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Platonischen Betrachtungen über den Menschen

Christoph Martin Wieland: Platonischen Betrachtungen über den Menschen - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1755
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titlePlatonischen Betrachtungen über den Menschen
pages26
created20131203
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Platonischen Betrachtungen
über den Menschen.

1755.

 


 

In der unendlichen Leiter der lebenden und beseelten Geschöpfe steht der Mensch, wie es scheint, in der Mitte und verbindet die Welt der Geister mit dem unabsehbaren Reiche der Thiere. Seiner Gestalt nach scheinet er weiter nichts als das schönste und vornehmste unter den Thieren; aber seine Werke zeigen, daß englische Fähigkeiten in diesen Leib eingeschränkt sind. Die Vernunft gibt auch seinem sinnlichen Vermögen eine unendlich weitere Ausdehnung als den andern Thieren. Mit Augen, welche schwächer sind als des Adlers, sieht er die entferntesten Gestirne, dringt in die Tiefen des Meeres und entblöst das Eingeweide der Erde. Seine Einbildungskraft entdeckt ihm unzählbare Welten und ahmet von ferne dem Schöpfer nach, der in einem Anblick einen Himmel voll Ordnung und Schönheit aus dem Nichts hervorrufen kann. Er holt das Vergangene zurück und gibt ihm eine zweite Wirklichkeit; er überschaut das Gegenwärtige und deckt sogar den Vorhang der Zukunft auf. Durch die Fähigkeit, seine Begriffe in Ordnung zu bringen, ist er im Stand, unzählige Empfindungen und Vorstellungen zu erhalten, die sich sonst in der Menge verloren hätten. Und durch das Vermögen, die Regel des Schönen und Angenehmen zu entdecken, kann er die Grenzen seiner Vergnügen fast ins Unendliche erweitern. – Nehmet ihm die Vernunft und lasset nur das Thier übrig: der Mensch wird in einem sehr kleinen Kreise empfinden, er wird immer die 106 gleichen Vorstellungen haben, er wird wenigen Trieben der Natur immer gleich genug thun; jeder Tag wird ihm der vorige seyn, er wird eine Uhr seyn, die immer gleich läuft, bis sie die Bewegung verliert. Ein Thier ist nicht Meister weder über die Eindrücke, die es von außen bekommt, noch über die Triebe, die dadurch erregt werden. Es kann weder seine Freuden vergrößern, noch seine Schmerzen verringern. Der Mensch empfindet fast jedes Vergnügen dreifach und jedes Mal mit eigenen Reizungen begleitet. Er sieht es zum voraus, er genießt es, eh' es da ist, und die Hoffnung vergrößert es vor seinen Augen. Nachdem er es genossen hat, kann er es wieder erneuern, so oft er will, und vermittelst einer kleinen Entzückung, welche durch die wunderbaren Triebfedern der Imagination hervorgebracht wird, es fast bis zur Lebhaftigkeit der wirklichen Empfindung erhöhen. Seine Gefühle sind feiner, ordentlicher und verknüpfter, und sie sind auch mehr in seiner Gewalt. Selbst die widrigen sind es; denn er kann sie verkleinern, entfernen oder mit angenehmen Farben übermalen; ja, so groß ist die Gewalt der Vernunft, daß sie aus dem Schmerz selbst Vergnügen erzwingen kann.

So große Einflüsse hat die Vernunft auf die sinnlichen Kräfte der Seele. Sie erhöhet, verschönert und erweitert sie und adelt das Thier zu einer Art von Engeln.

Aber wie vortrefflich ist diese Vernunft, an sich selbst betrachtet, und wie groß macht sie den Menschen, da sie das Reich der Wahrheit vor ihm aufschließt und ihn in den ewigen Gesetzen der Ordnung und Vollkommenheit unterweiset! Sie führt ihn von Stufe zu Stufe bis zum unendlichen vollkommnen Wesen; – doch sie braucht dazu keinen so langen Weg; sie zeigt es ihm in einem jeden Object, in einer 107 Blume des Feldes, in einem Insect, das seine Flügel in den Sonnenstrahlen entfaltet. Sie zeigt ihm mehr in der Natur, als die blosen Augen dem Thier zeigen; sie liest darin die Gedanken Gottes, den Entwurf und die Absichten des Schöpfers, die Tugenden der vollkommnen Güte. Dieses innere Auge übertrifft Myriaden von leiblichen Augen, sagt Plato; denn durch dieses entdecken wir die Dinge, wie sie sind. Es siehet, wie aus Gott, dem ewigen Ursprung dessen, was möglich und wirklich ist, das ganze System der Wahrheiten fließt und in ihm wieder zusammenlauft. Es lehrt uns die Gesetze der Glückseligkeit, die Richtschnur aller Bewegungen unserer Seelen, aller Handlungen des ganzen Menschen, und zeigt, daß die Grundgesetze, von denen das Wohl der Menschen abhängt, eben dieselben sind, welchen jeder Erzengel gehorcht, eben dieselben, nach welchen Gott selbst handelt.

Lasset uns jetzt einen Blick thun auf das, was der Mensch auf diesem Planeten ausgerichtet hat, der zum ersten Theater seiner Fähigkeiten geschaffen worden. Allenthalben werden wir den Beherrscher der Erde finden. Hier sehen wir Wüsten zu blühenden Gärten umgeschaffen, Wildnisse und grauenvolle Wälder in fruchtbare Ebnen verwandelt und genöthigt, unzähligen Einwohnern Ueberfluß zu geben, ganze Länder dem Wasser entrissen, Felsen in bequeme Wohnungen der Menschen ausgehauen. Hier zeugen Pyramiden und Tempel von der allmächtigen Kunst des Menschen. Die blosen Ruinen von Persepolis sind Denkmäler, daß einmal Geschöpfe da gewohnt haben, welche der Natur befehlen konnten. Sehet dort einen Praxiteles dem todten Marmor Leben und Anmuth geben und Halbgötter aus Steinen hervorziehen! – Hier ist eine leere Tafel und etwas geriebne Erde. 108 In weniger Zeit wird die Hand eines Apelles, welche einem unsichtbaren Geiste nacharbeitet, unsere Augen mit der reizenden Gestalt einer Nymphe bezaubern, die von keiner lebenden Schönen ohne Eifersucht gesehen wird. – Wer wird glauben, daß in diesen stummen Saiten Harmonien verborgen sind, welche das Herz schmelzen und die Seele in wenigen Minuten durch den ganzen Labyrinth der Leidenschaften fortreißen? Aber lasset einen Tonkünstler mit Fingern, deren jeder eine Seele zu haben scheint, diese stummen Saiten beherrschen, und ihr werdet lauter Ohr, lauter Harmonie werden, erstaunen über das, was ein Mensch vermag.

