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Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vor dem kleinen Restaurant, das am Ende des Seitenweges lag, standen Sannchen und ihr Verehrer unschlüssig und in schlechter Laune bei dem Wirt, einem von »drüwwe rüwwer«, der, seine Mütze schwingend, die schönsten Kratzfüße machte.

»Wollen Herrschaften nicht Platz nehmen im Garten?« und mit einer kühnen Schwenkung versuchte er sie auf den kahlen, mit Kies bestreuten Platz hin zu bekomplimentieren, den er Garten nannte und auf dem eine Schar Hühner ihr Wesen trieb.

»Ich will awer nit herauße bleibe«, erklärte Sannchen eigenwillig.

Der Verehrer kehrte sich halb um, achselzuckend und sah angelegentlich nach der Blitzableiterstange 80 auf dem Hause und dann mit einem halb resignierten, halb mokanten Lächeln auf Pimpernellche und den Maler, die auch unschlüssig herumstanden.

»Natürlich gehn wir hinein, wenn Sie befehlen,« beeilte sich Herr v. Reitz tadellos höflich zu versichern.

»Befehlen! – ich befehl' gar nix, ich will nur. Ihr könnt ja herauße bleibe, awer ich geh ins Zimmer.«

»Ich will nur« murmelte ihr Freund sarkastisch nach.

»Was?« fuhr sie ihn scharf an.

Daraufhin trat Herr v. Reitz gleich zu ihnen, um sich dem Studenten vorzustellen. Der griff mit der den Pfälzern so gut stehenden Verachtung für Höflichkeit und gute Manieren ein wenig an den Hut und murrte seinen Namen, sich Pimpernellche vorzustellen fiel ihm in Anbetracht derselben Eigenschaften nicht ein.

»Wir gehn also ins Zimmer« wandte sich der Maler zum Wirt.

»Aber Herrschaften wollen bedenken, Herrschaften seien nicht allein dort, seien andre Herrschaften im 81 kleinen Zimmer und das große ist nicht für feine Herrschaften« entschuldigte sich der verlegene Wirt.

»Ich will ins Zimmer« erklärt Sannchen, machte ihr entzückendstes Mäulchen dazu, und stieg schnell voraus. Sie wollte doch sehen ob ihr die andern nicht nachkamen!

Der Wirt ließ sie, immer noch halblaut Entschuldigungen stammelnd, in ein kleines Hinterzimmer treten, das ganz dämmrig war von der Fülle der Weinblätter, die die Fenster umrankten. Drinnen saßen Drei vor einem großen Humpen und knurrten leis unter sich ob der Störung, bis auf einmal einer ein lautes »Donnerwetter« ausrief.

Sannchen drehte sich sofort um.

Die Buwe und der Einwillige, das ging gerade noch ab.

»Was thun dann Ihr da?« schrie sie sie an, »nette Überraschung!«

Der Einwillige war in die Höhe geschnellt mit all der Geschwindigkeit, die ihm seine körperliche Veranlagung gestattete, und hatte ungefähr vier Verbeugungen nach einander gemacht, bis die rote Farbe seines Angesichtes ins Bläuliche zu 82 spielen begann, während die Buwe mit aufgestützten Ellenbogen liegen blieben und abwarteten.

Der Verehrer Sannchens murrte den Dreien einen Gruß zu und schlug seinen Hut an einen Nagel, gerade über dem Kopf von einem der Brüder, nicht ohne ihm, dem Bruder, merklich auf den Leib zu rücken. Ging denn heute alles schief?

Pimpernellche schaute Herrn v. Reitz flehentlich an, sie hätte selbst nicht sagen können warum, nur, daß es sie wieder »thränelte«.

Der Maler faßte sich rasch. »Ihre Brüder?« wandte er sich an Sannchen.

»Ja – aber daß Ihr nit meint, wir setzen uns an Euern Tisch!« rief sie den Dreien zu.

»Aber warum nicht, gnädigstes Fräulein?« besänftigte sie Herr v. Reitz, »wir haben alle Platz am Tisch Ihrer Herren Brüder, vorausgesetzt daß diese gestatten –« und mit dem vornehmen Ernst, den er immer mit solchen Handlungen verband, stellte er sich vor, wie wenn er erwachsene, gleichberechtigte Männer vor sich hätte.

Die Beiden sprangen auf, plumpsten aber gleich wieder schwer zurück, während der Einwillige wieder 83 viermal mit Anstrengung dienerte. Dann rutschten die Buwen hinunter, indem sie den Humpen nachzogen, und schauten den Fremden an, um ihm anzuzeigen, daß sie Platz machen wollten.

