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Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Carlo Collodi: Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele - Kapitel 29
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authorCarlo Collodi
titlePinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele
publisherHerder u. Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrunEinundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage 46.-56. Tausend
editorAnton Grumann
year1925
translatorAnton Grumann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Siebenundzwanzigstes Stück.

Die Rauferei am Meere.

Bengele kam zuerst an den Strand. – Die aufgehende Sonne spiegelte sich tausendfältig in der leichtbewegten See, die Luft war so rein und hell, daß man meilenweit hinaussehen konnte über das glänzende Wasser. Der Hampelmann strengte seine Augen an; aber es war nichts zu erspähen, nicht einmal ein Schifferkahn.

»Wo ist jetzt der ›Große Hai‹? fragte Bengele.

»Er wird noch Kaffee trinken!« gab einer spöttisch zur Antwort; ein anderer machte es noch ärger und sagte:

»Er hat vielleicht noch nicht ausgeschlafen.«

Über diese blöden Antworten und das boshafte Gelächter der Kameraden ward Bengele wütend. Er sah ein, daß sie ihn an der Nase geführt hatten, und fuhr sie zornig an:

»Mir so einen Bären aufzubinden! Ihr Gauner! – Was hatte das für einen Sinn?«

»Einen feinen Sinn!« schrien sie alle.

»Nämlich?«

»Wir haben dich heute auch einmal in unsere Gesellschaft bekommen. – Schäme dich doch, jeden Tag so pünktlich zur Schule zu laufen und alle Aufgaben zu machen!«

»Was habt ihr daran auszusetzen?«

»Sehr viel! – Durch dich sind wir immer blamiert!«

»Weshalb?«

»Weil du zu viel lernst, sind wir stets hinten dran. Das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen. Auch wir wollen etwas gelten in der Schule.«

»Was muß ich also tun?«

»Du mußt die Schule ebenso satt bekommen wie wir und auch denken, daß es bloß drei Ekel gibt: die Schule, den Lehrer und die Aufgaben.«

»Wenn ich aber nach wie vor meine Sachen lerne?«

»Dann schauen wir dich gar nicht mehr an, und eines schönen Tages wirst du es teuer büßen.«

Da schüttelte sich der Hampelmann vor Lachen und sagte: »Ihr seid doch zu einfältig!«

Jetzt ging der größte von der Schar drohend auf Bengele zu und sagte:

»Du brauchst den Großhans nicht zu spielen! – Wenn du keine Angst vor uns hast, so haben wir noch viel weniger Angst vor dir. Wir sind sieben gegen einen!«

»Die reinsten sieben Hauptsünden!« sagte Bengele und lachte spöttisch.

»Habt ihr's gehört? – Der will uns so kommen! Sieben Hauptsünden hat er uns geschimpft! – Bengele, nimm's gleich zurück! – Oder –!«

»Gigigs!« gab der zurück, zog den Mund schief und rieb den einen Zeigefinger über dem andern.

»Bengele, hör auf, sonst geht dir's schlecht!«

»Gigigs!«

»Wir verhauen dich wie einen Esel!«

»Gigigs!«

»Wir schlagen dir die Beine ab!«

»Ich gebe dir jetzt gleich Gigigs«, schrie da der Frechste, »hier hast du ein Gigigs, gleich kannst du noch mehr haben!«

Eine kräftige Ohrfeige schallte auf den Kopf des Hampelmanns. Bengele ließ sich das natürlich nicht gefallen. Sofort gab er den Schlag zurück, und es kam zu einer allgemeinen Rauferei.

Der Hampelmann war allein; aber er verteidigte sich wie ein Löwe. Mit seinen Holzfüßen und Holzfäusten führte er so kräftige Streiche, daß die andern bald alle zurückwichen. Wo seine Hiebe trafen, gab es einen blauen Fleck zum Andenken.

Die Knaben waren wütend, daß sie Bengele nicht zwingen konnten, und wollten ihm auf eine andere Art beikommen. – Rasch machten sie ihre Schulsäcke auf und warfen ihre Bücher gegen ihn. Da kam eine Grammatik geflogen, da ein Rechenbuch, da eine Naturgeschichte, da ein Geographiebuch, ein Atlas und sogar ein Federkasten. – Aber der Hampelmann hatte scharfe Augen und war sehr flink; er bückte sich und sprang beiseite, so daß die Geschosse alle über ihn weg oder an ihm vorbeiflogen ins Meer hinein.

Wie waren die Fische erstaunt, als die Bücher geflogen kamen! – Sie glaubten, es sei etwas zum Fressen, und schwammen scharenweise herbei. Als sie aber ein paarmal an den Büchern herumgeschnuppert hatten, verzogen sie die Schnauze und dachten: »Das ist nichts für uns, wir sind bessere Sachen gewöhnt.« –

Der Kampf zwischen den Knaben ward indes immer hitziger. Da kroch eine dicke Seekrabbe auf den Sand und fing mit rauher, etwas erkälteter Stimme an zu reden:

»Lausbuben, die ihr seid, und nichts anderes! Wollt ihr gleich aufhören! Bei solchen Prügeleien geht es gewöhnlich schief; muß denn wirklich noch etwas passieren?«

Die arme Krabbe redete in den Wind. – Niemand hörte auf sie; ja der nichtsnutzige Bengele drehte sich um, guckte sie schief an und sprach ganz unverschämt:

»Halt deinen Schnabel, alter Brummkasten! Schlotze lieber ein Paar Lakritzen, daß deine Heiserkeit vergeht, oder lege dich ins Bett und schwitze!«

Die Buben hatten ihre eigenen Bücher alle geworfen und machten sich in die Nähe von Bengeles Schulranzen. Gleich hatten sie ihn und räumten ihn aus.

