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Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Carlo Collodi: Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele - Kapitel 5
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authorCarlo Collodi
titlePinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele
publisherHerder u. Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrunEinundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage 46.-56. Tausend
editorAnton Grumann
year1925
translatorAnton Grumann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Drittes Stück.

Bengele kommt auf die Welt. – Seine ersten Spitzbubereien

Ein kleines Zimmer zu ebener Erde war Seppels ganze Wohnung. Es hatte ein einziges Fenster und war nur notdürftig ausgestattet. Ein wackeliger Stuhl, ein wurmstichiger Tisch, ein elendes Bett, das waren die Möbel des armen Schneflers. – In der Ecke stand ein kleiner eiserner Ofen; er brannte lustig, und das Wasser in dem Topfe, der darauf stand, kochte und dampfte, daß es eine Freude war.

Als Seppel nach Hause kam, nahm er gleich sein Werkzeug und fing an, den Hampelmann zu schnitzen.

Es quälte ihn nur noch eine Sorge. Er wackelte mit dem Kopfe hin und her, sann und dachte und fragte sich: »Ein Name!? – Ein Name!? – Was für einen Namen soll ich meinem Hampel geben?« Plötzlich sprang er auf, griff sich an die Stirne und sagte:

»Ja! – ›Bengele‹ muß er heißen. Das ist ein schöner Name und er bringt ihm Glück. Ich habe eine ganze Familie Bengele gekannt: der brave Vater Bengele, die fleißige Mutter Bengele, die Bengele Buben, alle so tüchtig, und allen ist es in der Welt gut gegangen. Einer von ihnen hat sogar Kienholz in der Stadt verkauft.«

Als Seppel den Namen gefunden hatte, arbeitete er mit doppeltem Eifer. – Schon konnte man die Haare, die Stirne, die Augen des Hampelmannes erkennen.

Wie zittert da plötzlich die Hand des emsigen Schnitzers! – Die Holzaugen rollen wie Glaskugeln, bleiben stehen und schauen den Meister starr und steif an.

Seppel wurde stets ärgerlich, wenn ihn jemand fixierte, und sagte jetzt gereizt:

»Stiert mich nicht so blöde an, ihr hölzernen Glotzaugen!«

Allein die Augen kümmerten sich um des Meisters Worte nicht. – Verstimmt arbeitete Seppel weiter und formte die Nase.

Eine neue Überraschung! – Aus dem Gesichte heraus wächst und wächst das Holz, und in wenigen Minuten steht eine Nase da, so lang und spitz wie eine Gelbrübe.

Alle Mühe, sie kurz und stumpf zu schneiden, ist verloren; je mehr der arme Seppel schnitzt, desto schneller wächst die Nase. Er mußte sie schließlich lassen, wie sie wachsen wollte.

Geduldig fuhr er fort zu arbeiten und bildete den Mund. – Eine andere Ungezogenheit: der Hampelmann lacht und schneidet Grimassen.

»Laß das dumme Lachen!« gebietet der Meister; aber alles Reden ist umsonst.

»Laß mir das Lachen, ich sag' es dir zum letzten Male!« Siehe da! Der Kleine lacht nicht mehr, er streckt aber die Zunge weit heraus.

Seppel wollte sich nicht mehr stören lassen, tat, als merke er nichts, und schaffte ruhig weiter. Das Kinn, der Hals, die Schultern, der Leib, die Arme, die Hände des hölzernen Männleins gelangen dem Künstler tadellos. – Seppel schnitzte eben die Füße, als er merkte, daß ihm jemand die Perücke vom Kopfe zog. Er schaute auf und sah – nein, diese Buberei! – die Kopfbedeckung in der Hand des Hampelmanns.

»Bengele, setze mir gleich die Perücke wieder auf!«

Der Schlingel aber hatte sich die gelbe Mütze schon über den eigenen Kopf gezogen und stak so tief darin, daß er schier erstickte. All diese Unarten des Hampelmanns verdarben dem wackern Seppel die gute Laune. Traurig und wehmütig hielt er mit der Arbeit inne und sprach:

»Womit habe ich das verdient? – Wollte ich nicht einen schönen braven Hampelmann zuwege bringen? – Und nun! – Was soll das noch werden? – Er ist ein Schlingel, noch ehe er fertig ist. Ich fürchte, ach, er wird ein Unglücksbube.«

Tränen glänzten dem guten Alten in den Augen. Er hätte am liebsten aufgehört zu schnitzen; aber nun wollte er doch den Zauberhampel ganz ausführen.

Unter des tüchtigen Meisters Hand entstanden ein Paar zierliche Beine und Füße.

Seppel freute sich seiner Kunst, da – erhielt er einen Tritt auf die Nasenspitze.

