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Politik

Aristoteles: Politik - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitlePolitik
authorAristoteles
year1880
translatorJ. H. v. Kirchmann
publisherDürr'sche Buchhandlung
addressLeipzig
titlePolitik
pages267
created20161208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Buch.

Erstes Kapitel.

Ich habe nun so ziemlich Alles, was ich mir vorgesetzt, besprochen und habe nur noch die Untersuchung der Ursachen folgen zu lassen, aus denen die Veränderungen der Verfassungen hervorgehen; insbesondere ist die Zahl und die Art derselben anzugeben und welche Umstände die einzelnen Verfassungen zu Grunde richten; ferner ist anzugeben, welche Verfassungen in andere sich umwandeln und welcher Art diese letztern sind; ferner welche Mittel für einzelne und für alle Verfassungen der Erhaltung derselben dienen (und wodurch jede dieser verschiedenen Verfassungen sich am meisten erhalten kann). Ich muss hier gleich im Beginn bemerken, wie bei der Errichtung einer Verfassung oft Alle darin einverstanden sind, dass das Gerechte in der verhältnissmässigen Gleichheit bestehe, dass sie aber hierbei doch, wie ich schon früher gesagt, fehlgreifen. Denn die Demokratie ist daraus entstanden, dass man meinte, die Gleichheit in irgend einer Beziehung, sei auch die Gleichheit überhaupt und an sich (weil nämlich Alle gleich frei wären, so hielt man sie auch für überhaupt gleich); dagegen entstand die Oligarchie daraus, dass man die in einer Beziehung Ungleichen für durchaus ungleich ansah (weil nämlich die Bürger im Vermögen ungleich waren, so wurden sie für durchaus ungleich angenommen). Deshalb verlangen die Einen, als Gleiche, an allem in gleicher Weise Theil zu haben, und die Andern, als Ungleiche, verlangen bevorzugt zu werden; denn das Mehr ist ungleich. Alle solche Verfassungen 225 besitzen das Gerechte in Etwas, aber schlechthin haben sie es nicht, und deshalb erheben die Bürger Aufruhr, weil sie nicht so an der Regierung Theil haben, wie sie das Gleiche auffassen. Von Allen könnten dies am meisten mit Recht die thun, welche in der Tugend hervorragen, aber diese thun es am wenigsten; denn bei diesen allein kann man am ehesten sagen, dass sie die Ungleichen schlechthin seien. Es giebt indess Personen, die in Bezug auf Abstammung etwas voraus haben und wegen dieser Ungleichheit sich nicht zu den Gleichen rechnen können; denn von edler Herkunft können ja wohl die gelten, welchen die Tugend und der Reichthum der Vorfahren verblieben ist.

Dies sind die Anlässe und gleichsam die Quellen aus denen die Aufstände entstehen und deshalb erfolgen die Staatsumwälzungen auch auf zweifache Weise; entweder will man eine andere Verfassung und aus der vorhandenen soll eine andere werden, z. B. aus der Demokratie eine Oligarchie oder aus der Oligarchie eine Demokratie; oder es soll ein Freistaat oder eine Aristokratie aus jenen werden, oder jene aus diesen; oder die Umwälzung geht nicht gegen die bestehende Verfassung, sondern die vorhandene soll unverändert bleiben, aber man will die Gewalt in ihr erlangen, z. B. in der Oligarchie oder Monarchie. Mitunter soll nur ein Mehr oder Weniger erreicht werden, z. B. eine Oligarchie soll in eine noch stärkere Oligarchie umgewandelt werden oder in eine von geringerem Grade; oder eine Demokratie in eine noch mehr oder in eine weniger demokratische; und eben dies kann auch bei den andern Verfassungen vorkommen, entweder dass sie verstärkt oder gemindert werden. Auch kann es blos auf Veränderung eines Theiles der Verfassung abgesehen sein, z. B. dass nur ein bestimmtes Staatsamt eingerichtet oder beseitigt werde. So sagt man, habe Lysander in Lakedämon die Abschaffung des Königthums beabsichtigt und der König Pausanias die Abschaffung der Ephoren. Auch in Epidamnos wurde nur ein Theil der Verfassung geändert; statt der Stammesmeister setzte man einen Rath ein. Noch jetzt müssen von allen stimmberechtigten Bürgern nur die Beamten in die Heliäa eintreten, wenn ein Beamter zu wählen ist; auch ist der einzige Archon in dieser Verfassung ein 226 oligarchisches Element; denn überall entsteht der Aufruhr wegen der Ungleichheit, es besteht zwischen Ungleichen nicht das Verhältnissmässige. So ist auch das lebenslängliche Königthum eine Ungleichheit, wenn dasselbe unter Gleichen besteht; denn jeder Aufstand hat es auf die Gleichheit abgesehen. Das Gleiche ist aber zweifach; ein Gleiches der Zahl und ein Gleiches dem Werthe nach. Unter gleich der Zahl nach meine ich das, was der Kopfzahl oder der Grösse nach dasselbe oder gleich ist; unter gleich dem Werthe nach aber das, was verhältnissmässig gleich ist. So übertrifft um ein der Zahl nach Gleiches die drei die zwei und diese die eins; verhältnissmässig aber gleich übertrifft die vier die zwei und die zwei die eins; denn die zwei ist derselbe gleiche Theil von der vier, wie die eins von der zwei; beide sind die Hälfte von der andern. Wenn man nun auch einverstanden ist, dass das schlechthin Gerechte sich nach dem Werthe bestimmt, so weichen die Menschen doch, wie ich früher gesagt, darin von einander ab, dass die einen meinen, wenn die Gleichheit in einem Umstande vorhanden sei, sei dies eine Gleichheit schlechthin und die Andern, dass wenn sie in einem Umstande ungleich sind, sie sich in allen Stücken für ungleich halten. Deshalb giebt es auch nur zwei Hauptarten von Verfassungen, die Volksherrschaft und die Oligarchie; denn die edle Abstammung und die Tugend findet sich nur bei Wenigen, das Entgegengesetzte aber bei Vielen; der edel Gebornen und Guten giebt es nirgends hundert, aber der Armen sind allerwärts viele. Wenn aber schlechthin nach einer dieser Bestimmungen die Gleichheit abgemessen wird, so ist dies ein Fehler, wie sich aus den daraus entstehenden Folgen ergiebt; denn keine von solchen Verfassungen ist dauerhaft, was darin seinen Grund hat, dass aus dem ersten im Beginn begangenen Fehler nothwendig am Ende ein Schlimmes hervorgehen muss. Deshalb muss man sowohl die Gleichheit nach der Zahl, wie die nach dem Werthe benutzen. Indess ist die Demokratie im Vergleich zur Oligarchie doch die sicherere und ruhigere Verfassung; denn in der Oligarchie giebt es einen zweifachen Aufruhr, einen zwischen den Machthabern unter sich und einen von diesen gegen das Volk; in den Demokratien zielt aber der Aufruhr nur auf die Oligarchie ab und ein Aufruhr innerhalb 227 des Volkes gegen sich selbst findet in nennenswerther Weise nicht statt. Auch der auf dem Mittelstand beruhende Freistaat steht der Volksherrschaft näher, als der der Wenigen und ist die sicherste Form für Verfassungen.

 

Zweites Kapitel.

Bei Untersuchung der Frage, aus welchen Ursachen die Aufstände und die Staatsumwälzungen entstehen, sind zunächst im Allgemeinen die Anfänge und die Ursachen derselben in Betracht zu ziehen. Es sind deren ungefähr drei, von denen zunächst jede im Umriss anzugeben ist. Man muss erstens die Zustände derer, welche Aufruhr erheben, betrachten, dann die Ziele weshalb es geschieht und drittens, wie die staatlichen Erschütterungen und Aufstände der Bürger gegen einander beginnen. Was die Zustände anlangt, vermöge welcher die Neigung zu Umwälzungen entsteht, so ist die Ursache derselben im Allgemeinen hauptsächlich in dem zu suchen, was ich bereits hierüber gesagt habe. Einestheils erheben diejenigen einen Aufstand, um zur Gleichheit zu gelangen, welche glauben, dass sie weniger, als die Machthaber haben, obwohl sie ihnen doch gleich zu sein meinen; anderntheils beginnt der Aufruhr, um zur Ungleichheit und zur Uebermacht zu gelangen, wenn die Ungleichen dafür halten, dass sie nicht mehr, sondern nur Gleiches oder weniger, als die andern haben. Ein solches Verlangen ist theils gerecht, theils ungerecht; denn die Geringeren erheben den Aufstand, um die Gleichheit zu erlangen und die Gleichen um mächtiger zu werden. Damit habe ich die Zustände dargelegt, von welchen aus die Empörung beginnt; aber die Dinge, um deren Willen sie geschehen, sind der Geldgewinn und die Ehre, oder auch deren Gegentheil; denn es entstehen auch Empörungen in den Staaten, um der Ehrlosigkeit und den Strafen für sich selbst, oder für seine Freunde zu entgehen.

Was nun die Ursachen und Anfänge der Empörungen anlangt, welche aus den angegebenen Zuständen hervorgehen und die erwähnten Zwecke verfolgen, so sind deren ungefähr sieben oder auch vielleicht mehr. Zwei davon 228 habe ich bereits genannt, doch in anderer Weise. Des Gewinnes und der Ehre wegen entsteht allerdings gegenseitige Erbitterung, aber nicht um selbst sie zu erlangen, wie in dem früher erwähnten Falle, sondern weil Andere theils mit Recht, theils mit Unrecht im Besitz dieser Vortheile erblickt werden. Andere Ursachen sind ein übermüthiges Benehmen, Furcht, Uebermacht, Verachtung, ein unverhältnissmässiges Wachsthum. Ferner in anderer Weise auch Aemtererschleichung, Gleichgültigkeit, Kleinlichkeit und Ungleichheit.

 

Drittes Kapitel.

Welche Kraft von diesen Ursachen der Uebermuth und die Gewinnsucht haben und wie sie wirken, ist ziemlich bekannt. Denn wenn die Machthaber sich übermüthig benehmen und sich alle Vortheile anmaassen, so erheben sie auch gegen einander Aufruhr und selbst gegen die Verfassung, welche ihnen diese Macht verliehen hat. Diese Habsucht üben sie dann bald an dem Vermögen der Privatpersonen, bald an dem des Staats aus. Auch von der Ehre ist bekannt, welche Macht sie übt und wie sie zu Empörungen treibt. Wenn Bürger sich selbst ehrlos und Andere in Ehren sehen, so erheben sie Aufruhr und sie haben Recht, wenn die Ehre und die Ehrlosigkeit nicht nach dem inneren Werthe oder Unwerthe der Personen zugetheilt ist und unrecht, wenn dies der Fall ist. Wegen der Uebermacht entstehen Umwälzungen, wenn Einer oder Mehrere grössere Macht haben, als ihnen nach der Staatsordnung und nach der Verfassung zukommt; dann pflegt aus solchen eine Monarchie oder Dynasten-Herrschaft zu entstehen. Deshalb pflegt man an manchen Orten, wie in Argos und in Athen sie durch das Scherbengericht zu verbannen; obgleich es besser ist, vom Anfang ab dafür zu sorgen, dass Bürger nicht so übermächtig werden können, als dies zuzulassen und dann erst das Heilmittel anzuwenden. Aus Furcht entstehen Empörungen wenn Bürger Unrecht begangen haben und dann fürchten, dass sie werden leiden müssen und wenn die, welchen Unrecht droht, dem vor der Ausführung zuvorkommen wollen, wie es in Rhodus geschah, wo die Vornehmen gegen das Volk, 229 wegen der gegen sie erhobenen Anklagen, gemeinschaftlich aufstanden. Aus Verachtung entstehen Aufruhr und Angriffe, z. B. in Oligarchien, wenn die, welche an der Regierung nicht Theil haben, die Mehrzahl sind (denn dann halten sie sich für die stärkeren) und in Demokratien, wenn die Wohlhabenden die vorhandene Unordnung und Gesetzlosigkeit verachten. So ging in Theben nach der Schlacht bei Oinophytae die Demokratie wegen schlechter Regierung zu Grunde; ebenso in Megara in Folge von Unordnung und Gesetzlosigkeit und in Syracus vor der Herrschaft des Gelon und die Demokratie in Rhodus vor der ersten Erhebung des Adels. Auch in Folge übermässigen Wachsthums entstehen Staatsumwälzungen. So wie der menschliche Körper aus Gliedern besteht und diese in gleichem Verhältniss wachsen müssen, damit das Ebenmaass sich erhalte und so wie wenn dies nicht geschieht, der Leib verdirbt, oder wenn der eine Fuss vier Ellen lang, der übrige Körper aber nur zwei Spannen lang ist, oder wenn, wie es manchmal vorkommt, die Gestalt in die eines Thieres übergeht und die Zunahme nicht blos nach der Grösse, sondern auch nach der Beschaffenheit nicht verhältnissmässig erfolgt; so besteht auch der Staat aus Theilen, wo manchmal das Wachsthum des einen unbemerkt erfolgt, z. B. die Zahl der Armen in den Demokratien und in den Freistaaten. Dergleichen geschieht auch mitunter in Folge zufälliger Ereignisse; so entstand in Tarent, als die Vornehmen von den Iapygern geschlagen und viele getödtet worden waren bald nach den Perserkriegen aus dem Freistaat eine Demokratie. Auch in Argos wurden die Machthaber, nachdem am siebenten Tage viele vom Lakonier Kleonones getödtet worden waren, gezwungen, eine Anzahl Hintersassen in die Regierung mit aufzunehmen. Auch in Athen nahm die Zahl der Vornehmen in Folge der Niederlagen des Fussvolkes sehr ab, weil sie während des Krieges mit den Lakoniern nach dem Aufgebot in's Feld ziehen mussten. Auch in den Demokratien kommt dies vor, obgleich seltner. Wenn die Zahl der Armen gewachsen, oder der Wohlstand gestiegen ist, so verwandelt sich die Verfassung in eine Oligarchie oder Dynasten-Herrschaft.

