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Gutenberg > Anna Croissant-Rust >

Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nikolaus Nägele

Nikolaus Nägele war ein Lebenskünstler.

»Mer fallt mei' Butterbrod nit uff die letz' Seit'« pflegte er zu sagen, wenn er sich, mit dem Gemisch von Schlauheit, Frömmigkeit und leichtem Sinn, das nur er zu stand brachte, wieder einmal aus irgend einer Affaire gezogen hatte.

Seit dreißig Jahren war er in derselben Fabrik bedienstet, und sah genau so aus wie damals, wo er als beinah Dreißigjähriger eingetreten war. Derselbe krummbeinige, magere Kerl war er geblieben, mit den glatten, eingefetteten, schwarzen Haaren, die sich nach vorn zu einer Locke krümmten; rechts war sie größer und links kleiner, denn er trug einen schiefen Scheitel, was der an sich sanften und gottergebenen Frisur wieder den Stempel des Übermütigen und Unternehmenden, des Flotten und Eroberungslustigen gab.

152 Sein Gesicht war noch ebenso bartlos und peinlich rasiert wie damals und sah sanft und willig aus, stets in dieselben Falten gelegt, das heißt, wenn er die Augen nicht aufschlug, und das that er selten. Kamen aber die in ihrer zwinkrigen, lustigen Kleinheit unter den buschigen Brauen zum Vorschein, so wurde man fast verlegen vor dem Widerspruch der zwischen dem lächelnden, eingeölten Gesicht bestand und diesen kohlschwarzen, unruhigen Augen.

Stets ging er tadellos sauber und war der Schnitt seiner Kleider der der andern Arbeiter, so hatten sie durch irgend einen tric einen ungewohnten Schwung, und trug er dieselbe Mütze wie sie, so wußte er sie so zu rücken, daß sie bei aller Selbstverständlichkeit und bei allen Züchten schwach an's Verwegene grenzte. Wer ihm einen ersten gleichgiltigen Blick zuwarf, sah sich sicher nach einer Weile nochmals nach ihm um.

Die Schlampigkeit und Nachlässigkeit seiner Kameraden war ihm ein Dorn im Auge. Waren sie alle schwarz wie die Teufel, zerlumpt und kaum zu kennen bei der Arbeit, Nickla – so hieß er eigentlich für gewöhnlich auf gut pfälzisch – war 153 immer blank, immer adrett, die gepappten schwarzen Haare verrückten sich um keine Linie, die Locken blieben stets an der rechten Stelle, wie ein Phönix stieg er aus der Asche, einen Abglanz seiner frommen Zufriedenheit und Arbeitsamkeit um sich verbreitend. Dabei schien es, als schaffe er mehr wie die andern. Gab es eine Last zu heben, so griff Nickla am eifrigsten zu; er zog und schob und drückte, daß seine Backen blaurot wurden, daß er pustete und schnaufte und kaum Atem kriegen konnte; dabei fand er aber unter Pusten und Schnaufen immer noch Zeit, die andern anzufeuern, und hatte eine Macht der Rede und eine zwingende Gewalt der Ausrufe, daß die Sache wirklich vorwärts ging, wenn er dabei war.

»Er holt sich freilich keen Bruch, des überloßt er uns,« sagten erstaunlicher Weise die andern, die Mißgünstigen, Scheelen, die in ihren engen Seelen Nicklas Lebenskünstlertum nicht begriffen.

Wagte es aber einmal einer, es ihm unter Murren verstehen zu geben, das sei keine Kunst, so wie er's treibe, schaute er ihn nur mit zwinkrigen Augen an, von denen das eine gar possierlich zuckte, und sagte gelassen: »Ei, machen's nooch,« da ging der 154 Neidbold gewöhnlich knurrend von dannen. Zu seiner Höhe hob sich keiner.

Setzte er sich mit der ihm natürlichen ergebenen Würde über gelegentliche Sticheleien der Kameraden hinweg, so hatte er einen, wenn auch wortkargen Widersacher, der ihm eine lange Zeit gehörig zusetzte, und sogar von seiner stets bereiten Milde nahm.

Der andere beanspruchte im vorhinein schon größere Beachtung, weil er, angeblich geboren als natürlicher Sohn eines höheren adligen Offiziers, sich mit dem Zauber seiner diskreten Geburt umgab und in abgebrochenen Reden von dem »schweren Gehoimnis« seiner Abkunft sprach.

