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Pittje Pittjewitt

Joseph von Lauff: Pittje Pittjewitt - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Lauff
titlePittje Pittjewitt
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeEinundachtzigster Band
printrunDreizehntes Tausend
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070628
projectidc64d8ced
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XVIII.
Hagel!

»Nein, Sally,« sagte Pittje mit fester Betonung, als sie das Haus des Polizeidieners verlassen hatten und das Wetter immer bedrohlicher wurde, »nein, Sally, unter keiner Bedingung.«

»Aber, Herr Pittje!«

»Unter keiner Bedingung. Sie haben für mich schon mehr wie genug getan. Inkommodieren Sie sich nicht weiter um mich – und da wir doch gerade hier sind: ich gehe ganz still und mit meinem Päckchen Unglück nach Wilm, und Sie, Sally, gehn ebenfalls ganz still und mit Ihrem Päckchen nach Hause. Das Nötige hat ja der Herr Polizeidiener Brill schon erfahren; das übrige wird morgen früh besorgt. Gute Nacht, Sally.«

»Herr Pittje, ...!«

»Sally, und denn: Sie stehn mir nah, aber Wilm steht mir auch nah.«

»Ich verstehe, Herr Pittje; bis morgen.«

»Bis morgen, Sally.«

Und jetzt stand Pittje Pittjewitt allein vor der niedrigen Haustür seines Freundes und bewegte ganz leise den Klopfer. Mit einer solchen Bürde von Gram auf dem Herzen, mit einer solchen Not und Beklemmung hatte er hier noch niemals gestanden. Er mußte sich an der Türklinke halten, um nicht nieder zu brechen. Mit der ganzen Willenskraft, die ihm innewohnte, schluckte er die Tränen herunter.

Wilm Henseler war noch nicht schlafen gegangen. Das Wetter hatte ihn über die Zeit wach gehalten, und so saß er denn noch in der vorderen Stube, die gleichzeitig seine Schlafkammer ausmachte, während seine Schwester Jüllecke sich in der Küche damit beschäftigte, Franzbranntwein auf grüne Walnußschalen zu gießen. Sie braute sich einen Nußschnaps, ein Getränk, dem sie leider Gottes in den letzten Jahren immer mehr zusprach, und zwar heimlicherweise und zum gerechten Ärger ihres Bruders, der sich vergeblich bemühte, das sonst so reelle Mädchen in dieser Hinsicht auf andere, geordnetere Bahnen zu lenken. Aber wie er sich auch ins Zeug legen mochte, er predigte schon seit langem vor tauben Ohren, denn Jüllecke kam mit tausend Gegengründen, unter denen der wichtigste die Behauptung enthielt: sie, Jüllecke, wäre ihrem Bruder zuliebe nicht in den Stand der heiligen Ehe getreten, sei somit mann- und kinderlos geblieben, und während andere ihres Alters und Geschlechtes allabendlich mit ihren Männern vergnügt in die Schlafkammer gingen, müsse sie ohne einen solchen ins Bett kriechen – und da wäre ihr denn doch so'n Herzensstärker und Seelenwärmer in Gestalt eines zahmen Nußlikörchens sicherlich und ohne Neidhammelei zu gönnen, zumal sie nichts ungeschehen ließ, ihm, ihrem Bruder, das Leben und den Haushalt so angenehm wie möglich zu machen. Mit diesem Beweismaterial, mit dieser logischen Schlußfolgerung war sie Wilm auch heute abend gekommen, als er ihr wegen der grünen Walnußschalen und des Franzbranntweins nur zu stichhaltige Vorstellungen machte. Als jedoch alles nichts fruchtete, ging er in die vordere Stube, brannte sich eine Tonpfeife an, um in aller Gemütsruhe das Gewitter abzuwarten, während Jüllecke ihr Likörchen ansetzte und die Ingredienzien sorgfältig prüfte.

Bei jedem Blitzschein, der in die Fenster hineinleuchtete, schlug sie ein großes Kreuz und betete mit lauter Stimme: »Moder Goddes, bett för ons!« braute weiter und gönnte sich von Zeit zu Zeit ein kräftiges Schlückchen.

»Gott verdomie, wer kloppt da?« sagte Wilm, als draußen der Türhammer anrief, stand auf, ging über den Flur, schob das Rähmchen zurück und meinte: »Wer is da?«

»Wilm, mach' man auf.«

»Gott verdomie...!«

Hastig hatte er die Tür geöffnet.

