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Poetische Erzählungen

Marie de France: Poetische Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePoetische Erzählungen
authorMarie de France
translatorWilhelm Hertz
year1862
firstpub1862
publisherVerlag von Gebr. Mäntler
addressStuttgart
titlePoetische Erzählungen
pages286
created20100116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einleitung.

Mit den erobernden Normannen kam die französische Sprache in England zur Herrschaft und verdrängte mit ihrer graziösen Beweglichkeit den schwerfälligen Ernst der angelsächsischen Dichtung. Die ritterlichen Fremdlinge machten sich's bequem auf den Burgen und Gütern des bei Seite geschobenen englischen Adels, und in den Hallen, welche bisher den monotonen Vortrag einer stabreimenden Legende oder einer uralten sturmrauhen Nordlandssage vernommen hatten, ertönte jetzt der zierliche Reimgesang des höfischen Trouvere und erheiterte nun die nachsichtigen Zuhörer ein muthwilliges Fabliau oder ein erstaunliches Abenteuer fahrender Ritterschaft. Die sächsische Sprache hatte sich aus der Literatur in das Leben des niederen Volkes zurückgezogen, wo sie sich erst nach jahrhundertelangem X Widerstand zu einem ebenbürtigen Kampf mit der Sprache der Eroberer emporzuraffen vermochte.

Während aber der Streit noch auf die tieferen Schichten der Gesellschaft beschränkt war, entfaltete sich in den höheren die normannische Sprache in eigenthümlicher Dialektform zu einem reichen und feinentwickelten Kunstleben und trieb unter dem Schutz des Hofes, wo Heinrich I. Beauclerc mit seinen Frauen Mathilde und la bele Alice, wo Stephan, Heinrich II., wo Richard Löwenherz, der königliche Trubadur, und nach ihm besonders Heinrich III. den Sängern ehrenvolle Gastlichkeit gewährten, die schönsten Blüthen vorzugsweise erzählender Dichtung. Man bezeichnet diese Sprach- und Literaturperiode mit dem Namen anglonormannisch und sie war es, welche auch die junge englische Poesie in Sold und Nahrung nahm, so daß sich diese erst gegen das Ende des Mittelalters in Chaucer zu einer selbstständigen Stellung emancipierte.

Die Stoffe, welche die anglonormannische Dichtung behandelte, waren neben den Mährchen von Karl dem Großen und den zwölf Pairs, neben den alten Stammesüberlieferungen von Rollo und seinen wilden Enkeln, neben vielen andern aus der Fremde und namentlich aus Frankreich herüberverpflanzten Erzählungen vorzüglich die wälisch-bretonischen Sagen, welche hier mit dem größten Interesse gepflegt und bald in den XI manichfaltigsten Formen durch das ganze Abendland verbreitet wurden. Die großen Epen von Arthur, Parcival, Lanzelot und Tristan sind allenthalben bekannt, weniger bekannt mögen die kleineren Erzählungen sein, von denen ich als Probe die vorliegenden Lais der Marie de France ausgewählt habe, Dichtungen, welche mir in Stoff und Form würdig scheinen, als Repräsentanten normannischer Erzählungskunst, die so manches Ohr und Herz in den Jahrhunderten des Mittelalters ergötzte, der deutschen Uebersetzungsliteratur, welche das Schöne und Charakteristische aller Völker und Zeiten in sich vereinigen soll, ohne Bedenken einverleibt zu werden.

Die Nachrichten über die Person der Verfasserin fließen wie bei den meisten Dichtern des Mittelalters äußerst spärlich. Es werden ihr drei Werke zugeschrieben, sämmtlich in Handschriften des dreizehnten Jahrhunderts erhalten. In zweien nennt sie sich einfach Marie, im dritten setzt sie noch ihr Geburtsland bei:

Al finement de cest escrit,
Que en romanz ai traite e dit,
Me numerai pur remembrance:
Marie ai nun si sui de France.
Am Schlusse dieser Schrift, welche ich in romanischer Sprache behandelt und erzählt habe, will ich mich zum Angedenken nennen: Marie heiß ich und bin aus Frankreich. (Schluß der Fabelsammlung.)

