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Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Pimpernellche

Pimpernellche war nur ihr Schmeichelname, der Vater hatte sie so getauft und niemand nannte sie mehr anders; eigentlich hieß sie Nelly, Nelly Heß und war ein kleines, altgescheites, naseweises, phantastisches und dabei doch überaus schüchternes Persönchen, für das der Name nicht schlecht paßte. Er kam nicht etwa daher, daß sich Nelly viel im Garten herumgetrieben hätte, wo das wohlschmeckende Kräutlein Pimpinell neben den anderen Salatkräutern gedieh, dem feinblättrigen Estragon und dem rauhen Borasch, er gefiel eben dem Vater und war gar nicht verwunderlich, wenn man das Kind kannte. Es war etwas Erfahrenes, Überlegtes in seinem Wesen, das sich sehr gut durch das »Pimper« ausdrückte, und wieder etwas Weiches, Ratloses, dem das »Nellche« entsprach. Stirn und Nase sahen ganz resolut aus, letztere 10 ein keckes Stumpfnäschen, aber Kinn und Mund zerflossen hilflos. Ganz gewiß keine Schönheit, das kleine Pimpernellche, und doch unter den Vieren Vaters Liebling, die Älteste, die Vernünftigste, und in seinen Augen auch die Liebenswerteste.

Nein, vom Garten kam der Schmeichelname nicht, den sah Pimpernellche selten genug; sie hatte sich schon früh gewöhnen müssen, der Mutter die meisten Pflichten abzunehmen. Diese saß die meiste Zeit im Lehnstuhl, durch eine Krankheit am Gehen verhindert, die ihr selbst als kein großes Kreuz erschien, weil sie ihr erlaubte, still zu sitzen, die Arme bequem auf die Lehnen zu legen und zuzuschauen, wie andere arbeiteten. Und es bekam ihr sichtlich, so zu leben, ihr Teint und ihre Hände, die sie sehr liebte, blieben blütenweiß, und ihr Körper wurde schön rundlich, was immer die Sehnsucht ihrer mageren Mädchenjahre gewesen war.

War Pimpernellche dem Vater gegenüber die Liebenswürdige, Verständige, so war sie den zwei Brüdern, den »Buwe« gegenüber immer hartnäckig und widerhaarig, und stets tobte zwischen den dreien der wildeste Kampf, von seiten des männlichen Teiles mit Knüffen und Püffen, von seiten des 11 weiblichen mit spitzen Redensarten, weisen Sprüchen und gelegentlicher Heulerei geführt. Trat der ernste Vater ins Haus, so verstummte alles, nur vor der Mutter gabs oft häßliche Zänkereien, für die immer Pimpernellche verantwortlich gemacht wurde, denn Mutter und Brüder lehnten sich gegen die Rechte auf, die ihr vom Vater eingeräumt wurden, und bildeten eine wortlose, aber sehr merkbare Verschwörung unter sich.

Immer sollte Pimpernellche nachgeben, immer hörte sie dasselbe von der Mutter: »Du bist die älteste, gieb du nur nach.« Das Nachgeben war gerade nicht ihre Sache, es stimmte schon eher zu ihren Pflichten, daß sie den »Buwe« weise Reden hielt und als leuchtendes Beispiel eines einwandfreien Lebenswandels sichtbar und merkbar vor ihren Augen umherging. In der Schule war sie stets unter den ersten, was man den »Buwe« niemals nachsagen konnte, und hatte sie im Zimmer bei der immer schläfrigen Mutter zu bleiben, um lange Strümpfe und kurze Socken zu stricken, so that sie's ohne Murren, obwohl sie auch mit den andern gern getollt hätte. Nun dafür sorgte die Mutter schon, daß ihr das Tollen verging, sie hielt 12 sie mit Launen und Wünschen und Befehlen so in Atem, daß Pimpernellche froh war, wenn sie nur einmal Ruhe gab. Freilich, während das Mädchen in der Schule war, schlief sie, was ihre liebste Beschäftigung war, kam die Kleine aber heim, so ging der Tanz los. Und dabei durfte sie nicht allen Wünschen nachgeben, der Vater erlaubte es nicht, denn die Mutter wünschte unvernünftig und kehrte sich gar nicht daran, daß sie schlecht standen, so oft's ihr auch der Vater sagte. Mehr wie einmal hatte es Pimpernellche erlebt, daß sie sich einfach die Ohren zuhielt und zu schreien anfing: »Du hoscht mich geheirat't, unn mir versproche, mich uff de Händ zu trage, des muscht du halte. Ich will nix Wüschtes höre, ich kann's nit, geh fort, geh nor fort!«