Durch den Einfluß der Vernunft in das Herz wird die Tugend hervorgebracht, die allein das ist, was den Menschen seines Urhebers würdig machen kann; diese Güte, die ihre höchste Freude im Glück aller Geschöpfe findet; diese liebreichen Neigungen, welche immer beschäftigt sind, wohl zu thun; diese Liebe zu Allem, was uns durch Schönheit oder Vollkommenheit an das Göttliche erinnert; diese richtige Stimmung der Affecte und Empfindungen, welche mit der Vernunft oder den ewigen Gesetzen der Ordnung die angenehmste Symphonie machen. Was ist schöner als der tugendhafte Mensch? Und daß er es seyn könne, beweisen eben diese Jahrbücher aller Zeiten, die durch die edeln, großmüthigen und wohlthätigen Beispiele rechtschaffner Menschen den Abscheu mildern, den die Beispiele der Laster und Ausschweifungen der größern Anzahl uns gegen unsere eigne Natur einhauchen, und die uns Muth machen, zu glauben, daß weder die Gewalt einer zwingenden Fatalität, noch eine innerliche Bosheit unserer Natur auch uns verhindern könne, so gut zu werden, als Menschen bereits gewesen sind.

109 Sollte nun der Mensch mit solchen Fähigkeiten nur für diesen engen Kreis, für diese kurze Zeit, für ein Leben, welches eher einem Mittelstand zwischen Seyn und Nichtseyn als einem wahren Leben gleicht, geschaffen seyn? – Wir wollen nicht lange muthmaßen. Ein göttliches Licht leuchtet hier, wo sich die letzten Strahlen der Vernunft in Ungewißheit verlieren. Gott redet und entdeckt uns die Zukunft und seine Absichten! Erhabne Absichten! Glänzende Zukunft!

Der Mensch ist einer unendlichen Veredlung fähig, der Mensch ist für die Ewigkeit erschaffen! Nur diese Wahrheit löset das sonst unbegreifliche Räthsel der menschlichen Begierden auf, die unter den unendlichen Dingen keinen Gegenstand finden, der sie erschöpfen könnte. Dieses dunkle Gefühl unsrer Bestimmung, dieser Hang zum Unendlichen arbeitet insgeheim in jeder menschlichen Brust. Ein Alexander, der am äußersten Gestade des Oceans weint,

Daß, andre Welten zu bezwingen,
Der Himmel keine Brücke hat;

Nero, der durch ungeheure und gigantische Freuden den Ekel seiner Seele heilen will; – diese selbst, so sehr sie sonst die menschliche Natur verunehren, geben hierin ein Zeugniß ihrer angebornen Größe, die noch aus ihren Ruinen hervorschimmert. Diese unersättlichen Neigungen waren für das Unendliche bestimmt.

Wie schön ist dieses Gemälde vom Menschen, und wer wollte glauben, daß es nicht der Wahrheit gemäß sey, oder daß die blose Einbildungskraft eines Dichters etwas Schöneres sollte herausbringen können, als der Schöpfer schaffen wollte? Aber ich habe nichts Anderes vom Menschen gesagt, als was Erfahrung und göttliche Orakel bestätigen. Der Mensch ist 110 ein vernünftiges Geschöpf, ein Bild der Gottheit, ein Verwandter der Engel oder ein Engel in thierischer Gestalt, welche durch den inwohnenden Geist geadelt und verschönert wird; eines von den erhabenen Wesen, welche, gleich kleinen subordinirten Göttern, ihre Sphären beherrschen und durch Weisheit und Güte an dem gemeinschaftlichen Zweck des ganzen Weltsystems arbeiten. Engel sind seine Geschlechtsverwandte, Engel sorgen für ihn und zeichnen seine Thaten auf. Der Mensch allein denkt klein vom Menschen, sagt Young. – Aber sollte uns nicht eben dieses an der Wahrheit unseres Gemäldes zweifeln machen? – Nein. Der Mensch ist in seiner Anlage und nach seiner Bestimmung, wie wir ihn beschrieben haben; es braucht nicht wenig, ein so herrliches Werk zu verunstalten; aber auch in den Ueberbleibseln der Zerstümmlung entdecken wir genugsam ein bewundernswürdiges Werk eines göttlichen Verstandes.

Die ganze Vollkommenheit des Menschen besteht in Fähigkeiten, die gleichsam in einander gewickelt im Schoß der Seele liegen und Zeit, glückliche Einflüsse und die treibende Wärme gemäßigter Gemüthsbewegung nöthig haben, um zur Wirklichkeit hervorzublühen. Wird der Ausbruch dieser Fähigkeit gehemmt, wird entweder der Anbau der Seele ganz und gar oder doch darin die gehörige Ordnung und Aufmerksamkeit auf den Fingerzeig der Natur versäumt; so muß nothwendig eine Mißgestalt herauskommen, welche durch ihre Ungleichheiten und den Mangel an Ebenmaß den Weisen selbst im Zweifel läßt, wie er ihr Daseyn in einem so vollkommnen und regelmäßigen System, als die Welt Gottes ist, rechtfertigen soll.

