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Pittje Pittjewitt

Joseph von Lauff: Pittje Pittjewitt - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Lauff
titlePittje Pittjewitt
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeEinundachtzigster Band
printrunDreizehntes Tausend
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070628
projectidc64d8ced
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XIII.
Es wendet sich alles

Und die Sterne waren aufgegangen am Himmel. Unter ihnen, inmitten von schwarzen Kastanienkugeln, streckte sich eine helleuchtende, transparente Fläche, die aussah, als ruhte ein lichtdurchfluteter Weiher zwischen den mächtigen Kuppen, die regungslos in die Nacht hinausstierten. Jenseits derselben lagen Gärten, in denen breitausgelegte Obstbäume standen, an diese schlossen sich dichte Weißdornhecken, verschwiegene Gäßchen, die, von Zaunrüben durchwuchert, allgemach in die weiten Kornfelder führten. Rechts derselben lief der große Heerweg nach Kleve und von hier aus weiter nach Holland. In der silbrigen Nacht waren die dunklen Schnüre der Chausseebäumchen klar zu verfolgen. Auf der Landstraße war Räderknarren und Peitschengeknalle. Rasche Laternen hoppelten durch die einförmigen Stämmchen. Sie hatten alle dasselbe Ziel, denn in Höhe des erleuchteten Zeltes bogen sie ein und lichterten geschwind auf die dunklen Kastaniengruppen zu. Wagen folgte auf Wagen. Alle brachten heitere Kirmesgäste aus den benachbarten Ortschaften, aus Moyland und Till, von der Beginnen- und Holländerkath, von Rosenboom und dem Leygrafenhof, dessen Besitzer nach Angabe Pittje Pittjewitts so reich war, daß er seine Schweineställe mit geäderten Marmorplatten belegen konnte, eine Opulenz, die ihm in der ganzen Umgegend den Ehrentitel eines Schweinekönigs eingebracht hatte. Seine borstigen Untertanen zählten nach Hunderten. Auch Jan Peerenbooms Yorkshire-Sau war vom Leygrafenhofe zu Hause und hatte dort zuerst die Wände begrunzelt.

Breitbeinig protzte der Leygrafenhöfer in die Marcoursche Tente hinein.

»Holla, Markör, zwei Flaschen Burdo!«

Drei harte Taler knallte er dabei auf die Anrichte. Die Leute sollten doch wissen, was er für ein steinreicher Kerl sei. Aber die wenigsten achteten darauf, denn gleichzeitig mit ihm hatten Pittje Pittjewitt, Kathje und Sally Süßkind den lustigen Tanzboden betreten. Alle steckten die Köpfe zusammen. Zum erstenmal zeigte sich Pittje mit seiner Braut öffentlich als Verlobter, ein Ereignis, das sicherlich dazu angetan war, eine lebhafte Bewegung unter die Menge zu bringen, die teils um die Tische gruppiert saß, teils zu den Klängen eines Wiener Walzers sich drehte und wiegte. Eine freudige Stockung entstand, weniger allerdings bei denen, die sich auf Henne Terlinden und Aloys Pierentrecker eingeschworen hatten, als vielmehr im Kreise der liberal Gesinnten, die es dem Eingetretenen nicht vergessen wollten, wie selbstlos und charakterfest er sich seinerzeit auf dem Rathause benommen.

»Hierher, Pittje!«

»Pröstchen!«

»Auf Dein Spezielles!«

»Hä, Pittje!« »Pittje, placiert Euch!«

»Danke, die Herren ...!«

Und Herr Doktor Heinrich Schnapp, Vorsitzender des Verschönerungsvereins, trat in herzlicher Weise auf ihn zu, gratulierte ihm und seiner jungen Braut im Namen der guten Sache und des Verschönerungsvereins, und der Leygrafenhöfer, bei dem Pittje immer die Schweine abstechen mußte, warf nochmals drei harte Taler auf den Schenktisch, wobei er so laut wie möglich kommandierte, daß alle es hören konnten: »Holla, Markör, noch zwei Flaschen Burdo! – Wir müssen Herrn Pittjewitt und seiner Braut die Ehre erweisen!« – und als der so Gefeierte den Zylinder zog und sich vielmals bedankte, grüßte auch Sally mit und setzte dabei ein so wichtiges Gesicht auf, als wäre er der Bruder von Kathje und müßte als solcher und zukünftiger Schwager die Peerenboomsche Familie würdig vertreten.

»Hierher, Pittje!«

»Pittje, bedient Euch!«

Alles tobte und jubelte laut durcheinander, und als Säkchen Reiß, der im Schweiße seines Angesichts und schlenkerbeinig mit Rosalie Leifmann vorüberwalzte, die Situation richtig erkannte, hielt er plötzlich inmitten des besten Tanzes inne, schwenkte mit dem Taschentuch, das er noch kurz zuvor seiner Tänzerin mit spitzen Fingern auf den Rücken gedrückt hatte, zur Musikantentribüne herauf und meinte: »'nen Tusch, 'nen Tusch – ich bitte die Herrens!«

Die Herren Musikanten ließen sich das nicht zweimal sagen. »Hurra!« rief Säkchen.

