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Politische Publizistik

Georg Friedrich Rebmann: Politische Publizistik - Kapitel 1
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authorGeorg Friedrich Rebmann
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1. Wekhrlin. Eine Urne auf ein Grab

Die Schwärmer aller Religionssekten feiern Feste zu Ehren der Märtyrer, die für ihren Glauben bluteten. Sollte nicht die Menschheit auch zuweilen sich an diejenigen ihrer Brüder erinnern, welche Opfer der laut gepredigten Wahrheit wurden? Geboren werden, vegetieren, sich zu einem derjenigen Räder emporschwingen, welche mit großem Lärm umlaufen, um – einen Pfropf aus einer Flasche zu ziehen, ein Weib nehmen und dann sterben, ohne viel mehr getan zu haben, als das Pferd, welches, von Peitschenschlägen des Treibers gezwungen, einen stolzen, bebänderten Taugenichts zum l'Hombretisch und vom l'Hombretisch zur Mätresse zieht – dies ist der Lebenslauf des größten Teils der Menschen! Laßt uns doch auch zuweilen an die denken, welche für uns gestritten haben, damit wir jetzt unsern Kohl in Friede einernten können. – Sollten sie nicht wenigstens eine dankbare Zurückerinnerung verdienen?

Oh, das Los des Mannes, der für die Menschheit zu kämpfen, gegen ihre Unterdrücker aufzutreten wagt, ist wahrlich nicht so lockend! Er steht da wie eine einzelne Eiche, an der jeder Sturmwind seine, Kräfte versucht! Jede seiner Schwächen wird ausgespäht, jeder menschliche Fehler ist an ihm ein Verbrechen, das der hämische Neid entstellt und vergrößert, im häßlichsten Gesichtspunkt zur Schau auszustellen Sucht. Ruht er, so nennt man ihn träge, arbeitet er, so schimpft man über seine Tollkühnheit, winzige Geisterchen witzeln über das Werk seiner schlaflosen Nächte, man belacht ihren Witz, gibt ihm den Lohn für seine herkulischen Arbeiten durch Spott, und endlich, wenn ein Stärkerer auftritt oder irgendein anderer sich auf seine Schultern stützt und nun freilich höher steht als der erste, dann – vergißt man ihn oder macht es ihm zum Vorwurf, daß er sich zuerst hingab, um einem Riesen zum Fußgestell zu dienen.

Erbärmliche Wesen, von ihm tief verachtet, hinaufgekrochen auf eine Staffel im Staate, sprechen von ihm wie von einem Wurm, den sie nur aus Menschlichkeit nicht zertreten wollen. Er wirft sich schwerbeladen in die Arme eines Freundes – wer ist da, der sich öffentlich den Freund des Mannes zu nennen wagt, den jene Insekten verfolgen? Er dürstet nach Liebe, ach! Er hat keine Hütte, die er mit einem Weibe teilen könnte! Gram, Elend, Armut ist sein Los, und die, für welche er dies alles duldet, begreifen nicht, daß sie ihm Dank schuldig sein sollten. Es ist noch ein Glück für ihn, wenn er endlich soviel wirkt, um zertreten zu werden, sonst wird ihm nicht einmal das traurige Schicksal, als Märtyrer, sondern das, als verlachter Narr zu sterben, und ein Bonmot über ihn bei einem vollen Becher ist der ganze Lohn, den ihm seine Menschenbrüderschaft zollt.

Welch ein Tor wäre der Mann, den dieser Köder locken könnte, sich der Menschheit zu opfern! Der Feldherr, der Menschen schlachtet, der Kuppler, der seinem durchlauchtigsten Herrn eine Mätresse verschafft, sind geehrter. Der Kämpfer für die Menschheit ist längst vermodert, wenn der Baum gedeiht, den er gepflanzt hat, und dann sitzen die Enkel unter dem Schatten, ohne zu wissen, ob die Natur oder eine freundliche Hand des Baums gewartet habe.

Wer die Früchte seiner Mühen noch selbst sehen wollte, würde sich irren! Wer auf seiner Zeitgenossen Erkenntlichkeit zählen wollte, sich verrechnen. Denn Heroismus, Gemeingeist, Liebe zur Menschheit galten nur noch vor einem Jahrtausend! Jetzt gleicht dies alles einer kostbaren Muschel, die einem Haufen Matrosen feilgeboten wird, einem Gemälde, das man dem Pöbel darstellt! – Er greift nach der schlechtesten Sudelei und läßt das Kunstwerk liegen!

