopfte Jule mit dem Finger an die Tür, die zum Nebenzimmer führte.

»Komm nur herein!« ertönte die Stimme des Professors.

Jule war es, als fingen ihm die Knie an zu zittern. Dann betrat er furchtsam und sehr langsam das Zimmer. An der Tür blieb er stehen.

Der Professor schaute den Eintretenden durch seine Brillengläser strafend an.

»Komm näher!«

Jule legte beide Hände an die Wangen, weil er fürchtete, daß er jetzt etwas abbekommen werde.

»Schämst du dich gar nicht, uns solchen Kummer zu bereiten? Wer hat dir erlaubt, solch einen weiten Spaziergang zu machen?«

Jule blickte schuldbewußt zu Boden.

»Du bist jetzt fast fünfzehn Jahre alt, daher groß genug, um auf ein achtjähriges Mädchen aufpassen zu können. Statt dessen führst du das Kind tief hinein ins Gebirge, läßt es dann stehen und läufst davon.«

»Ich habe doch zwei Damen die Rucksäcke getragen.«

»Du hast das Pommerle mitgenommen und hattest es daher nicht zu verlassen. Das kleine Ding hätte im Gebirge umkommen können, und du wärst dann schuld daran. – Pfui, Jule, ich hatte immer geglaubt, daß du bei all deinen Ungezogenheiten wenigstens ein zuverlässiger Knabe bist. Jetzt aber weiß ich, daß du auf unser Pommerle keinen guten Einfluß hast.«

»Sie wollte doch so gerne auf die Schneekoppe hinaufgehen.«

»Das Kind hatte keine Ahnung, wie weit das ist, du aber wußtest es. So hättest du davon abraten müssen. Wir wollten mit euch hinauf zur Koppe gehen. Weil ihr uns aber so großen Kummer gemacht habt, fahren wir heute noch nach Hirschberg zurück.«

»Ich werde Ihnen morgen keinen Kummer mehr machen, Herr Professor.«

»Weil du so weit fortgelaufen bist, geht es jetzt zur Strafe heim.

Und dann – – ich hatte die Absicht, dich im Sommer mit an die See zu nehmen.«

»Hurra!« schrie Jule auf.

»Daraus wird jetzt nichts. Wir reisen im Sommer, und du bleibst hier. Ich müßte ja jeden neuen Tag Angst haben, daß du mit Pommerle wieder davonläufst.«

»Ich laufe ganz bestimmt nicht wieder davon. Sie dürfen mich ruhig mitnehmen.«

»Nichts da,« erwiderte Professor Bender ernst, »wir reisen ohne dich. Das ist deine Strafe für dein Verhalten. Und wenn du noch weiter solche Streiche machst, Jule, erlaube ich dir überhaupt nicht mehr, in mein Haus zu kommen, dann darfst du das Pommerle nicht mehr sehen.«

Jule hätte jetzt am liebsten laut geweint. Schon der Gedanke, daß er sich durch sein Betragen die Reise an die Ostsee verscherzt hatte, machte ihn tief unglücklich. Aber nun sollte et auch noch von Pommerle fern bleiben. Das war zu viel.

»Ich will von jetzt ab immer seht artig sein,« sagte er, indem er die aufsteigenden Tränen herabzuwürgen versuchte. »Wenn ich in den nächsten Wochen sehr artig bin, Herr Professor, nehmen Sie mich doch noch mit?«

»Nein, Jule, an die See kommst du nicht mit, diese Freude ist durch dein schlechtes Verhalten zu Wasser geworden. Wenn ich aber sehe, daß du wirklich ein braver Junge wirst, können wir im kommenden Jahre darüber reden, höre ich aber auch nur eine Klage über dich, lasse ich Pommerle nicht mehr mit dir spielen. Das merke dir.« –

»Seien Sie mir nicht böse,« sagte Jule, »ich habe nicht gewußt, daß alles so schlimm werden würde.«

»In Zukunft überlege dir das vorher. – So, und nun geht es zum Essen. Aber erst will ich noch einmal nach Pommerle sehen.«

Da das Kind noch immer fest schlief, winkte der Professor seiner Frau, die sich während der ganzen Unterhaltung im Hintergrunde des Zimmers aufgehalten hatte. Dann gingen die drei hinunter in den Speisesaal.