Die Verfassungsänderungen treten auch ohne Aufstand in Folge von Aemtererschleichungen ein, so in 230 Heräa; (man führte statt der Wahl das Loos bei Besetzung der Aemter ein, weil Aemtererschleicher gewählt worden waren) auch in Folge von Nachlässigkeit und Geringschätzung, wenn man in die wichtigeren Aemter Männer eindringen lässt, die keine Freunde der Verfassung sind. So löste sich in Oreos die Oligarchie auf, als Herakleadoros in die Archonten mit aufgenommen worden war; er machte aus der Oligarchie einen Freistaat und eine Demokratie. Auch um einer Kleinigkeit willen kann es geschehen; ich meine damit, dass es oft nicht bemerkt wird, wie gross die Verletzung der Gesetze geworden ist, wenn man die kleinen Anfänge übersieht. So war im Ambrakia die Einschätzung gering; zuletzt hatten sie aber über nichts mehr Gewalt, da eine so geringe Summe beinah oder ganz so viel wie nichts war. Auch Unterschiede in der Volksabstammung führen zu Aufständen, bis diese Unterschiede allmälig sich verschmolzen haben; denn so wie ein Staat nicht aus jeder beliebigen Volksmenge gebildet werden kann, so auch nicht zu jeder beliebigen Zeit. Deshalb haben die Staaten, welche sogleich Fremde zu Mitbewohnern oder Anwohnern aufnahmen, die meisten Aufstände gehabt. So wurden in Sybaris die Achäer Anwohner der Trözener, und als dann die Achäer an Zahl stärker wurden, vertrieben sie die Trözener, weshalb die Sybariten der Gottesfluch traf. Auch in Thurii geriethen die Sybariten mit den Anwohnern in Streit, und als die Sybariten grössere Ansprüche machten, weil das Land ihnen gehöre, wurden sie vertrieben. Auch gegen die Byzantiner machten die Anwohner einen Anschlag, und als er entdeckt wurde, verloren diese in der Schlacht ihr Land. Auch die Antissäer vertrieben wieder mit Gewalt die von ihnen aus Chios aufgenommen Flüchtlinge, und die Zankläer, welche die Samier aufgenommen hatten, wurden nachher selbst verjagt. Auch die Apolloniaten am schwarzen Meere geriethen durch Aufnahme von Anwohnern in Aufstände und ebenso die Syrakuser, als sie nach dem Ende der Tyrannenherrschaft den Fremden und den Söldnern das Bürgerrecht ertheilt hatten; Beide geriethen mit einander in Kampf. Auch von den Amphipoliten, welche die Colonisten von Chalkis aufgenommen hatten, wurden die meisten durch diese verjagt.

231 In den Oligarchien gehen, wie ich früher gesagt, die Aufstände von der Menge aus, die sich für verletzt hält, weil sie nicht so viel wie die Anderen am Staate Theil habe, obgleich sie doch nach ihrer Meinung jenen gleich sei. In den Demokratien empören sich umgekehrt die Vornehmen, weil sie nur den gleichen Antheil mit Anderen am Staate haben, obgleich sie doch ihnen nicht gleich stehen. Mitunter entstehen die Aufstände auch wegen der Lage des Staatsgebiets, wenn das Land nicht so beschaffen ist, dass eine Stadt für es genügt. So empörten sich in Klazomenae die Einwohner bei Chytros gegen die auf der Insel und die Kolophonier gegen die Einwohner von Notion. Auch in Athen ist die Bevölkerung nicht gleichartig, und die Einwohner von Piräus sind demokratischer als die in der Stadt. Denn so wie im Kriege das Durchwaten eines Kanals, selbst wenn er nur klein ist, die Phalangen auseinander bringt, so führt auch jeder Unterschied der Bürger zu einer Spaltung. Der grösste Abstand ist nun wohl der zwischen Tugend und Laster; dann der zwischen Reichthum und Armuth, und so ist der eine Unterschied bedeutender als der andere, und dazu gehört auch der hier besprochene Unterschied.

 

Viertes Kapitel.

Die Aufstände entstehen nun zwar aus kleinen Anlässen, aber nicht um Kleines, sondern um Grosses willen. Selbst die kleinen Aufstände werden gewaltig, wenn sie bei den Machthabern vorkommen, wie es in Syrakus in alten Zeiten geschah. Die Staatsumwälzung geschah durch zwei junge Leute, welche Aemter inne hatten und sich um eines Liebeshandels wegen veruneinigten. Als der Eine verreist war, gewann der Andere, sein Freund, den Geliebten Jenes durch List für sich und darauf verleitete Jener, darüber erzürnt, dessen Weib zu ihm zu kommen; in Folge dessen nahmen sie die ihnen befreundeten Machthaber zu Hülfe und brachten Alle zum Aufstand. Deshalb müssen die Bürger sich vor dergleichen in Acht nehmen und die Streitigkeiten zwischen den hohen Beamten und Machthabern beilegen; denn der Fehler wird im Anfange begangen und der Anfang gilt für die Hälfte des Ganzen. 232 Deshalb ist ein kleiner im Anfange begangener Fehler doch für das später Folgende von einer dem entsprechenden Bedeutung. Ueberhaupt ziehen die Empörungen unter den Vornehmen den ganzen Staat in Mitleidenschaft. So ging es in Hestiäa nach den Perserkriegen, wo zwei Brüder über die Vertheilung der väterlichen Erbschaft in Streit geriethen; der Aermere nahm, weil der Andere über das Vermögen und den Schatz, welchen der Vater gefunden hatte, keine Auskunft gab, die Volksmenge zu Hülfe, der Andere aber, der grösseres Vermögen hatte, die Wohlhabenden. Auch in Delphi wurde ein wegen einer Heirath entstandener Streit der Anlass zu all den späteren Unruhen; der Bräutigam nahm einen Vorfall, wie er zur Braut ging, als eine schlimme Vorbedeutung und entfernte sich, ohne sie zu nehmen; die beleidigten Angehörigen derselben steckten jenem, während er opferte, eines von den heiligen Geräthen zu und tödteten ihn dann als einen Tempelräuber. Auch in Mytilene entstanden wegen der Erbtöchter Unruhen, welche der Anfang vieler Uebel und des Krieges gegen die Athenienser waren, in welchem Pachys ihre Stadt eroberte. Tinophanes, einer der wohlhabenden Einwohner, hatte nämlich zwei Töchter hinterlassen, und Doxander, der sie für seine Söhne haben wollte, wurde abgewiesen; so begann er den Aufstand und zog auch die Athenienser hinein, deren Staats-Gastfreund er war. Auch bei den Phokensern entstand wegen einer Erbtochter ein Aufruhr zwischen Mnaseas, dem Vater des Mneson und dem Euthykrates, dem Sohne des Onomarchos, welcher der Anlass zu dem heiligen Krieg für die Phokenser wurde. Auch in Epidamnos wurde die Verfassung wegen einer Heirathsangelegenheit umgestürzt. Es hatte nämlich jemand seine Tochter heimlich mit einem jungen Manne verlobt, und als ihn deshalb dessen Vater, der einer der Archonten war, mit einer Geldstrafe belegte, so verband sich jener, darüber beleidigt, mit den von der Regierung Ausgeschlossenen zu einem Aufstande.

Mitunter geht die Verfassung in eine Oligarchie, oder Demokratie, oder einen Freistaat über, wenn eine Behörde, oder eine Klasse der Bürger sich Ruhm erwirbt, oder an Macht wächst. So beschloss der Rath im Areopag, welcher in den Perserkriegen zu hohen Ansehen gelangt war, die Verfassung straffer einzurichten, und als dann wieder das 233 Schiffsvolk den Sieg bei Salamis und damit auch die Führerschaft Athens in Folge dessen Seemacht herbeigführt hatte, machte dasselbe die Demokratie in Athen stärker. Auch in Argos versuchten die Vornehmen, welche durch die Schlacht bei Mantinea gegen die Lakedämonier zu hohem Ansehen gekommen waren, die Demokratie aufzulösen, und als in Syrakus das Volk den Sieg in dem Kriege gegen Athen erlangt hatte, so machte es den Freistaat zu einer Demokratie, und als in Chalkis das Volk gemeinschaftlich mit den Vornehmen den Tyrannen Phoxos getödtet hatte, führte es gleich eine freistaatliche Verfassung ein, und ebenso zog in Ambrakia das Volk, nachdem es mit den Verschworenen den Tyrannen Periander verjagt hatte, die Staatsgewalt wieder an sich.

Ueberhaupt darf man nicht übersehen, dass die, welche einem Staate zu seiner Macht verholfen haben, seien es Privatleute, oder Beamte, oder Volksabtheilungen, oder überhaupt ein Theil, oder sonst eine Klasse des Volkes, damit Anlass zum Aufstand geben; denn entweder beginnen die, welche die zu Ehren Gekommenen beneiden, den Aufstand, oder letztere wollen ihrer Uebermacht halber nicht auf gleicher Stufe mit den Uebrigen verharren. Auch verändern sich die Verfassungen, wenn die als Gegner geltenden Klassen der Bürger wieder an Macht sich ziemlich gleich kommen, z. B. die Reichen und das gemeine Volk, während der Mittelstand nur schwach oder gar nicht vorhanden ist; denn wenn eine von beiden Klassen in offenbarer Weise die stärkere ist, wagt es der schwächere Theil nicht. Deshalb beginnen die, welche in Tugend hervorragen, wohl niemals einen Aufstand, da es nur ihrer Wenige gegen Viele sind.

Im Allgemeinen sind die Anfänge und Ursachen der Empörungen und Staatsumwälzungen dieser Art; die Veränderung selbst geschieht aber entweder durch Gewalt oder durch Betrug; die Gewalt wird entweder gleich im Beginn angewendet, oder man gebraucht sie später. Auch der Betrug geschieht zwiefach; manchmal erfolgt er im Beginn, und die Verfassungsänderung geschieht dann zunächst mit Willen der Bürger; wenn aber dann diese später sich weigern, so werden sie mit Gewalt nieder gehalten. So wurde von den Vierhunderten das Volk betrogen, indem jene vorgaben, dass der Perserkönig das 234 Geld zu dem Kriege gegen die Lakedämonier hergeben werde; und als es sich hatte täuschen lassen, so versuchten jene die Staatsgewalt festzuhalten. In andern Fällen wird die Staatsumwälzung im Anfang durch Ueberredung durchgeführt und später bleibt die herrschende Partei in der Macht, indem die Andern sich nochmals überreden lassen.

 

Fünftes Kapitel.

Dies ist im Allgemeinen die Entstehung der Umwälzungen in allen Staaten; aber wie bei den einzelnen Arten der Verfassungen sie im besondern entstehen, soll nun dargelegt werden. Die Demokratien gehen meist durch die Frechheit und den Uebermuth der Volksführer zu Grunde. Theils verleumden sie im Einzelnen die Vermögenden und treiben sie so zu Verbindungen (denn auch die ärgsten Feinde vereinigt die gemeinsame Furcht), theils hetzen sie die Menge zusammen auf. Aus vielen Fällen lässt sich dies ersehen. So wurde in Kos die Demokratie gestürzt, als schlechte Volksführer aufgekommen waren (denn die Vornehmen vereinigten sich zum Aufstand) und ebenso geschah es in Rhodus, wo die Volksführer Geldentschädigungen für das Volk erlangten und damit verhinderten, dass den Triarchen ihre Forderungen bezahlt wurden; deshalb wurden diese, durch die gegen sie angestellte Klage genöthigt, sich zu empören und die Demokratie zu beseitigen. Auch in Herakleia wurde die Demokratie nach der Absendung der Colonisten schnell durch die Volksführer zu Fall gebracht; die Vornehmen, welche von ihnen mit Unrecht verfolgt wurden, flüchteten; es sammelten sich dann die Flüchtlinge, kamen zurück und lösten die Demokratie auf. Ganz ähnlich wurde die Demokratie in Megara beseitigt; die Volksführer vertrieben viele Vornehme, um deren Vermögen einziehen zu können, bis der Flüchtlinge so viele wurden, dass sie zurückkehrten, das Volk im Kampfe besiegten und die Oligarchie begründeten. Dasselbe geschah in Kyrene mit der Demokratie, welche Thrasymachos beseitigte.