Die Natur des Menschen ist eine sehr hinfällige Schönheit. Diese Bemerkung wird von allen Kennern gemacht und, 111 wie ich befürchte, zuweilen mißbraucht. Gewiß ist, daß die Verhältnisse der Seelenkräfte unter einander so fein sind, daß es sehr leicht ist, die Harmonie derselben zu verletzen. Eine einzige kleine Unrichtigkeit zieht eine ganze Reihe kleiner Unrichtigkeiten nach sich, aus welchen zuletzt sehr große Uebel entstehen. Und weil zur Tugend oder zur Richtigkeit und Gesundheit der Seele eine wohl abgemessene Wirksamkeit aller Seelenkräfte, zum Laster hingegen nur eine übermäßige Bewegung der Sinnlichkeit nöthig ist: so ist unleugbar das Laster leichter als die Tugend und gewinnt gar bald die Oberhand, da es durch so unzählig viel Wege sich in die Seele einschleicht und seinen Sitz in solchen Kräften nimmt, wo es so leicht Nahrung findet und um sich fressen kann. Wem der Zustand der Menschen nicht ganz fremd ist, der wird sich eher wundern, daß sie noch so gut, als daß sie so schlimm sind, wie die Erfahrung sie zeigt.

Die goldenen Zeiten, wenn sie jemals außer den Ideen der Dichter existirt haben, sind längst dahin, die Menschen sind nicht, was sie seyn könnten und sollten, obgleich dieß die göttlichen Absichten mit dem Menschen gar nicht umkehrt. Wir sind berechtigt, nach der obigen Abschilderung eines der schönsten und liebenswürdigsten Geschöpfe auf diesem Planeten zu suchen; aber wir finden nur Ruinen oder verschüttete Ueberbleibsel, die entweder verstümmelt oder nur halb und beschmutzt aus dem Moder hervorragen. Es ist ganz natürlich, daß bei solcher Bewandtniß die Verschiedenheit, welche nach der Einrichtung des Schöpfers zu desto größrer Schönheit des ganzen menschlichen Systems dienen sollte, in eine so seltsame Ungleichheit ausgeartet ist, daß man oft Mühe hat, Geschöpfe, die so sehr disharmoniren, für Kinder eines Stammvaters zu erkennen. – Fast sollte man es satirischen 112 Köpfen unter den Heiden vergeben, daß sie auf den Einfall gekommen sind, die ungefiederten zweibeinigen Bewohner der ErdePlaton soll einmal den Menschen erklärt haben für ein unbefiedertes zweibeiniges Thier. Diogenes rupfte einen Hahn, ließ ihn laufen und rief: Seht da, den Menschen Platons. – Ob Wieland im Uebrigen hier eine andere Menschenentstehungsgeschichte, deren es in Asien manche wunderliche gibt, als die durch Prometheus im Sinne gehabt, weiß ich nicht. Von jener platonischen Erklärung hat aber Swift ohne Zweifel die bitterste Anwendung gemacht, da er sie als ein Compliment für das Menschengeschlecht darstellt und hinzufügt, daß zuweilen ein Thier in einen Menschen ausarten könne. In The Beasts Confession to the Priest sagt er nämlich.

Our author's meaning, I presume, is
A creature bipes et implumis:
Wherein the moralist design'd
A compliment on human-kind;
For here the owns, that now and then
Beasts may degenerate into men.

für lächerliche Mißgeburten zu halten, welche zum Vorschein gekommen, da irgend eine Gottheit den wunderlichen Einfall gehabt, mit allem Fleiß groteske Arbeit zu machen.

Indessen findet man doch bei genauerem Anschauen mehr Spuren der Hoheit der menschlichen Natur und mehr wirklich Schönes in der menschlichen Welt, als man finden würde, wenn man sie nur aus den Urkunden eines RabelaisFranz Rabelais, geb. zu Chinon zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts und gestorben um 1553 zu Montpellier, wo er Professor der Heilkunst war, hat sich vorzüglichen Ruhm erworben durch seinen satirischen Roman Gargantua und Pantagruel, worin er die Thorheiten des menschlichen Lebens im Ganzen als Carricatur ausstellt. oder aus Gullivers ReisenEin Werk von Swift, zuerst erschienen 1727, ist voll der größten Bitterkeit gegen das menschliche Geschlecht. studirte. Ich bin hiervon überzeugt worden, da ich gefunden oder zu finden vermeint habe (denn so sollten wir uns gewöhnen zu sagen), daß alle menschenähnliche Geschöpfe, denen die alten Schulweisen das Reden, Lachen und GrauwerdenReden, Lachen und Grauwerden gibt Aristoteles als unterscheidende Kennzeichen des Menschen vor allen Thieren an, das letzte Probl. Sect. 10., zusammengenommen, als unterscheidende Vorrechte vor andern Thieren zuerkannt haben, bei aller ihrer Verschiedenheit der äußerlichen Figur, Farbe, Lebensart, Kleidung, Regierungsform, Religion und Sitten, sich dennoch unter fünf Classen bringen lassen, welche sehr genaue Verhältnisse unter einander haben und zusammen kein so gar übel eingerichtetes System mit einander ausmachen. Ich will von einer jeden dieser Classen, so kurz als die Deutlichkeit erlaubt, eine Beschreibung geben.

Die erste ist die niedrigste und dem Thierreich die nächste. Ich rechne zu ihr den großen Haufen von Menschen, deren bester Theil nicht nur in seiner natürlichen Rohheit bleibt, sondern überdas nach und nach so sehr verunstaltet wird, daß er auch die darunter hervorglimmende natürliche Schönheit fast gänzlich verliert; deren zarte Fähigkeiten theils unentwickelt geblieben, theils im Bearbeiten verdorben werden; die nie zu wahren Menschen reif werden. Ihre Unwissenheit 113 wird mit den Jahren zur Dummheit; und die sinnlichen Triebe, die mit ihnen aufwachsen und keiner gesetzmäßigen Gewalt gehorchen lernen, dünsten eine Menge Vorurtheile aus, welche den unterscheidenden Sinn des Guten und Bösen, das Vorrecht der menschlichen Natur, dicht überziehen; sie arten mit der Zeit in herrschende Neigungen aus, welche nur nach Beschaffenheit des Temperaments und der äußerlichen Umstände abgeändert sind. Diese Menschen sind also sehr sinnliche Geschöpfe, ungestüm in ihren Leidenschaften, wankelmüthig, kurzsichtig, eigensinnig und doch leichtgläubig und also leicht zu betrügen. Die Einbildung ist ihre Vernunft, der äußere Schein der Grund ihrer Entscheidung, ihres Wollens und Nichtwollens. Sie sind größtentheils dazu verurtheilt, nur für den Leib zu sorgen. Daher ziehen sie sich eine niedrige und thierische Denkart zu, daß sie sich niemals über die Erde, wo ihr Futter wächst, erheben können. Ihre Sitten sind so plump wie ihr Geschmack, ihre Vergnügungen sind wenig und von der gröbsten Art; hingegen vergrößert die Unwissenheit, der Aberglaube, die Furcht, die Kleinmüthigkeit die Zahl ihrer Uebel ungemein. Es ist kein Wunder, daß diese Art von Menschen das glückliche Leben nicht kennt, da sie so sehr wenig sind, was der Mensch seyn soll, und ein geheimer Instinct ihnen immer sagt, daß sie keine blose Thiere sind, ob sie gleich von Tyrannen, die oft zu ihrer eignen Art gehören, so gehalten werden.

