Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bruno Frank >

Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

X

Carmer schlief kurz. Früh wurde geklopft. Man brachte eine dringende Depesche, zu eigenen Händen und gegen einen auszufüllenden Rückschein bestellbar.

In Berlin war das Kabinett gestürzt. Der offizielle Rücktritt war für den heutigen Tag beschlossen. Der mit der Neubildung betraute Parlamentarier bot Carmer das Amt an.

Er legte das bläuliche Papier beiseite und setzte sich an das breite Fenster, vor dem im Morgenlicht, in freudigstem Silber und Blau, sich das Meer ausdehnte. Ziemlich ferne, spielzeuggroß, zog ein Dampfer die Rauchfahne hinter sich her.

Carmer atmete die reine und sonnige Brise ein. Er bedachte das Ereignis. Er schien sich selber sonderbar ruhig, zu ruhig nach dem Gespräch der vergangenen Nacht, diesem 115 hohen und befeuernden Pakt. Freilich, es kam nur, was lange erwartet war. Aber diese vollkommene Stille in seiner Brust, dies Fremdsein und Fernsein, erschreckte ihn doch. War diese Stunde jetzt denn nicht ein großer Moment? Wann soll ein Mann glücklich sein, wenn nicht in der Stunde, die ihm das Mittel überliefert, einer für Recht erkannten Idee mit Hoffnung zuzustreben! Was war das für ein Weibergedanke, der ihn anfiel im Anblick der frisch blitzenden Fläche, als sei es ihm bestimmt, den Rand dieses Meeres, dem er seit Tagen reisend folgte, nicht zu verlassen, als ende hier irgendwo an dieser antiken Küste sein Schritt? Morgen vielmehr, dies war gewiß, nahm er Abschied von ihr und reiste der Pflicht entgegen, mit der ihn das blaue Papier dort betraute. Unwillkürlich suchte er es mit dem Blick. Aber es lag nicht mehr dort auf dem Tisch. Der Wind, der von Afrika blies, hatte es zu Boden geweht.

Als er angekleidet und das Zimmer geordnet war, ließ er Doktor Erlanger herüberbitten. 116 Doktor Erlanger kam, in Hast, offenbar vom Schlafe aufgestört. Seine Freude war rührend. ›Freuen Sie sich nicht zu früh‹, fühlte sich Carmer getrieben ihm zuzurufen, aber er sah ein, daß dies eine Mahnung ohne vernünftigen Sinn gewesen wäre. So wurde die telegraphische Antwort redigiert und dem Getreuen übergeben.

Es war auf elf Uhr ein Spaziergang mit Dorval verabredet. Aber als sie aus der vollen und flüsternden Hotelhalle auf die Croisette hinaustraten, war kein ruhiges Vorwärtskommen. Man war nicht laut, man verständigte sich durch Winke, es ging bei Dorvals Kommen ein Wehen durch die lange Zeile der auf Bänken und Sesseln Untätigen, der Fluß der Entgegenwandelnden teilte sich, manche nahmen den Hut ab, so daß auch Dorval schließlich den seinen in der Hand behielt, sie hörten die Kodaks ungeniert knacken. Jeder benahm sich, als habe der, den der Ruhm gezeichnet hat, auf civile Rücksicht keinerlei Anspruch mehr.

»Nehmen Sie erst einmal an, Carmer,« sagte 117 Dorval, »die Leute wüßten auch noch, wer Sie sind!«

Dies war der gute Moment für seine Neuigkeit. Zuvor, als sie im Hotel einander begrüßten, hatte er ihn versäumt. Eine nicht recht begreifliche Scheu hielt ihn nochmals zurück. Er sagte nichts.

Sie verließen den Strandweg und versuchten, gegenüber an den Kaufläden entlang zu wandeln. Aber auf dem schmalen Gehsteig war es nicht besser.

