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Pittje Pittjewitt

Joseph von Lauff: Pittje Pittjewitt - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Lauff
titlePittje Pittjewitt
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
seriesGrote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller
volumeEinundachtzigster Band
printrunDreizehntes Tausend
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070628
projectidc64d8ced
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XI.
Es zwinkert ...

Jan Peerenboom saß allein in seinem vorderen Zimmer, ließ sich von dem matten Licht einer grünangestrichenen Öllampe umscheinen und dichtete. Seitdem Pittje Pittjewitt und Sally Süßkind die graue Sorge von seiner Schwelle vertrieben hatten, seitdem Jan wieder in geordneten Verhältnissen lebte, und die Kirmeszeit ahnungsvoll heraufdämmerte, war der Künstler wiederum mit Macht bei ihm durchgebrochen. Er gedachte eine große Puppenkomödie zu schreiben, die er zuerst vor seinen Mitbürgern, bei Gelegenheit des bevorstehenden Jahrmarktes, und dann im benachbarten Wissel aufführen wollte. Er war bis zum dritten Aufzug gekommen. Genoveva! – Jan versprach sich einen Bombenerfolg von der werdenden Dichtung, und im Schweiße seines Angesichtes benutzte er die Abende dazu, das Werk der Reife entgegenzubringen.

Ein mit verschiedenen Fettaugen getüpfelter Papierbogen lag vor ihm. Den linken Ellbogen auf die Drehbank und den Kopf in die Hand gestützt, die Spitze eines fragmentarischen Bleistiftes mit glutenden Augen fixierend, hielt er seine große Heerschau ab über Gedanken und Reime. Schwadronsweise und in Bataillonskolonnen ließ er sie antreten und vorbeidefilieren. Sapperment noch mal, das waren noch Truppen! Diese Monturen, dieser einzige Aufschlag im Tempo! – Kerzengerade und in tadelloser Richtung zogen die einzelnen Abmärsche vorüber. Ha, wie das klappte! Mit Tambour battant und klingendem Spiel ließ er die Verse passieren. In der Form von leichter Kavallerie, mit Haarbusch und fliegenden Fähnlein, kamen spiegelblanke Reime getrabt und ergötzten die Sinne. Und dann die Gedanken! – Als schwere Artillerie rasselten sie an der Drehbank vorüber. Ein kurzes Kommando: mit Granaten geladen! – Es wurde abgeprotzt und in wuchtigen Gedankenblitzen rollten die Salven über das weite Gelände.

Jan Peerenboom machte eine gewaltige Pose. Er hatte über die zweite Szene des dritten Aufzuges die große Heerschau gehalten. Hierauf ließ er Fanfara blasen, hob den Marschallstab, feuchtete ihn mit der Zunge an und begann die zweite Szene in krausen Buchstaben niederzuschreiben. Es war ein mühsames und schweres Stück Arbeit. Jan war ein Denker und Himmelsstürmer, ein Mann, dem das souveräne ,Ich' stets in der Heldenbrust und auf den Lippen ruhte. Kein Zweifel: er hatte das Gebaren eines Modernen, allein mit der Schulbildung haperte es, und so war es natürlich, daß die besten Reime und Verse in der lustigsten orthographischen Kostümierung dem fettäugigen Papierbogen einverleibt wurden. Die vierundzwanzig stimmberechtigten Mitglieder des Alphabets gerierten sich wie Tollhäusler; sie vollführten eine wahre Orgie und einen Hexensabbat des Unsinns auf dem geduldigen Bogen, der sich über diese Komödie der Irrungen ordentlich entsetzte. Aber was scherte dieses Jan! – Es ist der Ton, welcher die Musik macht – und Jan machte Musik in des Wortes vollster Bedeutung. Seine Augen standen in überirdischem Glanz; selig lächelnd drückte er das Haupt an den warmen und vollen Busen der neben ihm weilenden tragischen Muse.

So schrieb er mit fiebernden Pulsen an der gewaltigen Dichtung und achtete nicht darauf, daß bald die Zeit gekommen, wo die Prozession und mit ihr Kathje zurückkehren sollte.

Heute, also am Tage des feierlichen Auszuges nach Marienbaum, hatte sich der Künstler nicht mit knechtischen Arbeiten beschäftigt. Am Morgen hatte er die Kirche besucht und mit seinem lieben Herrgott gesprochen; dann war er promenierenderweise an etlichen Destillen vorüber gegangen. Festlich aufgeputzte Schnapsflaschen standen im Schaufenster. Der Puppenspieler las alle Etiketts vom Wacholderkümmel bis zur Ruhrperle herunter – und der Versucher trat zu ihm, kniff ihm ein Auge und meinte: »Jan, 'nen Halben mit Zucker kannst Du immer riskieren; es ist nur von wegen der geistigen Frische!« – Die Branntweinflaschen hofierten dabei so kühl und wasserhell von den Stellagen herab, daß es ihm verlangend im Munde zusammenlief. »Na, Jan, wie wär' die Geschichte?!« – aber der Puppenspieler dachte an seinen heiligen Schwur, kein 'Gebranntes' mehr hinter Halstuch und Weste zu gießen, blieb infolgedessen standhaft – und war weiter gegangen. In der Wirtschaft von Küppers ketschten die Billardkugeln zusammen. Jan hielt instinktiv den Fuß an, horchte auf das helle Klappern und Klingen und sah im Geiste, wie die elfenbeinernen Dinger über die grüne Tuchfläche rollierten. Die gewagtesten Dessins huschten dabei an seinen Augen vorüber. Die Zehen wurden ihm lang, und die Hände kribbelten schon danach, ein Kö zu ergreifen, um nur ein ganz winziges Stößchen zu wagen. Zudem machte sich wieder der Verführer bemerkbar. »Nur immer gemütlich,« flüsterte er mit verhaltener Stimme, »so'n kleines Karambolagepartiechen könnte nicht schaden.« »Nein,« entsetzte sich Jan, schlug den Weg nach Hause ein, steckte etliche Butterschnitten zu sich und ging den städtischen Wiesen entgegen. Puppenspiel und Jagen hatte er bei seinem Gelöbnis nicht abgeschworen; sie waren ihm gewissermaßen als Künstlerlehen geblieben, eine Gerechtsame, die ihn nach kurzer Überlegung bestimmte, einen kleinen Jagdstreifzug in die nächste Umgebung zu machen. Gewehr, Schrotbeutel und Pulverhorn waren bei ihm unnütze Dinge. Aus den benachbarten Tümpeln suchte er sich an den seichten Stellen glattgeschliffene Kiesel zusammen, steckte sie in die Hosentaschen und begab sich feldeinwärts. Für die Stare war die Schonzeit vorüber; sie hatten bereits zum zweiten Male ihre Jungen gezeitigt, sie aufgepäppelt und in größeren oder kleineren Trupps auf die Weideplätze geleitet. In violettem und goldgrünem Wams wackelten sie kopfnickend und gravitätischen Schrittes durch die wiederkäuenden Rinder, zirkelten mit ihren Schnäbeln in den Grasnarben herum oder schnurrten auf die Kruppen der werdenden Tiere, dort die lästigen Zecken aus ihren Gängen zu heben.

