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Friedrich Schleiermacher: Platons Werke - Kapitel 85
Quellenangabe
typetractate
booktitlePlatons Werke
authorFriedrich Daniel Ernst Schleiermacher
firstpub1817-26
year1984-87
publisherAkademie Verlag
addressBerlin
titlePlatons Werke
created20060311
sendergerd.bouillon
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Sokrates: Also der Begriff des bewirkenden ist nur dem Namen nach von dem der Ursache verschieden, und das Bewirkende und Ursächliche würde mit Recht eines genannt.

Protarchos: Mit Recht.

(27) Sokrates: Eben so das Bewirkte und das Werdende finden wir gewiß auch, wie das obige, nur dem Namen nach verschieden. Oder wie?

Protarchos: Allerdings so.

Sokrates: Und das Bewirkende führt doch immer an, seiner Natur nach, das Bewirkte aber folgt als werdendes jenem.

Protarchos: Freilich.

Sokrates: Ein anderes also und nicht dasselbe ist die Ursache, und das der Ursache bei dem Werden dienende.

Protarchos: Wie anders?

Sokrates: Also das Werdende und das woraus wird insgesamt stellten uns jene drei Begriffe dar.

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Was aber nun jenes sämtlich bildet, wollen wir für das vierte erklären, die Ursache, als hinlänglich für verschieden von jenen anerkannt.

Protarchos: Das wollen wir.

Sokrates: Gut wäre es nun wohl, nachdem wir sie alle viere bestimmt haben, wenn wir sie wegen besserer Erinnerung jedes Einzelnen noch einmal der Reihe nach aufzählten.

Protarchos: Sehr gut.

Sokrates: Den ersten also nenne ich das Unbegrenzte, den zweiten die Begrenzung, dann den dritten aus diesen das gemischte und gewordene Sein; und wenn ich nun der Mischung und des Werdens Ursache den vierten nenne, würde ich dann wohl fehlen?

Protarchos: Wie solltest du?

Sokrates: Wohl! worauf geht nun weiter unsere Rede? und weshalb sind wir hierauf gekommen? War es nicht dieses, daß wir, wem der zweite Preis zukäme, untersuchen wollten, ob der Lust oder der Vernünftigkeit? War es nicht so?

Protarchos: So war es freilich.

Sokrates: Können wir nun nicht jetzt, nachdem wir dies so unterschieden, vielleicht auch das Urteil richtiger abfassen über das erste und zweite, worüber wir vorher im Streit waren.

Protarchos: Vielleicht.

Sokrates: Wohlan! als Sieger erkannten wir doch das gemischte Leben aus Lust und Vernunft. War es nicht so?

Protarchos: Es war.

Sokrates: Und dieses Leben sehen wir doch leicht was für eines es ist, und von welcher Gattung.

Protarchos: Wie sollten wir nicht!

Sokrates: Und werden wohl denke ich behaupten, es sei ein Teil unserer dritten Gattung. Denn nicht aus irgend zweien gemischt ist jene, sondern aus allem unbegrenzten von der Begrenzung gebundenem, so daß mit Recht dieses gekrönte Leben ein Teil von jener wäre.

Protarchos: Mit ganz vollkommenem Recht.

Sokrates: Wohl! wie aber nun deines, o Philebos, was nur angenehm und ungemischt ist, unter welche von den beschriebenen Gattungen würden wir es zu setzen haben um es richtig zu setzen? Antworte mir aber so, ehe du dich erklärst.

Philebos: Sprich nur.

Sokrates: Haben wohl Lust und Unlust eine Grenze? oder gehören sie zu dem das Mehr und minder aufnehmenden?

Philebos: Ja zu dem das Mehr, o Sokrates. Denn die Lust wäre ja auch nicht alles Gute, wenn sie nicht unbegrenzt wäre, sowohl der Menge als dem Grade nach.

Sokrates: Und so doch auch die Unlust, o Philebos, nicht alles Übel. So daß wir wohl auf etwas anderes sehen müssen, als auf die Natur des unbegrenzten, um den Lüsten einen Anteil (28) an dem Guten zu sichern. Aus diesem unbegrenzten also sei sie dir hervorgegangen. Vernunft aber und Erkenntnis und Einsicht, welchem von den vorherbeschriebenen, o Protarchos und Philebos, müssen wir diese wohl beigesellen um nicht zu freveln? Denn es dünkt mich nicht wenig darauf zu beruhen, ob wir über diese Frage richtig entscheiden oder nicht.

Philebos: Du willst eben deinen Gott recht hervorheben und verherrlichen, o Sokrates.

Sokrates: Auch du Freund deine Göttin. Das gefragte aber ist uns doch zu beantworten.

Protarchos: Daran sagt Sokrates ganz recht, und wir müssen ihm gehorchen.

Philebos: Für mich aber hast du dich ja schon anheischig gemacht zu reden, Protarchos.

Protarchos: Freilich wohl. Jetzt aber weiß ich fast keinen Rat und bitte dich Sokrates, du wollest selbst unser Wortführer sein, damit wir nicht gegen deinen Kämpfer uns versündigend etwas mißtöniges vorbringen.