Alles in ihrem unverfälschten Pfälzer Dialekt, der den Vater zur Verzweiflung bringen konnte. Daß er nicht gern in den »Gemächern« der Mutter war, auch zu Haus nicht gerade mit freudestrahlendem Gesicht herumging, fand Pimpernellche selbstverständlich. Sie war die einzige, die bei ihm sein durfte, wenn er abends in seinem Zimmer arbeitete, und wenn er oft dasaß, den Kopf in den 13 Händen bergend, und ins Leere stierend, nahm ihr kleines sommersprossiges Gesicht den Ausdruck sorgender Wichtigkeit und ängstlicher Ratlosigkeit an. Sahen's denn die andern nicht, daß er sich kümmerte?

Sie sah's doch! Über ihre Märchenbücher schaute sie weg und las ihm die Sorgen von der Stirne ab. Aber sie hatte auch gleich einen Trost bei der Hand. Sie sollten nur warten, bis sie einmal groß war, und was in ihr alles steckte! In ihrem phantastischen kleinen Kopf, der mit Märchen und Geschichten vollgepfropft war, gingen die wunderlichsten Pläne durcheinander, die sie niemandem verriet, die sie in ihre Strümpfe mit einstrickte und in ihren Schulranzen mit einpackte. Sie gewöhnte sich, den Kopf wichtig und sorgend auf einer Seite zu tragen und den Leuten bekümmerte Gesichter anzumachen, dabei zwinkerten aber ihre Augen so verheißungsvoll, wie wenn sie sagen wollte: »Laßt nur mich erst wachsen und groß sein!«

Nicht, daß sie etwa immer voll Ernst und Strenge und Thätigkeit gewesen wäre, sie war sogar zu Zeiten wieder von krampfhafter Lustigkeit befallen, aber alle ihre Äußerungen der Lebensfreude fielen 14 so kläglich plump und unbeholfen aus, daß die andern sie nur hänselten und sie dann mit zornrotem Kopf davonlief.

Nur einer störte sich nicht an ihren eckigen Sprüngen und blödsinnigen Lachausbrüchen, die kein Ende nehmen wollten, und an ihrem unmotivierten Kichern – das war Vetter Franz, der ihr altgescheites Wesen sowohl wie ihre Kummergesichter mit dem ihm angeborenen Phlegma übersah und sich lieber von ihr herumzerren ließ als von ihren Brüdern braun und blau schlagen.

Sie waren Freunde und er empfing sie so manchen freien Nachmittag in dem alten Patrizierhause. War die erste, wichtigste Frage »Is die Mamme drinn?« mit Kopfschütteln beantwortet, so begannen sie ihr Wesen in dem großen Hause, das von oben bis unten nicht vor ihnen sicher war. Auf dem Speicher spielten sie Komödie, wobei Franz allerdings meistens passiv blieb, und im Keller Räuber bis »se« heimkam und die beiden aufstöberte. Erwischte sie dann Pimpernellche bei ihrem langen roten Zopf, so blieb die Hand gewiß nicht dort, sondern machte sich nachdrücklich über den Kopf her, und ihre Hand spürte man! 15 Pimpernellche zog sich in richtiger Erkenntnis der Sachlage immer gern aus ihrem Bereich zurück und betrat nie das Haus, wenn auf ihre durch die Thürspalte geflüsterte Frage: »Is se drinn?« Franz mit umwölkter Stirn bejahend antwortete.

