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Pommerle

Magda Trott: Pommerle - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titlePommerle
publisherLeipziger Graphische Werke AG
yearo.J.
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20151109
modified20150911
projectid12ac5659
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Jule ist in Angst und Not.

Frohen Mutes, in der Aussicht auf die drei Mark Trägerlohn, war Jule Kretschmar mit den beiden fremden Damen zurück nach Krummhübel gegangen. Als der Ort in Sicht kam, wies er mit dem ausgestreckten Arme auf den Ort.

»Jetzt können Sie nicht mehr fehlgehen, ich kehre nun um. Das Tragen kostete drei Mark.«

»Du wirst uns das Gepäck bis zum Hotel tragen.«

Jule schaute stumpfsinnig vor sich nieder. Dann schüttelte er den Kopf.

»Das geht nicht, ich muß zurück, ich muß doch ein kleines Mädchen nach der Koppe bringen.«

»Wir haben aber ausgemacht, mein Junge, daß du uns das Gepäck bis nach Krummhübel trägst.«

»Dort ist Krummhübel.«

»Du bist ein recht dreister Knabe. – Hier hast du zwei Mark und nun lauf.«

»Drei Mark haben wir ausgemacht«

Die eine der beiden Dornen machte eine Bewegung mit der Hand, als wolle sie dem Knaben eine Tracht Prügel verabreichen. Da schleuderte Jule die beiden Rucksäcke im Bogen von sich, riß der anderen Dame die zwei Mark aus der Hand und eilte in langen Sprüngen davon.

Jetzt galt es, das Pommerle einzuholen. Es würde sich ganz gewiß nicht verlaufen haben, hatte es doch das Schlesierhaus hoch oben immer vor Augen. Außerdem stieg das kleine Ding lange nicht so rasch wie er, und so hoffte der Knabe, daß er Pommerle vor dem Schlesierhause wiederfinden werde.

Er eilte sehr rasch aufwärts. Klettern konnte er wie eine Katze, so nahm er den kürzesten weg. Ging nicht in Kehren hoch, stieg geradewegs bergan, kletterte über die Felsblöcke, hielt sich mit beiden Händen daran fest und gelangte in reichlich der halben Zeit nach dem vereinbarten Ziele.

Suchend schaute er sich um. Pommerle war nirgends zu sehen. So betrat er die Baude, und als er auch hier das kleine Mädchen nicht erblickte, wandte er sich an einen der Bediensteten. Er erfuhr, daß Pommerle gesehen worden war; doch habe man das Kind wieder aus den Augen verloren. Jedenfalls sei es hinauf zur Koppe gegangen.

Jule wurde unruhig. Ihm kam beängstigend in den Sinn, daß er an Pommerle sehr unrecht gehandelt habe. Der Kleinen war das Gebirge vollkommen fremd, sie hatte keine Ahnung, wie weit der Weg, wie hoch die Berge waren. Wie leicht konnte sie sich verlaufen. Er hatte mit den beiden Damen nicht zurückgehen dürfen, er hätte bei Pommerle bleiben müssen. Gewaltsam beruhigte er sich. Es war doch aber Pommerles größter Wunsch gewesen, über alle Berge hinwegschauen zu können. So war es zweifellos hinauf auf die Koppe gelaufen, um von dort aus weit ins Tal schauen zu können.

Sehr eilig wanderte der Knabe zum Gipfel der Koppe empor. Nicht einmal eine Erfrischung hatte er im Schlesierhause zu sich genommen. Er hatte jetzt nicht eher Ruhe, als bis er Pommerle wiedergefunden.

Auf der Koppe fragte er wieder nach einem kleinen Mädchen, und aufgeregt erzählten die Leute, daß ein kleines Mädchen allein hier oben angekommen sei, das bitterlich geweint habe, weil es von hier aus die See nicht sähe. Man wollte die Kleine zurück ins Schlesierhaus bringen, da sei es heimlich fortgelaufen, wahrscheinlich sei es schon wieder dort unten.

Das gebräunte Gesicht Jules wurde blaß.

»Unten ist Pommerle nicht,« erwiderte er.