Man sieht leicht, daß daran nicht zu gedenken ist, daß diese Mittelgattung zwischen Menschen und YahoosYahoos nennt Swift in seinen satirischen Reisen Pferde, mit allen menschlichen Anlagen ausgestattet. Da, sagt Herder, Swiften in seiner Geistes- und Herzenskrankheit kein ander Geschlecht zu Gebot stand, eine vernünftige, reine, billige Gesellschaft zu zeichnen, so wählte er die Gestalt des Thieres, das der Schöpfer der Menschen selbst als eine edle Gestalt dargestellt hat (Hiob 59, 19. fgg.), des Rosses. Swifts Rosse aber sind vernünftige, billige Geschöpfe, wie Menschen es seyn sollten; nicht der Zweck, nicht die erhabnen Fähigkeiten und Anlagen des Menschengeschlechts, wohl aber Name und Gestalt des Menschenthiers war ihm, wie dem lebenssatten Hamlet, verleidet. Adrastea Bd. 1. S. 326. jemals zu etwas Höherm geadelt werde. Ich besorge, daß das so viel als unmöglich sey. Aber man sieht auch gleich, daß die Natur dieser Menschen sie nicht nur fähig, sondern es ihnen 114 unentbehrlich macht, regiert zu werden. Wenn man sich theils ihrer Neigung zum Neuen und Wunderbaren, theils ihrer Trägheit und Furchtsamkeit und ihrer andern Leidenschaften klüglich zu bedienen weiß, so müssen eben diese helfen, sie in so vieler Ordnung zu erhalten, als nöthig ist, um zu verhindern, daß unsre Erde kein Chaos werde. Man muß nicht vergessen, daß es auch unter diesem Pöbel wieder Grade gibt; aber, wenn wir genau untersuchen, so wird der Unterschied zuletzt kaum größer seyn, als der Unterschied zwischen einer Hofcoquette im Gallakleid und zwischen einer Coquette im Mieder, oder zwischen einem Narren im Zwillichkittel und einem Narren mit einem Ordensbande.

In die andre Classe setze ich die große Menge der Leute von bessern Glücksumständen, welche Vergnügen und Zeitvertreib zum Zweck ihres Lebens machen. Diese werden beinahe den größten Theil jener beiden Welten ausmachen, die man die große und die schöne Welt zu nennen pflegt. Diese Leute scheinen unsre Erde für einen großen Maskeradeplatz anzusehen, wo es Jedem erlaubt ist, zu seyn, was er will, wenn nur die große Absicht erreicht wird, die Zeit zu tödten. Sie machen sich bekannter mit dieser Welt, als die erste Classe. Sie rennen nach Vergnügen; alle ihre übrigen Leidenschaften sind nur Aufwärterinnen des Hangs zum Vergnügen. Der Witz, dieser gefährliche Affe der Vernunft, ist ihr Abgott. Dieser lehrt sie die giftige, aber süße Kunst, sich selbst zu betrügen. Er setzt die Zukunft und jede ernste Wahrheit in Entfernung und Schatten und blähet kleine kindische Freuden zu Riesengröße auf. Er erhitzt die Phantasie und zeigt ihr lauter bezauberte Gegenden. Er erfindet andere Gesetze, als die ewigen Tafeln des göttlichen Willens; oder er verändert, erweitert sie und läßt sie nach. Der Mensch wird zu einem 115 feinen wollustathmenden Vieh gemacht, dessen Freuden nur mannigfaltiger, weitläufiger und künstlicher sind als der übrigen Thiere. Ihre Seele scheint in ihrem Blute zu sprudeln; solange dieses wallet, so sind sie. Sie befinden sich so wohl in dieser Welt, daß sie keine Zeit haben, an eine bessere zu denken; und wenn es geschehen würde, so müßten es Mahommeds Paradiese seyn.

Diese Classe ist allerdings von der ersten unterschieden. Eine feinere Anlage, zartere Empfindungen, mehr Lebhaftigkeit des Geistes, Geschmack, Witz und Artigkeit machen diesen Unterschied. Das, was sie mit einander gemein haben, will ich jetzt nicht untersuchen. Diese Leute sind es, denen wir den angenehmen Mißbrauch der schönen Künste, der den Gebrauch fast ganz verdrängt hat, die Erfindung unzählig vieler Instrumente der Wollust, Zierrathen und Artigkeiten, Moden und Spiele – zu danken haben. Sie haben ganz gewiß einen Theil der Erde verschönert, aber immer auf Unkosten eines andern. Die Menschen von der ersten Classe sind die Sklaven der Vergnügungen ihrer Brüder von der zweiten. Sie müssen sich ermüden, diesen die Nothdurft und die Bequemlichkeiten des Lebens zu verschaffen, und werden gezwungen erfindsam zu seyn, um sie immer mit neuen Spielwerken zu versehen. So halten sie einander wechselsweise in Thätigkeit.