Und »Hurra!« und »Fifat!« ging es durch den Saal; es fehlte nicht viel, so hätten sie Pittje auf die Schultern gehoben und ihn triumphierend über den Tanzboden und durch den Garten getragen. Allein die Herren auf der Tribüne stimmten noch rechtzeitig einen fünften und ge-tragenen Rheinländer an; einschmeichelnd kamen die Töne herüber, und als nun Pittje bemerkte, wie Kathie ihn mit ihren schönen, runden Augen ansah, wie sie die weißen Zähne blitzen ließ, ihm bittend die Hand drückte, da legte er seinen Zylinder beiseite, faßte sie um die Taille und ließ sich gleichzeitig mit Säkchen Reiß und Rosalie Leismann in das dichteste Tanzgewühl tragen.

»Wo erhaben!« lächelte Sally. »Er kann noch etwas anderes wie halbieren un reden – er kann auch noch tanzen. Un wie! – Er is ja die reinste männliche Mirjam mit's Tanzen! – Herr Pittje kann alles.«

Und Kathje drückte sich fester an ihren Geliebten. Das gestrige Begegnen mit Ull Koßmann kränkelte sacht dem Sterben entgegen und wurde schließlich von dem irren Kerzengeflimmer, dem wirbelnden Staub und der heiteren Musik, die ihre heißen Sinne umwiegte, verschlungen. Ihr Fühlen nahm eine andere Richtung. Jetzt war ihr Pittje der nächste. Von seinen Armen getragen, von ihren raschelnden Röcken umflattert, mit blitzenden Augen und halbgeöffnetem Munde tanzte sie sich wieder in die volle Leidenschaft zu ihrem Geliebten hinein.

Pittje war glücklich. Die Bedenken und Sorgen, die ihn während der letzten Tage heimgesucht und gequält hatten, schrumpften in sich zusammen, um Stück für Stück und wie abgestorbene Früchte von seinem Herzen zu fallen. Freudige und neidische Blicke folgten ihm und dem lieblichen Mädchen. Er fühlte und sah das. Eine erquickende Genugtuung, eine selbstherrliche Kraft bemächtigte sich seiner, wie er sie nie empfunden hatte an andern Tagen. Ihr warmer Atem kitzelte seine Wangen, sie flüsterte ihm verliebte Worte ins Ohr, und lachend drückte sie ihren schönen Körper näher und näher. Ein volles, heißes, begehrliches Leben ruhte an seiner Brust; da wußte er doch, wofür er lebte, wofür er neue Pläne schmiedete, arbeitete und schaffte, und da kam ihm seine engere Heimat, wo er ein kleines Anwesen hatte, wo sich alles mit seinen Jugenderinnerungen verknüpfte, noch einmal so schön vor. Ja, hier in dem gesegneten Landstrich am Niederrhein, wo die Wasser langsamer fließen, die Wiesen saftiger grünen, die schwermütigen Pappeln eine andere Sprache reden denn sonstwo, hier, wo die dampfende Scholle mit tausend und abertausend Gräsern und Blüten ihm winkte und, trotz des Nüchternen, eine eigenartige Welt ihn mit unzähligen Fühlern umstrickte, hier wollte er das Glück auf den Amboß legen und es zurecht schmieden so ganz nach seinem Herzen und seinem Gefallen. Und Kathje, sein Kathje – ja, die mußte ihm helfen, bis alles in Schick und Richte gekommen, und sie schließlich sagen konnten: wir haben unsere Pflicht getan und nicht vergebens gerungen, denn alles, was wir besitzen, sowohl in der Welt da draußen, wie dasjenige, was wir im Herzen tragen, ist nicht mit Hypothekenschulden belastet. Das sollte immer so bleiben, bis der Flieder auf dem ruhigen Fleckchen Erde da draußen über sie hinwehte. Man konnte kaum noch sehen. Der Staub wirbelte unter den schleifenden Schritten. Die improvisierten Kronleuchter dunsteten nur noch trüb durch die aufgetriebenen Wölkchen. Rote Gesichter und blitzende Augen! Immer flotter schwenkten die Röcke, und der reiche Leygrafenhöfer saß bei seinen Flaschen ,Burdo', trommelte mit seinen fetten und beringten Fingern auf den Tisch, erzählte ein über das andere Mal, was er für ein steinreicher Kerl sei, und folgte mit gierigen Blicken dem tanzenden Paare, wenn sich Kathje vorbeidrehte.

»Donnerknippchen, die kann es!« meinte er dann mit gekniffener Miene. »Wozu so'n versoffener Komödienspieler zu nutz in der Welt ist, das sieht man an der da. So 'ne Tournüre – und die feine Visage!«

»Un wie!« meinte Sally, der sich langsam herangeschnürt hatte.

»Auf Ihr Spezielles, Herr Süßkind,« versetzte der Leygrafenhöfer und nötigte ihm ein Gläschen »Burdo« auf.

»Merci! Im Angedenken an Pittje soll's sein, der ein Freund is von Sie un von mir. Ein angenehmes Pröstchen, Herr Leygrafenhöfer.«

Die Musik verstummte.

Pause!

