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Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XI

Der starke offene Wagen stieg auf Umwegen in die Berge hinauf. Der Mann am Steuer, ein kleiner, ernster Bretone, trug sehr korrekt seine weiße, schwarzeingefaßte Sommerlivree. Aber neben Carmer, der den Hut mit einer leichten Mütze vertauscht hatte, saß Dorval im schlecht gemachten Überzieher, den steifen, runden Filz auf dem Kopf, in der Hand seinen Spazierstock – ein bizarrer Protest gegen jede Art von Geckerei und Gelegenheitsmaskerade. Unwillkürlich vergleichend gedachte Carmer jener Bilder des Hochmögenden auf dem Kirchplatz von Ravello: im Staatsprunk eins, mit dem Stahlhelm ein andres und eins in cäsarischer Toga.

Sie fuhren an weiten bunten Blumenfeldern vorbei, starke Wellen von Hyazinthen- und Rosenduft überfluteten ihre Straße. Dann war 127 man in Grasse. Aus seinen Parfümfabriken drangen, unerträglich beinahe, noch weit stärkere, konzentrierte Düfte.

»Hier vermengen sie die Blumen mit Schweinefett,« sagte Dorval und verzog sein Gesicht.

»Es riecht widerlich.«

»Ja, es stinkt bestialisch.«

Zwischen gewaltsam geformten Bergkuppen ging jenseits die Fahrt, über verwegen gespannte Brücken, enge Serpentinen hinauf und abwärts. Jeden Augenblick, in erstaunendem Wechsel, vertauschte man die Vegetation. Vom Gebiet der silbergrauen Olive stieg man empor bis zum Hornbaum und zur Kiefer des Nordens, um alsbald wieder, mit bewegendem Ausblick ins fernere Gebirg und über die See, hinabzusinken zu Myrthe, Orange und Pinienbaum, in warme Täler, die durchduftet waren von Lavendel und Thymian.

Vor Toulon war von Neuem die Küste erreicht. Nahe beim Hafen durchfuhr man die Stadt. Die Quais waren von Uniformierten 128 dicht belebt; fischgraue und weiße und schwarze Kriegsschiffe lagen vor Anker.

»Das ist nun von allem das Dümmste,« sagte Dorval. »Sechzig Millionen Goldfrancs Stück für Stück. Und dabei ist so eine Donnerbarke, behaupten die Kenner, im Seekrieg heute genau so nützlich wie ein alter Stiefel. Ja, ganz genau so nützlich, als schwömme hier vor uns ein alter, weggeschmissener Stiefel,« wiederholte er, denn die Vorstellung schien ihn grimmig zu belustigen, »wir wollen nicht aufhören, es ihnen vorzurücken!«

Carmer blickte ihn an. Aus seinen heiteren und klaren Augen glänzte eine unbedingte Zuversicht. Er würde, nach Erdengesetz, nicht lange mehr leben, wenig, kaum noch etwas würde er am Fühlen und Irren der Menschen zu ändern vermögen in der winzigen Spanne, die ihm gegönnt war; aber ihn beschlich deswegen kein Zweifel, daß es recht und notwendig sei, unbeirrt, furchtlos nach der hellen Seite des Horizonts hinzudeuten. In solcher Haltung, als sein eigenes Denkmal 129 schon jetzt, stand er da vor den Augen der Welt und der Spätern, unverdrossen, diesseitsgläubig und einfach.

Ihre Straße führte nun dicht am Meere entlang. Im sinkenden Tage traten zur Rechten die Berge weiter zurück, sie wurden niedrig und wehrten den Winden nicht ferner. Aber heute spürte man keinen. Alle die Siedelungen, die man passierte, nicht Fremdenorte mehr, zeigten ihr schlichtes, mäßig und heiter provinzielles Leben.

