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Gutenberg > Anna Croissant-Rust >

Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als Franzens Mutter von ihrer Reise zurückkehrte, war sie ganz und gar nicht damit einverstanden, daß ihr Mann in seinem Leichtsinn Pimpernellche hatte ziehen lassen. Besonders lag ihr die Moral der Familie Heß am Herzen, als deren festeste Säule sie Pimpernellche eingeschätzt hatte. »Jetzt gehts drunner und driwwer« sagte sie prophetisch zu Franz.

114 Franz pflichtete schüchtern bei. Er widersprach ihr nicht gern. Wenn die hagere, knochige Frau ihre Haubenbänder löste, die Brille abnahm, zusammenlegte und mit der also zusammengelegten Brille nachdrücklichst in die linke Hand schlug, war er immer ihrer Meinung. Auch der Vater ließ sich dann gern seine Ansicht korrigieren, Streit und Auseinandersetzungen waren nicht seine Schwärmerei.

Lieber saß er bei lustigen Brüdern und ging seinen Vergnügungen nach, zu Haus mochte er nicht sein. Man munkelte so manches über ihn, aber die Leute nahmens ihm weiter nicht übel, weil er ein gutmütiger, hilfsbereiter Mann war, und weil sie seine Frau nicht leiden konnten. Die Frau mutmaßte wohl allerlei, konnte ihn aber nie recht packen; im Sohn fand sie ähnliche Anlagen, darum hielt sie ihn so streng, und darum erschien ihr sein Verkehr »ins Hesse« als sein Verderben, und schon lang arbeitete sie dagegen.

Aber darin war Franz wie der Vater, er ließ sie reden, machte sein nachgiebigstes Gesicht dazu und that nach wie vor was er wollte. All ihre Auslassungen über »'s Hesse«, über die Faulenzerin 115 von Mutter, die Tagdiebe von Buwe, den Unband von Sannchen hörte er, Zustimmung nickend, an, aber er klebte dort wie Pech. Wenn sie erst eine Ahnung von der eigentlichen Ursache seiner hartnäckigen Besuche gehabt hätte!

Denn was sie im Grund von Sannchen hielt, kam heraus, als sie von ihren Thaten hörte. Da mußte auch ein feines Glöcklein mehr von Franz geläutet haben, als ihm lieb war. Ihre Verachtung für Sannchen kannte keine Grenzen und ihre Schimpfereien über seine dicke Freundschaft wuchsen ins Ungeheure.

Alle waren sie nichtsnutzig, alle, und Sannchen »des geht unner« sagte sie ein über das andere Mal, »des geht unner«, und sie freute sich förmlich jetzt schon auf den Untergang.

Nur daß sie diesmal bei Franz schief ankam. Er machte eines Tages, ganz unerwartet, unterstützt von dem Vater einen ganz gewaltigen Krach und entsetzte sie definitiv ihrer Herrschaft. Er ließ sich nichts mehr sagen, er widersprach, er verteidigte »'s Hesse«! Sie atmete auf, als die ganze Familie nach München verschwand. Nur weit, möglichst weit weg!

116 Aber siehe da, als Franz den Einwilligen an den Nagel gehängt hatte, zog auch er fröhlichen Herzens nach München, anstatt nach Heidelberg, wie es bestimmt war, und sie erfuhrs erst, als er schon an der Isar festsaß. Das gab natürlich ein Lamento ohnegleichen, und Tage und Wochen ging sie nicht von dem einen Thema ab, nur ändern konnte sie nichts mehr. Der Alte drehte sich um, wenn sie anfing, und der Junge lachte sie aus, als er nach dem ersten Semester angerückt kam.

Ein flotter Student, in der That, wenn auch etwas korpulent, nur daß er dies fatale, listige Lachen an sich hatte! Er »grunzt«, nannten sie's in der Verbindung, wo sie ihn in seiner Gutmütigkeit, die ein klein wenig heimtückisch sein konnte, schon eher zu nehmen wußten, als die eigene Mutter.

Gerade sein lächelndes Verschweigen und sein gutmütiger Eigensinn ärgerten sie am meisten. Ob ihm wohl einfiel, je von der Familie Heß zu erzählen? Er mußte doch sehen, wie sie darauf brannte etwas von ihnen zu erfahren. Endlich konnte sie's nicht mehr aushalten und platzte los: »Gell, des Sannche geht unner?«

117 »Oh sehr im Geigendeel«, erwiderte er echt studentisch, »es schwimmt lustig owedruff,« mehr war nicht aus ihm herauszubringen, er lächelte nur.

So blieb es ein paar Jahre und sie mußte allen Ärger verschlucken. Kam sie zu ihrem Mann, so murmelte er etwas von Lappalien, doch merkte sie, daß er oft mit dem Sohn lange und heftige Auseinandersetzungen hatte. Auch fing der Vater zum erstenmal in seinem Leben an vom Sparen zu reden und trug sich sogar mit Bauplänen.

Der Sohn ließ sich selten im Elternhause sehen, sie fing schon an ihn für einen ungeratenen Sohn zu halten, zumal er nie von irgend einem Examen sprach, geschweige denn eins machte.

