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Polizei-Geschichten

Ernst Dronke: Polizei-Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorErnst Dronke
titlePolizei-Geschichten
publisherVerlag von Carl B. Lorck
printrun1. Auflage
year1846
firstpub1846
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
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Das Unvermeidliche.

»Nein, da magst Du Einwürfe und Entschuldigungen vorsuchen, so viele Du willst,« sagte Arthur zu seinem Kommilitonen und Stubenkameraden Eduard, »das läßt sich weder rechtfertigen, noch entschuldigen. Wenn sich Jemand an Mitgliedern der Behörde, weil sie ihn bestrafen mußten, eigenmächtig vergreift, so ist das nichts weiter, als Rache, und jede Rache ist gemein und verächtlich.« –

»Ich habe das auch keineswegs zu rechtfertigen gesucht,« erwiederte Eduard. »Ich behaupte nur, daß erlittenes Unrecht in jedem Menschen, sei er auch der sanftmüthigste der Welt, Haß gegen den erregt, von dem ihm das Unrecht zugefügt worden. Widerfährt es ihm jedoch öfter, oder leidet er nachhaltig unter dem einen Schlag, so wird sich sein erbittertes, von Haß erfülltes Gemüth zuletzt in einer Rachethat Luft machen. Das ist nur zu sehr erklärlich, und die, welche ihn dazu trieben, haben sich allein die Folgen zuzuschreiben.« –

»Wenn ihm wirklich Unrecht widerfahren ist,« versetzte Arthur, »so kann er sich desto eher in dem Bewußtsein seiner Unschuld trösten. Durch einen eigenmächtigen Racheakt aber wird er seine Sache nur in ein zweifelhaftes Licht stellen.« –

»Das sind Phrasen, mein Lieber!« sagte der Andere. »Erlittenes Unrecht kränkt am tiefsten, es verwindet das kein Mensch so leicht. Im Gegentheil möchte ein Racheakt weit eher auf die Unschuld des früher Verletzten schließen lassen; denn im Bewußtsein seiner selbstverschuldeten Strafe wird er gewiß in seinem Innern weniger Veranlassung zu Haß und Rache gegen den Vollstrecker finden, er wird vielmehr Beschämung oder im schlimmsten Fall Zorn über sein Mißgeschick fühlen. Deine Moralbegriffe oder die Strafbestimmungen des Gesetzes können keinen Maßstab für eine solche psychologisch begründete That abgeben. Sie läßt sich dagegen auch ebenso wenig entschuldigen; aber der Trieb liegt nun einmal in der Menschennatur.« –

»Wenn Du die Sache nicht zu vertheidigen vermagst,« rief Arthur, »so ist das ein schlechter Einwurf mit dem Sündenbock der Menschennatur. Es muß jeder so viel Kraft in sich haben, den Trieb, den er nicht rechtfertigen kann, zu unterdrücken, oder er ist ein feiger Schwächling.« –

»Das nimmt sich im Prinzip recht schön aus,« meinte Eduard, »aber ich bin überzeugt, daß Dich selbst fortgesetztes Unrecht erbittert machen und Deine Moralgesetze vergessen lassen würde.« –

»Nimmermehr!« rief Arthur unmuthig. »Nie würde ich aus Leichtsinn mir selbst den Trost der Gewissensreinheit zu nichte machen! Ich halte das unter allen Umständen für schwach und verächtlich!« –


Arthur war der Sohn eines Universitätslehrers in ***, studirte aber seit einem Jahre ungefähr Theologie in B., weil die Fakultät hier renommirtere Lehrer als in *** zählte. Arthur war so zu sagen ein Prinzips-Mensch. Er hatte sich seinem Studium mit einem, in diesen Jahren seltenen Eifer hingegeben, und von Natur schon ernst und tieferem Denken zugeneigt, war auch sein äußeres Leben von dem Einfluß seiner geistigen Thätigkeit ergriffen worden. Er hatte sich nach seiner Philosophie vollkommen ein System, eine genaue Bahn seines Wandels konstruirt und unterwarf engherzig jede, auch die kleinste seiner Handlungen der Analogie dieses Prinzips. Im Laufe der Zeit wurde ihm diese Pedanterie zur andern Natur. Es ging ihm nichts über ein Prinzip und er trieb die Konsequenz so weit, daß er lieber prinzipielle Schlechtigkeit gelten lassen, als den Leichtsinn und Wankelmuth jugendlicher Sorglosigkeit entschuldigen wollte.

»Hat Jemand den Muth und die Konsequenz, aus Prinzip schlecht zu sein,« sagte er, »so kann ich ihn noch achten, wenn ich auch seine Gründe vielleicht verwerfen muß. Die Schwäche aber, die sich von jedem äußeren Hauche ihre Richtung geben laßt, darf ich nur verachten.« –

Mit diesen Grundsätzen mußte Arthur auf der Universität natürlich sehr vereinsamt stehen. Seine Kommilitonen kümmerten sich nicht um ihn, oder verspotteten ihn als einen verrückten Pedanten. Nur Eduard hielt es mit ihm, weniger jedoch aus Uebereinstimmung, als vielmehr durch langjährige Gewohnheit mit ihm vertraut. Sie hatten sich schon auf der Schule, welche sie zusammen besuchten, fest an einander angeschlossen, und so verschieden sie auch im Grunde von einander waren, so hatte doch die Gewohnheit, täglich beisammen zu sein, zu tiefe Wurzeln in ihnen Beiden geschlagen, als daß Eduard nicht Arthurs Entschluß hätte folgen und mit ihm die Universität B. beziehen sollen. Bei der immer bestimmteren Richtung Arthurs und dem leichten Sinn Eduards kam es denn öfters zwischen den beiden Freunden zu Debatten, aber dabei blieb es auch. Jeder that nach wie vor das Seine, und ihr Verhältniß litt nicht im Mindesten darunter.

So waren sie einst auf das obige Gespräch gekommen, als Eduard eben mit großem Gelächter einen an einem Nachtwächter verübten Streich erzählt hatte. Der Nachtwächter nämlich hatte einige Tage zuvor die Anzeige gemacht, daß an dem Schilderhäuschen, in welchem er nach jedesmaliger Runde sich aufhielt, mehrmals und immer nur, wenn er eben drinnen stand, auf eine furchtbare Weise gepoltert und gerüttelt worden sei, ohne daß er der Ruhestörer habe habhaft werden können. Das letzte Mal jedoch habe er drei Studenten davon laufen und in ein bestimmtes Haus einkehren sehen, aus welchem dann in der Nacht Niemand mehr herausgekommen sei. In Folge dessen waren die drei, in jenem Hause wohnhaften Studenten auf das Universitätsgericht citirt, und da sie ein Alibi zur Zeit des Schabernacks nicht nachweisen konnten, wegen ruhestörenden Lärmens in zweitägige Karzerstrafe verurtheilt worden. Diese indeß hatten das Unglück in der That gar nicht angerichtet und beschlossen daher, sich an dem unvorsichtigen Nachtwächter gebührend zu rächen. Mitten in der Nacht, als die Gassen öde und ruhig lagen und der Nachtwächter aller Berechnung nach von seiner Runde wieder zurück sein mußte, öffnete sich die Hausthür und die drei Studenten mit noch einem vierten, den sie ins Geheimniß gezogen, traten auf die Straße. Sie trugen ein großes Bret, welches genau auf den Eingang des Schilderhäuschens gepaßt war, und dessen vier Ecken bereits Löcher zum Einschlagen von Nägeln enthielten. Einige Schritte vor dem Stand des Nachtwächters machten sie Halt, und Einer untersuchte zuerst vorsichtig das Terrain. Bald kehrte er mit der Botschaft zurück, daß der Nachtwächter in seinem Wachthäuschen schlafe. Darauf zogen sie leise heran, lehnten das Bret an den Eingang der hölzernen Bude, und – eins, zwei, drei! – schlugen sie mit ein paar Hammerschlägen die Nägel ein. Der Nachtwächter war eingenagelt und wurde trotz seines Polterns und dumpfen Murrens erst am Morgen und nicht ohne große Umstände von den Nachbarn erlöst. Die Studenten aber hatten sich mit stolzer Genugthuung und ungefährdet nach Hause begeben.