Jule schlich wie ein armer Sünder hinter dem Benderschen Ehepaare drein. Erst, als ihm die Wohlgerüche der Küche in die Nase stiegen, heiterte sich sein Gesicht auf. Was würde er heute wieder Gutes zu essen bekommen? Er nahm sich vor, sehr artig zu sein, um den Professor recht rasch wieder zu versöhnen.

Man setzte sich an einem der weißgedeckten Tische nieder. Jule schnellte empor.

»Au!«

»Jule!« Professor Bender hob drohend den Finger und blickte den Schreier strafend an. »Setze dich, Jule, warum stehst du noch?«

Jule lehnte sich gegen die Lehne des Stuhles und hockte nur auf einer kleinen Ecke. Frau Bender ermahnte den Knaben: »Setze dich ordentlich hin, Jule, sonst fällst du noch mit dem Stuhle um.«

Ganz vorsichtig schob sich der Knabe mehr auf den Sitz des Stuhles hinauf. Vorhin bei dem raschen Niedersitzen hatte ihn eine der Stecknadeln, die seinen Riß im Hosenboden verschlossen, kräftig gestochen. Aber gottlob, jetzt ging es. Artig aß er seine Suppe, dann folgte der Braten mit dem Gemüse und einer schönen braunen Tunke. Es schmeckte dem Knaben prächtig. Er hatte sehr rasch seine Portion verschlungen und fragte jetzt bescheiden und artig:

»Darf ich mir noch Kartoffeln und Tunke nehmen?«

Frau Bender reichte ihm die Kartoffeln. Jule erhob sich ein wenig von seinem Sitz, griff nach der Tunke, die in einer schönen, mit Blumen bemalten Porzellanschale war. In seiner Freude, noch mehr essen zu dürfen, warf er sich zurück auf seinen Sitz und – –

»Au!« Die Hand, die die Schale mit der Sauce hielt, fuhr nach der gestochenen Stelle. Jule ließ die Porzellanschale fallen, und die braune Tunke ergoß sich über die schwarzen Beinkleider des Professors.

Jule war wie erstarrt.

»Ich wollte nicht – –« rief er erregt, »es stach doch so sehr!«

»Jule!« Die Brillengläser des Professors funkelten.

»Es stach doch so sehr!«

»Was stach?« fragte Frau Bender. »Wo stach es?«

Die Gäste an den Nebentischen waren aufmerksam geworden.

»Wo stach es?« fragte jetzt Professor Bender energisch.

»Das darf ich hier nicht sagen, das ist nicht anständig.«

»Setz dich nieder, Junge!«

Jule war so erschreckt, daß er sich zum dritten Male auf den Stuhl setzte, und wieder schnellte er mit einem Wehlaut empor.

Als er nun gar bemerkte, daß man am Nebentische zu lachen begann, hielt es der Knabe für das einzig Richtige, davonzulaufen.

Jule ließ die Porzellanschale fallen, und die braune Tunke ergoß sich über die schwarzen Beinkleider des Prozessors.

Wie gehetzt eilte er durch den Speisesaal, rannte gegen einen der Kellner, der ein Tablett trug, ein Klirren, die Teller rollten vom Tablett, aber Jule wollte jetzt nichts mehr sehen und hören. Mit langen Sätzen eilte er die Treppe hinan, hinein in sein Zimmer.

Mitten im Speisesaale aber lagen zwei Schnitzel, Scherben von zerbrochenen Tellern, die gekochten Kartoffeln kollerten umher, der Kellner schimpfte leise vor sich hin, und der Hausdiener wurde gerufen, der rasch den Schaden beseitigte.