»Se« war natürlich Franzens Mutter, eine hagere, starkknochige Frau mit gelbem Teint, die mit Vorliebe grüne und lila Hutbänder trug, was ihre Hautfarbe sehr erhöhte. Sie wurde von Pimpernellches Brüdern »Orangenkönigin« genannt, von der Mutter ihres Geschmackes wegen belächelt und von Franz und seinem Vater mit ziemlich hartnäckiger Schweigsamkeit behandelt, von allen aber eigentlich gefürchtet. Raste sie zu irgend einem Zimmer hinein, so schwiegen Mann und Kind, und hörte man ihren derben Schritt im Hausgang, so wurden die Dienstboten mäuschenstill.

Zur Zeit, als Pimpernellches Vater anfing mit schweren Sorgen herumzugehn, zerkriegte sich die Freundin und Kousine mit dem Freund und Kousin Franz. Eines Nachmittags nämlich, sie tragierte ihm eben eine große »königliche« Szene oben auf dem Speicher vor, frug er sie plötzlich, von Kauen erschwert – er kaute immer an etwas, diesmal an 16 einem »Schmeerche«, einem dicken Stück Brot mit Eingemachtem – »du, isch wohr, ehr gehn kapores, ehr machen bankrott?«

Leichenblaß, heulend und wortlos warf sie ihm ihre Papierkrone an den Kopf und raste über die vier Treppen hinunter, über die Straße und die heimischen Stiegen hinauf, immer noch angethan mit dem langen rotgeblumten Kattunvorhang, der hinter ihr dreinschleppte, in den sie sich verwickelte und die Treppen zur elterlichen Wohnung hinauffiel, noch jämmerlicher schreiend. Sollte sie es der Mutter sagen? Um keinen Preis der Welt. Sie mochte ärgerlich und immer ärgerlicher fragen: »Was hoscht dann?« ihr sagte sie kein Wort. Oder etwa den Brüdern, die sie wie besessene Derwische umtanzten und sich in die Finger bissen vor Vergnügen über ihren Aufzug? Nein, das trug sie allein. In ihren Kattunvorhang gewickelt, saß sie auf einem Schemelchen am Ofen und ließ die Mutter schelten und die »Buwe« lachen.

Solch eine Roheit! Das hätte sie von Franz nicht erwartet. »Ehr gehn kapores«. Kapores hatte er gesagt! Dieser Ausdruck! Und das war doch gar nicht wahr, nein, so schlimm stand's gewiß 17 nicht. Am Abend stellte sie sich mit Herzklopfen beim Vater ein und nachdem sie lange stumm bei ihm gesessen und vor Aufregung Gesichter geschnitten hatte, traute sie sich endlich mit ihrer großen Frage heraus: »Machen wir Bankrott?«

»Wie kommst du zu der Frage?«

Sie hatte gar nicht geglaubt, daß der Vater so bös aussehen könne! Die zwei dicken Falten auf der Stirn! Hätte sie doch lieber nicht gefragt! Das Weinen würgte sie und sie rutschte vor Scham und Ratlosigkeit auf ihrem Stuhl hin und her. Am Ende hatte sie dem Vater viel weher mit ihrer Frage gethan wie Franz ihr!

Und sie bot solch ein Bild des Schmerzes, daß der Vater sie auf die Kniee nahm, ihr zuredete und sie zu beschwichtigen versuchte, als ihre Thränen nun wirklich in ausgiebiger Weise rannen. Nein, es war nicht gar so schlimm, wenn es auch nicht gut stand. Sie und die andern alle sollten sich nur merken, daß sie sparen mußten, und alle sollten ihre Pflicht thun, wie er sie that.

Pimpernellche hielt sich steif aus den Knieen des Vaters und traute sich nicht seine Liebkosungen zu erwidern, nur als er ihr sagte: »Du bist ja mein 18 verständiges Mädchen«, nickte sie heftig mit dem Kopf, denn all ihre Pläne fielen ihr wieder ein.

»Ich will helfen«.