Mit dieser Erzählung hatte Eduard denn einen heftigen Ausfall von Arthurs prinzipieller Kritik hervorgerufen. Arthur ließ sich, wie gewöhnlich, weniger über den Vorfall selbst aus, er betrachtete nicht den muthwilligen Streich, sondern sprach mit großem Ernst über die Motive und verdammte sie als Rachethat. Im Laufe des Gesprächs wurde denn auch bald die eigentliche Sache vergessen, und Beide führten nun den Streit über das Prinzip der persönlichen Rache, wobei, wie wir gesehen haben, Arthur zuletzt auf das konsequente Resultat kam, daß er nie, auch bei systematisch fortgesetzter Unbill, dem Gekränkten die Rache zugestehe.

Es schien aber fast, als wolle das Schicksal an ihm erproben, wie weit ein Prinzip Macht über die Menschennatur ausüben könne, denn jenes Thema sollte verhängnißvoll in sein Leben eingreifen.


Es hatten zu dieser Zeit eben die demagogischen Untersuchungen begonnen, und wie man weiß, kam dazumal mancher angesehene, hochgeachtete Mann heute in polizeilichen Geruch, der gestern noch in Amt und Würden stand. Viele hatten gestern noch ihre Angehörigen unbefangen und heiter verlassen, um sie erst nach Jahren ergraut und morsch aus den Gefängnissen steigen zu sehen.

Auf ähnliche Weise wurde Arthur bald nach jener Unterredung durch einen Brief seiner Mutter furchtbar überrascht, die ihm tiefergriffen die Gefangennahme seines Vaters mittheilte. Der junge Mann ordnete sogleich seine Angelegenheiten und eilte in düstern Ahnungen nach Hause. Hier fand er seine Mutter auf dem Krankenlager. Sie war von Natur schon schwächlich und nervösen Anfällen unterworfen gewesen, und die Aerzte waren in letzter Zeit mehrmals für ihr Leben besorgt; jetzt hatte die Gemütsbewegung bei ihres Gatten Schicksal sie niedergeworfen und ein schleichendes Fieber untergrub ihr Dasein. Arthur widmete ihrer Pflege seine ganze Aufmerksamkeit, aber er konnte doch den geknickten Lebenstrieb nicht wieder aufrichten. Die Kranke wurde allmählig immer hinfälliger und schwächer und fühlte zuletzt selbst ihre Auflösung nahen. Da richteten sich denn ihre letzten Gedanken und Kräfte mit der ganzen glühenden Sehnsucht einer schmerzlich scheidenden Seele auf den Mann, an dessen Seite ihre flüchtige Lebensblüthe gerankt hatte. Sie rang in verzweifelnder Anstrengung mit dem Weh eines qualvollen Scheidens, und ihr brechendes Herz wollte sich wenigstens in einem Abschied noch von dem, der ihr Schutz und Stütze gewesen, den letzten stärkenden Trost suchen. Arthur that alle Schritte, ihren heißen Wunsch zu erfüllen, aber – es war die erste Prüfung seiner Menschennatur! – seine Bemühungen blieben fruchtlos.

Beim Beginn der demagogischen Untersuchungen hatte man einen neuen Instruktions-Richter nach *** gesandt, dem ein seltsamer Ruf vorangegangen war. Herr W. war Justizbeamter in einem kleinen Provinzialstädtchen gewesen und sollte als solcher sich einer Aktenfälschung schuldig gemacht haben. Gewiß ist, daß auf Grund der darüber umlaufenden Gerüchte eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet wurde, im Lauf welcher einer seiner Unterbeamten sich das Leben nahm. Kurz darauf begann die Jagd auf die sogenannten Demagogen und es wurden in diese Angelegenheiten mehrere bedeutende, zur Opposition gehörige Männer verwickelt. Zur selben Zeit begab sich Herr W. nach der Residenz, angeblich um wegen des gegen ihn verhängten Verfahrens persönlich eine Vorstellung zu machen, wie das Gerücht jedoch sagte: um über die Demagogen-Untersuchung Winke und Mittheilungen zu geben. Das Resultat seines Besuchs in der Residenz war, daß die Untersuchung gegen ihn niedergeschlagen, er selbst als Instruktions-Richter und Polizeidirektor nach *** gesendet und ihm die Untersuchung in Sachen der demagogischen Umtriebe daselbst übertragen wurde. In dieser Funktion bewies er denn bald den thätigsten Eifer. Die Gefangenen wurden mit der größten Strenge behandelt, abwechselnd bald in häufige, lang anhaltende Verhöre genommen, bald wieder erst nach unendlichen Zwischenräumen; es wurden ihnen die gleichgültigsten, harmlosesten Briefe zur Erläuterung und Rechtfertigung von einzelnen, unbezüglichen Stellen vorgelegt, andere Papiere dagegen, auf welche sie sich beriefen, vorenthalten, und die peinliche Bewachung ihrer Person ging so weit, daß ein Offiziant zugegen sein mußte, wenn der Barbier sie bediente. Dabei sprach sich die öffentliche Meinung dahin aus, daß es gerade die der Regierung mißliebigen früheren Opponenten seien, gegen welche W. am strengsten verfahre.

An diesen Mann wendete sich Arthur zuerst mit der Bitte, seinen Vater auf einige Zeit zu der sterbenden Mutter zu lassen. W. war ein großer hagerer Mann mit einem langen, scharf markirten Gesicht. In seinen Zügen lag eine todtenähnliche kalte Starrheit, welche durch die graue Gesichtsfarbe, die seltsamen Falten um Augen und Mund und den fast gläsernen Blick noch erhöht wurde. Als ihm Arthur sein Anliegen vorbrachte, betrachtete er ihn mit seinem eisigen glanzlosen Blick, daß dem jungen Mann fast vor ihm graute, und sagte ruhig und ohne Ausdruck, daß er dem Gefangenen eine solche Vergünstigung während der Untersuchung nicht gestatten könne. Umsonst bat nun Arthur, daß man den Vater wenigstens auf kurze Stunden zu der Kranken lassen und jedesmal unter Bewachung bis ins Haus und wieder zurück geleiten möge. Der Beamte erhob sich wie verabschiedend von seinem Stuhl und antwortete mit derselben langsamen Eintönigkeit, daß er das weder gestatten könne noch wolle.