Wie schön und gut würden die Menschen werden, wenn man sie bereden könnte, die Gegenstände ihrer Neigung mit bessern zu verwechseln und die Freude aus reinern Quellen zu schöpfen. Die Wahrheit kann etwas hierzu thun, wenn sie sich gefallen läßt, sich mit Witz zu schminken. Doch wirkt selten etwas kräftiger auf solche weichliche Gemüther, als der Ueberdruß, das Alter, und was man Unglücksfälle zu nennen 116 pflegt. Die gewöhnlichen Wirkungen davon sind bei ihnen entweder Misanthropie, eine Art von Fieber, welches seine guten Stunden leidet, in denen sie sich ihrer ehemaligen Freuden wenigstens erinnern – oder ein gewisser fanatischer Schwung der Einbildungskraft und des Herzens, der eine Neigung hervorbringt, sich vom Leibe zu entkörpern, der seine Dienste versagt; eine große Verachtung dieser Welt, die uns verläßt, und eine schwärmende Sehnsucht nach der unsichtbaren, die jetzt am bequemsten ist, weil man, sie zu genießen, nur eine erhitzte Einbildung nöthig hat. Es ist bekannt, daß man vornehmlich dem schönern Theil des menschlichen Geschlechts Schuld gibt, daß viele desselben auf den Einfall kommen, reine Geister zu werden, nachdem sie sich genöthiget sehen, sich des Titels irdischer Engel zu begeben.

Diese beiden Classen haben das Unglück gemein, daß die sinnliche Seele den ganzen Menschen auf eine despotische Art beherrschet, woraus nothwendig tausend regellose excentrische Bewegungen und einheimische Unruhen entstehen müssen, welche oft seine ganze Glückseligkeit in Gefahr setzen.

Die dritte Classe wird von den speculativen Köpfen eingenommen, die einen beträchtlichen Theil des menschlichen Geschlechts ausmachen, von jenem Grammatiker an, welcher ausrechnete, wie oft ein jeder Buchstabe im Homer vorkommt, bis zu dem Fakir, der sich bemüht, über den tiefsinnigsten Betrachtungen des Nichts, als des Ursprungs aller Dinge, selbst zu Nichts zu werden. Diese Leute scheinen nur Zuschauer in dieser Welt zu seyn, sie gaffen sie an, als ob sie weiter keine Verbindungen mit ihr hätten; und zu allem Unglück verschwenden die meisten ihre Aufmerksamkeit nur auf das, was ein weiser Mann kaum eines flüchtigen Anblicks werth hält.

117 Diese Classe theilt sich, gleich den vorigen, in viele besondere Gattungen ein. Einige, denen die Erde zu klein vorkommt (denn sie ist ja nur ein Sonnenstaub gegen das ganze Himmelssystem), haben sich gänzlich dem Himmel gewidmet, ob sie gleich an demselben fast nichts als Unordnung und Abweichungen von ihren Regeln sehen, welche sie sich bestmöglich aufzulösen bestreben. Man könnte glauben, sie borgten von den Sphären Feuer zur Erweckung und Nährung der Andacht und der Richtung der Seele gegen das Ewige; sie gewöhnten sich an eine höhere und reinere Denkart, als die andern Sterblichen, und an ein lebhafteres Gefühl der hohen Bestimmung der menschlichen Natur. Aber das ist es nicht. Sie rechnen nur aus, in was für einer Art von Linien sich die Planeten um die Sonne herumdrehen, oder wie weit der Hundsstern von der Erde absteht. – Andere nicht so hoch fliegende Geister begnügen sich demüthig an der Contemplation der Sommervögel und aller Arten von Ungeziefer; sie wissen ihre Zahl und nennen sie mit Namen. Andere kriechen unter dem Schutt alter Ruinen herum, sie verstehen sich auf Sprachen, die verloren gegangen sind, und erklären die geheimnißvollen Figuren auf dem Tisch der IsisTabula Isaica, oder von ihrem ehemaligen Besitzer Torquato, Sohne des Cardinals Bembo, Tabula Bembina genannt, ein merkwürdiges Denkmal ägyptischer Kunst, hat, seitdem es im J. 1559 von Fura Vico zu Venedig zum ersten Male durch einen Kupferstich bekannter geworden, eine Menge Erklärer gefunden, und auch Lessing war Willens, seinen Scharfsinn an sie zu wenden. S. Lessings sämmtl. Schr. Bd. 15. S. 420. fgg.. Andere zerquälen sich, den ganzen Umfang der Sittenlehre aus einem einzigen Grundsatz zu demonstriren; Andere beweisen die Unsterblichkeit der Seele aus der Vernunft; Einige erfinden neue Lehrgebäude, um Andern die Mühe zu machen, sie wieder umzuwerfen. Einige speculiren so lange, bis sie an Allem, was ist, zu zweifeln anfangen; Andere beweisen durch eine lange Reihe von Schlüssen, daß es Mittag ist, wenn uns die Sonne auf den Wirbel brennt. Viele verbrauchen ihr Leben mit der Bemühung, alle Meinungen, Erfindungen, Träume und Wahrheiten, Gutes und Böses aller 118 andern Scribenten zusammenzulesen, ohne darauf zu sinnen, was sie mit diesem Schatz anfangen wollen. – Der größte Theil dieser wunderlichen Leute ermüdet sich in Kleinigkeiten, und die Wenigen, die sich mit wichtigern Dingen beschäftigen, haben das Unglück, die Wahrheit für einen blosen Gegenstand der Betrachtung zu halten, für ein Ding, das, wie der Baum des Erkenntnisses, lieblich zum Anschauen ist. Sie gleichen den Hütern der schönen Sklavinnen eines Sultans, welche zwar die Erlaubniß zu sehen, aber nicht das Recht zu genießen haben, oder den bezauberten Drachen in den alten Romanen, die in unterirdischen Höhlen große Schätze bewachen, deren Werth oder Gebrauch ihnen unbekannt ist.