Man wird auch bei den Umwälzungen in den übrigen Demokratien sehen, dass sie beinah immer in dieser Weise 235 geschehen sind. Bald bringen die Volksführer um sich beliebt zu machen, durch ungerechte Behandlung die Vornehmen zum Aufstand, indem sie deren Vermögen zur gleichen Vertheilung bringen oder deren Einkommen durch die ihnen auferlegten Staatsleistungen erschöpfen; oder indem sie die Vornehmen verleumden, damit sie selbst das Vermögen der Reichen confisciren können. In alten Zeiten verwandelte sich, wenn derselbe Mann Volksführer und Feldherr wurde, die Verfassung in eine Tyrannis; denn so ziemlich die meisten der alten Tyrannen sind aus Volksführern hervorgegangen. Wenn dies damals geschah und jetzt nicht, so liegt der Grund darin, dass damals die Demagogen aus den Feldherrn hervorgingen; (denn sehr geschickt im Reden war man damals noch nicht) jetzt aber, wo die Fertigkeit im Reden gestiegen ist, werden geschickte Redner wohl Volksführer, aber verlegen sich aus Mangel an Erfahrung, nicht auf kriegerische Unternehmungen, es müsste denn einmal auf kurze Zeit geschehen. Die Tyrannis entstand auch früher häufiger, wie jetzt, weil manche Aemter von grosser Macht übertragen wurden; wie im Milet, wo die Tyrannis aus der Prytanie sich bildete, da der höchste Leiter des Raths in vielen und wichtigen Dingen die Gewalt hatte. Auch kam es mit daher, dass damals die Städte nicht gross waren und die Leute auf dem Lande mit der Arbeit in ihrer Wirthschaft beschäftigt waren; deshalb machten sich die Vorstände des Volkes, wenn sie kriegstüchtig waren, zu Tyrannen. Alle vermochten dies auszuführen, weil das Volk ihnen traute und dieses Vertrauen beruhte auf der Feindschaft gegen die Reichen. So erregte Pisistratos in Athen einen Aufstand gegen die Grundbesitzer in der Ebene und so Theogenes in Megara, indem er die am Fluss weidenden Heerden der Wohlhabenden weg nahm und abschlachtete. Auch Dionys wurde, in Folge seiner Anklage gegen Daphnaios und gegen die Reichen zum Tyrannen erhoben, weil ihn das Volk wegen seiner Feindschaft gegen die Reichen für einen Freund der Volksherrschaft hielt. Auch verwandelt sich die althergebrachte Demokratie dann in die neuere Demokratie, wenn die Beamten gewählt werden, ohne dass eine Einschätzung bei denselben erforderlich ist, und das Volk wählt; dann werfen sich die Stellenjäger zu Volksführern 236 auf und bringen es dahin, dass das Volk sich auch über die Gesetze hinwegsetzt. Ein Heilmittel dafür, dass dies nicht oder doch nur in geringerem Maasse eintritt, ist es, wenn die Stämme und nicht das ganze Volk die Beamten wählen.

 

Sechstes Kapitel.

Dies sind ungefähr die Ursachen, aus denen die demokratischen Verfassungen Umwälzungen erleiden; dagegen tritt die Umwälzung bei den Oligarchien am meisten auf zwei besonders in die Augen fallenden Arten und Weisen ein; die eine ist die, wenn die Machthaber das Volk bedrücken; dann genügt jeder Anführer, namentlich wenn derselbe aus den Machthabern selbst hervorgeht, wie Lygdamis in Naxos, welcher sich später auch zum Tyrannen über Naxos machte. Indess gestaltet sich der Aufstand, auch wenn er aus anderen Ursachen hervorgeht, verschieden. Mitunter beginnt die Auflösung der Verfassung bei den Wohlhabenden selbst, soweit diese von den Aemtern ausgeschlossen sind, im Fall die Zahl derer, welche die Aemter inne haben, sehr gering ist, wie es z. B. in Massilia, in Istros, in Herakleia und in mehreren anderen Staaten der Fall war. Die von den Aemtern Ausgeschlossenen erregen dann so lange Unruhen, bis zunächst die älteren Brüder und später auch die jüngeren Zutritt erhalten; denn in manchen Staaten darf nämlich Vater und Sohn nicht zugleich an der Regierung Theil nehmen und in anderen nicht zugleich der ältere und der jüngere Bruder; deshalb erhielt die Oligarchie hier eine dem Freistaat sich nähernde Form; aber in Istros endete sie in einer Demokratie und in Herakleia ging die Herrschaft von wenigen auf sechshundert über. Auch in Knidos veränderte sich die oligarchische Verfassung, indem die Vornehmen unter einander selbst in Aufstand geriethen, weil nur Wenige derselben an der Regierung Theil hatten und, wie erwähnt, der Sohn ausgeschlossen war, wenn der Vater daran Theil hatte, und die übrigen Brüder, wenn der Aelteste mit in der Regierung war. Die Aufständischen nahmen sich das Volk zu Hülfe; dieses wählte sich einen Anführer aus den Vornehmen 237 und siegte bei dem Angriff; denn die Zwietracht macht immer schwach. Auch in Erythra veränderte das Volk die Verfassung, nachdem die Basiliden in alten Zeiten oligarchisch die Herrschaft geführt hatten, obgleich sie die Regierung in guter Weise geführt hatten, weil das Volk die Herrschaft Weniger nicht länger ertragen mochte. Die Oligarchien erleiden auch deshalb durch sich selbst Erschütterungen, wenn die Vornehmen sich nach Art der Volksführer einen Anhang verschaffen; dies geschieht auf zweifache Weise; entweder bleibt der Aufstand nur innerhalb der Wenigen (denn ein solcher Führer kann auch unter Wenigen auftreten, wie dies bei den dreissig Männern in Athen geschah, wo Charikles mit seinem Anhang die Dreissig nach seinem Willen lenkte und wie Phrynichos mit seinem Anhang unter den Vierhunderten dasselbe vermochte) oder die, welche zur herrschenden Klasse gehören, ziehen durch dieselben Künste, wie die Volksführer, die Masse an sich. So geschah es in Larissa, wo die Wächter der Verfassung das Volk so an sich zogen, weil sie von ihm gewählt wurden und wie es in allen Oligarchien vorkommt, wo nicht blos die Klasse zu den Aemtern wählt, aus welcher die Beamten genommen werden können, sondern wo zwar nur aus den hoch Eingeschätzten oder den Hetärien die Beamten entnommen werden können, aber die Wahl selbst von den Schwerbewaffneten oder von dem Volke geschieht, wie es in Abydos der Fall war. Dasselbe gilt für die Oligarchien, wo die Gerichtshöfe nicht aus der herrschenden Klasse besetzt werden. Hier entstehen Umtriebe für die Entscheidungen der Processe, die zur Veränderung der Verfassung führen, wie es in Herakleia am Pontus geschah. Ferner wenn Einige die oligarchische Herrschaft auf eine geringere Zahl von Theilnehmern beschränken; denn dann werden die, welche nach der Gleichheit streben, genöthigt, das Volk zu Hülfe zu nehmen. Die Oligarchien fallen auch dann, wenn die, welche sich nicht in den Aemtern befinden, ihr Vermögen in Schwelgereien vergeuden; denn solche Leute streben immer nach Neuerungen und suchen entweder selbst Tyrannen zu werden, oder machen einen Anderen dazu, wie Hipparikos in Syrakus den Dionys dazu machte. Auch in Amphipolis rief ein gewisser Kleotimos die Colonisten von Chalkis zusammen und als 238 diese kamen, veranlasste er sie zum Aufstande gegen die Wohlhabenden. Auch in Aegina versuchte der, welcher die Unterhandlung mit dem Chares führte, die Verfassung aus demselben Grunde umzustürzen. Bald versuchen solche Leute eine Neuerung, bald bestehlen sie das Staatseigenthum; deshalb gerathen sie dann selbst gegen einander in Aufstand oder gegen die, welche sie als Diebe bekämpften, wie es in Apollonia am Pontus sich ereignete. Wenn dagegen die Oligarchen unter einander einig sind, so geht diese Verfassung nicht leicht durch sich selbst zu Grunde, wie die Verfassung in Pharsalos zeigt; dort haben nur Wenige die Herrschaft über Viele, aber sie führen dieselbe in guter Weise. – Eine Auflösung tritt auch dann ein, wenn innerhalb der Oligarchie eine zweite Oligarchie eingerichtet wird. Dieser Fall tritt ein, wenn die an sich zur Herrschaft berechtigte Klasse nur aus Wenigen besteht und dabei nicht einmal diese sämmtlich an den höchsten Staatsämtern Theil haben, wie es einst in Elis geschah; dort waren nur wenige Aelteste zur Regierung berechtigt und dieser wurden immer weniger, weil deren Stellen lebenslänglich waren und sie nur aus neunzig Personen bestanden, die Wahl auch von den Machthabern selbst erfolgte, ähnlich wie bei dem Rathe der Alten in Lakedämon.

Der Umsturz der Oligarchie erfolgt sowohl im Kriege, wie im Frieden; im Kriege deshalb, weil die Machthaber aus Misstrauen gegen das Volk genöthigt sind, sich der Söldner zu bedienen. (Dann macht sich der, welchem sie die Truppen anvertrauen, oft selbst zum Tyrannen, wie Timophanes in Korinth; sind dies aber mehrere, so machen sich diese zu gemeinsamen Herrschern.) Mitunter gestatten aber die Oligarchen, aus Furcht vor dergleichen, dem Volke eine Theilnahme an der Regierung, weil sie dasselbe zu benutzen genöthigt sind. Dagegen übergeben im Frieden die Machthaber, weil sie einander nicht trauen, die Bewachung den Miethsoldaten und einem vermittelnden Befehlshaber und dieser macht sich dann mitunter selbst zum Herrn über beide, wie dies in Larissa, während der Herrschaft der Alaeaden, den Anhängern des Simon erging, und in Abydos zur Zeit der Hetärien, von denen eine die des Iphiades war. Auch entstehen Aufstände unter den Machthabern in den Oligarchien, weil die Einen 239 die Andern verdrängen; ebenso auch wegen Heirathsangelegenheiten oder Processen; solche Fälle wegen Heirathen habe ich schon früher erwähnt; auch die Oligarchie der Ritter in Eretria beseitigte Diagoras, weil er wegen einer Heirath verletzt worden war. Aus einem Urtelsspruche des Gerichts entstand ein Aufruhr in Herakleia und ebenso in Theben und in Folge einer zwar begründeten Klage wegen Ehebruchs wurden Eurytion von den Herakleern und Archias in Theben tumultarisch bestraft; ihre Feinde verfolgten sie aus Neid so sehr, dass sie dieselben auf dem Markte unter das Joch binden liessen. Viele Oligarchien wurden auch wegen zu despotischer Regierung von einem Theil der erbitterten Bürger gestürzt, wie das mit der Oligarchie in Knidos und in Chios geschah. Auch können aus Zufall sowohl bei Freistaaten, wie bei Oligarchien, Verfassungsänderungen eintreten, wenn lediglich Personen von einer bestimmten Einschätzung zum Rath, oder zu den Richterstellen und übrigen Aemtern zugelassen werden. Es kommt nämlich oft vor, dass die bestimmte Abschätzung, welche zu ihrer Zeit bezweckte, dass in der Oligarchie nur Wenige und in dem Freistaat nur der Mittelstand die Staatsgewalt inne hätten, in Folge des durch Frieden oder einen sonstigen Glücksfall gewachsenen Wohlstandes später um das vielfache sich weiter ausdehnt, weil die Besitzungen viel mehr werth geworden sind, so dass nun Alle zu allen Aemtern Zutritt erlangen; und zwar kann dies allmälig in unmerklichen und kleineren Steigerungen, oder auch schneller geschehen.

Aus diesen Ursachen entstehen in den Oligarchien die Aufstände und Verfassungsänderungen. Im Allgemeinen kommt es auch vor, dass die Demokratien und Oligarchien nicht zu der entgegengesetzten Verfassung bei Aufständen übergehen, sondern in ihrer Gattung bleiben und z. B. Oligarchien und Demokratien, in denen das Gesetz die Macht hat, sich nur in solche verwandeln, wo die Machthaber oder das Volk der Herr über alles ist, oder umgekehrt.

 

Siebentes Kapitel.

In den Aristokratien entstehen die Aufstände zum Theil deshalb, weil nur eine geringe Zahl zu den 240 Ehrenstellen gelangt, weshalb, wie schon gesagt worden, auch die Oligarchien erschüttert werden; denn auch die Aristokratien sind eine Art Oligarchien, da in beiden die herrschende Klasse nur aus Wenigen besteht, wenn auch nicht aus denselben Gründen, und deshalb scheinen auch die Aristokratien Oligarchien zu sein. Am meisten müssen aber Verfassungsänderungen hier eintreten, wenn die Zahl derer, die sich in ihrem Selbstgefühl bei gleicher Tüchtigkeit verletzt fühlen, sich sehr vermehrt, wie dies in Lakedämon mit den sogenannten Jungfernkindern der Fall war (denn sie stammten von Gleichberechtigten ab). Sie wurden bei einer Verschwörung entdeckt und als Colonisten fortgeschickt, um Tarent anzulegen. Ebenso treten Verfassungsänderungen ein, wenn bedeutende und an Tüchtigkeit nicht geringere Männer von Leuten höhern Ranges geringschätzig behandelt werden, wie dies dem Lysander von den Königen widerfuhr; oder wenn ein tapferer Mann zu den Ehrenstellen nicht zugelassen wird, wie Kinadon, der zur Zeit des Agesilaos den Aufstand gegen die Spartaner anstiftete. Auch geschieht es, wenn ein Theil der Bevölkerung sehr arm, der andere sehr wohlhabend wird, wie das hauptsächlich in Folge von Kriegen eintritt, und wie dies auch in Lakedämon in Folge der Messenischen Kriege geschah. Dies bestätigt auch das Gedicht des Tyrtäos, welches den Namen Eunomia führt. Einzelne waren durch den Krieg herabgekommen und verlangten, dass das Land anders vertheilt werden solle. Auch geschieht Aehnliches, wenn ein Bürger sehr mächtig geworden ist und sich noch mächtiger zu machen vermag, so dass er allein herrscht, wie dies bei dem Pausanias in Lakedämon der Fall war, der in dem Perserkriege das Heer führte und ebenso bei dem Hanno in Karthago.