XII Daher gaben ihr die französischen Gelehrten, welche sich zuerst mit ihr beschäftigten, den nunmehr in der Literatur eingebürgerten Namen Marie de France. Jene Werke sind aber folgende:

  1. Der sogenannte Isopet, der kleine Aesop, eine Sammlung gereimter Fabeln, einem Grafen Wilhelm, »dem Tapfersten des Königreichs« gewidmet;
  2. eine über 3300 Verse umfassende Bearbeitung der vielverbreiteten Legende von Ritter Owen im Fegefeuer des heiligen Patricius (L'espurgatoire Seint Patriz), einem ungenannten Edelmann gewidmet, und endlich
  3. die Sammlung von Lais oder poetischen Erzählungen, welche wir vor uns haben, einem ungenannten König dediciert.

In jenem Grafen »Willame, ki flourz est de chevalerie,« haben Einige den Bastardbruder Richards I., Wilhelm Langschwert, Grafen von Salisbury und Romare († 1226) erkennen wollen. Es ist jedoch durch das Zeugniß eines gleichzeitigen flandrischen TrouveresDer ungenannte Verfasser des Renard couronné schrieb sein Werk für den preu vaillant comte Williaume, qui jadis fu comte de Flandres und sagt am Schlusse, daß er es ihm widme, »come Marie, qui pour lui traita d'Isopet.« S. Dinaux, Les Trouvères de la Flandre, p. 310. Die Ansicht Roberts (Tables inédites, Paris 1826, Vol. I, Préliminaires), beide Dichter wenden sich an den ziemlich obscuren Grafen Guillaume d'Ypres (um 1119) ist aus sprachlichen Gründen unhaltbar. mehr als XIII wahrscheinlich geworden, daß Wilhelm von Dampierre, Graf von Flandern, gemeint ist, ein in Krieg und Kreuzfahrt hochberühmter Held und freigebiger Gönner des Gesanges, der nach manichfachen Abenteuern zu See und Land in einem Turnier auf Schloß Trazegnies unter den Hufen der Rosse seinen Tod fand (3. Sept. 1251).

Unsere Lais dagegen sind in England geschrieben, was unläugbar aus wiederholten englischen WorterklärungenSo am Anfang des Lai du Laustic:

Une aventure vus dirai,
Dunt li Bretun firent un lai;
L'austic ad nun, ceo m'est avis,
Si l'apelent en lur pais;
Ceo est roisinurs en Franceis
E nihtegale en dreit Engleis.

Hier wird also der Ausdruck für Nachtigall in den drei Nachbarsprachen angeführt: bretonisch eaustic, französisch roisinurs (lusciniolus; nicht reisun, wie die Handschrift hat), englisch nihtegale, jetzt nightingale. – Ferner am Schluß des Lai du Chevrefoil:

Gotlef l'apelent en Engleis,
Chevrefoil le nument Franceis.

und der Bezeichnung des Festlands als »jenseits« (de la) hervorgeht.Tutes les teres de la. Milun v. 332. Jener »edle König«, dem Marie die Sammlung widmet, ist also ein Herrscher von England und zwar ohne Zweifel Heinrich III. (1216–1272).

XIV Fassen wir kurz die Personalien unserer Dichterin zusammen. Sie ist geboren in Frankreich – und zwar, ihrer Sprache nach, in der Normandie –, von adlichem Stamm, was außer ihrer Bildung ihr Verkehr mit Grafen und Königen und der ihr von Denis Pyramus (siehe p. XVI) beigelegte Titel Dame beweisen; sie lebte an den Höfen von Flandern und England, und schrieb eines ihrer Werke zu Lebzeiten des Grafen Wilhelm von Dampierre, also vor der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. – Alles Weitere fällt in's Gebiet der Hypothese.So die in der Histoire litteraire de la France T. XIX, p. 793 ausgesprochene, von Dinaux (les Trouvères de la Flandre p. 310) und Wolf (Ueber die Lais p. 54) recipierte Ansicht, unsere Dichterin sei identisch mit der von dem altfranzösischen Satiriker Jehan Dupin citierten Marie de Compiegne. Dupin beginnt sein Evangile as fames, eine scharfe Invektive gegen das schöne Geschlecht, mit dieser ironischen Strophe:

L'euvangile des femmes si est et bonne et digne;
Femme ne pense mal, ne nonne, ne beguine,
Ne que fait le renart, qui frappe la geline,
Si come le raconte Marie de Compiegne.
        (Dinaux, Trouvères de la Flandre p. 310.)