»Aber, Pittje, ich denke Du wärst doch ...«

»Ja, Wilm, das war ich.«

»Also – tot?«

»Tot,« sagte Pittje.

»Ich kondiluiere Dir von ganzem Herzen,« meinte der Schreinermeister mit innigen Worten. »Schlimm für Deine liebe Mutter, aber noch schlimmer für Mielke un die hungrigen Kinder. Un nu kommst Du wohl, mir musmaßlich die Bestellung für die schwarzen Bretter zu geben?« »Ja, alter Freund, deswegen bin ich gekommen – und denn ...«

»Meinetwegen,« unterbrach ihn Henseler, »aber nur gratis, nur gratis,« wobei er die Betonung auf die zweite Silbe des Wortes legte, »sonst unter keiner Bedingung. Aber nu mal 'rin. – Ich bitte Dir, Pittje – bei diesem Wetter da draußen...«

»Gerne,« sagte dieser und blickte zur Seite.

»Schlimm, sehr schlimm,« schüttelte Wilm mit dem Kopf, als er Pittje in die Stube geführt und einen Stuhl für ihn zurecht gestellt hatte.

»Je, Wilm,« stotterte Pittje, »aber das Schlimmste kommt noch – und das ist mir widerfahren.«

»Wer ich bitte Dir, Pittje...!«

»Und Jan Peerenboom ist tot,« schrie der Ärmste plötzlich auf, »und Ull Koßmann ist tot, und Kathje Peerenboom ist eine...«

Mit dumpfem Laut schlug er mit der Stirn auf die Platte des Tisches.

»Pittje, Du bist woll ...! – Sei still, die Leute könnten es hören – un Jüllecke is in die Küche dahinten – un Jüllecke kennst Du...! Sie werden Dir einsperren, Pittje – denn man sollte musmaßlich meinen, Du wärest übersinnig geworden.«

»Übersinnig ...?«

Langsam hob Pittje den Kopf. »Nein – aber es wäre gut, wenn ich übersinnig geworden, dann wäre Jan Peerenboom nicht tot, dann wäre Ull Koßmann nicht tot, dann wäre Kathje... Aber, da es so ist...« Er zerrte an seinem Halstuch herum, suchte nach Worten und meinte: »Wilm, willst Du hören, willst Du still zuhören – und Du sollst alles erfahren, was mir heute passiert ist?«

»Pittje, das will ich, das will ich!«

Wilm Henseler rieb sich verschüchtert den Kopf, denn er sah den fürchterlichen Ernst auf der Stirn seines Freundes.

Da setzte sich Pittje hin, legte die Hände sacht auf die Kniee, sah seinen Freund mit traurigen Blicken an und erzählte still und gefaßt und ohne jegliches Zutun alles dasjenige, was ihm im Laufe des Tages und wie aus heiterem Himmel geschehen war. Und als er die trüben Stunden bei Mielke geschildert, dann überlenkte zum ersten Begegnen mit Sally und schließlich die Katastrophe im Peerenboomschen Hause und an den Wassermühlen erzählte – da glaubte Wilm Henseler, die Balkenlage müßte zusammenbrechen, das Haus müßte einstürzen und sie beide unter seinen Trümmern begraben.

Er stierte ins Licht, brach mechanisch den Stiel seiner Tonpfeife entzwei und ließ die Stücke einzeln auf den Boden fallen. Er hatte plötzlich ein Gesicht, und in diesem Gesicht war es ihm so, als täte sich ein langer Stationsweg auf, öde und leer und nur von saurem Riedgras begleitet, und am Ende desselben, neben dem Kalvarienberge, wäre ein hohes Kreuz errichtet, und an dieses Kreuz würde Pittje genagelt. Die große Passion, so 'ne richtige Karwochenstimnmng war über Wilm Henseler gekommen. Langsam hob er sich auf. wankte auf Pittje zu und drückte ihm einen langen Kuß auf die Wange.

»Alter, lieber Freund,« schluchzte Wilm, »das hast Du bei Gott nich verdient in Deinem arbeitsamen Leben un um Deiner Gerechtigkeit wegen! – Aber daß das eine so kam – das is musmaßlich zu Deinem unschätzbaren Vorteil gewesen, denn, Pittje, ich glaube, Du wärest in Deiner mehr als gerechten Wut, über Deinen Maxusstandpunkt hinaus, zum veritabelen Totschläger geworden – un das hätte Deiner guten Sache geschadet.«

Pittje griff nach seinen Händen.