Die Hände in den Hosentaschen, mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt, schlenderte Jan durch die scheckigen Kühe und schillernden Stare. Nur das listige Auge verriet, was er vorhatte. Ruhigen Schrittes, mit dem nichts Schlimmes ahnenden Benehmen eines harmlosen Spaziergängers ausgerüstet, hielt er dennoch den Tod in der Tasche, denn zeitweilig und bei passender Gelegenheit fuhr die Hand aus derselben. Durch eine straffe, aber kaum wahrnehmbare Bewegung des Gelenks wurde der heimtückische Kiesel geschleudert. Mit einem feinen Gesurre kam dieser geradeswegs geflogen.

»Spett, spett, spett – fiet!« schrieen die Stare, schnurrten ängstlich empor, um etliche hundert Schritte weiter abermals und mit lautem Geschwätz in die Wiesen zu fallen. Nur einer von ihnen hatte den Aufflug vergessen. Jan bückte sich nieder; alsbald baumelte der schmählich zur Strecke Gebrachte an einem Ledergurt, der für gewöhnlich den Sitz der großkarierten Hose bestimmte und festhielt, heute aber auch noch jagdlichen Zwecken zu dienen hatte. An demselben waren mehr denn zwei Dutzend Schlingen befestigt.

»Spett, spett, spett – fiet!« – Noch oftmals ertönte der Schreckensruf der aufgestöberten Vögel, noch öfters kam der tückische Stein mit leisem, kaum wahrnehmbarem Surren geflogen, als der Puppenspieler eine Pause eintreten ließ und die mitgebrachten Butterschnitten im Schatten einer breitausgelegten Kappweide verzehrte. Nach stündiger Frist ging es von neuem los. Um die Vesperzeit hatte Jan den fünfundzwanzigsten Zirkelmeister von dem Rücken einer weißbraunen Kuh mit zartrosigem Euter heruntergekieselt.

»Spett, spett, spett – fiet!« Die drückende Hitze vergällte ihm die weitere Jagdlust. Froh der gewonnenen Beute, die er morgen in der großen Pfanne zu bräteln gedachte, war er auf Schleichpfaden heimwärts gezogen, hatte noch die Yorkshire-Sau mit abgekochten Grundbirnen und Spülicht gefüttert und sich alsdann an die volle Brust der ewigjungen Dichtkunst geworfen.

Auf diese Weife war sein Tagewerk ein schönes und edles gewesen. – Jan legte den abgeknallten Bleistift beiseite. Er hatte die zweite Szene des dritten Aktes niedergeschrieben. Mit herrischem Selbstgefühl ergriff er das Schriftstück, reckte sich auf, hob die rechte Hand mit gespreizten Fingern empor und rezitierte mit hallender Stimme: »Genoveva, ein Ritterstück in vier Aufzügen von mir. Zweite Szene – Genoveva und Gulo. Düstere Stimmung. Wind von allen Ecken und Enden. Mondlicht und Kerzenbeleuchtung. Eulengeschrei hinter der ersten Kulisse: Kumitt, kumitt! – Hierauf abwechselnd Genoveva und Golo; Golo beginnt:

Du willst nicht?

Nein!

Ich frage nochmals?

Nein!

Ach, lieber Golo, niemals kann es sein!
Noch hat der Satan mich nicht in den Krallen,
Dieweil ich nicht auf Böses schon verfallen,
Drum kannst Du mir das Schönste auch versprechen:
Ich tu' es nicht – ich tu' nicht ehebrechen!
Dem fernen Gatten gelten meine Triebe,
Der mit den Türken sich als Ritter mißt –
Ich tu' es nicht dem Schmerzenreich zuliebe,
Der, leider Gott's, noch nicht geboren ist.

                     Er:

So willst Du nicht in Liebe für mich brennen?

                     Sie:

Ich darf es nicht.

                     Er:

               Dann marsch – in die Ardennen!
Das Bündel schnüre; fort aus diesem Haus
Und such' im Wald Dir eine Hirschkuh aus.

                     Sie:

Erbarmen – Du! – Schon wird es spät und später,
Vom Dach miauen Katzen schon und Käter ...
Erbarmen – Du! – Mit schaurigem Geheule
Steht ein Gespenst schon an der Gartensäule;
Das winkt nach mir, das will mich greifen, fassen
Und will nicht mehr von meiner Schönheit lassen.
Die Eule schreit aus ihrem Lochgehäuse;
Die Nacht ist wild, es ziehn die Fledermäuse,
Drum, lieber Golo, höre meine Worte
Und werde sanft wie eine Apfeltorte:
Ich kann doch nicht, so schmerz- und angstbeklommen,
Mit meinem Jungen draußen niederkommen.

                     Er:

Mir ganz egal! – Verdirb in Nacht und Moder!
Hier gilt das eine nur: Entweder – Oder!

                     Sie:

Dann lieber ›Oder‹!