Doch plötzlich begann er einer dicken, blonden, sehr schönen Hotelierstochter den Hof zu machen, nicht hitzig gerade, aber doch ziemlich stetig, das hob ihn in ihren Augen, und sie begann ihn fast zu achten. So viel Vernunft hatte sie ihm nicht zugetraut, zwar bei seinem Vater war es ähnlich gewesen mit ihr – – es war der gescheitste Streich, den er im Leben gemacht, sonst fielen ihm nur dumme ein und solche, die sie ärgerten.

118 Sogar im Tod brachte er ihr Ärger. Er starb nicht wie andre Christenmenschen im Bett, nachdem sie ein paar Tage oder Wochen krank gewesen, sondern im Wirtshaus. Vom Wirtstisch weg, weg von lustigen Kameraden mußten sie den Toten holen, er war umgefallen mit den Karten in der Hand.

Sie erwartete die Geschäftsbücher in Unordnung zu finden, es wäre ihr trotz ihres Geizes eine Genugthuung gewesen, aber alles klappte, alles war in tadelloser Ordnung, nur Franz, ihr Einziger, Franz, der in der letzten Zeit zu großen Hoffnungen berechtigte, hatte sein ganzes Erbteil »verstudiert«, daß heißt verlebt. Ihr Zeter und Mordio, ihr Schimpfen und Fluchen half nichts, weg war's und Franz wurde noch grob mit ihr obendrein.

»Keinen Pfennig kriegst De von mir, keinen Pfennig, komm mir nur nit, ich will nix mehr, gar nix mehr von Dir wisse,« schrie sie ihn an und sie hielt Wort.

Franz führte aber trotzdem die blonde Hotelierstochter mit der gediegenen Basis heim. Er hatte 119 sein Studium an den Nagel gehängt und war bei einer Bank eingetreten.

Wollte die Alte nicht, so sollte sie's bleiben lassen, später mußte er ja doch den ganzen Krempel kriegen. Sie war nicht bei seiner Hochzeit gewesen und kümmerte sich nicht weiter um ihn. Ihrethalben konnte es ihrem Einzigen gut oder schlecht gehen, von einem solchen Verschwender wollte sie nichts hören. Sie hatte Angst, er könne ihr einmal mit Kind und Kegel angerückt kommen in Armut, doch Franz schien ausgetobt zu haben. Er war ein braver Ehemann, der seiner braven Frau keinerlei Kummer machte, gut mit ihr lebte und sich sogar ein ansehnliches Sümmchen ersparte. Der Geist des Vaters schien sich empfohlen zu haben und ein Teil vom Geist der Mutter in ihm zu erwachen.

Von Pimpernellche hatte Franz zwei Briefe bekommen, die er nie beantwortete, nicht weil ihm nichts daran gelegen war, sondern weil er sie jedesmal verlegte und keine Adresse wußte. So kam's, daß er ihr weder seine Heirat, noch die Geburt der Kinder melden konnte.

120 Im dritten Jahr der Ehe starb plötzlich seine gute, dicke, blonde Frau, und selbst das konnte er der Jugendgespielin nicht schreiben.

Um so überraschter war er, trotz seines anscheinenden Mangels an Freundschaft wieder einen Brief von ihr zu bekommen. Hatte sie vorher immer in einem zufriedenen, oder eigentlich resignierten Ton geschrieben, so schien sie jetzt den klösterlichen Frieden dieses Institutes, das sie nie verlassen, gänzlich entbehren zu können.

Sie schrieb ihm unter anderem: »Ich habe auf einmal solch schreckliches Heimweh nach Deutschland, daß ich fühle, ich muß heim. Ich habe mir so viel gespart, daß ich die Reise riskieren kann. Ich weiß nicht mehr was ich hier soll. Ich habe hier Keinen, der sich wirklich um mich sorgt, und um den ich mich sorge. All mein Leben war Stückwerk, Halbheit. Könnte ich denn nicht zu Hause etwas finden, das mich ganz ausfüllt? Die Meinen leben doch noch, besser bei ihnen die Letzte, als in der Fremde die Erste. Zudem höre ich nichts, absolut nichts von ihnen und ängstige mich. Sollte mir nicht da eine Mission blühen? Ich vergehe vor Sehnsucht einmal am 121 richtigen Platz zu stehn. Schreibe mir, ich bitte Dich, über die Meinen.«

Franz hätte wohl gern geschrieben, aber die Adresse und dann – die Ihren? Diplomatisch veranlagt war er nicht, und so zermarterte er sich sein Hirn wie er Pimpernellche von ihrer Familie berichten könne, ohne die Wahrheit zu sagen.

Darüber wurden seine beiden rosigen, blonden Babys schwer krank, und all seine Gedanken, seine Sorgen galten ihnen. Hatte seine Heirat, die Geburt der Kinder und der Tod seiner Frau die Mutter nicht auszusöhnen vermocht, die Krankheit der Kinder thats. Freilich hatte er ihr auch einen flehentlichen Brief geschrieben. Sie kam, doch ihn schob sie bei Seite, er war wie verbannt im Haus, durfte sich nicht mucksen.

