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Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Carlo Collodi: Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele - Kapitel 15
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authorCarlo Collodi
titlePinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele
publisherHerder u. Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrunEinundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage 46.-56. Tausend
editorAnton Grumann
year1925
translatorAnton Grumann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Stück.

Im Gasthaus »Zum geleimten Vogel«.

Den ganzen Tag waren die drei Goldbaumzüchter schon gegangen, als sie spät abends und todmüde ans Gasthaus »Zum geleimten Vogel« kamen.

»Hier wollen wir ein bißchen Rast machen«, sagte der Fuchs, »wir essen eine Kleinigkeit und ruhen ein Paar Stunden aus. Um Mitternacht brechen wir wieder auf und sind dann morgen bei Tagesgrauen auf dem Wunderfeld.«

Sie traten in das Wirtshaus und setzten sich zusammen an einen Tisch. – Keiner hatte Appetit.

Die arme Katze litt an gräßlichen Magenschmerzen und konnte nicht mehr ertragen als dreißig kleine Bachforellen, blaugekocht mit Kartöffelchen und zerlassener Butter, dann noch vier Portionen Leberwurst. An jeder Portion schnupperte sie erst, und wenn sie ein bißchen dünn geschnitten war, so sagte die Feinschmeckerin: »Sie riecht«, und verlangte eine andere.

Der Fuchs hätte gern etwas Kräftiges genossen nach dem langen Marsche; aber der Arzt hatte ihm leichte Kost verordnet. Darum begnügte er sich mit einem gewöhnlichen Hasenpfeffer. Als Gemüse nahm er dazu eine Platte gebackener Hähnchen. Nach diesem ersten Gange ließ er sich ein leichtes Ragout von Rebhühnern, Wachteln und Froschschenkeln bereiten; aß zum Schluß ein paar süße Trauben und dann meinte er:

»Ich höre gern auf; es ist die reinste Marter, wenn man sich ohne Appetit zum Essen zwingen muß. Nun bin ich froh, daß diese Qual vorüber ist.«

Am wenigsten aß Bengele. Er nahm ein paar Nußkerne und ein bißchen Brot; alles andere ließ er stehen. Das arme Hampelchen war mit seinen Gedanken immer beim Wunderfeld und hatte nur noch Hunger nach Gold.

Nach dem Essen sagte der Fuchs zum Wirte: »Bitte, zwei Zimmer! eins für Herrn Bengele und für uns beide das andere. Wir wollen uns eine kurze Ruhe gönnen bis Mitternacht; dann müssen wir weiter. Kurz vor zwölf Uhr soll man uns wecken; nicht vergessen!«

»Gewiß, meine Herrschaften, es wird alles gewissenhaft besorgt«, sagte der Wirt. Dabei sah er den Fuchs und die Katze mit verständnisvollem Blicke an, als wollte er sagen: »Wir sind alte Bekannte.«

Bengele legte sich zu Bett, schlief gleich ein und träumte. Es war ihm, als stände er mitten auf dem Wunderfelde. Das stand ganz voll von Pflaumenbäumchen, an ihnen hingen wie Pflaumen die Goldstücke. Der Wind ging leise durch die Blätter, die Goldstücke schlugen aneinander wie kleine Glöcklein und klangen:

Komm, Bengele, bimm, bimm!
Komm, Bengele, nimm, nimm!

Schon streckte er im Traume die Hände aus, um nach den Goldglöckchen zu greifen, da klopfte es dreimal fest an die Türe, und er wachte auf.

Der Wirt kam herein und sagte ihm, es schlage jetzt eben zwölf Uhr.

»Sind meine Begleiter schon gerichtet?« fragte Bengele.

»Mehr als gerichtet! Vor zwei Stunden sind sie aufgebrochen.«

»Warum hatten sie solche Eile?«

»Frau Katze bekam Nachricht, daß ihr ältester Sohn an Kopfweh erkrankt und plötzlich in Lebensgefahr sei.«

»Haben sie das Essen bezahlt?«

»Was denken Sie, Herr Bengele? Sie verkennen solche feingebildeten Personen. Da sie heute von Ihnen zu Tisch gebeten wurden, durften sie die freundliche Einladung doch nicht bezahlen; das hieße taktlos gehandelt.«

»Schade! Diese Taktlosigkeit hätte ich ihnen gar nicht übel genommen«, sagte Bengele und kratzte sich hinter den Ohren.

»Haben sie nicht hinterlassen, wo sie mich erwarten?«

»Am Wunderfeld, morgen früh bei Tagesgrauen.«

Bengele zahlte mit einem Zwanzigmarkstück die gesamte Rechnung und verließ das Wirtshaus. Er konnte nur langsam vorwärts kommen, denn es war so stockdunkel, daß man die eigene Hand nicht vor dem Auge sah. Alles war totenstill. Kein Blatt an den Bäumen rauschte. Nur eine Nachteule flog über die Straße dem Bengele an der Nase vorbei. Erschrocken sprang er einen Schritt zurück und rief: »Wer ist da?« – Das Echo tönte aus der Umgebung zurück: »ist da?« – »da?«

Während er tastend weiterschritt, zeigte sich plötzlich ein matter Schein. Bengele trat näher und erkannte eine leuchtende Grille, die auf einem Straßensteine saß. Wie das Nachtlicht im gefärbten Glase, erhellte das Tierchen um sich herum kümmerlich die dichte Dunkelheit.

»Wer bist du?« fragte Bengele.

»Ich bin der Geist des Lispel-Heimchens«, erhielt er zur Antwort. So leise und hohl klang die Stimme, wie nur die Geister reden.

»Was willst du von mir?« fragte der Hampelmann.

»Einen guten Rat will ich dir geben: Kehre um, nimm die vier Goldstücke, die du noch hast, und bringe sie deinem armen Vater. Er sitzt daheim und jammert, weil er dich so lange nicht mehr gesehen hat.«

»Morgen ist mein Vater ein großer Herr, wenn ich ihm zweitausend Goldstücke bringe.«

»Traue denen nicht, mein Kind, die dich von heute auf morgen reich machen wollen. Es sind Dummköpfe oder Betrüger. Hör auf mich und kehre um!«

»Umkehren!? Weiter gehen will ich, und ich gehe weiter.«

»Es ist spät in der Nacht.«

»Ich gehe weiter.«

»Es ist so dunkel.«

»Ich gehe weiter.«

»Ein gefährlicher Weg.«

»Ich gehe weiter.«

»Denke doch daran, daß man den Eigensinn bereuen muß!«

»Immer die gleichen Sprüchlein! Gute Nacht, du alte Grille!«

»Gute Nacht, Bengele, der Himmel schütze dich vor den Räubern!«

Der Geist des Lispel-Heimchens verschwand, der matte Lichtschein erlosch, und die Straße erschien dunkler wie zuvor.

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