                     Er:

                   Ha! – so wär's gesprochen!
Das Tafeltuch ist zwischen uns gebrochen.
In meinem Schmerz – ich greife zur Pistole!
Nein, morden nicht – daß mich der Teufel hole!
Da Du nicht willst, ich sterbe unbeweibt,
Doch was ich sagte, wisse Du, das bleibt:
Marsch von der Burg! – Doch lasse, um zu leben,
Dir in der Küche noch 'nen Schinken geben.
Für später dann nur Beeren oder Kräuter,
Für Schmerzenreich das volle Hirschkuheuter ...!
Aus Rache aber – ha! – geh' ich zu Deinem Mann
Und klage Dich des Ehebruches an.

                     Sie:

Du wolltest?

                     Er:

Ja, ich will's beim Schüppendaus!

                     Sie:

So muß ich denn in Nacht und Not hinaus
Mit meinem Leid und meinem muntern Jungen,
Den ich noch nicht ans Tageslicht gebrungen.
Dir aber Fluch! – Fluch bis ins zehnte Glied,
Denn wisse Du, das Auge Gottes sieht;
Das zeichne Dich mit tausend Kainsmälern,
Dich, Greulichsten von allen Scheuesälern,
Der von den Wolken jemals nur beregnet,
Und mir im Leben jemals nur begegnet!
Ich aber zieh' jetzt meine Marterbahn ...
Hilf, großer Gott, wo ist der Burgkaplan?!«

»Wo ist der Burgkaplan ...?!« schrie der Rezitator noch einmal, jedenfalls um auf die jetzt kommende Wendung des Dialogs vorzubereiten und sie in die richtige Erscheinung treten zu lassen, als draußen ein rasches Schäschen über das Pflaster holperte, vor der Hausschwelle hielt, und bald darauf Stimmen gehört wurden, die aber nur in Flüsterlauten wechselseitig verhandelten.

»Also, Lommen, in einer Stunde zurück.«

»As't üh belieft, Mjinheer Kaplan.«

»Ein Gläschen Bier auf meine Kosten dürfte inzwischen nicht schaden.«

»Danke.«

Was kümmerten Jan die Stimmen bei dem Schäschen da draußen. Wieder begann er:

»Hilf, großer Gott, wo ist der Burgkaplan ...?!«

Ein Verhängnis waltete sichtlich ob dieser Stelle, denn das Wort erstarrte ihm zwischen den Lippen, als wäre eine fünfundzwanziggradige Kälte darüber gegangen.

Mit scharfem Finger wurde an die Tür geklopft.

»Herein!«

»Gelobt sei Jesus Christus!«

Mit diesem frommen und ortsüblichen Gruße war der Herr Kaplan Nikodem Peerenboom auf der Schwelle erschienen.

»Sapperment noch mal!«

Taumelnd wich der Puppenspieler einige Schritte zurück. Noch ganz im Banne seiner fulminanten Dichtung stehend, noch gänzlich berauscht von seinen eigenen Versen und Reimen, die noch immer wie Blütenschnee auf ihn niederrieselten, glaubte er den Burgkaplan der frommen Genoveva von Brabant in Wirklichkeit beschworen zu haben.

Ja – da stand er und gab die Antwort durch den Mund seines eigenen Dichters, denn dieser hatte sofort die Situation begriffen und deklamierte mit tönendem Pathos:

»Es wankt mein Fuß, der Rücken ist mir blau;
Ich kann nicht helfen, vielgeliebte Frau,
Dieweil ein Kerl mit fürchterlichem Spieß
Mich eben bringt ins dunkle Burgverließ!«

»Aber, Vater ...!«

Nikodem hatte die Hände erhoben, als müßte er den großen Exorzismus gegen ihn aussprechen, denn er hielt seinen Erzeuger in diesem Augenblick mit dem Schnapsteufel behaftet.

»Gelobt sei Jesus Christus!« sprach er zum anderen mit vibrierendem Tonfall.

Das nutzte. Im Dämmerlicht der nur mäßig brennenden Lampe erkannte Jan die Züge seines eingeborenen Sohnes. Durch eine irdische Macht aus allen Wolken gerissen, stürzte er unsanft auf die prosaische Erde zurück.

»Murrgen ...!« donnerte er, noch nicht ganz im Besitze seiner sachlichen Denkweise, den vor ihm Stehenden an. »Gut, daß Du mich auch mal besuchst, daß Du das väterliche Haus in Deiner geistlichen Würde nicht ganz außer acht läßt; aber was verschafft uns die Ehre?«

»Ich komme in einer wichtigen und äußerst dringlichen Sache.« »So! – und da bist Du ohne Deine leibliche Schwester gekommen?«

»Allerdings,« entgegnete Nikodem, indem er die sommersprossigen Hände wie fröstelnd zusammenrieb, »und trotzdem habe ich mich nur ihretwegen entschlossen, zu dieser nichtgewöhnlichen Zeit die Unbequemlichkeiten der nicht gerade unterhaltsamen Fahrt auf meine, insbesondere durch die Anstrengungen des heutigen Tages recht müden Schultern zu nehmen, um im Interesse unserer ganzen Familie, die, wie Du weißt, sich nicht in der angenehmen Lage befindet ...«

»Oh!« machte der Puppenspieler, »das muß ich mir denn doch energisch verbitten, denn seit etlichen Tagen sind all meine Möbels ...«

»Du verstehst mich nicht, Vater,« unterbrach ihn der junge Cölibatär. »Darauf wollte ich nicht hinaus; dieses steht auf einem anderen Brette verzeichnet. Mit derlei irdischen Dingen kann sich mein harmonisch abgeklärtes Fühlen und Denken nur ausnahmsweise beschäftigen. Nein, mein Kommen entspricht anderen, schwerwiegenderen Motiven. Höre: durch die Taufe und vornehmlich durch die Eucharistie sind unsere Körper Glieder Christi und Tempel des heiligen Geistes geworden. Auf diese heilige und unumstößliche Tatsache nun bezug nehmend ...«

Mit einem langgezogenen Laut gähnte Jan in diese frömmelnden Salbadereien seines dozierenden Sohnes.

