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Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Carlo Collodi: Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele - Kapitel 22
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authorCarlo Collodi
titlePinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele
publisherHerder u. Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrunEinundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage 46.-56. Tausend
editorAnton Grumann
year1925
translatorAnton Grumann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Stück.

Die Riesenschlange

Denkt euch Bengeles Freude, als er wieder frei war! Ohne sich umzusehen, ging er zur Stadt hinaus. Nach Hause trieb es ihn, fort von dem bösen Dummersheim. Er wollte seine gute Schwester Fee wieder sehen und seinen lieben Vater.

Es hatte viel geregnet. Der Weg war so durchweicht, daß das Hampelchen bis über die Knöchel in den Schlamm einsank. Was kümmerte sich Bengele darum! – Wenn der Weg zur Heimat führt, wird man nicht müde. – Das Holzmännlein sprang durch den Schmutz wie ein Windhund.

Noch einmal mußte er an all das denken, was er erlebt hatte, und sprach für sich selbst:

»Es ist mir viel Unglück passiert; aber verdient habe ich es auch. – Ich bin so ein eigensinniger, dickköpfiger Hampelmann; alles soll immer nur nach meiner Schnur gehen; nie höre ich auf die Leute, die es gut mit mir meinen, und wenn sie auch tausendmal klüger sind wie ich. – Aber jetzt wird es anders! Ich will mich bessern und ein artiger, folgsamer Knabe werden. Am eigenen Leibe habe ich es bitter genug erfahren müssen, daß die ungezogenen Kinder ins Unglück kommen und nie etwas Gutes erreichen.

Ob wohl mein Vater noch auf mich wartet? Wie wird es ihm ergangen sein? – Wahrscheinlich werde ich ihn bei der Fee wiederfinden. Ach wie lange habe ich den Armen nicht mehr gesehen! – Von jetzt an will ich gut gegen ihn sein und ihn von Herzen lieben.

Wird mir die Fee meine Unart verzeihen? – Wie aufmerksam war sie gegen mich und mit welcher Liebe hat sie mich gepflegt! Ja, ihre Sorge hat mir das Leben gerettet! – Und ich! ich bin der undankbarste Hampelmann auf der Welt und habe kein Herz gehabt.« –

Erschrocken macht Bengele plötzlich Halt und weicht unwillkürlich drei Schritte zurück. Was ist geschehen? – Eine Riesenschlange lag quer über die Straße. Grün glänzte ihre schuppige Haut; die Augen sprühten Feuer; der Schwanz endete in einer Spitze, die wie ein Fabrikschlot rauchte.

Wundert ihr euch, daß der Hampelmann Angst bekam? – Hundert Schritte ging er zurück und setzte sich auf einen Steinhaufen. Von dort hielt er Ausschau und wartete, ob die Schlange nicht weiter krieche und die Straße freigebe.

Nach drei Stunden lag das Untier immer noch an dem gleichen Flecke. Auch von weitem konnte Bengele die glühenden Augen sehen und die Rauchwolke, die aus dem Schwanze aufstieg.

Der Hampelmann wurde des Wartens überdrüssig. – Mutig näherte er sich bis auf wenige Schritte dem schrecklichen Wurme und redete ihn mit süßer, freundlicher Stimme an:

»Bitte schön, geehrte Frau Riesenschlange, wolltest du dich nicht auf der einen Seite ein bißchen zusammenziehen, daß ich vorbeigehen kann!«

Er hätte ebensogut an eine Wand hin reden können. Das Tier rührte sich nicht von der Stelle.

Ein zweites Mal versuchte es Bengele und bat noch inständiger:

»Höre doch nur, beste Frau Schlange, ich will nach Hause gehen; mein Vater wartet auf mich, und ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. – Bitte, bitte, sei doch gut und laß mich weiter gehen!«

Kein Erfolg! Ja die Schlange, die bisher lustig und voll Leben schien, ward mit einem Male ganz unbeweglich und starr. Sie schloß die Feueraugen, und der Schwanz rauchte nicht mehr.

»Die ist jetzt richtig tot«, sagte Bengele und rieb sich vergnügt die Hände. – Ohne lange zu warten, machte er sich daran, über sie hinwegzuspringen. Aber kaum hatte er sich gerührt, so schnellte die Schlange auf wie ein Hupfteufel. Zum Tod erschrocken, machte das Hampelchen einen Sprung rückwärts, stolperte aber und schlug einen solchen Purzelbaum, daß er mit dem Kopfe in dem aufgeweichten Boden stecken blieb und die Beine in die Luft streckte. Er wollte sich aus seiner hilflosen Lage befreien, und wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, fing er rasend an zu zappeln und zu strampeln. So etwas Lustiges hatte die Schlange noch nie gesehen. Sie fing an laut zu lachen, schüttelte sich und konnte nicht mehr aufhören. – Es war des Guten zu viel. Von dem übermäßigen Lachen platzte ihr eine Ader im Leibe, und diesmal sank sie wirklich tot auf den Weg.

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