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Politische Novelle

Bruno Frank: Politische Novelle - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitlePolitische Novelle
authorBruno Frank
year1928
firstpub1928
publisherErnst Rowohlt
addressBerlin
titlePolitische Novelle
pages180
created20151213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IX

Dort oben endete man nicht. Die Schale auf dem Tisch war fast bis zum Rande gefüllt mit Achille Dorvals Cigarettenstummeln. Draußen war es völlig still geworden. Ein erfrischender Wind wehte ins Zimmer. Überm Meere zeigte sich ein grünlicher Schein. Die kleine Standuhr überm Kamin, bronzen und häßlich, schlug mit Wimmern die vierte Stunde.

Sie hatten längst begonnen, vom Greifbarsten und Drängendsten zu reden. Mit Mühe kamen sie vorwärts. Hier war beinahe jeder Schritt durch Selbstschüsse und Fußangeln bedroht. Sie sahen sich in einem Wald, einem dichten Gestrüpp von öffentlichen Vorurteilen, ein Schwacher konnte wohl die Arme sinken lassen und daran verzweifeln, je wieder in die freie Sonne zu gelangen.

107 Von Grenzfragen war eine Stunde lang die Rede gewesen, von Veränderungen der Karte im Osten Deutschlands zumal, Problemen, die von einer überall gleich böswilligen öffentlichen Meinung giftig umlärmt wurden. Es war schwierig gewesen, davon zu sprechen.

Es war noch schwieriger, von der Besatzung im Rheinland zu sprechen. Die gewissenhaften Hüter der öffentlichen Meinung sorgten ja unablässig dafür, daß sich dies alberne Sinnbild den Deutschen immer neu als Schmach in ihr Fleisch brannte, und daß in Frankreich ein Teil des Volkes sich daran klammerte und den Reiterstiefel auf deutscher Erde nicht missen zu können vermeinte.

Es mußte von der Entschädigung die Rede sein, von Jahresbeträgen, Aufhäufung dieser Beträge, Transferierung, mußte ausführlich, ernsthaft und immer wieder die Rede davon sein, obgleich das wirtschaftliche Antlitz des Erdteils und der Welt sich fast mit jedem Jahre gewaltig wandelte und zudem kein vollsinniger Mensch glauben konnte, daß ein solcher 108 Tribut sich über weite Zeiträume festlegen und vom Einfluß einer immer undurchdringlichen politischen Zukunft werde unabhängig erhalten lassen.

»Es ist alles eine Frage des Vertrauens,« sagte Carmer. »Und für den Unterlegenen, dem harte Forderungen gestellt sind, ist es unendlich schwer, Vertrauen zu haben. Was wird denn kommen, wenn wir beginnen, von Eintracht, von Freundschaft zu sprechen? ›Und jener Korridor,‹ werden sie rufen bei uns. ›Und die Soldaten in Mainz! Und unsere Zahlungen, endlos und ungeheuer!‹ Ihr habt es Meinesgleichen nicht leicht gemacht, vom Frieden zu reden. Wie soll man verstanden werden!«

»Es gibt,« sagte Achille Dorval schleppend, »für den Politiker keine größere Gefahr, als im voraus an alle Kritik, an alle die Vorwürfe zu denken, die er erleiden wird. Das belastet und hemmt unsäglich. Mit so schwerem Gepäck, Carmer, marschieren wir nicht bis zum Licht . . . Friede,« fuhr er fort, »ja Friede ist ein eigentümliches Wort. Wenn einer 109 Friede sagt, dann widerspricht ihm eigentlich Niemand. Man stimmt ihm eher zu, man redet in rücksichtsvoll gedämpftem Tone zu ihm wie zu einem Kranken. Und im Grunde denken alle: das ist ein Blödsinniger mit einem rührenden Tic.«

»Oh, Sie haben es leichter!«

»So, ich habe es leichter. Haben sie einen genauen Begriff davon, wie sie über mich denken, unsere Realpolitiker und Fachleute? Nach rückwärts die Uhr, nach rückwärts! Und wer sie daran hindert, der muß zerstampft werden mit dem berühmten Reiterstiefel. Was, ich habe Bedenken gegen unsere glorreiche Kolonialarmee, diese Herde von grauhäutigem Vieh, das man dressiert, damit es einst Europa vernichten kann? Aber diese Wulstmäuler sind ja vortreffliche Franzosen, und sie haben gegen Goethes und Mozarts Land die Civilisation gerettet! Wie, ich will am Rhein die Besatzung verschwinden machen, die unsere einzige Sicherung ist? Zwar in Wirklichkeit ist sie gar keine Sicherung, sondern eine widerwärtige und 110 schädliche Dummheit, aber da der menschliche Geist langsam ist, hält er eben jetzt beim Jahre sechzehnhundert, und damals war der Reiterstiefel ein Argument. Oh, die Dummheit, die Dummheit, Carmer, sie ist eine gewaltige Macht.«