Arthur fühlte unter dem kalten, starr auf ihm ruhenden Blick einen gährenden Zorn in sich wach werden, aber der Gedanke an seine Mutter bewältigte ihn wieder, und er sagte mit größerer Lebhaftigkeit, indem er bewegt einen Schritt näher trat:

»Sie haben auch Kinder! Sie wissen, welches Leid in dem Gedanken ist, aus dem Kreis der Seinen zu scheiden! Um Ihrer Kinder willen denn: gönnen Sie einem Vater den Trost, die Seinen noch einmal, bevor er zu spät kommt, wiedersehn zu dürfen! Gönnen Sie einer Mutter, wenigstens im Kreis der Ihren zu sterben, damit Sie nicht selbst in der Todesstunde verlassen sein mögen!« –

Ueber die Züge des Beamten zuckte eine seltsame Regung. Die Welt sagte, daß dieser starre, egoistische Mann dennoch einen Rest menschlicher Gefühle habe, daß er an seinen Kindern mit einer Liebe hänge, die man in diesem hartherzigen, verschlossenen Sinn nicht ahne. Man wollte zuweilen ein Bild häuslicher Glückseligkeit hier gesehen haben, in welchem der tyrannische, freundlose Beamte mit dem Ausdruck weiblicher Innigkeit im Kreis seiner Kinder gesessen, – und doch gab ihm wiederum das Gerücht Schuld an dem Tod seiner Frau. Sei es nun wirklich, daß die bewegten Worte Arthurs eine Saite in seinem Innern berührt hatten, sei es, daß er den Bittenden nur eine kurze Hoffnung fassen lassen wollte, um sie desto grausamer vernichten zu können: einen Augenblick schien es, als ob er bewegt werde. Aber sein Auge nahm sogleich wieder seine ausdruckslose Kälte an und er sagte einförmig ruhig:

»Ich bedaure, Ihnen keine andere Antwort geben zu können, und will Sie nicht Ihrer Zeit berauben, die Sie vielleicht zu weiteren Schritten benutzen werden.« –

Arthur ging. Er wendete sich zunächst mit seinem Gesuch an das Obergericht, erhielt aber zur Antwort, daß dasselbe in diesem Falle, bevor nicht die Untersuchungsakten geschlossen waren, inkompetent sei; man müsse es ihm überlassen, sich an das Ministerium zu wenden. Ehe er aber von diesem einen Entscheid einholen konnte, war seine Mutter bereits verschieden.

Ihre letzten Augenblicke waren voll bitterer Schmerzen gewesen und Arthur litt unaussprechlich dabei. Die Kranke hatte bis zum Todeskampf ihre volle Besinnung behalten, und in der Qual des Sterbens rief sie umsonst den Namen ihres Gatten. Bei jedem Geräusch wendeten sich ihre brechenden Augen nach der Thür, ihre zitternden Hände tasteten zuletzt noch suchend aus der Decke, um die Hand des Ersehnten zu drücken, und aus ihrem Röcheln noch klang wehmüthig klagend sein Name. Sie starb, ohne ihn wiedergesehn zu haben.

Vor ihrer Beerdigung schrieb Arthur an seinen Vater. Er wußte zwar wohl, daß derselbe nicht zum Grabgeleite kommen werde, aber er hoffte, daß er vielleicht aus dem Fenster seines Kerkers herabschauen werde. Als der Trauerzug an den grauen Mauern des Gefängnisses vorüberkam, sah Arthur hinauf nach dem kleinen vergitterten Loch, hinter dem, wie er wußte, sein Vater saß. Aber es ließ sich nichts blicken. Die Fenster in solchen Kerkern sind sehr hoch, fast an der Decke; und wenn auch der Gefangene bis dahinan springen könnte, so vermag er doch an dem abschüssigen Fensterbrett keinen Anhalt zu finden.

Später erfuhr Arthur, daß sein Vater den Brief zu jener Zeit noch gar nicht empfangen, daß der Untersuchungs-Richter denselben vielmehr im Verhör zu dem Versuch benutzt habe, dem Gefangnen ein Geständniß abzulocken.


In Arthurs Seele war tief und unvergeßlich das Bild seiner sterbenden Mutter eingegraben, und bei allen Schritten, in allen Träumen stand vor seinem Geiste jener erschütternde Anblick, wo sie ringend, im Tode noch nach ihrem Gatten geseufzt hatte. Aber auch eben so tief und unvergeßlich stand daneben das Andenken an den Mann, der ihr den letzten, stillen Trost ihrer Sterbestunde mit boshaftem Frevelmuth geraubt hatte. Er suchte umsonst dies geisterhafte, starre Bild mit den gespenstischen Augen und den unheimlichen Falten aus seinem Innern zu verwischen, immer wieder glaubte er den grauenhaften, glanzlosen Blick auf sich gerichtet zu sehen und die Dolchstiche der langsamen eintönigen Worte zu vernehmen. Der Haß gegen diesen Mann stieg in ihm, je mehr er sich von ihm losreißen wollte.

»Wenn ich ihn sterben sehen könnte, einsam, verlassen, verflucht sterben, in wilder Qual, tausendfach größer als die meiner unglücklichen Mutter!« sagte er öfter bei sich. »Wenn ich ihn sehen könnte im Todeskampf, wie er vergebens wimmernd die Hände ausstreckte, wie ihn kein liebender Mund tröstete, keine zitternde Hand aufrichtete, und er im Angstschweiß seiner verzweifelnden Seele allein, in wahnsinniger Einsamkeit daniedersänke, das könnte mich trösten, ja, ich glaube, dann könnte ich wieder lachen, aus Herzensgrund lachen, daß ihm im Tode die Ohren gellen sollten!« –

Mit diesen Gedanken steigerte er selbst seinen lodernden Ingrimm bis zum heißen Rachedurst.

»Aber nein,« sagte er dann weiter, »wie könnte ich noch auf eine solche Gerechtigkeit des Schicksals hoffen, das meine Mutter so enden ließ! Ich muß sie selbst rächen! Ich muß sinnen und denken, wie ich ihn am empfindlichsten treffen kann, wie ich ihm das Liebste entreißen kann, damit er einsam und verzweifelnd untergehe!« –

Das waren seine Gedanken. Die Leute, welche ihn so sahen, wie er bleich und tiefsinnig in den Dämmerstunden die Stadt durchstrich und nur zuweilen vor dem Gefängniß stehen blieb, um starren Blicks nach einem kleinen, vergitterten Fenster da droben zu schauen, schüttelten mitleidig die Köpfe und meinten, daß das Schicksal des Vaters außer der Mutter noch ein anderes Opfer getroffen habe.


Der Inquisitionsrichter W. hatte vier Kinder. Die beiden ältesten Söhne studirten eben auf der Universität, die sich am Orte befand, der dritte besuchte noch die Schule, und das jüngste Kind, ein Mädchen Namens Charlotte, sollte in Kürze nach einer Pensionsanstalt gegeben werden. Die beiden Studenten galten in der Stadt als flotte Gesellen. Sie waren in eine Verbindung eingetreten, machten allen in solchem Fall nothwendigen Luxus und »Ulk« mit, und renommirten auf Mensur, Kneipe und sonstigen Gelegenheiten bestens für ihr Corps. Sie waren, was man so ein paar »Hähne« nennt, und standen bei Philistern, Weibern und Kommilitonen wohl angeschrieben.

Eines Abends kamen sie in trunkenem Zustande von ihrer Kneipe und stießen dicht vor der Thür taumelnd auf eine in einen Mantel gehüllte Gestalt. Mit barschen Worten forderte der Fremde sie auf, ihm aus dem Wege zu gehen, die beiden Studenten aber lachten und hielten ihn fest, um ihm ins Gesicht zu sehen. Der Unbekannte stieß sie heftig zurück, es fielen Beleidigungen und die Studenten begannen zu Tätlichkeiten zu greifen. Der Fremde trat nun einen Schritt zurück und verlangte Genugtuung für diesen Schimpf, die Beleidiger gaben ihm ihre Namen und Arthur – denn er war es – ihnen den seinigen.

