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Polizei-Geschichten

Ernst Dronke: Polizei-Geschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorErnst Dronke
titlePolizei-Geschichten
publisherVerlag von Carl B. Lorck
printrun1. Auflage
year1846
firstpub1846
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
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Die Sünderin.

»Fremde Gesellen oder Dienstboten sind, wenn sie in drei Tagen nach ihrer Ankunft keinen Dienst finden oder nach ihrer Entlassung aus dem Dienst sich drei Tage arbeitslos umhertreiben, sofort aus der Stadt zu verweisen.« –

Polizeireglement einer norddeutschen Residenz.

 

Sie war noch immer sehr schön. In ihrem Antlitz lag der Ausdruck jener madonnenhaften, jungfräulichen Unschuld, mit der die christliche Mythe ihre Gottesmutter ausmalt, jenes göttliche, erdenvergessende Glück, das wir zuweilen den jungen Müttern den Reiz der mädchenhaften Reinheit bewahren sehen. Ihr Auge, ihr schönes, großes, wasserblaues Auge, war von einer himmlischen Sanftmuth. Die langen Wimpern hingen darüber, wie Trauerweiden über dem Bild der Himmelssterne in dem friedlichen, hellklaren Spiegel eines See's, und das weiche, blonde Seidenhaar säumte mit seinen Wogen ihre ruhige Stirn, wie silberne Wolken den verklärten, träumenden Himmel. Ihre Wangen, wie zwei Purpurblüthen, strahlten den goldenen Glanz des frischen Lenzhauches. Ihre Gestalt war schlank, ihre Bewegungen fast schwebend, ihr Haupt sinnend, wie von wogenden Träumen gewiegt: sie glich einer Wasserlilie, die auf den Wellen schaukelnd, vergessend dahingetrieben wird. Sie war noch immer schön, jungfräulich schön, die siebzehnjährige, verlassene Mutter.

Und ihre Mutterschaft! Wie verklärte dies süße Gefühl ihr ganzes Wesen! Wie strahlte ihr Auge, wie leuchtete der Ausdruck aller ihrer Züge frohlockend in dem Widerscheine ihrer Mutterliebe! Wenn sie dastand, das weiße, fromme Gesicht über die Wiege ihres Kindes gebeugt, und ihr klopfendes Herz den Athem des Schlummers belauschte, eine weiße Statue im Ebenmaaß der vollendeten reinen Schönheit, Sorge und seliges Glück in ihren Mienen: welch köstliches Bild gewahrte sie da! Und wie liebte sie auch ihr Kind! Es wäre ihr Tod gewesen, hätte sie es verlieren sollen.

»Aber wer sollte es mir auch nehmen?« sagte sie unschuldig lächelnd. »Es giebt ja so Vielerlei auf der Welt, warum gerade das, das Einzige, was ich habe? Ja! Es wäre mein Tod, wenn ich das verlieren sollte!« –


Mathilde war aus einer kleinen Provinzialstadt unweit der Residenz. Ihr Vater, ein armer Handwecker, mußte sich sein kümmerlich Leben sauer werden lassen, denn die Familie war stark und der Verdienst von seiner fleißigen Hände Arbeit gering. Mathilde, als die Aelteste unter den Kindern, mußte zuerst versorgt werden, – was man nämlich bei Armen so versorgen heißt, sobald sie in die Jahre kommen, wo sie einigermaßen Arbeit erhalten können, werden sie außer dem Hause bei Fremden in Dienst oder Lehre gegeben. Alsdann fallen sie den Aeltern nicht mehr zur »Last,« und die Aeltern glauben sie hinlänglich versorgt zu wissen, wenn sie keine Nahrungssorgen mehr um dieselben haben. Mathilde sollte daher in Dienst gehen. Aber in der kleinen Stadt giebt es keinen bedeutenden Lohn; in der Residenz ist es besser, da wird sie gut gehalten und kann sich etwas ersparen, ja vielleicht ihr Glück machen, – auch ist sie da entfernter von Hause. Mathilde wurde also nach der Residenz geschickt.

Hier fand sie denn bald einen Dienst in einer Schenkwirthschaft. Sie war fleißig, willig und treu, und erwarb sich schnell die Zufriedenheit ihrer Dienstherrschaft. Die Gäste waren nicht minder zufrieden mit der jungen, schmucken Kellnerin. Sie kamen öfter, und es kamen auch Andere regelmäßiger, die sonst nur zufällig gekommen waren. Der Wirth wußte das zu schätzen, und hielt das Mädchen fast wie sein eigenes Kind. Sie fühlte sich sehr zufrieden und glücklich.