»Hier irgendwo«, sagte Dorval, »sollten wir bleiben. Sonst sind wir in einer Stunde schon in Marseille, und in der Hölle, Carmer, werden Sie nicht übernachten wollen.«

»In der Hölle?«

»In ihrem Vorhof zumindest.«

»Sie haben Höllenvorhöfe in Ihrem Frankreich?«

»Oh, Marseille ist nicht Frankreich. Wenn es nicht der Vorhof der Hölle ist, so doch jedenfalls der von Afrika und der Ausguß von vier Erdteilen.«

Eine kleine Bucht hatte sich aufgetan, 130 umstanden von einem stattlichen Dorf oder Städtchen. Auf sanft ansteigendem Boden, im Halbkreis, staffelten sich die flachen Häuser, blau, orange und rot, überragt von der mönchsbraunen Kirche, deren zwei Türme viereckig waren, verschieden hoch und Burgtürmen ähnlich. Die Uferstraße entlang lagen Fischerboote, mit eingezogenen Segeln.

»Fahr vorsichtig, Philippe,« sagte Dorval und berührte die Schulter des Chauffeurs mit dem Stockgriff. Die Einwohner traten beiseite aus ihren Gruppen. Es roch würzig nach Meerluft, nach Fischen und nach Gebratenem. Der Seegang war sanft, der Himmel tiefblau wie Veilchen.

»Ja, das wäre so unser Ort,« wiederholte Dorval, »sie werden nur kaum einen Gasthof haben.«

Aber wie zur Antwort sahen sie gleich wo die Häuserzeile endete, ein wenig abseits, sacht erhöht, ein kleines Hotel liegen, einen appetitlichen ockergelben Würfel, vor dessen Frontmitte, schneeig leuchtend, neugestrichen 131 offenbar, sich als Namensfigur plastisch ein prächtiger Schimmel bäumte.

Droben trat mit seiner Frau zusammen der Wirt aus dem Hause und öffnete den Schlag. Es waren Leute in mittlerem Alter, nicht vom provençalischen Typus, ohne Überschwang. Aber als sie die Reisenden ins Auge faßten, blieb ihnen der Mund offen.

»Das ist nicht möglich!« riefen sie beide im gleichen Ton.

»Das ist sogar gewiß, meine Freunde. Aber wenn Sie es gut mit uns meinen, so erzählen Sie es nicht.«

»Zu niemand ein Wort, zu niemand! Wir sind nur außer uns, nicht wahr, Denise. Ah, wenn Sie wüßten, mein Herr!«

»Sie haben am Ende kein Zimmer frei?«

»Kein Zimmer? Denise, Herr Achille Dorval fragt, ob wir Zimmer für ihn haben! Ah, mein Herr . . .«

Sie bekamen im ersten Stockwerk die vorderen Stuben, zwischen deren Fenstern der milchige Schimmel sprang, große Räume von angenehmer Leere, vergnügt tapeziert, jeder 132 mit einem gewaltigen Bett und zwei cretonnebezogenen Fauteuils. Sie erfrischten sich ein wenig von der Fahrt und traten miteinander vors Haus.

Zwei Tische standen zur Mahlzeit gerichtet, grob, aber fleckenlos gedeckt, die langen, köstlichen Brote lagen bereit. Kaum saßen sie und begannen zu schauen, so trat der Wirt zu ihnen, und unfähig, länger an sich zu halten, mit glänzenden Augen begann er:

»Das ist der schönste Tag meines Lebens! Wir beide, meine Frau und ich, wissen Sie, woher wir stammen, Herr Dorval? Aus Ihrer Heimatstadt.«

Jetzt erst war die Glücksbetäubung erklärt. Auch Carmer verstand. ›Ich bin aus seinem Ort‹, bezogen auf einen bedeutenden Menschen, das war ja wie ein Rang in diesem Lande, wie ein immerwährender Strahl und Segen. Lang Verblichene sandten den Strahl noch aus. Immer traf man in Frankreich auf jemand, der es einem in der ersten Viertelstunde anvertrauen mußte, leuchtenden Blicks: ›Ich bin aus Besançon wie Victor 133 Hugo, aus Valenciennes wie der Maler Watteau, aus Cahors wie Gambetta!‹ Das mochte man kindlich und eitel nennen, es war dennoch das Anzeichen einer lebendigen Beziehung zwischen der Nation und denen, die sie darstellten. Und nun dieser Wirt . . . Leibhaftig stieg der Hausgott seiner bretonischen Stadt aus dem Auto und setzte sich bei ihm zu Tische.