Wie ein Wächter mit flammendem Schwert stand sie an der Thüre des Krankenzimmers und ließ nur herein, was sie kontrolliert hatte. Nur mit ihrer Erlaubnis wurde geschlafen, geweint und geredet. Und sie wich und wankte nicht, steil aufgerichtet, voll eiserner Willenskraft, saß sie vor den 122 kleinen Betten und trotzte dem Tod. Und sie verjagte ihn.

»M'r muß nur wolle«, sagte sie zu Franz, »Du freilich hast Dein ganzes Lebe nit ernsthaft gewollt.«

Franz schwieg immer auf solche Zärtlichkeitsausbrüche hin, und die häusliche Luft beengte ihn immer mehr, jetzt wo der Bann gewichen und der schwarze Gast vertrieben war.

Er hätte tanzen, singen, schreien mögen, es war ihm ja alles wiedergeschenkt, doch da saß sie und verlangte von ihm das Betragen eines korrekten Schuljungen. Auch die Kinder erschienen ihm fremd, wie sie so still und gehorsam in ihren Bettchen ruhten, wie kleine Maschinen bedient wurden und wie kleine Maschinen funktionierten. Saperlot, was anderes hätten sie gebraucht, Liebe, zärtlichste Fürsorge, Wärme, die Sonne.

Und wie schien sie so herrlich über Straßen und Plätze, die echte, rechte warme Sonne! Tag für Tag heller Himmel und warme Luft, ein seltner Lenz für München.

Die Sträucher an den Anlagen trugen schon dicke Knospen, die über Nacht ganz plötzlich 123 aufblühten, die Kastanienbäume streckten ihre großen hellgrünen Fingerblätter aus und hielten stolz die weißen Blütenkerzen in die Höhe. Es duftete allüberall von frischem Grün, und die Sonne brannte herab, als wolle sie die Erde sprengen und alles gewaltsam herauslocken, Franz hielt's zu Hause nicht mehr aus. Er bürstete seinen hellen Anzug im Vorplatz aus und drehte seinen kleinen Schnurrbart zum letzten mal vor dem Spiegel, als es läutete. Er ging selbst um aufzumachen und fand eine fremde Dame draußen.

Mit einer tiefen Verbeugung begrüßte er sie, denn die Dame war distinguiert angezogen. Darauf gab er noch immer viel. In Bezug auf sein Äußeres war er in den Versuchen einen Dandy vorzustellen ziemlich weit gekommen, und ausgesuchter Eleganz bei einer Frau spendete er immer respektvolle Bewunderung.

Aber Herrgott! – was da zu reden anfing, das war ja Pimpernellche! Wirklich und wahrhaftig Pimpernellche, nur ins Ladylike und Gereiftere übersetzt! Ehe er nur daran dachte ihr seine Freude zu äußern, mußte er erst Verzeihung haben, denn 124 all seine groben Vernachlässigungen fielen ihm wieder ein, und es war wieder der gute Franz, mit den tappigen Kinderhänden, der ihre Hände streichelte und gute Worte gab. Sein ganzes Gesicht lachte, als er sah, daß sie ihm nicht nur nichts nachtrug, sondern selber eitel Freude war.

Was wollte er denn? Da war ja ein Freund aus alter lieber Zeit, da war jemand, der seine Herzensöde verstehen würde, er vergaß ganz nach wie und wann und warum zu fragen, stand nur immer auf dem sonnigen Flur und schaute Pimpernellche mit Wohlgefallen an.

Weil sie nur da war! War's ihm doch ganz so, als sei sie nur wegen ihm gekommen, und er versicherte ihr fortwährend, wie lieb es von ihr sei, daß sie überhaupt gekommen.

Daß sie nicht immer im Gang stehn konnten, fiel ihm aber doch zuletzt ein, und er begann stockend:

»Komm doch mit! – aber meine Kinder sind krank, ich glaub' es ist sogar ansteckend« –

»Deine Kinder?«

»Ja so! Du weißt nichts?!«

»Und Deine Frau?«

125 »Meine Frau ist tot.«

»Oh! Du armer Kerl!«

Wie warm sie ihm die Hände drückte! So war schon lang niemand zu ihm gewesen.

Plötzlich wurde er blutrot und sprach auf einmal leise:

»Die Mamme is drinn.«

»Die Mamme is drinn?«

Unwillkürlich langten sie beide nach der Entreethür, und ohne sich weiter zu verständigen, gingen sie sacht die Treppen hinunter, ganz wie früher.

Drunten fingen sie erst zu reden an, und jedes hatte so viel zu erzählen, daß eines kaum das andre sprechen lassen, und eines kaum das andre anhören wollte.

Endlich kam Pimpernellche nach langen vergeblichen Anläufen, nach Fragen, die Franz nicht zu hören schien, immer wieder auf die Ihren. Sie hatte trotz ihrer Anfragen keine Antwort bekommen, trotz ihrer Anzeige war niemand am Bahnhof, sie hatte allen Grund ängstlich zu sein!

»Unsinn!« brummte Franz ärgerlich, »Du hast noch lang Zeit hinzukommen, es ist alles in Ordnung dort.«

126 Und er hörte nur mehr mit halbem Ohr zu und wußte ihr so viel Vorschläge zu machen, kam mit einer solchen Menge von Plänen, Hofbräuhaus und Pinakothek, Bavaria und Löwenbräukeller, deutsches Theater und Volksgarten.