»Man muß es ihnen nicht übelnehmen«, sagte Dorval, »sie langweilen sich ja so unsäglich. Was für ein Los, durch die Mode von Kurplatz zu Kurplatz geschleift zu werden!«

Carmer nickte. Die niedrigen Häuschen, budenähnlich, an denen sie behindert vorbeirückten, waren besetzt von den weltberühmten, den märchenhaften Firmen der Place Vendôme und der Rue Royale. Es waren die Modehäuser, die Juweliere, die Parfumeurs der noch überlebenden Steinreichen. Ein eigentümlicher Geschmack bestimmte die Auslagen: als höchste Feinheit zeigte sich 118 überall die Andeutung, die Vereinzelung, die Dürre. Da lag, auf meergrünen Samtgrund hingeweht, ein einfaches Kleidchen, sehr kurz, nicht mehr als ein Stückchen hechtgrauer Stoff eigentlich mit ein paar aufgenähten schwarzen Perlen am Gürtel, und bedeutete, dank einer schwer zugänglichen Konvention, letzte Auslese, höchste Kostbarkeit. Da stand im Fenster des Parfumeurs über einem chinesischen Schal ganz einsam ein einziger Flacon mit goldener Flüssigkeit. Dies waren Tempel für Eingeweihte. Ein durchdringender Snobismus stieg aus allen Fenstern den beiden Männern entgegen, die ihre Gesichter im Gehen dieser Leere zugekehrt hielten.

Es herrschte, um diese Mittagsstunde, gewinnbringendes Leben. Die Frauen der kapitalistischen Großwelt gingen aus und ein in den berühmten Buden, aus Überlieferung mehr denn aus Genuß- und Besitzdrang prüften sie, wählten, verwarfen; die ermüdeten Vögte der Weltarbeit zogen fügsam hinter ihnen drein. Es geschah mehrmals, wenn die Spazierenden irgendwo Halt machten, daß drinnen die 119 Kundin alle Köstlichkeiten im Stich ließ und, wie ein hübsches Tier im krystallenen Käfig, durch das nackte Fenster zu Dorval hinausspähte. Er lächelte dann ziemlich verwegen. Aber leise sagte er, so daß es nur Carmer hören konnte:

»Keine Lust, meine Schönen! Man würde vor Langeweile sterben.«

»Wobei?«

»Wobei! Carmer, fragen Sie nicht so zynisch. Nein, wenn man als junger Mensch mit einem Dorfmädel vom Tanze fortging und sie hinter dem Wirtshaus sachte ins Gras legte, das war doch was Anderes! Sie können sicher sein, alle diese Damen hier riechen nach nichts. Deswegen thronte auch die goldene Flasche so souverän dort im Fenster.«

Carmer lächelte. Es war ein Lächeln nicht ganz ohne Betrübnis. ›Fragen Sie nicht so zynisch . . .‹ Ach, er war so entfernt vom Zynismus, daß er vielmehr Mühe hatte, Anspielungen auf jenes Lebendigste gleich zu verstehen, darüber dieser frische Greis so derb und unbekümmert scherzte. War er selbst 120 nicht viel älter als der? Damals, bei jenem furchtbaren Tod, mit Einem Tag, wurde er alt. Aber damals war er nicht vierzig. Ein flüchtiger Schmerz ging ihm durch die Brust, ein Ahnen, daß es vielleicht Sünde und Raub sei, vom mächtig kreisenden Lebens- und Liebesstrom sich so vorzeitig abzusperren. Eine recht deutsche Sünde vermutlich.

Sie konnten endlich ausschreiten. Einige rasche Kreuz- und Quergänge hatten sie dem Gebiet eleganter Neugier entzogen. Hinter der teuern Fassade am Meer atmete harmlos die südliche Kleinstadt. »Hier ist es hübsch«, sagte Dorval. Auch hier erkannte man ihn. Manche Leute traten aus ihren Türen und blickten dem alten Manne nach, der Frankreichs Geschick eigenwillig seiner Idee entgegenführte. Nicht alle Begegnenden blickten freundlich.

»Im Schoß der Meinen bin ich hier nicht,« sagte Dorval. »Man war hier zu fernab vom Krieg. Wie soll man ihn fürchten!«

»Das Unheil zu wollen, gibt es immer Gründe,« antwortete Carmer. »Dort wo man 121 ihm nahe war, ist man vielleicht nicht weniger verbissen, im Angedenken erduldeter Leiden.«

»Ja,« sagte Dorval, »so hat es fortgeschwärt, bei Euch wie bei uns.«

Sie waren in eine Gasse gelangt, wo in jedem zweiten Torgang Blumen und Früchte feilstanden. Sie kosteten beinahe nichts, ein Zehntel soviel wie vorn am Meere. Aber von denen dort kam ja niemand hierher. Frauen im Hauskleid, in Hausschuhen, standen bei den Hökern und feilschten behaglich um einen Sou. Alles roch stark und süß nach den riesigen Garben der Mimosen.