Die tanzenden Paare atmeten auf. Alle drängten nach Bänken und Tischen. Hochgeschürzte Mädchen gingen mit Gießkannen umher und besprengten den knochentrockenen Boden. Aber kaum waren sie fertig geworden, als auch schon Säkchen Reiß auf einen Schemel sprang, das Taschentuch schwenkte und im Namen des Ballkomitees eine Polonäse mit freier Damenwahl durch den illuminierten Garten in Aussicht stellte.

»Bravo!«

Und abermals: »Bravo!«

Auf allen Gesichtern machte sich eine freudige Er-regung bemerkbar. Sally Süßkind, der sich noch immer an der Flasche ,Burdo' delektierte, strich bei dieser wich-tigen Meldung über sein eingeschmalztes Lockentoupet, rückte die Nelke im Mundwinkel zurecht und zog seine weiße Pikeeweste einige Zoll weiter herunter. Es geschah im behaglichen Vorgefühl der kommenden Polonäse, denn er rechnete mit aller Bestimmtheit darauf, daß die Wahl Kathjes auf ihn fallen würde, eine kühne Voraussetzung, die sich aber sehr bald rechtfertigen sollte. Er schwelgte noch in dieser angenehmen Betrachtung und malte sich bereits die Situation in den gewagtesten Farben aus, indem er hier einen ordentlichen Lichtdruckser und dort eine sanfte Abtönung hinzupinseln gedachte, als plötzlich der Herr Polizeidiener Brill erschien, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, dem man im gewöhnlichen Leben die Bezeichnung Amtsmiene beilegt. Um die Sache noch gewichtiger zu machen, hatte er sein dickbauchiges Notizbuch zwischen den ersten und dritten Knopf des Waffenrockes geschoben.

Hinter ihm tauchte, ebenso erregt, die Gestalt Wilm Henselers auf.

Ohne sich um die andern zu kehren, steuerten die beiden geradeswegs auf Pittje Pittjewitt los.

Herr Polizeidiener Brill legte die Hand an die Mütze. »Es dürfte Sie interessieren, Herr Pittjewitt,« »Von wegen einer dringlichen Sache,« flüsterte Wilm Henseler mit geheimnisvoller Betonung.

Schon steckten einige die Köpfe zusammen.

»Aber was habt Ihr denn, Kinder?«

»'ne große Sache. Ich beschwöre Dir, Pittje. Allens wider Erwartung. Meine Musmaßungen sind über ihren Maxusstandpunkt gegangen.«

»Das sind sie,« bestätigte Herr Brill und machte sich an seinem Notizbuch zu schaffen.

»Aber um Gottes willen, Kinder, so sprecht doch!«

»Wollen wir auch, wollen wir, Pittje – aber allens nur stillkes.«

Wilm hatte sich seinem Freunde genähert, der nicht wußte, was er mit dieser Fülle seltsamer Andeutungen und Interjektionen anfangen sollte.

»Wir haben ihn,« raunte Wilm mit sichtlicher Schaden-freude und praktizierte sein Priemchen, um besser sprechen zu können, an die bekannte Stelle seiner frisch gebügelten Weste. »Allens is so von selber un auf natürlichem Wege gekommen. Meine Musmaßungen von wegen dem Beile haben sich alle bestätigt, un was noch fachmännischer is: der schofele Mjinheer is auf die Leimrute der dicken Riesendame gegangen. Aber ich beschwüre Dir, Pittje – denn solltest Du's glauben: auch der säbelbeinige Bäcker...«

»Nicht möglich!«

»Stimmt,« sagte Herr Brill mit der ganzen Würde eines gediegenen Kriminalisten. »Unter zwei bis drei Jahre tu' ich's nicht. Wir müssen ein energisches Beispiel kon-stitutionieren.« »Pst! – Mjinheer Polizeidiener Brill, wir müssen doch fachmännisch vorgehn, un darum, Pittje, bin ich der Ansicht, wir setzen uns mit Herrn Marcour ins Benehmen und gehn in sein Privatkabinett. Dort sollst Du allens erfahren, meinetwegen von da an, wo das Karnickel seine ersten Röhren gemacht hat.«

»Gut,« sagte Pittje, sprach noch einige Worte mit Kathje und verließ dann in Begleitung seiner Getreuen das Tanzzelt.

Alle weiteren Erörterungen seitens der Unbeteiligten fielen ins Wasser, denn Säkchen Reiß hatte sich abermals auf einen Schemel geschwungen, das Taschentuch in Bewegung gesetzt und mit scharfer Fistelstimme das große Ereignis des Abends verkündet.

»Grande Polonaise – Ich bitte die Damens!«

Hierauf setzte er sich mit den Musikanten und Rosalie Leismann an die Spitze des Zuges. Die Paare rangierten sich, und wirklich, was Sally Süßkind mit allen Fasern seines liebevollen Herzens erhofft hatte, trat ein. Mit hellem Lachen kam Kathje Peerenboom auf ihn zu, knickste, nahm die Röcke zusammen und meinte mit feierlich-komischem Ausdruck des schönen Gesichts: »Ich bitte, Herr Süßkind.«

»Wie liebreich, Freilein Kathje, wie liebreich!« lispelte der Glückliche, nahm eine ausgesuchte Tanzmeisterstellung ein, die eine verteufelte Verwandtschaft mit derjenigen Jettes hatte, beschenkte seine Partnerin noch mit einer flammenden Nelke, um sich dann mit ihr in die bereits aufgestellten Reihen zu schieben. »En avant!« kommandierte der junge Kommis. Die Musik spielte auf. Erst innerhalb der Tente 'rum – und dann im schleifenden Marschtempo, mit heißen Gesichtern, unter Kichern und Lachen ging es von hier aus, an der großen Regentonne vorbei, in den Garten.