Warum ging er denn nicht einfach mit, wo sie nichts weiter wollte als ihn abholen, damit er sie hinführe?

»Ist wirklich alles in Ordnung?« fragte sie ängstlich.

»Ja, ja, natürlich«, erwiderte er etwas gereizt, »ich hab' Dirs doch gesagt, es geht ihnen aus–ge–zeichnet.«

»Und sie leben wirklich nicht in ärmlichen Verhältnissen? Siehst Du, das hat mich immer bekümmert, – hören ließen sie ja nichts – wie sich wohl dies unerfahrene Kind, das Sannchen, in der großen Stadt zurechtfinden würde, ohne richtigen praktischen Sinn, doch eigentlich ideal in gewisser Beziehung, und die Buwe –«

»Oh Sannchen hat sich überraschend zurechtgefunden.«

»Du kommst also hin?«

127 »Hm, ja, – oh ja, das heißt vor meiner Verheiratung sogar sehr oft, allein und mit andern, Du verstehst, doch später –«

Nichts verstand sie. Sie sah ihn an mit dem Ausdruck eines geängstigten Babys.

Teufel, das wurde ungemütlich! Nette Situation in den Apartements der Schwester. Um keinen Preis der Welt ging er mit. Wozu sie wohl in die Fremde gezogen war? Ein merkwürdiges Institut mußte das schon sein, aus dem sie kam wie sie hineingegangen. O tugendhaftes England!

»Du verschweigst mirs, es geht den Meinen schlecht!« schrie plötzlich Pimpernellche, und nun heulte sie auch noch!

Wenn er etwas nicht sehen konnte, so waren es Thränen, nicht einmal seine Kinder konnte er weinen sehn. Er rief schnell nach einer Droschke, stopfte Pimpernellche hinein und kletterte nach. Ungeduldig und zornig redete er auf sie ein, während sie nur immer ängstlich bat: »Geh mit!«

»Aber ich will Dich ja gern abholen!«

»Abholen? Ich bleib doch dort!«

Er fuhr in die Höhe, zum Schaden seines neuen Cylinders.

128 »Du? Bleiben? Unter keiner Bedingung!« Er räusperte sich einige Zeit. »Du weißt, die Stadtwohnungen, klein, keine Ahnung eines Fremdenzimmers, kein freies Bett, es geht nicht, geht absolut nicht, Du wirst ja gleich sehen, denn da sind wir.«

Er öffnete schnell den Schlag, drängte Pimpernellche hinaus, rief ihr nach »in einer halben Stunde!«, klappte die Thüre zu, die Pferde zogen rasch an – da stand Pimpernellche, starrte dem Wagen nach, der sich schnell entfernte, und es war ihr zu Mut, wie wenn sie umkehren und dem Gefährt nachlaufen müsse.

Das Haus vor ihr war der rechte Zinskasten, mit schäbiger Eleganz gebaut, überall formlose Verzierungen angepappt, der Vorgarten noch wüst, ohne Gitter, in den Ecken sichtbare Spuren des Baues. Das Treppenhaus war mit grellen Malereien bekleckst, es roch nach frischem Anstrich, Tünche und Kleister, doch waren schon alle Stockwerke bewohnt, überall hingen Schilder und Visitenkarten. Während Pimpernellche langsam die Stiege hinaufstieg, wurde die eine und andre kleine Klappe am Auslug gehoben um nach ihr zu spähen.

129 Im dritten Stockwerk sprang jemand aus einer Thüre und vor ihr schnell die Treppe hinauf. Pimpernellche sah flüchtig eine Fülle roter Haare, die hochtoupiert, wie eine Perrücke rings um den Kopf standen. Das weibliche Wesen trug ferner karrierte seidne Strümpfe und entzückende Lackschuhe – dafür hatte sie Sinn in England bekommen – mehr konnte das kurzsichtige Pimpernellche nicht sehen, denn die junge Dame lief hastig, tapp, tapp, tapp, die Treppen hinauf und verschwand im vierten Stock, als Pimpernellche noch die Hälfte der Treppe hatte.

Wie komisch! im vierten Stock wohnten ja die Ihren, und zwar schienen sie die beiden Wohnungen zu haben, denn links stand deutlich »bitte rechts läuten«.

Die ganze große Wohnung?

Und das konnte doch nicht Sannchen gewesen sein, Sannchen mit den Goldlocken, und diese rote Schöne!

Sie läutete zaghaft. Ein kleines Dienstmädchen, dem ein Kranz halbverbrannter Haare wie eine Bürste rings um die Stirne standen, öffnete. Es war vergeblich bemüht, eine weiße Schürze über ein 130 schmutziges Kleid zu ziehn, und sah Pimpernellche mit frecher Neugierde an.

Der Gang war ohne Fenster und durch eine Ampel aus mattrosa Glas erhellt, rechts und links hingen Garderobehalter, neben dem Spiegel war ein rotes, mit Seide gefüttertes Kleid unordentlich aufgehängt, dessen Innenvolants in Fetzen herabhingen.

Das struppige Dienstmädchen öffnete auf Pimpernellches Frage nach Frau Heß eine Thüre, unter der es noch eine Zeitlang stehn blieb, um Pimpernellche mit herabhängender Unterlippe anzustarren.