Die vierte Classe ist (wie ich befürchte) viel weniger zahlreich als die vorige; und nun werden wir gleich errathen, daß sie die beste ist. Sie ist in der That die wahre Zierde der Erde, und wenn noch etwas auf derselben ist, das englische Blicke herabholen kann, so ist es das Leben dieser liebenswürdigen Menschen, welchen die Natur eine glückliche Anlage zu einer harmonischen Gemüthsart, eine feine Empfindung des Schönen und edle Neigungen zum Guten verliehen hat. Ohne einige Fähigkeiten in einem außerordentlichen Grad zu haben, sind sie scharfsichtig genug, das Wahre von dem Schein zu unterscheiden und durch die Verblendungen der Einbildungskraft, der Leidenschaft und Gewohnheit hindurchzudringen. Die Tugend scheint ein vorzügliches Recht an ihre Herzen zu haben. Sie verachten die Niederträchtigkeit der Seele, die nur sich selbst liebt. Ihre Freude ist Gutes thun. Die Neigung zum Vergnügen mag wohl hauptsächlich ihre Jugend beleben, sie wird aber von einer gleich starken Liebe zur Ehre bewacht, und beide leiten sie nach und nach zu den reinern Quellen der Tugend. Sie können irren, sie 119 können durch eine unvorsichtige Neigung geblendet oder auf Seitenwege gelockt werden. Aber ihr Herz ist keiner Bosheit, keiner Tücke, keines Neides, keiner Niederträchtigkeit fähig; ihr offner Verstand, die Güte ihres Gemüths, ihre Redlichkeit gegen sich selbst lassen sie nie weit verirren, bringen sie bald wieder zurück und befördern sie immer weiter. Diese allein sind zur Freundschaft und wahren Zärtlichkeit recht aufgelegt. Für sie ist die Natur schön, für sie sind so viel feine und beglückende Freuden in den Verbindungen der Gesellschaft. Sie genießen der Welt mit Vernunft, aber sie sind nicht an sie gefesselt. – Wenn es wahr ist, daß lebende Beispiele und redende Gemälde der Tugend mehr nutzen als moralische oder metaphysische Dissertationen, so trägt gewiß diese kleine Anzahl von thätigen Weisen, beiderlei Geschlechts, mehr zum wahren Vortheil der Menschen bei, als die ganze unabsehbare Welt der speculativen Gelehrten.

Mich dünkt, ich habe nun allen Sterblichen, so verschieden als sie immer scheinen mögen, ihre Classen angewiesen, bis auf die sonderbaren und seltnen Geister, die man über die übrigen Menschen so erhaben gefunden hat, daß man sie mit dem Namen Genien zu unterscheiden pflegt, welcher sonst Wesen von höherer Ordnung andeutet. Ihre Anzahl ist so groß, als es Gott zur Erhaltung der moralischen Ordnung oder zur Züchtigung der Menschen nöthig findet. Denn es gibt gutthätige und böse Genien. Beide kommen darin überein, daß sie ungewöhnliche Fähigkeiten und, wenn ich so sagen darf, etwas Kolossalisches in der Gestalt ihres Geistes haben. Von Jugend auf unterscheidet sie eine brennende Begierde zum Wissen; ein Fleiß, den Hindernisse nur muthiger machen; eine Freiheit der Seele, die so ungelehrig ist, das Joch zu tragen, daß sie manchmal 120 auch die nothwendigen Schranken überspringt; eine gewisse Begeisterung der Imagination, die ihnen tausend unbekannte Ideen aufdeckt, und etwas Heldenmäßiges im Herzen, das sie zu großen Thaten fähig macht. Durch die Entwicklung und Ausbildung dieser großen Fähigkeiten vermittelst der Wissenschaften, des Nachsinnens, der Kenntniß der Welt und der Erfahrung gelangen sie zuletzt zu dieser durchdringenden Schärfe des Geistes und männlichen Stärke des Gemüths, welche sie so sehr über die gemeinen Menschen hinwegsetzt. Der Kreis, worin solche Kräfte wirken sollen, muß nothwendig groß seyn. Sie sind zu Gesetzgebern, zu Lehrern, zu Führern des menschlichen Geschlechts bestimmt. Sie sollen das Ganze übersehen, für das Ganze sorgen. Von ihnen sollen die Entwürfe herkommen, wie die Beschwerden der Menschen zu verringern sind, und wie ihre Vortheile vermehrt werden können. Und eben, weil die Hindernisse, die der Ausführung im Wege liegen, an Zahl und Gewicht so groß sind, wurden sie mit so vieler Stärke, mit so weitsehenden hellen Einsichten, mit einem so lebhaften Instinct zum Großen und Ruhmwürdigen, mit einem so mächtigen Enthusiasmus versehen, damit sie den Menschen das Gute wirklich thun, was schwächere, obgleich gutwillige Geister ihnen nur wünschen können. Diejenigen unter diesen Genien, die ihrer Bestimmung getreu sind, sind den englischen Schutzgeistern ähnlich, welche nach der frommen Meinung der Alten über die Welt wachen, die Sphären regieren und den Befehl des Schöpfers diesseits des Himmels vollziehen. Sie haben Alles, was den übrigen Menschen abgeht, um sich selbst glücklich zu machen; sie sind zum Regieren, wie diese zum Gehorchen gemacht. Sie vertreiben die Unwissenheit und bekriegen die Vorurtheile und praktischen 121 Irrthümer, tausendmal schädlichere Ungeheuer als diejenigen, deren Vertilgung dem Hercules einen Platz bei den griechischen Göttern verdiente. Sie bringen Licht, Wahrheit und Ordnung ins menschliche Leben. Sie lehren oder bewachen die heiligen Gesetze der Natur, welche die Quellen aller übrigen Gesetze sind. Sie bezähmen und mildern die Wildheit und Härte der Menschen, verbessern, bilden und poliren ihre Sitten; lehren sie das Anständige, das Edle, das Schöne – und so machen sie gewisser Maßen die Fabel wahr, welche der zaubrischen Laute des Orpheus die Kraft, wilde Thiere zu besänftigen, andichtete.