Sokrates: Darin muß ich dir Folge leisten, o Protarchos; auch legst du mir nichts schweres auf, sondern ich habe in der Tat, wie Philebos sagt, dich im Scherz durch Feierlichkeit aus der Fassung gebracht, als ich fragte, zu welcher Gattung Vernunft und Erkenntnis gehörten.

Protarchos: Das hast du freilich sehr, o Sokrates.

Sokrates: Es ist aber gar leicht. Denn alle Weisen stimmen darin zusammen, recht um sich selbst zu verherrlichen, daß die Vernunft der König ist Himmels und der Erden. Und vielleicht haben sie Recht. Laß uns aber ausführlicher die Untersuchung über ihre Gattung anstellen.

Protarchos: Führe sie nur wie du willst, und wende nicht vor, sie wäre zu lang; denn dadurch wirst du uns nicht zuwider sein.

Sokrates: Wohl gesprochen! und laß uns etwa mit dieser Frage anfangen.

Protarchos: Mit welcher?

Sokrates: Ob wir wohl, o Protarchos, sagen wollen, über alles insgesamt und über dies sogenannte Ganze walte die Gewalt des Vernunftlosen und des Zufälligen und das Ohngefähr, oder im Gegenteil, wie auch unsere Vorfahren gesagt haben, eine wundervolle Vernunft und Einsicht beherrsche alles anordnend?

Protarchos: Gar ist ja beides nicht zu vergleichen, du wunderbarer Sokrates; denn was du jetzt sagst, ist ja nicht einmal erlaubt. Zu sagen aber, daß Vernunft es alles anordnet, ziemt dem, der Welt und Sonne, Mond und Sterne und den ganzen Umschwung anschaut, und nie möchte ich etwas anderes darüber sagen oder glauben.

Sokrates: Willst du also, daß auch wir mit den Früheren einstimmend behaupten, dies verhalte sich so, und zwar nicht nur in der Meinung wir könnten wohl fremdes ohne Gefahr nachsagen, (29) sondern daß wir auch mit die Gefahr tragen und den Tadel teilen, wenn ein gewaltiger Mann sagt, es verhalte sich so nicht, sondern ganz unordentlich.

Protarchos: Wie sollte ich das nicht wollen!

Sokrates: So komm und sieh was uns hierüber nun weiter folgt.

Protarchos: Sage nur.

Sokrates: Was zur Natur der Leiber aller Lebendigen gehört, Erde, Feuer, Wasser und auch Luft, wie die Beklommenen rufen, finden wir doch in der Zusammensetzung des Ganzen.

Protarchos: Gar recht. Denn beklommen sind wir wahrhaftig auch aus Ratlosigkeit in unsern jetzigen Verhandlungen.

Sokrates: Wohl! Von dem allen nun, wie es in uns ist nimm nur dieses an.

Protarchos: Was doch?

Sokrates: Daß von diesen jegliches sich nur gar sparsam in uns findet und schlecht; und nirgend irgend etwas rein und den seiner Natur eigenen Kräften ganz entsprechend. Nimm es nur an einem recht wahr, und sieh dann wie es überall dasselbe ist. Wie Feuer ist doch in uns, und ist auch in dem Ganzen?

Protarchos: Wie sollte es nicht?

Sokrates: Und nicht wahr, wenig ist doch dessen in uns, und schwaches und schlechtes; das aber in dem Ganzen ist bewundernswürdig viel und schön und in der vollen Kraft, welche dem Feuer zukommt?

Protarchos: Ganz richtig ist was du sagst.

Sokrates: Wie aber? nährt sich etwa und entsteht aus diesem, und wird beherrscht das Feuer des Ganzen von dem Feuer in uns? oder im Gegenteil hat nicht von jenem das meinige und deinige und das aller andern Lebendigen eben alles dieses?

Protarchos: Diese Frage verdient nicht einmal eine Antwort.

Sokrates: Ganz recht; und dasselbige denke ich wirst du auch sagen von der Erde in den Lebendigen hier und der im Ganzen, und von allem übrigen wonach ich nur eben fragte. Antwortest du so?

Protarchos: Wen dürfte man wohl für ganz bei Sinnen halten, wenn er anders antwortete?

Sokrates: Wohl niemanden. Aber folge nun auch dem nächsten. Alles eben erwähnte, wenn wir es in Eins verbunden sehen, nennen wir es dann nicht Leib?

Protarchos: Wie sollten wir nicht?

Sokrates: Dasselbe nimm nun auch an, von dem was wir Welt nennen. Denn ganz auf dieselbe Weise wäre es doch auch ein Leib, da es zusammengesetzt ist aus demselbigen.

Protarchos: Vollkommen richtig.

Sokrates: Wird nun wohl von diesem Leibe insgesamt unser Leib, oder von dem unsrigen jener genährt werden, und was wir vorhin schon davon sagten, erhalten und haben?

Protarchos: Auch dies, o Sokrates, ist gar nicht der Frage wert.

Sokrates: Etwa aber folgendes mehr? Oder was wirst du sagen?

(30) Protarchos: Laß nur hören was.

Sokrates: Unser Leib, wollen wir nicht sagen, der habe eine Seele?

Protarchos: Offenbar wollen wir das.

