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Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Pimpernellche, die sich in ihr Zimmer hatte flüchten wollen, traf die Familie in wildester Aufregung. Die sonst so schläfrige Mutter, die nur glücklich war, wenn man keine Emotionen von ihr verlangte, hielt Pimpernellche am Ärmel fest, ließ sie nicht gehen. Sie tobte und schrie in der Wohnung herum, heulte und zeterte, ganz nach Art vieler indolenter Menschen, die sich gar nicht mehr zu helfen wissen, wenn sie einmal aus dem Konzept gebracht sind. Sannchen und die Buwe waren zu dieser Stunde anwesend, wo doch Sannchen der Bildung und die männlichen Familienglieder den Wissenschaften hätten fröhnen sollen.

105 Sannchen stand mit dem bekannten Trutzmäulchen in der Ecke und die Buwe mit hängender Unterlippe und blöden Augen mitten in der Stube, und alle drei ließen sie wortlos die mütterlichen Wutschreie über sich ergehn.

Feuer im Dach, alles entdeckt! Das verstand endlich Pimpernellche. Die Buwe waren wegen Teilnahme an einer geheimen Verbindung dimittiert und Sannchen ihrer Liebschaft halber aus dem Institut entlassen; zugleich kam auf, daß sie schon seit Wochen das Institut nicht mehr besucht, auch kein Geld abgeliefert hatte.

»Sie hat Talent« sagte »Kall«, der Älteste, nicht ohne einen Anflug von Respekt, und auch der Jüngere, Praktische entrüstete sich nicht.

Aber die Mutter! Alle Affenliebe hatte sie über Bord geworfen, sie tobte wie eine Wilde, brachte nur Schreie und Schimpfwörter heraus, zuletzt fiel sie auch noch über Pimpernellche her, und nun ging der Tanz erst recht an. Warum kam sie so spät? Sie war genau wie die andern. Sie hatte auch irgend etwas gethan, was noch aufkommen mußte, irgend etwas Schändliches, es war ja eins wie das andere. Alle wollten sie nur zu Tod ärgern, sie, 106 die beste Mutter! »Vor all mei' Sorge Undank und Schlechtigkeit«, schrie sie, »Ihr wollt mich unner die Erd' bringe, schlechte Kinner seid'r, G'sindel! Aber ich thu Euch den G'falle extra nit, ich bleib lebe. O, was mich alles treffe muß, lauter Unglück, ich überleb's nit!«

Sie wurde immer dunkler rot, je angestrengter sie schrie, zuletzt fing sie zu wanken an und die erschrockenen Mädchen brachten sie in's Bett. Sie lag steif dort bis der Doktor kam, der die Ängstlichen gleich beruhigte.

»Es wird morgen wieder gut sein, wenn die Patientin vollkommene Ruhe hat.«

Die Buwe hatten sich schnell gedrückt, Pimpernellche war gegangen, weil die Mutter energisch verlangte, daß sie gehe, und allein mit Sannchen bleiben wollte, die ihr Umschläge machte und Limonade reichte.

Pimpernellche erschien in ihrem aufgeregten Zustand auch die Krankheit der Mutter viel schlimmer. Sie schlich sich oft in der Nacht auf den Zehen an das Zimmer, sie fragte Sannchen leise, und wenn die ihr auch beruhigend antwortete, so hatte sie doch die schrecklichsten Visionen. Sobald sie einmal halb 107 einschlief, fuhr sie gleich mit einem Schreckensruf wieder in die Höhe. Alles war wirr in ihrem Kopf. Was sie am Tag erlebt, die Verhältnisse zu Haus, die Zukunft, die kranke Mutter, sie kam wie ein Schatten am Morgen ins Zimmer geschlichen.