Eine angenehme Kühle wehte den heiteren Reigen an, untermischt mit dem süßlichen Duft der Sommerspiräen, die überall an den mit Kies bestreuten Wegen ihre blühenden Rispen aufgesteckt hatten. Alte Obstbäume, die nur als Silhouetten erschienen, breiteten ihre schlangenartigen Äste darüber hin. Bunte Reflexe von blauen und roten Papier-laternen zitterten in den dichten Laubkronen der Kastanien und erhellten spärlich die fingerförmigen Blätter, während tief unten zwischen den Gebüschen und Rasenpartien eine wohltuende, trauliche Dunkelheit herrschte. Die fiim-mernden Kieswege bezeichneten allein die zu nehmende Richtung.

»En avant!« kommandierte Säkchen Reiß, als er mit Rosalie Leismann an eine doppelte Schleife des betretenen Pfades gelangt war. »Die Herrens mit mir, die Damens nach links traversieren!«

Unter Witzeleien und leisem Gekicher wurde dem Befehl Folge gegeben. Auf verschlungenen Gängen zogen die getrennten Reihen mit der Absicht durch den um-düsterten Garten, sich in der Nähe des Tanzzeltes wieder zu einen und die Polonäse mit einem flotten Walzer aus-klingen zu lassen. Aus Gesträuchen und Büschen sah die Nacht mit verschlafenen Augen. Ab und zu blitzte durch das Laubwerk der irre Schein der Papierlaternen herüber. Immer lauter spielte die Musik. Die Reihen lockerten sich; sie wollten Zusammenhang und Richtung verlieren, als Kathje wähnte, ihren Namen zu hören.

Sie konnte sich täuschen, aber da klang es noch einmal, leise und mit leidenschaftlicher Stimme.

Sie hielt den Fuß an.

»Kathje!«

Gleichzeitig fühlte sie sich von starken Händen umfaßt und zur Seite gezogen. Alles war so unerwartet und plötzlich gekommen, daß keiner den Vorgang bemerkte. Zwei brennende Augen sahen sie an.

»Du ...?!«

»Ja – ich bin es: Ull Koßmann.«

»Und was wollen Sie jetzt – von mir? Sie ...?«

Sie stand wie gelähmt und wußte nicht, was sie weiter fragen und antworten sollte.

»Kathje, ich weiß nicht – aber Sie sollen mir folgen.«

Es klang mit der Inbrunst eines verlangenden Herzens.

»Kommen Sie – da draußen ...! Ich beschwöre Sie, Kathje.«

In der lauten Musik waren die hastig hingeworfenen Worte wie untergegangen.

Ull Koßmann deutete in Richtung der Hecken und Kornfelder, wo die Nacht zwinkerte mit ihren Myriaden von Sternen.

»Willst Du?«

»Ich?«

Sie wollte zurück, sie wollte Pittje rufen ...

Da wieder die verzehrenden Blicke von eben, und als sie hineinsah, da fand sie, daß sehnsüchtige Lichter drin brannten. Sie atmete schwer und fühlte, daß ihre Willenskraft allmählich erlahmte.

»Kathje!«

Ihre Lippen öffneten sich durstig und wie in stiller Verzückung.

»Ja.«

Und sie legte ihre Hand in die seine; die beiden Menschen aber schritten hinaus in die unendliche Reinheit der schlummernden Landschaft. Hinter ihnen schlugen die Gartenhecken zusammen. –

Die Polonäse war weiter gezogen. Die Paare einten sich wieder; doch als Sally Süßkind sich vergeblich nach Kathje umschaute, als er mit Aufbietung seines gesamten Spürsinns sie weder im Garten noch in der Tente zu finden vermochte, da nahm sein Gesicht den Ausdruck einer sich allgemach verstärkenden Stupidität an. Es erging ihm wie einem Tambourmajor, der im Übereifer des Gefechts seinen bequasteten Taktierstock zu hoch zwischen die Lindenbäume geworfen hatte und dann in Überlegung stand, warum das eigensinnige Ding nicht mehr herab wollte; als verständiger Mann jedoch, der auch in den schwierigsten Lebenslagen seine Fassung nicht ganz veräußert, ließ Sally seinen Tambourmajorstock zwischen den Alleebäumen hängen – taktierte ohne denselben, und zwar seine eigene Note, die er sich speziell hierauf gemacht hatte.

Etliche zwanzig Schritt von dem Tanzboden entfernt lag die Marcoursche Wirtschaft. Hier im Privatkabinett des stocktauben Inhabers, der sich noch katholischer als der heilige Vater selber aufspielte, tagte der geheime Rat zwischen dem Polizeidiener Brill, Pittje und Wilm.

»Un das kannst Du mir glauben, Pittje,« erörterte Wilm mit behaglichem Schmunzeln, »un wenn es auch kaum die Menschen-Möglichkeit is: er is mit seinem properen Kompagnon auf der dicken Leimrute hängen geblieben.«

Über das Gesicht Pittjes zogen sich heitere Fältchen.