Ihr Geschäft machte es nothwendig, daß sie sich mit den Gästen hin und wieder unterhalten mußte. Wenn sie ihnen die Getränke brachte, wurde sie gewöhnlich in's Gespräch gezogen, und die jungen Leute füllten ihr Ohr mit lustigen Geschichten und einschmeichelnden Reden. Unter ihnen war Einer, auf den sie vorzugsweise den offensten Eindruck machte. Er war stiller und gesetzter, als die Andern, seine Worte klangen so einfach und natürlich, und seine Augen blickten so treuherzig, er schien eine reine brüderliche Theilnahme für sie zu empfinden. Er sprach ihr nie von Liebe, und sie selbst dachte nicht daran. Sie fand ein unschuldiges, fast unbewußtes Gefallen an ihm, ihre Seele träumte von keiner Gefahr. Sie saß wohl öfter und länger bei ihm, als bei den Andern, aber geschah es nicht unwillkührlich? Kam er nicht meist gerade zu solchen Stunden, wo das Lokal weniger besucht, wo sie geringer beschäftigt war? Sie hörte ihm gern zu, aber sprach er nicht so ruhig und unverfänglich? Es schien das Verhältniß von zwei reinen, lange verbundenen Freundesseelen.

Da kam der Frühling. Die Lüfte wurden wollüstig warm, die Bäume schlugen aus, die ganze Natur war in einer weichen, wallenden Gährung. Das sechzehnjährige Mädchen gerieth jetzt zum erstenmal in eine seltsame Atmosphäre. Es ging etwas in ihr vor, und sie wußte nicht, was. Sie hatte ein Sehnen, einen unbewußten Drang, den sie nicht zu stillen wußte, ihre Glieder dehnten sich, ihre Augen sahen mit staunendem Begehren hinaus, es war ihr, als wäre Alles anders, verändert, doppelt geworden, gegen früher. An einem Sonntage, wo sie die Erlaubniß auszugehen bekommen hatte, begleitete sie ihr Freund hinaus in's Freie. Sie hörte ihm heute mit andern Empfindungen zu, wie sonst. Ihr Herz war erfüllt von einem unerklärlichen Gefühl, es war ihr so eng und so weit, sie meinte fast zu ersticken, und sie schloß sich fester an ihren Begleiter an. Auch seine Worte waren anders, wie ehedem. Es klang ein Ton durch, den sie noch nicht gehört hatte, und der sie mit einer neuen Regung bis in's Herz durchbebte. Auf dem Heimweg war es dunkel geworden. Als sie den Park vor dem Stadtthore erreicht hatten, setzten sie sich an dem Ufer eines See's unter das junge duftige Grün des Laubes. Die Nacht war so schön. Am Himmel funkelten die Sterne, und ihr Licht zitterte blitzend auf dem stillen Spiegel des See's, die nächtigen Gebüsche rauschten, die Blüthen hauchten einen wollüstigen Duft, und eine Nachtigall schlug aus der Ferne leise, schmelzende Liebestöne. Das Mädchen saß in verzehrender, träumerischer Gluth, ihre Seele war ein flammendes, schwelgerisches Gebet. Der junge Mann schlug seinen Arm um ihren Leib, seine Worte tönten weich und verlockend in ihr Ohr, und als er einen Kuß, den ersten brennenden Kuß, auf ihre durstigen Lippen drückte, durchzuckte ein banges und doch so süßes, schwellendes Zagen ihr ganzes Wesen. Sie schmiegte sich inniger und doch zitternd an ihn an. Das dunkle Laub rauschte mächtiger, die weißen Blätter fielen feucht und tropfend auf ihre warmen Schultern, eine Sternschnuppe fuhr durch den nächtigen Himmel und ihr Widerschein sprühte funkelnd über den leichtbewegten Spiegel des See's.

Als die silberne Mondscheibe am Himmel auftauchte, ordnete das Mädchen bang und bewegt ihr feuchtes Haar. Sie war gefallen, eine Sünderin, – und aus Liebe? Nein. Sie liebte ihn gar nicht. Es lag einmal in ihrer Natur, wer kann was dafür? –

Nach einigen Wochen fand sie sich allein. Er war fortgezogen – nach seiner fernen Heimath. Nicht einmal Lebewohl hatte er ihr gesagt, – ob aus Schmerz oder Scham, ich weiß es nicht. Aber er hatte sie verlassen, für immer verlassen, und – Andere hätten es vielleicht ebenso gemacht. Es ist auch einerlei.