An einer andern Stelle heißt es:

L'evangile des femmes jeo veil vous recorder;
Moult grand prouffit si a, qui le veult escouter:
Cent jours dehors pardon si porroit conquester,
Marie de Compiegne le conquist oultre mer.
        (Histoire litteraire de la France T. XIX, p. 793.)

Diese Marie de Compiegne, welche die Fabel erzählt, wie der Fuchs die Henne berückt, soll unsere Erzählerin sein; demnach wäre sie aus dem Herzen des alten Frankreich, aus Isle de France; dem widerstreitet aber ihre normannische Sprache, welche sie nicht bloß in ihren für Anglonormannen bestimmten Lais, sondern auch in ihren an den Grafen von Flandern gerichteten Fabeln anwendet; überdieß findet sich im Isopet von Marie de France keine Fabel von Fuchs und Henne. Den Ausdruck oultre mer möchte man wohl gerne auf Marie's Reise nach England deuten, allein dieser bezieht sich fast ausnahmslos auf Palästina, und hier, wo es sich um die Erwerbung eines Ablasses handelt, ist sicher nichts anderes gemeint. Wir haben es hier also wohl mit einer altfranzösischen Fabeldichterin zu thun, von der wir bis jetzt nichts Näheres wissen.

Eine weitere Hypothese, Marie de France sei Marie Gräfin von Champagne, Tochter Eleonors, der bekannten Gemahlin Heinrichs II. von England, und ihres ersten Gatten Louis VII. von Frankreich, siehe bei Turner, History of England, VII, 304, Note 31. – Im Falle sich Jemand dafür interessierte, unsere Erzählerin als die Heldin eines romantischen Gedichtes kennen zu lernen, verweise ich auf The Lay of Marie von Mathilde Betham (printed for Rowland Hunter, London 1816), der Verfasserin des Biographical Dictionary of the celebrated Women of every age and country, London 1804.

XV Wenn wir uns aber für ihre Person auf die bisherigen Angaben beschränken müssen, so sind uns doch für die Erfolge ihrer Werke gewichtige Zeugnisse erhalten. Denis Pyramus nämlich, einer von Maries Zeitgenossen, führt sie am Eingang seiner gereimten Lebensgeschichte des heiligen Edmund unter den ersten Lieblingsschriftstellern des Adels auf. Nach Ankündigung seines Vorhabens eine ernste und wahre Geschichte zu erzählen, wirft er einen tadelnden Seitenblick auf die bewunderten Dichter des Tags, deren Werke trotz der gelungenen Reime eitel Lug und Trug enthalten, als Beispiel erwähnt er den Verfasser XVI des berühmten Feengedichtes Parthenopex de BloisDoch ohne seinen Namen zu nennen. Die Stelle wurde von den französischen Literarhistorikern dahin mißverstanden, als ob Denis Pyramus sich selbst zur Autorschaft des Parthenopex bekenne. und gleich nach ihm Marie de France:

E dame Marie autresi,
Ki en ryme fist e basti
E composa les vers de lays,
Ki ne sunt pas de tut verais,
Si en est ele mult loée
E la ryme par tut amée.
Kar mult l'aiment si l'unt mult cher
Cunte, barun e chivaler
E si en aiment mult l'escrit,
Lire le funt si unt delit
E si les funt sovent retreire.
Ses lays solent as dames pleire,
De joie les oient e de gré (?),
Qu'il sunt sulum lur volenté.
Und Dame Marie ebenfalls, die in Reimen schuf und baute und verfaßte die Verse der »Lais,« die ganz und gar nicht wahr sind; und doch wird sie darum viel gelobt und ihr Reim allenthalben geliebt. Denn gar sehr lieben sie und halten sie werth Grafen, Barone und Ritter. Diese lieben sehr ihre Schriften, lassen sie lesen und haben ihre Lust daran und lassen sie häufig recitieren. Ihre Lais pflegen den Damen zu behagen, mit Freude hören sie dieselben und mit Wohlgefallen, denn sie sind ganz nach ihrem Sinne. La vie Seint Edmund le rey, Pergamenthandschrift des britischen Museums (Bibl. Cotton. Domitian. A. XI, 4) v. 25 ff.