»Ja, wo ist das Kind denn dann hingelaufen?«

»Vielleicht hat sich die Kleine irgendwo versteckt.«

»Nein, auch das nicht, wir haben schon nach ihr gesucht. Sie wird sicherlich wieder nach unten gegangen sein. Die Kleine war sehr verängstigt und verweint.«

»Man muß sie doch suchen.«

»Ist die Kleine deine Schwester?«

»Nein, sie wollte auf die Schneekoppe, und da sind wir eben zusammen losgegangen.«

»Du hast sie doch aber allein gelassen. Das Kind kam mutterseelenallein hier an.«

Jule wurde blutrot. »Ich – ich – habe mir erst noch etwas Geld verdient.«

»Hast du das kleine Ding etwa alleine gehen lassen?«

»Ich wollte gleich nachkommen, und dann habe ich sie nicht mehr gefunden.«

»Du garstiger Schlingel, na warte nur, der Rübezahl wird dir beide Ohren abreißen. Wo soll man nur das Kind finden?«

Jule würgte an aufsteigenden Tränen. »Man muß eben nach ihr suchen.«

Man telephonierte hinunter ans Schlesierhaus, desgleichen nach der Riesenbaude, aber nirgends hatte man von dem Kinde wieder etwas gesehen.

»Sie ist nicht in den Bauden,« sagte der Koppenhauswirt zu Jule und schaute den Knaben ernst an. »Was sagen denn deine Eltern dazu?«

»Ich habe keine Eltern.«

»Na, und das kleine Mädchen?«

»Das ist in Krummhübel bei Verwandten.«

»Und da hast du das kleine Ding mitgenommen? Ihr scheint beide recht unartige Kinder zu sein.«

»Man muß doch nach ihr suchen,« beharrte Jule.

»Wo denn?«

»Vielleicht ist sie hinab nach Aupa gegangen.«

»Man kann nichts weiter tun, als die Umgegend absuchen. Vielleicht sitzt das Kind irgendwo im Geröll.«

»Ich muß das Pommerle suchen.«

Der Knabe wollte davoneilen. Da hielt man ihn zurück.

»Erst iß mal einen Bissen, Junge,« sagte der gutmütige Baudenwirt. »Hast zwar keine Mahlzeit, sondern eine gehörige Portion Prügel verdient, und dann mache dich auf die Suche. Auch ich will mich umtun, will nochmals telephonieren, und du kommst bis zum Abend wieder zurück, um Bescheid zu bringen. Ein Nachtlager kannst du hier oben haben.«

Träne auf Träne tropfte aus seinen Augen.

Jule verschmähte zwar sonst niemals ein Essen, jetzt aber schmeckte ihm die gereichte Suppe gar nicht. Er starrte auf den Teller nieder, und Träne auf Träne tropfte aus seinen Augen. Wo war das Pommerle? Lag es vielleicht todesmatt im Knieholz? Rief es nach ihm?

Jule malte sich die schrecklichsten Bilder aus. vielleicht war das Pommerle gar tot, irgendwo abgestürzt, vielleicht war es auch immer weiter gelaufen und schließlich krank zusammengebrochen.

Der Abend war auch nicht mehr fern, und wenn es zu dunkeln begann, kamen die Gebirgsgeister hervor, vor denen sich sogar Jule fürchtete.

Er würgte an der Suppe, als ob er hartes Fleisch zu essen habe, und zwischendurch schickte er Stoßgebete zum lieben Gott und zu Rübezahl, daß beide dem kleinen Pommerle beiständen.

»Ich will auch den Taler gar nicht haben,« murmelte Jule, »will ihm meine zwei Mark noch dazugeben, will niemals wieder davonlaufen und auch keine Scheiben mehr einwerfen. Nur das Pommerle will ich wiederfinden.«

Er hatte die Suppe endlich aufgegessen und erhob sich, um davonzueilen.

»Hier habe ich dir ein Fläschchen mit Wein zurechtgemacht, Junge,« sagte der Baudenwirt. »Wenn du die Kleine findest, gib ihr davon zu trinken, und dann kommt ihr sofort hierher zurück.«

Jule vergaß in seiner Aufregung das Danken, nahm den Wein, drückte sich die Mütze fest auf das Haar und eilte davon. Kopfschüttelnd schaute ihm der Wirt nach.