Am andern Morgen ging Arthur zu seinem Freunde Eduard, der seit einigen Tagen in die Ferien gekommen war, ihn aber aus Schonung für seine Lage nicht gleich hatte besuchen wollen. Eduard erschrak über das bleiche Aussehen seines Freundes, aber wie wurde er erst in Erstaunen gesetzt, als Arthur ihm den Zweck seines Besuchs erzählte!

»Du hattest in unserm Streit über Konsequenz und Prinzip vollkommen Recht, mein Freund,« erwiderte Arthur auf den Ausruf der Verwunderung. »Ja, das absolute Prinzip ist schlecht wie jeder Absolutismus. Die Menschennatur schüttelt ihr Joch doch zuletzt ab, – wenn sie erst bis zum Ersticken darunter gelitten hat,« fügte er langsam hinzu.

»Aber wenn Du Dich auch zum Duell entschlossen hast, weshalb wählest Du nicht gewöhnliche Waffen? Mir scheint wenigstens, daß kein besonderer Grund zur Ausnahme vorliegt.« –

»Ich kann nicht schlagen,« erwiederte Arthur. »Es wäre Thorheit gegen diese Leute.« –

»Und kannst Du denn schießen?« fragte Eduard noch immer erstaunt. Arthur lächelte mit besondrem Ausdruck und sagte:

»Ich habe es in letzter Zeit einigermaßen geübt.« –

Die Studenten waren ebenfalls erstaunt über die Art der Forderung, nahmen dieselbe aber doch an. Es wurde verabredet, am folgenden Morgen nach einem geeigneten Platz zu fahren, und – falls Arthur nicht schon in dem ersten Duell verwundet würde – beide nach einander abzumachen.

Am andern Morgen trafen sich die Parteien zur bestimmten Stunde. Beide grüßten sich mit höflicher Gleichgültigkeit und nach kurzer Verhandlung über die üblichen Förmlichkeiten und Bedingungen maßen die Sekundanten die Distanzen ab. Arthur erschien an diesem Tage aufgeräumter als sonst. Er hatte sich auf der Hinfahrt sehr lebhaft und heiter mit Eduard und seinem Arzt unterhalten, so daß Eduard, der von Arthurs Gemüthsstimmung nichts wußte, die beste Hoffnung für die Wiederkehr seiner Ruhe und Gesundheit faßte. Die beiden Studenten waren gleichgültig und ruhig, sie ordneten selbst einige Vorbereitungen an, und benahmen sich überhaupt wie Leute, denen dergleichen nichts Neues mehr ist. Zuerst trat der ältere Bruder auf die Mensur. Die Sekundanten fragten noch einmal, ob die Parteien ihre Sache nicht auf friedliche Weise beilegen wollten, als sie aber von keiner Seite Antwort erhielten, wiederholten sie ihnen die Bedingungen des Duells: nach dem gegebenen Zeichen konnte Jeder im Kommando schrittweise vorrücken bis an die Barrière des in der Mitte abgesteckten Raumes, dazwischen aber blieb es ihm überlassen, stehen zu bleiben und zu schießen, wann er wollte.

Darauf wurde das Zeichen gegeben.

Beide rückten vor. Nach dem ersten Schritt blieb der Student stehen, zielte und schoß. Arthur rückte ungestört weiter, sein Gegner hatte gefehlt. Der Unparteiische sah die beiden Sekundanten an, und zählte langsamer, und die Sekundanten blickten in banger Neugierde auf Arthur. Es war Jedem, als müßte derselbe nun doch auch still stehen und schießen. Aber Arthur schritt im Takt des Zählens ruhig weiter – bis an die Barrière. Dann erhob er erst die Pistole und zielte.

Der aufwirbelnde Rauch ließ ihn im ersten Augenblick das Resultat seines Schusses nicht erkennen, aber die herbeispringenden Zeugen ließen ihn nicht lange darüber in Zweifel. Die Kugel war in den Unterleib gedrungen und hatte wahrscheinlich die Eingeweide verletzt. Auch ließ das geringe Blut, welches aus der Wunde floß, auf eine gefährliche innere Blutung schließen. Der Arzt legte sogleich einen ersten Verband an, deutete aber zugleich an, daß dem Anscheine nach wenig Hoffnung vorhanden sei.

Der jüngere Bruder erklärte jetzt, bleich und entsetzt über diesen Ausgang, daß er seine Sache ein anderes Mal ausmachen wolle. Arthur hatte während der Anstalten um den Verwundeten, seine Pistole in der Hand, still und ruhig an einem Baum gestanden. Bei dieser Erklärung trat er vor und sagte spöttisch:

»Ein ander Mal? Da werde ich nach gegenwärtigern Vorfall wohl auf der Festung sitzen. Wenn Sie jedoch heute die versprochene Satisfaktion nicht geben wollen, so mag es auch gut sein.« –

Der Andere ergriff jetzt krampfhaft die Pistole des Verwundeten und forderte seinen Sekundanten mit aufgeregter Stimme auf, zu laden. Dann traten die Beiden unter denselben Bedingungen auf die Mensur, Arthur kaltblütig und gefaßt, sein Gegner bleich, mit geschlossenen Lippen und vor Wuth zitternder Hand. Beide Gegner schritten diesmal im Kommando auf einander los, langsam, bis an die Barrière. Hier standen sie nur fünf Schritte von einander entfernt. Jeder richtete den Blick forschend auf den Andern und die Waffen senkten sich gleichzeitig in die Schlußlage. Einen Moment lang sahen die Zeugen mit ängstlicher Spannung sie also verderblich sich gegenüber stehen, den Einen kalt, mit festem, sicherem Blick, den Andern blaß, mit loderndem Auge; – dann sprühten die Blitze zwischen ihnen, und Beide wankten getroffen zurück. Arthur hatte den Schuß in den Oberarm erhalten, von wo sich die Kugel, ohne einen Knochen zu verletzen, in den Rücken gedrängt hatte. Bei W. war die Kugel mitten durch die Brust gegangen.

Eine Stunde darauf lief die Nachricht von diesem Vorfall durch die ganze Stadt. Der jüngere W. war bereits auf dem Platze verschieden, der ältere starb noch in der folgenden Nacht in den Armen seines verzweifelnden Vaters. Gegen Arthur wurde eine Kriminaluntersuchung eingeleitet, deren Ergebniß war, daß er nach seiner vollständigen Genesung auf fünf Jahre nach der Festung kam.


In einem Verlauf von fünf Jahren ändert sich Vieles, und derjenige, welcher nach einem solchen Zeitraum, ohne Verbindungen unterhalten zu haben, in seine Heimath zurückkehrt, sucht Manches vergebens, was er einst blühend und hoffnungsvoll verlassen, und findet eben so viel Neues, dem er fremd ist.