Am meisten lösen sich aber die Freistaaten und die Aristokratien auf, wenn die Verfassung selbst nicht die Gerechtigkeit einhält. Die Wurzel des Uebels ist es, wenn in dem Freistaat die demokratischen und oligarchischen Bestandtheile der Verfassung nicht richtig mit einander gemischt sind und wenn dies in der Aristokratie auch für die Tugend nicht geschehen ist; insbesondere wenn zwei Stücke nicht gut verbunden sind, ich meine die Herrschaft des Volkes und der Wenigen. Die Freistaaten 241 suchen nämlich eine solche Mischung zu treffen und auch viele von denen, die man Aristokratien nennt. In dieser Mischung liegt der Unterschied der sogenannten Freistaaten von den Aristokratien, und deshalb sind sie bald mehr, bald weniger dauerhaft. Wenn dieselben sich mehr zu den Oligarchien neigen, so heissen sie Aristokratien, und wenn sie die Gewalt mehr in die Menge verlegen, Freistaaten. Letztere sind deshalb dauerhafter als erstere, denn die Mehrzahl hat die grössere Macht und es besteht mehr Liebe zur Verfassung, wo mehr Gleichheit herrscht. Wenn dagegen die Verfassung den Reichen die Uebermacht giebt, so werden diese übermüthig und suchen nach Vergrösserung ihrer Gewalt. Ueberhaupt geht jede Verfassung in diejenige über, zu der sie hinneigt, indem nach dieser Seite die Vermehrung der Macht erfolgt, und deshalb geht der Freistaat in die Demokratie und die Aristokratie über; oder der Uebergang geschieht in die entgegengesetzte Verfassung, also die Aristokratie in die Demokratie (denn die Armen als die Verletzten erfassen das Entgegengesetzte als Hülfe) und die Freistaaten in die Oligarchie; denn nur diejenige Einrichtung ist dauerhaft, wo das Gleiche nach dem Werthe besteht und jeder das hat, was ihm zukommt. Dergleichen trug sich in Thurii zu; die Aemter waren da nur den höher Eingeschätzten zugänglich und deshalb wurde die Einschätzung herabgesetzt und es wurden mehr Aemter eingerichtet; und auch, weil die Vornehmen sich das ganze Land ungesetzlich zugeeignet hatten. Die Verfassung war dort mehr oligarchischer Natur, so dass die Vornehmeren ihre Macht vergrössern konnten; allein das Volk war durch den Krieg stärker geworden und konnte so die Besatzungstruppen bewältigen, bis jene von den Ländereien das, was sie mehr besassen, herausgaben. Die Vornehmen streben auch deshalb in den aristokratischen Staaten ihre Macht zu vergrössern, weil alle diese Staaten mehr oligarchischer Natur sind und deshalb ist auch in Lakedämon das Vermögen nur in wenigen Händen und die Vornehmen können mehr thun, was ihnen beliebt und ihre Töchter verheirathen, an wen sie wollen. Auch der Staat der Lokrer ging in Folge der Verschwägerung mit Dionysos zu Grunde, was bei einer demokratischen oder bei einer wohl gemischten aristokratischen Verfassung nicht geschehen sein würde.

242 Die Veränderungen in den aristokratischen Verfassungen bleiben, weil die Auflösung meist allmälig erfolgt, gewöhnlich unbemerkt, wie ich bereits bei den allgemeinen Ursachen der Staatsumwälzungen gesagt habe; denn auch kleine Dinge können hier zu Umwälzungen führen, und so bald man auch nur etwas von der Verfassung fallen lässt, so wird allmälig auch Grösseres leichter erschüttert bis endlich die ganze gute Ordnung aufgelöst ist. Auch bei der Thuri'schen Verfassung geschah es so. Dort durfte man die Feldherrnwürde innerhalb fünf Jahren nur einmal bekleiden; indess waren Einige von den Jüngeren kriegsgeschickt, und bei der Masse der Truppen beliebt geworden; diese nahmen auf die regierenden Beamten keine Rücksicht und glaubten leicht zum Ziele zu kommen; deshalb versuchten sie zunächst dies Gesetz aufzuheben, damit sie die Feldherrnwürde ohne Unterbrechung behalten könnten, indem sie sahen, dass das Volk sie bereitwillig dazu wählen würde. Die hierzu bestellten Beamten, welche der Mitrath hiessen, suchten zwar anfangs dem Unternehmen sich zu widersetzen, allein sie wurden beschwichtigt, indem sie annahmen, dass es nur auf dieses Gesetz abgesehen sei und man die Verfassung im Uebrigen bestehen lassen werde. Als sie aber später weiteren Abänderungen entgegentreten wollten, konnten sie nichts mehr ausrichten, sondern die ganze Verfassung ging in eine Herrschaft derer über, welche die Neuerungen angefangen hatten.

Alle Verfassungen gehen entweder von selbst, oder von Aussen zu Grunde, wenn ein Staat mit entgegengesetzter Verfassung in der Nähe sich befindet, oder wenn ein solcher zwar entfernter, aber sehr mächtig ist. Dies zeigte sich bei den Atheniensern und den Lakedämoniern; überall lösten jene die Oligarchien und diese die Demokratien auf.

 

Achtes Kapitel.

So viel über die Ursachen aus denen die Aufstände und die Verfassungsveränderungen hervorgehen; ich habe nun im Anschluss hieran, über die Mittel zu sprechen, wodurch zunächst alle Verfassungen und demnächst die einzelnen im Besonderen erhalten werden können. Zunächst 243 ist klar, dass wenn man die Ursachen kennt, aus denen die Verfassungen untergehen, man auch die Mittel kennt, durch welche sie erhalten werden; denn für den entgegengesetzten Erfolg muss man die entgegengesetzten Mittel anwenden und der Untergang ist das Gegentheil von der Erhaltung. In den Verfassungen von richtiger Mischung hat man überhaupt nur darauf Acht zu geben, dass nichts gegen die Gesetze geschehe, aber besonders muss man die kleinen Anfänge sorgsam beachten, denn die unmerklich eindringenden Ueberschreitungen bleiben leicht verborgen, wie kleine Ausgaben, wenn sie oft wiederholt werden, doch zuletzt grosse Vermögen aufzehren. Dergleichen Ueberschreitungen bleiben unbemerkt, weil sie vereinzelt eintreten; das Urtheil wird dadurch irregeführt, wie bei dem Trugschluss, wonach, wenn ein jedes klein ist, auch alle zusammen klein sein sollen. Dies ist theils richtig, theils nicht; denn das Ganze oder Alles ist nicht klein, sondern besteht nur aus Kleinen. Man muss deshalb eine besondere Aufmerksamkeit auf diese Anfänge richten und dann darf man auch nicht den Sophistereien trauen, die für die Menge herbeigeholt werden; denn die Erfahrung widerlegt sie. Was ich hier unter Sophismen in Bezug auf die Verfassung verstehe, habe ich früher erklärt. Auch lehrt der Augenschein, dass nicht blos manche Aristokratien, sondern auch Oligarchien bestehen bleiben, nicht weil ihre Verfassung an sich Sicherheit bietet, sondern weil die zur Regierung Gelangten sich sowohl gegen die innerhalb, wie ausserhalb der Regierung Stehenden gut verhalten, indem sie die, welche an der Regierung keinen Theil haben, nicht verletzen und diejenigen aus ihnen selbst, welche die geschicktesten waren, in die Regierung einsetzen und indem sie die Ehrgeizigen nicht an ihrer Ehre und die Menge nicht an ihrem Verdienst beschädigten, während sie untereinander und gegen die Mitregierenden sich als Gleiche benahmen. Denn die Gleichheit, welche die Volksfreunde für die Menge zu erreichen suchen ist auch unter gleich Gestellten nicht blos das Gerechte, sondern auch das Nützliche. Wenn daher Mehrere zur Regierung berechtigt sind, so sind manche von den demokratischen Einrichtungen auch für sie von Nutzen, wie z. B. die Bestimmung, dass alle Aemter nach sechs Monaten neu besetzt werden müssen; denn dann kommen 244 alle in der herrschenden Klasse daran. Eine solche herrschende Klasse gleicht schon dem Volke, weshalb auch dort sich oft Volksführer einfinden, wie ich früher erwähnt habe. Ferner verwandeln sich bei dieser Einrichtung die Oligarchien und Aristokratien seltener in Dynastenherrschaften; denn für Beamte, die nur kurze Zeit im Amte bleiben, ist es nicht so leicht Böses auszuführen, als für Beamte auf längere Zeit, wo deshalb aus den Oligarchien und Demokratien sich Tyrannenherrschaften bilden. Entweder streben die angesehensten und mächtigsten Bürger nach der Tyrannis, und zwar hier die Volksführer und dort die Machthaber, oder es geschieht dies von den Inhabern der bedeutendsten Staatsämter, sobald sie lange Zeit darin bleiben. Die Erhaltung der Verfassungen beruht nicht blos darauf, dass die Verderber derselben fern gehalten werden, sondern manchmal auch darauf, dass sie in der Nähe sind, denn die Furcht lässt dann die Verfassung besser in Fürsorge nehmen. Deshalb muss man denen, welche der Verfassung ergeben sind, Furcht einflössen, damit sie wachsam bleiben und nicht die Sorge für die Verfassung, gleich einer Nachtwache aufgeben und man muss das noch Entfernte ihnen nahe bringen. Auch muss man die Eifersüchteleien und Aufstände der Vornehmen schon mittelst der Gesetze zu verhindern suchen und sorgen, dass die ausserhalb dieser Zwiste Stehenden nicht mit hineingezogen werden; denn es ist nicht Jedermanns, sondern nur eines Staatsmannes Sache, das Uebel schon in seinem Entstehen zu erkennen.

Was aber die aus der Einschätzung hervorgehenden Verfassungsänderungen bei den Oligarchien und Freistaaten anlangt, so ist, wenn der Geldreichthum gestiegen ist, während die Beträge der Einschätzung dieselben geblieben sind, es dann gut, die Summe des gesammten Steuercapitals mit dem der früheren Zeit zu vergleichen und zwar in den Staaten, wo die Einschätzung jährlich erfolgt, jährlich und in den grösseren je nach drei oder nach fünf Jahren; sollte dann das Steuercapital um ein vielfaches grösser oder geringer gegen früher geworden sein, als da, wo die Einschätzung das erste Mal erfolgte, so müssen die Einschätzungen in Folge Gesetzes entweder erhöht oder vermindert werden und zwar wenn das Steuercapital gewachsen ist, um so vielmal als dies der Fall ist, erhöht 245 und wenn es gesunken ist, um so vielmal gemindert, als es gesunken ist. Wenn dies in den Oligarchien und den Freistaaten nicht so geschieht, so kann daraus hier eine Oligarchie und dort eine Dynasten-Herrschaft entstehen; oder aus dem Freistaat eine Demokratie und aus der Oligarchie ein Freistaat oder eine Demokratie.

Für die Demokratie und Oligarchie und jede Verfassung ist es rathsam Niemand gegen das Ebenmaass zu gross zu machen, vielmehr lieber den Versuch zu machen kleine und langdauernde Ehrenstellen zu vergeben, als sogleich grosse (denn das gereicht ihnen nur zum Verderben, da nicht Jedermann das Glück ertragen kann) und wenn dies nicht angeht, wenigstens diese Ehrenstellen, wenn man sie auf einmal verleihen muss, nicht wieder auf einmal zu nehmen, sondern nur nach und nach und vor allem mittelst der Gesetze dahin zu wirken, dass Niemand eine zu überragende Macht an Freunden oder Vermögen erlange; wo aber dies zu verhindern nicht möglich ist, da muss man solche Männer in's Ausland verbannen. Aber auch in dem Privatleben können Neuerungen eingeführt werden und deshalb muss man eine Behörde einrichten, welche diejenigen beaufsichtigt, welche ein der Verfassung nicht entsprechendes Leben führen, also in den Demokratien ein dieser, und in Oligarchien ein dieser nicht entsprechendes Leben; und dasselbe muss auch bei den einzelnen anderen Verfassungen geschehen. Auch muss aus denselben Gründen das Wohlleben einzelner Klassen überwacht werden. Ein Mittel hierzu ist es, wenn die Geschäfte und die Aemter immer den einander gegenüberstehenden Klassen übergeben werden. Unter den Gegenüberstehenden meine ich die Gebildeten gegenüber der Menge und die Armen gegenüber den Wohlhabenden. Auch muss man versuchen, die Klasse der Armen mit der der Wohlhabenden zu mischen, oder den Mittelstand zu vermehren; denn dies verhindert die aus der Ungleichheit der Bürger hervorgehenden Aufstände. Von der grössten Wichtigkeit ist es in jeder Verfassung sowohl durch die Gesetze, als durch sonstige Vorkehrungen dafür zu sorgen, dass die Aemter nicht zum Gelderwerb benutzt werden; am meisten muss man in den Oligarchien darauf achten. Wenn dies geschieht, so ist die Menge über ihren Ausschluss von den Aemtern nicht unzufrieden, sondern sie 246 freuen sich vielmehr, wenn man ihnen gestattet, sich ihren Privatgeschäften zu widmen so lange sie nämlich nicht glauben, dass die Beamten das Staats-Vermögen unterschlagen; so wie dies aber eintritt, so ist die Erbitterung über beides vorhanden, sowohl über den Ausschluss von den Aemtern, wie von dem Geldgewinn. Auf diese Weise allein ist es auch möglich, dass ein Staat zugleich eine Demokratie und Aristokratie ist; dann wäre es erreicht, dass die Vornehmen und die Menge, beide das hätten, was sie sich wünschen; denn dass alle herrschen können, ist demokratisch, dass aber die Vornehmen die Aemter wirklich inne haben, ist aristokratisch, und das ist dann der Fall, wenn die Aemter nicht zum Gelderwerb benutzt werden. Die Armen werden dann sich nicht zu den Aemtern drängen, wenn sie nichts dabei verdienen können, sondern sie werden sich mehr mit ihren Privatangelegenheiten beschäftigen und die Wohlhabenden werden die Aemter übernehmen können, weil sie von dem Staate nichts zu gewinnen brauchen. Damit wird erreicht werden, dass die Armen zum Wohlstand gelangen, weil sie ihren Geschäften ungestört obliegen können und dass die Wohlhabenden nicht von den nächsten Besten beherrscht werden. Damit nun das Staatsvermögen nicht entwendet werde, muss die Uebergabe der Gelder in Gegenwart aller Bürger geschehen und es müssen Abschriften von den Uebergabeverhandlungen in den Genossenschaften, Abtheilungen und Zünften niedergelegt werden und Beamte die sich bewährt haben, müssen die gesetzlich für eine uneigennützige Verwaltung bestimmten Belohnungen erhalten.