»Sie werden sehen,« sagte Dorval behaglich, als der Strahlende wieder ins Haus gelaufen war, »sogleich erfahre ich, daß ich sein Vetter bin. Ich habe lauter Vettern dort in dem Städtchen.«

Friedlichster Abend. Vor ihnen breitete sich, in milden Farben, ein beruhigtes Meer, der Himmel erbleichte, zur Rechten, weit, über Spanien, versank die Sonne in einem Wunderschein von Hellgrün und Purpur. Die farbigen Häuser des Dorfes, unwirklich schimmernd und rein umrissen, stuften sich meerwärts zu ihrer Linken. Stimmen schollen herauf. Dort wo die Häuser aufhörten, lag, Kiel nach oben, ein Boot, an dem mit seltenen 134 Hammerschlägen junge Männer etwas ausbesserten. Es war noch warm.

Er stand wieder vor ihnen, Teller und Gabeln in Händen.

»Ich muß es Ihnen sagen, Herr Dorval, es ist wohl verzeihlich: wir sind sogar verwandt miteinander.«

»Nicht möglich. Vettern am Ende?«

»Beinahe. Aber Sie werden sich schwerlich erinnern. Mein Vater hatte daheim das Wirtshaus Zum Goldenen Kopf. Und was den Ihren betrifft . . .«

Aber nun schwieg er verwirrt, unsicher plötzlich, ob dies noch statthaft wäre.

»Auch der meine war ein Wirt. Nur freilich: der Goldene Kopf das war ein Hotel von Ruf – lag es nicht am Quai de la Fosse? Dagegen das unsere, du lieber Gott! Sie müssen wissen, Carmer, unsres war eigentlich kaum mehr als ein Ausspann, so eine Herberge in der Vorstadt, dort wo die Straße von Rochefort hereinkommt. Für mich kleinen Kerl war es lustig dort, die Fuhrleute von ganz Frankreich kehrten ein in ihren prächtigen Kitteln, 135 ich sah alle Pferderassen und lernte die Dialekte sprechen . . . Aber nun, Bester, zu unserm Diner! Wir haben Appetit – und wir feiern ein Fest. Sie werden uns zeigen, welche Künste Ihr Vater Sie einst gelehrt hat, daheim im Goldenen Kopf!«

»Und Ihre Wünsche, Herr Dorval? Die Ihren, mein Herr?«

»Oh, wir haben Vertrauen.«

»Da läuft er,« sagte Carmer, »den Kopf voll Ideen. Frankreich macht jeden zum Schwelger. Ich zum Beispiel weiß sonst das liebe lange Jahr nicht, was auf dem Tisch steht, und dabei bin ich doch kein Asket . . .«

»Nicht?« fragte Achille Dorval, und der Deutsche lachte.

»Ich jedenfalls freue mich auf die Speisen, Carmer, und freue mich auf den Wein. Hoffentlich hat mein Vetter einen kleinen Cassis, der wächst hier herum. Die Tage mit Ihnen sind wie ein Jungbad für mich. Mit ganz frischem Herzen marschiere ich jetzt in die Zukunft, wie ein junger Mensch, seitdem ich darauf zählen darf, Ihren gleichen, 136 unverzagten Schritt zu vernehmen von jenseits des Rheines. Die Leute morgen abend in Nîmes werden mich nicht wiedererkennen, ›das ist ja gar nicht der alte klapprige Dorval,‹ werden sie rufen.«

»Sie reden morgen in Nîmes?«

»Ja, in der Arena. Das ist seit langem versprochen.«

Die Vorspeisen kamen. Mit einem rotbackigen Kellnerburschen schleppte der Wirt sie an in schwerer Menge, eine wahre Landschaft von kleinen Schüsseln und Tellerchen bedeckte den Tisch, gefüllt mit scharf und mild duftenden, gaumenreizenden Leckereien: Seemuscheln, Seeigel, Schnecken und Thunfisch, Oliven und riesige Bohnenkerne, Artischockenböden, gesalzen, in Essig, Kalbshirn, kalt mit gerösteter Butter, und auf etwas größerer Platte, inmitten, die Morue à la brandade, das Stockfischgericht der Provence, bereitet mit Pfeffer, Öl und einer Prise von Knoblauch.