»Wenn nur dem kleinen Mädchen nichts passiert ist. Wo soll man es hier wiederfinden!«

Er besprach das alles mit den auf der Koppe weilenden Touristen, die noch teilweise weitergehen wollten. Alle wollten sich umsehen und auch nach dem Kinde rufen.

Jule zögerte. Welchen Weg sollte er nehmen? Den steilen, kurzen Pfad hinab über die Leischnerbaude nach Aupa oder den deutlicher sichtbaren über den Riesenkamm hin zur Schwarzen Koppe?

Er hob zwei Steine vom Boden auf. »Rübezahl, zeige mir den Weg. Wo ist Pommerle gegangen? Der weiße Stein ist das Pommerle.« Damit warf er beide Steine hoch in die Luft. Der weiße fiel ein wenig mehr nach links hinüber.

»Also nach der Schwarzen Koppe,« sagte der Knabe. Dann lief er los.

Seine Sorge wurde immer größer. Wenn die Kleine diesen Weg eingeschlagen hatte, mußte sie stundenlang wandern, ehe sie zu einer menschlichen Wohnung kam. Ob Pommerle solche Strapazen aber aushielt? Würde sie sich nicht schrecklich fürchten? Am Ende starb sie vor Angst. Jule wußte sehr genau, wie einem zumute ist, wenn das Gruseln kommt. Noch war heller Tag, aber wie lange, dann kamen die Abendschatten und damit alle die unheimlichen Gestalten.

»Pommerle – – Pommerle – – Hanne – – Hanne!« Ununterbrochen ertönten die Rufe des dahineilenden Knaben. Aber keine Antwort kam zurück. Von Zeit zu Zeit setzte sich Jule in Trab, dann wieder hielt er im Laufen inne, um erneut nach dem Kinde zu rufen.

Es begann zu dunkeln, als er den Gipfel der Schwarzen Koppe erreicht hatte. Die Angst um das Kind, aber auch die Angst vor der Einsamkeit ließen Jule erzittern. Gerade hier auf der Schwarzen Koppe war es für ihn so unheimlich. Hier gingen Rübezahls Geister gewiß um, und da Rübezahl wußte, daß Jule heute sehr unrecht gehandelt hatte, würde er seinen Berggeistern befehlen, ihn zu bestrafen. Er hatte gehört, daß die Berggeister mit Tannenruten auf die Unartigen einschlugen, und das tat nicht gerade gut.

Horch! Knackte es jetzt nicht dicht hinter ihm?

»Ich will's nicht wieder tun,« rief Jule, duckte sich zusammen und hielt beide Hände schützend aus den Hosenboden.

Aber alles blieb totenstill. Endlich wagte der Knabe, scheu sich umzublicken. Niemand war weit und breit zu sehen.

Da lief er weiter wie gehetzt und machte erst halt, als er an einem Wegweiser stand. Hier ging es hinab nach Wolfshau, aber geradeaus führte der Weg nach den Grenzbauden. Welchen Weg war wohl das Pommerle gegangen?

Wieder nahm Jule zwei Steine und warf sie in die Luft. Der hellere wies nach den Grenzbauden.

Er war todmüde. Er verspürte jetzt auch brennenden Durst. Die Hand zuckte mehrfach nach der Flasche mit dem Wein, die er in der Hosentasche stecken hatte. Aber er bezwang sich.

»Nein, das ist fürs Pommerle,« sagte er fest. Aber trotzdem nahm er die Flasche heraus, entkorkte sie, roch daran und bildete sich ein, daß er nun wieder gestärkt sei. Riechen konnte er an dem Wein, das hatte ihm der Baudenwirt nicht verboten.

So wanderte er weiter, die Flasche unter der Nase. Da – Jule hatte die große Wurzel nicht gesehen – pardauz, lag er auf der Nase, fühlte einen stechenden Schmerz im Gesicht, merkte, daß ihm etwas Nasses, warmes über den Hals hinunterrieselte, und als er sich wieder aufrichtete, lag die Flasche mit dem kostbaren Wein zertrümmert vor ihm.

Im ersten Augenblick war der Knabe starr vor Entsetzen. Dann ballte sich seine Hand zur Faust.

