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Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Pimpernellche konnte gar nicht mit der Toilette fertig werden. Zweimal hatte sie sich schon 98 umgezogen und war immer noch unschlüssig. Endlich, weil die Zeit drängte, blieb sie in der weißen Bluse, die ihren Nacken ein Stückchen sehen ließ. Die Sonne schien durchs Fenster mit einer Glut, wie wenn es Sommer wäre, man konnte alles aufreißen und die herrliche Luft einlassen, es war förmlich, als lebte man ein neues Leben, seit man durch die geöffneten Fenster den Lärm und das Geräusch der Gasse hörte.

Pimpernellche zog mit freudig geschwellten Segeln ab, stolz den Marktkorb tragend, den er getragen. Der Frühling blühte überall auf dem Markt, wo die Weiber ihre großen Leinwandschirme aufgespannt hatten. In Bündeln lagen Veilchen und Goldlack, fremde glühende Anemonen und Ranunkel neben dem heimischen Gold des Himmelsschlüssels. Rote Radieschen spreizten sich unter den derben grünen Blättern, wie Sammt sah die Kresse aus, es war ein Gewoge von Farben und Tönen, von Licht und Schatten, dazu die Menschen in hellen Frühjahrskleidern, Pimpernellche ward von einem wahren Taumel ergriffen.

Wie alles glänzte und lockte! Es war wie ein Festtag, Feststimmung überall.

99 Und plötzlich sah sie ihn stehn.

Mit ausgespreizten Beinen, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er mitten in der Sonne und blies den Rauch einer Cigarette in die Luft, ganz hingenommen von dem bunten Bild ringsum.

Da fühlte er sich sanft berührt – hörte eine Stimme – die Stimme! – es schnellte ihn förmlich herum, sein Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze, nur einen Augenblick, dann war er wieder der Alte, und seine Höflichkeit war tadellos. Aber gerade sie brachte Pimpernellche aus dem Konzept.

Wie konnte er so sein, nachdem sie sich die langen Tage nicht gesehen?

»Habe ich Ihnen denn etwas gethan?« fragte sie im Ton eines Schulkindes.

»Nicht daß ich wüßte, mein gnädiges Fräulein!« erwiderte er zuvorkommend.

»Sie waren soooo lang fort!«

Pimpernellche legte viel Trauer und Sehnsucht in ihre Worte.

»Nicht allzulange. Fünf Tage sechsundeinehalbe Stunde,« sagte er sanft.

»Dachten Sie auch unser – auch an mich?«

»Ich habe nichts vergessen.«

100 »Würden – würden – Sie vielleicht in den Anlagen dort ein wenig mit mir spazieren gehn? Man wird hier so beobachtet.«

Er lüftete zum Zeichen der Bereitwilligkeit den Hut.

»Aber wollen Sie nicht wenigstens – – hm – diesen Korb zurücklassen? Es geht doch wohl nicht an, ihn in den Anlagen spazieren zu tragen.«

Er warf einen mißvergnügten Blick auf den großen gelblackierten Korb, und Pimpernellche, bestürzt und verwirrt, bemühte sich, ihn so schnell als möglich bei irgend einer der Händlerinnen unterzubringen.

Dann ging sie verängstigt an seiner Seite nach den Anlagen. Was war das? War sie verrückt? War alles andere nicht, niemals? War das noch der Frühlingstag voll Licht und Sonne? War das noch derselbe Mann? Sie raffte sich gewaltsam auf.

»Ich habe die Elegieen gelesen.«

Sie versuchte ihn anzulächeln, doch er hielt den Kopf gesenkt. Zornig sah er nicht aus, er gähnte.