»Wittern Sie den Süden?« fragte Dorval, »unser Wirt hat sich eingelebt hier unten. 137 Stört Sie der Duft? Für mich gehört er zu Sonne und leuchtendem Meer. Unter uns gesagt, ich glaube, Plato und Alexander haben mächtig danach gerochen.«

Da trat um die Ecke des Hauses eine Dame. Sie war ohne Hut, über dem Arm trug sie ein Tuch.

»Meine Pensionärin,« sagte flüsternd der Wirt, »die einzige zu dieser Jahreszeit. Eine sehr ruhige, sehr distinguierte Dame.«

»Daran zweifeln wir gar nicht,« sagte Dorval.

Mit einer ganz leichten, anmutigen Bewegung beschaute die Neugekommene vom zweiten Tische her ihre Nachbarn. Sie war gewohnt, allein zu sein im ruhigen Abend. Erstaunen trat in ihre Augen, sie wandte sich sogleich ab, um einen Schimmer errötet.

»Gefällt sie Ihnen?« fragte Dorval leise, und ohne eine Antwort abzuwarten, die auch nicht kam, erhob er sich, verneigte sich schwer, und mit der Stimme, der noch keine Volksmenge und kein Parlament widerstanden hatte, sagte er:

138 »Gnädige Frau, es wäre doch traurig, so stumm und abgetrennt von einander zu speisen. Ein alter Mann darf um Manches bitten. Wollen Sie uns die Erlaubnis geben, Ihre Gesellschaft zu sein?«

Sie stand auf, tat frei und einfach den Schritt herüber, bot Dorval die Hand hin und antwortete:

»Ich weiß diese Freude zu würdigen, mein Herr. Ich werde sehr gerne bei Ihnen sein. Frau Grandin.«

»Dies ist Herr Carmer,« sagte Dorval.

Sie saß nun an der Breitseite zwischen ihnen, mit dem Rücken zum Hause, hinausblickend auf Himmel und Meer.

»Ah, Frau Grandin,« sagte der Wirt und goß Wein in ihr Glas, »wie oft habe ich mich gewundert, daß eine Dame wie Sie diese Eintönigkeit hier verträgt! Nun entschädigt ein Abend für alle. Ich bin glücklich darüber.«

Sie dankte mit einem Lächeln. Sie war schwerlich ganz jung mehr, wie sie so dasaß, und es ließ sich fragen, ob man sie hübsch 139 nennen konnte. Ihre Züge waren vielleicht zu willkürlich dafür, die kleine Nase zu launisch gebogen, der sanfte Mund ein wenig zu breit. Aber von ihrer kinderhaft runden Stirn, von ihren langen, grauen, dunkelwimprigen Augen, die gewiß ganz so blickten wie einst in der Jugend, ging Anmut und Zauber aus. Ihr Teint erschien frisch in der Dämmerung; als die Windlichter gebracht wurden, sah man, daß er es nicht war, wie ein ganz zart gegittertes Netz lag erste Welkheit über dem Antlitz. Sie war völlig schlicht und doch entzückend gekleidet: in ein Kleid aus sehr dünner, lichtgrauer Wolle, allenthalben mit einem schmalen, dunkelgrünen Lederstreifen eingefaßt. Ihre geraden und kräftigen Schultern, ihre frauenhaften Arme, ihre Brust, deren bewahrte Schönheit man ahnte, bewegten sich sanft unter dem zärtlichen Gewebe. Aus ihrem schwach gelockten braunen Haar, das seitlich gescheitelt war, fiel eine Welle ihr oft bis aufs Auge. Was von ihr ausging wie ein Duft, als Ausatmung ihres Wesens, das war Selbstverständlichkeit, herzhafte Klugheit 140 und ein natürliches Fröhlichsein, das die Resignation eines begonnenen Abstiegs leicht nur beschattete.