»Ja, Wilm – das wär' ich sicher geworden.«

Und wieder kam er in seiner verzweifelten Lage auf Kathje und das zu sprechen, was sich im Hause des Puppenspielers mit ihr und Ull Koßmann begeben. Und da war's aus mit semer Selbstbeherrschung. Erschüttert fiel er um den Hals seines Freundes.

Wilm, der sich bis jetzt mit der rührsamen Seite der Medaille befaßt hatte, drehte nunmehr das Ding um und kriegte die Kehrseite vor Augen – und da bekam er doch so ein gestrichenes Maß voll Erbärmlichkeit unter die Nase, daß er sich aus der Umarmung Pittjes befreite, auf den Tisch schlug und losdonnerte: »Pittje, wie ich das jetzt so richtig nachsimuliere, da geht's doch über meinen un Deinen Zylinder, un wäre ich an Deiner Stelle gewesen, ich hätte trotzdem dem verfluchten Vieh – aber ich meine nich das Vieh, das Borsten un den Speck produziert, sondern den hundsmiserabelen Kerl – eins über den Bregen gehauen...!«

Pittje sah ihn mit verweinten Blicken an. »Der Mann ist tot – Wilm.« Er hatte mit einem leisen Vorwurf in der Stimme gesprochen.

»Ach, so...«

Wilm drehte sich um.

Seine Schwester Jüllecke war durch den wütigen Ausfall von eben herbeigelockt worden, hatte die Tür geöffnet und sah fragend ins Zimmer.

»Ich bitte Dir, Jüllecke, bleib bei Deinen Schnäpsen dahinten; hier haben ernste Männer zu reden.« »Gott noch! – nu tu' man nich gleich so gescheit wie'n wirklicher Stadtrat.«

»Ich bitte Dir nochmals...«

»Ach, Du mein Christus!« sagte Jüllecke verärgert, knickste und begab sich wieder in ihre Destille, nicht ohne eine ganze Litanei von unliebsamen Bemerkungen gegen Wilm hinter ihr blau- und rotkariertes Brusttuch zu schlucken.

Draußen heulte inzwischen der Sturm, orgelte und brüllte und warf Schieferplatten und Dachziegel mit großem Gepolter zu Boden. Fast beständig war ein bläulicher Schein in der Luft, und hartnäckige Donner wechselten sich dabei so prompt ab wie die endlosen Obstbäumchen auf einer langweiligen Landstraße.

Pittje hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er versuchte dem Unabänderlichen eine bessere, lichtere Seite abzugewinnen, kam aber immer wieder auf die Erkenntnis zurück, daß sein Vorhaben eitel und nichts sei und Spreuicht – ein Kartenhaus, das schon der leiseste Lufthauch über die Tischkcmte fortblies. »Mein Gott, mein Gott!« seufzte Pittje, »und meine arme Mutter und Mielke...!«

Wilm Henseler ging auf ihn los.

»Nu verzweifle man nich. Das is doch sonst nich bei Dir Mode gewesen. Hast doch sonst immer den Kopf oben behalten; es wäre schade um Dir un uns alle zusammen, wenn Du nich mehr der Alte werden solltest von früher. Du mußt den schlimmen, traurigen Kerl laufen lassen un Dir 'nen frischen anposamentieren. Oder anders gesagt: Du mußt Dir von jetzt an 'nen neuen Mjinheer zulegen un Dich mellen als solcher un als einer, der auftritt wie'n Pferd, das immer nur schieren Hafer gekannt hat. Verstehst Du mir, Pittje?«

»Ja, Wilm, ich verstehe,« nickte der Ärmste, »ich habe alles verstanden, und ich danke Dir, Wilm, für all Deine Liebe und den freundlichen Zuspruch. Ich weiß es ja selber: was gewesen und einmal geschehn ist, das kann man nicht mehr ändern im Leben, und es ist eine große Torheit, die Zukunft auf die Vergangenheit aufbauen zu wollen. Ich muß vergessen lernen, leben und arbeiten, um meiner selbst willen, wegen meiner Mutter und um meine Schwester Mielke mit ihren Kindern über Wasser zu halten.«

»Das is denn doch noch wie früher gesprochen,« sagte Wilm und schlug klatschend die Hände zusammen. »Un nu gestattest Du wohl, daß ich mir 'ne frische Pfeife anbrenne, denn jetzt komme ich aufs Geschäftliche zu sprechen, denn allens muß seine richtige Ordnung haben im Leben. Ich will zu morgen gleich forsch an die Arbeit. Du verstehst mir doch, Pittje?«