Er war ein Kerl wie ein Gorilla, wüst, zottig, voller Fetzen und Lumpen, mit einem erschrecklichen Gebiß, das blendend weiß und mit tadellosen Zähnen aus seinem stets schwarzen Gesicht hervorstach, seine Arme waren viel zu lang und seine Füße platt, aber arbeiten konnte er für zwei. Daß er vor einiger Zeit der Tochter Nägeles Aufmerksamkeit geschenkt hatte, hatte diesen – in christlichen Grenzen natürlich – in die erste Wut gebracht. Wie konnte dieser verlumpte, verdreckte, verlotterte Kerl es wagen, 155 nach einem anständigen »Mädche« auszuschauen? Er, der in seinen Zotteln und Lumpen, in seinem Ruß und Dreck, baarfüßig und ungekämmt aus der Fabrik ging, dessen Haut niemals Seife sah, der Wasser mied wie Feuer, der Sonntags im Bette lag, weil er keinen Fetzen ordentlicher Kleider hatte?

Es schwindelte einen förmlich, wenn man daran dachte – wie konnte er?

Das Mädchen selbst sah gleich allen andern die Geschichte als einen gelungenen Scherz an, der sie auch war. Man durfte nur die wie aus einem Ei geschälte Blondine sehen, deren Haut wie poliert glänzte, weiß wie Milch und rot wie Blut, und dieses wüste, ungeschlachte, verkrustete Untier dazu!

Aber Nickla sah nur die Ungeheuerlichkeit der Sache und nicht den Humor.

War ihm der Gorilla, Winkler genannt, schon lang seines Schmutzes und seiner Überhebung halber verhaßt, so wuchs seit der Nachstellung seine verborgene Wut in's Ungeheure, und eines Morgens rannte er, allen christlichen Eigenschaften zum Trotz, mit einer langen glühenden Eisenstange auf den 156 hartnäckigen Verehrer los, der, still versenkt, dastand, mit allen zehn Fingern wollüstig in seinem vor Schmutz und Staub starren Haarwald wühlend.

»Worm' ich mach Dich hin! Ich haag Dich, as De de Erzborrem suchscht!« schrie er.

Doch als das lange, breitspurige, grinsende Ungetüm sich plötzlich umwendete, warf er blitzschnell, und ohne einen weiteren Laut von sich zu geben, die Eisenstange auf den Boden und lief mit seinen kurzen, krummen Beinchen so schnell er es vermochte aus der Nähe des lachenden und brüllenden Riesen.

Draußen stand Nickla keuchend still. Er war noch ganz fahl vor Wut und Angst, seine Rosenwänglein waren erblichen.

»Desmol hätt' mich ball der Deiwel gepackt! Ich dank unserm Herrgott, daß ich die Versuchung glücklich überstanne hab! Isch bin als Siescher hervorgegange! 's is freilich Chrischtepflicht, aber ich bin doch stolz druff.«

Das waren so ungefähr seine Reden den Kameraden gegenüber.

Von nun an machte er aber einen weiten Bogen 157 um den Sprößling aus altadliger Familie, so oft es ging, um »nicht in Versuchung geführt zu werden.«

»'sch beacht'n nit,« erklärte er in einem Ton, der sich mild und christlich anhörte, doch in der Tiefe für Kenner Tücken barg. Und wirklich, nach einiger Zeit wurde der zottige Gorilla ganz plötzlich entlassen, nicht, ohne daß diese plötzliche Entlassung mit einigen Besuchen Nickla's im Hause des Direktors – natürlich im Düster! – in Verbindung gebracht worden wäre.

Nickla triumphierte laut und ohne Arg, daß der Zottige in seinem weiteren Leben eine nicht gerade unwichtige Rolle zu spielen berufen war.

Der Gorilla fand, dank seiner riesigen Arbeitskraft, sofort wieder Anstellung in einer Seifenfabrik, welch guten Witz des Schicksals Nickla mit seinem schönsten Grinsen begleitete.

Und er grinste erst recht, als der Riese infolge eines Branntweinrausches, den er sich anzuthun gewohnt war, in den heißen Seifenkessel stürzte. Während alle andern den Verletzten bedauerten, kicherte er rückhaltslos und triumphierend: »Jetz is er zum erschte Mol in seim Lewe gewäsche worre.« Als sich die Verletzungen Winklers als nicht lebensgefährlich 158 erwiesen, wurde er nachdenklich und rieb sich die Nase: »Hm – wann der jetzt die dick' Kruscht nit uff'm Leib gehabt hätt', wär er hin.«

Die Kollegen zogen gleich eine Nutzanwendung für ihn daraus und uzten ihn erst recht mit seiner »Wäscherei«.