»Pittje, Du lächelst – aber der Herr Polizeidiener Brill kann mir das allens vom fachmännischen Standpunkt beglauben.«

Der eiserne Mann des Gesetzes winkte gewichtig und klopfte dabei mit der größten Umständlichkeit auf sein abgegriffenes Notizbuch.

»Das kann ich,« sagte er mit dem gehörigen Nachdruck, »und hoffe, die beiden schon in den nächsten Tagen, und zwar in Kraft meines kriminalistischen Instinktes, unbarmherzig einstechen zu lassen.«

An der Feierlichkeit und den bestimmten Auslassungen der beiden Ankläger mußte Pittje schließlich die Überzeugung gewinnen, daß in dem Gehörten doch ein Kern von Wahrheit stecken dürfte. Er räusperte sich daher und meinte nach einigem Zögern: »Aber um Himmels willen, wie ist denn das alles so plötzlich gekommen?!«

Der Herr Polizeidiener wollte schon loslegen.

»Herr Pittje ...«

»Aber ich bitte Ihnen, Mjinheer Brill,« drängte sich Wilm Henseler dazwischen, »ich als zunächst stehender Freund un Kampfgenosse habe das Vorrecht. Also Pittje, ich melle gehorsamst: zuerst das mit dem Stiel von's Beil un denn als Hauptknallbonbon das mit der Riesendame un dem Kerl mit die polnische Jacke. Das Beil, mit Respekt zu mellen, habe ich vor wenigen Tagen auf meinen Spionsgängen zwischen die Birken, un zwar in einem Ginsterbusche, totaliter verrostet gefunden, un als ich zukieke – Pittje, halte Dir fest – spreche ich den Stiel für meine fachmännische Arbeit an, die ich Herrn Aloys Pierentrecker, musmaßlich kurz vor der miserablen Affäre, un zwar eigenhändig in seine Wohnung geliefert.«

»Nicht möglich!« entsetzte sich Pittje.

»Stimmt,« ergänzte der Herr Polizeidiener Brill.

»Aber ich will mein Lebenstag nur Hobelspäne verzehren,« fuhr Wilm Henseler ingrimmig fort, »wenn es mir auch nur im Traum einfallen sollte, für diesen hintertückschen un niederträchtigen Musjö noch einmal zu schreinern. Höchstens noch für die Herstellung seines Sarges bin ich zu haben, un denn soll der letzte Nagel mit Trara un aller Forsche hineingekloppt werden. Schön – un nu das mit der Riesenmadam. – Pittje, Du weißt, ich habe für den Kerl in die polnische Sammetjacke den Musentempel zusammengezimmert, un ich muß ihm das Zeugnis abgeben, er hat mir ehrlich in Zahlung genommen. Den Düwel noch mal! – auch die Madam is mir bei dieser Gelegenheit mit ihrem opulenten Busen unter die Augen gegangen, aber allens was recht is, ich sage Dir, Pittje, ich habe mir bei der äußerst freundlichen Dame wie Joseph aus Ägypten benommen.«

»Siegellack und Petschaft darunter,« nickte der Mann des starren Gesetzes.

»Mit ihm is das nu eine andere Sache,« berichtete Wilm Henseler weiter, »denn er is ein aufgeklärter Mann un weiß ganz amüsant über allerhand Tagesposten zu reden. Na, ich komme denn so ungefähr Schlag Klock neune an seinem Musentempel vorüber, un es war mir so, als wenn er seine Wanderbude schon zugemacht hätte, denn da draußen war die Kirmes schon dunkel, un nur hinter der Leinewand war noch 'ne starke Illuminierung. Den Düwel noch mal! – da drinnen stießen sie noch lustig mit klinkenden Gläsern zusammen. Das kam mir sonderbar vor. Ich stand noch ein bißchen, un wie ich so stand, kuckte der Direktor selbst durch den Vorhang, plinkte mir zu un invitierte mir, auf einen kleinen Sprung näher zu treten.«

»Alles der Wahrheit gemäß und sachlich berichtet,« bemerkte der Herr Polizeidiener und klopfte mit dem umgewendeten Bleistift auf den Lederrücken seines Notizbuches. »Es stimmt – man weiter, Herr Henseler.«

»Mjinheer Direktor, sagte ich, sehr freundlich von Ihnen, aber es geht nich, denn ich muß noch zu's Tanzfest; ich hab's meinem Freunde Pittje versprochen. Un da erzählte er mir, daß bei der dicken Madam zwei Herren säßen, eine Flasche nach der andern abstöpselten, mit ihrer Männerkraft dicke täten un renommierten: in einer Nacht musmaßlich zweihundert Birken über den Haufen geworfen zu haben.«

Pittje verfärbte sich.

»Jesus Christus!« rief er mit verstörtem Gesicht, »da soll ja einem der Knüppel in die Hand 'reinfahren ...!«

»Zweihundert Birken,« bestätigte Herr Polizeidiener Brill und begann mit seinen blankgeputzten Augen zu blitzen. »Ein krimineller Fall allererster Ordnung, wie er mir in meiner langjährigen und verdienstreichen Praxis noch nicht unter meinen aufmerksamen Bleistift gekommen.«

»Und die beiden?« fragte Pittje in großer Erregung.

