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Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Carlo Collodi: Pinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorCarlo Collodi
titlePinocchio - Die Geschichte vom hölzernen Bengele
publisherHerder u. Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
printrunEinundzwanzigste bis vierundzwanzigste Auflage 46.-56. Tausend
editorAnton Grumann
year1925
translatorAnton Grumann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Stück.

Bengele erhält fünf Goldstücke. – Seine Freundschaft mit dem Fuchs und der Katze.

Am andern Morgen rief Feuerschlund den Bengele zu sich und fragte ihn:

»Wie heißt dein Vater?«

»Seppel!«

»Was treibt er für ein Handwerk?«

»Er ist arm.«

»Wieviel verdient er?«

»So viel, daß er nie einen Pfennig Geld in der Tasche hat! – Seinen einzigen Kittel hat er weggeben müssen, um mir ein ABC-Buch zu kaufen.«

»Der arme Mann tut mir leid! – Nimm hier diese fünf Goldstücke und bringe sie ihm mit einem Gruß von mir!«

Bengele dankte dem Direktor tausendmal; dann nahm er der Reihe nach Abschied von allen Geschwistern, auch von den Gendarmen, und machte sich auf den Weg nach Hause.

Er war noch keine fünf Minuten gegangen, da traf er auf der Straße einen hinkenden Fuchs und eine blinde Katze. Die beiden halfen einander durchs Leben. Der kranke Fuchs stützte sich beim Gehen auf die Katze und die blinde Katze hatte am Fuchse einen Führer.

»Guten Tag, Bengele!« grüßte der Fuchs mit feinem Anstand.

»Woher weißt du meinen Namen?«

»Ich kenne deinen Vater schon lange!«

»Wo hast du ihn gesehen?«

»Gestern unter der Haustüre.«

»Was machte er?«

»Er war hemdärmelig und zitterte vor Kälte.«

»Armer Vater! – Aber, so Gott will, sollst du von heute ab nicht mehr frieren!«

»Wieso?«

»Weil ich jetzt ein großer Herr geworden bin!«

»Du ein großer Herr!« sagte der Fuchs und verzog spöttisch das Gesicht. Die Katze lachte; aber weil sie es nicht merken lassen wollte, strich sie sich mit den Pfoten den Schnurrbart zurecht.

»Da ist gar nichts zu lachen«, brauste Bengele auf. »Ich mache euch nicht gern den Mund wässerig; aber da schaut her: sind das nicht fünf Goldstücke?«

Sprach's und schüttelte stolz sein Geld in der hohlen Hand.

Unwillkürlich stellte der Fuchs sein lahmes Bein fest auf den Boden und stand eine Weile darauf; die Katze riß ihre blinden Augen auf, daß sie funkelten wie zwei grüne Lichter. Aber gleich besann sie sich, machte die Augendeckel wieder zu und – der dumme Bengele merkte nichts.

»Und nun«, fragte der Fuchs, »was willst du mit dem Geld da anfangen?«

»Zu allererst«, versetzte unser Hampelchen, »lasse ich meinem guten Vater einen schönen neuen Kittel machen, ganz von Gold und Silber und mit Knöpfen von Edelsteinen, dann kaufe ich ein neues ABC-Buch für mich.«

»Für dich?!«

»Jawohl! Jetzt will ich in die Schule gehen und mich mit allem Eifer hinter die Bücher setzen.«

»Schau mich mal an«, sagte der Fuchs, »mit meinem einfältigen Eifer im Lernen habe ich ein Bein verloren.«

»Und ich erst!« bestätigte die Katze, »mit meinem einfältigen Eifer im Lernen habe ich das Augenlicht vollständig eingebüßt.«

Bei diesen Worten flog eine Amsel auf die Hecke neben der Straße, pfiff ihr Liedchen und sang:

»Traue nicht, lieb' Bengelein,
Diesen Kameraden!
Lahmer Fuchs und blinde Katz'
Wollen dir nur schaden.«

Das ehrliche Vögelein hätte besser getan zu schweigen. – Gleich tat die Katze einen hohen Sprung und faßte die Sängerin mit ihren scharfen Krallen. Die Unglückliche rief noch sterbend: »'s ist wahr!« Dann aber biß ihr die Katze die Kehle ab und fraß sie auf. – Ein Häufchen Federn war alles, was von der aufrichtigen Amsel übrig blieb. – Die hinterlistige Katze schloß die Augen wieder und spielte nach wie vor die Blinde.