An Franz ging sie wie ein Automat vorbei, nur drehte sie den Kopf zur Seite. Er hatte sie zuerst in gutmütiger Weise wieder angeredet, doch da sie ihn keines Blickes würdigte, bespöttelte er sie nach Jungenart wie die andern.

Also Franz war verloren, und die »Buwe« freuten sich noch dessen und lachten sie aus. Jetzt blieb ihr nur mehr die kleine Schwester, das goldlockige Sannchen, das sie sowieso schon zärtlich geliebt hatte.

Von nun an konzentrierte sich alles auf die Kleine, kein Opfer war ihr zu viel, sie versagte sich alles und gab dem kleinen, von allen verzogenen Nesthäkchen, was sie nur entbehren konnte.

Es gehörte zu ihren größten Freuden, die kleine Schwester im weißen Kleidchen in den Park zu führen. Sie hatte ihr von ihren Sparpfennigen eine blaue Schärpe gekauft und war vor Entzücken außer sich, wenn sich alles nach dem reizenden Kinde umdrehte, das jeden anlachte und seine Goldlocken kokett über die Schultern warf, 19 das zierliche Knixe machen konnte und die Füßchen setzte wie eine Prinzeß. Da stand Pimpernellche daneben in seiner jungen Ältlichkeit und war so stolz, wie wenn sie die Mutter Sannchens gewesen wäre.

Die Kleine ward nicht nur von Pimpernellche, sondern auch von den Buwe und von der Mutter erst recht verzogen, und war zu Zeiten ein recht garstiges, eigensinniges Kind, das außer sich geraten konnte, wenn es nicht sofort alles bekam, was es begehrte, ganz wie die Mutter.

Vor dem Vater hatte Sannchen Furcht, ihm zeigte es nur seine liebenswürdigen Eigenschaften und verstand es, ihm so zu schmeicheln, daß er der reizenden Kleinen kaum etwas abschlagen konnte. Nur in der letzten Zeit wollte er sie nicht sehen.

Spät am Abend kam er vom Geschäft heim und schloß sich in sein Zimmer ein, die halbe Nacht arbeitend. Das eine oder andre Mal erlaubte er Pimpernellche bei ihm sitzen zu dürfen, doch bedrückte sein düsteres, sorgenvolles Wesen das Mädchen so, daß es oft still aus dem Zimmer schlich und in seinem Bette weinend einschlief.

20 An einem Novembermorgen in aller Frühe fuhr Pimpernellche erschreckt aus dem Schlaf in die Höhe. Es war einer jener grauen, schweren Tage, wo die Frühlichter braunrot brennen und dicke Nebel in den Straßen liegen, die klebrig und schwarz sind. Rieke, das Dienstmädchen, stand mit einer qualmenden Lampe vor dem Bette der Mutter und suchte sie zu wecken.

Riekens gutmütiges, dummes Gesicht war von Thränen überströmt, ihre Hände zitterten, und sie brachte nichts heraus wie: »Der Herr, der Herr!« Die Mutter wehrte schlaftrunken und scheltend ab, da sprang Pimpernellche mit einem Schrei aus dem Bett: »Der Vater, der Vater!« und lief im Hemd nach seinem Zimmer, alle Thüren hinter sich auflassend. Bald erfüllten ihre Rufe und ihr lautes, schmerzliches Weinen das Haus. »Mutter! Mutter!« zum ersten Mal rief sie die Mutter um Hilfe und klammerte sich an sie an, als diese endlich verstört und selber weinend wie ein Kind nachkam.

Da lag der Vater tot und kalt auf dem Divan, ganz wie wenn er schliefe, die große Lampe mit dem grünen Seidenschirm brannte noch wie sie die ganze Nacht gebrannt, die Bücher lagen 21 aufgeschlagen und ein Glas Wasser stand halb ausgetrunken auf dem Tisch.

Das kleine Dienstmädchen erzählte unter Schluchzen, daß der Herr einmal in der Nacht geläutet habe, daß es ihm nicht gut gewesen sei, daß sie aber niemanden hätte wecken dürfen. Doch weil er so schlecht ausgesehen habe, sei sie wach geblieben und habe vorhin nachgesehen, und da sei er schon ganz kalt dagelegen.