Welche Wandlung! Im Sofa saß die Mutter in aller Gemütlichkeit und lachte und plauderte mit Sannchen und rief Pimpernellche zu: »Mein' Kaffee, aber schnell!«

Alles schien in Fröhlichkeit und Harmonie aufgelöst zu sein, und als die beiden langen Sünder sich wieder hervorwagten, schien auch ihnen die Sonne der Verzeihung, ja noch mehr, die vier hielten eine längere Konferenz ohne Pimpernellche, und so oft sie hereinkam, verstummten sie und lächelten sich zu, es webte eine heimliche Atmosphäre um die einige Familie, ein zartes Geheimnis.

So sehr Pimpernellche mit ihrem Schmerz beschäftigt war, das bemerkte sie doch, und fühlte sich beunruhigt.

Am dritten Tag nach der Katastrophe wurde auch ihr der Plan mitgeteilt, das heißt nicht als Plan, sondern als Faktum.

108 »Die Mamme zieht fort mit uns« warf ihr Sannchen unter dem Mittagessen zu.

Pimpernellche fiel der Löffel, den sie eben zum Munde führen wollte, wieder in die Suppe zurück, zum größten Gaudium der Buwe.

»Die Mama will fort?«

»Ja! Du hast schon recht gehört, sie will fort.«

»Wohin denn um Himmelswillen?«

»Muß m'r noch überlege.«

»Warum?«

»Darum. Die Buwe müssen doch fort, können hier nit weiter studiere, zieht m'r ebe aach mit.«

»Ja, und dann?«

»Dann? Was dann?«

»Was wollen wir in einer andern Stadt?«

»Was woll' mer dann hier? Ich will nit versaure hier, 's giebt große Städt' genung. M'r kann Zimmer vermiete und so was. Rede brauchscht nit viel drüber, 's hilft nix.«

So, also sie nahmen ihr alles. Liebe, Zärtlichkeit, Güte, Anhänglichkeit, alles hatten sie ihr genommen, jetzt sollte ihr auch noch die Pflicht genommen werden? Sie hatte doch die Pflicht für die vier Leichtsinnigen, Unerfahrenen zu denken 109 und zu handeln. Als sie davon anfing, schrieen sie ihr gleich drein – nein, nein, nein! Sie brauchten ihre Weisheit nicht.

»Du brauchscht gar nit mitzugehn, mir wer'n ohne Dich fertig« schloß Sannchen spitz.

So, sie setzten ihr also den Stuhl vor die Thüre. Das war noch das Schönste. Weder Mutter noch Brüder rührten sich, es war wohl abgekartete Sache, man wollte sie abschütteln.

Sie stand hastig vom Tisch auf, ohne etwas zu erwidern, und man ließ sie gehn. Sie war unbequem, ein Hindernis, der alte Wauwau von früher.

Der Wunsch der Ihren kam ja eigentlich ihren eigenen Absichten entgegen, es war die Freiheit, die sie ihr gaben, und doch that ihr gerade jetzt die Lieblosigkeit weh bis in's Innerste. Nur zu, nur zu, mochte sie jetzt das Leben packen und zausen, sie hatte nichts mehr zu verlieren. In ihr Tagebuch schrieb sie: »Ich habe gelebt und geliebet.«

Noch am selben Tage schickte sie einen Brief an eine Schulfreundin, die in einem Institute in England als deutsche Lehrerin war, und die sie wiederholt 110 aufgefordert hatte dort hinzukommen und ihre Dienstbotenstellung zu Haus aufzugeben. Sie sagte es dem Vormund und der war einverstanden, wenn sie sich mit dem geringen Zuschuß begnügen wollte, den er aus den Zinsen ihres kleinen Vermögens geben konnte.

Sie wunderte sich, daß sie alles so klar überlegte, daß sie sogar noch eine gesicherte Zukunft wünschte, daß ihr bangen konnte vor einer unsichern Zukunft! Viel lieber wäre sie ja wohl tot gewesen, aber es stirbt sich nicht so leicht an gebrochenem Herzen, ja nicht einmal der Hunger verließ sie in der Zeit ihrer Seelenkämpfe, im Gegenteil.