Sokrates: Woher aber, o lieber Protarchos, sollte er sie erhalten haben, wenn nicht auch des Ganzen Leib beseelt wäre, dasselbe habend wie er, und noch in jeder Hinsicht trefflicher?

Protarchos: Offenbar wohl nirgends anders her, o Sokrates.

Sokrates: Denn wir glauben doch nicht, o Protarchos, daß jene vier, die Begrenzung und das Unbegrenzte und das Gemeinsame und der Begriff der Ursache, welcher allen insgesamt als das vierte einwohnt, daß dieser bei uns zwar, die Seele bildend, und die Leibesstärke hervorbringend und des kränkelnden Leibes Heilkunst, und anderwärts anderes zusammensetzend und herstellend, deshalb die gesamte und vielfältige Weisheit genannt wird, daß aber, wiewohl eben dasselbe alles im ganzen Himmel sich findet in großen Massen und noch dazu schön und rein, es dort nicht sollte Rat gewußt haben für die Hervorbringung des schönsten und vortrefflichsten?

Protarchos: Das ließe sich ja keinesweges denken.

Sokrates: Also wenn das nicht ist, würden wir wohl jener Rede folgend richtiger sagen, daß, wovon wir nun schon so oft gesprochen haben, des Unbegrenzten in dem Ganzen gar vieles ist, und auch Begrenzung genug, und außer diesen eine nicht schlechte Ursache, welche Jahre und Jahreszeiten und Monate ordnend und bestimmend und mit vollem Rechte Weisheit und Vernunft kann genannt werden.

Protarchos: Mit vollem Recht freilich.

Sokrates: Weisheit und Vernunft aber können doch ohne Seele unmöglich sein?

Protarchos: Freilich nicht.

Sokrates: Also in der Natur des Zeus, wirst du sagen, wohne eine königliche Seele und königliche Vernunft von wegen der Kraft der Ursache, und anderes Schöne in anderem, nenne man es wie es jeglichem lieb ist.

Protarchos: Gewiß.

Sokrates: Und diese Rede, o Protarchos, glaube ja nicht daß wir etwa umsonst herbeigeführt haben, sondern sie ist zuerst jenen schon längst ausgesprochenen, daß immer über das Ganze Vernunft herrscht, genau verbündet.

Protarchos: Das ist sie gewiß.

Sokrates: Und dann hat sie auch die Antwort hergegeben auf meine Frage, daß nämlich die Vernunft zu der als das Ursächliche in allem beschriebenen Gattung gehört unter den vieren, von denen uns diese auch eine war. Denn nun hast du ja schon unsere Antwort.

Protarchos: Und ganz befriedigend, wiewohl ich nicht gemerkt hatte, daß du antwortetest.

Sokrates: Es gewährt ja eine Erholung von dem Ernst, o Protarchos, bisweilen zu scherzen.

Protarchos: Wohl gesprochen.

Sokrates: Zu welcher Gattung also die Vernunft gehört, und welche Kraft sie besitzt, das ist uns nun ja wohl gehörig erklärt.

(31) Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Und die Gattung der Lust hat sich uns ja auch schon längst gezeigt.

Protarchos: Ja freilich.

Sokrates: Laß uns aber auch dieses von beiden wohl im Sinne behalten, daß die Vernunft der Ursach verwandt war und aus dieser Gattung, die Lust aber selbst unbegrenzt und aus der weder Anfang noch Mitte noch Ende von selbst in sich habenden noch je haben werdenden Gattung.

Protarchos: Das wollen wir behalten. Wie sollten wir auch nicht!

Sokrates: Nächstdem müssen wir, worin jedes von beiden ist und durch welches Ereignis es wird, wenn es wird, wohl erwägen zuerst von der Lust, wie wir auch ihre Gattung zuerst erforscht haben, so auch dieses zuerst. Abgesondert jedoch von der Unlust möchten wir die Lust wohl schwerlich jemals gehörig erforschen können.

Protarchos: Also wenn wir diesen Weg gehn müssen, laß ihn uns gehn.

Sokrates: Dünkt dich nun wohl von ihrer Entstehung dasselbe, wie mich?

Protarchos: Was doch?

Sokrates: In der Gattung des gemischten scheinen mir ihrer Natur gemäß Lust und Unlust zugleich zu entstehen.

Protarchos: Das gemischte, lieber Sokrates, bringe uns nochmals in Erinnerung, welches von den vorher beschriebenen du dadurch bezeichnen willst.

Sokrates: Das soll nach Vermögen geschehen, du Wunderbarer.

Protarchos: Wohl gesprochen.

Sokrates: Unter dem gemischten also wollen wir das verstehen, was wir unter den vieren als das dritte aufgeführt haben.

Protarchos: Was du nach dem Unbegrenzten und der Begrenzung aufstelltest, wohin du auch die Gesundheit glaube ich und die Zusammenstimmung rechnetest?

Sokrates: Sehr schön gesagt. Nun aber merke möglichst auf.

Protarchos: Rede nur.

Sokrates: Ich sage also, daß wenn die Zusammenstimmung in den Lebendigen aufgelöst wird, zugleich auch eine Auflösung der Natur und eine Erzeugung von Schmerz alsdann erfolge.

Protarchos: Das läßt sich hören.