»Ich habe es nicht besser verdient«, murmelte er, »ich hätte das alles früher erwägen müssen; jetzt ist es zu spät. – Hätte ich doch nie an einen Zauberhampel gedacht!«

Nun war das Werk vollendet, und der Meister sollte bald Zauber genug erleben.

Seppel nahm seinen hölzernen Bengele und stellte ihn auf den Boden, damit er das Gehen lerne.

Der Hampel hatte steife Glieder und konnte noch nicht marschieren. Vater Seppel führte ihn an der Hand und zeigte ihm, wie man einen Fuß vor den andern stellt.

Bald waren die Beine gelenkig und Bengele konnte allein im Zimmer einhergehen. Auf einmal bemerkte er die Türe, ein Sprung auf die Straße, und er rannte davon. Gleich lief ihm Seppel nach; aber er konnte ihn nicht mehr einholen. Der Hampelmann sprang wie ein Hase. Wie klapperten seine Holzfüße auf dem Straßenpflaster! Hundert Bauernkinder, die mit Holzschuhen zur Kirche kommen, hätten keinen ärgeren Lärm machen können.

»Haltet ihn! – Packt ihn!« schrie Vater Seppel. Aber die Leute auf der Straße blieben alle höchst verwundert stehen, als sie den hölzernen Hampelmann wie einen Pudel rennen sahen. Dann fingen sie an zu lachen, und lachten so toll, daß man sich's gar nicht vorstellen kann.

Zum guten Glück kam ein Schutzmann. Der hatte den Spektakel gehört und dachte, es sei mal wieder ein Pferd durchgebrannt. Drum stellte er sich mit gespreizten Beinen mitten auf die Straße und war fest entschlossen, den Gaul zu halten und größeres Unglück zu verhüten.

Bengele hatte schon von weitem das Hindernis erkannt, das ihm die ganze Straße versperrte. Da kam dem Hampelmann ein schlauer Gedanke. Er rannte im vollen Laufe auf den Schutzmann zu, bückte sich flink und wollte ihm zwischen den weit gespreizten Beinen durchschlüpfen.

Aber er hatte sich verrechnet. Der stramme Polizist rührte sich nicht vom Platze. Mit einer geschickten Handbewegung hatte er schon den Durchbrenner gefaßt. Ratet mal, wie? – Die Nase war Bengeles Unglück. Sie war ja viel zu lang; der Schutzmann erwischte sie und hielt ihn daran fest.

Er übergab den Schlingel gleich dem Vater Seppel. Schon wollte ihm dieser eine kräftige Ohrfeige geben, aber es ging nicht. Ratet mal, warum? – In seiner Eile hatte der Schnefler dem Hampelmann keine Ohren geschnitzt.

Da faßte der Meister den Kleinen im Genicke und schob ihn fort. Bengele sperrte sich, so gut er konnte; aber es half ihm nichts. Seppel wackelte ganz bedenklich mit dem Kopfe und sprach:

»Marsch, nach Hause! Paß nur auf, daheim wollen wir miteinander abrechnen.«

Da der Wind von dieser Seite pfiff, wollte Bengele nicht mehr weiter und legte sich langwegs auf den Boden. Es dauerte nicht lange, so kamen auch schon ein Paar Straßenbummler und stellten sich um die beiden herum. Sie schwatzten hin und her. – »Armes kleines Hampelchen«, meinte einer, »du hast ganz recht, wenn du nicht nach Hause willst. Der Seppel ist ein Grobian und wird dich halbtot schlagen.«

Andere spöttelten boshaft und sagten:

»Der Schnefler-Seppel! – Ja, ja! – Er hat ein zuckersüßes Gesicht. Aber man kennt ihn. Ein Unmensch ist er, ein Rabenvater. Bei diesem Ungeheuer wird der unschuldige Kleine gut aufgehoben sein! Seht doch mal wieder die kluge Polizei.«

Immer größer ward die Menschenmenge, immer lauter ihr Schimpfen. Da kam der Schutzmann wieder, verhaftete den Meister Seppel und führte ihn fort ins Gefängnis.

Der unglückliche Alte tat keine Widerrede. Er weinte still und sprach:

»Der Zauberhampel wird mein Sorgenkind. – Wie habe ich mir doch Mühe gegeben, einen ordentlichen Kleinen aus dem Holze zu schneiden! – Wenn man doch nur an alles vorher denken könnte! Jetzt bin ich selber schuld an meiner Schande.«

Guter Vater Seppel, das war nur ein schwacher Anfang. Wenn du ahnen könntest, was für Sorgen und Leiden dein Zauberhampel noch über dich bringt, du müßtest völlig verzweifeln.

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