»Ja, Wilm, ich verstehe; es ist von wegen des Sarges.«

»Aber allens gratis un für umsonst; denn bei einer andern Meinung kann ich musmaßlich die Totenkiste nich in die Hand nehmen.«

»Gut,« sagte Pittje, »ich nehme Deine liebevolle Hilfe an, besonders wo ich mich im Momang nicht in 'ner besonders glücklichen Lage befinde. Aber es kommen auch bessere Zeiten – un denn...«

»Un denn...? – Meinetwegen: un denn...! – Das ergibt sich später allens von selber. Ich habe jetzt vom fachmännischen Standpunkt un von wegen der Totenlade zu reden un habe Dir leider zu fragen: welchen Minus- oder Maxusstandpunkt vertrat Dein Mjinheer Schwager nach Längde un Breite? Ich muß es nämlich wegen die Bretter wissen. Ich meine: is er in der letzten Zeit noch völlig oder so'n bißchen angeknabbert gewesen?«

»Je,« sagte Pittje und konnte keine Antwort darauf finden, mußte aber doch lächeln in seinem entsetzlichen Elend.

»Du verstehst mir doch, Pittje?«

»Lieber Freund,« lenkte dieser ein, »ich weiß, Du bist mir ja doch immer der Liebste gewesen!«

Wilm Henseler sah steif auf den Boden. Mit dem dicken Zimmermannsdaumen fuhr er sich über die Augen.

In diesem Augenblick wurde von draußen an die Scheiben geklopft. »Nanu!« sagte Pittje.

Aber das Klopfen hörte nicht auf. Es klang, als würde mit knöcherner Hand an die Fensterruten geschlagen. Gleichzeitig brach das Wetter mit erneuter Wut los. Der Regen prasselte nieder, der Donner krachte, daß die Dielen des Hauses das Zittern bekamen und Jüllecke Henseler vor lauter Schrecken und mit schief sitzender Haube ins Zimmer gestürzt kam.

Ein erneutes Gepolter! – Ein Prasseln und Trommeln! – Eine Fensterscheibe klirrte zusammen, und knisternd hüpften hühnereigroße Hagelkörner bis weit in die Stube.

Jüllecke war einer Ohnmacht nahe.

»Hagel, Hagel!« keuchte sie mit verstörter Miene und begann alsdann die hineingeschleuderten Eiskörner und Schloßen zu sammeln.

»Auch das noch – auch das noch!« knirschte Pittje. »Sally, Sally! – Nun verhagelt auch dem noch das bißchen Getreide, was die Mäuse übrig gelassen haben. Wilm, Wilm! – es wird immer schlimmer! – Wir gehen bösen und betrübten Zeiten entgegen, und wenn nicht hier ein Ding säße, das täglich, stündlich einem zuriefe und predigte: Es ist so! Es ist so! – dann sollte man wirklich an dem Dasein und der Gegenwärtigkeit des lieben Gottes im Himmel und auf der Erde verzweifeln.«

Wilm nickte.

Und da saßen die drei in der niedrigen Stube, sahen sich stumm und entsetzt an, rückten zusammen und horchten auf das wütende Stürmen und das wilde Getrommel da draußen. Inmitten des bläulichen Wetterlichtes stand die brennende Öllampe so trüb und mager auf dem Tisch, als hätte ihr Docht die Schwindsucht bekommen. –

Inzwischen war Sally Süßkind zu Hause angelangt, hatte sich in seinen kattunenen Schlafrock geworfen, die Lampe angezündet und war dann in sein Kontor gegangen, um hier zwischen seinen Kornproben, seinen Geschäftsbüchern und Briefen das Wetter austoben zu lassen. Er stellte das Licht auf den Tisch und ging verstört im Zimmer auf und nieder. Bald zusammenschrumpfend, bald in die Länge sich streckend, huschte sein Schatten über die blaue Tapete. Müde und abgehetzt durch die Erlebnisse des heutigen Tages warf er sich schließlich auf den dreibeinigen Pultstuhl, den Säckchen Reiß während der Geschäftsstunden inne zu haben pflegte, und ließ die Enden seines Kattunenen in malerischen Falten zu Boden fallen. Gepackt von der Einsamkeit und den Wetterschauern, die im fahlen Blitzschein durch die Fenster gespensterten, dachte Sally nicht mehr an seinen eigenen Kummer. Im Rollen des Donners glaubte er die Stimme Jan Peerenbooms und den Hilfeschrei Ull Koßmanns zu hören – dann ein Racken und Brechen, ein dumpfes Gepolter und ein gellendes Lachen...