Sokrates: Wird sie aber wiederum gestimmt, und geht in ihre eigentümliche Natur zurück, dann, müssen wir sagen, entsteht Lust, wenn wir über das größte in wenigen Worten aufs schleunigste uns erklären sollen.

Protarchos: Ich glaube wohl, daß du richtig erklärst, o Sokrates. Laß uns aber doch versuchen, dasselbe noch einleuchtender zu sagen.

Sokrates: Also, das alltägliche und augenscheinliche ist doch am leichtesten zu erkennen?

Protarchos: Welches?

Sokrates: Der Hunger ist doch eine Auflösung und Unlust.

Protarchos: Ja.

Sokrates: Wenn aber durch Speise wieder eine Erfüllung entsteht, so ist das Lust.

Protarchos: Ja.

Sokrates: Der Durst wiederum ist Verderben und Unlust; und die das ausgetrocknete wieder mit Feuchtigkeit anfüllende Tätigkeit ist Lust. Wiederum die Zergehung und Auflösung, welche widernatürlich in der Hitze bewirkt wird, ist Unlust, (32) die naturgemäße Wiederherstellung aber und Erfrischung ist Lust.

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Auch im Frost ist die dem Lebendigen widernatürliche Erstarrung der Feuchtigkeiten Unlust; treten sie aber wieder in den vorigen Zustand zurück und zergehen, so ist diese naturgemäße Veränderung Lust. Und mit einem Wort, sieh zu, ob dir die Erklärung gerecht ist, welche aussagt, daß wenn die aus dem Unbegrenzten und der Begrenzung gemäß der beseelten Natur entstandene Art, welche ich in dem vorigen schon erklärt habe, verdirbt, ihre Verderbnis Unlust sei, der Weg aber in ihr Sein und Bestehen, diese Rückkehr wiederum sei in allem Lust.

Protarchos: So sei es; denn das scheint mir doch eine Gepräge zu haben.

Sokrates: Dies also wollen wir setzen als Eine Art von Lust und Unlust in diesen beiderlei Zuständen.

Protarchos: Es stehe fest.

Sokrates: Denke dir nun aber auch in Bezug auf die Erwartung dieser Zustände das Vorgefühl der Seele selbst vor dem angenehmen angenehm und ermutigend, das vor dem unlustigen aber fürchtend und schmerzlich.

Protarchos: Dies ist also eine andere Art von Lust und Unlust, welche ganz abgesondert von dem Leibe der Seele allein durch die Erwartung entsteht.

Sokrates: Richtig aufgefaßt. Und an diesen Zuständen glaube ich nach meiner Meinung wenigstens, da beide rein entstehen wie es scheint und unvermischt Lust mit Unlust, wird offenbar werden, wie es um die Lust steht, ob die ganze Gattung begehrungswert ist, oder ob dieses wohl nur einer andern von unsern vorher beschriebenen Gattungen beizulegen ist, der Lust und Unlust aber, wie dem warmen und kalten und allem dergleichen, nur daß sie bisweilen wohl begehrungswert ist, bisweilen aber auch wieder nicht, weil sie nämlich Güter wohl nicht sind, bisweilen aber doch und einige von ihnen die Natur des Guten annehmen können.

Protarchos: Ganz richtig sagst du, daß auf diesem Wege irgendwie das herauskommen muß worauf wir Jagd machen.

Sokrates: Zuerst nun laß uns dieses bedenken, daß wenn wirklich, wie wir sagten, Schmerz ist wenn das Lebende verdirbt, und wenn es sich wieder herstellt Lust, wir doch in Bezug auf die welche eben jetzt weder verderben noch sich wiederherstellen, überlegen müssen, was für eine Beschaffenheit wohl jedes Lebendige dann an sich haben muß, wann es ihm auf diese Art ergeht. Gib aber sehr wohl Acht, und sage, ist es nicht ganz notwendig, daß in dieser Zeit jegliches Lebendige eben so wenig Lust haben kann als Unlust, weder viel noch wenig?

Protarchos: Notwendig freilich.

(33) Sokrates: Also gibt es für uns noch einen dritten solchen Zustand, außer dem des Vergnügtseins und dem des Betrübtseins.

Protarchos: Wie sollte es nicht!

Sokrates: Wohlan, also diesen suche nur im Sinn zu behalten. Denn es kommt nicht wenig darauf an bei der Beurteilung der Lust, ob wir diesen im Sinne haben oder nicht. Ein weniges aber laß uns, wenn du willst, von ihm durchgehn.

Protarchos: Sage nur was.

Sokrates: Den der die Lebensweise der Einsicht gewählt hat, weißt du wohl, daß nichts hindert auf diese Weise zu leben.

Protarchos: Du meinst so, daß er weder vergnügt sei, noch unlustig?

Sokrates: Denn es wurde damals gesagt bei der Vergleichung der Lebensweisen, daß wer die der Vernunft und der Einsicht gewählt habe, der Lust weder viel noch wenig haben müsse.

Protarchos: So ist freilich gesagt worden.

Sokrates: So könnte es demnach um jenen stehen, und vielleicht ist es nichts wunderbares, wenn unter allen Lebensweisen diese die göttlichste ist.

Protarchos: Wahrscheinlich ist es wenigstens nicht, daß die Götter Lust haben oder das Gegenteil.