In den Demokratien müssen die Wohlhabenden geschont werden; weder ihre Besitzungen, noch deren Früchte dürfen vertheilt werden, wie es in einigen Staaten geschieht, ohne dass man es beachtet; vielmehr ist es besser, die Wohlhabenden selbst wenn sie es wollen, von kostspieligen Staatsaufwendungen abzuhalten, die keinen Nutzen haben, wie z. B. die Ausstattung eines Chors, oder eines Fackelaufzuges oder Aehnliches. Dagegen muss in den Oligarchien für die Armen viel Sorge getragen werden und man muss ihnen die Aemter, welche etwas einbringen, überlassen. Wenn einer der Vornehmen sie übermüthig behandelt, so muss die Strafe dafür grösser sein, als für Verletzungen von ihres Gleichen; auch dürfen die 247 Erbschaften nicht willkürlich vermacht werden, sondern nach der Verwandtschaft übergehen und Niemand darf mehr als eine Erbschaft antreten. Auf diese Weise werden die Vermögen sich gleichmässiger erhalten und von den Armen werden mehr zur Wohlhabenheit gelangen. Auch im Uebrigen ist es sowohl für die Demokratie wie für die Oligarchie zuträglich, denen, welche weniger an der Regierung Theil nehmen, eine gewisse Gleichheit oder beziehungsweise einen Vorrang einzuräumen, und zwar in der Demokratie den Wohlhabenden und in der Oligarchie den Armen; nur sind die obersten Staatsämter davon auszunehmen; diese sind nur den, nach der Verfassung dazu bestimmten, sei es den Einzelnen, oder Mehreren gemeinsam, einzuräumen.

 

Neuntes Kapitel.

Diejenigen, welche die obersten Staatsämter verwalten wollen, müssen dreierlei besitzen; erstens Liebe zu der bestehenden Verfassung, dann die höchste Geschicklichkeit zu den Geschäften des Amtes und drittens die der jedesmaligen Verfassung entsprechende Tugend und Gerechtigkeit; denn wenn das Gerechte in allen Verfassungen nicht dasselbe ist, so muss auch die Gerechtigkeit unterschieden sein. Nun entsteht hier der Zweifel, wie man die Entscheidung treffen soll, wenn diese drei Dinge nicht in derselben Person vereinigt sind; z. B. wenn jemand zwar ein tüchtiger Feldherr ist, aber schlecht von Charakter und der Verfassung nicht zugeneigt; ein anderer dagegen zwar ein Freund derselben und gerecht ist, aber ohne die Eigenschaften eines Feldherrn; wie soll man da die Wahl treffen? Man dürfte hier wohl auf zweierlei zu achten haben, einmal auf das, was bei Allen in grösserem Maasse sich vorfindet und zweitens auf das, was bei Allen in geringerem Maasse sich findet. Deshalb muss man bei dem Amte eines Feldherrn mehr auf die Kriegserfahrung als auf die Tugend sehen; denn die Kriegserfahrung ist weniger verbreitet als die Rechtlichkeit. Bei einer Schildwache oder einem Finanzbeamten ist umgekehrt zu verfahren. Denn diese bedürfen mehr der Tugend, als die Meisten haben, während ihre Kenntnisse sich bei allen finden. Man könnte 248 auch fragen, wozu jemand noch der Tugend bedürfe, wenn er die Fähigkeit zum Amte und die Liebe zur Verfassung besitze, da schon diese zwei Eigenschaften das Nützliche zu Stande bringen würden. Sollte es indess nicht deshalb nöthig sein, weil die Inhaber dieser beiden Eigenschaften dennoch sehr wohl unmässig sein können? Trotzdem, dass sie Kenntnisse besitzen und sich selbst lieben, werden sie ohne Tugend nicht einmal für sich selbst vernünftig sorgen und deshalb ist auch anzunehmen, dass dergleichen Personen sich auch in den Staatsangelegenheiten so benehmen werden.

Im Allgemeinen trägt alles dies zur Erhaltung der Verfassung bei, was in den Gesetzen als für die Verfassungen zuträglich vorgeschrieben ist; die Hauptbedingung ist, wie ich bereits mehrmals gesagt, dafür zu sorgen, dass der Theil der Bürger, welcher der Verfassung zugethan ist, stärker bleibt, als der, bei dem dies nicht der Fall ist; und neben allem diesem darf man nicht das Mittelmaass übersehen, wie dies in den jetzigen ausgearteten Verfassungen geschieht; denn Vieles, was demokratisch zu sein scheint, zerstört die Demokratie und vieles von scheinbar oligarchischer Natur die Oligarchie. Wer aber glaubt, dass es nur ein und dieselbe Tugend gebe, geräth damit in das Uebermaass; er übersieht, dass schon eine Nase, wenn sie auch die schönste geradlinige Form nach der krummgebogenen oder Stumpf-Nase hin überschreitet, doch noch immer schön und für den Anblick angenehm sein kann, aber nicht wenn sie auch darüber hinaus von dem Künstler ausgedehnt wird; dann wird die Angemessenheit dieses Theiles zerstört und man kann zuletzt das Werk nicht mehr für eine Nase halten, weil die Gegensätze theils überschritten, theils zu gering geblieben sind. Ebenso verhält es sich auch mit den anderen Gliedern, und Gleiches kommt auch bei den Verfassungen vor. Sowohl Oligarchien, wie Demokratien können sich genügend wohl befinden, wenn sie auch über die beste Einrichtung hinausgegangen sind; treibt es aber jemand bei derselben noch weiter, so wird er zunächst die Verfassung verschlechtern und zuletzt wird sie ganz verschwinden. Deshalb muss der Gesetzgeber und der Staatsmann wissen, welche Dinge die demokratische Verfassung erhalten, und welche sie zerstören und welche Dinge dies in gleicher Weise bei 249 der Oligarchie bewirken. Keine von beiden Verfassungen kann ohne Wohlhabende und ohne eine arme Volksmasse bestehen und sich erhalten und wenn die Vermögen gleich gemacht werden, so muss nothwendig die Verfassung eine andere werden; wer deshalb die Ungleichheit durch Gesetze beseitigen will, beseitigt die Verfassung selbst. Man begeht sowohl in den Demokratien, wie in den Oligarchien hierbei Fehler; in den Demokratien geschieht es da, wo das Volk Herr über die Gesetze ist, durch die Volksführer; denn diese spalten durch ihren Kampf gegen die Wohlhabenden den Staat immer in zwei Theile. Sie sollten aber vielmehr das Entgegengesetzte über die Wohlhabenden sprechen und ebenso sollten die Oligarchisch-Gesinnten über das Volk in den Oligarchien sprechen und die Machthaber sollten einen, dem jetzigen entgegengesetzten Schwur leisten; denn jetzt schwören sie in einigen Staaten: »auch werde ich gegen das Volk übelgesinnt sein und jedes Uebel für dasselbe anrathen«. Allein sie sollten das Gegentheil thun, wie auch erklären und in dem Schwur aussprechen »dass ich dem Volke kein Unrecht zufügen werde«.

Das wichtigste von allen bis jetzt besprochenen Mitteln zu Erhaltung der Verfassungen, und was trotzdem jetzt überall vernachlässigt wird, ist eine der Verfassung entsprechende Erziehung. Die besten Gesetze, selbst wenn sie von allen Bürgern einstimmig gut geheissen worden sind, nützen nichts, wenn die Bürger nicht der Verfassung entsprechend gewöhnt und erzogen worden sind, also demokratisch, wenn die Gesetze demokratisch sind, oder oligarchisch, wenn sie oligarchisch sind; da wo Zügellosigkeit bei den Einzelnen besteht, herrscht sie auch im Staate. Die der Verfassung entsprechende Erziehung besteht aber nicht darin, dass man das thut, was die Machthaber in den Oligarchien, oder die Anhänger der Demokratie erfreut, sondern das, wodurch die Einen oligarchisch, die Anderen demokratisch zu regieren vermögen. Jetzt werden in den Oligarchien die Söhne der Machthaber verweichlicht, während die der Armen durch Leibesübungen und schwere Arbeit so gestärkt werden, dass sie zu Neuerungen nicht blos geneigt, sondern auch vermögend sind; und in den Demokratien, und zwar in denen, welche am meisten für solche gelten, ist statt des Nützlichen das 250 Entgegengesetzte angeordnet, weil sie die Freiheit falsch auffassen. An zweierlei nämlich ist die Demokratie erkennbar; an der Gültigkeit dessen, was die Mehrheit beschliesst und an der Freiheit. Nun hält man hier das Gerechte für das Gleiche und das Gleiche setzt man darin, dass allein das, was die Mehrheit des Volkes beschliesst, gelte, und so verstehen sie unter Freiheit und Gleichheit, dass jeder thun kann, was ihm beliebt; deshalb lebt in solchen Demokratien ein Jeder wie er will und nach seinen Gelüsten, wie Euripides sagt. Darin liegt der Fehler; denn man darf es nicht für Knechtschaft halten, wenn man der Verfassung entsprechend lebt, vielmehr beruht darauf deren Erhaltung.

 

Zehntes Kapitel.

Dies sind im Allgemeinen und überhaupt die Ursachen, aus denen die Verfassungsstaaten sich verändern und untergehen, und aus denen umgekehrt sie sich erhalten und andauern. Ich habe nun noch die Alleinherrschaften durchzugehen und bei ihnen anzugeben, was sie zerstört und was sie erhält. Das, was ich in dieser Beziehung über die bisherigen Verfassungen gesagt habe, trifft so ziemlich auch bei dem Königthum und der Tyrannis zu. Das Königthum entspricht der Aristokratie; die Tyrannis ist aber aus der schlechtesten Art der Oligarchie und Demokratie zusammengesetzt; deshalb ist sie für die Bürger die schädlichste Staatsform, da sie aus zwei schlechten zusammengesetzt ist, und die Ueberschreitungen und Fehler von beiden an sich hat. Schon die Entstehung dieser zwei Arten von Alleinherrschaften beruht auf entgegengesetzten Vorgängen. Das Königthum ist aus dem Schutze der guten Bürger gegen das Volk hervorgegangen und der König wird aus den guten Männern wegen seiner hervorragenden Tugend aufgestellt oder wegen seiner, aus der Tugend hervorgegangenen Leistungen, oder weil er aus einem Geschlecht stammt, was in dieser Weise hervorragt. Der Tyrann wird aber aus dem Volke und aus der Menge gegen die Vornehmen eingesetzt, damit dem Volke von diesen nicht Unrecht gethan werde. Dies bestätigen die Ereignisse; beinah alle Tyrannen sind, so zu sagen, aus 251 Volksführern hervorgegangen, denen man vertraute, weil sie die Vornehmen verleumdeten. Ein Theil der Tyrannenherrschaften ist auf diese Weise begründet worden, als die Staaten schon gross geworden waren; ein anderer Theil ist vor diesem aus den Königen hervorgegangen, welche über das alte Herkommen hinausgingen und nach einer eigenmächtigeren Herrschaft strebten. Ein anderer Theil ist aus den, für die höchsten Staatsämter gewählten, Beamten hervorgegangen (denn vor Alters bestellte das Volk die Beamten für die Staatsgeschäfte und für die Besorgung der festlichen Aufzüge auf lange Zeit) und endlich ist ein Theil aus denjenigen Oligarchien hervorgegangen, welche einem Mann die wichtigsten Staatsämter unbeschränkt übertragen hatten. Alle diese Männer konnten auf diese Weise die Tyrannis leicht zu Stande bringen, sobald sie wollten, weil sie theils in Folge des königlichen Amtes, theils wegen ihres Ansehens die Macht schon vorher besassen. So begründete Pheidon in Argos und andere die Tyrannenherrschaft aus dem vorhandenen Königthum; dagegen gelangten die Tyrannen in Ionien und Phalaris durch ihre hohen Aemter dahin und ebenso wurde Panätios bei den Leontinern und Dionys in Syrakus und Andere mehr aus Volksführern zu Tyrannen.

