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Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Carlo Collodi: Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele - Kapitel 30
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authorCarlo Collodi
titlePinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele
publisherHerder u. Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrunEinundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage 46.-56. Tausend
editorAnton Grumann
year1925
translatorAnton Grumann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Achtundzwanzigstes Stück.

Der grüne Fischer.

Für Bengele war das Rennen nicht so lustig wie für die Zuschauer. – Die Bulldogge hieß Bollo und konnte entsetzlich laufen. Der Augenblick mußte kommen, wo sie den Hampelmann einholte.

Schon hörte Bengele hinter sich den wutschnaubenden Hund, schon fühlte er den heißen Atem des grimmigen Tieres, – da kamen sie ans Meer.

Wie ein Frosch sprang Bengele sofort weit hinein ins Wasser. Plumps! fiel er auf und schwamm davon.

Bollo liebte das Wasser nicht. – Er schnupperte daran, sprang ein paar Mal am Ufer auf und ab; aber als er den Hampelmann wegschwimmen sah, erfaßte ihn aufs neue die Wut und er sprang ins Meer.

Rasend zappelte der Hund mit den Tatzen, bald war er müde und sank unter. Mit der letzten Kraft arbeitete er sich noch einmal über Wasser und rief:

»Hilf, hilf! – Ich muß ertrinken.«

»Ersaufe nur«, entgegnete Bengele. – Er war ein gut Stück weiter und außer Gefahr.

»Hilf mir doch, Bengele; rette mich vom Tode!«

Der Hampelmann bekam Mitleid mit seinem Feinde, schwamm zurück und fragte in einiger Entfernung:

»Wirst du mich unbehelligt laufen lassen, wenn ich dich rette?«

»Gewiß! Ich verspreche es dir! Aber jetzt mache schnell! Wenn du noch länger säumst, dann ist es mit mir vorbei.«

Noch zögerte Bengele; aber es fiel ihm ein, daß sein Vater stets gesagt hatte: »Geh nie einer guten Tat aus dem Wege!« Er schwamm darum rasch auf Bollo zu, faßte ihn am Schwanze, und mit wenigen kräftigen Schwimmzügen hatte er ihn aufs trockene Ufer gesetzt.

Der arme Hund konnte nicht mehr auf den Beinen stehen; denn er hatte zu viel Salzwasser geschluckt und einen kugelrunden Bauch bekommen. Bengele traute ihm aber doch noch nicht und hielt es für das klügste, gleich wieder ins Wasser zu hüpfen und davonzuschwimmen.

»Adieu, Bollo! Komm gut nach Hause!« rief er noch und ruderte ins Meer hinein.

»Adieu, Bengele«, erwiderte der Hund, »ich danke dir tausendmal; du hast mir das Leben gerettet! – Ein Dienst ist den andern wert! Vielleicht kann ich dir deine edle Tat einmal vergelten.«

Bengele schwamm am Ufer entlang. Nach einer Stunde glaubte er vor den Verfolgern sicher zu sein und näherte sich dem Strande. Er gewahrte eine Felsengrotte, aus der Rauch aufstieg.

»Wo Rauch ist, da ist auch Feuer«, dachte der Hampelmann; »dort geh' ich hinein und trockne mich ein bißchen; dann will ich weiter sehen, was sich tun läßt.«

Er schwamm ans felsige Ufer und hatte sich schon an einem Steine festgeklammert. Da fühlte er unter seinen Füßen etwas emportauchen, und im Nu war er hoch in die Luft gehoben. Er wollte ins Wasser zurückspringen; doch es war zu spät. Der Unglückliche war in ein Fischernetz geraten, und um ihn zappelte und trappelte es von Fischen aller Art.

Gleich kam auch oben vor der Felsenhöhle der Fischer zum Vorschein, ein grausiges Geschöpf, ein entsetzlich häßliches Ungetüm. Er hatte keine Haare auf dem Kopf, sondern einen Busch von grünem Seegras, seine Haut, seine Augen, sein langer Bart, alles war meergrün. Im ganzen sah er aus wie ein Laubfrosch, der auf den Hinterbeinen steht; aber er war schrecklich wild und unbeschreiblich garstig.

Als der Fischer das Netz ans Land gezogen hatte, grunzte er zufrieden und sprach:

»Ein guter Fang! Auch heute kann ich mich an einem feinen Mahle gütlich tun.« –

»Ein Glück für mich, daß ich kein Fisch bin«, dachte Bengele bei diesen Worten und faßte etwas Mut. Der Fischer trug das Netz in seine Höhle. – Diese war ganz ausgeräuchert schwarz und unheimlich. In der Mitte brannte ein Herdfeuer; darauf stand eine Pfanne. Der ranzige Tran, der darin brodelte, verpestete die Luft.