Sokrates: Gar nicht wahrscheinlich. Unziemlich für sie wäre wenigstens beides. Allein dies wollen wir hernach noch bedenken, wenn es zur Sache gehört, und wollen es der Vernunft zum zweiten Preise, wo wir doch zum ersten nicht können, zulegen.

Protarchos: Sehr richtig gesagt.

Sokrates: Nun aber, jene andere Art der Lust, welche wir der Seele allein zuschrieben, entsteht doch ganz durch das Gedächtnis.

Protarchos: Wie das?

Sokrates: Es scheint wir werden wohl zuerst vornehmen müssen, was Gedächtnis ist, und noch früher als Gedächtnis wohl die Wahrnehmung, wenn uns diese Dinge irgend deutlich werden sollen.

Protarchos: Wie meinst du das?

Sokrates: Nimm an, daß von den jedesmaligen Verkommenheiten an unserm Leibe einige in dem Leibe selbst sich verlieren, ehe sie zur Seele hindurch gelangen, so daß sie jene unteilnehmend lassen, andere aber durch beide hindurch gehend, gleichsam eine eigentümliche und beiden gemeinschaftliche Erschütterung zurücklassen.

Protarchos: Das stehe fest.

Sokrates: Wenn wir nun sagen, daß die nicht durch beide hindurch sich entstreckende unserer Seele entgehen, die aber durch beide ihr nicht entgehen, würden wir dann wohl ganz richtig sprechen?

Protarchos: Warum nicht?

Sokrates: Denn verstehe nur das Entgehen nicht so, als meinte ich hier das Entstehen eines Vergessens; denn das Vergessen ist das Aufhören der Erinnerung, und diese ist da wovon jetzt die Rede ist noch nicht entstanden; und von einem Verlust dessen zu reden was weder ist noch schon geworden ist wäre ungereimt. Nicht wahr?

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Also vertausche nur die Namen.

Protarchos: Wie?

Sokrates: Anstatt zu sagen, daß etwas der Seele entgehe, wenn sie unteilnehmend bleibt an den Erschütterungen des Leibes, so nenne dies was du jetzt Entgehen nanntest Bewußtlosigkeit.

Protarchos: Ich verstehe.

Sokrates: Wenn aber in Einer Erregung Seele und Leib gemeinschaftlich (34) begriffen sind, und so auch gemeinschaftlich bewegt werden, wenn du dann diese Bewegung wolltest Empfindung oder Wahrnehmung nennen, würdest du nicht aus der Weise reden.

Protarchos: Vollkommen richtig.

Sokrates: Also nun verstehen wir schon, was wir Wahrnehmung nennen wollen?

Protarchos: Wie sollten wir nicht.

Sokrates: Und wenn nun einer das Aufbehalten der Wahrnehmung Gedächtnis nennte, würde er wohl nach meiner Meinung richtig reden.

Protarchos: Freilich richtig.

Sokrates: Sagen wir aber nicht, daß vom Gedächtnis die Erinnerung verschieden sei?

Protarchos: Vielleicht.

Sokrates: Nicht etwa so?

Protarchos: Wie denn?

Sokrates: Wenn was der Seele mit dem Leibe zugleich begegnet ist, sie dieses ohne den Leib für sich allein möglichst zurückholt, dann sagen wir doch, daß sie sich erinnert. Nicht wahr?

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Aber auch wenn sie nachdem das Andenken sei es nun einer Wahrnehmung oder einer Kenntnis verloren gegangen war, sie dies wiederum selbst bei sich selbst wiederholt, auch dies insgesamt nennen wir doch Erinnerung oder Gedächtnis.

Protarchos: Richtig.

Sokrates: Weshalb aber dieses alles gesagt worden, das ist dies.

Protarchos: Welches doch?

Sokrates: Damit wir aufs beste und bestimmteste auffassen könnten, die Lust der Seele, abgesondert von dem Leibe, so richtig und deutlich als möglich aufzufassen und zugleich auch die Begierde. Denn um deswillen gewiß ist dieses beides erklärt worden.

Protarchos: So laß uns also, o Sokrates, das nächste nun vornehmen.

Sokrates: Vieles von der Entstehung der Lust und ihrer ganzen Gestalt müssen wir, wie es scheint, notwendig besprechen. So auch jetzt müssen wir offenbar zuerst vornehmen, was wohl die Begierde ist, und wo sie entsteht.

Protarchos: So laß es uns überlegen. Wir verlieren ja nichts dabei.

Sokrates: Allerdings verlieren wir, o Protarchos, wenn wir gefunden haben, was wir jetzt suchen, die Ratlosigkeit über alle diese Dinge.

Protarchos: Gut abgewehrt. Versuchen wir nun aber das folgende zu berichtigen.

Sokrates: Sagten wir also nicht eben, Hunger und Durst und vielerlei anderes dergleichen wären Begierden?

Protarchos: Gar sehr.

Sokrates: Was ist doch also dieses selbige in ihnen, worauf wir sehen, indem wir so sehr verschiedene Dinge mit Einem Namen benannten?

Protarchos: Beim Zeus, das ist wohl nicht leicht zu sagen, o Sokrates, doch aber muß es versucht werden.

Sokrates: Holen wir es nur wieder eben von dort her.