Sie aß gern und ohne Ziererei mit von den guten Sachen, die der glückliche Hausvater auftrug für seinen berühmten Gast, der duftenden Suppe aus vielerlei Kräutern, der stattlichen Meerbarbe dann, hochrot leuchtend auf ihrer Schüssel.

»Wissen Sie, mein Freund,« sagte Dorval, »daß Sie einen alten Römer verrückt machen könnten! Nichts hatten die lieber als diesen Fisch. Sie reisten weit, um ihn zu essen.«

»Und dabei zweifle ich noch, Herr Dorval, daß ihn diese Römer so anrichten konnten wie ich. Haben Sie die Güte, meine Sauce zu beachten!«

»Eine Langustensauce, nicht wahr?« fragte Frau Grandin.

»Meine Erfindung, gnädige Frau. Ich denke, sie ist geglückt?« Und er war wieder davon.

»Man läßt den Ruhm des Landes leuchten vor Ihnen, mein Herr,« sagte sie lächelnd zu Carmer, »aber Sie halten sich allzusehr 141 zurück. Sie werden den Braven noch kränken.«

»Er wird mich für einen Wilden halten, der nichts versteht, und wird getröstet sein. Wie soll ich ihm klarmachen, daß ich am liebsten nur ein Stück von diesem Weißbrot in seinen Wein tauchen möchte. Dabei schmeckt man schon dieses ganze reiche Land. Wenn Sie es mir erlauben, gnädige Frau, so tu ich's einmal.«

»Das muß ich nachmachen,« sagte Dorval. »Carmer, Sie haben recht. Weizen der Ebene und Saft der Berge. Der kleine Cassis ist gut, was?« Und er betrachtete liebevoll den bernsteinenen Trank im groben Glase.

»Ja,« sagte Carmer, »er schmeckt nach Stein und nach Sonne, rein und bitterlich.«

Und er blieb auch beinahe ganz bei seiner Brot- und Weinandacht, während der Wirt sein Ehrendiner weiter auftrug: seine Spargel von doppelter Daumendicke, von denen nach dem Speisen kein holziges Fäserchen übrigblieb, sein Hähnchen in Rahm mit jungen Salaten, den andern süßen Salat endlich 142 zum Nachtisch, den aus Früchten, der duftete wie der Garten Eden: aus Kirschen, Melonen, Birnen und Pfirsich, mit einem herben Likör fremdartig nur eben genetzt.