»Ich geh doch mei Lewe in keen Seefefabrik! Ich hab's doch nit nötig!« wehrte er sie ab, und das Waschen im gemeinsamen Raum und das Kämmen vor dem kleinen Spiegel wurde eher ärger.

»Er zählt sein Hoor, und giebt jedem sein' rechte' Platz, daß se nit streiten« sagten sie von ihm.

Er war stets der Letzte, der vom Spiegel weg, und der Letzte, der aus der Fabrik kam; er hatte allerdings auch sonst noch einige Gründe, niemanden hinter sich zu wünschen, was in die Rubrik seiner Passionen fällt.

In jungen Jahren hatte Nickla eine böse Sieben geheiratet, die ihm zu Hause gehörig einheizte. Aber auch hier bewies sich sein Lebenskünstlertum, und auch hier kam er nicht zu der Auffassung, daß ihm das Butterbrod »uff die letz' Seit'« gefallen wäre.

159 »Des is die Straf', weil ich früher so viel Mädcher ang'führt hab, ich büß die Sünd jetz uff der Erd, ich krieg herunne schunn alles vum Herrgott verziehe, und derf ohne alle Umständ in de Himmel.« So gestand er mit edlem Freimut seine Fehler und wendete alles für sich zum Besten.

Es ging freilich die Sage, daß er seiner Frömmigkeit, auch seiner Unansehnlichkeit zum Trotz ein rechter Mädchenjäger gewesen sei, und hie und da, wenn er der Versuchung des Schnapses unterlegen war – denn dagegen war er durchaus nicht gefeit –, kamen sehr merkwürdige und garnicht fromme Geschichten von jener Zeit aus seinem Munde. Aber er machte die Augen beim Erzählen zu und murmelte am andern Tage etwas vom »Deiwel«, dem auch der Stärkste unterliege.

Ob sich das auf den Schnaps oder seine Reden, oder die Mädchen bezog, drückte er nicht des Genaueren aus. Doch stand fest, daß der Herr ihn in Bezug auf Schnaps und lose Reden recht oft prüfte, und auch die »Mädcher« sollten ihn in seinem mehr denn fünfzigjährigen Leben noch in's Wanken bringen, wenn er auch da zu allerletzt 160 als »Siescher«, obgleich mit einem reichlich blauen Auge, davon kam.

Der Tod seiner wortreichen und nicht gerade holdseligen besseren Hälfte erschütterte ihn nicht mehr als es anständig war. Er erschien, nachdem sie begraben, mit einer sehr feierlichen Miene zur Arbeit, doch schon mittags hänselte ihn einer: »Guck! mit ehm (einem) Aag' lacht er, mit'm annere greint er.«

»Warum soll ich nit greine?« erwiderte er, durchaus nicht ohne Würde, »des muß mer, des is Chrischtepflicht, und warum soll ich nit lache? Sie hot's überstanne, und ich denk, sie werd aa fertig mit unserm Herrgott.«

Sonst machte sich gar keine Änderung in seiner Lebensweise bemerkbar, vorerst. Er kam als Wittwer ebenso sauber und gebürstet, ebenso rasiert und frisiert daher, wie vorher, also war er nicht kraft ihres Einflusses so gediehen. Er legte sich keine neuen Leidenschaften bei, und blieb den alten getreu.

Er hatte deren nämlich drei. Nicht die gelegentliche, halbverschämte Liebe zum Schnaps meine ich, das waren mehr sporadische Versuchungen, sondern 161 die für den Kautaback, für einsame Spaziergänge, und für den in »Klingendes« umgesetzten Fleiß.

Mit dem Kautaback war es nun so eine Sache. Er schnupfte nicht und rauchte nicht, aber der »Schick« war ihm unentbehrlich, und das Röllchen, das ihm jederzeit im Mund lag, hatte seinen glattrasierten rosigen Wänglein rechterseits eine sanfte Erhebung gegeben, die auch verblieb, wenn er – was höchstens im Schlaf geschah – einmal ohne »Prim« war. Der Kautaback war ihm nicht nur ein wichtiges Anregungsmittel, sondern er half ihm über viele, ihm nutzlos erscheinende Stunden in den Arbeitspausen weg.