»Vater, ich bitte pflichtschuldigst, mich nicht unterbrechen zu wollen. Also – bezug nehmend auf diese sanktionierte und unumstößliche Tatsache und ferner im Hinblick auf mein heiliges Amt als geistlicher Hirte und christkatholischer Priester, der für das Seelenheil seiner sündigen Mitmenschen und speziell für dasjenige seiner tiefunglücklichen Schwester ...«

»Ach, Du Herr Jeses!« fuhr jetzt der Puppenspieler angeärgert dazwischen, »die alte Geschichte – und ich dachte schon, Du wärest hergekommen, um mir von wegen meines unsagbaren Unglücks so 'n bißchen mit ›Puttputtputt‹ unter die Arme zu greifen.«

»Wie sollte ich – und wie wäre hierdurch Eurem Seelenheile geholfen?!«

»Mit ›Puttputtputt‹ wäre allem geholfen,« trumpfte der Puppenspieler auf, wobei er fingerfertig die Manipulation des Geldzählens nachmachte, »denn – Himmel Sapperment noch einmal! – ich sollte doch meinen, daß, wenn wildfremde, aber sozusagen gutherzige Menschen sich veranlaßt sehen, mir in meinem Künstlerelend wieder auf die Strümpfe zu helfen, der eingeborene geistliche Herr Sohn und Bruder ... Aber – das hat nicht eine lumpige Bohne gestiftet.«

»Vater,« sagte der junge Kaplan, »ich habe für Euch gebetet, innig gebetet in diesen schweren Tagen der Trübsal.«

»Gebetet ...?!«

Jan Peerenboom war wieder in sein theatralisches Pathos verfallen. »Gebetet ...?! – O, o, o – Nikodemus! – das ist für die Katze gewesen. Mit's Beten allein werden einem keine Pierentreckers vom Halse gehalten, von's Beten allein wird einer nicht fett und wird nichts in die Suppe gebrocken; der preußische Kuckuck schert sich den Satan um's Beten ...! O, o, o – Nikodemus!«

Bei den letzten Worten schlug Jan eine grimmige Lache an und streckte die Arme zur Decke.

»Nein, Nikodemus,« fuhr er dann mit wachsender Stimme fort, »beten allein tut's nicht; im vorliegenden Falle wäre christliches Wollen und ›Puttputtputt‹ die Parole gewesen. – Und Du ...?«

»Ich sagte Dir schon: ich habe gebetet, ich habe es nicht fehlen lassen an priesterlichen Zurechtweisungen, an Milde und Güte, ich war um Eure Seele besorgt, denn sie wertet mehr wie der sterbliche Körper, aber – Gott sei es geklagt! – ich habe vor tauben Ohren gepredigt, und so ist durch eine gerechte Fügung des Allerhöchsten das Unglück über Dich und meine Schwester gekommen.«

»Schweige davon,« legte sich nun der Puppenspieler energisch ins Zeug, »das ist anders geworden, das Malör wurde übergekartelt – und Pittje Pittjewitt und Sally Süßkind sind die Trümpfe gewesen.«

»Leider.«

»Was leider, wo leider?! – Du natürlich. Du natürlich, mein Junge ...! – Gott, ich vergesse ja ganz: Du bist ja selbst 'ne hungrige Ratze, aber Du hättest mal vorsprechen können, hättest uns trösten können in unserem Malör, und so'n paar Kastemännchen als Abschlagszahlung wären auch nicht zu verachten gewesen. Man hätte dann doch gesehen, daß man einen liebevollen Sohn in die Welt gesetzt hat. Ich habe doch für Dich gedarbt und gerungen ...«

»Jegliches Darben und Ringen ist umsonst, wenn man Schaden leidet an seiner unsterblichen Seele. Gott hatte die Prüfung gesandt; ich konnte und wollte daher nicht eingreifen, denn hätte ich es getan, ich hätte Dich noch mehr in die Arme der Weltlust getrieben, Dich abgehalten, die Tugend der christlichen Mäßigkeit mit lauterem Herzen üben zu können.«

»Was verstehst Du darunter?«

»Im vorliegenden Falle: die Tugend, nicht mehr in das Geheimnis der Branntweinflasche unterzutauchen, denn sie ist das schnöde Gefäß und die Phiole des Teufels.«

»Halt!« sagte Jan und machte dazu eine energische Handbewegung. »Kommst Du mir wieder mit diesem abgetriebenen Hammel gesprungen? Mit Dir ist kein vernünftiges Sprechen mehr möglich. – Ausgeschlossen! – Ich reite meinen eigenen Hammel – und darum: klares Getränk in die Buddel! – Was willst Du?«

»Ich sagte schon, ich bin wegen Kathjes gekommen.«

»So?«

»Und da sie sich mir gegenüber,« ergänzte der Kaplan mit scharfer Betonung, »und zwar hinsichtlich meiner berechtigten Wünsche in einem renitenten Benehmen gefiel, so möchte ich Deine väterliche Autorität ...«

»Hm!« sagte Jan schon halb versöhnt und mit einem gewissen Bewußtsein. »Väterliche Autorität! – da läßt sich freilich ein anderes Dessin herausbillardieren. Also von wegen Kathjes. Ich höre. Murrgen ...! – Ich ersuche gefälligst, Dich placieren zu wollen.« »Hier?« fragte Nikodem mit vorwurfsvoller Geste. »Nein – aber ich bitte Dich, mein Anliegen hier nebenan vortragen zu dürfen.« »Hier nicht? – Warum nicht?«

Nikodem verschränkte die Hände; mit seinen verwässerten Augen huschte er über die Puppen, den Komödienkasten und die anderen Dinge, die sich in der Stube befanden und als wesentliche Faktoren im künstlerischen Berufe seines Vaters anzusehen waren. Das trübe Licht der Rüböllampe zeigte sie dem Beschauer in matten Konturen. Der Holzkopf des Ritters Golo glotzte im Schmuck seiner Fuchshaarperücke und der gestärkten Halskrause aus unmittelbarer Nähe herüber.

Der Geistliche war beiseite getreten. Der weltliche Komödienplunder mißfiel ihm und wirkte unbehaglich auf seine ganze Verfassung.

»Vater, ich kann nicht anders. Meine Sache ist sehr ernsthafter Natur, und in dieser profanen Umgebung ...«

»Wa ...?!«

Jan Peerenboom fühlte den Boden unter seinen Schuhen versinken. Er glaubte klaftertief in die Erde zu rutschen – aber er hielt sich, reckte sich auf und stand nun in seiner ganzen Würde als Mensch, Ventriloquist, Drechslermeister und freier, ausübender Künstler dem Sendling aus Marienbaum gegenüber.

