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Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Samstag war gekommen, der große Tag, den sie Herrn v. Reitz bestimmt. Sannchen hatte etwas gönnerhaft zugesagt unter der Bedingung, daß sie auch in Begleitung erscheinen dürfe. Sie war überhaupt etwas überrascht über Pimpernellches Eroberung, wenn auch nicht gerade freudig, und gab von Zeit zu Zeit skeptische Äußerungen von sich wie: »der kummt doch nit«, oder »was will dann der?«

Sie hatte vorgeschlagen nach dem stillen Thal 72 zu wandern, das die Buwe so sehr liebten, denn dort kannte sie alle verschwiegenen Pfade.

»Meiner kummt erscht weiter drauß' zu uns« erklärte sie Pimpernellche, als sie sich dem Ort des Stelldicheins näherten.

»Drück Dich doch nicht so vulgär aus« tadelte Pimpernellche.

Wie konnte man so von einem Menschen reden, den man liebte! »Meiner!« wie eine Köchin sagte sie das.

»No – o?« machte Sannchen, ganz erstaunt, hatte sie denn so was Schreckliches gesagt?

»Ach, Du verstehst mich doch nicht,« wehrte Pimpernellche seufzend ab. Jaja wie waren sie verschieden! Es überkam sie eine gelinde Furcht. Was würde er denn zu dem mehr als unbekümmerten Wesen ihrer Schwester sagen? Sie begann sich fast ihrer zu schämen.

Der Ort des Stelldicheins lag still und verlassen. Niemand war weit und breit zu sehen, sie sah sich hilflos um, und Sannchen warf geringschätzig die Lippen auf und machte das impertinent entzückende Mäulchen, das die Mutter immer zu dem Begeisterungsausruf hinriß: »Du Krott du! Du liebi Krott!«

73 Sannchen zerrte an Pimpernellches Ärmel, als sie warten wollte.

»Schäm' Dich! Gewart' werd nit. Er soll zur rechte Zeit kumme.«

Doch während sie das halbwiderstrebende Pimpernellche fortzuziehen suchte, kam er plötzlich hinter einem Baumstamm vor, wo er offenbar schon eine Zeit lang gewartet und die Damen beobachtet hatte. Er kam so nonchalant seines Wegs, wie wenn er sie eben erst erblickt hätte, seine Miene drückte Hochachtung und Reserve aus, er stellte sich mit tiefem Neigen der Kleinen vor und wandte sich dann gleich an Pimpernellche.

»Gnädiges Fräulein haben doch nicht etwa gewartet? Ich wäre unglücklich!«

»Nein – o nein« stotterte die Verlegene, die noch immer auf demselben Platz vor ihm stand, zaudernd, ob er ihr die Hand nicht reichen werde. Er that es nicht, er blieb reserviert, höflich, kühl, und doch erschien er ihr gerade so noch viel anbetungswürdiger, wenn auch viel ferner.

»Doch, wir haben gewart't« protestierte Sannchen ganz in ihrem gewöhnlichen respektlosen Ton. Respekt, so was kannte sie einfach nicht. Sie musterte 74 ihn. Nichts von seinen Stiefeln angefangen bis zu seinem Cylinder entging ihr.

»Ich bin nämlich nit gewöhnt zu warte!« machte sie schnippisch und fing an vorauszugehen, kehrte sich aber gleich darauf halb lachend wieder um, und die volle Sonne ihrer neckischen Heiterkeit fiel auf den Fremdling.

»Ich bin auch nit an solche Herrn gewöhnt, vielleicht haben's die im Brauch –«

»Verzeihen Sie!« bat der Maler, »ich wäre untröstlich über Ihre Ungnade!«

»So arg is es nit« warf sie ihm unter Lachen zu, und da sie immer schneller vorausging, folgte er ihr auch immer schneller.

»Was ist nicht so schlimm?« fragte er in leiser, eindringlicher, bedeutungsvoller Art, ihr ganz nah, die den Kopf immer noch halb nach ihm umgedreht hatte, »was ist nicht so schlimm die Ungnade oder –«

»Ich weiß nit. Sie brauchen übrigens auch nit alles zu wisse!« dazu wackelte sie etwas ungnädig mit dem Kopf, schaute ihn noch einmal von der Seite an und sprang dann rasch voraus.