Das Mahl war so leicht, so unbeschwerend, daß auch wer ihm zusprach, nur heiterer und lebendiger davon werden konnte, – ›und dabei‹, dachte Carmer, ›ist dies ein Dorfgasthaus und nicht einsehen läßt sich, warum sein Wirt ein besserer Meister sein soll als tausend andre im Land. Sich von reinen, leichten Speisen ernähren, ob das nicht am Ende viel wichtiger ist und förderlicher als manche Last von Würde und Idee? Wie fröhlich sitzt er da, der bedeutende Alte, nicht übersättigt von all den guten Sachen und nicht erhitzt, und scherzt mit mir, aber nicht wie ein großer Mann, der sich herbei- und herabläßt, sondern ganz frei und bequem. Und wer mag sie selber denn sein, daß sie so ohne Zwang sich allem gewachsen zeigt? Es ist schwer möglich, das zu bestimmen. Sie kann eine Dame von Wohlstand und Familie sein, sie kann eine kleine Bürgersfrau sein, die Bewegung, 143 mit der sie eben jetzt ihr Löffelchen mit Fruchtsaft zum Munde führt, ist ihnen sicher allen gemeinsam. Wie selbstverständlich lauscht sie und lacht, ganz ohne Anspruch, und ganz ohne Demut. Sie fühlt sich an ihrem Platze, einfach weil sie eine Frau ist und weil eine Frau sich niemals erst zu beweisen braucht, sondern durch ihr bloßes Dasein, durch das Geschenk, die Anmut ihrer Gegenwart so viel Geltung besitzt wie der Bewährte, der Greis. Mild und einnehmend spricht er zu ihr. Völlig ist ihnen die Sprache gemeinsam. Alle reden sie gut und schwerlos und ohne Dunkelheit hier im Lande, und jeder Satz ist wirklich ein Satz, so redet man eben, so bietet sich jedem die Sprache dar, nicht wie eine Wolke, die zerfließend aufschwebt zu Sternen, nicht wie ein mächtiger Spaten, der zähes Erdreich umwühlen soll nach Schätzen, sondern als ein schönes, bequemes Instrument des Lebens. Leben, leben, sie tun's, und sie tun es mit gutem Gewissen. Sie ist übrigens entzückend . . . Sie verteilt ihre Gnaden, unbeabsichtigt scheinbar, sie blickt auch mich 144 freundlich an, sie will nicht, daß der Fremde, der wenig spricht und nicht zu speisen weiß, sich ausgeschlossen fühle, liebenswürdig und zugänglich ist sie aus sanftem Anstand und Herzenspflicht. Denn nicht wie eine einzelne Frau sitzt sie hier mit am Tische, sie sitzt hier und plaudert für alle Frauen Frankreichs, so leicht, so leicht, und wenn sie mich ansieht wie eben jetzt, als gefalle ihr mein doch schon altes Gesicht, so muß ich das keineswegs glauben, sie will nur, daß ich nicht traurig sein soll. Aber ich bin nicht traurig, Madame Grandin, ich bin keineswegs traurig oder doch höchstens aus einem allgemeinen Grund: weil das Dasein vorbei ist, vergangen, und weil man's heute vielleicht noch nützen kann, aber nicht mehr recht sich dran freuen.‹

Es war doch kühl geworden. Dorval half ihr das Tuch um die Schultern legen.

»Ja,« sagte sie, »wenn dieser Stern dort heraufkommt, dann fängt es immer an kalt zu werden.«

»Und das zu beobachten, ist Ihre 145 Unterhaltung Abend für Abend? Unser Wirt hat ganz recht, wenn er sich wundert!«

»Nun, er hat öfters die Güte und unterhält mich. Auch von Ihnen, Herr Dorval, hat er gesprochen. Es scheint, er ist in Ihrer Stadt geboren. Ja, das hat er mir neunmal erzählt. Zehn Tage bin ich jetzt hier.« Dann fuhr sie ernsthaft fort: »Erst wollte ich meinen kleinen Sohn mit hierhernehmen – so klein ist er eigentlich gar nicht mehr, schon dreizehn – aber es war zu teuer. Und ich selber hatte Erholung so nötig. Ich war erschöpft.«

»Sie arbeiten in Paris?« fragte Dorval, im Tone der Achtung.

»Ja. Nicht sehr gern. Ich finde es garstig. Aber was soll man tun! Es wurde notwendig, als damals gleich zu Beginn . . . als damals mein Mann starb.«

Die Männer senkten unwillkürlich den Kopf. Sie verstanden recht gut, woran Herr Grandin »gestorben« war, und beiden war es zu Mute, als trügen sie eine Schuld.

Sie blickte von einem zum andern. Kein Wort war nötig. Wenn Menschen so 146 verstummten auf dieser Erde, so dachten sie immer das Gleiche. Das Schweigen währte Minuten.

Dann, mit einem Mal, hob sie den Arm und reckte ihn gegen den Nachthimmel auf, an dem die Sterne strahlten wie Lampen.

»Wir decken ihn zu! » rief sie aus, »den einen dort decke ich zu. Wir wollen es nicht mehr sehen, das rote, das schreckliche Auge!«

Und ihre schmale, feste Hand bedeckte den Kriegsstern. Aber zwischen ihren Fingern, an denen die Nadel Spuren hinterlassen hatte, glänzte weiß das Licht von sanftem Gestirnen. 147

 

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