Auch Arthur empfand die ganze Bitterkeit dieses Eindrucks, als er sich einsam und fremd nach fünf Jahren in seiner Heimathstadt wiederfand. Sein Vater war im Gefängniß gestorben. Sein und der Seinigen Schicksal hatte die geistige Kraft des sonst so starken Mannes gebrochen, und die Krankheit seiner Seele sowie der Aufenthalt in dem feuchten, dumpfigen Kerker auch den Nerv seines Lebens zernagt. Die Aerzte, die er ganz zuletzt erst erhalten, hatten aufs Eindringlichste freie Bewegung und Veränderung seines Aufenthalts verordnet, aber der Instruktions-Richter wollte davon nichts wissen. Als es den Bemühungen der Aerzte dennoch gelang, vom Obergericht den Befehl zu erwirken, daß der Gefangene in seinem eigenen Hause bewacht werden solle: mußte der Untersuchungs-Richter zwar der Weisung für den Augenblick Folge leisten, allein er sendete sogleich einen Bericht an das Ministerium, in Folge dessen der Direktor des Obergerichts aus *** versetzt wurde und der Gefangene wieder seinen Kerker beziehen mußte. Hier starb er bald darauf, ohne daß es in seiner Sache zu einem Urtheil gekommen wäre, und Arthur war eine Waise. Auch seinen Freund Eduard fand er nicht mehr. Der blühende Jüngling war das Opfer eines hitzigen Nervenfiebers geworden, als er eben sein Staatsexamen in glänzender Auszeichnung bestanden hatte. Arthur fühlte sich einsam und unsäglich verlassen, und heimathlos in dem lebendigen veränderten Treiben dieser Todtenstadt seines Glücks; – aber in seinem Innern lebte noch Ein Gedanke mit ungebrochner Kraft, Ein Gedanke, der in der Zeit seiner langen Trübsal eher gestärkt worden war.

An einem der ersten Tage nach seiner Heimath besuchte er das Grab seiner Mutter. Die Dämmerung war hereingebrochen, als er auf den Kirchhof kam, und er hatte einige Zeit zu thun, bis er unter den vielen alten und neuen Gräbern das gesuchte fand. Lange, lange saß er hier auf dem Hügel, die Stunden verflogen ihm in seinen Träumen und Erinnerungen, ohne daß er es bemerkte. Endlich erhob er sich und pflückte eine wilde Blume; dann wollte er sich entfernen. Es war aber noch Jemand zugegen, augenscheinlich in ähnlichen Gefühlen, denn wenige Schritte weiter erhob sich jetzt von einem andern Hügel ebenfalls eine Gestalt. Beide hatten einander in ihren Trauergedanken nicht wahrgenommen, obwohl nur ein einziger Grabhügel sie trennte. Arthur bog um das Grab seiner Mutter, der Andere um den Hügel, an dem er gesessen, und so gewahrte jetzt Jeder in der Dunkelheit die fremde Gestalt. In diesem Augenblick trat plötzlich der Mond aus einer Wolke und beleuchtete ihre Gesichter, – Beide fuhren vor einander zurück. Der zweite war der Polizeidirektor W.

Arthur betrachtete ihn mit einem lodernden Blick, der aus dem bleichen, abgezehrten Gesicht gespenstisch funkelte, und sein Herz pochte und kochte in gährender Aufregung.

»Mögest Du in der Sterbestunde einsam und verlassen, in der Angst des Wahnsinns verenden!« rief er mit gellendem Ton.

Der Polizeidirektor hatte ihn mit starrem entsetzten Ausdruck, als ob er ein Gespenst sehe, betrachtet. Seine Hand zeigte auf das eben verlassene Grab, während sein Auge wie gebannt auf das funkelnde Auge des Gegners schaute, und er stieß mit zitternder Stimme das Wort der Verzweiflung aus:

»Mörder!« –

Arthur lachte in gellendem, häßlichem Ton. Dann trat er einen Schritt auf ihn zu und murmelte düster in das verzerrte Gesicht des Mannes:

»Mein Vater und meine Mutter sind in Fluch und Elend gestorben, Du hast mich zur Waise gemacht! Dein Ende wird im Fluch der Menschen und im Elend der wahnsinnigen Verzweiflung sein!« –

Der Mann wich zurück, wie vor dem Hauch eines Pestkranken, und er stützte sich auf das Kreuz seines ältesten Sohnes.

»Noch hast Du zwei Kinder, noch wankst Du nicht wie ich als freudloses Gespenst durch das Leben, aber –« fügte Arthur mit drohend erhobenem Arm hinzu, »wir sehen uns wieder, und Du wirst noch einsamer, noch verlassener sterben, als meine Mutter – verstehst Du, als meine Mutter – einsam, ganz einsam, verlassen in Deinem Fluch!« –

Mit diesen Worten strich Arthur an ihm vorüber, und der Mann sank bleich und entsetzt auf den Grabhügel seiner Kinder. Als er sich wieder erhob, war er allein, aber in seinen Ohren gellten die Worte:

»Wir sehen uns wieder!« –


Der dritte Sohn des Polizeidirektors hatte während Arthurs Gefangenschaft seine Studien angetreten und vollendet, und stand als Praktikant beim Landgericht in ***. Er war überdies seit Kurzem mit einem liebenswürdigen Mädchen aus einer der angesehensten und reichsten Familien der Universitätsstadt verlobt, und arbeitete mit um so größerer Energie zu seinem letzten Examen.

Eines Tages kam Heinrich, so hieß der junge W., in einer ungewöhnlichen Stimmung zu Tisch. Er war zerstreut und nachdenkend, und antwortete mehrmals auf die Fragen seines Vaters in ganz verkehrter Weise. Als der letztere ihn darauf aufmerksam machte, nahm er sich zwar zusammen und sprach eine Zeitlang mit großer Lebendigkeit über gleichgültige Dinge, aber man konnte doch das Gewaltsame, Gezwungene seiner Weise wohl bemerken, und bald versank er auch wieder in seine frühere Starrheit. Auf das eindringliche Befragen seines Vaters erzählte er denn, daß er am gestrigen Abend, als er seine Braut ins Theater geführt, im Gedränge mit dem jungen Arthur zusammengetroffen und von diesem im Beisein mehrerer Offiziere und jüngeren Beamten beleidigt worden sei. Die gesellschaftlichen Ansichten erwarteten in diesem Fall eine Ausgleichung durch Waffen, aber nach dem Vorfall mit seinen älteren Brüdern habe er nicht nur einen Abscheu vor jedem Duell, sondern es graue ihm namentlich auch vor Arthur, und er wisse nicht, was er thun solle.

Der Vater erschrak bei dieser Erzählung und verlangte mit besorgten, ängstlichen Worten seinem Sohn das Ehrenwort ab, daß er sich mit Arthur unter keiner Bedingung in ein Duell einlassen wolle. Heinrich suchte ihn über sein Benehmen zu beruhigen, aber der Vater bestand auf einem förmlichen Versprechen, und bewegt von der zitternden Besorgniß desselben gab Heinrich zuletzt das verlangte Ehrenwort.

Aber der Vater war dessenungeachtet noch nicht völlig beruhigt, und machte hinter dem Rücken des Sohnes von dem Vorfall Anzeige. In Folge dessen erhielt Heinrich von seinem Vorgesetzten die Verwarnung, sich von dem kontrahirten Duell zurückzuziehen oder seiner Entfernung vom Gericht entgegenzusehen. Arthur aber erhielt 8 Tage Gefängniß.

Heinrich war zwar mit diesem Verfahren seines Vaters, das er einen Mißbrauch des Vertrauens nannte, nicht einverstanden, aber er mußte doch die Veranlassung liebender Bekümmerniß entschuldigen und war eigentlich auch im Grunde froh, den unheimlichen Gegner los zu sein. Er besuchte mit ungeteilter Freude wieder seine Braut, und als ihn dieselbe mit zärtlicher Besorgniß um den Ausgang jenes Zusammentreffens im Theater befragte, sagte er, ihr die Hand drückend und doch halb verlegen:

»Es ist abgemacht!« –

Das junge Mädchen lächelte und küßte ihn in freudigerem Stolz. Sie hatte die Worte ihres Geliebten in anderer Weise aufgefaßt, und – in den Augen junger Mädchen erhält ja ein Mann durch das Ansehen der Tapferkeit höheren Reiz.