Das Königthum ist, wie ich schon gesagt, der Aristokratie entsprechend eingerichtet; es beruht auf der Werthschätzung, entweder nach der persönlichen Tugend oder nach dem Geschlecht, oder nach den geleisteten Diensten, oder nach diesen und der Macht. Alle gelangten zu dieser Würde durch geleistete grosse Dienste, oder durch eine Macht, vermöge welcher sie das Wohl der Staaten und Völker begründen konnten; indem sie entweder im Kriege das Volk gegen die Sclaverei schützten, wie Kodrus, oder es daraus befreiten, wie Kyros; oder sie bebauten oder erwarben Landstriche, wie die Könige bei den Lakedämoniern, den Makedoniern und Molossern. Der König will der Wächter sein, damit die Vermögenden kein Unrecht erleiden und die grosse Masse nicht übermüthig behandelt werde.

Dagegen beachtet die Tyrannis, wie ich mehrfach gesagt, das gemeine Beste nicht, als höchstens, wo ihr eigener Vortheil dabei im Spiele ist. Das Ziel des Tyrannen ist die Lust, das des Königs das Sittlich-Schöne; 252 deshalb geht die Habsucht des Tyrannen mehr auf Vermögen und die des Königs mehr auf Ehre; die Leibwache dieses besteht aus Bürgern, jenes aus Fremden. Es erhellt, dass die Tyrannis sowohl die Uebel der Demokratie, wie die der Oligarchie an sich hat; von der Oligarchie hat sie, dass ihr Ziel der Reichthum ist (denn nur so allein kann die Leibwache und der Luxus in ihr sich dauernd erhalten) und dass sie der Menge misstraut, weshalb sie ihr auch die Waffen wegnehmen lässt. Auch die Misshandlung der Menge und deren Austreibung aus der Stadt und Absendung in Colonien hat die Tyrannis mit der Oligarchie gemein. Von der Demokratie hat sie dagegen das Bekämpfen der Vornehmen; heimlich und öffentlich sucht sie dieselben zu verderben und als ihre Nebenbuhler und solche, die ihrer Herrschaft hinderlich sind, zu verjagen. Daraus gehen dann die Verschwörungen hervor, weil diese entweder selbst herrschen, oder wenigstens keine Sclaverei erdulden wollen. Darauf beruht auch der von Periander dem Thrasybulos gegebene Rath, die hervorragenden Kornähren abzuschneiden, weil es nöthig sei, immer die hervorragenden Bürger zu beseitigen.

Dieselben Gründe nun, welche bei den früher erwähnten Verfassungen die Umwälzungen herbeiführen, gelten, wie ich gesagt, so ziemlich auch für die Alleinherrschaften. Wegen erlittener Ungerechtigkeit, oder aus Furcht, oder wegen Verachtung greift die Menge der Bürger die Alleinherrschaften an; hauptsächlich aber wegen des durch deren Uebermuth erlittenen Unrechts und mitunter auch wegen Beraubung der Privat-Vermögen. Auch die Zwecke der Aufstände gegen die Tyrannis und gegen das Königthum sind dieselben, wie bei jenen Verfassungen; die Alleinherrscher besitzen einen grossen Reichthum und geniessen die höchsten Ehren; danach verlangen eben Alle. Die Angriffe geschehen bald gegen die Person der Herrscher, bald gegen ihre Macht; wo sie wegen Verletzungen aus Uebermuth erfolgen, richten sie sich gegen die Person. Der Uebermuth kann in vielfacher Art verübt werden und jede Art desselben reizt zum Zorn und in der Regel beginnen solche erzürnte Menschen den Aufstand nur um den Tyrannen zu strafen, und nicht wegen seiner Uebermacht. So erfolgte der Aufstand gegen die Pisistratiden wegen der schimpflichen Behandlung der Schwester 253 des Harmodios und der Misshandlung dieses selbst; Harmodios empörte sich wegen der Schwester und Aristogeiton wegen des Harmodios. Die Verschwörung gegen Periander, den Tyrannen im Ambrakia hatte ihren Grund darin, dass er bei einem Trinkgelage seinen Lieblingsknaben gefragt hatte, ob er schon von ihm schwanger sei. Die Verschwörung des Pausanias gegen Philipp geschah, weil er ihn von der Umgebung des Attalos hatte misshandeln lassen und die des Derdas gegen Amyntas den Kleinen, weil dieser sich des Missbrauchs seiner Jugend gerühmt hatte; ebenso verhält es sich bei dem Angriff des Eunuchen gegen den Evagoras in Kypern; weil dessen Sohn ihm sein Weib entführt hatte, tödtete er ihn wegen dieser Beleidigung. Viele Verschwörungen sind auch wegen körperlicher Schändung entstanden, welche Einzelne von den Alleinherrschern erlitten hatten. So die des Kratäos gegen den Archelaos; der Umgang war ihm immer lästig gewesen, so dass ein geringer Vorwand ihm dann genügte, weil er gegen sein Versprechen ihm keine seiner Töchter zur Ehe gab; vielmehr gab Archelaos die ältere dem König von Elimeia, weil er durch den Krieg gegen Sirra und Arrabäos in die Enge getrieben war und die jüngere gab er dessen Sohne, dem Amyntas, um damit die Zwistigkeiten zwischen diesem und seinem, von der Kleopatra geborenen Sohne beizulegen; aber der erste Grund zur Entfremdung war doch, dass der geschlechtliche Umgang dem Kratäos lästig wurde. Mit ihm verband sich Hellanokrates aus Larissa aus demselben Grunde; der König hatte seine Jugend genossen und als er ihn dann gegen sein Versprechen nicht in sein Vaterland zurückbrachte, so glaubte jener, der geschlechtliche Umgang sei nur aus Uebermuth und nicht aus sinnlicher Begierde geschehen. Auch die Aeonier Parron und Herakleides haben den Kotys umgebracht, nm ihren Vater zu rächen und Adamas fiel von dem Kotys ab, weil dieser aus Uebermuth ihn als Knabe hatte verschneiden lassen.

Viele haben auch aus Zorn über erlittene körperliche Schläge die Herrscher entweder ermordet, oder in der Erbitterung es versucht und dies ist selbst von Personen in hohen Aemtern und aus königlichem Stamm geschehen. So tödtete in Mytilene Megakles mit seinen Freunden 254 die Pendaliden, welche herumzogen und die Leute mit Knütteln schlugen und später tödtete Smerdis den Penthilon, als er von diesem geschlagen und von der Frau hinausgeschleift worden war. Auch Dekamarchos wurde das Haupt der Verschwörung gegen Archelaos, indem er die Genossen dazu aufreizte und dieser Zorn rührte daher, dass Archelaos ihn dem Dichter Euripides zur Auspeitschung ausgeliefert hatte; Euripides war nämlich über ihn erbittert, weil jener sich über den üblen Geruch aus seinem Munde geäussert hatte. Auch viele andere Alleinherrscher wurden aus solchen Ursachen ermordet oder ihnen von Verschwörern nachgestellt.

Aehnlich treibt die Furcht zum Aufstand; denn auch diese ist, sowohl in den Alleinherrschaften, wie in den Verfassungs-Staaten eine Ursache dazu. So tödtete Artapenes den Xerxes aus Furcht; er hatte nämlich den Dareios bei ihm verleumdet und dann ihn ohne Befehl des Xerxes gehängt, indem er hoffte, es werde ihm verziehen werden und Xerxes über das Mittagsmahl die Sache vergessen. Andere Fälle entstehen aus Verachtung, wie in dem Falle, wo jemand den Sardanapal erblickte, wie er mit seinen Frauen Wolle krämpelte; wenn die Geschichte nämlich wahr ist; wenn sie indess von ihm nicht wahr ist, so wird sie es wohl von einem Anderen sein. Auch gegen Dionys den jüngeren erhob sich Dion aus Verachtung, als er sah, dass die Bürger ebenso gesinnt waren und der Tyrann immer betrunken war. Selbst seine Freunde verschwören sich aus Verachtung; denn sie verachten den Tyrannen, weil er ihnen vertraut und weil sie ihn täuschen können. Auch wenn eine Hoffnung vorhanden ist, die Herrschaft irgendwie selbst zu gewinnen, so entsteht der Angriff aus Verachtung; da man in Besitz der genügenden Macht die Gefahr verachtet und daher dergleichen leichter unternimmt. So geschieht es z. B. von den Feldherrn gegen die Alleinherrscher, wie von Kyros gegen Astyages, weil er sowohl dessen Lebensweise, wie dessen Macht verachtete; denn die Kriegsmacht war erschlafft und Astyages selbst verweichlicht. Ebenso verfuhr der Thracier Seythes als Feldherr gegen seinen König Amadokos. Manchmal erfolgt die Verschwörung aus mehreren Ursachen, z. B. aus Verachtung und aus Gewinnsucht, wie es bei Mithridates gegen 255 Ariobarzanes der Fall war. Am meisten geschieht dies von Männern kühner Sinnesart, welche hohe Kriegsämter inne haben; denn die mit Kraft verbundene Tapferkeit ist Kühnheit und beides führt schnell zu Empörungen, weil der Sieg leicht ist.

Wenn aber die Nachstellungen aus Ehrgeiz erfolgen, so ist das Verfahren dann ein anderes als in den bisher erwähnten Fällen. Denn die, welche wegen Ehrgeizes den Tyrannen nachstellen, werden nicht so handgreiflich gegen sie, wie Manche, die nur grossen Gewinn und grosse Ehren für sich im Auge haben und sie stürzen sich nicht so in die Gefahr; jene handeln nur aus den erwähnten Ursachen, aber diese erheben sich gegen ihre Herrscher ebenso, wie zu jeder anderen ausserordentlichen That, durch die sie sich einen Namen machen und den Anderen bekannt werden können; ihre Absicht geht nicht darauf, die Alleinherrschaft, sondern nur Ruhm für sich zu erlangen. Indess sind es immer nur sehr Wenige, welche aus diesen Grund gegen Tyrannen sich wenden; denn sie dürfen dabei nicht daran denken, sich retten zu können, wenn die That missglücken sollte; sie müssen von den Gedanken des Dio erfüllt sein, aber dies ist für Viele nicht leicht; jener zog mit geringer Mannschaft gegen Dionys, und erklärte, dass es ihm genügt, an den Unternehmen, so weit als möglich, Theil genommen zu haben, und sollte er bei dem ersten Schritt in's Land gleich sterben, so würde doch ein solcher Tod schon als ein schöner für ihn gelten.

Die Tyrannis geht auch in einer Weise, wie jede andere Verfassung zu Grunde, nämlich von Aussen, wenn ein benachbarter Staat mit einer entgegengesetzten Verfassung mächtiger ist. Denn dass dann der Wille dazu vorhanden ist, erhellt aus dem Gegensatze der Zwecke und jedermann führt, im Fall er es vermag, das aus, was er will. Eine solche, der Tyrannis entgegengesetzte Verfassung ist die Demokratie; nach Hesiod sind beide einander so entgegengesetzt, wie ein Töpfer dem anderen (denn auch die Demokratie ist in ihrem höchsten Grade eine Tyrannis) und ebenso das Königthum und die Aristokratie, wegen des Gegensatzes in der Grundlage ihrer beiderseitigen Verfassung. Deshalb zerstörten die Lakedämonier sehr viele Tyrannenherrschaften und ebenso 256 handelten die Syrakuser zur Zeit, als ihre Verfassung sich in gutem Zustande befand. In einer anderen Weise geht die Tyrannis durch sich selbst zu Grunde, wenn die Theilhaber der Gewalt gegen einander aufständisch werden; wie bei der Tyrannis in der Familie des Gelon und jetzt bei der in der Familie des Dionysos; dort verführte Thrasybul, der Bruder des Hieron, den Sohn des Gelon und verleitete ihn zu Ausschweifungen, um selbst die Herrschaft zu erlangen, während die Angehörigen sich erhoben, damit nicht die ganze Tyrannis, sondern nur Thrasybul gestürzt würde; allein die, welche ihnen beistanden, vertrieben, als die passende Zeit kam, sie alle mit einander. Gegen Dionys zog Dion, sein eigener Schwager zu Felde und nahm das Volk zu Hülfe; allein wie er jenen verjagt hatte, wurde er selbst dann getödtet.

Da es hauptsächlich zwei Ursachen sind, weshalb den Tyrannen nachgestellt wird, Hass und Verachtung, so muss die eine davon, der Hass, gegen die Tyrannen immer bestehen; aber auch aus Verachtung werden viele derselben gestürzt. Man erkennt dies daraus, dass die meisten derer, welche eine Tyrannis sich erst erworben haben, ihre Herrschaft sich auch bewahrt haben; aber ihre Nachfolger gingen, so zu sagen, sehr schnell zu Grunde; sie lebten schwelgerisch, verachteten die Anderen und gaben so vielfach gute Gelegenheit zu Nachstellungen. Als eine Art Hass muss man auch den Zorn gelten lassen; denn in gewisser Weise führt er zu denselben Handlungen. Oft ist er auch thätiger, wie der Hass und die Nachstellungen geschehen nachdrücklicher, weil die Leidenschaft den Gebrauch der Vernunft hemmt. Am häufigsten entwickelt sich der Zorn aus Beleidigungen; aus diesem Grunde wurde die Tyrannis der Pisistratiden und viele andere zerstört. Allein der Hass ist wirksamer; denn mit dem Zorn ist Schmerz verbunden, und man überlegt dann nicht leicht ruhig; die Feindschaft ist aber ohne Schmerz. Ueberhaupt müssen, um alles zusammenzufassen, die Ursachen, welche, wie ich dargelegt, den Untergang der ausgelassenen und äussersten Oligarchie und der äussersten Demokratie herbeiführen, ebenso auch den Sturz der Tyrannis veranlassen; denn auch jene Verfassungen sind nur eine vielköpfige Tyrannis.