Professor Bender war bemüht, die verschüttete Tunke von seinen Beinkleidern zu entfernen, Frau Bender aber sagte hastig zu ihrem Gatten:

»Ich will Jule nachgehen, sonst macht der Junge noch weitere Dummheiten.«

Jule saß oben in seinem Zimmer und starrte verzweiflungsvoll vor sich hin. Die abscheulichen Stecknadeln waren an allem schuld. Er hatte sich so fest vorgenommen, recht brav und artig zu sein. Nun war durch seine Schuld so viel Unglück geschehen, nun würde er niemals wieder mit Pommerle spielen dürfen.

Wie ein Bild des Jammers stand der Knabe in der Zimmerecke und überlegte, ob es nicht das Beste sei, allein nach Hirschberg zurückzufahren, um Benders niemals wieder vor die Augen zu kommen. Aber da öffnete sich auch schon die Tür, Frau Bender betrat den Raum.

»Wenn ich doch nicht mehr mit dem Pommerle sprechen darf,« rief ihr Jule weinend entgegen, »fahre ich lieber gleich allein fort.«

»Jule, was heißt denn das wieder? – Jetzt komm, setze dich neben mich, hier auf den Stuhl – –«

»Nein, nein!« schrie der Knabe entsetzt.

»Kannst du nicht folgen, Kind?«

»Ich bin doch schon ganz zerstochen,« rief Jule mit den Tränen kämpfend.

»So erzähle doch, Kind, was dich sticht!«

Da drehte sich Jule nach einigem Zögern schließlich um und zeigte Frau Bender die mit vier Stecknadeln zusammengesteckte Hose.

Frau Bender hatte Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. »Ach so,« sagte sie, »du hast den Riß in den Hosen mit Nadeln zusammengesteckt, und nun haben dir diese Nadeln weh getan!«

»Als ich mich auf den Stuhl setzte – – und den Napf mit der Tunke nahm – – da hat es fürchterlich gestochen, – – ganz tief, – – da habe ich vor Schreck den Napf hingeworfen.«

»Wie kannst du dir denn einen solchen Riß mit Stecknadeln zusammenstecken? Zieh die Hosen aus, ich werde sie dir nähen.«

Jule folgte, und Frau Bender stopfte mit geschickten Händen die zerrissene Stelle.

»Das hättest du doch schon früher sagen können, Kind.«

»Die schönen Kirschen – –«

»Wovon redest du nun schon wieder?«

»Es gab doch noch Kirschen, die habe ich nun nicht bekommen.«

»Da siehst du wieder die Strafe, Jule. Und nun setze dich still nieder, nimm dir das Buch vor, das ich dir für die Reise gab, und sei recht brav, damit Onkel Bender nicht noch böser auf dich wird.«

»Uh je, er ist furchtbar böse auf mich!«

»Ich will jetzt nach Pommerle sehen – –«

»Darf ich denn noch mit Pommerle reden?«

»Weil die Stecknadeln schuld an allem waren, soll dir verziehen sein. Nun sei aber recht brav, damit wir uns nicht noch weiter ärgern müssen.«

Als Frau Bender an das Bettchen Pommerles trat, war das kleine Mädchen soeben erwacht. Es streckte Frau Bender beide Arme entgegen.

»Nun, hat mein Kleines gut geschlafen?«

»Liebe, liebe Tante, ich habe schon mit dem lieben Gott gesprochen und ihm auch gesagt, daß ich euch niemals wieder fortlaufen werde. Ihr seid immer so gut zu mir – –. Und wenn man von dem höchsten Berge doch nicht die See sehen kann, will ich auch immer bei euch bleiben.«

»Es war nicht artig von dir, mein Kind, so weit fortzugehen. Wenn der Jule wieder einmal einen so langen Spaziergang mit dir macht, mußt du ihm sagen, daß er umkehren soll.«

»Wäre der Rübezahl nicht gekommen, dann wäre ich jetzt wohl tot, Tante?«

»Vielleicht, mein Kind. – Aber der liebe Gott hat gesehen, wie ein kleines Mädchen ganz allein in den Bergen umherirrte, und da hat er dir seinen Schutzengel geschickt.«