Sie hatte ihn nie geliebt, und seit ihrem Fall sogar verabscheut. Daher vermißte sie ihn jetzt nur wenig. Sie hatte ihn zuletzt gleichgültig, ja mit mißtrauischem Haß betrachtet, und als er, der dies veränderte Benehmen ihrem tiefen Schamgefühl zuschrieb, sie zu trösten versuchte, hatte sie ihm voll Ekel den Rücken gedreht.

Jetzt war er fort, und die Zeit verrollte ihr wieder im alten Gleis. Sie war ruhig und still, sie dachte nicht mehr an ihn. Aber bald zeigten sich die Folgen ihres Fehltritts, und ein neues Gefühl bemächtigte sich ihres ganzen Wesens.


Als die Wirthsleute den Zustand des Mädchens bemerkten, waren sie bemüht, ihr denselben so erträglich wie möglich zu machen. Sie erkannten sehr wohl, welchen Schatz für ihre Wirthschaft sie in dem jungen, schönen und thätigen Mädchen besaßen, und sie hofften mit Zuversicht, daß Mathilde nach ihrer Entbindung das Kind in fremde Pflege geben und in die Wirthschaft zurückkehren werde. Sie behielten sie daher so lange im Hause, als es irgend anging, erließen ihr allmählig jeden anstrengenden Dienst und pflegten sie mit der größten Aufmerksamkeit und Rücksicht. Als die Zeit so weit vorgerückt war, wurde sie einer alten Frau in Pflege gegeben, um hier in Ruhe ihre Entbindung abzuwarten.

Bald darauf gebar sie ein Mädchen. Das Kind war stark und gesund, und auch die Mutter erholte sich schnell, so daß ihre frühere Herrschaft sie bald wieder zu besitzen hoffen konnte. Aber Mathilde war gänzlich umgewandelt. Es war, als hätte in ihrem Innern eine Gluth geschlummert, die sich jetzt in vollen Flammen an einem einzigen Gegenstand verzehrte. Ihr keusches Herz war plötzlich und desto mächtiger in heißer Liebe erwacht, und mit aller Kraft und Leidenschaft derselben umschloß sie ihr Kind. Sie betrachtete lachend und weinend in Freude die kleinen Züge ihres Ebenbildes, kaum wagte sie aus liebender Besorgniß dasselbe zu küssen und zu liebkosen, ihre selige Lust nahm all ihr Denken und Sinnen gefangen. Umsonst suchte ihre frühere Herrschaft sie zur Rückkehr zu bewegen, umsonst stellten sie ihr vor, daß sie ja nicht im Stande sei, ihren Unterhalt zu gewinnen: sie wollte sich nicht von ihrem Kinde trennen, und nichts vermochte sie abzuhalten, ihm selbst die Brust zu reichen. Ihre Zukunft kümmerte sie nicht, – was würde denn auch ihre Zukunft ohne ihr Kind sein?

Als sie zu der Frau gezogen war, hatte sie eine kleine Summe mitgebracht, die sie sich aus Ersparnissen und Weihnacht- und Neujahrgeschenken gesammelt hatte. Da außerdem die Kosten ihrer Entbindung von den Wirthsleuten bezahlt worden waren, so war sie für's Erste im Stande, bei der Frau noch eine Zeitlang ihren Aufenthalt nehmen zu können. So blieb sie denn auch volle drei Monate hier, einzig und allein für die Pflege ihres Kindes besorgt. Endlich aber schwand auch der letzte Rest ihres kleinen Besitzes. Sie theilte dies offen ihrer Wirthin mit, und diese, welche sie nun nicht länger behalten wollte, gab ihr den Rath, sich zu einer ihrer Nachbarinnen, einer alten Wäscherin, zu begeben, welcher sie dann Hülfe bei der Arbeit leisten solle. Nach einigen Unterhandlungen zeigte sich die Wäscherin auch dazu erbötig und Mathilde zog noch am selbigen Tage mit ihren Habseligkeiten in die Wohnung derselben.