»Herr,« donnerte er alsdann seinen Sohn an, »profane Umgebung?! – Du beleidigst Deinen Erzeuger in seiner Eigenschaft als Mime und Dichter! Hier ...!«

Und im Handumdrehen hatte er den fettäugigen Papierbogen ergriffen, auf denselben mit gewendeten Knöcheln geschlagen und die Worte gesprochen: »Genoveva, ein Ritterschauspiel in vier Akten, gedichtet von mir – und denn von profaner Umgebung zu sprechen?! – Himmel Sapperment noch einmal! – Anch' io sono ... und ich brauche es nicht für voll anzunehmen ...«

»Vater,« versuchte ihn Nikodem zu begütigen, »ich bin völlig bewandert in dem, was die christliche Kindesliebe mir vorschreibt, und es hat mir gänzlich fern gelegen, Dich auch nur im mindesten kränken zu wollen.«

»So!« meinte Jan. »Zugegeben; ich kann begreifen, daß meine Kunst Dir nicht ansteht, denn Ihr, als Gesalbte des Herrn, seid weltlichen Dingen kalt gegenüber und wißt Euch keinen Vers auf die Berufung und Sendung eines künstlerischen Geistes zu machen. Wenn auch schweren Herzens – ich füge mich. Komm.«

Der Puppenspieler ging erhobenen Hauptes voran. Nikodem folgte. Als sie in das Zimmer traten, wo Kathje für gewöhnlich ihre Schlafstätte hatte, fiel ihnen helles Mondlicht entgegen. Lautlos schloß sich die Tür hinter den beiden.

Die Holzpuppen, die an feinen Drähten von der Decke hingen, waren jetzt allein und klapperten mit ihren Gelenken leise zusammen. Im Dämmerlicht der kränk-lichen Lampe schien Leben in ihre sonst so starren Leiber zu kommen, denn die klobig geschnitzten Augen begannen zu leuchten, die Mäuler rissen sich auf, und der mit goldenen Bordüren auf das prächtigste ausstaffierte Ritter Golo bemühte sich frech und ungeniert mit der schönen Pfalzgräfin von Brabant in ein Liebesverhältnis zu treten. Und sie? Ach! – die reizende Genoveva, mit der Flitterkrone im Haar, dachte gar nicht daran. Sie hatte ihm den Rücken gekehrt, ließ den stattlichen Holzkopf hängen, träumte von ihrem fernen Gemahl und harrte mit trübem Sinnen ihrer schweren Stunde entgegen. Jantje Klaas, der Spaßmacher in der Puppengesellschaft, versuchte lustig das rechte Bein zu heben, räkelte sich und begann mit kaum wahrnehmbarer Stimme zu singen, wobei die anderen Puppen sich anschickten, kirmesfreudig und mit wackelnden Köpfen den Kehrreim zu dudeln. Weltfremd, den eigentümlichen Klängen eines Xylophons nicht unähnlich, hallte es durch die Stille der Nacht hin:

»Bier en Kümmel lößt de Ohm, Kirsch en Pomeranze – Liewen Onkel Peerenboom, Laat de Pöppjes danze.

Hier 'ne Penning, dor 'ne Penning – Voran Baas! – Jantje Klaas – Jantje Klaas!«

»Jantje Klaas ...!«

Der rätselhafte Singsang verstummte.

Die beiden da drinnen verhandelten lange zusammen. Nur vereinzelte Laute drangen aus dem Nebenzimmer. –

Inzwischen waren die Wallfahrer staubbedeckt, hungrig und durstig wieder bei ihren heimischen Penaten eingetroffen. Frauen und Mädchen suchten ihre Wohnungen auf, während ein Teil der Männer noch in die Kneipen einfiel, um mit einem Glase Bier die ausgestandenen Strapazen herunter zu spülen und sich noch angelegentlichst über das mittlerweile offenkundig gewordene Pittjewitt-Peerenboomsche Familienereignis auszulassen, das neben dem Baumfrevel auf dem Monterberge den Hauptgesprächsstoff für die frühen Nachtstunden abgab. Auch die plötzliche Reise Nikodems wurde lebhaft erörtert. Schließlich aber standen nur noch die geschändeten Birken unter dem Kreuzfeuer einer langen Debatte. Selbst die klerikal Gesinnten gaben ihrer Entrüstung unverhohlenen Ausdruck, obgleich mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen war, daß fragliches Karnickel sich nur in ihren Reihen verberge, eine Überzeugung, die bei vielen eine gerechtfertigte und tiefe Verstimmung hervorrief. Aus geheimnisvollen Andeutungen, die Wilm Henseler bereits dem Herrn Polizeidiener Brill gegenüber gemacht hatte, schlug dieser selbstverständlich gewaltiges Kapital, gerierte sich in den verschiedenen Wirtschaften, unter wichtig sein sollenden, aber nichts bedeutenden Hinweisen, als ein Mann, der nur mit seinen karmesinroten Aufschlägen zu erscheinen brauche, die verwickeltsten Fäden zu lösen. Ja – er stellte sogar, unter Augenblitzen und Anfeuchten des obligaten Bleistiftes, eine Justiz in Aussicht, bei der Wasser und Brot, Zuchthaus und Handschellen noch als geringe Strafmittel in Betracht kamen. Mit Zähneklappern sollte überhaupt die kriminelle Untersuchung beginnen; drunter tat er's nicht. Bei seinen sachlichen Auseinandersetzungen, während welcher er immer eine Anzahl von Schnäpsen interpolierte, stiegen den braven Spießbürgern die Haare zu Berge. So geringfügig und zu nichts verpflichtend auch die diesbezüglichen Amtsworte waren – die Art und Weise wie sie vorgebracht wurden, imponierte gewaltig und stempelte den Blitzäugigen zum Helden des heutigen Abends, so daß die meisten der Zuhörer sich veranlaßt fühlten, ihm kurzerhand eine Polizeiinspektorstelle in Aussicht zu stellen; etliche ließen schon jetzt den prophezeiten Titel zu Recht bestehn, ein Umstand, der sich bei allen eines einstimmigen Beifalls erfreuen konnte. Der Herr Polizeiinspektor Brill dankte gerührt, gelobte sein Bestes zu tun, ließ eine baldige Aussprache mit dem Landgerichtspräsidenten der benachbarten Kreisstadt nicht unwahrscheinlich sein und trank auf das Wohl der ganzen Versammlung. – Draußen ging indes der Nachtwächter tutend vorüber, und das Getute überhallte die Straßen und drang auch bis zur Wohnung Jan Peerenbooms, wo sich die Holzpuppen noch immer unter dem magischen Dämmerschein der Rüböllampe befanden.