Pimpernellche starrte das graugelbe Gesicht des Toten an. Konnte das sein? Gestern noch war sie bei ihm gesessen, und er hatte sie scherzend zu Bett geschickt und heute lag er tot? Es konnte nicht sein, es konnte nicht sein! So grausam durfte doch Gott nicht strafen!

Sie schleppte sich in die Schlafkammer zurück, wo die in Eile verlassenen Betten wirr durcheinander lagen, auf den Knieen liegend vergrub sie den Kopf in die Kissen und klagte und schrie und verzweifelte an Gott und beschwor ihn wieder: »Laß es nicht wahr sein, laß es nicht wahr sein!«

Sollte sie denn gar Keinen haben? Und sie rief in leidenschaftlichen Tönen nach dem Toten, 22 sie sah ihn vor sich und bedeckte ihn mit Küssen. Wie ein ungestümer Quell brach ihre versteckte scheue Zärtlichkeit hervor, ein ungeheueres Schuldgefühl peinigte sie, daß sie dem Toten nicht mehr Liebe gezeigt, und sie preßte ihr flammendes Gesicht in die kalten Bettlaken, während ihr magerer Körper vor Kälte zitterte.

Draußen fiel lautlos ein wässriger Schnee, der sich an die Fenster legte und träge wieder zerfloß; zögernd kam die Helle in einem breiten Streifen durch's Fenster gekrochen.

Plötzlich überkam das vor Frost zitternde Kind ein ungeheures Mitleid mit sich selbst, mit dem armen Kinde, dem man alles, alles nahm, dem nichts blieb wie Härte und Lieblosigkeit, sie fühlte ein Bedürfnis, sich das zu sagen, sich gleichsam zu schlagen mit dem eigenen Schmerz, und fühlte eine Genugthuung vor Frost erstarrt da zu liegen in Leid und Weh. Zuletzt kroch sie aber doch in die Kissen und als sie wieder warm war und drüben die Stimme der Mutter in den schrillsten Tönen klagen hörte, zog sie sich an, um zu ihr zu gehn.

Das war nun das vernünftige, altgescheite Pimpernellche wieder, das die Mutter tröstete; 23 nicht wie ein Kind die Mutter, sondern wie eine Mutter ihr Kind. Nicht mit weichen Worten und Liebkosungen, sondern klar und vernünftig suchte sie ihr zuzureden. Aber das half alles nichts. Sie schrie nur immer: »Er war immer so, alles heimlich, und jetzt macht er's widder so! ach Gott! ich überleb's nit! Nit ämol im Bett g'storbe! und die Buwe sin doch aach noch da!«

Ja freilich waren die noch da und mitten im Studium und sollten nun weiter lernen, obwohl sie faule, nichtsnutzige Schlingel waren, die einer strengen Zucht bedurft hätten. Und sie war auch da und wollte lernen und zwar noch recht viel und Sannchen – oh, sie wußte alles!

Wer frug denn jetzt danach? Wenn nur der Vater gelebt hätte, lieber hätte sie nun geputzt und gefegt ihr Leben lang, aber da trugen sie ihn fort und ließen sie mutterseelenallein für immer, denn das fühlte sie, die Mutter und die Brüder waren ihr nicht näher gekommen durch den Tod des Vaters.

Den ersten Tagen des leidenschaftlichen Schmerzes folgte eine Zeit dumpfer Trauer und Leere. Es war Pimpernellche, als hätte sie nichts mehr auf 24 der Welt zu thun, bis der Vormund kam, der die ganze Familie versammelte, schließlich aber alle hinausschickte und nur Pimpernellche behielt, weil er mit der konfusen Mutter und den Buwe, die ihn nur stier und schläfrig anschauten, nichts anfangen konnte.