Er hatte es nämlich im Ausspucken des braunen, beizenden Saftes zu einer fast unheimlichen Virtuosität gebracht, wo immer man eine Stelle bezeichnete, wohin man immer wollte, dahin »sporzte« er mit unfehlbarer Sicherheit, um keine Linie weiter rechts, um keine links, um keine zu nah, um keine zu weit. Oft stand ein ganzer Kreis Zuschauer um den Künstler, schrie und gestikulierte, trieb ihn an, erhitzte sich, wettete, stritt – Nickla blieb unerschütterlich.

Die kleinen, krummen Beine gespreizt, die Hände 162 in die Hüften gestemmt, den sanften Kopf etwas geneigt, so übte Nickla seine Kunst mit der Nachlässigkeit aus, wie es große Künstler thun, die es nur »der Sache« halber thun.

Zwar, er hatte Nachahmer gefunden, Rivalen, besonders unter den Jüngern. Doch sie unterlagen alle, alle, denn Nickla war der geborene Künstler.

»'s is ä Kunscht unn koscht nix« damit köderte er die Jungen, denn er liebte Gegner, schon der Wetten halber, die nicht in's Blaue hinein, sondern mit realem Untergrund gemacht wurden, und die der Sache eine eigene Weihe und einen ganz intimen Reiz verliehen.

Die zweite seiner Leidenschaften war so geartet, daß sie zu Zeiten schlief oder schlummerte, und sich nur einzustellen pflegte, wenn die Natur sich dem Herbst zuneigte, und der Segen des Obstes an den Bäumen und des Gemüses in Feld und Garten das Herz des Naturfreundes erheben. Und Nickla war ein Naturfreund.

Eine eigene Unruhe ergriff ihn dann, besonders zur Zeit der Dämmerung, und trieb ihn hinaus, und er ward ruhig draußen und erbaute sich. Reich an Ausbeute für sein Gemüt, kehrte er allabendlich, 163 – wenn es nicht nächtlich wurde – heim. Auch zur Mittagszeit, wenn die Arbeit ruhte, war der Weg an den Gärten des Direktors hin eine Quelle seinen Genusses und stiller Versenkung für ihn.

Er hatte nicht gern Kameraden bei Befriedigung dieser Leidenschaft, die ja auch viel zarterer, subtilerer Natur war wie die erste und kaum von einem andern in all ihren Feinheiten gewürdigt worden wäre.

»Der Mensch braucht als Sammlung«, oder »ich muß mit moim Gott alleen drauß redde«, damit hielt er sich manchen Zudringlichen und Verständnislosen vom Hals. Zudem tranken oder schliefen die andern lieber in den Mittagsstunden. Dann lag auch das Haus des Direktors mit geschlossenen Läden und Nikla war mit seinem Gott »allein«.

Mit Innigkeit ruhten seine Augen auf den sammtnen Pfirsichen, den gelben Birnen und roten Äpfeln, die über die Einfriedigung hingen.

Sein Herz erquickte sich an den dunklen Häuptern des Blaukrauts und den zarten Rosen des Blumenkohls, fein wie Korallen, die der kundige Gärtner aus dem Feld gezogen. Manchmal überwältigte ihn die Freude des Kenners so, daß er nicht 164 widerstehen konnte, und das eine oder andere Prachtexemplar auch auf der untern Seite zu betrachten förmlich gezwungen war, wenn es nicht anders ging sogar mit Hilfe eines Messers.

Einmal kam es vor, daß ihn der Direktor in seiner Andacht und einsamen Bewunderung störte.

Er hatte gerade einen rotbackigen Apfel in der Hand, der schon aller Bewunderung wert war. Es hingen deren mehrere über die Planken des Gartens, und die Augen des Direktors wanderten von dem Apfel in Niklas Hand zu dem Baum im eigenen Garten.

Nikla aber blickte treuherzig zu ihm auf, so treuherzig, als es seine schwarzen Zwinkeraugen gestatteten, und die Heiterkeit seiner Seele leuchtete aus seinem tadellos gewaschenen und rasierten Angesicht.

»Isch bin so oin großer Naturfreund, Herr Derekter, und es macht mir so ein Pläsir, wie Ehr Garde gedeiht, daß ich'n als angucke geh!«

»So?« – Hm! Aber, wie kommt denn der Apfel in Ihre Hand?«

»Wie? Meiner Seel! des weeß ich selber nit. 165 Ich hab'n als angeguckt, und uff ämol hab ich'n in der Hand.«

Der Direktor mußte lachen:

»Na, behalten Sie also den merkwürdigen Apfel.«

»Do bewahr mich Gott devor, des is Ehr Appel. Ich bin doch koin Dieb, isch bin ä Naturfreind.«

Und mit einer Miene, die nicht frei war von einem leisen und sanften Vorwurf, reichte er die Frucht ihrem Eigentümer.