»Wird uns eine große Ehre sein, eine große Ehre sein« wiederholte Franz unter erneuten Verbeugungen und setzte sich erst, nachdem alle am Tisch Platz genommen; Pimpernellche war in einem wahren Rausch von Entzücken über die höfisch liebenswürdige Art ihres Freundes.

Auch die Buwe schauten in ihrer Täppigkeit mit Verehrung zu dem Mann aus der Fremde empor, besonders nachdem er auf ihre Empfehlung hin Niersteiner hatte anfahren lassen und noch dazu gleich vier Flaschen auf einmal.

Und Franz sprang ein und das andere mal wieder auf und begleitete seine Reden mit Komplimenten, solchen Respekt flößten ihm die Kleider des Fremden – Wunder der Schneiderkunst, was war seine armselige Uniform dagegen? – und seine Manieren ein, bis ihm Sannchen zurief: »So bleibe Sie doch endlich sitze, es wird Eiem ja ganz schlecht!«

Sie und ihr Verehrer saßen stumm und einsilbig neben einander, während der Maler mit 84 leiser, eindringlicher Stimme mit dem erglühenden Pimpernellche sprach, und das Trio in der Ecke sich immer angelegentlicher mit dem Niersteiner beschäftigte.

Mitunter sprach er auch zu den Dreien, und zwar wie wenn er zu erwachsenen, erfahrenen Männern spräche, und das wirkte besonders auf die Buwe, die nie dergleichen erfahren, im Verein mit dem Wein, wie etwas ganz Exotisches; die jungen Leute fingen förmlich Feuer. Sogar der Einwillige vergaß seine unglückliche Liebe, den grausamen Goldengel, vergaß alle Qualen der Eifersucht und weihte sich in schöner, jugendlicher Begeisterung dem »edlen Fremden«, wie er in einem Toast zu sagen versuchte, dem »vornehmen Gast, der in ihrer Mitte Platz genommen«, und klang mit seinem Glas an das des Mannes aus der Großstadt an und »Prosit, Prosit Hoch Gesundheit!« klang es rings wie bei einem Feste, und der Gefeierte saß da, still, ernst und bescheiden, füllte nur eifrig die Gläser und verschenkte Zigarren, trank den jungen Verehrern zu und fand noch Zeit, Pimpernellches Hand unter dem Tisch zu drücken.

Sannchen saß steif da und kaute an ihrer Lippe.

85 »Prost Sannche und Gemahl!« schrie auf einmal einer der Buwe über den Tisch, laut lachend über seinen Witz.

Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu: »Kunststück so zu sein, bei dem viele Wein!«

»Sie lieben es nicht, wenn man lebenslustig ist?« frug sie plötzlich der Maler.

»Jawohl lieb' ich des, aber ich müßt' mich schäme, wenn ich Wein bräucht', um so zu sein.«

»Können Sie wirklich das Leben lieben?«

»Ich? – ja, das thu' ich wann Sie's wisse wolle. Awer so ä Lebe nit. Ich will nit in so eem Wirtszimmer sitze uff dene harte Bänk', vorm ungedeckte Tisch in solche Kleider« – damit riß sie an ihrer Bluse herum, Thränen des Zornes und der Wut in den Augen.

Herr v. Reitz sah sie von der Seite an, es war ein eigentümlicher Blick, und er lächelte dabei. Dann sagte er abwehrend: »Ich finde es sehr nett!« und rief gleich ein fröhliches »Prost« in die Ecke hinunter.

Es dunkelte sehr bald in dem dämmrigen Hinterzimmer, und als der Wirt die Lampe brachte, sprang Sannchen auf: »Ich hab genug, ich will gehn!«

86 »Aber ich verstehe Sie nicht«, entgegnete ihr der Maler, »Sie müßten sich doch eigentlich amüsieren!«

»Eigentlich!« Sannchen hatte ein grobes Wort auf der Zunge, aber sie unterdrückte es, ihre Hände zitterten, so zornig war sie, und sie riß dem Studenten den Shawl aus der Hand, den er ihr reichte.

Dann pflanzte sie sich direkt vor Pimpernellche auf, – es war gerade, wie wenn sie die Rollen getauscht hätten – und sagte: »Mir müsse gehe, es werd dunkel.«

Pimpernellche nickte nur, lächelnd, visionär, erhob sich wie im Traum, schaute ihn an wie im Traum, ihr war alles gleich, dableiben oder fortgehn, wenn sie nur ihn sah, ihn hörte, ihn neben sich fühlte. Ganz gleich wohin und ging's in die Hölle, nur mit ihm, mit ihm.