»Einen Engel habe ich aber nirgends gesehen, Tante, nur den Rübezahl.«

»Das war ein sehr guter Herr, kleines Pommerle, ein lieber Mann, der dir Hilfe brachte.«

»Ich will auch immer gut sein zu kleinen Mädchen, die sich verlaufen.«

»Man muß zu allen Menschen gut sein, mein Kind. Es gibt so viele Arme und Kranke, die keine Freude auf der Erde haben. Man muß immer versuchen, den Menschen Freude zu bereiten und ihnen Gutes zu erweisen.«

»Allen Menschen, Tante?«

»Allen denen, die Hilfe von uns haben wollen. Der liebe Gott hat alle die gern, die ein warmes Herz haben und die den Armen gerne etwas abgeben.«

»O Tante, dann will ich den Armen immer etwas geben.«

»Ja, Pommerle, das mußt du tun.«

»Hat der liebe Gott den Rübezahl auch zu mir geschickt?«

»Ja, kleines Pommerle, auch das hat er getan. Und dafür mußt du ihm von ganzem Herzen danken und immer ein liebes und frommes Kind bleiben.«

Frau Bender befühlte die Stirn der Kleinen. Sie war wohl ein wenig heiß, aber eine Krankheit schien nicht im Anzuge zu sein. So war es wohl das beste, wenn man möglichst rasch einen Zug nach Hirschberg benutzte, um noch vor Abend in der eigenen Wohnung zu sein.

Nun erschien auch der Professor. Pommerle umarmte den Onkel stürmisch und versprach fest, niemals wieder fortzulaufen.

»Zur Strafe für deine Unart, mein liebes Kind, bleiben wir nicht länger hier. Noch heute geht es wieder heim.«

Pommerle nickte dazu. »Ja, weil wir beide unartig waren, müssen wir unsere Strafe haben. So ist es ganz richtig. – – Wo ist denn Jule?«

»Der Schlingel!« rief der Professor.

»Schilt ihn nicht,« bat Frau Bender, »die Stecknadeln hatten Schuld an allem.«

»Was denn für Stecknadeln?«

»Mit denen er sich den Riß im Hosenboden zusammengesteckt hatte und die ihn bei der kleinsten Bewegung empfindlich stachen.«

Professor Bender brach in lautes Lachen aus, und damit war sein Groll gegen den Knaben verschwunden.

Jule aber saß artig über seinem Buche, er las zwar nicht, starrte aber unentwegt hinein. Daß er es jetzt verkehrt in der Hand hielt, merkte er nicht einmal. Und als jetzt der Professor das Zimmer betrat, steckte er seine Nase noch tiefer in das Buch.

Bender sah auf den ersten Blick, daß der Knabe das Buch verkehrt in den Händen hielt.

»Was machst du denn da?«

»Ich soll lesen.«

Bender beugte sich tief über das Buch und sagte: »Hält man das Buch beim Lesen verkehrt herum?«

Das bemerkte Jule jetzt erst. Rasch packte er das Buch, wollte es umwenden, schlug aber dabei den Professor ins Gesicht, daß diesem die Brille von der Nase fiel.

»Bengel!«

Jule war aufgesprungen, mit schlotternden Knien stand er vor dem Professor. »Ich kann nichts dafür,« rief er klagend, »alles ist verhext, der Rübezahl hat mich behext, er will mich ärgern, – ich kann wirklich nichts dafür!«

»Heb' mir wenigstens die Brille auf und gib sie mir.«

Mit einem Satze sprang der Knabe auf die Brille zu. Er war etwas zu weit gesprungen, die Brille kam unter seinen Fuß, und er zertrat das eine Glas.

»Ich bin behext, – der Rübezahl ist schuld!«

Der Professor wollte erneut ärgerlich werden, aber als er die Tränen in den Augen des Knaben sah, legte sich sein Groll.