»Das war Rübezahl! Das war der niederträchtige, abscheuliche – –« Jule hielt entsetzt im Weiterreden inne und schlug sich mit der flachen Hand auf den Mund. Nein, das hatte er nicht gewollt. Wie durfte man wagen, im Riesengebirge und noch dazu, wenn man mutterseelenallein war, auf den mächtigen Berggeist zu schimpfen. Es lief Jule kalt und heiß den Rücken hinunter. Rübezahl mußte seine Worte gehört haben. Jetzt ging es ihm schlecht!

»Ich habe dich gar nicht gemeint, Rübezahl,« rief er fast weinerlich, »du weißt doch, wie gerne ich dich habe. – Nee, du bist nicht abscheulich, du bist ein großer, guter Berggeist, aber hilf mir jetzt das Pommerle wiederfinden.«

Wieder knackte es ganz in seiner Nähe. Jule machte einen Sprung seitwärts und schaute entsetzt auf die Stelle, an der es seiner Meinung nach geisterte. Und dann kam plötzlich etwas herausgesprungen. Der Knabe schrie gellend auf. Das konnte nur der mächtige Berggeist sein, der auf ihn zuwollte, um ihn zu strafen. Jule sank zusammen.

»Gnade, Gnade!« schrie er. Aber da setzte auch schon ein Rehbock in langen Sätzen an ihm vorüber. Jule atmete ordentlich erleichtert auf. Diesmal war es noch gut abgegangen, aber wer weiß, hinter welchem Felsblock Rübezahl auf ihn lauerte.

Weiter, jetzt nur rasch weiter! Mit dem Jackenärmel wischte er sich das Blut vom Gesicht, denn die Scherben der Flasche hatten ihm Wange und Nase gehörig zerkratzt.

Es wurde dunkler und immer dunkler. Jule bereute es tief, daß er so wenig Gebete wußte. Aber der liebe Gott würde gewiß nicht böse sein, wenn er ihm auch Verse aus dem Lesebuchs aufsagte, die ihm noch im Gedächtnisse waren. Und während er mit ängstlichen Blicken nach rechts und links schaute, murmelte er vor sich hin:

»Der Mai ist gekommen – – gekommen – –.« Aber Jule, der niemals viel in der Schule gelernt hatte, wußte nicht weiter und grübelte schier krampfhaft nach einem neuen Verse, um die immer größer werdende Furcht zu bannen. Rings um ihn her die prachtvollen Tannen. Das brachte ihn auf eine neue Idee, und nun sprach er und sang zuweilen auch:

»O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter, du grünst nicht nur zur Sommerszeit, lieber Gott, laß mich das Pommerle finden, auch wenn es schneit, – o Tannenbaum, o Rübezahl, du kannst mir sehr gefallen!«

In dem dichten Hochwald rauschte der Abendwind. Mit erschreckten Augen schaute der Knabe empor, und dann schrie er hinauf zu den Gipfeln der Tannen: »Denkt ihr etwa, ich fürchte mich? Nein, ich fürchte mich gar nicht!« Darauf sang er mit voller Lungenkraft, zwar sehr falsch, aber doch anhaltend: »Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all – –«

Der Gesang hatte ihm Mut gemacht. Er bildete sich fest ein, daß er in den Grenzbauden, die gar nicht mehr weit waren, das Pommerle finden würde. Jetzt trat er aus dem Walde und sah die erste Baude vor sich liegen.

»Pommerle, Pommerle, endlich habe ich dich gefunden! Aber warte nur, wie kannst du mir so davonlaufen!«

Ohne Gruß betrat er das Haus. »Wo ist das Pommerle? Hier ist doch ein kleines Mädchen? Das ist das Pommerle und gehört zu mir.«

»Nanu, Junge, wo kommst du denn zu so später Abendstunde noch her?«

»Hat das Pommerle schon Abendessen bekommen?«

»Was ist denn das für ein Pommerle?«

»Wir sind zusammen von Krummhübel fortgegangen, dann haben wir uns verloren. – Wo ist sie denn?«

»Hier ist kein Pommerle angekommen.«

Jule starrte den Sprecher an, und plötzlich schlugen ihm die Zähne zusammen. Dann rief er angstvoll: »Das Pommerle – lieber Gott, das Pommerle muß doch hier sein!«

»Vielleicht drüben in einer der anderen Bauden.«

Der Knabe hielt sich nicht erst lange auf. Da die nächste Baude nur wenige Minuten entfernt war, fragte er dort nach. Aber hier wurde ihm der gleiche Bescheid, daß man von einem kleinen Mädchen nichts gesehen habe.