Die Antwort kam in der denkbar kürzesten Zeit, und sie war günstig. Sie konnte kommen wann sie wollte, am besten sofort. Nun ging es an ein fieberhaftes Herrichten und Einpacken und Sannchen half geschäftig mit. Sie war wieder lieb, seit sie sah, daß es Pimpernellche ernst war mit dem Fortgehn, auch die Brüder waren in der besten Laune und alle schienen die Zukunft in den rosigsten Farben zu sehn, seit sie ihnen nicht mehr im Wege war. Die Mutter warf ihr ein altes, gebleichtes 111 Korallenhalsband in den Koffer und that gerührt dabei.

Der Vormund, der immer herzlich sein konnte, wenn seine Frau nicht da war, drückte ihr noch einige Goldstücke in die Hand und machte ihr mit seinem Optimismus das Herz leicht. Er meinte: »Wenn's schief geht, sind wir auch noch da.« Und Franz stimmte ihm bei.

Von ihm wurde ihr eigentlich das Abschiednehmen schwerer als sie gedacht hatte, er kam mit Kindererinnerungen und sah sie so merkwürdig gerührt dabei an, daß sie bald alle beide die Augen voll Wasser hatten.

»Du bischt doch am meischte wert vunn Euch alle,« sagte er, »ich seh's jetzt erscht ein.«

Und sie schied von ihm mit der Überzeugung, daß er ein guter Mensch sei, trotz der Hemdärmelerfahrung, die sie mit ihm gemacht, und daß sie in Deutschland einen zurückließ, auf den sie im Notfall bauen konnte.

»Und schreib aach!« schrie er ihr noch unter der Hausthüre nach. Seine Mutter war verreist, so band er noch einen Strauß der schönsten Blumen und schickte ihn ins »Hesse«.

112 An ihn hatte Pimpernellche nur ein paar wehmütige Abschiedszeilen geschrieben. Doch vergaß sie nicht Tag und Stunde ihrer Abfahrt genau anzugeben.

Am Tag ihrer Abreise regnete es in Strömen. Sannchen allein begleitete sie zur Bahn. Die Buwe hatten im entscheidenden Augenblick der eine verschlafen und der andere nur ganz »verriß'ne Stiwwel«, so daß sie beide zu Hause bleiben mußten.

Auf dem Weg zum Bahnhof und dortselbst blickte Pimpernellche unruhig umher, schon im Coupee schaute sie jeden Augenblick zum Fenster heraus, vielleicht, vielleicht doch! Er kam nicht.

Beim Ausfahren aus der Halle beugte sie sich weit vor und ließ ihr Taschentuch wehen, nicht der jungen Schwester halber – niemand. Und auch Sannchen wendete sich bald zum Gehen.

Fröstelnd, in dem kühlen Frühjahrsregen standen noch ein paar Menschen auf dem Bahnsteig. Einen Augenblick wars ihr, als sähe sie seinen hellen Überzieher neben Sannchens Jaquet auftauchen, dann machte der Zug eine Biegung, fuhr rasselnd über die Brücke und alles verschwand. 113 Der feine, nachdrückliche Regen schlug an die Scheiben, der Rauch der Lokomotive zog stoßweise an den Fenstern vorbei, die Stadt wich langsam zurück und verschwand in Regen und Dunst.

Hinter ihr lag ihre Heimat, ihre Jugend, ihre Liebe, vor ihr die graue, schwere Zukunft. Und hatte Pimpernellche bisher wie im Fieber die Erlebnisse der letzten Tage über sich ergehn lassen, so kamen sie jetzt und verlangten gebieterisch, daß sie sie beschaue und prüfe.

Aufschluchzend legte sie den Kopf auf die Polster – sie konnte sich das leisten, denn sie fuhr allein im Coupee – während der Schnellzug die Rheinebene hinunterraste, dem fernen Holland zu.

* * *

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