Auch das muntere und ungleiche Kleeblatt der Drei entschloß sich zum Mitgehn, nach einer kurzen Revision der noch vorhandenen Weinreste.

Der Maler hatte Pimpernellche den Arm geboten und führte sie, wie wenn er eine Fürstin geleitete. Ihnen folgten die Drei, die langen 87 Stangen von Buwe rechts und links und in der Mitte der kuglige, selige, gerötete Einwillige, und machten sie lange Schritte, so trippelte er schnell, aber Kurven gab's bei allen Dreien, nur waren sie nicht immer parallel, und das schien die Unterhaltung zu erschweren, sie kam gleich nach dem folgenden Zwiegespräch ins Stocken.

Der ältere und längere der Buwe: »Den G'schmack versteh ich awer aa nit,« er deutete nach dem voranschreitenden Paar und stieß Franz dabei an.

Der Einwillige: »No, ich weeß nit« – Pimpernellche erschien ihm seit der Fremde aufgetaucht in ganz anderem Lichte – »sie hot doch ehr' Qualitäte.«

Der jüngste und praktischste: »Is egal, im Wein hat er G'schmack, und des is for mich die Hauptsach!«

Damit stimmten sie so sehr überein, daß ihnen alle unnötigen Reflexionen vergingen und sie in seligem Nachgenuß ein weinfröhliches Lied versuchten, das aber auch nicht parallel ging, genau wie ihre Kurven, und sich nur immer in einzelnen 88 Pointen und Glanzlichtern, also förmlich nur markiert bemerkbar machte.

In dem kleinen Föhrenwäldchen gab's den ersten Halt.

Der Maler und Pimpernellche stießen unvermutet auf Sannchen, die mit dem Verehrer vorausgegangen, nun aber allein da stand und wartete.

»Nun, mein gnädiges Fräulein?« fragte der Maler ohne jede Malice.

»Wo ist denn der Bulgare?« fragte Pimpernellche, der Sannchen sehr ungelegen kam.

»Was Bulgare!« erwiderte Sannchen grob –

»Oder Serbe« –

»Jo, er is vun Edekobe« – stieß Sannchen ungeduldig heraus, man fühlte, daß ihr das Weinen nah stand.

»Kein Serbe?« fragte Pimpernellche, nun doch etwas interessiert. »Du sagtest doch –«

»Es hot m'r halt g'falle so.«

Währenddem war der impressionistische Gesang lauter geworden, im Licht des Lenzvollmondes, der groß und blaß sich über die Föhrenwipfel hob, schob sich die gebrochene Linie der drei näher und näher.

89 »Is er ausgekniffe?« schrie der ältere des edlen Brüderpaares, als er die Situation gewahrte.

Dem Einwilligen aber kamen im romantischen Vollmondlichte, das den Goldengel wie auf silbernen Grund vor ihn hinzeichnete, alle zärtlichen Regungen wieder. Er löste sich aus der Brüder Mitte und versuchte fest und stramm wie bei einem Parademarsch vor Sannchen zu treten und ihr den Arm zu bieten, und es gelang ihm; sie nahm ihn nach einigem Zögern und mit unwirschen Worten, aber sie nahm ihn.

»Er ist gut, er kann keine Kreatur leiden sehn« sagte der Maler leis zu Pimpernellche.

Aber ihr entging der sonderbare Ton, in dem er sprach, sie dachte an anderes.

Da stand es neben ihr das Glück, es nur nicht vorübergehen lassen, die Hände nicht zurückziehen, nein, festhalten – und sie fand wirklich den Mut, die andern vorauszuschicken, sie verlangsamte das Tempo so, daß bald kein Ton der Vorausgehenden zu ihnen drang.

Mit unerbittlicher Macht kam die Liebe über Pimpernellche, immer geahnt, und unterjochte die Wehrlose mitten im Wald. Pimpernellche warf 90 Hut und Sonnenschirm auf einmal von sich, sie schnellte sich dem Freund förmlich an die Brust, daß ihr langes, rotes Haar sich löste, sie umklammerte ihn, sie küßte seine Hände, sie schluchzte und bebte und stammelte: »Alles, alles für Dich, für Deine Liebe.«

Und er hielt dem Liebesansturm Stand mit der ihm natürlichen Vornehmheit. Er hob ihr Sonnenschirm und Hut sorgsam auf, half ihr das Haar ordnen, er zog fürsorglich ihren Arm durch den seinen und sagte mit zärtlicher Stimme zwar, aber mehr vorwurfsvoll: »Aber wir müssen gehn, wirklich, wir müssen gehn!« und führte sie mit sanfter Gewalt weiter.