Der Knabe zitterte vor Erregung, ging aber noch zur dritten Baude hinüber, um auch hier zu hören, daß ein kleines Kind nicht angekommen sei.

»Pommerle!« Es war ein jammervoller Ruf, der aus dem Munde Jules kam.

»Soll das kleine Mädchen, das du suchst, allein gekommen sein? Es geht doch kein Kind ohne Begleitung übers Gebirge!«

Um Jules Fassung war es geschehen. Der große Knabe warf sich vor der Baude auf die Erde, barg das Gesicht in den Armen und schluchzte jämmerlich.

»Pommerle, mein Pommerle, – wo ist denn mein Pommerle?« Er wollte sich nicht beruhigen lassen. Er fieberte vor Erschöpfung, ließ sich willenlos ein Glas Milch an die Lippen setzen, trank es gierig leer und sank erneut völlig erschöpft zurück.

»Ich muß weiter,« murmelte er mit geschlossenen Augen, »ich muß doch das Pommerle finden.«

»Wo willst du denn jetzt hin, Junge?«

»Zum Pommerle!« Unter heftigem Schluchzen kamen die beiden Worte über die Lippen des Knaben.

»Nichts da,« entschied energisch der Wirt. »Du bleibst die Nacht hier, schläfst dich erst mal aus, und morgen erzählst du uns, wo du die Kleine verloren hast.«

Jule wollte sich nicht zurückhalten lassen. Er schlug mit Händen und Füßen um sich und schrie erregt nach Pommerle, bis schließlich die Baudenwirtin herbeikam und freundliche und besänftigende Worte an den Knaben richtete.

»Du mußt doch einsehen, Kind, daß man des Nachts niemanden finden kann. Das Pommerle hat unterwegs gewiß jemanden getroffen, man hat es mitgenommen, und es schläft schon lange. Paß auf, morgen hast du das Pommerle wieder.«

Als Jule auf die Matratze sank, machte sich der weite Marsch doch bemerkbar. Es dauerte nur noch wenige Minuten, da lag er in tiefem Schlummer.

In der Nacht freilich hatte er die gräßlichsten Träume. Rübezahl erschien und warf ihn von der Schneekoppe hinab in den Riesengrund. Jule fühlte ordentlich den harten Fall. Er erwachte. Anfangs wußte er nicht, wo er eigentlich war. Die eine Seite tat ihm furchtbar weh. In der Dunkelheit tastete er um sich. Da merkte er, daß er von der Matratze heruntergerutscht war und auf der blanken Diele lag. Erneut kroch er auf sein hartes Lager, um wieder in unruhigen Schlummer zu sinken. Alle Tannen, die er heute gesehen hatte, verwandelten sich jetzt in Geister, die mit langen Armen nach ihm griffen. Und der eine hatte die Weinflasche in der Hand und übergoß Jule mit der duftenden Flüssigkeit.

Der Knabe erwachte, schrie auf, sein Gesicht war naß. Auch von der Jacke tropfte es. Was war geschehen? Jule hatte so lebhaft geträumt, daß er sich erneut von der Matratze heruntergewälzt hatte, bis hin zu dem Waschkruge, der ein wenig von seinem Lager entfernt stand. Energisch hatte er im Schlafe um sich geschlagen, um die bösen Geister von sich abzuwehren, der kalte nasse Inhalt des Kruges hatte sich über ihn ergossen.

Das machte den Knaben munter. Er schüttelte sich, daß die Tropfen flogen, dann schaute er durch das kleine Fenster. Draußen graute der Morgen. In der Baude aber war alles noch still. Seine Glieder schmerzten ihn von der Wanderung des vergangenen Tages, als er dann aber an Pommerle dachte, das er noch immer nicht gefunden hatte, waren alle Schmerzen wie fortgeblasen.