Wenn es denn aber auch dem Kämpfer gelingt, seinen Widerstand bemerkbar zu machen, ehe er unterliegt, was ist dann sein Lohn? »Das war ein toller Kerl« oder »der seltsame Schwärmer« ruft vielleicht einer oder der andre. Das ist aber auch alles. Der größte Teil hört die Heldentat wie ein Zeitungsspäßchen, dessen Erzählung die Verdauung befördert.

Christian Thomasius, wer nennt dich noch, und doch hat dir Deutschland zu danken, daß keine Hexen mehr verbrannt werden. Arnold von Brescia, wer denkt noch an dich? Wer kennt den Namen des ehrlichen Augustinermönchs Mantel, der in Württemberg so mutvoll dem Märtyrertod trotzte? Wie viele in Deutschland wissen, daß einst ein Mann lebte, Karstenhans genannt, der die Kühnheit hatte, im Angesicht des Todes und der Schandbühne ebendaselbst politische Reformen zu predigen? Oder nennt man euch auch, ihr Märtyrer der Menschheit, wie kalt geschieht es! Oh, des herrlichen großen Lohns für Hussens Aufopferung, für das Zischen seiner Gebeine in den Flammen, wenn vielleicht eine Amme ihrem weinenden Kinde von dem Ketzer erzählt, den man einst briet, indes die Nachfolger der Konstanzer Herren, wohlgemästet von Fasanen, zu ihren Mätressen taumeln!

Aber der Gärtner streuet den Samen aus, ohne zu fragen, ob ein Sturmwind die zarte Pflanze entblättern oder ob sie im Strahl der milden Sonne reifen werde. Beides setzt dem Werte seiner Handlung nichts zu, vermindert ihn aber auch nicht. Und so gibt es denn doch noch einen Lohn, den niemand uns rauben kann. Er heißt Bewußtsein! –

Dieser Lohn war der deinige, biedrer Wekhrlin, als dich die Herren von Glarus vor ihr Richterstühlchen zu zitieren die Lächerlichkeit begingen, und er blieb dir auch da noch, als man dich harmlosen Mann lange genug verketzert, verfolgt und gequält hatte, weil du nicht wie ein feiler Cranz deine Feder dem Meistbietenden preisgabst, sondern vortrugst, was dir Wahrheit war, wenn auch zuzeiten ein Paradox dich durch seinen Schein täuschte.

Dich vermochten sie zwar aus deinem letzten Ruheplätzchen zu jagen, den Pöbel gegen dich aufzuhetzen, deine Papiere zu durchsuchen, deinen Erwerb zu vernichten, deine Hoffnungen zu einem künftigen behaglichen Leben zu zertreten – aber die Wahrheiten blieben im Gang, die du verkündet hattest, und mancher brave junge Mann erhielt durch dich den elektrischen Stoß, durch welchen du noch jetzt die Tyrannen und Blutegel der Menschheit aus ihrem Schlafe aufscheuchst. Märtyrer des Preßzwangs! Für dich würde ja jetzt, da Wahrheit verpönt ist, ohnedem keine bleibende Stätte in Deutschland mehr sein. Du würdest nicht schweigen können, und deine Landsleute lassen ihre Gelehrten vor ihren Augen durch Büttel in der Uniform mißhandeln, wie der Fall mit Leuchsenring war, und zittern oder panegyrisieren den Büttel allenfalls gar noch.

Unermüdeter Dulder! Freund der Publizität! Verteidiger der Unschuld gegen bübische Unterdrücker! Wo bist du jetzt? Im Anschauen des Schönen und Wahren lachst du vielleicht über manches Paradox, das du hienieden verfochtest, und siehst mitleidig auf die Toren herab, die dich zu Tode quälten, weil deine Rute ihnen Schmerzen verursachte.

Nimm hin dieses Totenopfer, das ich deinen Manen schuldig war, verklärter Freund! Und möge dies »Neue graue Ungeheuer« eine ebenso scharfe Geißel für das Gelichter von Menschen werden, die dir von Natur verhaßt waren, als das deinige. – So feire ich dein Andenken am würdigsten, wenn ich auf deiner Bahn fortwandle.

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