Die folgenden Tage zeigte er keine rechte Lust, in der Umgebung des Fabrikgartens seiner Naturleidenschaft zu fröhnen, auch behaupteten die Kameraden, daß an diesen Tagen Nicklas Rock ohne den lieblichen Schwung gewesen sei, durch den er sich stets auszeichnete, wenn er von der Fabrik zu Herbsteszeiten heimwärts ging.

Die dritte seiner Leidenschaften hielt er am geheimsten, und die Mitarbeiter hatten nicht oft Gelegenheit sie zu beobachten. Die Rohen und Unverständigen hießen sie Geiz, obwohl Nickla durchaus so redete, als achte er Geld gering und als sei es eines Christen unwürdig, allzugroßen Wert auf den Mammon zu legen. Allerdings bei den Wetten kam hie und da etwas zum Vorschein, was die 166 Unverständigen nicht gerade Lügen strafte. Hatte er einmal verloren, was allerdings sehr selten geschah, so fand er stets in aller Milde und Bestimmtheit einen Ausweg, das Zahlen umgehen zu können; und bei Unglücksfällen, oder ähnlichen Gelegenheiten, bei denen die Andern gern ein Weniges gaben, riß er gewöhnlich mit hastiger Bereitwilligkeit seinen Geldbeutel aus der Tasche, um ihn dann schamrot und stotternd als leer vorzuweisen.

»Die Fraa, die Fraa!« hatte er dann früher wohl bedeutungsvoll geseufzt, ohne in zarter Rücksicht mehr zu verraten. Als die Frau tot war, veränderte sich wohl der Ausruf in einen kläglichen, resignierten: »Des Mädche werd die zwett Alt'.«

Aber die blonde, rosige, frische Tochter, die gar nicht aussah, als ließe sie sich und andern etwas abgehn, dementierte ihn nicht nur, sondern klagte ihn laut des schmählichsten Geizes an und verriet sogar in ihrem Zorn, daß er schon Jahre lang einen schweren Beutel auf der Brust trage, den er ängstlich hüte und dem er nie Geld entnehme.

Wirklich hatten die Andern oft gesehen, daß er 167 etwas an einer Schnur um den Hals trug, und ihn damit geneckt.

»Des is mei' Amulet« wies er ihre Neckereien zurück, berührte und küßte auch wohl andächtig das auf seiner Brust hängende heilige Säckchen.

Seit die Tochter das Geheimnis des Amulets verraten, ward die Schnur, oder noch mehr der Gegenstand, der an der Schnur hing, das Ziel der eifrigsten Aufmerksamkeit seiner Kameraden.

Eines Mittags im Sommer, als Nickla in tiefem Schlummer auf der Bank des gemeinsamen Zimmers lag, ward ihm sogar Schnur und Säckchen gestohlen. Der Bestohlene erhob als Lebenskünstler, Christ und Weiser kein Zetergeschrei, wie sie wohl alle erwartet hatten, sondern sagte nur leise tadelnd: »Dene is aach nix heilig« und dann noch »es is ihm gegunnt.«

Nachforschungen, um den Thäter zu entdecken, stellte er nicht an, schwieg sich auch über die ganze Sache gründlich aus. Einmal aber, als ihn der Schnapsteufel wieder gepackt hatte, gab er die Historie des Amulets zum Besten. Er hatte natürlich Lunte gerochen, der vermehrten Aufmerksamkeit halber, der sich Schnur und Beutel 168 in der letzten Zeit zu erfreuen hatten, und war, in Anbetracht dessen, daß man keinen Menschen in Versuchung führen solle, aus den Gedanken gekommen, das Anhängsel mit Sand zu füllen; und darauf war nun richtig einer hereingefallen. Das fand er so über alle Maßen gut, daß er sich einer lauten und leider fast ungeziemlichen Fröhlichkeit überließ, schrie und lachte und Lieder sang, die ganz und gar nichts mit Kirchenliedern gemein hatten. Dann kam eine etwas wehmütigere Note. Er kramte alte Erlebnisse aus, und ließ zuletzt nicht ohne Schalkheit durchblicken, daß er auch jetzt noch als Wittwer auf »so was« hoffe, – auf diese Stufe brachte den Unerschütterlichen der Alkohol. Plötzlich wurde er aber wieder ganz nüchtern und sprach »soin« Hochdeutsch, was immer eine Flucht der bösen Mächte anzeigte.