Aber sie wurde bald in ihren Träumen enttäuscht.

Nach einiger Zeit bemerkte sie, daß ihr Bräutigam von seinen Bekannten augenscheinlich gemieden wurde. Man wich ihm an allen öffentlichen Orten aus, grüßte ihn förmlich kalt oder auch gar nicht, es wurde gezischelt, wenn sie kamen, und sie selbst, früher die gesuchteste Tänzerin, blieb jetzt auf den Bällen sitzen. Sie suchte vergebens den Grund dieses Benehmens zu erforschen, endlich aber belehrte sie eine ihrer Freundinnen darüber.

»Dein Verlobter hat sich geweigert, sich zu schlagen, und den Forderer – angezeigt!« sagte ihr dieselbe. »Seine Freunde halten das für infam und haben beschlossen, nicht mehr mit ihm umzugehen.« –

Darunter mußte sie nun auch leiden! Sie fühlte sich doppelt verletzt, um ihrer selbst willen und um ihres Verlobten willen, um den sie sich ja so gern und lange beneidet gesehen hatte. Sie sagte ihm nichts davon, aber ihr Benehmen wurde allmählig kühler, und sie schlug es mehrmals aus, mit ihm öffentliche Orte zu besuchen.

Auch Heinrich litt unter diesen Verhältnissen entsetzlich. Er suchte sich vergebens bei seinen Bekannten zu rechtfertigen. Einige nahmen ihn kalt, andere gar nicht auf, die mildesten sagten:

»So etwas theilt man seinem Vater nicht mit, – wenigstens nicht ohne eine Absicht.« –

Als er sah, daß er auf diese Weise nichts ausrichtete, suchte er sein Ansehen gewaltsam wieder zu gewinnen. Er setzte sich an einem öffentlichen Ort zu mehreren, ihm früher befreundeten Offizieren, und als sich dieselben sogleich erhoben und an einem andern Tische Platz nahmen, forderte er sie sämmtlich. Diese aber verweigerten ihm die Satisfaktion: »weil sie sich keiner Denunciation aussetzen wollten.« – Heinrich sah sich, ausgestoßen von aller Gesellschaft, in der peinlichsten Lage und machte nunmehr seinem Vater die bitterlichsten Vorwürfe. Der alte W., selbst bedrückt und besorgt durch den düsteren Unmuth seines Sohnes, suchte ihn mit schwachen Worten zu trösten, und kam, ohne ihm davon Mittheilung zu machen, um Heinrichs Versetzung zu einem andern Gericht ein. Dort, so dachte er, wisse man nichts davon, und mittlerweile werde in *** wohl Gras über die Geschichte wachsen, daß er später doch zurückkehren könne.

Aber es war bereits zu spät damit.

Heinrichs Braut hatte diesen Zustand auf die Länge nicht ertragen können. Sie liebte ihren Verlobten wohl, sie hatte selbst bei jenem Auftritt im Theater für ihn gezittert, und ihn am Abend besorgt gefragt: ob er sich doch nicht etwa schlagen wolle. Aber im Geheimen hatte sie doch gewünscht, daß er ihr eine siegreiche Probe seiner Tapferkeit geben möge. Sie hatte in der Universitätsstadt täglich von Duellen gehört, und Interesse an den benarbten, immer fröhlichen Studenten genommen: mußte ihr nicht die Handlungsweise ihres Verlobten wie ein Akt seltener, vereinzelter Feigheit erscheinen? Und wenn sie sich auch selbst darüber hinwegsetzte, welche Rolle spielte sie an der Seite dieses Mannes, der seine eigne Ehre nicht einmal zu wahren wußte? War sie nicht zugleich mit ihm geflohen und verstoßen von Allen?

Das Verhältniß wurde immer lockerer, bis sie es zuletzt ganz löste. Sie verließ ihn.

Dieser Schlag stürzte Heinrich vollends in die tiefste Verzweiflung. Verachtet von seinen Freunden, verstoßen aus der Gesellschaft, verlassen von seiner Geliebten, – was blieb da noch vom Leben? Mehrere Tage lang verschloß er sich in sein Zimmer und kämpfte mit düstern, verzweiflungsvollen Gedanken. In der Nacht vom dritten auf den vierten Tag nach Empfang des Scheidebriefs hallte ein Schuß in seinem Zimmer und schreckte die Hausbewohner aus dem Schlaf. Als sie seine Thür erbrachen, fanden sie ihn im Blut schwimmend. Er hatte sich eine Kugel durchs Herz geschossen.


Der Polizeidirektor W. war nach diesem neuen Unglücksfall in seiner Familie von einer heftigen Krankheit ergriffen worden, über deren Verlauf in der Stadt sehr seltsame Gerüchte umliefen. Daß er bei seiner Rekonvalescenz um Entlassung von seinem Amte nachsuchte, diente gerade dazu, diesen Gerüchten noch einen besondern Halt zu leihen. Arthur war kurz nach dem Vorfall abgereist, Niemand wußte wohin. Da er wenige Bekannte besaß und sich auch von diesen Wenigen in der letzten Zeit ferner gehalten hatte, so kümmerte sich auch Keiner darum und bald war er vergessen.

Von seinen vier Kindern war dem Polizeidirektor W. jetzt nur eines, seine Tochter Charlotte geblieben, welche sich zur Zeit in einer rheinischen Pensionsanstalt befand. Als er wieder so weit hergestellt und auch auf sein wiederholtes Verlangen aus dem Staatsdienst entlassen worden war, reiste er zuerst dorthin.

Er traf sein letztes Kind wohlbehalten und zur reifen blühenden Jungfrau entfaltet. Mit der ganzen heißen Liebe seines verwundeten Vaterherzens umschloß er das schlanke, schöne Mädchen, und während die Thränen des freudigen Wiedersehens mit denen einer schmerzlichen Erinnerung sich mischten, rief er in seinem bangen Sinn:

»Nein! diesen einzigen, letzten Trost kann Er mir nicht rauben wollen!« –

Er fühlte, wie er dies liebliche Wesen jetzt mehr liebe, als er je geliebt, aber immer tauchte dazwischen ein trüber, ängstlicher Gedanke auf. Er konnte diese häßliche Ahnung nicht los werden.

Nach nochmaliger Rücksprache mit den Vorstehern der Anstalt, die des Lobes über Charlotten voll waren, beschloß er nach dem Bade zu reisen, welches ihm die Aerzte verordnet hatten. Später, wenn die Saison vorüber war, wollte er zurückkehren und seine Tochter mit sich nehmen.

Als er in den Wagen stieg, war eben vor dem Gasthof eine große Menge Volks versammelt, welche der Einzug einer Truppe Kunstreiter in das Städtchen aus ihren Häusern gelockt hatte. Der Wagen mußte des Gedränges wegen noch einige Augenblicke halten, und der Reisende betrachtete mit neugieriger Theilnahme den bunten Zug. Vor allen lenkte ein junger Reiter die Augen der Menge auf sich. Er tummelte sein Pferd mit ungewöhnlicher Grazie und Kraft, sein schlanker, wohlgebauter Körper schien mit dem schnaubenden Schimmel, den er fast ohne Zügel beherrschte, in Eins verwachsen zu sein, und sein glänzendes schwarzes Auge überflog stolz die bewundernde Menge. Auch der Reisende schien aus seinem Wagen die männliche Schönheit des Reiterjünglings mit sichtlichem Wohlgefallen zu betrachten.