Schläfrig hatte der Spaßmacher noch einmal begonnen:

»Bier en Kümmel lößt de Ohm...«

und er war gerade bis zur Stelle gekommen, die da lautet:

»Liewen Onkel Peerenboom, Laat de Pöppjes danze...«

als die bis dahin ziemlich ruhigen Stimmen im Nebenzimmer lebhafter wurden und fast den Charakter des Heftigen annahmen. Man hörte sie deutlich, nur zeitweilig unterbrochen von den lauten Schritten des Puppenspielers und dem stoßenden Gerassel eines Fuhrwerks, das in schärfster Gangart die holperige Straße heraufkam. Das davor gespannte Pferd hatte den Dreischlag. Jetzt war es bis in die Nähe des Hauses gekommen.

»Prrr, Jette!«

In diesem Augenblick wurde drinnen mit der flachen Hand auf eine Tischplatte geschlagen.

»Kein Wort mehr!« »Aber Vater...!«

»Das ist ja die reinste Drahtzieherei! – Mir immer wieder mit dem alten Hammel zu kommen!« »Ich habe nur meines Amtes gewaltet.« »Und ich bin freier Künstler und Dichter. Genoveva – von mir!«

»Was scheren mich die weltlichen Dinge? Euer Seelenheil wird höher bewertet. Folgt meinen Worten – oder das höllische Feuer...!«

»Fertig!«

Jan Peerenboom hatte das zuletzt gesprochene Wort im höchsten Affekt von sich gegeben; dann riß er die Tür auf. Gefolgt von Nikodem, betrat er wieder die vordere Stube. Er rang nach Atem und konnte sich selber nicht finden.

Kathje stand vor ihm.

»Ah! – Kathje...!«

Der Puppenspieler glaubte eine Erscheinung zu haben.

»Vater, was heißt das?«

»Das heißt. Kohlen ins höllische Feuer getragen,« antwortete Nikodem in bissiger Weise, »und was es be-deutet, heilsamen Ermahnungen ein verstocktes Herz ent-gegenzusetzen, das kann der nur ermessen...«

»Schweige!«

Jan Peerenboom hatte die Hand seiner Tochter ergriffen.

»Kathje,« wimmerte er mit tränenerstickter Stimme, »er will Dich als Modellsteherin benutzen – und das um Gottes willen, wie er gesagt hat.«

»Was?!« »Als Modellsteherin, Kathje!«

»Für wen?«

»Für Ull Koßmann; aber dieser Schmierhahn sollte mir kommen!«

Kathje war sprachlos.

Mit beiden Händen hatte sie krampfhaft an ihre Schläfen gegriffen. Vieles ging ihr in diesem Augenblick durch den Sinn. Die Lichter, die noch vor wenigen Stunden fern am Horizont und in der dunklen Baumgruppe gestanden...

»Ull Koßmann ...?! – Nichts an Pittje sagen, nichts an Pittje...! – Er steht noch bei Sally da draußen...!«

Mit einem unterdrückten Schrei brach sie ab.

Gleichzeitig kariolte der Wagen von Sally Süßkind ab; ein anderer fuhr vor.

Jan Peerenboom hatte sich in seinem Schmerz auf das ächzende Sofa geworfen.

»Dich als Modell zu benutzen, als Modell zu benutzen ...! – Das ist ja nächst dem Satan...«

Kathje verfärbte sich. Mit ängstlichen und todes-traurigen Augen wendete sie das schöne Gesicht langsam zur Tür. Hinter derselben ließen sich eilige Schritte vernehmen.

»Willst Du?« fragte Nikodem mit verhaltenem Eifer, indem er auf seine Schwester zutrat. »Nein.«

»Aber Du mußt.«

In den Blicken des jungen Geistlichen begann es fanatisch zu leuchten. Über die blassen Gesichtszüge liefen eckige Furchen.

»Du mußt ...?« fragte Kathje. Sie begriff den Sinn des kategorischen Wortes nicht, und dennoch ...

»Nikodem, ich verstehe Dich nicht,« meinte sie mit gelassener Ruhe.

»Ich aber verstehe, denn es ist das einzige Mittel, den Fluch von unserem Hause zu nehmen. Nicht als Mensch zum Menschen, nicht als Bruder zur Schwester – ich spreche in Kraft des verliehenen göttlichen Amtes zu Dir. In der Sünde gezeugt, in der Sünde geboren, und daher prädestiniert für die Sünde, bist Du rettungslos dem Teufel verfallen. Und ferner...«

Pittje Pittjewitt, der sich inzwischen von Sally Süßkind verabschiedet hatte, war heiteren Sinnes zu den übrigen getreten.

Nikodem achtete nicht auf ihn. Die Blicke starr auf seine Schwester gerichtet, rief er mit großer Bewegung: »Und ferner: Du ließest Dich von Deinen Leidenschaften knechten und seilen, und das Erscheinen eines Cherubs wäre nötig gewesen, um Dich mit flammendem Schwert zu verderben, denn Du hast Dich mit dem Manne vergeben.«

»Was?!« schrie Pittje dazwischen.