Doch die Schleusen ihrer Liebe waren geöffnet, unaufhaltsam quollen die Worte über ihre Lippen, ihre ganze Jugend, ihr Verlangen nach Liebe, ihre Enttäuschungen, bis er in ihr Leben getreten sei – die Stimme versagte ihr fast und sie hielt seine Hand festumklammert, sie hing förmlich an seinem Arm, daß er sie halb tragen mußte, sie sah weder Weg noch Steg.

Desto sorgsamer waren seine Augen auf den Pfad gerichtet, er störte sie mit keinem Wort, mit 91 keinem Druck der Hand, er brachte sie in stürmischem Tempo sicher zu den ihren, erreichte mit ihnen zugleich das Haus.

Als das Thor zugefallen war, fingen die Buwe in übermütiger Stimmung zu singen an, und Pimpernellche stolperte wie eine Trunkene die Treppen hinauf.

»Ich glaub', Ihr habt alle Drei en Rausch« schalt Sannchen.

»En Rausch!« sagten die Buwe und lachten.

»Einen Rausch! sagte Pimpernellche und lächelte.

Kaum war im Schlafzimmer das Licht gelöscht, rief sie zu Sannchen hinüber: »Ist er nicht einzig? Ist er nicht herrlich? Ist er nicht wie ein Prinz?« Und im Ueberschwang ihrer Gefühle kam sie an Sannchens Bett und wollte die Schwester küssen.

Doch der kleine, gekränkte, temperamentvolle Unband stieß sie zurück.

»Hör uff! ich will nix höre!«

Wie hatte er doch gesagt: »Sprechen Sie recht viel von mir mit Ihrer kleinen Schwester!«

Sie wollte das freilich nur zu oft in den nächsten Tagen, doch Sannchen setzte ihr nur Gleichgültigkeit oder gar Spott entgegen. Sie war in der 92 denkbar schlechtesten Laune, all ihre Worte waren wie Püffe und ihre Mienen wie Ohrfeigen. Die Mutter und die Brüder gingen ihr thunlichst aus dem Wege, nur Pimpernellche versuchte ihr Liebe entgegen zu bringen, der Armen! Ging sie doch selbst wie auf Rosenwolken, von Amoretten durch die Luft geleitet, das Haupt zur Sonne gerichtet, schönheitstrunken.

Freilich das Kochen litt sehr unter der Liebe, und dem Gekeife der Mutter konnte sie keine andere Waffe entgegensetzen als ihr seliges Lächeln, denn das Essen war wirklich ruiniert; die Buwe, die in Anbetracht einer allenfallsigen Wiederholung des genußreichen Spaziergangs zuerst geschwiegen, gaben schon deutlich grunzende Töne des Mißbehagens von sich.

Ach, die Wiederholung ließ auf sich warten! Pimpernellche zehrte ja von der Fülle ihrer Erinnerungen, die immer größer und bedeutender wurden, je mehr sie sich davon entfernte, aber ihre Sehnsucht war nicht einzuschläfern, sie hätte ihn ja am liebsten den nächsten Tag wiedergesehn.

Und nun waren es fünf Tage und zu ihrer Sehnsucht kam die Angst. Er war am Ende krank! 93 Sie schrieb an ihn – keine Antwort. Er war wie von der Erde verschwunden.

Wo blieb er, ihr Geliebter?

Und sie versuchte das Wort zu sagen, wie er es gesagt »Geliiiebter« – O! niemals würde sie das mit der Süße und Innigkeit sagen können. Nur einmal von ihm zu hören »Geliiiebte!«

O, diese Sehnsucht! Sie flüchtete zu Sannchen, die mußte sie verstehen, sie litt doch auch unter der Liebe. Sie fragte zärtlich: »Zürnt er Dir noch?«

»Er mir? Verkehrte Welt! Ich ihm. Überhaupt –« sie schob die Unterlippe vor und hob die Achseln, »der« –!

Wie hatte sie vor kurzer Zeit gesagt? »Und ich muß 'n habe,« und »glaabscht dann, ich krieg wiedder so enn?«

Sannchen empfand einfach roh, da zog sie sich zurück mit ihren feinen Empfindungen.

Es blieb ihr ja das Tagebuch, das sie so lang nicht geöffnet. Man schreibt nicht, wenn man erlebt!

Das letzte, was sie geschrieben, war nur das eine, heilige Wort: »Liebe«. Mit großen, schön verzierten Buchstaben stand es allein inmitten einer 94 Seite, und so sollte es bleiben, sie wagte gar nicht die Seite durch weitere Worte zu profanieren.