Wie traurig ist es, daß solche Fähigkeiten mißbraucht werden können! daß solche Geister ihres Endzwecks verfehlen und von ihrer Hoheit herabstürzen können; daß sie die wahre Ehre, Wohlthäter der Menschen zu seyn, aus den Augen verlieren und, von dem falschen Schimmer einer eingebildeten Göttlichkeit, von einer Chimäre, einem leeren Getön getäuscht, Zerstörer der Welt werden können. Wenn ich einen Alexander nach Lorbeern rennen sehe, so dünkt mich, ich sehe die Fähigkeit eines Engels Werke eines Insects verrichten. Sollen so kleine, so niederträchtige Begierden in himmlische Seelen kommen? Sich selbst beherrschen, ist die höchste Stufe der Hoheit. Wer dieß nicht kann, hat das Recht verloren, sich der Regierung der Menschen anzumaßen. Wie unglücklich ist es, wenn Helden unrichtig denken! Wie viel kommt es darauf an, daß diese wissen, was wahrhaftig groß und ruhmwürdig ist. Wie nöthig ist es, daß diese fühlen, daß sie von einem Höhern abhängen, daß seine Gesetze ihre Richtschnur sind, daß sie ihm nur im Wohlthun ähnlich seyn können! Ein Genie, der sich auf die schlimme Seite wendet, ein Erobrer, ein Zerstörer, ein 122 Verführer der Menschen ist ein desto häßlicheres Ungeheuer, je größer und liebenswürdiger er gewesen seyn würde, wenn er in seiner gehörigen Laufbahn geblieben wäre. Ein gefallner Engel ist tausendmal häßlicher, als der schlimmste Mensch.

Die Liebe zum Ruhm hat eigentlich nur bei großen Seelen Statt und wächst nur bei ihnen so groß, daß ihr alle übrige Neigungen Platz machen müssen. Was man bei Leuten, die eigentlich in die Classe des Pöbels gehören, Ruhmsucht und Ehrgeiz heißt, ist nur ein verkleideter Eigennutz; sie wünschen angesehen und groß zu seyn, um niedrigen Begierden desto besser nachhängen zu können. – Weil die Leidenschaften einmal die Winde sind, die uns in Bewegung setzen, so seh' ich diesen edeln Ehrgeiz großer Geister für nöthig an, um sie zu ihrer Bestimmung zu befördern und die Hindernisse zu überwinden. Wir sehen aber aus der Geschichte, wie schädliche Stürme er hervorbringt, wenn ihn die Vernunft nicht mäßigt und ihm die wahre Richtung gibt. Genien haben sich noch nie mit Kleinigkeiten beschäftiget. Ihre Bemühungen interessiren immer den Menschen, und das erstreckt sich bis auf ihre Spiele. Es gibt Leute, die in Kleinigkeiten groß sind; sie gehören aber in die dritte Classe.

Wir haben nun die Menschen, wie sie wirklich sind, in ihren verschiedenen Classen übersehen; und die Gradation verdient bemerkt zu werden, die sich in denselben zeigt. Wir fanden unreife, ungebildete Menschen, und dieser waren die meisten; Menschen, die nur die sinnlichen Vollkommenheiten ausbilden; solche, welche nur Intelligenzen seyn wollen; eine kleine Zahl von solchen, deren moralische Güte sie liebenswerth macht; und endlich ganz ausgewickelte, und 123 (soweit es diese Welt verstattet) vollständige Menschen, welche daher große und majestätische Geschöpfe seyn müssen. Wenn wir das Beste aus allen diesen Classen zusammennehmen, so bekommen wir den Menschen, den ich anfangs geschildert habe. Und so habe ich einen Theil meiner Absicht erreicht.

Das menschliche Geschlecht hat also unstreitig eine sehr schöne Seite. Aber was wollen wir uns schmeicheln? Sie wird von der häßlichen fast ganz verdunkelt. Ich erröthe, ich erschrecke, wenn ich die unzähligen Ausbrüche des Unsinns, die schwarzen Thaten, die Schande, womit so viele Menschen ihr Geschlecht gebrandmarkt haben, überdenke; wenn ich die Zahl und die Größe der Uebel bedenke, die uns drücken. Regellose, thierische Leidenschaften, die am gefährlichsten werden, wenn sie der Witz in seinen Schutz nimmt; niederträchtige Selbstheit, die alles in ihren Strudel hineinzieht, was sie erreichen kann; Vergessenheit der heiligsten, unwidersprechlichsten Pflichten, die wir gegen unsern Schöpfer und Oberherrn, gegen die Welt und die menschliche Gesellschaft haben; schändliche Heuchelei, womit man den Allwissenden selbst zu betrügen glaubt; Aberglauben, der der Ruhe und Ordnung des menschlichen Geschlechts allein mehr geschadet hat, als alle übrige Laster; Tyrannen und willkürliche Gewalt – mit einem Wort, ein so tiefer Grad der Unordnung, daß ich mir, unmittelbar unter demselben, nichts Anderes als ein moralisches Chaos denken kann. Der größte Haufen sind Sklaven, willenlose, gebundene, mißhandelte Sklaven; Sklaven der willkürlichen Gewalt, der Schwärmerei, der Gewohnheit und, was das Aergste ist, ihrer eigenen Unvernunft und ihrer Leidenschaften. Ohne diese innerliche Sklaverei hätten jene Ungeheuer keine Gewalt über sie. Und 124 was thun diese großen königlichen Geister, diese Genien, von denen man so viel erwarten sollte? Die meisten mißbrauchen ihre Obermacht, jene elenden und verführten Sklaven noch tiefer ins Verderben hineinzuführen, und glauben es am besten gemacht zu haben, wenn sie die Unglücklichen bereden können, freiwillig an die Schlachtbank zu gehen oder wenigstens angenehm zu träumen, wenn sie wachend unglücklich sind. – Und diese scharfsichtigen denkenden Köpfe, welche die Geschicklichkeit hätten, die Größe unsers Elends, seine Quellen und die dienlichsten Gegenmittel auszuspähen? – Sie zählen den Sand des Meers, messen das Unermeßliche, wühlen im Eingeweide der Natur herum, als ob alle wichtige Geschäfte schon gethan wären, und bringen ihr Leben mit Spitzfindigkeiten zu, deren größter Werth ist, daß sie dadurch abgehalten werden, etwas Schlimmeres zu thun. – Wie kränkend sind diese nur allzu gegründeten Betrachtungen für ein Herz, das ein Gefühl für das Wohl oder Elend seiner Mitgeschöpfe hat!