In einem Plüschfauteuil am Fenster saß eine ungeheuer dicke Frau in einem türkischen Schlafrock, und rings um sie, auf Stühlen und auf dem Boden, lagen Musterbücher und Kartons.

Nachdem sich die Umfangreiche eine Zeitlang besonnen, stand sie wirklich auf und schob die Kartons unwillig von sich. Einen Schritt ging sie auf Pimpernellche zu und zog die Schleppe ihres Schlafrockes faul hinter sich drein, dann besann sie sich eines Besseren, kehrte wieder um und versank in dem ächzenden Lehnstuhl.

131 Die Finger der Dicken stacken so voller Ringe, daß sie sie ausspreizen mußte, eine große Broche hielt statt des letzten Knopfes das Kleid oben zusammen. An den Schläfen war das Haar über Lockenwickel gedreht, die dort lagen wie dünne, schwarze Schnecken, die die Hörner in die Luft streckten.

Das war die Mutter. Wie viel fetter war sie geworden! Ein ganzer Wulst von Fett quoll aus der Krause des Ausschnitts hervor und das eigentliche Kinn ruhte auf einem weiteren weißlichen Polster.

»Ach so, Du bischts wirklich«, sagte sie in ihrem alten pfälzer Dialekt.

Pimpernellche auch nur die Hand zu geben fiel ihr gar nicht ein.

»Setz Dich« fügte sie endlich bei, nachdem sie mit Anstrengung sich der Kartons wieder bemächtigt hatte.

»Da« machte sie, und reichte Pimpernellche eines der Musterbücher. »Ich such m'r ä Kleed aus, ich fahr' als spaziere, und eens vor's Sannche, die will freilich selber, aber's macht mir Pläsier«, und sie 132 schob Pimpernellche einen weiteren Stoß zu, gerade wie wenn sie erst zur Thüre hinausgegangen und wieder hereingekommen sei.

»Ist Sannchen da?« frug Pimpernellche, nachdem die Mutter keine Miene machte, sie zum Ablegen aufzufordern, sondern ruhig fortfuhr, die Stoffe zu betrachten.

Sie nickte und klingelte das zerzauste Dienstmädchen herbei: »'s Fräulein« befahl sie träg, dann lauter »no, werd's ball?«, da die Kleine stehn blieb, und den Gast frech und verwundert musterte.

»M'r hen noch eeni« sagte die Mutter und glättete ein starres Seidengewebe. »Schöner Changeant!« (sie sprach »Schaoschao«).

»Zwei Dienstboten –?!«

»No!?! m'r hen doch fünf Zimmerherrn!«

»Fünf Zimmerherrn!? Und die Einrichtung?« Pimpernellche sah sich erst jetzt um.

Das Zimmer war mit einer Taschengarnitur in grellen Farben ausgestattet, hatte Möbel in mattem und poliertem Holz und einen Axminsterteppich, ganz der Geschmack der Mutter.

133 »Do guck, do kummt's Sannche!« Zum erstenmal schaute die Alte von ihren Mustern in die Höhe.

Ja da kam sie; eilig hatte sie es gerade nicht, und freudig erregt schien sie auch nicht übermächtig. Doch gab sie der Schwester die Hand und sah sie interessiert an.

»Dein' Jack' geht ausgezeichnet, wie elegant! Und mit Seide gefüttert!« und mit einer ihrer früheren Bewegungen drehte sie Pimpernellche herum. »Fehlt noch, daß Du in 'em Wage gekomme bischt.«

»Das bin ich und zwar mit Franz.«

»Mit Franz? Wo is er denn? Drunte noch?«

Und im Nu hatte sie die beiden Fensterflügel aufgerissen, lehnte sich weit hinaus und schrie hinunter: »Franz – Franz!«

Wie sie so im Fenster lag, von der hellen, kalten Frühjahrssonne beschienen, sah Pimpernellche trotz ihrer kurzsichtigen Augen, daß sie geschminkt war, und daß sie auch die Dame mit den seidnen Strümpfen sein mußte; die Haare schimmerten im unzweifelhaftesten Goldrot.

»Was ist denn mit Deinen Haaren?« frug sie.

134 »Was werd dann sein? Anderscht sin se halt, un so g'fallen se mir.«

»Und sonst – sonst gehts Euch gut?« frug Pimpernellche, die vergebens Anläufe machte, sich als Tochter und Schwester zu fühlen.

»Dank der Nachfrag, recht gut! sagt der Münchner.« Dabei brach Sannchen in ein schallendes Gelächter aus. Wie sie den Kopf zurückwarf! Pimpernellche fühlte schon richtige Gouvernantenentrüstung aufsteigen, doch besann sie sich noch.

»Und die Buwe?« frug sie.

»Die gnä' Herrn sind da, machen erst um zwölf ihren kleinen Bummel, Du mußt schon mit herüber kommen, denn da herein bringt die kein Kuckuk.«

Sannchen ging voraus und schlenkerte die Arme, daß die Seide ihrer bunt karrierten Blouse knisterte, riß die nächste Thüre auf, schob Pimpernellche hinein und schrie laut lachend: »Der Pimpernell,« dann machte sie die Thüre sofort wieder zu und verschwand.