257 Dagegen wird das Königthum von Aussen am wenigsten gestürzt und es hält sich deshalb lange Zeit. Die meisten Gefahren entstehen aus ihm selbst. Es geht auf zwei Arten zu Grunde; einmal, wenn die Mitglieder des Königshauses gegen einander sich erheben und dann, wenn der König eigenmächtiger zu regieren und seine Gewalt über die Gesetze auszudehnen versucht. Jetzt entstehen keine Königsherrschaften mehr, sondern, wenn es noch zu Alleinherrschaften kommt, so sind es mehr Tyrannenherrschaften, weil das Königthum eine freiwillige Herrschaft ist, die mit grosser Macht ausgestattet ist, während es jetzt der einander Gleichen Viele giebt und Keiner sich so auszeichnet, dass er für die Grösse und die Anforderungen einer solchen Herrschaft passte. Deshalb wird auch die Alleinherrschaft jetzt nicht freiwillig ertragen; herrscht aber jemand durch Betrug oder Gewalt, so dürfte dies schon eine Tyrannis sein. In den erblichen Königreichen kommt zu diesen Ursachen noch eine andere für deren Untergang hinzu, indem diese Könige sich oft verächtlich machen und übermüthig werden, obgleich sie nicht die Gewalt eines Tyrannen, sondern nur die Würde eines Königs besitzen. Hier ist deren Sturz leicht; denn ein König kann sich gegen den Willen seiner Unterthanen nicht lange halten, und nur der Tyrann vermag auch über Widerwillige zu herrschen.

 

Elftes Kapitel.

Aus diesen und ähnlichen Ursachen gehen die Alleinherrschaften zu Grunde; erhalten können sie sich aber, kurz ausgedrückt, durch die entgegengesetzten Ursachen und im Einzelnen dadurch, dass das Königthum sich auf die maassvollste Regierungsweise beschränkt. Je weniger die Könige zu befehlen haben, um so längere Zeit muss ihre Herrschaft sich erhalten; denn sie selbst werden dann weniger herrschsüchtig, bleiben in ihrem Charakter den Bürgern möglichst gleich und werden von den Unterthanen am wenigsten beneidet. Aus diesem Grunde hielt sich bei den Molossern das Königthum lange Zeit; ebenso bei den Lakedämoniern, weil da gleich vom Anfang ab es unter zwei Könige vertheilt war und weil Theopompos ihre 258 Macht noch weiter minderte und ihnen das Amt der Ephoren zur Seite stellte. Indem er deren Gewalt minderte, verlängerte er den Bestand ihres Königthums und in gewisser Weise machte er es dadurch nicht kleiner, sondern grösser. Derselbe soll auch seiner Frau, als sie ihm vorhielt, ob er sich nicht schäme, das Königthum seinen Kindern schwächer zu übergeben, als er es von seinen Vater empfangen habe, geantwortet haben: »Keineswegs, denn ich übergebe es ihnen dauerhafter«.

Die Tyrannenherrschaften können auf zwei entgegengesetzte Weisen erhalten werden; die eine ist die hergebrachte, in der die meisten Tyrannen die Herrschaft führen, und von welcher das Meiste der Korinther Periander eingerichtet haben soll; indess kann man hierfür auch vieles aus der persischen Herrschaft entnehmen. Es ist dies das schon seit alter Zeit genannte Mittel um die Tyrannis nach Möglichkeit zu erhalten, nämlich die hervorragenden Unterthanen zu schwächen, Männer von Charakter zu beseitigen und weder Tischgenossenschaften noch Hetärien zuzulassen; auch keinen Unterricht oder sonst dergleichen, sondern alles das zu überwachen, aus dem zweierlei sich zu bilden pflegt, nämlich Verstand und Treue; auch keine Vorträge, noch andere wissenschaftliche Unterhaltungen zu gestatten und nach Möglichkeit alles so einzurichten, dass die Unterthanen mit einander unbekannt bleiben; denn die gegenseitige Bekanntschaft führt zu grösseren Vertrauen auf einander. Auch müssen die Einwohner hier alles offen betreiben und möglichst vor den Thüren sich aufhalten; so kann am wenigsten ihr Thun verborgen bleiben und durch diese stete Knechtschaft müssen sie an eine niedrige Denkungsweise gewöhnt werden. Dies und anderes der Art ist bei den Tyrannen in Persien und anderen barbarischen Staaten zu finden; denn dies Alles geht auf denselben Zweck. Auch muss der Tyrann sorgen, dass nichts von dem verborgen bleibe, was die Unterthanen sprechen oder thun und es müssen Spione bestellt werden, wie in Syrakus die sogenannten Potatogiden. Hiero schickte auch Leute aus, die horchen mussten, wo eine Zusammenkunft oder Unterredung statt fände. Denn wenn dies geschieht, besprechen sich die Leute aus Furcht vor solchen weniger und so weit es geschieht, bleibt es dann weniger verborgen. Auch gehört 259 es zu solcher Tyrannenherrschaft, dass man die Leute sich einander verleumden und gegen einander verfeinden lässt; ebenso dass die Freunde und ebenso das Volk mit den Vornehmen, und die Reichen untereinander entzweit werden, und dass man die Unterthanen arm macht, damit die Leibmacht erhalten werden kann und die Unterthanen, um das tägliche Brot zu verdienen, keine Zeit zu Nachstellungen behalten. Ein Beispiel dafür sind die Pyramiden in Aegypten und die Weihgeschenke der Kypseliden und der unter den Pisistratiden erbaute Tempel des Zeus und die Bauwerke des Polykrates bei Samos. Alles dies führt zu demselben Erfolge, nämlich zur schweren Arbeit und Armuth der Unterthanen. Eben dahin führen schwere Abgaben, wie in Syrakus, wo es vorgekommen ist, dass die Einwohner ihr ganzes Vermögen in fünf Jahren unter Dionys in Abgaben haben abliefern müssen.

Der Tyrann fängt auch gern Kriege an, damit die Unterthanen keine Musse behalten und fortwährend eines Anführers bedürfen. Das Königthum erhält sich durch seine Freunde, aber der Tyrann traut seinen Freunden am wenigsten, weil Alle ihn beseitigen mögen, und diese es am ehesten vermögen. Auch das, was in der äussersten Demokratie geschieht, ist alles tyrannisch, wie die Herrschaft der Weiber im Hause, damit sie das, was die Männer thun, ausplaudern; ebenso die Zügellossigkeit der Sclaven aus demselben Grunde. Denn weder die Weiber noch die Sclaven stellen den Tyrannen nach und wenn sie gute Zeit haben, müssen sie schon der Tyrannenherrschaft und der Demokratie gewogen sein, da auch das Volk gern Alleinherrscher sein mag. Deshalb steht auch der Schmeichler bei beiden in Ehren, nämlich der Volksführer bei dem Volke (denn der Volksführer ist der Schmeichler des Volkes) und der kriechenden Gesellschafter bei den Tyrannen, wie dies ja die Schmeichler sind. Deshalb lieben die Tyrannen die schlechten Leute; denn wenn man ihnen schmeichelt, freut es sie und dies wird kein Mann von freier Gesinnung thun; gute Menschen lieben oder schmeicheln nicht. Auch sind die Schlechten zum Schlechten zu gebrauchen; denn ein Nagel treibt den andern, sagt das Sprüchwort. Auch ist es tyrannische Art, sich an keinem ehrwürdigen oder freisinnigen Mann zu erfreuen, denn nur der Tyrann allein will als ein solcher gelten; wer also 260 mit Würde und Freimuth ihm entgegentritt, nimmt ihm das Hervorragende und Gebietende der Tyrannis; vielmehr hassen sie solche Leute, als ihrer Herrschaft gefährlich. Auch ist es ihr Amt mehr die Fremden, als die Bürger zu Tischgenossen und zum Umgang zu haben, weil letztere als feindselig gelten, während jene ihnen nicht entgegentreten. Dies und Aehnliches erhält zwar die Herrschaft des Tyrannen, aber es verliert deshalb nichts an seiner Schlechtigkeit.

Alles dies lässt sich, so zu sagen, auf drei Weisen zurückführen; der Tyrann strebt nämlich nach dreierlei; einmal nach einer kleinmüthigen Gesinnung bei seinen Unterthanen (weil ein Kleinmüthiger nicht wohl ihm nachstellen wird); dann, dass Niemand dem Anderen traut; denn die Tyrannis kann nicht eher gestürzt werden, als bis Einige einander vertrauen. Die Tyrannen verfolgen deshalb auch die rechtlichen Leute, weil sie ihrer Herrschaft Schaden bringen, nicht blos weil sie solche herrische Regierung nicht haben mögen, sondern weil sie auch unter sich und anderen als zuverlässig gelten und weder sich, noch andere anklagen mögen. Als drittes erstrebt der Tyrann die Unfähigkeit seiner Unterthanen zu Geschäften; denn Niemand unternimmt etwas, was ihm nicht möglich ist und so wird auch die Tyrannis nicht beseitigt, wenn die Macht dazu nicht vorhanden ist. Sonach lassen sich alle Pläne der Tyrannen nach irgend einer Richtung hier auf diese drei zurückführen; alle Unternehmungen der Tyrannen laufen auf eine dieser Voraussetzungen hinaus; entweder dass Niemand dem Anderen traue, oder dass Niemand etwas vermöge, oder dass jedermann kleinmüthig gesinnt sei.

Dies ist nun die eine Weise, wie die Tyrannenherrschaften sich erhalten können; die andere sorgt dagegen gerade für das dem bisherigen Entgegengesetzte. Man kann ihr Verfahren aus dem Untergange der Königthümer entnehmen. Ein Grund für deren Untergang lag in der Steigerung der Herrschaft zu einer tyrannischen und so liegt ein Mittel zur Erhaltung der Tyrannis in ihrer Ueberführung in eine königliche Herrschaft, indem nur Eins festgehalten wird, nämlich die Macht, damit die Herrschaft nicht blos über die Gutwilligen, sondern auch über die Widerspenstigen sich erhalte; denn wenn diese Macht 261 weggegeben wird, so fällt auch die Tyrannis. Dies soll indess nur die Grundlage bleiben; alles andere kann der Tyrann wirklich oder scheinbar thun in rechter Nachahmung des Königthums. Zunächst hat er also sich den Anschein zu geben, als sorge er für das Staatsvermögen; er darf es also nicht durch solche Schenkungen verschwenden, welche das Volk erbittern, insofern er von ihm das nimmt, was es mit Mühe und Arbeit sich sauer verdienen muss und dies dann reichlich an Kebsweiber, Fremde und Künstler wieder weggiebt; vielmehr muss er über seine Einnahmen und Ausgaben Rechnung ablegen, wie schon einige Tyrannen gethan haben; denn bei solchen Verfahren wird er als ein guter Hausverwalter und nicht als ein Tyrann gelten. Auch braucht er deshalb nicht zu fürchten, dass ihm das Geld einmal ausgehen könnte, da er ja der Herr über den Staat bleibt. Auch für Tyrannen, die sich ausserhalb Landes begeben ist ein solches Verfahren besser, als aufgehäufte Schätze zurückzulassen; denn dann werden die Wächter weniger der Regierung sich bemächtigen wollen. Den sich entfernenden Tyrannen sind solche Wächter auch gefährlicher, als die Bürger, denn letztere ziehen mit ihnen ab, aber die Wächter bleiben zurück. Ferner muss der Tyrann die Abgaben und Staatsleistungen scheinbar der guten Wirthschaft wegen ansammeln, für den Fall dass er sie in Kriegszeiten gebrauchen müsste und er selbst muss sich überhaupt so als Wächter und Bewahrer des Staatsvermögens benehmen, als wenn es sein eigenes wäre. Seine äussere Erscheinung darf nicht hässlich, sondern muss ehrwürdig sein und der Art, dass die, welche ihm begegnen, nicht Furcht, sondern Ehrerbietung empfinden. Dies ist allerdings nicht leicht, wenn er verachtet wird und deshalb muss er, wenn auch nicht die anderen Tugenden doch die politische sich zu erwerben suchen und mit den Schein einer solchen sich umgeben. Auch darf man nicht sehen, dass er selbst einem Unterthan und insbesondere einem Jüngling oder einer Jungfrau Schmach anthue und auch seine Umgebung darf dies nicht thun. Auch seine Frauen müssen sich so gegen andere Frauen benehmen, denn viele Tyrannenherrschaften sind wegen Uebermuth der Frauen untergegangen. In Bezug auf sinnliche Genüsse muss er das Entgegengesetzte von dem thun, was jetzt einzelne Tyrannen thun; diese 262 beginnen ein solches Treiben gleich vom Morgen ab und fahren damit viele Tage hindurch fort, und wollen auch den Anderen so erscheinen, damit man sie als glückliche und selige Menschen anstaune. Vielmehr muss der Tyrann in solchen Genüssen Maass halten oder wenigstens vor den Anderen den Schein annehmen, als vermeide er solche Genüsse. Denn nicht der Nüchterne, sondern der Betrunkene ist leicht zu bewältigen und verächtlich; und ebenso nicht der Wachende, sondern der Schlafende. Sonach hat er so ziemlich das Gegentheil von allem vorher Gesagten zu thun. Er muss die Stadt versorgen und schmücken, als wäre er ihr Vormund und nicht ihr Tyrann. Auch muss er sich bei den gottesdienstlichen Handlungen besonders eifrig beweisen; denn wenn der Tyrann für gottesfürchtig und fromm gehalten wird, so fürchtet man weniger etwas Ungesetzliches von ihm, und man stellt ihm weniger nach, weil er dann auch die Götter zu Beschützern hat. Auch darf der Tyrann sich nicht einfältig benehmen, und Leute, die in irgend einem Punkte sich ausgezeichnet haben, muss er so ehren, dass sie selbst meinen, ihre Mitbürger könnten, wenn sie selbständig wären, ihnen nicht mehr Ehre erweisen. Solche Ehren muss er selbst austheilen, die Strafen aber muss er durch Beamte oder die Gerichte vollziehen lassen.