Er erhob sich und sah sich im Kreise um: »Deßwegen bloib isch doch der Nägele.«

Was er unter diesen tiefsinnigen Worten verstand, war unschwer zu erraten, wenn man ihn würdig, streng und doch nicht ohne christliche Milde, gepaart mit einer gewissen Unsicherheit zur Thüre hinausgehn sah.

169 Ein paar Junge fingen laut zu lachen an, da drehte er sich um: »Ja, der Nikolaus Nägele. Isch hab' alle laute Buchstabe vum Alphabet in moinem Namen a, e, i, o, u, – des soll noch Oiner nachmachen! Und wann isch was gethan hab' und will's nischt soin, so hat's der N. N. gethan, verstehen, der N. N.! Nikolaus Nägele, zwoi N.!« und damit verschwand er nicht ohne Größe und Überlegenheit. –

Die Fabrik lag weit außerhalb der Stadt, und die Beschaffung der täglichen Lebensbedürfnisse war etwas kompliziert. Allabendlich mußte einer der Arbeiter im Haus des Direktors antreten, sich einen großen Korb ausliefern lassen und einen großen Zettel dazu, auf dem in großen Buchstaben der Bedarf des nächsten Tages aufgeschrieben stand. Die Frau Direktor nannte in richtiger Würdigung der Sachlage den Zettel »das Problem«, und es kostete gar manchen Tropfen Schweißes, bis alles wirklich in Verständnis, vom Verständnis in That umgesetzt, und wirklich abgeliefert war.

Es gab immer Meinungsverschiedenheiten zwischen dem, was die gnädige Frau gewollt, das »Fräulein« 170 Köchin interpretiert und das ausführende Organ kapiert hatte. Die Zettel mit den an und für sich untrüglichen Zeichen erwiesen sich sehr oft als trügerisch, und die Einigkeit zwischen der Gnädigen, der interpretierenden Fee und dem herbeischleppenden Kuli war manchmal empfindlich gestört. Eine gewisse Wirkung war dann auch in der Behandlung zu spüren, die der Direktor dem nicht tadellosen Knecht angedeihen ließ.

Nickla hatte sich bis jetzt dem Kuli-Ehrenposten in Demut zu entziehen gewußt, er wollte nicht »ausgezeichnet« werden. Hie und da murmelte er auch wohl etwas wie: daß es eigentlich eines Mannes nicht würdig sei, einen Korb zu »schleife«, aber nur dann, wenn es ihn giftete, daß die Gunst an einen allzu Unwürdigen gekommen war.

So hell war Nickla wohl einzusehn, daß ein ordentliches Funktionieren als Zuträger durchaus nicht von Nachteil für den Erkorenen sein konnte, und er hatte oft – sogar mit sanftem Ingrimm – bemerkt, daß nicht nur der Korb, sondern auch die Tasche des Trägers nicht leer war.

Aber, aber! Nikolaus Nägele hielt vor allem auf seine Würde, und nicht einmal die Sehnsucht 171 brachte ihn dazu einzugestehn, daß er dem »Problem« nicht gewachsen war.

In der Achtung seiner Mitarbeiter, die in ihm den hohen Geist erkannten, durfte er nicht fallen.

So gut Nickla sonst alles zu drehen und zu wenden wußte, das sah er ein, mit den Buchstaben ging's nicht ebenso. Die Wissenschaft des Lesens und Schreibens war ihm verschlossen geblieben, und das durften seine Kollegen, und durfte noch weniger der Direktor, oder gar eines der Dienstmädchen wissen. Dreißig Jahre war er allem klug und kühn aus dem Weg gegangen, und nun ereilte ihn das Unheil doch noch. Er wurde in die Küche befohlen, er sah sich dem gefürchteten Korb und dem noch mehr gefürchteten Problem und der am meisten gefürchteten lachbereiten Küchenfee gegenüber.