Unter den Büchern war ein besonders großes, schön gebunden mit festen Lederecken. Es war ein Rechenbuch und sehr schwer.

Einer der Stricke nahm dies Buch und zielte damit nach Bengeles Kopf. Mit aller Kraft schleuderte er es, aber er traf unglücklicherweise einen Kameraden; dieser wurde kreideweiß und konnte nur noch sagen: »Mutter, Mutter! hilf mir, ich muß sterben.« Dann fiel er langgestreckt in den Sand.

Erschreckt liefen die Knaben davon. Bengele allein blieb zurück. Auch er war zum Tode erschrocken beim Anblick des getroffenen Knaben; aber trotzdem ging er gleich ans Wasser, tunkte sein Taschentuch hinein und legte es dem Schulkameraden auf den Kopf. Nochmals wiederholte er diese Arbeit, weinte, jammerte und rief dem Armen beständig:

»Eugen! – Eugen! – Armer Eugen! – Mach doch die Augen auf und schau mich an! Gib mir doch Antwort! Ich habe es ja nicht getan! Ich bin's sicher nicht gewesen! – Mach die Augen doch auf, Eugen! Wenn du die Augen nicht aufmachst, muß ich auch sterben! – O Gott, wenn ich nach Hause komme! Was wird meine liebe Mutter sagen? Was soll aus mir werden? Wohin soll ich davonlaufen? Wo kann ich mich verstecken? – Wenn ich nur in die Schule gegangen wäre! Warum mußte ich auf die Kameraden hören? Die sind mein Unglück! – Der Herr Lehrer hat es mir immer gesagt und die Mutter auch: ›Geh nicht mit bösen Kameraden!‹ – Ja! Aber ich bin ein eigensinniger Holzkopf! Ich lasse alle reden und tue immer, was ich will. Mit meinem Eigensinn habe ich noch keine glückliche Stunde im Leben gehabt. Lieber Himmel! Wie soll das noch gehen! Wie wird diese Geschichte enden?«

So heulte und jammerte Bengele in einem fort, schlug sich an den Kopf vor Verzweiflung und rief immer wieder dem armen Eugen. – Dumpfe Schritte waren auf einmal zu vernehmen; der Hampelmann drehte sich um, vor ihm standen zwei Gendarmen.

»Was machst du da auf dem Boden?« fragten sie.

»Ich helfe meinem armen Schulkameraden.«

»Ist ihm übel geworden?«

»Ich glaube, ja.«

Da bückte sich der eine Gendarm nieder und schaute Eugen an: »Was!« sagte er darauf, »übel geworden? Allerdings! man kann auch so sagen. – Dieser Knabe hat einen Schlag an die Schläfe bekommen! Wer hat ihn geschlagen?«

»Ich nicht!« stotterte Bengele; schon nahm ihm die Angst den Atem.

»Wer dann?«

»Ich nicht!« beteuerte Bengele.

»Womit ist er geschlagen worden?«

»Mit diesem Buch!« sagte der Hampelmann, und hob das schwere Rechenbuch auf.

»Wem gehört das Buch?«

»Mir!«

»Das sagt alles! Es bedarf keines weiteren Beweises mehr! Vorwärts! Auf! Du gehst jetzt mit uns!«

»Ja, aber ...«

»Vorwärts!«

»Ich bin doch unschuldig!«

»Keine Redensarten! – Du gehst mit uns!«

Die Gendarmen riefen ein paar Fischer herbei, die gerade am Ufer mit ihren Kähnen vorbeifuhren, und sagten zu ihnen:

»Nehmt diesen ohnmächtigen Knaben mit nach Hause und pfleget ihn; morgen werden wir kommen und nach ihm sehen.«

Dann nahmen sie Bengele in die Mitte und kommandierten nach Soldatenart:

»Vorwärts! Gut ausgeschritten! Sonst kannst du Schlimmeres erleben!«

Ohne Widerrede ging Bengele voran ins Land hinein. Es war derselbe Weg, auf dem er einst das erste Mal nach Fleißigenstadt gekommen war. Das arme Kerlchen wußte nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Alles erschien ihm wie ein böser Traum. Er war halb von Sinnen, sah alles doppelt, seine Beine wackelten, die Zunge war ihm wie gelähmt; er hätte kein Wort mehr herausbringen können. – Ein Gedanke aber ging ihm wie ein Nadelstich durch die Seele: »Was wird die gute Fee sagen, wenn sie mich zwischen den Gendarmen am Hause vorbeigehen sieht? Ich möchte lieber sterben als diese Schande erleben!«

Sie kamen schon zu den ersten Häusern des Städtchens. Da riß ein Windstoß dem Bengele die Mütze vom Kopfe und trug sie zehn Schritte ins Feld hinein.

»Darf ich, bitte, meine Kappe holen?« – fragte er die Gendarmen.

»Geh! Aber flink!«

Bengele ging, hob die Mütze auf und – lief davon. In großen Sprüngen rannte er durch die Felder dem Meere zu.

Die Gendarmen versuchten es gar nicht, den leichtfüßigen Hampelmann zu fangen. Sie hetzten ihm eine schreckliche Bulldogge nach, und nun begann ein lustiges Jagen. Die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten den beiden Rennern nach. – Aber weit konnte man den Wettlauf nicht verfolgen. Bengele und die Bulldogge wirbelten einen Staub auf wie ein rasendes Auto und waren bald verschwunden.

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