XVII Die Lais werden hier als das beliebteste und verbreitetste Werk von Marie bezeichnet und wenn es für diesen Ausspruch eines Beweises bedürfte, so könnte es keinen bessern geben, als die Thatsache, daß dieselben kurz nach ihrem Entstehen auf Befehl des norwegischen Königs Haakon Haakonssohn (1217–1263) in's Altnordische übersetzt wurden.Die unter dem Namen Strengleikar bekannte Sammlung der in Prosa übersetzten Lais haben Keyser und Unger herausgegeben, Christiania 1850. – Das Wort lai oder lay (irisch laidh mit stummem dh) bedeutet ursprünglich Lied, Gedicht und zwar speciell Volksgesang, episches Volkslied, weiterhin aber wurde die Bezeichnung auf diejenigen Producte der Kunstpoesie ausgedehnt, welche Volkslieder zur Quelle oder zum Muster hatten,Siehe ausführlich hierüber bei F. Wolf, Ueber die Lais, Sequenzen und Leiche, Heidelberg 1841. und in letzterem Sinne findet das Wort auf die poetischen Erzählungen von Marie de France Anwendung. Marie verfaßte dieselben, wie sie selbst bei jedem einzelnen gesteht, nach »Liedern im Bretonenmund,« welche seitdem alle, mit Ausnahme eines einzigen,Des Lai de L'austic, siehe den Anhang. verloren gegangen sind. Die Auswahl die sie dabei getroffen, macht ihrem dichterischen Gefühl alle Ehre; denn bis auf wenige, mit denen sie den Wunderlichkeiten des Zeitgeschmacks ihren Tribut XVIII zollte,Ich habe dieselben in den prosaischen Anhang verwiesen. zeichnen sich ihre Stoffe durch einheitliche Handlung, durch anmuthige oder merkwürdige Begebenheiten, durch ein tiefer gehendes psychologisches Interesse vortheilhaft vor der Mehrzahl der übrigen aus. Daß Marie diese ihre Quellen nicht einfach aus dem Bretonischen in's Normannische übersetzte, liegt in der Natur der Sache. Denn während es dem Volkslied und der schlichten Volkssprache überhaupt charakteristisch ist, mehr zu erzählen, als zu erklären, die Ereignisse mit wenig kecken, unvermittelten Zügen vorzuführen, die aus dem Gemüth hervorgehenden Handlungen schlechthin als etwas Fertiges hinzustellen oder ihre innern Gründe höchstens in kurzen, lyrischen Tönen anklingen zu lassen, – finden wir bei Marie eine künstlerische Durchbildung des Stoffs, welche keine Lücken, keine Räthsel duldet, eine liebevolle Versenkung in die Gemüthswelt, eine feine Dialektik der Leidenschaft, ein episches Behagen der Erzählung ohne Geschwätzigkeit, eine Klarheit und Gewandtheit der Sprache, – Alles Eigenschaften, welche ihren Werken den Werth selbstständiger Schöpfungen sichern. Bei aller Kunstvollendung hat sie aber die Frische und Wahrheit der Empfindung, die Naivität der Darstellung keineswegs eingebüßt, und mit modernen Augen angesehen wird XIX ihre Erzählungsweise gar Manchem mit der des Volks in Sage und Märchen zusammenfallen. Mag man sie immerhin in diesem Sinne genießen und, wenn man sich an dem kindlich einfachen Ton erfreut, auch die kindliche Freiheit manches Ausdrucks mit nachsichtigem Lächeln in den Kauf nehmen. Es ist ein eigenthümliches Zeichen der Zeit, daß ein Dichter des neunzehnten Jahrhunderts eine Dichterin des dreizehnten nicht ohne eine derartige Bevorwortung seinen Lesern vorführen darf, daß ein Mann unserer Zeit prüder sein muß als eine Frau des Mittelalters. Man war in jenen Tagen so ehrlich, die Liebe nicht für einen Geist ohne Fleisch und Blut auszugeben, und die Berechtigung unseres irdischen Theils wurde trotz der mönchischen Askese von unstudierten Laien noch frischweg, wie bei den Alten, in vollkommener Unbefangenheit vorausgesetzt, daher denn auch die Besten sich nicht scheuten, für die noch unanstößige Vorstellung den wahren Ausdruck zu brauchen. Es wäre höchst unbefugt, aus dieser Offenheit des Mundes auf eine Leichtfertigkeit des Herzens zu schließen, wie heutzutage, wo sich die verschwiegene Phantasie dieses Gegenstands alleinherrisch bemächtigt hat. Wir wollen zwar nicht verkennen, daß mit jener Freiheit von den mittelalterlichen Dichtern da und dort Mißbrauch getrieben wurde, aber Marie de France ist über diesen Vorwurf erhaben. Daß sie das XX Bild reinster Weiblichkeit in der Seele trug, das beweisen ihre zarten, innigen Frauengestalten, unter denen Frêne und Guildeluec dem Schönsten beizugesellen sind, was Wirklichkeit und Einbildungskraft in dieser Richtung geschaffen haben, – das beweist vor Allem ihre ethische Auffassung der Ehe, worin sie mit der Mehrheit der Fabliauxdichter in entschiedenen Gegensatz tritt. Weit entfernt, in der Darstellung des Ehebruchs ihren Witz zu üben, premiert sie an ihm den Begriff der Schuld und die innere Nothwendigkeit einer sühnenden Strafe; am deutlichsten zeigt sich dieß im Lied von Equitan, wo die Untreue sich selbst ein tragisches Ende bereitet, und im Lied vom Werwolf, wo selbst das unheimliche Treiben des Gemahls den Verrath der Frau nicht entschuldigt. Nur in dem einen Falle zeigt sich die Dichterin nachsichtig, wo auch das Gesetz mit Milde verfuhr, – wenn nämlich die Frau mißhandelt wurde, wenn sie der eifersüchtige Ehemann mit schmählichem Mißtrauen ihrer persönlichen Freiheit beraubte und ihr damit die moralische Freiheit gab, ihm als ihrem Feind zuwiderzuhandeln, sofern sie es vermöchte. Gegen dieses Verfahren blinder Eifersucht äußert sich Marie mit Hohn und Unwillen und sieht in der Selbsthülfe der Frau eine gerechte Vergeltung der Männertyrannei, welche wohl Pflichten beansprucht, ohne Rechte zu gewähren, und diesem angemaßten, künstlichen XXI Zwang gegenüber verficht sie das Recht der Natur, die Freiheit des gekränkten Herzens. Wer hier einen Grund zu Vorwürfen finden will, der mag dieselben überhaupt der damaligen Zeit machen, in welcher unsere Dichterin athmete, und sein Gewissen mit kulturhistorischen Betrachtungen beruhigen.