Aber auch hier fiel ihm das Butterbrod »nit uff die letz' Seit«. Er hatte kaum die neuengagierte Donna, die ihm Korb und Problem übergeben sollte, inspiziert, als eine sanfte Fröhlichkeit in ihm zu erstehn begann. Mit dem »Mädche« war etwas zu machen, er hätte nicht der gewiegte Weiberkenner von anno dazumal sein müssen, der sich auch jetzt die Augen noch nicht verband und seine Erfahrungen nicht in die 172 Winde streute. Augenscheinlich aus sehr ländlichen Gegenden direkt importiert, nach Wuchs, Anzug und Gebahren zu schließen, stand sie der ganzen Situation selbst hülflos gegenüber und sah ihn mit all der unbeholfenen Treuherzigkeit an, deren sich Landmädchen in größeren Städten im Anfang ihrer Laufbahn mit Erfolg bedienen. Die Verschmitztheit saß allerdings ganz verborgen in der Ecke ihrer anjetzt ratlosen Augen, und der breite Mund, der sich zu einem blöden Lachen verzog, sah aus, wie wenn er derben Spott nicht ungewohnt wäre.

Nickla's Besuch in der Küche dauerte etliche Zeit, so lang, bis sie das Problem ein paarmal verlesen – er hatte natürlich seine Brille vergessen! – und er sie zum ersten heimlichen Kichern gebracht hatte. Stolz verließ er die Hallen, die er so kleinmütig betreten, auch hier würde er mit Gottes Hilfe als »Siescher« hervorgehn. Die dralle Donna mit den vielversprechenden Hüften hatte sich in sein Gemüt geschmeichelt, und so schön die Sache begonnen, so schön setzte sie sich fort. Nikolaus ließ sich den Korb nicht mehr 173 entreißen, wie ein Löwe wachte er darüber, ihm war er geworden und ihm blieb er.

Die Verlesung des »Problems« war immer der Anfang und das Kichern das Ende der abendlichen Visite, nur daß die Vorlesung sich mehr und mehr verkürzte und das Kichern sich mehr und mehr verlängerte.

Nickla wurde jünger unter den neuen Pflichten, obwohl er nicht an Würde verlor. Nur seiner Lebensweisheit und Christlichkeit legte er einige Zügel an, und seine Jugendlichkeit – sie war sonst nur wie ein seltenes Glanzlicht auf seinen übrigen gediegenen Farben erschienen – leuchtete nunmehr stärker und stärker. Schon behaupteten Etliche, ihn in der Nähe der Fabrik lustwandelnd getroffen zu haben, nicht im Bannkreis der Gärten und Felder, sondern in dem des stillen Lichtes, das aus der Küche strahlte. Und eines Sonntags, als die letzten Astern blühten und die Fiedeln auf den Dörfern zur fröhlichen Kirchweih jubilierten, erwartete Nickla an einem Kreuzweg mit seiner jugendlichsten Miene ein Mädchen, das ihm mit blankgescheuerten Backen und durchaus nicht karg eingefetteten Haaren entgegenkam. Er trug einen 174 Anzug freudiger Farbe und eine sehnend blaue Cravatte, sie ein Kleid, von dem man bestimmt behaupten konnte, daß es grün war, und das über Brust und Hüften zum Platzen spannte.

Sie war blaurot vor Eile, Erwartung und vom Spätherbstwind, er dagegen rosig wie immer und sah aus wie ein Jüngling, wissend zwar und darum etwas gemäßigt in der Freude. Auf dem Tanzboden allerdings veränderte sich das Bild insofern, daß zwar sie nicht blauroter wurde, sondern ihrer Farbe getreu blieb, trotz allen Freudenschweißes, der darüber rann (was man von ihrem grünen Kleid nicht sagen konnte), er aber vor Anstrengung bald gelb und bald puterrot wurde. Schon lange hatte er sich nicht mehr in diese strapaziösen Selbstverständlichkeiten der Jugend gestürzt, und nun ging's ihm schlecht. Die schön gepappten Locken revoltierten, die sehnsüchtige Cravatte verschob sich, das Hemd verlor die Steife, Nickla war bald in Verzweiflung und Schweiß aufgelöst.

Und sie stampfte unermüdlich weiter, freilich blies und schnaubte sie dabei, aber es ging immerzu, immerzu, und er hätte um keinen Preis der Welt den Nimbus seiner Jugendlichkeit darangegeben.

175 Endlich schwiegen Baß und Violine, in einem dicken Qualm von Rauch und Staub taumelte Nickla, einem Schlag nah, zurück, und fiel, mit den übermäßig angestrengten Beinchen vor Erregung zappelnd, auf eine Bank.

Ihre blauroten Backen, der dunstige Saal, die auf- und abwandelnden Paare, die dürren Baumäste vor den staubblinden Scheiben, alles kreiste rundum. Er mußte sich mit beiden Händen festhalten und natürlich hielt er sich an ihr. Diesen Zärtlichkeitsbeweis vergalt sie ihm mit einem Klapps zwischen die Schulterblätter, daß ihm der Atem ausging, und mit Kredenzen eines großen Glases Wein, das sie statt seiner bestellt.