Es ist wahr, daß es vortreffliche Gesetzgeber und Lehrer gegeben hat, – und wie wäre es auch ohne solche ergangen? Ich bewundre und ehre einen Konfucius, einen Minos, einen Lykurgus. – Ich erkenne die Stärke ihres Geistes, den weiten Umfang ihrer Einsichten, ihre tiefe Kenntniß der Menschen. Die Entwürfe, die sie gemacht haben, sind, wie man sie von der Schärfe ihres Geistes erwarten und zur Dauer eines wohleingerichteten Staats fordern konnte. Es ist hier nicht die Absicht, sich in die Beurtheilung ihrer Gesetze und Anordnungen einzulassen. Man bemerke nur, daß keiner von diesen großen Geistern eine bessere als eine politische Tugend in seinem Staat pflanzen wollte. Sie machten alle Ueberlegungen, welche sie zu ihrem Zwecke machen mußten. Sie 125 kannten die Leute, die sich vor sich hatten, ihre Lebensart und alle äußerliche Umstände, von denen sie abhingen; sie übersahen das Gegenwärtige und schauten tief in die Zukunft. – Aber sie nahmen sich die Freiheit, der menschlichen Natur Gewalt zu thun, um ihre Absichten zu erreichen; riefen Unwissenheit, Betrug und Aberglauben zu Hülfe; bekümmerten sich wenig um die Abweichung ihres Systems von den unveränderlichen und göttlichen Gesetzen der Natur, welche ohne Unterschied des Orts, der Zeit, des Klima, des Nationalcharakters alle Menschen verbinden. Große Fehler, welche nothwendig großen Schaden thun mußten. Sie sahen, ungeachtet alles ihres Scharfsinns, nicht tief genug in die Natur und Bestimmung des Menschen. Sie vernachlässigten seine unmittelbare Abhängigkeit von Gott (die Grundfeste aller Wahrheit, aller Gesetze und Verbindungen) und wußten oder bedachten nicht, daß der Mensch für die Ewigkeit erschaffen ist.

Ist denn kein Gesetzgeber, der den Menschen ganz und gar durchschaut und seine Absichten auf Alle ausgedehnt hat? dem der Indianer im Federnkleide, der glühende Mohr, der wollüstige Peruaner, der träge Lappländer, der flatternde Franzose und der tiefsinnige Engländer, Alle gehorchen könnten? und dessen Gesetze die Fehler des Klima, des Temperaments, des Nationalcharakters, welchen die übrigen Gesetzgeber so viel nachsehen, verbessern und einschränken würden? – Gesetze, die den Trägen beleben, den Hitzigen mäßigen, den Wilden besänftigen; die dem Huronen, dem Kaffern, dem Indianer, dem Europäer, dem Grönländer gleich wohlgefallen müssen? Einfache wenige Gesetze, die sich auf ein unfehlbares Ansehen gründen, die ihre Belohnung mit sich führen, die auf Grundsätzen stehen, welche uns die höchste Glückseligkeit versichern.

126 Wenn solche Gesetze sind, würde Sokrates sagen, so muß sie Gott gemacht haben. Und wirklich hat sie Gott gemacht. Es sind keine andere, als die Gesetze der moralischen Tugend, mit den allmächtigen Beweggründen der christlichen Religion unterstützt. Die Seele des Christenthums besteht in der lebendigen Erkenntniß dieser beiden Grundsätze: daß Gott, der Schöpfer, Oberherr und Richter der Menschen, zugleich ihr Vater und Erbarmer ist und sich alle mögliche gütigen Verhältnisse gegen uns gegeben hat, um sich uns auf alle mögliche Weise zu verbinden; und dann: daß der Mensch, der für die Ewigkeit geschaffen ist, dieses Leben nie anders als in Verhältniß mit dem künftigen ansehen soll, von welchem es erst seinen Werth und wahre Bestimmung erhält.

Der Mensch ist als Geschöpf, als vernünftiges Geschöpf, als ein zum Handeln geschicktes Geschöpf den allgemeinen Gesetzen der Ordnung und Vollkommenheit unterthan, welche diese Welt zu dem, was sie ist, machen. – Diesen Gesetzen gehorchen, ist der Stimme Gottes gehorchen. – Und, als ein unsterbliches und im Himmel entsprungenes Wesen, muß er leben, wie es der Würde seiner Natur und der Hoheit seines künftigen Standes gemäß ist.

Sein gegenwärtiges Leben muß als eine beständige Uebereinstimmung mit den Gesetzen Gottes und eine ernste Vorbereitung auf das künftige seyn.

Schon längst hat die allgemeine Erfahrung gelehrt, daß Ehrfurcht vor Gott und Hoffnung eines ewig glücklichen Zustandes nach dem Tode sehr viel über des Menschen Herz und Sinne vermögen. Alle Völker haben Proben hievon gegeben. Der Fehler ist nur, daß man diese beiden Gefühle nicht genug geltend macht und sich nicht ihrer ganzen Stärke bedient. 127 Man treffe, um dem Glauben an Gott und Unsterblichkeit die Herrschaft über unsere Seele zu verschaffen, nur so viele Anstalten, als Lykurgus, um Liebe zum Vaterland und Streitbarkeit in seinem kleinen Staate zu den Alles bewegenden Triebrädern zu machen; man schaffe nur, nach seinem Beispiel, alle entgegenstehende Begriffe, Maximen und Gewohnheiten ab und richte hingegen Alles nach diesen Grundideen ein, und der Erfolg kann und wird nicht ausbleiben. Oder sollte es etwa unmöglich seyn, einen Staat nach denselben einzurichten? Wahrlich, wofern die Republik des Lykurgus noch in der bloßen Idee existirte, so würde sie jeder Kenner der menschlichen Natur für ungleich schwerer zu bewerkstelligen halten, als eine Republik von Christen!

 


 








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