»Ich muß es doch suchen gehen,« flüsterte der Knabe angstvoll, »es hat sich verlaufen, sitzt weinend im Walde und ist vielleicht vor Angst und Schreck gestorben!«

Leise schlich er sich die Treppe hinab. Die Haustür war noch fest verschlossen. Der Schlüssel war nirgends zu finden. Aber Jule wollte nicht länger hier bleiben, er mußte nach Pommerle suchen. Behutsam öffnete er das Flurfenster, schwang sich aufs Fensterbrett, ein zweiter Satz brachte ihn in die freie Natur.

Wohin jetzt? Ueber die Grenzbauden hinaus war Pommerle sicherlich nicht gekommen. Es mußte einen anderen Weg genommen haben. Ob es von der Schneekoppe vielleicht nach einen ganz anderen Richtung gegangen, ob es vielleicht überhaupt nicht weitergelaufen und gleich nach Krummhübel zurückgekehrt war? Aber dann hätte es ihm begegnen müssen. Oder ob das Pommerle vom Schlesierhaus aus mit fremden Leuten zurückgefahren war? Vielleicht hatten sich Fremde der Kleinen angenommen.

Jule beschloß wieder sein Steinorakel zu befragen. Er suchte sich einen abgeplatteten Stein, der auf einer Seite schön gezeichnet war. Wenn die Zeichnung beim Emporwerfen des Steines nach oben zu liegen kam, war Pommerle zurück nach Krummhübel gekommen. Jule warf den Stein empor. – Richtig! Die schön geäderte Steinfläche blieb oben.

Da riß der Knabe die Mütze vom Kopfe, schleuderte sie in die Luft, aber – – o weh, die schöne Mütze, ein Geschenk Professor Benders, blieb an dem Aste einer Tanne hängen.

Jule riß den Mund weit auf, dann überlegte er, ob er es wagen sollte, hinaufzuklettern. Ohne Mütze durfte er dem Professor doch nicht vor die Augen treten. Aber Pommerle war schon wieder in Krummhübel, das war schließlich die Hauptsache.

»Daß ich daran gar nicht gedacht habe,« sagte er, »wozu laufe ich denn bis zu den Grenzbauden! Ich hätte doch gleich wieder zurück nach Krummhübel gehen müssen.«

Er schaute zu seiner Mütze empor, kraulte sich hinter dem Ohr und beschloß dann, die neue Mütze herunterzuholen. Er zog die Jacke aus, legte sie auf den Boden, dann klomm er an dem rauhen Stamme empor.

Aber heute schien der Jule vom Unglück verfolgt zu sein. Mit dem Hosenboden blieb er an einem hervorstehenden Aststümpfchen hängen, ein Riß. Jule fühlte an seinem verlängerten Rücken die kühle Morgenluft, und als er mit der Hand behutsam hinfaßte, stellte er fest, daß quer über den Hosenboden ein zwei Finger langer Riß klaffte. Das war fatal, denn die kurze Joppe deckte den Schaden nicht zu. Solange er hier im Gebirge wanderte, machte das weiter nichts, aber wenn er hinab nach Krummhübel kam, wurde die Geschichte unangenehmer.

Trotzdem waren diese Gedanken bald vergessen; die Aussicht, das Pommerle endlich wiederzufinden, verliehen dem noch stark ermüdeten Knaben wieder neue Kräfte. Durch den Eulgrund eilte er nach Wolfshau hinab. Auf halbem Wege lag ein Forsthaus, hätte Jule geahnt, daß dieses Haus sein Pommerle barg, er wäre sicherlich nicht so rasch vorübergeeilt wie jetzt. Aber die guten Förstersleute und Pommerle lagen zu so früher Morgenstunde noch in tiefstem Schlaf.

Es war gegen sechs Uhr morgens, als Jule nach Krummhübel kam. Mit der Hand hielt er sich den Riß im Hosenboden zusammen. Wohl war ihm nicht zumute. Was würde Professor Bender wohl sagen? Pommerle hatte gewiß längst erzählt, daß es von Jule verlassen worden war.