Und er trank, trank, trank, und sie trank, trank, trank. Wie Feuer schoß es ihm durch die Adern, die Pulse hämmerten, und die Beine rührten sich von selbst im Takt, als die Musik wieder begann.

Holla! Platz da für die Seine!

Er war doch der reichste Kerl und hatte den schönsten Schatz, Platz da! Und er riß sie in den ärgsten Trubel. Wein und Tanz und Wein und Tanz und »das Mädche«.

Nickla fühlte sich wie von einer mächtigen Schraube hoch, hoch, immer höher geschnellt. Es war herrlich dies Aufwärtssausen, dann schleuderte es ihn freilich zurück, und er hatte dabei das Gefühl, als werde sein Schädel mit aller Wucht angeschlagen. Dann kam wieder dies herrliche Aufwärtssausen, aber es wurde schneller, schneller, immer schneller, taumelnd erreichte er gerade noch einen Stuhl und nun saß er wie ein an die Wand geschleuderter Hund in einer Ecke und konnte kein Glied mehr rühren und sie – husch! war sie fort, eh er nur halbwegs zur Besinnung kam.

Nickla saß steif da und hatte nichts zu thun, als auf die Purzelbäume aufzupassen, die in seinem Kopf geschlagen wurden. Immer trat einer mit schweren, nägelbeschlagenen Schuhen gegen seine innere Stirnwand: wwum! – wwum! da stand der Kerl in seinem Kopf und zog ihn fast vornüber, mit solchem Getös sprang er auf die Füße.

Plötzlich riß Nikla seine kleinen Augen weit auf, sprang in die Höhe, stürzte vorwärts – dort –! dort!

Winkler, der Baron, der Gorilla!

Winkler lachend und schwätzend, Winkler 177 gewaschen, wenigstens so weit das Gesicht aus Haar und Kragen schaute, Winkler wieder gesund, mit einem neuen hellen Anzug, Winkler mit unermüdlichen Tanzbeinen, und er tanzte mit ihr! Aus war's auf einmal mit den Purzelbäumen da drinnen, es pickte nur mehr wie eine Anzahl Vögel mit spitzen, harten Schnäbeln an sein Hirn – er raste unter die Tanzenden, er riß sie von ihm weg, und sie protestierte nur schwach: »Awer ich will doch danze!«

»Mit dem sollscht Du nit danze!« brüllte er.

»Nit? Ach! unn isch kenn 'n schunn so lang!«

»Wuher?« keuchte Nickla.

»Ei, er is doch bei mer deheem!«

Nickla packte, sinnlos vor Wut, die grüne Donna und zerrte sie hinter sich her; plötzlich drehte er sich um und schrie sie an:

»Muscht Du mit dem danze?«

»Ei i nee, danz norre Du mit m'r.«

Und der Blick aus ihren fettumrandeten Schlitzaugen troff so von Liebe, daß Nickla sein ganzes Glas auf ihr Wohl leerte, und nun gings wieder los, Tanzen, Wein und Küsse, Küsse, Schnaps und Tanz, bis er steif wie ein Stock auf den 178 großen Leiterwagen fiel, der sie abends heimbringen sollte. Sie saß an seiner Seite, halb auf seinem Schoß hockend, flüsterte sie ihm zu, und er lallte entgegen, tappte unsicher nach ihren prallen Armen, nach ihrer Brust. Trunken vor Wein und Liebe fühlte er in verschwommener Seligkeit ihre Hände, die ihm über Rücken und Hals strichen, hörte ihre Stimme, kaum mehr im Stand Antwort zu geben.

»Bischt Du moin Schatz?« flüsterte sie.

»Isch bin's!« stotterte er.

»Hoscht mich aa gern?« sprach sie wieder.

»Kann Dich aa gern hawwe!« sagte er.

»Thuscht Du mich heirate?«

»Kann Dich aa heirate!« Nickla wieder.

»G'hört alles moin, was Du hoscht?«

»Alles!« lallte er und dabei fühlte er ihre Finger an seinem Hals kribbeln. Sein Kopf sank auf ihre Schulter, alles verschwamm, nur einmal war's ihm, als höre er dicht daneben die Stimme Winklers, halb von Lachen erstickt »Hoschts?«

* * *

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