Der Vormund war Franzens Vater, ein gutmütiger Mann von etwas phlegmatischem Temperament, der nur durch den Willen seiner Frau zu irgend etwas von Wichtigkeit angetrieben werden konnte, und der sich ohne ihre Zustimmung kaum einen Entschluß zu fassen getraute. Die Rolle des Vormunds machte ihm nicht nur keinen Spaß, sondern beängstigte ihn. Entschlüsse fassen, dirigieren müssen war nicht seine Sache und jemandem Schmerz zufügen noch weniger. So saß er mißmutig und beinahe verlegen Pimpernellche gegenüber und versuchte ihr die Verhältnisse klar zu machen.

Das kleine Persönchen, noch schmächtiger und eckiger aussehend in dem schwarzen Trauerkleide, hörte mit leidlicher Fassung die umständlichen Auseinandersetzungen des Vormundes an. Also es stand schlimm. Etwas würde ja wohl bleiben vom 25 Verkauf des Geschäftes, vom Vermieten des Hauses, natürlich müßten sie sich auf das alleräußerste einschränken, die Wohnung verlassen und die kleinste im Haus dafür nehmen, das Dienstmädchen fort thun – Pimpernellche sprang mit einem Schrei auf. Das ging sie an. Das hieß nichts anderes, als sie müsse den Dienstboten machen, weg vom Institut, von allem Schönen und Hohen, alle, alle Träume begraben! –

Sie fing bitterlich zu weinen an, so daß der Vormund versprach, er wolle sich alles noch einmal überlegen, genau berechnen. Aber nach ein paar Tagen kam er wieder und nun war's für immer aus, denn »sie« wollte es durchaus nicht.

Pimpernellche war in diesen Tagen ein paar Stufen von der erträumten Leiter ihrer Herrlichkeit heruntergestiegen. Sie legte mit tragischen Geberden die »Schauspielerin« beiseite, die sie bis jetzt als »hehres Ziel« vor Augen gesehen, und machte sich daran, die Kosten für einen Gelehrtenberuf zu berechnen, denn etwas Besonderes mußte doch aus ihr werden, das war von jeher bei ihr festgestanden. Aber auch dieser schöne Wahn sank und sie stieg tiefer und tiefer. Sie mußte wohl Erzieherin oder 26 Lehrerin werden. So brachte sie also dies große Opfer, wenn auch von Zeit zu Zeit ihre Phantasie wieder aufschäumte und sie höher hob, sie blieb doch zuletzt bei der Lehrerin und den Kampf wollte sie mit dem Vormund ausfechten.

Es wurde aber gar keiner, denn gegen »ihren« Willen und »ihre« Meinung war nichts zu thun. Wie hatte sie nur glauben können! Überdies wußte ihr der Vormund ihre Pflicht so klar zu machen und behandelte sie ganz als Erwachsene, daß sie, die eine gute Portion Pflichttreue vom Vater geerbt, sich ergab. Natürlich drapierte sie sich in dieses ihr großes Märtyrertum und es war ihr ein Sporn, vom Vormund quasi als Haupt der Familie behandelt zu werden.

Nur hatte sie sich's doch leichter gedacht. Die ewigen Schimpfereien und Heulereien der Mutter, die die Wohnung nicht verlassen und keine ihrer Bequemlichkeiten entbehren wollte, die Brüder, denen es gar nicht einfiel, sich einzuschränken, und die kleine Schwester, die ganz naiv weiter begehrte, verleideten ihr alles und nahmen ihr das bischen guten Willen und verwandelten es in Bitterkeit. Sie war sich klar, daß sie Jahre zu diesem Dasein verdammt 27 war, und daß es ihr kaum gelingen würde sich davon loszumachen.

Die Vierzehnjährige konnte vom Ernst des Lebens reden und von der Öde des Daseins, wie es sonst nur Menschen thun, die große Enttäuschungen erlebt. Allerdings that sie das mit einem übertriebenen Pathos, das in Anbetracht ihrer Jugend etwas Lächerliches hatte, aber es fanden sich doch manche, die ihr eine außergewöhnliche Reife und einen feinen Verstand andichteten und da sie anfing spöttisch zu werden und mit ihren Altersgenossen nicht verkehrte, fürchteten sie manche, besonders weil sie ihnen gegenüber eine ganz ungewöhnliche Überlegenheit hervorkehrte. Sie haßte förmlich alles Leichte, Fröhliche.