Auf den Straßen war noch kein Leben, hin und wieder radelte ein Bäckerjunge mit einem Korbe, gefüllt mit frischen Brötchen, vorüber, Männer gingen mit dem Handwerkszeugs auf dem Rücken zur Arbeit.

Er eilte weiter bis hin zu jenem Hotel, in dem Benders abgestiegen waren, und blieb unschlüssig an der Tür stehen. Er horchte, vernahm innen Stimmen und sah den Pförtner heraustreten.

Schüchtern trat Jule an den Mann heran.

»Guten Morgen auch.«

»Ist das nicht – – da bist du ja wieder, – na, deinetwegen haben wir gestern was ausstehen müssen.«

Jule wurde rot.

»Kennen Sie das Pommerle?«

»Freilich! – Du bist fortgelaufen mit der Kleinen. Na warte mal, mein Junge, die Prügel! Wenn du meiner wärst, müßtest du dir den Hosenboden gehörig pflastern lassen.«

»Schläft das Pommerle noch?«

»Das ist überhaupt gar nicht hier, es wird erst geholt.«

»Ist nicht hier?« Jule schrie die Worte entsetzt heraus.

»Der Herr Professor ist schon fortgegangen, er holt es wieder heim.«

»Wo ist es denn? – Lebt es noch?«

»Ja, – man hat es unterwegs gefunden und dann in das Forsthaus zu Wolfshau gebracht.«

»Und ihm fehlt nichts, gar nichts?«

»Nein, mein Junge, aber dir fehlen gehörige Prügel.«

»Mir ist ja jetzt alles einerlei,« rief Jule unter Lachen und Weinen. »Wenn Sie wollen, mögen Sie mich verhauen. Wenn nur das Pommerle wieder da ist!«

Jule drängte den Pförtner zur Seite und betrat die große Halle.

»Hurra–a–a–a–a–a!« brüllte der Knabe aus Leibeskräften, »das Pommerle ist gefunden!«

»Willst du wohl stille sein!« schrie ihn der Pförtner an, »es ist erst sechs Uhr, da schlafen unsere Gäste noch.«

Jule senkte den Kopf schuldbewußt. Dann aber strahlte er den Mann an. »Ich freue mich halt gar so seht, daß das Pommerle wieder da ist!«

»Wie siehst du aber aus, Junge? Gerade wie ein Landstreicher. Da hinten alles zerrissen. Geh hinauf und zieh dir erst mal 'ne andere Hose an. Schäme dich, so umher zu laufen!«

In seiner freudigen Erregung hatte der Knabe vergessen, die Hose, die bedenklich herunterhing, noch weiter zusammenzuhalten. Jetzt schämte er sich, daß er so liederlich vor dem Pförtner stand.

»Jetzt hinauf nach Nummer 7, die Frau Professor ist schon auf. Hast ihr große Sorgen gemacht.«

Rückwärts, damit der Pförtner den zerrissenen Hosenboden nicht wieder erschaue, stieg Jule die Treppe zum ersten Stockwerke empor. Als er aber an der Tür von Nummer 7 stand, sank ihm der Mut. Einen ganzen Tag lang war er fern gewesen. Man hatte ihn mitgenommen, hatte ihn durch diese kleine Reise zu erfreuen versucht, und er hatte dem Professor und seiner Frau so schlecht gedankt.

»Ich will es auch ganz bestimmt nicht ein zweites Mal tun,« murmelte er.

Immer noch stand er zaghaft an der geschlossenen Tür und wagte nicht anzuklopfen. Aber endlich tat er es doch, ganz leise und zaghaft.

»Bitte!« erklang von drinnen die Stimme der Frau Professor Bender.

Eine rasende Angst überfiel den Knaben. Die Tränen stiegen ihm in die Kehle, er wagte nicht zu öffnen.

Als auf einen erneuten Hereinruf niemand das Zimmer betrat, öffnete Frau Bender selbst die Tür und sah sich Jule gegenüber.

»Jule!«

»Ich will's nicht wieder tun,« stammelte der Knabe unter hervorstürzenden Tränen.