»Reden Sie nicht, reden Sie nicht!« predigte Nikodem in pastoralen: Tone fort. »Schon mit der Weltlust zu äugeln, heißt Gottes Allbarmherzigkeit und Liebe verspotten. Allein, was will das besagen! – Mit diesem Ärgernis verknüpfte sich noch eine zweite, größere Sünde: die Verletzung einer heiligen Sache. Heilig aber wird eine Sache genannt, wenn sie Gott geweiht oder speziell zum Dienste oder zur Verehrung Gottes bestimmt ist, und verletzt wird sie, wenn an oder mit derselben etwas geschieht, was ihrer gottesdienstllchen Bestimmung zu-widerläuft. Die Prozession steht im Dienste des Herrn; man kann sie gewissermaßen für eine heilige Sache er-klären. Sie wurde verletzt, sie wurde gröblich besudelt. Fromme Menschen können darüber berichten. Ein Sakrileg wurde begangen...!«

»Durch wen?« rief Pittje dazwischen.

»Durch Sie und meine Schwester, die in der Sünde geboren!«

»Sie sind wohl aus dem Irrenhause gekommen?!«

Auf dem Gesicht Nikodems wechselte graue Blässe mit rötlichen Fleckchen.

»Das wagen Sie einem geistlichen Hirten zu bieten?«

»Und das wagen Sie einem ehrlichen Bürger und christkatholischen Menschen zu sagen?« warf ihm Pittje entgegen.

»Forsch so, aber immer noch forscher!« kam es aus der Sofaecke gefahren. Jan war als bisheriger stiller Teilhaber der streitenden Firma hierdurch aus seiner Reserve getreten.

Nikodem biß die Lippen zusammen. In nervöser Hast verstrickte und löste er die sommersprossigen Finger.

»Ich habe mich schon bemüht, Ihnen den Begriff und die Bedeutung des Sakrilegs auseinander zu setzen,« sagte er mit heiserer Stimme.

Pittje trat näher. »Etwa darum vielleicht, weil ich mit Kathje unterm Spriegel gesessen? Wag' es mir einer, den ersten Stein vom Boden zu heben – und sollte er's wagen, dann kann er gefaßt sein, daß ihm das Dings an den Schädel zurückfliegt.«

»Was brave und rechtschaffene Männer mir in ihrer Gewissensnot mitteilten, dürfte doch Wohl Grund genug sein...«

»Ach, Du Herr Jeses!« lachte Jan aus seiner Sofaecke herüber, »Aloys und der krumme Terlinden...!«

Das Blut stieg Pittje zu Kopf.

»Und da glauben Sie...« rief er mit wachsender Stimme. »Herr Kaplan, Sie erscheinen mir denn doch noch nicht gereift und erfahren genug, das Amt und die Würde eines geistlichen Herrn zu bekleiden, sonst wären Sie nicht auf den merkwürdigen Einfall gekommen, uns mit derlei Spukgeschichten unter die Augen zu treten.«

»Herr Pittjewitt, ich muß mir energisch verbitten...«

»Sie haben sich hier nichts zu verbitten, und wenn es in diesem Moment etwas zu verbitten gibt, so sind wir es, die es zu tun haben, denn Sie haben mich und die da auf das schwerste beleidigt.«

»Bravo!«

Wiederum akkompagnierte das Sofa.

»Und trotzdem und alledem...«

»Halt!« sagte Pittje, »mit dem Schimpfieren ist's alle.«

Er war noch näher getreten.

»Herr Kaplan,« versetzte er mit aller Ruhe, aber unter scharfer Akzentuierung eines jeden Wortes, »ich bin Barbier, Leichenbitter und Schweinestecher...« »Ja, das bist Du,« bekräftigte Jan und legte sich in das krachende Kanapee zurück, als könnte nun alles seinen sicheren Gang gehen, und als habe er hierdurch seinem Schwiegersohn in spe ein Leumundszeugnis ausgestellt auf Leben und Sterben.

Pittje fuhr fort: »Herr Kaplan– ich bin in diesen Ämtern sozusagen alt geworden und ehrlich geblieben, und ich lasse mir deshalb von niemand an den Wagen karren und von keinem in meine Privatverhältnisfe hineinsehn. So Hab' ich's zeit meines Lebens gehalten und gedenke es auch zeit meines Lebens weiter zu treiben, ohne Ansehn der Person und sonstiger Umstände. Aber weil Sie's sind, der Bruder von der da, drücke ich, trotz der gröblichsten Ausfälle Ihrerseits, mehr wie ein Auge zu. Ich will vergessen, denn, wenn man in eine Familie hinein will, so geht es mir gegen den Strich, diesen Eingang sofort mit einem Skandal zu beginnen.«

»Diese Seele von Mensch – diese Seele von Mensch!« meditierte der Künstler in weinerlichem Tone und wischte sich dabei die Tränen herunter.

»Ja, Herr Kaplan,« ergänzte Pittje mit fester Betonung, »ich will noch ein übriges tun.«

Er hatte die Hand Kathjes ergriffen und sie an sich gezogen.

»So, Kathje, placiere Dich hierhin. So! – Und nun, Herr Kaplan, stelle ich Ihnen meine liebwerte Braut vor, mit der ich in inniger Treue und rechtlicher Arbeit durchs Leben zu gehen gedenke, bis der dort oben mich abruft, wenn mein letztes Stündchen herannaht.«

Ein heftiges Schluchzen kam von dem knarrenden Sofa. »O Gott! – O Gott!« weinte der Puppenspieler, »und dieser herrliche Mensch hat mich noch vom Bankerotteren gerettet! – Und mein eingeborener Sohn?! – Kein Kastemännchen, kein Nichts, keinen Groschen ...!«

Nikodem warf ihm einen energischen Blick zu.