»Ein gewaltiger Proteus! Sie wirkt und zerstört in vielerlei Gestalt. Sie verlarvt sich bei uns als mystisch tiefe Seelenhaftigkeit, an der die Welt genesen soll, sie schminkt sich bei euch mit den Farben der Civilisationskirche, die allein alle Heilsgüter zu vergeben hat. In der Kulisse steht überall der Profitraffer, der Machtnarr, und grinst. Er hat auch Ursache, zu grinsen. Je schädlicher, je gefährlicher eine Tendenz für ein Volk ist, desto leichter wird es überredet zu ihr. Wie stehts denn bei uns. Anständige Rechtspflege? Soziale Gesetze? Freiheit der Bildungsmittel? Nichts davon. Man ist den Massen solange mit mystischem Geschwätz in den Ohren gelegen, bis sie ein erreichbares und nahes Ziel für verächtlich zu halten anfingen. Um das zu korrigieren, dazu brauchen wir euch.«

111 »Und wie sehr wir euch! Wie nötig haben wir etwas von jenem schwereren seelischen Gewicht, von jener Unbedingtheit in Sachen des Geistes, von jener zähen und methodischen Ernsthaftigkeit, mit der man vielleicht nicht verführt und bezaubert, aber dauerhaft baut und erhält. Ein wenig Hegel in unserem Blut, ein wenig Humboldt« – er sprach die Namen seltsam gallisch aus – »und unsere Spitäler, unsere Laboratorien, unsere Telephonämter sogar«, er lächelte flüchtig, »werden den Vorteil davon haben.«

Er stockte und fuhr dann fort, viel leiser: »Es ist meine fixe Idee, Carmer, monomanisch beinahe. Ich denke an nichts Anderes. Es muß, es muß der Tag kommen, der den Irrtum von tausend Jahren wieder gut macht. Der die entsetzlich klaffende, brandige Wunde an der Flanke Europas heilt. Der uns endgültig wieder zusammenführt zur Rettung unseres großen gemeinsamen Erbteils. Es muß die Zeit kommen – nein, sie muß dasein die Zeit, da kein hungriges Schwein mehr an einem deutschen oder französischen Toten 112 frißt. Was Sie da berichtet haben, Carmer, das sagt eigentlich alles. Mehr haben wir nicht geredet. Denken wir immer daran, immer! Es gibt nichts Wichtigeres. Nie mehr! Nie mehr! Wir werden Schritt um Schritt zusammengehen, Carmer, aber vielleicht werden wir niemals mehr so miteinander reden können wie heute. Entscheidungen wird es geben im Kleinsten und Einzelnen, unsere Referenten werden uns hundertmal Vortrag halten, und jeder wird ach so speziell sein – aber verlieren wir uns nie an das Nächste, blicken wir immer dorthin, Carmer, dorthin, geradeaus, über uns, dort, dort ist das Licht! Lassen wir uns ruhig angreifen und beleidigen, jeder in seinem Land, lassen wir uns verhöhnen besudeln bespeien, fürchten wir die Kugel nicht und nicht das Vitriol – glauben wir einander!«

Er brach ab. Es riß Carmer, aufzuspringen und den Alten in seine Arme zu schließen. Aber er war ein Deutscher, er fürchtete die Geste. Er streckte ihm nicht einmal die Hände hin. Er schaute ihn nur an.

113 Und da plötzlich durchschnitt es ihn, scharf wie ein Schwert – unsinnig der Gedanke und doch unentfliehbar – daß es ihm nicht bestimmt sei, mit Dorval gemeinsam dieser Zukunft noch zuzustreben. Warum aber nicht, warum? Ein Vorhang von dicker Nacht wallte nieder.

»Es ist ja nicht einzusehen,« hörte er Dorval aus einer Ferne sagen, »daß wir ewig leiden sollen, nur weil die Söhne Karls des Großen sich damals benommen haben wie Dummköpfe . . .« 114

 

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