All ihre glühenden Erinnerungen stiegen aus dem einen Wort, sie sah ihn wieder, hörte seine Stimme – warum wollte sie zagen? Es geziemte der Liebe nicht. Sie wollte fest sein, ohne Rückhalt an ihn glauben, und sie schlug die Seite um und schrieb auf die nächste: »Ich glaube und warte.«

Nun ging sie getrösteter an die Bücher, die er ihr empfohlen und die sie in ihrer Sehnsucht vergessen. Besonders Goethes Elegieen hatte er ihr warm ans Herz gelegt und einige bezeichnet, von denen er sagte: »Gerade über die möchte ich ein ausführliches Urteil von Ihnen hören, es ist mir von größtem Wert, fast ein Studium, was Sie darüber sagen werden, da Sie doch mit voller Naivetät an die Sache gehn.«

Wie zart von ihm, so für sie zu sorgen, während er fort sein mußte, (denn sicher war er abberufen worden für kurze Zeit!) und wie zart, ihr seine Liebe durch diese Verse auszudrücken!

Wie herrlich die dritte:

    »Laß dich Geliebte nicht renn,
daß du mir so schnell dich ergeben.«

95 Dann die achte:

»Wenn du mir sagst, du habest als Kind, Geliebte, den Menschen
Nicht gefallen und dich habe die Mutter verschmäht«

War das nicht die zärtlichste Sorgfalt, auf ihre Worte also zu antworten? Er war neulich ganz stumm geblieben, als sie ihm von ihrer Jugend erzählte.

Dann die neunte, auf ihre häusliche Thätigkeit, ihr Aschenbrödeltum Bezug habende:

»– weckt aus der Asche behend
Flammen aufs neue hervor.«

Nur die letzte der von ihm bezeichneten war ihr nicht recht verständlich, aber die Schlußverse packten sie, die ihr wie ein Gebet schienen:

»Eins nur fleh ich im Stillen. An euch ihr Grazien wend ich
Dies heiße Gebet tief aus dem Busen herauf:
Schützet mir mein kleines, mein artiges Gärtchen, entfernet
Jegliches Übel von mir.«

Das schrieb sie nun ganz klein an den Rand 96 der letzten Seite ihres Tagebuches mit der Variation.

                            – »entfernet
Jegliches Übel von ihm.

Das war auch ein Nachtgebet und zwar ein erhebendes, das tröstete sie und sie ging mit hohen Gedanken friedlich und früh zu Bett; so früh, daß Sannchen, gerade als sie am Einschlafen war, nach Haus kam.

Sannchen war durchaus zum Sprechen geneigt. Sie war von der feuchten Frühjahrsluft förmlich durchtränkt, hatte einen Geruch von jungem Wald und sproßendem Grün mitgebracht, ihr ganzes Wesen war elastisch, gespannt, eine köstliche Frische ging von ihr aus und ihre Augen leuchteten.

Nichts mehr von trüber Laune und häßlichen Antworten, sie neckte sich mit den Buwe und that geheimnisvoll mit ihnen, sie sang vor sich hin, während sie ihr Haar löste, sie zog die einzelnen Goldfäden liebkosend durch die Finger, vor dem Spiegel sitzend, konnte sie sich gar nicht satt sehn an ihrem eigenen Bild; es war ein ganz ähnliches Schauspiel wie neulich, nur war mehr Erwartung, mehr Übermut, mehr siegende Gewißheit drin.

97 Sie gab Pimpernellche einen sanften Schupps mit dem Ellenbogen, anders drückte sie sich der Schwester gegenüber auch in den zärtlichsten Stunden nicht aus, sie flüsterte ihr unter Kichern ins Ohr, wie wenn sie halb daran erstickte: »Er ist wieder da!«

Pimpernellche fuhr in die Höhe, preßte Sannchen an sich und war keines Wortes fähig; endlich stieß sie heraus: »Gott sei Dank!« und sank langsam zurück, so überwältigt war sie. Doch wollte sie der Schwester ein Liebes erweisen, und sie stotterte mit Anstrengung die Worte heraus: »Und Ihr seid wieder gut?«

»Und wie!« lachte die Kleine und sprang mit einem hohen Satz in ihr Bett, daß es nur so ächzte.

»Er sagt, ich hätte Anlagen zur Tänzerin, überhaupt Anlagen –« und sie kicherte vor Vergnügen, hüllte sich mit einem Seufzer des Behagens, des Einsseins mit dem Leben, strotzend vor Lebensfreude und Gesundheit in ihre Decke und schlief sofort ein.

* * *

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