»Laß mir ausreden, Pittje. Da war denn nu endlich der richtige Leimpott gefunden! – Mjinheer Direktor, sagte ich, nach dieser Musmaßung un im vorliegenden Fall möchte ich doch so 'nen kleinen Einblick in Ihre Kunsthalle hinein tun. Der Herr Direktor is nu aber ein sehr freundlicher Mann. Bitte, sich ergebenst bedienen zu wollen, meinte er mir gegenüber, drückte selbst den Vorhang ein bißchen zur Seite, schob mich ans Guckloch, un wie ich da durchsah, Pittje, was glaubst Du wohl, was ich da vor meine Visage bekomme?«

»Kann es mir denken,« sagte Pittje verärgert.

»Richtig getroffen. Gott verdomie! – sitzen da mein christkatholischer Schellfisch un der krummbeinige Sackermenter von Bäcker bei einigen leeren un einigen vollen Pullen ›Schwart Water‹ auf der Komödiantentribüne, machen verliebte Nasenlöcher, gießen der etwas überbrüstigen Madam immer umschichtig ein Gläschen Likör ein, nehmen das Fraumensch abwechselnd auf ihre zappeligen Beine, trinken ein um das andere Glas auf ihre Gesundheit, renommieren von ihrer männlichen Forsche un die herabgehauenen Birken un parlieren überhaupt das Blaue vom Himmel herunter. Pittje, um einen fachmännischen Ausdruck zu brauchen: es ging über den Maxusstandpunkt aller Begriffe. Un so is die ganze Geschichte gewesen. Pittje, ich habe nach bestem Wissen un Gewissen gemolden. Die Sache is fertig.«

»Mein Gott, mein Gott!« fuhr Pittje auf, »das hätte ich den beiden nicht zugetraut.«

»Ich aber wohl,« entgegnete Wilm. »Ich habe die beiden schon lang auf dem Kieker. Faules Gemüse! – Ich freue mich herzlich darüber, denn sie sollen nach der fachmännischen Ansicht des Herrn Polizeidieners ihren Herrgott erkennen lernen, daß ihnen die Augen vergehn.«

»Das sollen sie,« bestätigte dieser, »denn die delikaten Korpusse sind mehr wie erdrückend, und wenn wir noch herauskriegen, wer ihnen die Bouteillen mit Medoc geliefert, denn sie haben erwiesenermaßen diesen Baronswein in Gesellschaft der Riesendame verpichelt – na, denn aber auch! So'n Späßchen können die Herren von's Gericht nicht vertragen. Mit energischer Strenge gehen sie los und schneiden ihnen rechtlich und so ohne weiteres die bürgerlichen Honörenknöpfe vom Leibe.«

»Baumfrevel!« knirschte Pittje in sich hinein. »Nur um uns und unseren liberalen Ideen einen niedrigen Trumpf auszuspielen – all diese Gemeinheit!«

»Beruhigen Sie sich, Herr Pittjewitt,« suchte ihn der Polizeidiener Brill zu besänftigen. »Die geschändeten Birken haben in Ihnen, in mir un dem Herrn Schreinermeister, unter gütiger Beihilfe der Riesenmamsell, ihren Rächer gefunden.«

Verständnisinnig nickte Wilm, und die drei saßen noch lange im Privatkabinett des Herrn Marcour zusammen und überlegten, wie dieser wichtige Vorfall erledigt und anhängig gemacht werden sollte.

Es war eine lange Debatte, während welcher Säkchen Reiß fast ununterbrochen mit Rosalie Leifmann tanzte, die sich ständig mit der heiklen Frage beschäftigte, ob ihr liebenswürdiger Verehrer auch wirklich, wenn es darauf ankäme, Ernst machen würde. Sichtlich war sie mit ihren Kalkulationen zufrieden, denn ihr heißes Gesicht strahlte wie eine Pfingstrose, und die lieblichsten Bilder, in denen Plüschsofas, Spiegel, allerhand sonstige Haushaltungsgegenstände und eine ganz kleine Wiege eine Hauptrolle spielten, zogen während der Polka an ihrer beglückten Seele vorüber. Sie sah sich schon im Schleier und Brautkranz unter der Chuppe stehn und lächelte innig. –

Und die beiden sonderbaren Menschen, Ull Koßmann und Kathje, waren inzwischen weiter gegangen, immer weiter und weiter, und ließen sich von der angenehmen Kühle des tiefen Abends umschauern.

Nichts regte sich in der lautlosen Runde.

Er hatte seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen. Sie ließ es geschehen. Langsam schritten sie durch die umdüsterten Heckengäßchen den lichten Feldern entgegen.

Die Musik hatte schon längst aufgehört, ihre heiteren Weisen erklingen zu lassen; eine Pause war eingetreten, eine erquickende Ruhe erzeugend, die auch die leiseste Schwingung in der Natur kenntlich gemacht hätte.

Hinter ihnen, von dunklen Schatten durchbrochen, lag das erleuchtete Tanzzelt. Die Stimmen der dort weilenden Menschen drangen nicht mehr zu ihnen. Wie blaue und rote Feuerkugeln hingen die bunten Papierlaternen zwischen den dunklen Massen der Kastanienbäume. Hin und wieder ging eine in Flammen auf und verkohlte.