»Du bist erregt, Jule!,« sagte er ernst, »du mußt erst wieder ruhig werden, wenn man gar zu sehr umherzappelt, passiert nur immer mehr Unglück.«

»Der Rübezahl sitzt in mir.«

»Unsinn, Junge, wie kann ein so großer Bursche noch an den Rübezahl glauben!«

»Ja freilich, der Rübezahl ist böse auf mich, weil ich auf ihn geschimpft habe. Er hat mir den Hosenboden zerrissen, er hat den Napf zerschlagen und jetzt auch die Brille zertreten.«

»Jetzt packe dein Köfferchen zusammen, mit dem Fünfuhr-Zuge fahren wir heim.«

Schweigend kam der Knabe diesem Befehle nach.Viel hatte er ja nicht zusammenzupacken. So war die Arbeit sehr bald getan, und nun ging er hinüber ins Schlafzimmer der Familie Bender, um sich dort nützlich zu machen. Der Professor saß mit seiner Frau und Pommerle im Nebenzimmer, so konnte er ungestört arbeiten. Er packte alles in die Rucksäcke, stopfte und stopfte, denn der große Mantel des Professors nahm viel Platz weg. Aber endlich war die Arbeit geschehen, und strahlend ging Jule hinein zu den anderen.

Dort saß man noch ein Stündchen zusammen. Dann trank man gemeinsam Kaffee, zu dem es wunderschönen Kuchen gab. Endlich erklärte Professor Bender, daß man sich nun reisefertig mache, der Omnibus fahre in einer Viertelstunde zum Bahnhof.

Während sich Bender und seine Frau ins Schlafzimmer begaben, war Jule mit Pommerle allein. Das kleine Mädchen schaute durch das geöffnete Fenster nochmals zu den Bergen empor.

»Du, Jule, ist das da der hohe Berg, auf dem wir waren, – die Schneekoppe?«

»Freilich!«

»So hoch hinauf bin ich gegangen?«

»Ja.«

»Aber schön war es doch nicht, Jule, ich habe mich furchtbar geängstigt.«

Der Knabe trat hinter Pommerle, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Bist du mir sehr böse, Pommerle?«

Die Kleine schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bin dir doch gar nicht böse.«

»Weil ich dich allein gelassen habe, – ich mach's aber nie wieder, nie! Und wenn man mir hundert Mark gibt, bleibe ich bei dir.«

»Das ist fein, Jule, du mußt immer bei mir sein.«

»Ich will dir auch noch etwas schenken, weil du so große Angst hattest.«

Er griff in die Tasche und holte das Zweimarkstück heraus.

»Das schenke ich dir.«

Mit strahlendem Lächeln nahm Pommerle das Geldstück. Jule stand daneben und blickte traurig drein, als das kleine Mädchen das Silberstück in der kleinen Börse verschwinden ließ.

»Nun hast du einen Taler und zwei Mark,« sagte er gedehnt, »ich habe nichts. Du hast gesagt, daß du mir den Taler schenken würdest, wenn ich mit dir auf die Schneekoppe ginge. Du bist aber allein hinaufgegangen, und da habe ich kein Recht auf deinen Taler.«

Pommerle schaute den Spielgefährten an. »Wir wollen die Tante fragen.«

»Laß nur,« sagte Jule, »ich weiß ganz allein, daß mit der Taler nicht zukommt. Ich meinte ja nur, daß du jetzt einen Taler und zwei Mark hast, und ich gar nichts.«

Aber Pommerle fragte von neuem:

»Soll ich dir deine zwei Mark wieder zurückgeben, Jule, damit du auch wieder etwas hast?«

»Nein,« erwiderte der Knabe, »ich habe nun mal gesagt, daß ich dir die zwei Mark geben will. – Du hast zwar auch gesagt, daß du mir den Taler geben willst, aber das scheint mir etwas anderes zu sein.«

»So nimm den Taler.«

Jule legte beide Hände auf den Rücken und schüttelte energisch den Kopf.