»Ja? – – Und Ihre Schwester?«

»Meine Schwester?!? –«

101 »Hat sie sie auch gelesen, meinte ich« erwiderte er ungeduldig und gereizt, »ach Gott, es ist ja gleich.«

»Nein, ich dachte doch – Sie wollten doch – daß ich –«

»Gewiß, gewiß, verzeihen Sie! Aber ich dachte es mir viel amüsanter. Man verrechnet sich manchmal. Sie sind doch im Grunde langweilig und erfüllen eigentlich nicht das, was ich mir versprach.«

»O sie sind doch herrlich, und dann – Ihre Zartheit, nur anzudeuten, nicht davon zu sprechen, auch –«

»Ja ich kämpfe manchmal mit dem Wort, wie eben jetzt.«

Er sah sie beinah verzweifelt an. Am liebsten hätte sie sich in seine Arme geworfen und ihm zugerufen: »ich liebe dich, auch wenn du kalt bist, wenn du mir Schmerzen machst, denn du leidest selber« – sie getraute sich aber nur leise zu stammeln: »Ich liebe Sie immer noch.«

»Ich danke Ihnen!«

Er zog ehrfurchtsvoll den Hut und schwieg dann.

Endlich stieß er einen langen Seufzer aus.

102 »Sie sind ein großes Mädchen, Nelly, Sie besitzen die Seele einer Fürstin, Sie haben Geist und Güte, – aber das Schicksal will nicht, daß Sie zur Liebe geboren sein sollen. Sie sind nicht zur Liebe geboren, werden Sie Gouvernante, das ist mein innigster Wunsch. Gegen das Schicksal können wir armen Sterblichen nicht ankämpfen. Sie sind zur begeisterungsfähigen Gouvernante prädestiniert. Meiden Sie die Kreise Ihrer Schwester, deren Stern andere Bahnen weist, fliehen Sie sie, es ist notwendig jetzt, und ich kann nichts sehnlicher wünschen.«

Pimpernellches Arme sanken hilflos zu beiden Seiten des Körpers herab. Was war das? Sie verstand ja gar nichts, – was war da so jäh über sie gekommen?

»Warum?« sonst brachte sie nichts heraus.

»Fragen Sie nicht, seien Sie tapfer. Haben Sie nicht geschworen, Ihrer Liebe jedes Opfer zu bringen, und nun schrecken Sie vor dem Anfang des Opfers zurück? Fragen Sie nicht, ehren Sie das Geheimnis, unerforschlich sind die Wege der Liebe.«

»Ich – kann – mir ja gar nicht helfen, ich sehe nichts, ich kann nicht gehen –«.

103 »Ich werde Sie führen, eventuell sogar bis ans Haus, Ihnen selbst den Korb verschaffen, nur meistern Sie Ihre Gefühle. Sehen Sie mich an! Kommen Sie.«

Und wirklich, Pimpernellche folgte ihm wie von einer fremden Macht gezogen. Sie hatte leidenschaftliche Vorwürfe, Anschuldigungen auf den Lippen gehabt, hatte ihn falsch, feig, hinterlistig nennen wollen, doch er entwaffnete sie durch seine Ruhe, seine Zartheit, durch die offenbare Erregung, die in seinen letzten Worten bebte. Nein er war edel und groß wie immer, nur das Leben zertrat sie beide. Sie wollte nicht fragen, wenn er nicht reden durfte, und sie folgte ihm still, ihm, der ausatmete angesichts ihres Heroismus und, ihren heiligen Schmerz ehrend, ihr wortlos den Korb übergab und wortlos an ihrer Seite schritt.

Vor der Hausthüre reichte er ihr noch die Hand in früherer Weise und sagte: »Schenken Sie die Fülle Ihrer Liebe den fremden, kleinen Geschöpfen, da das Schicksal es nicht zu wollen scheint, daß Sie sie sonst verschenken, gehn Sie in die Fremde und vergessen Sie nicht die tiefe Weisheit der Worte, die ich Ihnen jetzt sagen werde: »Tugend 104 vergeht, Schönheit besteht«. Die Worte passen freilich besser auf Ihre Schwester, aber vielleicht kommt auch für Sie die Zeit, wo Sie seine Tiefe zwar nicht erfassen, aber vielleicht ahnen werden. Leben Sie ewig wohl!«

Dumpf fiel die Hausthüre ins Schloß.

Aus – aus für immer. Jetzt konnte alles kommen, nichts war schwerer, nicht der Tod, nicht das Grab! –

* * *

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