75 Er kehrte sich sofort zu Pimpernellche, sah ihr tief in die Augen, dämpfte seine Stimme, es klang ganz geheimnisvoll, wie er das sagte:

»Und Sie, mein gnädiges Fräulein, wie geht es Ihnen? Ich habe die Tage gezählt bis heute –«

»Ich – ich auch.« Pimpernellche versuchte aufzuschauen, sah aber gleich wieder weg. Sie war förmlich unsicher im Gehen, sie ging wie in einem heißen Winde, der sie halb erstickte, dabei schlug ihr Herz, und war voll unsinnigen, unbegreiflichen Glücks. Sie war wie gelähmt, eine fremde, fast unheimliche Macht hatte sie erfaßt –

»Ihr Fräulein Schwester, erwartet sie jemanden, weil sie uns so vorauseilt?«

Wieder dieser warme, bedeutungsvolle Ton.

Sie sah ihn an, das heißt sie machte einen Versuch, seinen Augen Stand zu halten.

»Nein – das heißt ja, ja natürlich.«

»Oh! – Ihre Schwester hat einen Geliebten?«

Wie er das Wort aussprach »Geliiiebten«. Aber es befremdete, verletzte sie. Einen Geliebten!

»Sie ist heimlich verlobt.«

76 »Ja, das meinte ich, gewiß; aber ist das nicht schöner, der Geliebte?« Und er beugte sich zu Pimpernellche nieder.

In diesem Augenblicke tauchte an der Wegbiegung der besprochene Jüngling auf, schaute sich kurz um, ohne zu grüßen und schritt neben Sannchen ganz selbstverständlich weiter.

Der Maler hatte sich schnell aufgerichtet, er stieß einen merkwürdigen, Pfiff ähnlichen Laut aus, seine Nasenflügel dehnten sich, dann lachte er, ein gedämpftes, fast gutmütiges Lachen.

»Ich liebe Hindernisse sehr, das spornt unendlich an.«

»Sie meinen die große Jugend der beiden? Aber die Liebe –« Pimpernellche schaute ihren Begleiter diesmal wirklich an, er aber achtete ihrer nicht, lachte nur vor sich hin.

»Er ist sehr vermögend, ein Serbe glaub' ich«, fuhr Pimpernellche fort.

»Desto besser lohnt sich's« rief er lebhaft. Dann schwieg er eine Zeit lang.

»Es stecken viele Möglichkeiten in Ihrer Schwester.«

»Wie meinen Sie das?«

77 »Ich werde es Ihnen später erklären, später«, er sprach wieder in dem Ton, der Pimpernellche Schauer über den Rücken jagte, »wenn ich Sie besser kenne. Aber bis dahin, versprechen Sie mir, – ja wollen Sie das? – daß Sie nur gut von mir zu Ihrer kleinen Schwester sprechen. Und erzählen Sie ihr nur von mir, viel, recht viel, es wird Ihnen gut thun, oder – fällt Ihnen das schwer?« Er beugte sich über sie, suchte ihre Augen, hielt ihr die Hand hin.

»Wollen Sie mir nicht Ihre Hand darauf geben?«

Er nahm die Hand, strich leise darüber und drückte sie lang und innig.

»Sie haben eine schöne Hand.«

»Oh, ich bin überhaupt nicht schön.«

Er zuckte die Achseln.

»Das kommt darauf an, was man unter Schönheit versteht. Sie werden jedenfalls einem Manne unendlich viel zu geben haben. Sie sind eine jener ernsten, glühenden Naturen, ernst und glühend in der Liebe. Glauben Sie, ich hätte das nicht gleich erkannt?«

»Ich könnte für meine Liebe, wenn ich mit 78 ganzer Seele liebte, in den Tod gehn!« rief Pimpernellche, ihr Gesicht sah ganz verklärt aus.

»Das verlangt ja die Liebe selten; aber Sie wären gewiß zu Opfern bereit?«

»Ja« stammelte Pimpernellche, etwas verwirrt und erschreckt von seinen Fragen.

»Wenn ich z. B. von Ihnen verlangte –« er brach plötzlich ab. »Wo ist Ihr Fräulein Schwester? Eben ging sie noch vor uns.«

»In den Seitenweg wird sie eingebogen sein, ja, sehen Sie? Doch wie, wie wurden Sie eigentlich auf – mich – aufmerksam – warum?«

Er schien ihre Frage überhört zu haben, das heißt, er sprach fast zu gleicher Zeit mir ihr.

»Haben Sie schon geliebt?«

»Ach das war keine Liebe!«

»Wenn Sie nie geliebt haben, können Sie sich denken, wie es einem Manne zu Mut ist, der ein Wesen begehrt?«

»Oh, ich kann es fühlen!«

»Jetzt?«

»Ja, jetzt!«

»Ich danke Ihnen.«

79 Sie waren eben an der Wegbiegung, und er nahm ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen.

Auf die Kniee hätte sie sich werfen, ihm danken mögen, alles, alles hätte sie für ihn thun können, das größte Opfer bringen.

Ja das war der Sturmwind, die Macht, das Unheimliche, das war die Liebe.

* * *

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