Was die Anzahl der Lais betrifft, so halte ich nur die in der Haupt-Handschrift des britischen Museums (Harleiana Nr. 978) enthaltenen zwölf für echt; die mit Unrecht unserer Dichterin zugeschriebenen Lais de Graelent und de l'épine habe ich in der Uebersetzung unberücksichtigt gelassen.

Mein Verständniß des von RoquefortPoésies de Marie de France, publiées par B. de Roquefort, Paris 1832, T. I. unglaublich schlecht edierten Textes wurde theils durch eine von mir selbst vorgenommene sorgfältige Collation der Londoner und Pariser Handschriften, theils durch die bereitwillige Unterstützung des Herrn Professor Conrad Hofmann in München wesentlich gefördert, welch letzterem ich für seine unermüdlich freundschaftlichen Bemühungen zum tiefsten Danke verpflichtet bin.

Indem ich nun das Buch in die Hände des Publikums lege, glaube ich insofern auf eine nachsichtige XXII Entgegennahme Anspruch machen zu können, als ich der Erste bin, der in diesem Gebiet als Uebersetzer auftritt, und ich würde mich für meine Mühe reichlich belohnt wissen, wenn es mir gelingen sollte, für die reiche Erzählungsliteratur des Mittelalters ein neues Interesse in weiteren Kreisen anzuregen. XXIII

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