Plötzlich aber fuhr er zurück.

Es war ihm, als habe er unter der Volksmenge zwei funkelnde Augen auf sich gerichtet gesehen, einen Blick, der ihm grauenvoll in ewiger Erinnerung stand. Als er aber wieder hinsah, bemerkte er nur einige Weiber, welche dem eben um die Ecke biegenden Zug noch nachblickten.

»Es ist Nichts!« sagte er bei sich. »Wie sollte Er auch hieherkommen? Es war ein Traum meines unruhigen Herzens!« –

In diesem Augenblick zogen auch die Pferde an, und der Wagen rollte fort.


In einem kleinen Provinzialstädtchen ist die Ankunft einer Reitertruppe wohl geeignet, das ganze Interesse des Publikums in Anspruch zu nehmen. Gewiß war dies wenigstens in A. der Fall, und in den ersten Tagen hörte man an allen Orten von keinem andern Gegenstande mehr sprechen. Namentlich aber gab der junge Reiter, der schon beim Einzug Aller Augen so gefesselt hatte, die meiste Veranlassung zu schwärmerischer Teilnahme.

Auch die Pensionsanstalt, in der Charlotte sich befand, sah sich durch das allgemeine Interesse bald genöthigt, ihre Zöglinge jene Vorstellungen besuchen zu lassen. Das schöne, junge Mädchen hatte längst in dem Städtchen die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt, und wenn sie sich an öffentlichen Orten zeigte, so war man gewohnt, die Blicke und Lorgnetten vorzugsweise nach ihr gerichtet zu sehen. Aber sie schien das nie zu bemerken, und auch diesmal war sie einzig mit der Vorstellung beschäftigt.

Als der junge Aurelio, wie der Kunstreiter genannt wurde, den Circus betrat, begrüßte ihn der laute Beifall als das beste Mitglied der Gesellschaft. Charlotte betrachtete den schönen kräftigen Jüngling mit stiller Theilnahme, ihre Augen folgten ihm in erhöhter Bewunderung, als er so leicht, so keck auf seinem prächtigen Schimmel stehend dahinflog, und ihr Herz schlug höher in ängstlicher Spannung, wenn er seine verwegne Kunst in tollkühnem Stolz auf eine allzugefährliche Probe zu stellen schien. Auch Aurelio schien bald in dem Kreis der Zuschauer die schönste Blume herausgefunden zu haben. Sein schwarzes, glänzendes Auge hastete zuweilen brennend auf dem lieblichen Gesicht des Mädchens, und sein Pferd hielt wie zufällig fast immer in der Gegend, wo sie saß. Er ritt an diesem Abend noch ausgezeichneter, als zuvor, und erntete den reichlichsten Beifall, der fast nicht enden wollte. Charlotte hatte kein Zeichen der Befriedigung gegeben, doch verbeugte er sich zuerst nach ihrer Gegend hin und sie bemerkte wohl, wie sein Auge unter den dunklen Locken groß und leuchtend auf sie gerichtet war.

Bei der folgenden Vorstellung der Truppe war sie nicht zugegen, aber zum Besuch der zweiten hatte sie die Erlaubniß der Vorsteher zu erhalten gewußt. Als Aurelio vortrat, überflog sein Auge die Versammlung, als ob er etwas suche, dann, als seine Augen denen Charlottens begegneten, verbeugte er sich noch einmal wie zum Dank. Mit einem raschen Sprung stand er auf seinem Pferd. Seine Augen sprühten von glühender Lust, immer gewaltiger trieb er sein Pferd mit Zurufen an, und der Triumph seiner Kunst erreichte heute seinen Gipfel. So verwegen und doch so schön und so gewandt hatte man ihn noch nicht reiten sehen. Es war als ob ein inneres Glück ihn zu den tollkühnsten Launen treibe. Auch sein Aeußeres erschien heute schöner und glänzender als sonst. Ein reiches, geschmackvolles Kleid lag schwellend um den schlanken Wuchs der Hüften und die elastischen Tricots aus Armen und Beinen ließen das Spiel der kräftigen Muskeln erkennen. Der Hals war entblößt, die glänzenden Socken umschloß ein prächtiges Stirnband, das im Widerschein der Lichter sich tausendfach brach und blitzte. So stand er auf seinem Pferde wie ein junger Siegesgott, die Siegesfreude lachte aus seinen blühenden Zügen und sein dunkles Auge leuchtete dahinter hervor wie der Stolz des Herrschers. Charlotte zitterte, wenn sie dies stolze Auge in den ihrigen brennen fühlte.

Bei einem der letzten Manövres stürzte Aurelio ganz in der Nähe Charlottens vom Pferde. Charlotten entfuhr ein leichter Schrei. Der Reiter aber hatte sich im Augenblick wieder erhoben, und schwang sich im vollen Lauf auf das Pferd. Die Luft erzitterte nun von Beifallsruf. Während er sich verbeugte, warf er einen Blick auf Charlotten, als er an ihr vorbeiritt, und legte die Hand aufs Herz, als ob er ihr für die Angst ihrer verrathenen Theilnahme danken wolle. Das Mädchen aber erröthete bis an die Schläfe.

Beim Hinausgehen aus dem Circus drängte sich ein Mensch zwischen ihr und den Begleitern hindurch, und drückte ihr leise die Hand. Charlotte glaubte den Bajazzo der Truppe erkannt zu haben. Zugleich fühlte sie, daß sie etwas in der Hand halte, – als sie hinsah, bemerkte sie ein zusammengefaltetes Papier darin. Ihr Herz schlug höher und erröthend und heimlich verbarg sie das Briefchen auf ihrem Busen.

Am folgenden Abend stand bei der Gartenmauer des Pensionats, welches außerhalb der Stadtthore gelegen war, ein Mann an den Nacken seines Pferdes gelehnt, und sprach mit einem Mädchen, welches aus dem Garten über die Mauer blickte.

Diese Zusammenkünfte dauerten fort, still und heimlich, Abend für Abend. Es wußte aber außer den Beiden noch Einer davon.

Der Kunstreiter war in der Stadt mit einem jungen Mann bekannt geworden, von dem er eigentlich nicht wußte, was er war, woher er war, oder was er wolle; ja er wußte eigentlich gar nicht einmal, wie er mit ihm bekannt geworden, viel weniger, wie derselbe hinter sein und Charlottens Geheimniß gekommen sei. Der neue Freund Aurelio's war ein bleicher junger Mann, von leidendem Aussehen und stillem Wesen. Er mochte wohl jünger sein, als sein Aeußeres schließen ließ, aber Leiden und hatte Erfahrungen hatten ihn, wie er selbst sagte, früh mürbe gemacht. Er hatte sich an Aurelio so angeschlossen, wie das in gewissen Jahren zu geschehen pflegt, und der Kunstreiter nahm die Zuneigung des Fremden ebenso, oder wie einen Tribut auf. Der Fremde hatte ihn bald auch auf seinem abendlichen Gange begleitet, und stand während des Zusammenseins der beiden Verliebten auf Wache. Allmählig hatten Aurelio und der Fremde ausführlicher und ernster über dies Verhältniß gesprochen. Als nach einem solchen Gespräch der Fremde gesagt hatte: »Ein Mann wie Sie findet überall seine Stellung«, und Aurelio darauf erwiederte: »Ja, aber wie soll ich von hier dahin kommen? « sagte der Erstere, daß er zu jeder Zeit Pässe verschaffen könne, und fügte dann hinzu:

»Uebrigens wäre es dann hohe Zeit, denn wer weiß, wenn der Alte uns über den Hals kommt!« –

Eines Abends standen die beiden Liebenden wieder an der Gattenmauer und Aurelio mußte von Scheiden gesprochen und dem Mädchen Vorwürfe gemacht haben, denn als der Mond eben aufging, beleuchtete er ihr thränenfeuchtes Antlitz. Darauf hatte sie angefangen, von seinem Pferde zu sprechen. Aurelio klopfte dem schönen Thiere den Hals und sagte, daß es ganz sanft sei: ob sie nicht einmal versuchen wolle darauf zu reiten?