Ihre neue Wirthin war freundlich und zuvorkommend gegen sie. Es war eine kleine, ältliche Frau von eben nicht einnehmenden Zügen, aber Mathilde fühlte den mißtrauischen Widerwillen, den ihr die Alte beim ersten Anblick einflößte, bald wieder vor ihrem gutmütigen Geschwätz und ihrer hilfreichen Aufmerksamkeit für das Kind verschwinden. Die Alte schaffte und sorgte für sie auf die beste Weise. Nur über die Arbeit und den Verdienst klagte sie beständig, und allerdings bemerkte Mathilde, daß die Alte eben keine Beschäftigung hatte. Da suchte sie der Alten Trost und Muth zuzusprechen, sie, deren eigne Lage doch selbst der Hülfe so bedürftig war, – allein für was hat ein glückliches Mutterherz keinen Trost? Da sie jung, geschickt und arbeitsam war, so erbot sie sich, um sich der Wirthin ebenfalls hülfreich zu zeigen, für fremde Leute Näh- oder Stickarbeit zu machen, falls sie dergleichen Aufträge erhalten könnte. Die Alte war damit zufrieden, meinte aber doch gleich, daß das auch sehr ungewiß sei.

Mittlerweile waren die ersten Tage dieser neuen Einrichtung verflossen. Da gegen Ende der Woche kam eines Morgens die Alte ganz bestürzt in Mathildens Kammer, und sagte, der Polizeikommissair sei unten und verlange mit ihr zu sprechen. Mathilde erschrak, ohne eigentlich zu wissen, warum, aber der bloße Name der Polizei genügt bei den Armen und Hülflosen, um auch dem unschuldigsten, reinsten Gemüth Angst und Entsetzen einzujagen. Sie warf ein Tuch über, bat die Alte bei dem Kinde zu bleiben, und eilte mit einem in bebender Ahnung klopfenden Herzen hinunter zu dem Mann, in dessen Händen ihre ganze Zukunft lag.

Der Polizeikommissair schien beim ersten Anblick von dem Ausdruck ihrer kindlichen Züge, auf welchen sich Scham und spannende Besorgniß malten, und von ihrem ganzen sittsamen Wesen überrascht zu sein. Aber eine lange Erfahrung hatte ihn mißtrauisch gegen das günstige Vorurtheil eines solchen ersten Eindruckes gemacht, und gleichsam um sein Gefühl zu bewältigen, wurde seine Stimme noch rauher und mürrischer als sonst.

Er begann mit der Vorhaltung, daß sie nun schon längere Zeit, als dies die Polizeivorschriften gestatteten, hier bei der Alten wohne, ohne sich einen neuen Dienst zu verschaffen, und fragte dann ziemlich grob: was sie denn treibe? was sie überhaupt hier wolle?

Mathilde erzählte ihm mit befangener Stimme, auf welche Weise sie zu der Alten gekommen sei, und wie sie ihr die Kosten ihres Aufenthalts durch häusliche Arbeit und Hülfleistung beim Waschen ersetzen wolle.

»Das sind faule Fische!« erwiderte der Polizeibeamte barsch. »Die Alte hat selbst nichts zu leben und die Wäscherei ist nur so ein fauler Vorwand. Die Vettel hat schon zweimal im Arbeitshaus gesessen, und wenn sie nicht hier geboren und heimisch wäre, würden wir sie schon längst wegtransportirt haben.« –

Mathilde erschrak heftig über diese Worte. Mit zitternder Stimme erzählte sie nun, wie sie früher in Kondition gestanden, und zeigte das Zeugniß ihrer Wirthsherrschaft über ihre tadellose, treue und redliche Führung.

»Sie selbst wollten mich gern wieder zu sich nehmen,« sagte sie fester in ihrem Selbstbewußtsein, »aber ich wollte es nicht eingehen, weil ich mich dann hätte von meinem Kinde trennen müssen.« –

Der Polizeibeamte schien allmählig doch von der rührenden, so ganz mit der Welt unbekannten Einfachheit der jungen Mutter erweicht zu werden, und fragte milder:

»Aber können Sie denn von dem Vater des Kindes keine Unterstützung bekommen, denn Sie sehen doch ein, daß Sie irgend eine Unterhaltsquelle haben müssen?« –

Daran hatte sie nicht gedacht, sie wußte gar nicht einmal, wo der Vater war. Was konnte sie das bisher auch kümmern?

