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Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Carlo Collodi: Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele - Kapitel 37
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authorCarlo Collodi
titlePinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele
publisherHerder u. Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrunEinundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage 46.-56. Tausend
editorAnton Grumann
year1925
translatorAnton Grumann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
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Fünfunddreißigstes Stück.

Die Fische fressen den Esel.

Nach einer halben Stunde dachte der Mann auf dem Felsen: »Jetzt muß der Esel tot sein.«

Behutsam zog er das Seil empor. Da erschien über dem Wasser – der tote Esel? – Nein, ein sehr lebendiger Hampelmann, der ausgelassen zappelte. Wie angewurzelt stand der Mann mit dem Stricke in beiden Händen auf seinem Platze. Er wußte nicht, wie ihm geschah. – Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Endlich getraute er sich das Kerlchen in die Höhe zu ziehen, riß die Augen noch mehr auf und stammelte:

»Ich habe doch einen Esel ins Wasser geworfen.«

»Der Esel bin ich«, lachte vergnügt der Hampelmann.

»Du?«

»Ja!«

»Lausbube, willst mich noch foppen?«

»Foppen, mein lieber Herr?! – Nein, es ist mir Ernst!«

»Wie kannst du, hölzerner Hampelmann, ein Esel gewesen sein?«

»Das ist ein Geheimnis des Meeres! Im Wasser gibt es solche Wunder!«

»Nimm dich in acht! Ich lasse mich nicht uzen! – Wenn es mir zu stark wird ...«

»Nun, lieber Herr, wenn Sie mir den Strick da am Beine lösen, will ich Ihnen den ganzen Vorgang haarklein erzählen.«

Der Mann war neugierig, eine solche Geschichte zu hören, und machte gleich den Knoten des Strickes auf. Bengele fühlte sich zum ersten Male wieder frei, und wohlgemut begann er seine Geschichte:

»Also hören Sie! – Ich war früher ein Hampelmann wie jetzt. Eben sollte ich ein richtiger Knabe werden, da – nun ich wollte nicht mehr lernen, hörte auf schlechte Kameraden und lief meiner Mutter davon. – Eines schönen Tages wachte ich auf und war ein Esel geworden mitsamt den langen Ohren und dem wüsten Schwanze. – Wie habe ich mich geschämt! – Behüt Euch Gott vor dem Eselsfieber! – Man hat mich auf den Markt geführt, und ein Zirkusdirektor hat mich gekauft! Der wollte aus mir mit aller Gewalt einen Tänzer und Ringspringer machen; aber bei der Vorstellung bin ich eklig gefallen und habe mir das Bein verstaucht. – Weil ich hinkte, konnte mich der Zirkusdirektor nicht mehr brauchen, ließ mich verkaufen und Sie haben mich gekauft.«

»Leider! Leider! – Wer gibt mir die fünf Mark wieder?«

»Warum haben Sie mich gekauft?! – Hören Sie, ein Trommelfell wollten Sie aus mir machen! – Ja, ein Trommelfell!!«

»Leider, leider! – Wer gibt mir jetzt ein Trommelfell; am Sonntag wollte ich schon die Trommel spielen.«

»Nur den Mut nicht verlieren, lieber Mann! – Es leben noch viele Esel auf der Welt!«

»Du unverschämter Schlingel! – Ist deine Geschichte jetzt fertig?«

»Noch lange nicht«, sagte Bengele, »ich fahre gleich weiter. – Sie haben mich also gekauft und hierher geführt. Erst wollten Sie mich totschlagen, aber dann bekamen Sie ein weiches Herz und wollten mich lieber ersäufen. Sie haben mir also einen schweren Stein an den Hals gehängt und einen langen Strick an den Fuß gebunden. – Dieses menschliche Mitgefühl ehrt Sie, allen Respekt davor! – Übrigens haben Sie aber Ihre Rechnung ohne meine – Mutter Fee gemacht.«

»Wer ist diese Fee?«

»Wie gesagt, meine Mutter. – Und sie ist gut wie alle Mütter. Sie lieben ihre Kinder und verlieren sie nie aus den Augen und stehen ihnen bei in allem Unglück, auch wenn die Kinder so eigensinnig und nichtsnutzig sind, daß sie eine gute Mutter gar nicht mehr verdienen und man sie laufen lassen sollte. – Wie gesagt also, die gute Fee sah, daß ich ersäuft werden sollte. Da sandte sie gleich eine unzählbare Schar von allerlei Fischen; diese meinten, ich sei wirklich ein toter Esel, und fraßen mich. – Wie sie die Mäuler voll nahmen! Für so freßsüchtig hätte ich die Fische nie gehalten! – Sie fraßen die langen Ohren, die Schnauze, den Schwanz, alles mit Stumpf und Stiel. – Es war sehr anständig von ihnen.« –

»Von heute ab«, warf da der Mann ein, »esse ich wahrhaftig nie mehr Fisch im Leben; wenn sie Eselsohren und Eselsschwänze fressen, nein, das ist zu arg, – puh!!«

»Ich bin auch der Meinung«, entgegnete Bengele. »Übrigens hören Sie nun weiter! – Als die Fische meine ganze Eselei gefressen hatten, da kamen sie an die Knochen, oder besser gesagt ans Holz. – Wie Sie sehen, bin ich aus Holz und, Gott sei Dank, aus festem Holz gemacht. – Die Fische schnappten ein paarmal tüchtig; aber sie rannten sich die Nase an und merkten bald, daß das Eselsfleisch zu Ende sei. Einer nach dem andern schwamm davon. – Sie hätten sich für das feine Mahl schon bedanken dürfen; aber wer Eselsfleisch frißt, vergißt allen Anstand. – Nun begreifen Sie, mein Herr, daß man einen Esel ins Meer versenken und einen Hampelmann herausziehen kann. Das ist meine Geschichte.«

»Fünf Mark kostet mich deine Geschichte«, knurrte der Mann, »wer gibt mir mein Geld wieder? – Weißt du, was ich tue? – Ich bringe dich wieder auf den Markt und verkaufe dich als trockenes Holz zum Feueranmachen.«

»Ganz recht! Verkauf mich nur, wackerer Trommler!« sagte Bengele und hüpfte ins Wasser. Lustig schwamm er ins Meer hinaus und rief noch einmal zurück:

»Adieu, Blechmusiktrommler! – Wenn du mal wieder ein Fell brauchst, so laß es mir sagen!«

Als er schon weit vom Lande war, drehte er dem Manne noch eine lange Nase und schrie:

»Mit dem trockenen Holze kann ich dir nicht mehr dienen; es wird zu naß im Wasser.«

Der alte Schlingel war in dem Hampelmann wieder erwacht; er schwamm vergnügt fort und schlug im Wasser tausend Purzelbäume.

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