»Ich möchte ihn schon haben, aber ich nehme ihn nicht. Ich habe dich allein laufen lassen, und du hast große Angst gehabt.«

Da steckte Pommerle beide Geldstücke in die Börse und knipste sie zu.

»Eigentlich habe ich ja auch Angst gehabt,« fuhr Jule fort, »und was für welche. Die Hosen habe ich mir zerrissen und das Gesicht zerschunden. Aber laß nur stecken.«

»Wenn du aber gar kein Geld hast, tut es mir sehr leid,« sagte Pommerle.

»Ich wüßte schon einen Ausweg,« erwiderte der Knabe, »schließlich habe ich mir doch deinetwegen das Gesicht zerschunden. – Wenn ich wenigstens eine Lakritzenstange hätte, wollte ich mich zufrieden geben.«

»O, die will ich dir besorgen,« tief die Kleine hocherfreut.

»Dann komm,« rief Jule begeistert aus, »wir wollen uns gleich eine holen!« Schon hielt et die Türklinke in der Hand, da hob Pommerle warnend den Finger.

»Aber, Jule, wir haben doch gerade versprochen, daß wir nicht wieder davonlaufen wollen. – Hast du das schon wieder vergessen?«

»Wir gehen doch aber nicht weit.«

»Macht nichts, wir wollen trotzdem erst fragen.«

Der Knabe schmollte, sah aber ein, daß Pommerle recht hatte.

»Dann kaufst du mir in Hirschberg zwei Lakritzen,– – ja?«

»Das will ich machen.«

»Na, dann ist es gut. Ich werde dich auch nicht mehr allein zur Schneekoppe gehen lassen. Ich laufe immer neben dir her, und wenn wir mal wieder in die Berge kommen, wirst du dich ganz bestimmt nicht wieder verlaufen. Dann passe ich auf dich auf.«

Die Stimme des Professors ertönte aus dem Nebenzimmer: »Jetzt rasch angezogen, die Zeit drängt!«

»Siehst du,« sagt« Pommerle, »das wäre wieder eine schlimme Geschichte geworden, wenn wir wieder davongelaufen wären.«

Wieder hörte man Onkel Bender im Nebenzimmer: »Wo ist denn nur mein Mantel? Habe ich den vielleicht unten hängen lassen?«

Er suchte nach dem Mantel, auch Frau Bender suchte nach ihrer Jacke. Schließlich bemerkte sie noch das Fehlen ihrer Reisekappe. Sie rief Jule.

»Jule, lauf doch mal rasch hinunter und sieh nach, ob unten im Speisesaale am Garderobenhalter unsere Mantel hängen.«

»Da hängen sie nicht,« sagte der Knabe strahlend.

»Sieh nur erst einmal nach, Jule.«

»Nee, da hängen sie bestimmt nicht.«

»Weißt du denn, wo sie hängen?«

»Die hängen überhaupt nicht.«

»So rede doch vernünftig, Junge. – Hast du unsere Mäntel gesehen?«

Der Knabe nahm die schweren Rucksäcke und hielt sie Frau Bender hin. »Eingepackt sind sie, und das habe ich gemacht.«

»Du hast unsere Mäntel in die Rucksäcke gepackt?«

»Jawohl, ich ganz allein.«

»Aber, Jule!« In aller Eile packte man die Rucksäcke aus. Vollkommen zerdrückt kamen die Kleidungsstücke zum Vorschein.

Jules Augen leuchteten. »Habe ich das nicht fein gemacht?«

»Es war gut gemeint,« sagte Frau Bender mit einem Seufzer und besah sich das ganz zerdrückte Stück.

»Nun rasch, der Omnibus steht bereits unten.« In größter Eile wurden die Rucksäcke wieder gepackt, dann stieg man die Treppe hinunter, setzte sich in den Omnibus, um zum Bahnhofe zu fahren. Der Ausflug in die Berge war beendet, es ging wieder zurück nach Hirschberg.

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