»Das ist schlimm, mein Kind!« sagte der Beamte teilnehmend. »Wenn Sie keine Erwerbsquelle nachzuweisen vermögen, so ist anzunehmen, daß Sie und Ihr Kind demnächst der Gemeinde zur Last fallen werden, und meine Instruktionen lauten bestimmt dahin, Sie schon in drei Tagen, falls Sie bis dahin keinen Dienstschein beibringen, nach Ihrer Heimath zu verweisen. Es ist daher das Beste, was ich Ihnen nur rathen kann, daß Sie Ihr Kind in Pflege geben und sich wieder eine Stelle suchen. – Kommen Sie dann zu mir, damit ich Ihnen den Schein ausstelle.« –

Mit diesen Worten begab er sich fort, Mathilden in der tödtlichsten Verzweiflung ihrer rathlosen Seele zurücklassend. Sie sollte ihr Kind fremden Leuten überlassen, – jetzt, wo sie es täglich lieber gewonnen hatte – Leuten, die kein Interesse an ihm nehmen – die sein zartes Leben vielleicht durch schlechte Behandlung einer unglücklichen Zukunft oder gar dem Tode aussetzen würden! Wie hätte sie das über sich vermocht? Und doch – wenn sie sich nicht dazu entschloß, was hatte sie selbst zu erwarten? Der Gedanke an ihre Eltern erfüllte sie zum erstenmal mit Entsetzen, – und würde ihr, der verachteten, von der Welt verstoßenen Sünderin nicht auch das väterliche Haus verschlossen sein? Wer vermochte ihr einen Ausweg aus dieser Bedrängniß zu zeigen?

Sie machte der Alten die bittersten Vorwürfe und gab ihr Schuld, sie in diese Lage gebracht zu haben. Die Wäscherin aber erwiederte ihr gelassen:

»Das ist ein Unglück, für das Niemand etwas kann, und das Ihnen vielleicht ebensowohl überall anders passirt wäre. Aber nicht überall sonst hätte man Sie aufgenommen, wie ich es gethan habe, und Sie sollten nur still schweigen, und mir dankbar sein.« –

Das Mädchen mußte das wohl einsehen, denn sie schwieg und sank trübsinnig auf einen Stuhl.

»Uebrigens nehmen Sie sich das nicht so zu Herzen, und beruhigen Sie sich nur,« tröstete die Alte weiter. »Vorläufig mögen Sie immer noch bei mir bleiben, es wird sich wohl noch ein Ausweg finden.« –

Was für ein Ausweg? Mathilde blieb den Tag über düster auf ihrer kleinen, einsamen Kammer, und überlegte und sann hin und her, was sie beginnen sollte, aber ihr Denken war all umsonst. Von Zeit zu Zeit nahm sie ihr Kind auf, und küßte und herzte es mit der Heftigkeit ihrer schmerzlich aufgeregten Gefühle. Es war, als ob in dem Versuch, sie von ihm zu trennen, ihre Mutterliebe nur festere Wurzeln geschlagen hatte. Dazwischen rollten ihre heißen Thränen wie feurige Tropfen ihres gequälten Herzens auf die Wangen der Kleinen. Nur wenn das Kind schlief, ging sie in ruheloser Angst auf und nieder und rang ihre Hände in rathloser Verzweiflung.

Am Abend kam die Alte wieder auf die Kammer des Mädchens. Das Gemach war dunkel, nur von den Straßenlaternen und den Lichtern der gegenüberliegenden Häuser schwamm ein weiches Dämmerlicht durch das Fenster. Mathilde lag mit aufgelöstem Haar, den Kopf in die Hand gestützt und halbaufgerichtet auf dem Bett, und bewachte den Schlaf ihres Kindes. Die Alte setzte sich vor das Bett und sprach lange mit flüsternder Stimme zu dem Mädchen. Plötzlich fuhr Mathilde in die Höhe, als ob sie eine Viper gestochen, und richtete einen funkelnden Blick auf die Redende. Die Alte aber beruhigte sie wieder, und der flüsternde Ton ihrer Stimme, wie ihre Geberden konnten von angelegentlicher Theilnahme zeugen. Sie sprach sehr lange und augenscheinlich über sehr wichtige Gegenstände mit ihr. Zuweilen schien es, als ob von einem drohenden Gespenst der Zukunft die Rede wäre, denn Mathilde rang die Hände und leise, nur halbunterdrückte Seufzer drangen aus ihrer Brust; dann wieder schien die Alte Versprechungen und lockende Aussichten für das Schicksal des Kindes auszumalen, Mathilde beugte sich mit einem schmerzlichen Lächeln über die Wiege und bewegte die Lippen, wie in schwerem, drückendem Traum. Die Alte ließ mit ihrer leisen Zusprache nicht nach, und es mußte sich um einen entscheidenden Entschluß handeln, über welchen die junge Mutter aber schwankend, mit steigender krampfhafter Erregung hin und her kämpfte. Mehrmals hatte sie die Alte schon mit heftigen Bewegungen von sich gewiesen, dann wieder heftete sich ihr Auge mit wehmüthigem Ausdruck auf die dunkle Wiege des Kindes. Zuletzt gab sie der Alten nickend ein bejahendes Zeichen, und sank auf das Lager zurück, indem sie wie verzweifelnd ihr Gesicht in die Kissen vergrub.