So seltsam verworren lagen die verschwiegenen Gäßchen! An verschiedenen Stellen hatten sich die Hecken zu dichten Laubgängen zusammengezogen, so daß nur ein schmaler Streifen des vom lichten Mondschein durchfluteten Himmels hindurchsah. Dieses finstere Schweigen erschreckte die beiden. Ihre Schritte beschleunigten sich. Jetzt waren sie bis an die Grenze der verwachsenen Stiegen gekommen. Ein weiter Blick tat sich auf. Silbern flimmerte es über die beleuchtete Fläche. Wie eine große, verlangende Seele lag die Landschaft vor ihnen gebreitet.

Kathje war bislang stumpf und mit lässig herabhängenden Armen neben Ull Koßmann geschritten. Sie schien einer Träumenden ähnlich, die das Erwachen scheute, aus Furcht, sich in den Armen des neben ihr gehenden und auf sie eindrängenden Mannes wiederzufinden.

Es war eine Nacht, derjenigen ähnlich, in welcher Jan Peerenboom Nellecke Otten seine heiße Liebe zwischen den Weizenfeldern gestanden.

Immer eifriger hatte der Maler auf sie eingesprochen.

Jetzt zog er sie an sich. Unter seinem Zwange stehend, ließ es Kathje geschehen; nur ein hastiges Zucken durchfuhr ihren Körper.

»Groß, bedeutend und schön soll es werden,« sagte der Maler.

»Was für ein Bild denn?« fragte sie hastig.

Das Mühselige ihrer Glieder löste sich auf.

»Das Bild der Madonna, der Gottesmutter.«

»Gottesmutter ...?!«

Kathje erschreckte vor ihrer eigenen Stimme. Aber unter ihren Brauen stand ein strahlendes Licht; er sah das – und drückte sie an sich.

»Ja,« sagte er mit verhaltenem Ton. »Auch Dein Bruder weiß davon und hat bereits mit Dir darüber gesprochen. Störe Dich daher nicht an die törichten Menschen, die wider uns sind.«

»Gottesmutter ...!« hauchte Kathje noch einmal.

»Und groß soll es werden,« fuhr er mit seltsamer Erregung fort, »schön und erhaben, denn ich will meine Seele hineintun und alles, was profanen Menschen noch nicht begegnet ist auf dieser Erde. Und Du ...«

Mit beiden Händen hatte er ihren Kopf genommen und sanft nach rückwärts gebogen. Langsam und mit leuchtenden Blicken näherte er sein Antlitz dem ihren. Sie fühlte seinen belebenden Odem.

»Und ich ...?« fragte Kathje.

Eine ängstliche Spannung zog ihr Gesicht in die Länge.

»Und Du ...? – Herrgott noch mal! – auf die Leinwand gehörst Du, mein Modell sollst Du sein, als Muttergottes sollst Du mir sitzen, und ich will Dich nehmen mit all Deiner Schönheit, mit all Deinem Liebreiz – aber ganz anders wie die übrigen Künstler. Dein Leben will ich fassen, wie es pocht und hämmert unter Deiner leichten Bekleidung. Dein heißes, pulsendes Leben – das will ich, und darum ...«

Vorgebeugten Leibes hatte er sich ihrem Ohre genähert und heiser flüsternd einige Worte gesprochen.

»Himmel ...!«

Entsetzt fuhr Kathje zurück.

»Ich will nicht und darf nicht!«

Er hielt sie mit beiden Armen umschlungen.

»Alles darfst Du,« keuchte er mit zuckenden Lippen. »Frei ist das Weib und die Kunst – und die Kunst ist in mir ...! Wir stehn unter dem Schutz und dem Bann der Madonna. Und weißt Du, in Deiner ganzen Reinheit, in Deiner ganzen Schönheit will ich Dich malen. So – und nicht anders!«

Eine düstere Wildheit war über ihn gekommen. Fester strickte er seine Arme um ihren bebenden Körper.

»Du erstickst mich!«

»Unter meinen Küssen sollst Du ersticken!«

»Und Pittje ...?!«

»Der Narr ...! – Ein Mädchen wie Du – und solch ein armseliger Schlucker ...!«

In einem geringschätzigen Lachen verklang es.

»Die Kleider Dir vom Leibe reißen, das möcht' ich und Dich malen mit brennenden Farben – das sollte ein Bild geben, verheißend und wonnig ...!«

In rascher Wende hatte er ihren Kopf wieder nach rückwärts gebogen.

Tränen standen in ihren Augen.

»Ich will Dich nicht kränken, Dir Deinen freien Willen nicht nehmen,« hauchte er in verzehrenden Lauten, »aber – das will ich.«

Heiß und berauschend brannte sein Mund auf dem ihren.

Ein Taumel erfaßte sie.

»Koßmann ...!«

Zum erstenmal hatte sie ihre Arme um seinen Nacken gewunden. Brust schlug an Brust, und er fühlte, wie sie an seinem Herzen erglühte. Zärtlich betrachtete er das verschüchterte Mädchen, das ein gefügiges Werkzeug in seinen Händen geworden. Sehnsüchtig glitten seine Blicke an ihrem geschmeidigen Körper herunter.