»Die gute Amsel!« sagte Bengele; »so grausam hättest du doch nicht mit ihr verfahren sollen!«

»Ich mußte ihr eine Lehre geben«, meinte die gefühllose Mörderin; »die wird ein zweites Mal nicht mehr fremden Leuten in ihre Sachen hineinreden.«

Die drei waren indes schon ein gutes Stück weiter gegangen und nahe bei Bengeles Heimat angelangt. Da blieb der Fuchs plötzlich stehen und, als wäre ihm eben ein besonderer Gedanke gekommen, sagte er:

»Bengele, willst du nicht dein Geld vervielfältigen?«

»Was meinst du damit?«

»Willst du nicht aus deinen lumpigen fünf Goldstücken hundert, oder tausend, oder zweitausend machen?«

»Freilich! Aber wie?«

»Ganz einfach! Du gehst nicht nach Hause, sondern mit uns!«

»Wohin?«

»Aufs Wunderfeld!«

»Nein, nein! Das tue ich nicht! Ich gehe heim! Mein Vater wartet schon lange auf mich. Wie wird er gestern abend Angst gehabt haben, weil ich nicht zurückgekommen bin! – Ich war jetzt unartig genug. Lispel-Heimchen hatte recht. Den bösen Kindern geht es nicht gut auf der Welt. Ich habe es am eigenen Leib gespürt. Wie viel Unglück ist über mich gekommen! Nie vergesse ich den Schrecken bei dem Todesurteil des Direktors Feuerschlund! Brrrrrr! mir gruselt noch, wenn ich nur daran denke.«

»Also denn«, sagte der Fuchs, »geh nach Hause! Aber dein Glück hast du verscherzt!«

»Hast du verscherzt«, bekräftigte die Katze.

»Bedenke es wohl, Bengele, daß du das Glück geradezu fortjagst!«

»Fortjagst!« echote wieder die Katze.

»Deine fünf Goldstücke wären morgen ihrer zweitausend.«

»Zweitausend«, hinkte wieder die Katze nach.

»Wie ist das möglich?« fragte Bengele und stand da mit weit geöffnetem Munde.

»Gleich will ich es dir erklären«, versetzte der Fuchs. »Du gehst mit uns aufs Wunderfeld. Dort gräbst du ein kleines Loch in den Boden und legst – sagen wir einmal – ein Goldstück hinein. Dann schüttest du das Loch wieder zu, gießest einige Kannen Wasser drüber, streust Salz darauf und gehst ruhig zu Bett. Über Nacht treibt das Goldstück wie ein Samenkorn eine Pflanze; diese blüht und bringt Früchte. Am andern Morgen stehst du auf, gehst aufs Wunderfeld und – du traust deinen Augen nicht – da steht ein Bäumchen mit Goldstücken so reich beladen wie ein vollhängender Pflaumenbaum.«

»Wenn ich also auf dem Wunderfelde – Bengele war schon ganz von Sinnen – meine fünf Goldstücke einlege, wieviel habe ich dann am andern Morgen?«

»Keine leichtere Rechnung wie diese«, meinte der Fuchs. »Du kannst sie ohne Rechenmaschine an den Fingern lösen. Also! Du setzest fünf Goldstücke, sie geben fünf Bäumchen, jedes trägt zum wenigsten fünfhundert Goldpflaumen. – Fünfmal fünfhundert sind – zweitausend fünfhundert! – Am andern Morgen steckst du zweitausendfünfhundert Goldstücke in die Tasche.«

»Nein! Wie schön, wie schön!« rief Bengele aus und fing vor Freude an zu tanzen. – »Wenn ich die 2500 Goldstücke habe, behalte ich für mich nur 2000, die andern 500 will ich euch zweien schenken.«

»Uns brauchst du nichts zu schenken«, tat der Fuchs schier beleidigt, »Gott behüt' uns davor!«

»... Behüt' uns davor«, echote kopfschüttelnd die Katze.

»Wir arbeiten«, fuhr der Fuchs fort, »einzig für das allgemeine Wohl, wir wollen nur andere reich und glücklich machen.«

»... Glücklich machen«, ergänzte die Katze und nickte mit dem Kopfe.

»Sind das brave Leute!« dachte Bengele. – Er vergaß sofort seinen Vater, den neuen Kittel, das ABC-Buch und alle guten Vorsätze.

»Kommt!« sagte er zu seinen zwei neuen Freunden, »wir kehren sofort um und gehen aufs Wunderfeld!«

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