Nunmehr verließ die Alte mit einem triumphirenden Wohlbehagen die Kammer. Nach Verlauf von einiger Zeit kehrte sie zurück, in jeder Hand ein brennendes Licht haltend. Hinter ihr folgte ein Mann, in einen Mantel gehüllt, den sie alsdann mit Mathilden allein ließ.


Von dieser Zeit an war die Alte noch weit aufmerksamer gegen das Mädchen, und behandelte sie fast mit Unterwürfigkeit. Der Polizeikommissair ließ nichts von sich hören; wie die Alte sagte, weil sie ihn herumgekriegt hätte. Daß sie aber Mathilden als weggezogen abgemeldet, verschwieg sie derselben. Bei alledem verdüsterte sich Mathildens Sinn von Tag zu Tage, und vergebens suchte die Alte durch teilnehmende Pflege für das Kind und Gefälligkeiten und Zuvorkommenheiten aller Art ein Zeichen der Zufriedenheit oder nur beifälligen Gefühls zu entlocken. Sie schien von Allem nichts zu bemerken und blieb verschlossen und schweigsam in sich gekehrt. Sie widersetzte sich auch den Zumuthungen der Alten nicht mehr, und wenn, wie es jetzt öfter geschah, am Abend fremde Männer ins Haus kamen, so gehorchte sie ihr mit kalter, stumpfer Gleichgültigkeit. Fast schien es sogar, als ob selbst die Gefühle für das Kind in ihr nachgelassen hatten. Sie selbst war es gewesen, die zuerst vorgeschlagen hatte, die Wiege in das Gemach der Alten zu setzen, und sie sah nur eben so oft danach, als es durchaus nothwendig war. Sie vermied es beinahe, sich demselben zu nähern, wenn sie es aber that, geschah es mit einer Art zagender Scheu; Ihre Hand zitterte, indem sie es aufnahm, sie liebkos'te es nicht wie ehedem, und ihr Auge haftete nur flüchtig und nie ohne eine schmerzliche Wallung auf ihm. Dazu begann ihr Aeußeres leise zu verfallen. Die Alte, welche dies mit Besorgniß bemerkte, suchte ihr auf plumpe, fast rohe Weise die zitternden Gefühle ihrer zweifelnden Seele zu nehmen, aber Mathilde wies sie mit gleichgültiger, resignirter Ruhe zurück, lieber ihr ganzes Wesen lagerte sich allmählig eine krankhafte, tödtliche Erstarrung, unter der nur selten, wie das Leuchten eines todten Vulkans, die schmerzliche, schneidende Bewegung ihres Herzens hervorbrach.

So waren ungefähr sechs Wochen verflossen, als es eines Abends wieder an der Wohnung klingelte. Die Alte öffnete und statt eines vielleicht erwarteten Andern trat der Polizeikommissair herein. Bei diesem unerwarteten Besuch entschlüpfte der Alten ein Laut des Schreckens, den Mathilde drin im Zimmer vernahm, der Polizeibeamte aber schob sie bei Seite und schritt rasch in das Gemach.

Mathilde hatte in der Ecke des Sopha's gesessen, allein, mit ihren düstern Gedanken beschäftigt, als sie der Ausruf der Alten daraus weckte. Als sie jetzt emporblickte und diesen Mann vor sich sah, dessen unheilverkündende Nähe sie mehr noch fürchtete, als die bittere Selbstverachtung ihrer eignen Seele, da stiegen plötzlich wie drohende Gespenster die Bilder ihrer muthmaßlichen Zukunft vor ihren Augen auf. Sie haßte diesen Mann, sie hatte ihm oft heimlich und glühend geflucht, wenn ihre Gedanken oder Träume ihr denselben gezeigt hatten: denn von seinem ersten Erscheinen schrieb sich ihr gegenwärtiges, tiefes Elend her. Jetzt aber schwanden alle andern Gefühle, und sie sah in ihm nur den Vorboten neuen Unheils für ihr eigenes und ihres Kindes Leben.