Drinnen war solch ein Tabaksdampf, daß Pimpernellche zuerst nichts sah wie ein paar 135 lange unbeschuhte Füße, die über die Seitenlehnen eines Sophas herabhingen, die Zehen etwas nach einwärts gebogen. Endlich gewahrte sie einen Menschen mit einer langen Pfeife im Maul, die er auf den Boden aufgestützt hatte. Neben ihm, auf einem niedern Fauteuil hockte noch einer und drehte Cigaretten. Auf dem Tisch standen leere Weinflaschen und Gläser, und im Hintergrund auf einem Divan lungerten noch zwei Individuen herum, während eines rittlings auf einem Stuhl am Fenster saß, den Rücken der Stube zugekehrt.

»Herrgott, da legst di' nieder,« rief der cigarettendrehende Bruder in schlechtem Münchnerisch, während der andre gar nichts sagte, sondern eine überaus große Wolke weißblauen Dampfes ausstieß.

Der Cigarettenbruder besann sich eine Zeitlang, dann stand er auf – er war gerade mit Drehen fertig – und gab mit einer gemacht ehrfurchtsvollen Verbeugung Pimpernellche die Hand. Es war »Kall« der Älteste.

»Ihr habt Besuch?« frug sie unsicher.

»Besuch? zwei Zimmerherrn und einen Besuch. Meine Schwester, Erzieherin, Schuvernante, wenn i bitten derf, sehr eine solide Jungfrau, direkt aus England importiert, keine gangbare Sorte« – stellte er vor.

Die beiden Herrn, die sich auf dem Divan geräkelt hatten, standen auf, verbeugten sich, und diese Verbeugung zugleich als Abschiedsgruß benützend, verschwanden sie.

»Terra incognita!« lachte Karl und der auf dem Sopha grunzte mit. Plötzlich schrie er gerade hinaus vor Vergnügen: »Jessas! daß i jetzten erscht dran denk! Pimpernell, schnell dreeh di' um, das giebt an G'spaß, auch ohne Mondschein, schau doch wer dort steht! Na, bin ich kein edler Bruder und was verdien' ich für die Überraschung?«

»Keine Anzüglichkeiten meine Herrn, benehmen Sie sich der Situation gemäß!«

Diese volle und dabei etwas schnarrende Stimme, Pimpernellche trat unwillkürlich einen Schritt zurück, der da am Fenster, – war von Reitz.

»Wohnen Sie in diesem Haus?« stotterte sie fassungslos.

»Nein gnädiges Fräulein, jetzt nicht, früher, aber auch nur kurz – meine Finanzen, ja, –« murmelte er, »übrigens gereicht es mir zur ganz 137 besondren Freude, gerade Sie hier begrüßen zu dürfen, Sie haben sich in eine elegante Dame in England verwandelt, ich gratuliere.«

»Oh – das –! es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, ich, ich war gar nicht auf Sie vorbereitet.«

»Ich verstehe Sie. Sie sind auch in der Fremde kindlich und einfach geblieben, das Leben hat Sie nicht berührt.«

Ein Prusten vom Sopha her unterbrach ihn.

»Ihre Brüder sind auf dem äußersten Punkt des Mutwillens angelangt, sie haben Sie nie verstanden, nur ich – übrigens haben die jungen Herrn zu wenig zu thun.«

»Oho! – oho! Ich muß bitten! Da müßt' i 'bitten! Nix zu thun!« schrieen die zwei: »Wenn das ein Vergnügen und keine Arbeit ist, immer fünf Zimmerherrn ins Haus zu bringen und drinn zu halten –!«

»Nun was das »Halten« anbetrifft, dafür, dächte ich, sorgten doch Sie nicht!«

»Benehmen Sie sich der Situation gemäß,« äffte ihn Karl nach.

138 »Übrigens Mahlzeit jetzt, Pimpernellche, Du mußt uns entschuldigen, wir müssen jetzt dringende Geschäfte erledigen, uns anziehen u. s. w., Mahlzeit! beschau Dir die andern Gegenden, Mutter u. s. w.«

Herr v. Reitz öffnete dem perplexen Pimpernellche die Thüre, nicht die, durch die sie gekommen, und führte sie in einen kleinen blauen Salon, immer in respektvoller Entfernung hinter ihr gehend.

»Das Reich Ihrer Schwester.«

»Oh, ist das elegant!« diesmal sah sie sich wirklich um. »Wie sie das nur so versteht! und auch, – wie sie's kann, wie sie's kann! Es sind teure Sachen –«

»Ja, Ihre Schwester ist immerhin veranlagt, wenn sie auch nicht gerade genial ist. Ihr fehlt jeder große Zug, ich hatte mehr erwartet, etwas zu viel vom Temperament der Mutter.«

Da regte sich ein gewisser Familienstolz in Pimpernellche. Sie hob den Kopf und wurde rot, während sie sprach.