»Schwächliche Halbheit,« murmelte er zwischen den Zähnen. »Und Sie, Herr Pittje ...«

»Ich bin noch nicht fertig,« erwiderte dieser. »Ja, Herr Kaplan, mit dieser in Liebe verbunden – in Frieden wollen wir leben und unsere Tage genießen. Und darum und deshalb: um meine zukünftige Frau auf Leben und Sterben sicher zu stellen, zediere ich ihr hierdurch in aller Form und wie Rechtens die zu meinen gunsten auf diesem Hause lastende Hypothek im Betrage von tausend Talern preußischer Währung – und Sie, Herr Kaplan, sind mein Zeuge. Das wollte ich sagen.«

»Meinen Segen, meinen Segen!« echote es vom ächzenden Sofa. »Morgen gehe ich gleich zum Herrn Notarius Lenz hin.«

»Und ich rate keinem,« schloß Pittje, indem er sich mit der geballten Faust auf die Brust schlug, »diesen Frieden zu stören und mir und Kathje zu nahe zu treten, sei, wer es sei; wir lassen uns von keinem kuranzen – und wäre es der eigene Bruder und Schwager, und trüge er auch Tonsur und Soutane.«

»Bravo!«

Jan Peerenboom hatte sich aus seiner Seufzerecke erhoben. Ruhig konnte er der weiteren Entwickelung der Dinge entgegensehen, denn nach dieser Wendung, nach diesen Auslassungen Pittje Pittjewitts hielt er alle Schwierigkeiten für aus dem Wege geräumt, und kein Zweifel bestand mehr: in seinen Augen war die Schlacht so gut wie gewonnen.

Innig schloß Pittje das verschüchterte Mädchen in seine Arme.

»Und nun, Herr Kaplan – ich habe gesprochen.«

»Und die Buße, die Buße ...!« schrie dieser mit flammenden Blicken. »Durch Zessionen werden keine angefressenen Seelen geläutert. Sie müssen ja an Ihren eigenen Worten ersticken, Sie müssen ja umkommen in Ihrem geistigen Elend!«

»Ich bin noch immer trefflich bei Wege,« lächelte Pittje.

»Mensch, Mensch, Mensch!« ereiferte sich der Cölibatär. »Und die Buße, die Buße ...! – Nur durch die allerseligste Jungfrau ...! – Madonna, Madonna ...! – Aber in diesem Hause ist alles verloren – verfault und verrottet! – Der strafende Cherub müßte erscheinen mit seinem flammenden Schwerte und Euch alle verderben. Beten, beten, beten – denn in meines Vaters Haus find viele Wohnungen!«

Die letzten Worte erstarben in einem Flüstern und Stammeln.

Nikodem senkte das Haupt; dann verließ er mit großen Schritten die Stube.

»Der hat kein wirkliches Herz mehr,« sagte Pittje mit traurigen Blicken, »und doch – es tut mir weh um den Ärmsten. Ich glaube fast, er weiß es nicht besser.«

Der Puppenspieler war seinem Sohne nachgeeilt. Zwischen Tür und Angel hatte er noch eine saftige Botschaft für ihn. »Und wenn er es wagen sollte, der Maler – seine Knochen trägt er in seinem Farbenkasten nach Hause. Adjüskes!«

Nikodem erwiderte nichts. Er stieg in den Wagen und fuhr mit dem Ackerer Lommen nach Hause. Der heutige Tag war der schwerste und betrübteste seines ganzen Lebens gewesen.

Mit ausgebreiteten Armen kehrte Jan Peerenboom ins Zimmer zurück. Der ganze Mensch war die personifizierte Kirmes in optima forma. Drehorgelmusik, Karussells und Kindertrompeten ...! – Und als er so recht in den Trubel hineinschnüffelte, da war es ihm so, als duftete alles nach Pfefferkuchen und Moppen.

Er wußte: Nikodem war für ihn unter den Tisch gefallen, aber Kathie war ihm geblieben. Durch sie wurde sein später Lebensabend noch glücklich gestaltet.

Und Pittje ...!

Mit ausgebreiteten Armen steuerte er auf ihn los.

»Edler Gemütsmensch ...!«

Der große Augenblick jedoch übermannte ihn: er warf sich vor das großblumige Sofa, barg das Gesicht in die gehäkelten Deckchen und versuchte zu beten.

Dann sprang er auf. Jan hatte sich wieder gewandelt.

»So,« rief er mit lachendem Munde, »nun gehn wir noch alle 'raus, ich und Kathje und Du, invitieren noch Sally Süßkind und Wilm, und trinken 'ne Buddel ›Schwart Water‹ auf unser aller Gedeihen, auf Kinder und Kindeskinder bis in die spätesten Zeiten.« In seiner Herzensfreude wollte er alle beglücken. Ja, er hätte sogar Aloys Pierentrecker an seine Künstlerbrust gedrückt, wenn es von ihm verlangt worden wäre.

»Auch der Herr Polizeidiener Brill muß dabei sein. Holla, Markör – 'ne Buddel ›Schwart Water‹!«

Pittje jedoch lehnte für den heutigen Abend dankend ab, blieb aber noch und trennte sich erst von den beiden, als der Nachtwächter die erste Morgenstunde aus seinem Hörn heraustutete.

Dann wurde es still unter den Pfannen des Puppenspielers. Auch draußen ward's still. Nur das tiefe Wasser plauderte noch, das schwerfällig und gurgelnd hinter dem kleinen Garten vorbeifloß. –

Kathje konnte zuerst den Schlaf nicht finden, und als er sich endlich einstellte, da befand sie sich auf einer blumigen Wiese. Dämmerhelle ringsum und fächelnde Gräser – und wieder kam der große, gespenstische Vogel von der nahegelegenen Hügelkette gestrichen. Mit heiserem Schreien und auf weichen Flügeln, kaum wahrnehmbar kreiste er um sie in zierlichen Wenden; dann flog er sie an. Sie fühlte deutlich den Luftzug der gebreiteten Schwingen. Ein dunkles Ahnen umschlich sie. Der Lufthauch aber wurde stärker und stärker, und schließlich war es ihr, als wenn ein heißer, verzehrender Mund ihre Lippen berührte. Ein seliges Vergessen, ein süßer Wahn war über sie gekommen. Und dann glaubte sie eine raunende Stimme zu hören. Sie kannte die Stimme und sie kannte sie doch nicht.

»Was willst Du?«

»Ich will bei Dir sein.« »Ich aber will nicht!«

»Und wenn Du auch möchtest – Du kannst mir doch nicht entrinnen.«

»Ull Koßmann...!«

Gaukelnden Fluges schwebte alsdann der gespenstische Vogel wieder den dunklen Bäumen zu.

Mit einem leisen Schrei war Kathje aus ihrem Schlummer gefahren.

»Wo bin ich?«

Mit seinem sanften, milden Licht sah der Morgenstern verbleichend ins Zimmer.

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