»Da sieht man also die saubere Wirtschaft!« sagte der Polizeibeamte. »Auf diese Weise also ist das Jüngferchen ausgezogen! Nun, sie soll heut Abend noch ein Quartier beziehen, wo sie sicherer aufgehoben ist, als hier!« –

Mathilde zitterte bei diesen Worten wie ein Espenlaub. Sie suchte ihm mit bangen, verzagten Worten klar zu machen, daß die Alte sie dadurch hierbehalten, daß sie den Beamten zur Nachsicht zu bewegen versprochen habe. Der Kommissair aber erwiederte hohnlachend:

»Die wäre die Rechte, die Polizei zu etwas zu bewegen! Nein, mein Püppchen, ich kenne Sie jetzt. Ich habe Ihr damals den Rath gegeben, sich ehrliche Arbeit zu suchen, habe Ihr auch, weil mich Ihr unschuldiges Gesicht betrog, noch ein paar Tage dazu bewilligt, aber Sie hat nicht arbeiten wollen, und hat sich lieber auf ein bequemes, liederliches Leben geworfen. Die Geschichte hat jetzt ausgespielt. Im Korrektionshaus wird Sie schon arbeiten lernen, wenn Sie auch nicht will. Für's Erste aber wird Sie eine Nacht oder zwei im Polizeigefängniß zubringen müssen.« –

Mathilde war wie vernichtet. Umsonst flehte sie ihn um Erbarmen ihres unschuldigen Kindes wegen an, umsonst versprach sie Alles zu thun, was er von ihr verlangte; der Beamte blieb diesmal unerbittlich.

»Wenn es Ihr Ernst mit solchen Versprechen wäre,« sagte er achselzuckend, »so hätte Sie längst meine Warnung befolgt. Jetzt ist es zu spät; man kennt ja auch solche Versprechen der Angst. – Also marsch! Rasch zurechtgemacht, ich habe keine Zeit, länger auf Ihr Lamentiren zu hören. Nehm' Sie Ihren Mantel, damit wir vorwärts kommen!« –

Als Mathilde zuletzt einsah, daß Nichts sie mehr von diesem, für sie entsetzlichen Loos retten könne, riß sie plötzlich in einer Art Wahnsinn das Kind aus der Wiege und rief, indem sie mit der einen Hand das Kind in die Höhe hielt und mit der andern auf den Polizeibeamten zeigte:

»Sieh, das ist der Mann, der Dein und Deiner Mutter Verderben zu verantworten hat!« –

Einen Augenblick schien der Kommissair von dem verzweiflungsvollen Ton dieser Worte bestürzt und ergriffen zu sein, dann aber schoß ihm die Gluth des Zornes ins Gesicht und er gab der Tochter der Prostitution eine schallende Ohrfeige.


Als Mathilde nach einer gräßlich durchwachten Nacht in's Verhör genommen und aus dem Polizeigefängniß nach dem Arbeitshaus transportirt worden war, wurde sie hier in einen großen Saal gewiesen, wo sie in Gemeinschaft mit einer großen Menge von Frauen und Mädchen arbeiten mußte. Das Bewußtsein ihrer schimpflichen Lage, die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich ihrer schon während ihres letzten, langen Elends bemächtigt hatte, die Gedanken an ihre trostlose Zukunft, die jetzt auch durch den bittern Entschluß der Trennung von ihrem Kinde wohl schwerlich mehr zu bessern sein würde, Alles das versetzte ihr Gemüth nach der ersten Raserei der Verzweiflung in eine tiefe, starre Stumpfheit. Die Gesellschaft, in die man sie hier gewiesen, hatte sie mit der Theilnahme Gleichgesinnter begrüßt. Mathilde hatte sich Anfangs ihre Geschichte entlocken lassen; einige hatten sie darüber ausgelacht, andere ihr ein Mittel gesagt, durch welches sie einer polizeilichen Ausweisung trotzen könne. Mathilde erschrak bis in das Innerste ihrer Seele. Sie wandte sich von da an mit um so größerm Ekel von ihren Genossinnen ab, als sie sich zu ihrem Entsetzen gestehen mußte, daß sie selbst bereits den Weg zu diesem Ende betreten habe. Schweigend und gleichgültig ließ sie die Spottreden und gemeinen Späße derselben über sich ergehn. Sie betete im Stillen heiß um ihren baldigen Tod. Zu welchem Leben war sie auch jetzt berufen? Der Tod war ihre einzige Rettung.