Das Mädchen zögerte einen Augenblick, stieg aber dann vollends über die Mauer. Aurelio hob sie auf's Pferd, und führte dasselbe im langsamen Schritt umher.

Ganz am Ende der Mauer hatte der Fremde wieder Wache gestanden. Als er das Mädchen jetzt auf dem Pferde des Kunstreiters sitzen sah, verließ er seinen Posten, ging nach der entgegengesetzten Seite der Mauer und horchte an der Hausthür des Pensionats. Der Hausmann öffnete, und der Fremde erzählte ihm etwas, worüber der Mann sehr erschrak und sogleich die Treppe hinauf zu den Vorstehern lief.

Das Mädchen ritt unter den Bäumen an der Gartenmauer noch auf und ab, als plötzlich die Hinterthür des Pensionatgebäudes aufgerissen wurde und mehrere Leute in den Garten stürzten. Das Mädchen faßte angstvoll den Arm ihres Geliebten, und flüsterte ihm etwas zu, indem sie über die Mauer zeigte. Der Kunstreiter schwang sich hinter ihr in den Sattel und ritt rasch und leise um die Mauer nach dem Haupteingang des Gebäudes. Hier traten eben der Hausmann und mehrere andere Leute in lautem Gespräch aus der Thür, und Charlotte hörte ihren Namen in den Reden derselben nennen. Sie stieß einen leisen Schrei aus und schmiegte sich fest an Aurelio an. Das volle verrätherische Mondlicht fiel auf die Gestalt des Reiters und der ihn umschlingenden Geliebten, und die Leute fuhren überrascht zurück. Aurelio beugte sich mit einem heißen Kuß über das Mädchen, und gab seinem Pferde einen Druck in die Seiten. –

– Ob es auch ihr Wille war? Und wäre sie wirklich noch nicht dazu entschlossen gewesen, so konnte sie doch jetzt nicht mehr zurück, nachdem man sie so überrascht hatte. –

Das Pferd des Kunstreiters jagte mit den Beiden in rasender Eile von dannen, und in wenigen Augenblicken war auch der letzte Hufschlag des edlen Thieres in der stillen Nacht verhallt.


Der Polizeidirektor W. gebrauchte noch das Bad. Das Aeußere dieses Mannes war durch seine letzten Schicksale furchtbar zerfallen, und er glich dem unheimlichen Geisterbild eines gequälten Gewissens. Das starre, glanzlose Auge mit seinem ausdruckslosen Glasblick lag tiefer in den Höhlen, die Falten um den Mund, die auf einen Roué oder Spieler hatten schließen lassen können, hatten sich breiter gefurcht, und die Farbe seines Gesichts war fast bleiern geworden. Dennoch glaubte er zu fühlen, daß das Bad seiner Gesundheit wohl thue. Es war aber nur eine geistige Ruhe, die Ruhe einer glücklichen Hoffnung, die ihn aufrichtete, und keineswegs das Bad. Es war die Hoffnung auf das Glück, nun bald seine Tochter an seiner Seite haben zu können.

An einem Nachmittag saß der Polizeidirektor allein noch an der Wirthstafel, als der Kellner ihm meldete, daß ein Mann draußen sei, der ihn sprechen wolle. Da Niemand weiter in dem Speisesaal saß, so befahl der Polizeidirektor den Fremden hereinzuführen. Der Kellner rief nun den Wartenden herbei und begann dann die Speisetische abzudecken.

Der Fremde, der jetzt eintrat, trug einen großen Reitermantel, dessen Kragen in die Höhe geschlagen war, die Haare hingen ihn verwirrt über das Gesicht, und sein bespritzter, unordentlicher Anzug deutete darauf, daß er eine lange, anhaltende Reise gemacht. Der Polizeidirektor betrachtete ihn unruhig und sagte, als der Fremde schweigend einige Schritte von ihm stehen blieb:

»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr von mir?« –

»Ich bin ein alter Bekannter, Herr Direktor, der jetzt seine Schuld abtragen will!« – sagte der Andere mit schneidender, kranker Stimme, indem er den Kragen zurückschlug. »Ich komme Ihnen nur zu sagen, daß Sie jetzt kein Kind mehr haben, daß Sie allein sind, ganz allein!« –

Bei dem Ton dieser Stimme, obwohl sie entstellt wie in der nahen Auflösung eines Auszehrenden klang, war der Polizeidirektor entsetzt zurückgewichen; als er aber jetzt das bleiche, todesmatte Gesicht Arthurs erblickte und seine Worte vernahm, stürzte er in rasender Wildheit auf ihn los und schrie, indem er ihn fest erfaßte:

»Mörder! Mörder! Zu Hülfe!« –

Die Kellner sprangen herzu und konnten nur mit Mühe den Fremden von dem wüthenden Griff seines Gegners befreien. Dann brach der kinderlose Mann mit einem Schrei zusammen.

»Er ist verrückt!« – sagte Arthur, ebenfalls auf einen Stuhl sinkend, zu den verwunderten Dienern. »Hebt ihn auf, und schafft ihn auf sein Zimmer!« –

Seine Worte waren prophetisch. Als der Polizeirath erwachte, war das Licht der Vernunft für immer in ihm erloschen. Er starb erst nach langen Leiden im Irrenhaus zu ***, und sein trauriger Zustand wurde durch die gräßlichsten Visionen und Beängstigungen noch furchtbarer gemacht. Er sah fortwährend gespenstische Schaaren von Gefangenen und Todten, die ihn und seine Kinder verfolgten; er kämpfte stundenlang in wüthendster Aufregung gegen die leere Luft, bis er endlich erschöpft niedersank, und oft in stiller Nacht fuhren die übrigen Irren zitternd vor seinem gellenden, durchdringenden Angstschrei in ihren Zellen empor. Der Tod erlöste ihn zuletzt von seinen Leiden.

Arthur starb schon nach Verlauf einiger Monate und wurde neben seiner Mutter begraben.

Von den beiden Entflohenen hat man nie wieder gehört; sie sind in der Fremde »gestorben, verdorben.« Nur ein dunkles Gerücht wurde einst dahin laut, daß Aurelio Charlotten in Frankreich, wohin sich beide gewendet, verlassen habe; Charlotte habe sich nun eine Zeitlang kümmerlich durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren gesucht, dann aber, als es ihr immer schlechter gegangen, sei auch sie dem ewigen Fluch der Armuth zum Opfer gefallen und zuletzt in einer Strafanstalt gestorben.

Das war das Ende.

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