»Ich denke, sie hat es weit genug gebracht. Sich so zum Haupt der Familie zu machen, und ein 139 Haus in dem Stil zu leiten, – ich hätte das nicht gekonnt.«

»Nein, Sie hätten das nicht gekonnt.« Der Maler verneigte sich. »Es macht Ihnen alle Ehre, so neidlos zu sein, Sie sind in der Bescheidenheit und in der scheinbaren Erkenntnis der Sachlage die gleiche geblieben. Erinnern Sie sich auch noch an den Spruch, den ich Ihnen mitgab als Leitstern Ihres neuen Lebens: Tugend vergeht, Schönheit besteht?«

»Sie haben ihn damals falsch zitiert und zitieren ihn wieder falsch« unterbrach ihn Pimpernellche eifrig.

»Verzeihen Sie! Falsch für Sie, richtig für andere. Unsere Lebensauffassung ist ja etwas verschieden, aber doch nicht so, hoffe ich, daß sie sich nicht zusammenkorrigieren läßt. Sie sind ja auch aus der Familie. Was gedenken Sie hier zu thun?«

»Ich – ich weiß wirklich nicht.«

»Wenn ich Ihnen mit irgend etwas helfen kann, wenn Sie einen Freund brauchen –.«

Er ergriff Pimpernellches Hand und küßte sie: »Bei den Ihren ist doch keine Möglichkeit« –

140 »Franz war wohl so lieb mir anzubieten« – stotterte Pimpernellche verlegen.

Der Maler horchte auf. »Franz? – Ach ja, der flotte Wittwer! Ich besinne mich. Gratuliere. Das ist auch kein Hindernis. Man muß sein Leben schön ausklingen lassen, wenns in Harmonie geschehen kann, wenn man keine rechte andere Entwicklung mehr sieht, oder glaubt. Bringen Sie's zum schönen Abschluß mit ihm, verstehen Sie? Die Glanzlichter können Sie, wie wir Maler sagen, trotzdem immer noch aufsetzen. Und in diesem Sinne möchte ich mich nochmals als Freund empfehlen, vergessen Sie das nicht.«

Er machte ihr eine tiefe Verbeugung und ließ sie heiß und verwirrt in das Zimmer ihrer Mutter eintreten. Sie glaubte ersticken zu müssen, in allen Räumen war trotz des herrlichen Frühlingstages geheizt, sodaß sie die Knöpfe ihrer Jacke aufriß.

Die Mutter, die immer noch mit Sannchen über den Musterbüchern brütete, schaute gar nicht auf, und Sannchen frug ganz unvermittelt:

»In welchem Hotel bischt dann?«

»In welchem Hotel?«

141 »No ja,« machte sie ungeduldig, »oder in welchem Gasthof?«

Pimpernellche knöpfte sofort wieder ihre Jacke zu.

»Das ist doch kein Grund bös zu werden! Man wird doch noch frage dürfe! Du siehst doch, daß Du da herein nicht paßt; übrigens so arg pressierts nit, mir essen erst in 'ner Stund.«

Aber Pimpernellche hatte schon die Thüre in der Hand, kaum brachte sie ein »adieu« heraus, im Nu war sie draußen und raste förmlich die Treppen hinunter. Fast hätte sie Franz umgerannt, der im Hausgang auf sie wartete. Sie sah ihn gar nicht, wollte an ihm vorbei, bis er sie fest am Handgelenk packte und zum Wagen brachte.

Da saß sie lang und brachte kein Wort heraus, sah nur stier in eine Ecke.

Zuletzt hielts Franz nicht mehr aus, und wie er es bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich machte, er fing zu schimpfen an. Über sich diesmal, was er nicht immer that.

»Ich bin ein Feigling, ein elender, ja, ja, ja, Dich so allein da hinauf zu lassen, nein, nein! die Dummheit! Und alles nur aus Angst! – ich Esel! – Sei still, Pimpernellche, komm, es ist ja 142 nicht so schlimm, oh gar nicht –, nur vor Dir schämte ich mich –«

Da fuhr sie ihn aber an!

»Nicht so schlimm? Was weißt denn Du? Warst Du dabei? Wie kannst Du's wissen? Mich so zu behandeln! Nein! nein! nein, wie einen Hund! Und alles nur, weil, – weil ich nicht vornehm genug bin, weil ich – nicht in ihr feines Haus passe! Und der auch noch, der –«

Und nun kam's, ein ganzer Wasserfall noch dazu! Es war zum Verrücktwerden! Franz, dessen Gesicht die ganze Zeit seltsam gezuckt hatte, konnte sich diesem Ausbruch gegenüber gar nicht helfen. Am liebsten wäre er oben zur Kalesche hinaus.

Er redete zu, er streichelte des Mädchens Hände, er bat, er schimpfte, er fluchte, er rüttelte sie, er schrie sie an: »Still sein! Sei still! So red' doch! Still sein!«

Endlich, endlich wurde die Flut weniger, nur hie und da stieß sie's noch, zuletzt setzte sie sich kerzengrade und sagte mit aller Entschiedenheit: »Ich geh auf der Stelle wieder nach England.«

Das kam Franz so komisch vor, daß er gerade hinaus lachte.