Das Straßenschild trug den Namen eines Marschalls aus dem letzten Krieg. Sie sahen es zufällig beide, wie sie um die Ecke bogen. »Dieser Stadtrat hat einfach die Rangliste abgeschrieben, – da sehen Sie, Carmer, selbst die Säbel dritten Ranges sind nicht vergessen! Nun, als Zwanzigjähriger war ich einmal in Ihrem Berlin. Vor lauter preußischen Generälen, die ich immer verwechselte, habe ich niemals eine Adresse gefunden. Man muß der 122 Menschheit ein Brandmal aufdrücken, dann behält sie einen im Gedächtnis. Gegen Weichlinge, die ihr die Antisepsis oder den Kehlkopfspiegel bringen, ist sie weniger dankbar.«

»Mitunter doch!« Carmer wies mit den Augen nach oben. Das Schild in dieser dritten Gasse trug Achille Dorvals Namen.

»Ah,« sagte der alte Mann recht unberührt, »in einigen Städten, wo es das gab, haben sie's auch schon wieder weggelöscht. Ein flauer Bruder, der Dorval! Recht so. Sie sollen ihr Krebsleiden los werden und ihre Ärzte vergessen.«

Als sie ins Hotel zurückgelangten, war die Eingangshalle vor Neugierigen unpassierbar. Ein kleines Heer von Journalisten war eingetroffen; von vielen Stellen dieser Küste waren sie herangeeilt, in der Hoffnung, den Leiter von Frankreichs auswärtiger Politik hier am Ferienorte zugänglich und gesprächig zu finden.

»Man erzählt ihnen wohl nichts,« meinte Dorval sehr leise, »was soll ich auch sagen!« Und 123 mit einer überaus liebenswürdigen Bewegung sich bei dem Halbkreis der Andrängenden entschuldigend, sagte er:

»Ich muß Sie enttäuschen, meine Herren. Ich habe mir zwei Tage Urlaub genommen, um einen alten Freund wiederzusehen. Es tut mir leid, daß Sie sich Mühe gemacht haben.«

»Oh Herr Dorval,« rief ein englischer Journalist, weißhaarig, jünglingsschlank, mit dem gegerbten Teint des Tropenfahrers, »wir erkennen Ihren Freund. Wir wünschten so sehr . . .« Und Carmer hörte seinen Namen flüstern.

»Gilfond! Ich sah Sie erst nicht.« Dorval schüttelte dem Weißhaarigen die Hand, »Aber Sie werden nichts hören von mir. Ich verderbe mir nicht die Spannung auf Ihre berühmten Kombinationen. Was wäre ein Zeitungsmann, den man erst informieren müßte!«

Und einen Vorteil wahrnehmend, folgte er dem voranschreitenden Carmer zum Aufzug. Die Photographen knatterten hinter ihm 124 drein, zufrieden scheinbar, auch nur seinen gebeugten Rücken festzuhalten. Oben in Dorvals Wohnzimmer, dem Ort ihres nächtlichen Gesprächs, trat Carmer ans Fenster. Nach einigen Augenblicken drehte er sich um:

»Man hätte ihnen schon etwas erzählen können. In Berlin wechselt heute das Kabinett. Ich habe zugesagt.«

»Das haben Sie heute erfahren?«

»Heute. Ganz früh.«

»Und Sie sagen mir nichts? Sie sind nicht in mein Zimmer gestürzt! Sie gehen eine Stunde neben mir her und reden von Straßenschildern? Nein nein, Carmer, es lebe Deutschland! Aber wie um des Himmels willen sollen wir euch verstehen! »Dann fügte er hinzu, leise, mit einem Lächeln, das seine schweren alten Züge mit einer Anmut übergoß: »Nun, Carmer, ich bin sehr glücklich.«

Das Telephon rasselte. Und jetzt war auch hier keine Ruhe mehr. Fortwährend begehrte man Einlaß. Die Sekretäre postierten sich wie Schildwachen auf den Gang.

125 »Ich mache einen Vorschlag,« sagte Dorval. »Das wird hier kein Vergnügen mehr sein. In einer Stunde, wenn alle beim Essen sind, lassen wir am rückwärtigen Ausgang den Wagen vorfahren. Bloch und Ihr Erlanger bleiben als Maskierung und Nachhut und folgen mit dem Expreß. Wir beide aber, wir ziehen über Land, und wo es uns behagt, da halten wir an und machen uns einen friedlichen, einen festlichen Abend.« 126

 

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.