Protarchos: Von wo?

Sokrates: Wir sagen doch immer daß etwas durstet?

Protarchos: Freilich.

Sokrates: Und das heißt doch, daß es sich leer befindet.

Protarchos: Was denn sonst?

Sokrates: Ist nun der Durst eine Begierde?

Protarchos: Ja, nach Getränke doch?

Sokrates: Nach Getränk, oder nach Anfüllung mit Getränk?

Protarchos: Ich glaube wohl nach Anfüllung.

(35) Sokrates: Wer also von uns leer geworden ist, wie es scheint, der begehrt das Gegenteil von dem, das ihm begegnet. Denn ausgeleert wünscht er angefüllt zu werden.

Protarchos: Ganz offenbar.

Sokrates: Wie nun aber? kann wer zum erstenmal ausgeleert ist, wohl sei es nun mit der Wahrnehmung auf die Anfüllung treffen, oder sei es mit dem Gedächtnis, auf etwas was ihm weder in der gegenwärtigen Zeit begegnet, noch ihm jemals vorher begegnet ist?

Protarchos: Wie sollte das doch?

Sokrates: Aber der Begehrende begehrt ja doch etwas, sagen wir?

Protarchos: Wie sollte er nicht!

Sokrates: Also auch nicht dasselbe was ihm begegnet begehrt er. Denn er hat Durst, und das ist Ausleerung, er aber begehrt nach Anfüllung.

Protarchos: Ja.

Sokrates: Irgend etwas also an dem Durstenden muß doch irgendwie auf die Anfüllung treffen.

Protarchos: Notwendig.

Sokrates: Der Leib aber unmöglich, denn der ist ja ausgeleert.

Protarchos: Ja.

Sokrates: Also bleibt nur übrig, daß die Seele die Anfüllung trifft vermittelst des Gedächtnisses.

Protarchos: Offenbar.

Sokrates: Denn womit anders sollte sie sie treffen?

Protarchos: Es gibt wohl kaum etwas.

Sokrates: Merken wir nun wohl, was uns aus diesen Reden folgt?

Protarchos: Was doch?

Sokrates: Diese Rede behauptet, daß es eine Begierde des Leibes nicht gibt.

Protarchos: Wie so?

Sokrates: Weil sie immer ein den Zuständen jenes entgegengesetztes Streben andeutet.

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Und der Trieb wie er auf das Gegenteil des jedesmaligen damaligen Zustandes führt, offenbart doch, daß ein Gedächtnis da ist von dem Gegenteil dieses Zustandes.

Protarchos: Freilich.

Sokrates: Indem also unsere Rede die zu dem Begehrten hinführende Erinnerung aufgewiesen hat, hat sie zugleich gezeigt, daß Trieb und Begierde sowohl als die gesamte Regierung eines jeglichen Lebendigen der Seele angehören.

Protarchos: Ganz richtig.

Sokrates: Daß also unser Leib hungere oder durste oder dergleichen etwas erleide, das nimmt unsere Rede keinesweges an.

Protarchos: Völlig der Wahrheit gemäß.

Sokrates: Auch dieses aber laß uns noch über dasselbige bemerken. Diese Rede nämlich scheint uns einen eigenen Lebenszustand eben hierin offenbaren zu wollen.

Protarchos: Worin und von was für einem Leben redest du?

Sokrates: In dem angefüllt werden und ausgeleert sein und allem, was sich so auf die Erhaltung und das Verderben der Lebendigen bezieht, und wenn jemand von uns in einem von beiden begriffen Unlust hat, und dann wieder Lust, je nachdem es wechselt?

Protarchos: So ist es.

Sokrates: Wie aber nun, wenn einer sich in der Mitte von beiden befindet?

Protarchos: Wie so in der Mitte?

Sokrates: Vermöge seines gegenwärtigen Zustandes hat er zwar Unlust, erinnert sich aber des gewesenen angenehmen; so könnte er vom Schmerz Ruhe haben, er ist aber noch nicht angefüllt. Wie dann? sollen wir behaupten oder läugnen, daß er sich in der Mitte zwischen beiden Zuständen befindet?

Protarchos: Behaupten wollen wir es freilich.

Sokrates: Als lauter Unlust habend, oder Lust?

(36) Protarchos: Beim Zeus nein, sondern als von doppelter Unlust gequält, dem Leibe nach durch den unmittelbaren Zustand, der Seele nach durch das sehnsüchtige der Erwartung.

Sokrates: Wie doch, o Protarchos, hast du das gemeint mit der doppelten Unlust? Kann nicht bisweilen einer von uns der ausgeleert ist in der sicheren Erwartung stehen angefüllt zu werden, ein anderesmal aber im Gegenteil sich hoffnungslos befinden?

Protarchos: Freilich wohl.

Sokrates: Und dünkt dich nun nicht, daß er als hoffend angefüllt zu werden, sich freut wegen der Erinnerung, zugleich aber, weil ausgeleert, in derselben Zeit auch Unlust empfindet?

Protarchos: Notwendig.

Sokrates: Dann also wird der Mensch und die andern Tiere zu gleicher Zeit Unlust haben und Lust.

Protarchos: So kommt es heraus.