»Jantje Klaas – Jantje Klaas...!«

Er hielt sich die Ohren zu.

Ha, wie das schallte!

Sally wollte den entsetzlichen Schrei nicht mehr hören. Aber, ob er wollte oder nicht: er sah die schwarzen Mühlen vor sich – und das schäumende Wehr mit dem wütenden Wasser – und Pittje... und die schwarzen Pappeln, die sich dämonisch mit ihren Kronen umschlangen. Die wehten und flatterten wie große Trauerfahnen im Sturm.

Sally wurde ganz klein, verschüchtert, zwerghaft in seinem kattunenen Schlafrock. Er duckte sich wie ein kleiner Junge, dem ein robustes Kindermädchen mit dem ›Bullemann‹ angst macht.

Da – was war das da draußen?!

Sally war erdfahl geworden und dann auf die Dielen gesprungen.

Da draußen ...!

»Gott der Gerechte!«

Es schien so, als würde da draußen Porzellan auf die Straße geworfen. Es prasselte, klirrte und übertönte das Ächzen des Sturmes und das Rollen des Donners. Ein vollgepfropfter Wagen mit Steingut, dessen Achsen gebrochen und nun seinen ganzen Inhalt an Töpferwaren über das Pflaster verstreute, hätte kein größeres Spektakel vollführen können, als in diesem Augenblick vor dem Hause Sally Süßkinds losgelassen wurde. Es rasselte auf die Dachpfannen und gegen die Läden.

»Gott der Gerechte, was war das?!«

Er hatte schon zu öfters den Manövern der Klever Garnison als Zuschauer beigewohnt und sich höchlichst darüber erstaunt gezeigt, wenn das Pelotonfeuer mit Platzpatronen losging, wobei ihm sein Geschäftsfreund Reb Veilchenstock des längeren auseinandersetzte, daß es im Ernstfall und besonders aber bei einer Revolution eben so ginge, nur mit dem Unterschied, daß alsdann scharfe Patronen zur Verwendung gelangten, und das klänge dann noch ganz anders und wilder.

Ja – es wurde mit scharfen Patronen geschossen.

Sally dachte an eine Revolte.

Konnten nicht Aloys Pierentrecker und Henne Terlinden, die in Untersuchungshaft saßen, ausgebrochen sein und in ihrer tigerischen Wut eine solche in die Wege geleitet haben?! Die Möglichkeit lag vor; diesen Kerls, die kalten Blutes und lediglich aus purer Schadenfreude die unschuldigen Birkenstämme über den Haufen geworfen hatten, war solches schon zuzutrauen – und Sally hätte auch noch Herrn Polizeidiener Brill mit der Revolution und dem Flintengeknatter in geziemende Verbindung gebracht, wäre nicht während dieser Betrachtung eine ganze Portion handlicher und triefender Hagelkörner durch die Scheiben ins Zimmer gerasselt.

Wie bei Wilm Henseler kamen sie klirrend in die Stube geflogen.

Aloys Pierentrecker, der säbelbeinige Bäcker, Herr Polizeidiener Brill und der ganze Aufstand mit dem scheußlichen Flintengeknatter flogen in die Luft, gingen in Hagel und Schloßen auf – und dem geängstigten Produktenhändler überkam es so frostig und kalt, als wären die eisigen Körner über seinen Rücken gehagelt.

Mit jämmerlichem Aufschrei wankte er in eine Ecke des Zimmers.

Da lagen sie – die Vorboten seines sicheren Ruins!

Er griff sich in die Haare.

Stärker als Geschäftsklugheit und Fleiß waren die Naturgewalten da draußen: Mäuse und Hagel. Er sah den Bankerott seines sonst so schön fundierten Geschäftes vor Augen. Das Getreide mußte rar und teuer werden; er witterte, wie die Kornpreise sich zu schwindelhaften Höhen verstiegen – und er war gezwungen zu liefern.

»Meine Kuntrakte! – Meine Kuntrakte!« schrie Sally.