Nach sechs Wochen wurde sie aus der Anstalt entlassen, nachdem man ihr bemerkt, daß sie sich binnen drei Tagen aus der Stadt zu entfernen habe.

Sie nahm ihr Kind in den Arm und rannte hinaus, ohne zu wissen wohin. Draußen vor der Thür standen mehrere Weiber, die sie anredeten und ihr Anerbietungen machten, aber sie stieß sie zurück und eilte, wie von Furien gepeitscht, von dannen. Den Tag über durchirrte sie so, ruhelos, ohne Zweck die Stadt, bis sie am Abend endlich erschöpft und ermattet an einer Hausschwelle niedersank.

Die Nacht war bitterlich kalt, die Sterne zitterten in der scharfen Luft, und ein schneidender Wind fegte über die öden Gassen. Das Mädchen saß zusammengekauert auf den kalten Steinen, ohne sich zu rühren. Auch das Kind war merkwürdig still. Sie hielt es auf dem Schooß und hatte wie zum Schutz ihre Arme darüber gebreitet, in die Arme wieder hatte sie ihren Kopf vergraben. Mehrere Vorübergehende, dicht in ihre Mäntel gehüllt, blieben vor ihr stehen. Da sie aber auf ihre Anrede keine Antwort erhielten, gingen sie wieder weiter. Endlich gegen Morgen wurde die Nachtwache auf die stille, zusammengekauerte Gestalt aufmerksam und richtete sie empor. Die Mutter lag halberstarrt, in einer tiefen Ohnmacht, und wurde sogleich ins Krankenhaus geschafft. Das Kind war todt.


Am Abend des dritten Tages stand der Oberarzt vor einem Bett in dem großen Krankensaal. In einem Lehnsessel saß ein Wärter, der in dem Augenblick, wo der Arzt nicht mehr zu ihm sprach, eingeschlafen war. Es war unheimlich still in dieser Wohnung des Jammers. Von der Decke verbreitete eine Ampel ihr düsteres Licht über die lange Reihe von Krankenbetten, die sich an beiden Seiten des Saals hinzogen, die Uhr pickte einförmig wie ein Todtenvogel die Minuten der Lebenden ab, und dazwischen tönte zuweilen ein dumpfer Schmerzenslaut oder ein ängstliches Röcheln von den Lagerstätten.

Der Arzt stand noch vor Mathildens Bett, die hier eben im Verscheiden lag. Sie hatte während ihrem Krankenlager nichts zu sich genommen, und obwohl sie vollkommen bewußtlos war, immer mit großer Hartnäckigkeit die Zähne zusammengebissen, wenn man ihr Arznei einflößen wollte. Ihr Aeußeres war zum Erschrecken eingefallen, ihre Züge kaum mehr zu erkennen. Jetzt hatte ihre Erlösungsstunde geschlagen, ihr Röcheln wurde unterbrochner, dann auf einmal war es still. Sie war todt. Der Arzt sah nach der Uhr, schrieb dann einige Worte auf einen Zettel und weckte den Wärter.

»Da liegt der Todtenschein,« sagte er, indem er hastig den Mantel umwarf, »Ihr werdet ihn morgen früh besorgen.« –

Der Wärter war aufgestanden und horchte, bis draußen auf dem Korridor die schnellen Schritte des forteilenden Arztes verhallt waren. Dann reckte er sich und sagte gähnend:

»Nicht eine Stunde ruhigen Schlafs gönnen sie Einem, könnten die Leute nicht ebensowohl am Tag sterben? – Ach, es ist das Mädchen, welches sie vor drei Tagen erst herbrachten,« fügte er hinzu, auf den Todtenschein blickend. » Nun, es ist gut, daß sie todt ist, sie hätte doch kein selig Ende genommen. Für der Art Leute ist der Tod das Beste, denn im Leben nimmt sich Keiner ihrer an, und solch Leben, – nun, sie hat's auch selbst wohl eingesehen!« –

Damit zog er die Decke über die Leiche, und setzte sich wieder in den Lehnstuhl, um weiter zu schlafen.

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