Sokrates: Wie nun aber, wenn der Ausgeleerte ohne alle Hoffnung ist, zur Anfüllung zu gelangen, wird nicht dann erst jener zwiefache Zustand der Unlust eintreten, welchen du eben vorhin wahrnehmend in der Meinung standest er finde schlechthin statt?

Protarchos: Vollkommen richtig, o Sokrates.

Sokrates: Diese Untersuchung also über diese Zustände wollen wir hiezu anwenden.

Protarchos: Wozu?

Sokrates: Ob wir sagen wollen, diese Empfindungen der Lust und Unlust wären wahr oder falsch, oder einige wahr andere teils nicht.

Protarchos: Wie aber, o Sokrates, könnte wohl Lust oder Unlust falsch sein?

Sokrates: Wie aber, o Protarchos, wäre dann Furcht wahr oder falsch? und Erwartungen wahr oder nicht? und Vorstellungen wahr oder falsch?

Protarchos: Vorstellungen möchte ich wohl zugeben, das andere aber nicht.

Sokrates: Wie sagst du? da werden wir wieder eine gar nicht kurze Rede aufregen müssen.

Protarchos: Darin kannst du Recht haben.

Sokrates: Aber ob sie auch zu dem vorigen sich schickt, Freund, das müssen wir doch überlegen.

Protarchos: Das wohl gewiß.

Sokrates: Allen übrigen Weitläuftigkeiten also wollen wir absagen, und allem und jedem über das gebührliche hinaus gehenden in der Rede.

Protarchos: Richtig.

Sokrates: Sage mir also, denn ich wundere mich immerfort über diese Schwierigkeiten, die wir jetzt vorgelegt haben.

Protarchos: Wie meinst du?

Sokrates: Also Lust könnte nicht einige wahr sein und andere falsch?

Protarchos: Wie ginge das wohl?

Sokrates: Also weder wachend noch im Traum gibt es nach deiner Behauptung noch im Wahnsinn oder sonst einem Zustand von Unvernunft irgend einen der wohl einmal glaubt sich wohl zu befinden, befindet sich aber gar nicht wohl, noch auch wiederum glaubt Unlust zu haben, hat aber gar keine.

Protarchos: Alle nehmen wir immer an, o Sokrates, daß sich dies alles so verhalte.

Sokrates: Aber auch mit Recht? oder müssen wir erst untersuchen, ob dies richtig so gesagt wird, oder nicht?

Protarchos: Untersuchen muß man es wohl, würde ich wenigstens behaupten.

Sokrates: Bestimmen wir aber noch genauer das eben gesagte (37) von Lust und Vorstellung. Wir nennen doch etwas vorstellen?

Protarchos: Ja.

Sokrates: Und etwas Lust empfinden?

Protarchos: Ja.

Sokrates: Und das vorgestellte ist doch auch etwas?

Protarchos: Wie sollte es nicht!

Sokrates: Und doch auch das, worüber das Lustempfindende Lust empfindet?

Protarchos: Ei freilich.

Sokrates: Und dem Vorstellenden, mag es nun richtig oder auch nicht richtig vorstellen, geht doch das niemals verloren, daß es in der Tat vorstellt?

Protarchos: Wie wäre das auch möglich!

Sokrates: So auch dem Lustempfindenden, mag es nun richtig oder auch nicht richtig empfinden, wird doch, daß es nicht in der Tat Lust empfinde, niemals verloren gehen?

Protarchos: Richtig, auch dies verhält sich so.

Sokrates: Auf welche Weise nun soll uns wohl die Vorstellung zwar gern falsch werden, oder wahr, die Lust aber allein wahr, da doch das in der Tat vorstellen und Lust haben beiden gleichermaßen zukommt?

Protarchos: Das müssen wir bedenken.

Sokrates: Etwa daß zur Vorstellung immer Wahrheit und Falschheit hinzukommt, und sie dadurch nicht nur Vorstellung, sondern auch jede eine von einer gewissen Beschaffenheit wird, meinst du, wir müssen dies bedenken?

Protarchos: Ja.

Sokrates: Nächstdem aber müssen wir auch, ob denn diese zwar von gewisser Beschaffenheit sind, Lust aber und Unlust nur was sie sind, nicht aber von einer gewissen Beschaffenheit werden, auch darüber uns einigen.

Protarchos: Offenbar.

Sokrates: Allein das ist ja gar nicht schwer zu sehn, daß auch sie von gewisser Beschaffenheit sind. Denn schon lange sagen wir ja, daß Lust und Unlust beide auch groß und klein und heftig und gelinde werden.

Protarchos: Allerdings wohl.

Sokrates: Wenn nun, o Protarchos, einer von ihnen Schlechtigkeit zukommt, so werden wir doch sagen, daß so die Vorstellung schlecht wird und auch die Lust schlecht.

Protarchos: Wie könnten wir wohl anders, o Sokrates.

Sokrates: Wie nun, wenn Richtigkeit oder das Gegenteil der Richtigkeit einer von ihnen zukommt, werden wir etwa nicht die Vorstellung wenn sie Richtigkeit hat, eine richtige nennen, und die Lust eben so?

Protarchos: Notwendig.

Sokrates: Wenn aber das vorgestellte verfehlt ist, dann müssen wir doch die verfehlende Vorstellung nicht als richtig anerkennen, noch für richtig vorstellend?