Die Kontrakte wurden lebendig. Sie kamen aus Pult und Mappen gekrochen; sie flatterten durch die zerschmetterten Scheiben. Sie hatten Arme und Beine, schnitten allerhand Fratzen, gerierten sich wie scheußliche Wichtelmänner und purzelten mit ihren Wackelköpfen über Tische und Säkchens Kontorstuhl, bis sie schließlich in einem wirbelnden Ringelreigen um Sally Süßkind herumtanzten. Immer neue Kontrakte kamen gewackelt. Da waren die von den Bäckern und Müllern aus Appeldorn, diejenigen, die er in Moyland, in Till, am Totenhügel und in Kervenheim abgeschlossen hatte, andere von Hönnepel und solche, die sich auf die Bäcker und Mühlenbesitzer jenseits des Rheines bezogen.

»Hier sind wir! – Hier sind wir!« schrieen die putzigen Kerlchen.

»Ich habe fünfzig Taler an Wert!«

»Ich hundert!«

»Ich dreihundertfünfzig!«

»Fünfhundert!«

»Tausend!«

»Zweitausend!«

Dem armen Produktenhändler schwindelte der Kopf.

»Macht zusammen for viertausend Talers zu liefern!« »Wir sind auch noch da!« schrieen andere Stimmchen.

»Nochmals hundert!«

»Hundertundfünfzig!«

»Eintausendvierhundert!«

Und dann kamen Mäuse gesprungen – graue, langschwänzige Mäuse. Die piepsten und quieksten. Hundert Mäuse – tausend Mäuse ...! Die streckten die Pfötchen, fletschten die Zähnchen, spitzten die Öhrchen, taten sich mit den scheußlichen Wichtelmännchen zusammen und begannen um den bedauernswerten Menschen zu hüpfen. Immer näher zogen sich ihre widerwärtigen Kreise. Unter hellem Gepiepse, unter unaufhörlichem Lachen krochen sie über die gestickten Pantoffeln von Sally, zappelten höher und höher; jetzt waren sie bis zum Bauch des erstarrten Produktenhändlers gekommen – jetzt bis zu den Schultern – jetzt bis zum Mund – und jetzt: mächtig schlug die Flut der Mäuse- und Kontraktenplage über das schuldlose Haupthaar Sally Süßkinds zusammen.

Heftig gestikulierte er mit Händen und Beinen.

Der langschößige Schlafrock schlug Wellen und Wogen.

Kontrakte und Mäuse! – und dazwischen prasselten die blitzeblanken Eiskörner ins Zimmer.

Scheiben klirrten – es war ein Heidenspektakel!

Das war zuviel für den Ärmsten.

»Hagel, Hagel!« schrie er aus Leibeskräften. »Mein Korn, mein Getreide ...!«

Mit gestreckten Armen drehte er sich um seine eigene Achse; dann sank er taumelnd und wie vom Schlage getroffen zu Boden.

Fast eine halbe Stunde verging. Als Sally aus seinem Fieberzustand erwachte, als er sich aufhob und sich schweren Kopfes dem Fenster zuwandte, war das Gewitter vorüber gegangen.

Er warf einen Flügel zurück.

In den Straßenrinnen war ein Schlürfen und Gurgeln; schweren Falles klatschten die Regentropfen von den Pfannen zu Boden. Am Himmel zeigten sich zwischen den zerrissenen Wolken wieder tiefblaue Flecken, in denen die Sterne wie leuchtende Glühwürmchen standen. Jenseits der dunklen Häuser zuckte es noch zuweilen schüchtern und blitzartig auf. An den triefenden Ziegeldächern fing sich die Helle.

Eine wohltuende Kühle strömte ins Zimmer.

Sally war ruhiger geworden.

Der Sturm hatte große Haufen körnigen Eises zusammengewirbelt. Es waren die traurigen Überbleibsel der verflossenen Stunden.

Auf der Straße brannten keine Laternen mehr. Der Wind hatte sie ausgepustet.

Sally sah in die Nacht hinaus. Er spitzte die Lippen und begann traurig zu pfeifen: »Sieh, o Norma – ach, Hab' Erbarmen ... !«

Gleich darauf ließen sich Schritte hören. Sie rührten von Heinrich Hübbers her, der neben der Schusterei auch das Amt des Nachtwächters in Kauf und Pachtung genommen hatte.

Der schusterliche Nachtwächter kam näher.

Vom nahen Rathausturm schlug es Mitternacht.

Heinrich Hübbers rührte zwölfmal die Klapper, stieß ins Tutehorn und sang dann:

»Twälw hät de Klock! – Wat wellt che mehr –
De Schuster Hübbers wacht.
Twälw hät de Klock! – O liewen Heer,
Gäwt ons 'ne moje Nacht!
   De Klock hät twälw!«

Sally ging schlafen.

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