Eine für jede Alleinherrschaft nützliches Schutzmittel ist ferner, dass nicht ein Bürger allein gross gemacht werde, sondern mindestens mehrere; denn dann werden sie einander im Auge behalten. Muss aber doch Einer zu einem Grossen gemacht werden, so darf er wenigstens nicht von kühner Sinnesart sein; denn ein solcher Charakter ist zu allem Unternehmen geneigt. Soll dagegen Jemand seiner Gewalt entsetzt werden, so muss dies allmälig geschehen und es darf ihm die ganze Gewalt nicht auf einmal entzogen werden. Ferner muss der Tyrann sich aller übermüthigen Verletzungen enthalten, vor allen zweier, nämlich der körperlichen Züchtigungen und des fleischlichen Umgangs mit der Jugend. Ganz besonders muss er sich dessen vorsehen gegen ehrgeizige Personen; denn Vermögensbedrückungen empfinden nur Geizige schwer, aber Ehrverletzungen die Ehrgeizigen und die rechtlichen Menschen. Deshalb darf er gegen solche nicht so verfahren, oder er muss wenigstens in väterlicher Weise 263 die Züchtigung vornehmen und nicht aus Geringschätzung und ebenso den sinnlichen Verkehr mit der Jugend nur aus Zuneigung und nicht aus Willkür treiben und überhaupt die anscheinenden Ehrverletzungen durch grössere Ehrbezeugungen sich erkaufen. Von denen, die es auf sein Leben abgesehen haben, sind diejenigen am meisten zu befürchten und zu bewachen, welche auf ihr eigenes Leben keinen Werth legen, sofern sie ihn nur tödten können. Deshalb muss er sich am meisten vor denen in Acht nehmen, welche sich oder ihre Verwandten für von ihm beschimpft halten; denn die, welche in solcher zornigen Stimmung etwas unternehmen, schonen sich selbst nicht. Schon Herakleitos sagte, dass es schwer sei, gegen den Zorn und den Eifer anzukämpfen, da dieser das Leben in den Kauf gebe. Da die Staaten aus zwei Klassen bestehen, aus den armen Leuten und den Wohlhabenden, so müssen beide Klassen glauben, dass diese Herrschaft ihnen nützlich sei und es darf keine Klasse die andere verletzen. Die Klasse, welche die stärkere ist, muss der Tyrann am meisten zu den Aemtern heranziehen; denn wenn diese der Regierung vorsteht, so braucht der Tyrann weder die Sclaven für frei zu erklären, noch den Bürgern die Waffen zu nehmen; es genügt, dass die Klasse, welche zur Herrschaft hinzugenommen worden ist, stärker ist, als die, welche sich ihnen entgegenstellt.

Das Einzelne hierbei weiter zu erörtern, ist überflüssig; denn der Zweck liegt klar vor; er geht dahin, dass der Tyrann sich seinen Unterthanen nicht als einen Tyrannen, sondern als einen Hausvater und König erweise und nicht als einen, der nur für sich sorgt, sondern wie ein Vormund für sie und der in seiner Lebensweise Maass hält und nicht in das Uebermaass sich stürzt und nicht blos mit den Vornehmen verkehrt, sondern der gegen die Menge sich gefällig zeigt. Dann muss seine Herrschaft sich nicht allein schöner und beneidenswerther gestalten, weil er über bessere und nicht herabgedrückte Menschen herrscht, sondern seine Herrschaft wird dann auch weder fortwährend gehasst, noch gefürchtet werden, vielmehr sich lange Zeit erhalten. Auch der Tyrann selbst muss von Charakter tugendhaft sein, oder wenigstens halb tugendhaft und nicht schlecht, sondern nur halb schlecht. 264

 

Zwölftes Kapitel.

Dennoch sind von allen Staatsformen die Oligarchie und die Tyrannis die, welche am kürzesten dauern. Am längsten währte die Tyrannis des Orthagoras und seiner Nachkommen über Sikyon; sie erhielt sich hundert Jahre. Es geschah, weil sie die Unterthanen maassvoll behandelten. und vielfach den Gesetzen sich unterwarfen und weil Kleisthenes wegen seiner Kriegsthaten sich ein Ansehen verschafft hatte und weil sie auf die Wohlfahrt des Volkes viel Sorgfalt verwendeten. Kleisthenes soll sogar den Richter, welcher ihm den Sieg nicht zuerkannte, trotzdem selbst bekränzt haben und man sagt, dass die Bildsäule in sitzender Stellung auf dem Markte das Bildniss jenes Richters sei. Auch Pisistratos soll einmal in einem Prozess auf Vorladung vor dem Areopag sich gestellt haben. Am nächsten kommt dieser Herrschaft die der Kypseliden über Korinth; auch diese hielt sich 73 Jahre und 6 Monate; denn Kypselos selbst regierte als Tyrann 30 Jahre; Periander 44 Jahre und Psamentichos, der Sohn des Gordias 3 Jahre. Auch bei dieser Tyrannis war der Grund ihrer langen Dauer derselbe; denn Kypselos schmeichelte dem Volke und hatte während seiner ganzen Regierung keine Leibwache; Periander regierte zwar tyrannischer, aber leistete etwas im Kriege. Als dritte nach jenen folgt die Tyrannis der Pisistratiden in Athen, die indess nicht ohne Unterbrechung bestand; denn Pisistratos musste als Tyrann zweimal fliehen, so dass er von 33 Jahren nur 17 Jahre als Tyrann regierte und seine Söhne 18 Jahre, was zusammen 35 Jahre ausmacht. Unter den übrigen ist die Tyrannis des Hieron und Gelon auch eine längere; indess währte sie doch nicht viele Jahre, sondern im Ganzen nur 18 Jahre. Gelon hatte 7 Jahre als Tyrann geherrscht, als er im achten mit dem Tode abging, und Hieron 10 Jahre und Thrasybul verlor die Herrschaft schon im elften Monat. Die meisten anderen Tyrannenherrschaften sind durchaus nur von kurzer Dauer gewesen.

Hiermit sind die Ursachen, durch welche die Alleinherrschaften und die übrigen Verfassungen zu Grunde gehen und ebenso die, durch welche sie sich erhalten, so ziemlich vollständig dargelegt worden. Auch in dem »Staate« 265 spricht Sokrates über diese Staatsumwälzungen, indess nicht richtig; denn die Veränderung der besten und vornehmsten Verfassung bespricht er nicht im Besonderen; er sagt blos, dass solche Veränderung daher komme, weil überhaupt nichts dauerhaft sei, sondern nach einem gewissen Zeitablauf sich verändere. Den Grund davon findet er in dem Wurzelverhältnisse von 4 zu 3, das mit der Zahl 5 verbunden zwei harmonische Verhältnisse gebe, sobald die Zahl dieser Figur körperlich sich gestalte, da die Natur manchmal schlechte und jeder Erziehung spottende Menschen hervorbringe, und darin hat er vielleicht nicht Unrecht, denn es kann sein, dass manche Menschen jeden Unterricht und jeder Heranbildung zum Guten unzugänglich bleiben. Allein weshalb sollte dieser Grund für die Veränderung nur seiner sogenannten besten Verfassung eigenthümlich sein und weshalb sollte er bei ihr mehr gelten, als bei allen anderen Staatsformen und überhaupt bei allen Dingen? Sodann muss in dem Zeitraum, nach dessen Ablauf sich alles verändert, auch das, was nicht gleichzeitig zusammen angefangen hat, dennoch zugleich sich verändern; so dass wenn etwas auch nur den letzten Tag vor dem Umschwung entstanden ist, es sich doch mit verändert. Dazu kommt, dass man fragen kann, weshalb verändert sich diese beste Verfassung gerade in die Lakonische? Denn in den meisten Fällen verwandeln sich die Verfassungen in die ihnen entgegengesetzten und nicht in die ihnen am nächsten stehenden. Derselbe Einwand trifft auch die weiteren Veränderungen; denn Sokrates sagt, dass sie aus der Lakonischen Verfassung dann in die Oligarchie übergehe, aus dieser in die Demokratie und aus dieser in die Tyrannis. Allein es kommen auch umgekehrte Veränderungen vor, wie von der Demokratie in die Oligarchie und dies geschieht häufiger, als dass sie in die Alleinherrschaft übergeht. Auch giebt Sokrates bei der Tyrannis nicht an, ob da überhaupt eine Veränderung eintritt, und wenn dies nicht der Fall, weshalb nicht; ist es aber der Fall, so sagt er nicht in welche Verfassung sie übergeht. Dies mag wohl daher kommen, dass er dies nicht leicht angeben konnte; denn es ist nicht zu bestimmen. Nach ihm müsste sie in die erste und beste Verfassung übergehen, denn nur dann wäre ein Zusammenhang und ein Kreislauf vorhanden. Nun verändert sich 266 aber die eine Tyrannis auch in eine andere Tyrannis; so ging z. B. in Sikyon die des Myron in die des Kleisthenes über; und die des Antileontes in Chalkis ging in eine Oligarchie über und die des Gelon in Syrakus in eine Demokratie und die des Charikles in Lakedämon und die in Karthago in eine Aristokratie. Ebenso verwandelt sich eine Oligarchie in eine Tyrannis, wie in Sicilien es mit den meisten der alten Oligarchien geschah; auch bei den Leontinern ging die Oligarchie in die Tyrannis des Panätios über und in Gela in die des Kleander und in Rhegium in die des Archelaos, und ähnliches geschah in vielen anderen Staaten. Auch ist es verkehrt, wenn man meint, der Uebergang zur Oligarchie geschehe deshalb, weil die Machthaber geldgierig würden und Wucher trieben, und nicht deshalb, weil die Inhaber grosser Vermögen glauben, es sei ungerecht, wenn die Armen gleichen Antheil, wie die Besitzenden, an der Regierung haben. In vielen Oligarchien ist es nicht einmal gestattet Geldgeschäfte zu betreiben, sondern durch Gesetze verboten; umgekehrt wurden in dem demokratisch gewordenen Karthago Geldgeschäfte betrieben, ohne dass eine Verfassungsänderung deshalb eintrat. Auch ist es verkehrt die Oligarchie für zwei Staaten zu erklären, für einen der Reichen und für einen der Armen. Denn weshalb soll es gerade bei dieser schlimmer stehen, als bei der Lakonischen und jeder anderen Verfassung, wo auch nicht Alle gleich viel besitzen und nicht Alle gleich gute Menschen sind? Wenn auch Niemand ärmer geworden ist, als vorher, so gehen nichtsdestoweniger die Oligarchien in Demokratien über, wenn die Zahl der Armen wächst und ebenso verwandelt die Demokratie sich in die Oligarchie, wenn die Wohlhabenden mächtiger werden, als die Armen und jene ihren Verstand gebrauchen, während diese in den Tag hineinleben. Obgleich es so viele Ursachen giebt, weshalb die Staatsverfassungen sich verändern, so nennt Sokrates doch nur eine, nämlich wenn die Bürger wegen Verschwendung und Schuldenmachen arm geworden sind; als wenn vom Anfang ab Alle oder die Meisten reich gewesen wären. Dies ist ein Irrthum; vielmehr stiften nur die Volksführer, wenn sie ihr Vermögen verschwendet haben, Neuerungen an, während, wenn dies Andere begegnet, 267 nichts der Art geschieht; und auch dann erfolgt der Uebergang in die Demokratie nicht mehr, wie in jeder anderen Verfassungsform. Auch entstehen Aufstände und Verfassungsänderungen dann, wenn die Führer nicht an den Ehren und Würden Antheil haben, oder wenn sie verletzt und beschimpft worden sind, selbst wenn sie ihr Vermögen auch nicht verschwendet haben, obgleich sie die Macht haben, zu thun, was ihnen beliebt, während nach Sokrates hier die zu grosse Freiheit die Ursache abgeben soll. Auch bespricht Sokrates, obgleich es doch mehrere Arten von Demokratien und Oligarchien giebt, deren Veränderungen nur so, als wenn es von ihnen beiden nur eine Art gäbe.

 

Ende.

 

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