Protarchos: Wie könnten wir auch!

Sokrates: Und wie wenn wir eben so eine Lust oder Unlust in Absicht auf das woran Unlust empfunden wird oder das Gegenteil, fehlen sehen, sollen wir sie dann richtig oder gut oder mit sonst einem schönen Namen nennen?

Protarchos: Das ist freilich nicht möglich, wenn nur die Lust wird fehlen können.

Sokrates: Aber es ist doch klar, daß die Lust uns oft nicht mit einer richtigen sondern mit einer falschen Vorstellung entsteht.

Protarchos: Wie sollte sie nicht? und die Vorstellung, o Sokrates, nennen wir ja in einem solchen Falle dann falsch; nur die Lust selbst wird doch wohl nie jemand als falsch beschreiben.

(38) Sokrates: Du verteidigest ja jetzt die Sache der Lust gar eifrig.

Protarchos: Gar nicht; ich sage nur was ich gehört habe.

Sokrates: Soll uns denn gar kein Unterschied sein, o Freund, zwischen der Lust die mit richtiger Vorstellung und mit Erkenntnis, und der welche mit falscher und mit Unwissenheit oftmals jedem von uns einwohnt?

Protarchos: Sie müssen ja wohl nicht wenig verschieden sein.

Sokrates: So laß uns denn zur Betrachtung ihrer Verschiedenheit schreiten.

Protarchos: Führe wie es dir gut dünkt.

Sokrates: So will ich denn so führen.

Protarchos: Wie?

Sokrates: Vorstellung, sagen wir doch, gibt es falsche und gibt auch wahre.

Protarchos: Die gibt es.

Sokrates: Und diesen, wie wir auch eben sagten, folgen Lust und Unlust gar oftmals, der wahren Vorstellung meine ich und der falschen.

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Und nicht wahr aus dem Gedächtnis und der Wahrnehmung entsteht uns jedesmal die Vorstellung und das Bestreben durch Vorstellung zu unterscheiden.

Protarchos: Ganz gewiß.

Sokrates: Dünkt es uns nun nicht notwendig, daß wir uns hiebei so verhalten?

Protarchos: Wie?

Sokrates: Manchmal, wenn einer etwas von weitem erblicktes nicht recht genau sieht, kommt es doch wohl, sagst du das nicht auch, daß er beurteilen will, was er sieht?

Protarchos: Das sage ich auch.

Sokrates: Und dann möchte wohl ein solcher sich selbst so anreden.

Protarchos: Wie?

Sokrates: Was ist doch wohl das, was mir da bei dem Felsen zu stehen scheint unter einem Baume. Meinst du nicht daß einer so zu sich selbst redet, dem irgend einmal dergleichen zu Gesicht kommt?

Protarchos: Was sollte er nicht?

Sokrates: Und demnächst könnte er wohl gleichsam sich selbst antwortend bei sich sagen, es ist ein Mensch, aber nur so aufs Geratewohl.

Protarchos: Sehr leicht.

Sokrates: Kommt er aber näher hinzu, dann möchte er vielleicht sagen, was er gesehen sei ein Schnitzwerk, das einige Hirten gemacht.

Protarchos: Ganz wohl.

Sokrates: Und wenn jemand mit ihm wäre, dann würde er das bei sich selbst gesagte dem Anwesenden durch die Stimme darstellen, und so würde er wiederum ganz dasselbige wirklich aussprechen, und was wir vorher eine Meinung nannten, wäre dann eine Rede geworden.

Protarchos: Wie könnte es anders sein?

Sokrates: Ist er aber allein, und denkt dieses nur für sich selbst, so geht er vielleicht längere Zeit hin und behält es bei sich.

Protarchos: Allerdings.

Sokrates: Wie nun? Kommt dir dieses wohl eben so vor wie mir?

Protarchos: Wie doch?

Sokrates: Unsere Seele scheint mir dann einem Buche zu gleichen.

Protarchos: Wie das?

Sokrates: Das mit den Wahrnehmungen zusammentreffende (39) Gedächtnis, und was sonst zu diesen Zuständen gehört, scheinen mir dann in unsere Seelen gleichsam Reden einzuschreiben; und wenn sie richtig geschrieben haben, dann ist dieses Ereignis eine richtige Vorstellung, und es gehen daraus richtige Reden in uns hervor, wenn aber dieser Schreiber bei uns falsches schreibt, so entsteht das Gegenteil von dem richtigen.

Protarchos: Allerdings scheint mir das auch, und ich nehme das so gesagte an.

Sokrates: So nimm dann auch an, daß noch ein anderer Meister sich zu derselben Zeit in unsern Seelen befindet.

Protarchos: Was für einer?

Sokrates: Ein Maler, der nächst dem Schreiber des gesprochenen die Bilder davon in der Seele zeichnet.

Protarchos: Wie tut das der nun wieder und wenn?

Sokrates: Wenn einer von dem Gesicht oder welcher Sinn es sonst sei das damals vorgestellte und ausgesprochene losmachend die Bilder des vorgestellten und gesprochenen irgendwie in sich selbst sieht. Oder geschieht das etwa nicht bei uns?

Protarchos: Gar sehr freilich.

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