»Willst Du?«

»Ich will.«

»Ah ...!«

Es war ein verhaltener Jubel, den er noch mehr zu unterdrücken suchte.

»Und wann?«

»Samstag. Da geht Vater nach Wissel – zur Kirmes.«

»Die Stunde?«

Sie zögerte wie unter dem zwingenden Einfluß einer großen Beklemmung.

»Die Zeit, Kathje?«

»Wenn es Abend geworden.«

Fester zog sie ihre Arme zusammen.

»Mein Gott, mein Gott ...!«

»Ich komme,« sagte Ull Koßmann.

Schweigend standen sie aneinander gelehnt. In der großen Stille hörten sie wechselseitig ihre Herzen klopfen und hämmern.

Im ferngelegenen Tanzzelt setzte die Musik wieder ein. »Hörst Du ...?!« sagte Kathje. »Ich muß fort; sie werden mich suchen.«

Und sie gingen zurück durch die einsamen Heckengäßchen, schweigend und Hand in Hand, ein jeder mit dem beschäftigt, was seine Seele bewegte.

Noch einmal küßten sie sich. – Am Garteneingang ließ sie Koßmann allein gehen.

Mit wachsender Erregung und einer großen Leidenschaft im Herzen ging sie auf die fröhlichen Menschen zu und gedachte sich unauffällig in den heiteren Trubel zu stürzen.

Am Zelt trat ihr Pittje entgegen. Er sah angegriffen und ernst aus.

»Wo warst Du?«

Kathje zeigte nach rückwärts.

»Da draußen – im Garten – denn Du ...«

Sally Süßkind, der sich in Gesellschaft von Pittje befand, wußte es besser. Er hatte sie doch im Garten gesucht und sie dort nicht gefunden. Er schwieg, erinnerte sich aber in verstärkter Weise des Tambourmajorstocks von eben.

Kathje tanzte noch einige Touren. Es war kein Tanzen mehr. Wie träumend hing sie in den Armen von Pittje; aber die rechte Fröhlichkeit war wie auf den Kopf geschlagen. Selbst die animierte Stimmung, die sich Herrn Brills und Wilm Henselers infolge des glücklichen Fanges bemächtigt hatte, ging spurlos an den Verlobten vorüber.

»Denn nich,« brummte Wilm, »aber ich trinke noch ›Eine‹ in Gemeinschaft mit meinem verehrten Bundesgenossen.«

»Ich tu' mit,« sagte Sally, »wenn die geehrten Herrens es freundlichst gestatten.«

»Sally, sollst leben,« meinte Herr Brill. »Bitte, Platz zu nehmen, Herr Sally.«

Bald darauf verabschiedete sich Pittje und brachte Kathje nach Hause.

Seelisch verstimmt trat er dann selber den Heimweg an.

Mitternacht war lange vorüber. – – –

Inzwischen war auch eine große Wandlung im Herzen Jan Peerenbooms vor sich gegangen. Der Erfolg seines neuen Stückes und die ihm zugeregneten Kastemännchen hatten bewirkt, daß er sich mit seiner Rolle als büßender Karmeliter so recht nicht mehr abfinden konnte. – Nachdem er seine Triumphe noch einmal auf dem murrenden Sofa gründlich durchkostet, war er zu einer sich gebührenden Nachfeier in eine nicht weit gelegene Destille geschlendert.

Hier saß ein alter Mann an dem mit Schnapskringeln ausgemusterten Wirtstisch. Der hatte kregele Äugelchen und eine kupferne Nase und forderte ihn freundlich auf, näher zu treten. Und als der Puppenspieler genauer zusah, da war es ›der alte Adam‹ von früher.

»Ganzes Bataillon kehrt!«

Jan Peerenboom hatte mit Stentorstimme gerufen. Auch währte es nicht lange, da war der Rock seiner guten Vorsätze gründlich gewendet.

Der alte Adam verstand ihn. Er stieß mit ihm an, und sie feierten gemeinsam die betätigte Umkehr in bekannter Brüderlichkeit und Freundschaft, bis die letzten Sterne am grauenden Morgen erloschen. –

Als Pittje dann in aller Herrgottsfrühe, wo die Straßen noch menschenleer waren, seinen geschäftlichen Rundgang besorgte, fand er seinen zukünftigen Schwiegervater auf einer wackeligen Bank vor der Schnapskneipe sitzend. Lächelnd und mit gedunsenen Blicken stierte Jan in den breiten Rinnstein, in welchem ein trübes Wasser vorbeifloß. Einen salzigen Hering, den er mit einer langen Kordel verknüpft hatte, ließ er in diesem Wässerchen schwimmen.

»Murrgen! – Es ist nicht alle Tage Kirmes im Jahr!« und dann sang er Pittje entgegen:

»Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning –
Vöran Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!«

Hierauf machte er eine große, fast majestätische Bewegung.

»Himmel Sapperment noch mal! – Tag Pittje ...!«

Grinsend und mit blödsinnigem Ausdruck sah er ihn an.

Da wußte Pittje Pittjewitt, daß nicht alles so ging und nicht alles so kommen würde, wie er sich's gedacht hatte.

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