143 »Vorderhand bist Du noch in meiner Droschke, und ich hab' gar nicht im Sinn, Dich sofort wieder nach England zu lassen.«

Er nahm auf einmal seinen Hut ab, wie wenn's ihm zu heiß würde, hielt ihn gravitätisch auf den Knieen, schaute zum Wagenfenster hinaus, räusperte sich und sagte endlich: »Ich hab' mirs überlegt, daß heißt ich habe gar nicht viel Überlegung dazu gebraucht, wie wärs denn, wenn Du mit zu mir gingst?«

»Zu Dir? Franz, Du bist gut, von Herzen gut, aber – eigentlich – und dann die Mama!«

Einen Augenblick duckten sich beide und waren mäuschenstill, dann sagte Franz: »Wenn Du fest zu mir stehst, trau ich mirs sofort aufzunehmen, wenn Du sonst keine Bedenken –«

Und Pimpernellche schlug ein. Auf einmal wurde es ihr leicht ums Herz, wenn sie an die Zukunft dachte, hatte sie ja Franz! Und sie schaute in sein ehrliches Gesicht, das ganz verlegen aussah. Nein an etwas Schlimmes dachte Pimpernellche nicht! Einfach, naiv, voll Wärme zuletzt, nahm sie den Plan auf. Franz konnte beruhigt sein.

»Siehst Du, Du bist der einzige Mensch in 144 Deutschland, der sich überhaupt darum kümmert, wie mirs ums Herz ist. In Deutschland! Auf der Welt überhaupt! Wenn ich bei Dir bin, ists mir wahrlich ein Stück Heimat, ich hab' sonst keine. Ich will alles für Dich thun, Dir auch Deine Kinder gesund machen –«

»Mach' keine Geschichten« brummte Franz und wurde noch verlegner. Nein, sie konnte beruhigt sein, wenn schon, dann in allen Ehren, auch wenn sie aus der Familie war.

»Mit mir war auch schon lang keiner mehr gut, und mir thuts auch wohl,« murmelte er und griff nach Pimpernellches Hand.

Dann schauten sich die beiden Bundesgenossen einen Augenblick an, und Pimpernellches Gebahren war das eines »ahnungsgrauend, todesmutig,« aber verzückt in den Kampf Eilenden. Und er tobte wirklich droben, nachdem die Mama den ersten Schrecken überwunden und völlig Herr ihrer Zunge war.

Pimpernellche hielt sich wundervoll. Eine Dame gegen ein Waschweib. Franz war eitel Erstaunen und Bewunderung. Vorderhand beschränkte er sich darauf. Im allgemeinen ging seine indolente Natur 145 noch immer jedem Kampf in einer schönen Linie aus dem Wege, aber nachdem Pimpernellche ihn mit aufmunternden Blicken antrieb, und er sich genugsam an ihrer Energie gestärkt hatte, setzte auch er ein. Und wenns einmal so weit war, machte er es gleich radikal ab. Es war genau höchste Zeit, die Alte fing von der Schwester an, gerade, daß er die Belfernde in ein anderes Zimmer drehen und ihre giftige Zunge isolieren konnte. Kaum zehn Minuten danach kam er sehr gerötet, aber gehoben zurück, und in einer Viertelstunde rasselte eine Droschke vor, die den alten Drachen zum Jubel der Dienstboten entführte.

»Ich hab' ihr gesagt, daß sie von nun an kein Recht mehr hätte, sondern, daß das einer andern zustehe und die andre seist Du, weil ich – so hilf mir doch, Pimpernellche, weil ich Dich, nun weißt Du denn nicht was ich will?

»Mei Fraa, sollscht werre,« schrie Franz endlich im echtesten Pfälzisch, »wann d' willscht, freilich, wann d' willscht.«

Er war auf einmal ganz kleinlaut geworden, nachdem ihn die Woge des Sieges so hoch getragen. Ängstlich schaute er auf Pimpernellche, es 146 kam ihm gar nicht mehr vor, wie wenn er ihr ein Geschenk gäbe, sondern wie wenn er um eines bäte.

»Willscht dann nit?« schrie er endlich ungeduldig, im Zorn aller Gutmütigen.

Aber da hing sie auch schon an seinem Halse, und diesmal ärgerten ihn die Thränen nicht, die ihr aus den Augen stürzten, es waren übrigens nur ein paar, und sie lachte gleich darauf.

»Jetzt versteh' ichs erst. Das hat v. Reitz gemeint, diesen Abschluß!« stammelte endlich Pimpernellche. »Wie weitsehend er ist und welch edler Mensch! Ich habe ihn doch verkannt. »Man muß sein Leben schön ausklingen lassen,« sagte er, – ich habe ihn ja heute bei den Meinen getroffen, denke! – Ja, Dich, die Kinder, und ihn als Freund,« sie umarmte Franz stürmisch, »welche Harmonie! oh, er wird das verstehn, Franz, wie glücklich werden wir sein! Wie ist das so plötzlich gekommen, dies Himmelsgeschenk –« und sie hielt Franz an beiden Händen fest, ein wenig von sich ab; »nun bist Du doch mein Elmar, freilich ein ganz andrer,« sagte sie lächelnd, »wie das Leben doch reift und verwandelt! Nun mag sie mich verachten und 147 belächeln, die vornehme Familie, ich tausche jetzt nicht mit ihnen.«

»Davon ein andermal,« sagte Franz würdig, aber ein Grinsen konnte er doch nicht unterdrücken.149

 


 

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