Der grüne Fischer holte mit seiner plumpen Hand einen Fisch nach dem andern aus dem Netze. Jeder wurde genau untersucht:

»Barben sind gut«, sagte er, hielt eine vor seine Augen, beschnupperte sie und warf sie in einen leeren Kübel. Das Wasser lief dem Höhlenmenschen im Munde zusammen, ehe die Fische noch gekocht waren. Er wurde immer lustiger und sprach:

»Fein diese Nasen! – Ausgezeichnete Äschen! – Und diese Zungen! – Ha! – Solch seine Barsche erst! – Hurra, auch noch Sardellen!« –

Alles flog unbarmherzig in den großen Kübel. Jetzt war Bengele noch übrig. Der grüne Fischer zog ihn heraus; unbeschreibliches Erstaunen erfaßte ihn, seine grünen Augen wurden groß wie Pflugrädchen, und er fragte verwundert:

»Was ist das für eine Sorte? Diesen Fisch habe ich noch nie gegessen!«

Aufmerksam schaute er den Neuling von allen Seiten an und meinte schließlich:

»Ja, ja, es muß eine Art Meerkrebs sein!«

Daß er ein Meerkrebs sein sollte, war dem Bengele doch zu viel, und er schrie beleidigt:

»Was?! – Ein Meerkrebs! – Dich soll das Mäusle beißen! Merke es dir ein für allemal: ich bin ein Hampelmann.«

»Ein Ham-pel-mann?« – sagte der Fischer in langgezogenem Tone, »ich muß schon sagen, einen Hampelmannfisch habe ich noch nie gegessen. Aber gerade deshalb wirst du mir um so besser schmecken.«

»Wie! Essen willst du mich! – Ich bin doch gar kein Fisch. Begreifst du nicht, daß ich reden kann wie du?«

»Das schon«, meinte der Fischer, »aber weil du doch ein Fisch bist und dazu reden kannst wie ich, so will ich dich auch entsprechend behandeln.«

»Das heißt?«

»Als ein Zeichen von Freundschaft und besonderer Hochachtung lasse ich dir die Wahl, wie du gekocht sein willst. Willst du gebraten, gesotten oder geräuchert werden?«

»In diesem Fall fällt mir die Wahl nicht schwer: am liebsten möchte ich losgelassen werden, weil ich nach Hause will.«

»Mach doch keine dummen Witze!« sagte der Fischer, »ich muß dich unbedingt versuchen; die Gelegenheit kommt selten wieder, daß mir ein Hampelmannfisch ins Netz gerät. – Vertraue nur ruhig auf mich; ich brate dich zusammen mit allen andern in der Pfanne, und damit kannst du wohl zufrieden sein. Es ist immerhin ein Trost, wenn man in Gesellschaft gebraten wird.«

Bengele weinte und flehte den Fischer an, daß er ihn frei gebe; er wolle nach Hause gehen zu seiner Mutter. Das grüne Scheusal hatte kein Herz und hörte gar nicht auf des Hampelmanns Gejammer. Verzweifelt drehte und wand sich Bengele; die grünen Tatzen ließen ihn nicht mehr los. – Der grausame Fischer machte schließlich dem Zappeln ein Ende; er nahm ein paar Weidenzweige und band dem Hampelchen Hände und Füße fest. Darauf warf er den neuen Fisch zu den andern in den Kübel.

Bengele ergab sich seinem traurigen Geschicke. Leise wimmerte er:

»Wäre ich doch in die Schule gegangen! – Hätte ich doch nicht auf schlechte Kameraden gehört! – Ach, wie muß ich meine Fehler büßen!«

Der Grüne machte sich daran, die Fische zu braten. Er holte sie der Reihe nach aus dem Kübel, drehte jeden zuerst in einer Schüssel voll Paniermehl und legte ihn dann in den siedenden Tran. Bengele war wieder der letzte. Er zitterte und konnte nicht mehr reden. Aber er schaute den Fischer mit einem Blicke an, der einen Stein erweichen mußte. – Das Ungetüm hatte kein fühlendes Herz. Der Hampelmann wurde ins Paniermehl gesteckt, bis er von allen Seiten dicht davon bedeckt war. – Max und Moritz sahen nicht schlimmer aus, als sie in den Teig fielen. – Der grüne Unmensch faßte den Hampelmannfisch und ...

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