»Jule, – dem lieben Gott sei gedankt, daß du da bist!«

»Ich habe gedacht – – daß es vorneweg geht. Ich hab's immerzu gesucht – – ich hab's aber nicht gefunden. – Ich will's nicht wieder tun – ich – – ich – –« Vor Schluchzen konnte er nicht weitersprechen.

All der Zorn, den Frau Bender für den Knaben in sich aufgespeichert hatte, war verflogen. Nur noch Sorge war in ihr gewesen um die beiden Kinder. Als man gestern abend spät gemeldet hatte, daß Pommerle wohlbehalten im Forsthause Wolfshau weile, hatte ihre ganze Sorge Jule gegolten, von dem man nichts gesehen hatte.

Nun stand er gesund vor ihr, freilich, ein Bild des Jammers. Zerknirscht, das Gesicht zerschrammt, der Anzug zerrissen. Sie legte den Arm um die Schulter des Knaben und zog ihn ins Zimmer.

»Jule – Jule, wie konntest du davonlaufen? Wie konntest du uns solche Sorgen machen?«

»Ich will's auch nicht wieder tun,« schluchzte der Knabe erneut. »Ich habe mich so geängstigt, ich hab' das Pommerle überall gesucht, hab's nicht gefunden, aber nun ist's ja da, nun ist alles wieder gut!«

»War es nicht unrecht, Jule, dem Kinde davonzulaufen?«

»Ja.«

»Kannst du dir nicht denken, daß wir in großer Sorge waren?«

Dann fuhr er plötzlich in die Tasche und legte ein Zweimarkstück vor Frau Bender hin.

»Sie werden sich lange nicht so geängstigt haben wie ich. – Es war schrecklich!«

»Du hättest Strafe verdient, Jule. Danke dem lieben Gott, daß alles so gut abgelaufen ist, Pommerle hätte in den Bergen umkommen können, und alles durch deine Schuld.«

Der Knabe stand mit gesenktem Haupte vor Frau Bender. Dann fuhr er plötzlich mit der Hand in die Tasche und legte ein Zweimarkstück vor Frau Bender hin.

»Hier, das sollen Sie haben.«

»Warum denn?«

»Weil ich ungezogen war, – ich schenke es Ihnen, weil Sie sich so sehr geängstigt haben. Ich hab's – – ich hab's mir sauer verdient, aber ich gebe es Ihnen gerne.«

»Behalte dein Geld, mein Kind, aber versprich mir jetzt fest, daß du unser Pommerle nicht wieder zu solchen Streichen veranlassen wirst. Ein Kind darf nicht davonlaufen, sonst bestraft es der liebe Gott.«

»Und der Rübezahl!« ergänzte der Knabe. Er dachte an den Schreck, den er beim Auftauchen des Rehbockes bekommen hatte.

Darauf ließ sich Frau Bender ausführlich erzählen, was der Knabe den ganzen Tag über gemacht hatte. Zerknirscht berichtete Jule alles, aber plötzlich hielt er inne.

»Mir tut der Kopf so weh,« sagte er, »und vor den Augen fängt es an zu wackeln.«

»Hast du denn heute schon etwas gegessen, Kind?«

»Nein.«

»Ich bringe dich jetzt zu Bett. Ausnahmsweise darfst du heute einmal im Bett frühstücken. Zunächst schläfst du, und wenn das Pommerle gekommen ist, wecke ich dich.«

So wurde Jule von Frau Bender zu Bett gebracht. Er erhielt ein reichliches Frühstück, dann sank der Knabe erschöpft in tiefen Schlaf.

Zwei Stunden später fuhr vor dem Hotel ein Wagen vor, dem Professor Bender entstieg. Er trug das kleine Mädchen auf den Armen die Treppe empor. Pommerles Augen waren matt und glanzlos, aber es lächelte glückselig, als es die Tante wiedersah.

»Bist mir nicht mehr böse, liebe Tante?«

»Nein, mein geliebtes Pommerle, aber nun bringe ich dich auch zu Bett.«

»Es wird nötig sein,« sagte der Professor leise, »ich fürchte, die Kleine wird krank.«

Darauf berichtete Frau Bender, daß auch Jule zurückgekommen sei, aber man weckte den Knaben nicht, weil man erkannte, daß beide Kinder langen Schlaf dringend nötig hatten.

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