An einem hellen Maitag stieg sie mit einem Bündel Wäsche die Stiegen hinauf, als Franz, der in Gedanken zu ihrer alten Wohnung gekommen war, lachend wieder heruntersprang. Gleich faßte er sie in seinem Übermut um den Leib, drehte sie herum und wollte sie die Stiege mit hinabziehen. Sie, ganz von Verachtung erfüllt für seinen Leichtsinn, sah ihn mit einem strengen, alten Tantengesicht an, hielt sich 28 steckensteif und sagte: »Schäm' dich! wo Vater doch –« im selben Augenblick kamen ihr aber die Thränen mit solcher Macht, daß sie sich auf die Treppenstufen setzen mußte, das Bündel Wäsche auf den Knieen.

Der Junge, gutmütig und verlegen, setzte sich neben sie und versuchte unbeholfen ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen:

»Sei doch nit so«, sagte er halblaut, »es ist so schönes Wetter heut,« gleich wurde er aber puterrot, schämte sich furchtbar, daß er so was dummes gesagt und riß ihr die Hände von den Augen.

Dabei kollerte der Wäschebündel von Pimpernellches Schoß die erste Treppe hinunter, dann die zweite und fiel auseinander, die zwei schreiend hinterdrein, Franz von Herzen lachend, Pimpernellche bitterbös.

Aber er half ihr getreulich zusammensuchen, tröstete sie und erbot sich ritterlich ihr beim Auswaschen und Aufhängen zu helfen, daß sie ihm nicht bös sein konnte, zudem er versprach kein Wort zu verraten.

Nun schlichen sie vorsichtig zur Waschküche und Franz band sich eifrig eine Schürze um und ließ 29 sich unterweisen. Sie fanden das so drollig und spaßhaft, daß selbst Pimpernellche herzlich lachte und Franz, nachdem er ihr die Wäsche auch noch nach dem Speicher geschleppt und rot und pustend sich beim Aufhängen beteiligte, nicht nur Verzeihung fand, sondern von nun an eine hervorragende Stelle in ihrem Herzen einnahm.

Ganz nach Kinderart noch liebte sie ihn, sie zeigte ihm auch nichts davon, aber sie dachte gern an seine gutmütigen Augen und seine warmen täppischen Kinderhände.

Es war überhaupt nicht ihre Art Zuneigung zu zeigen, sie erschien selbst Sannchen, die sie doch zärtlich liebte, immer als die Harte, die Weise, die Naserümpfende, die Erfahrene, und erst den Brüdern! Die haßten sie förmlich, sie ließ ihnen aber auch gar nichts hingehen, in ihrer Unerfahrenheit und Pflichttreue meinte sie, sie müßten ebenso korrekt sein wie sie.

Manchmal rappelten sich die Buwe aus ihrem für gewöhnlich faulen und bockigen Widerstand auf, und es kam zur offenen Rebellion. Dann stellte sich natürlich die Mutter auf Seite der armen Mißhandelten, die rein gar nichts von 30 ihrem »Lewe hawe sollten«, und es brach ein endloses Lamento aus über Pimpernellches schändliches Benehmen, über ihre Knauserei.

Sie lebten doch weiß Gott wie die Bettler und wo das Geld hinkam, wußte man nicht, und keine Freude, keine Erholung hätte sie, die kranke Frau! Dabei konnte sie einen Strom von Thränen vergießen (das konnte sie immer), daß die andern sie gleich tröstend umstanden und Pimpernellche mit Vorwürfen überschütteten.

Kam sie nach kurzer Zeit wieder herein, noch zitternd vor Ärger und Aufregung, so war drinnen alles eitel Ruhe und Sorglosigkeit.

Die Mutter kaute an ihrer Chokolade, die sich seit langem als ein probates Tröstungs- und Ablenkungsmittel erwiesen, und Sannchen knabberte verstohlen mit. Die Brüder lümmelten am Fenster, hatten acht Finger andächtig zwischen den Zähnen und die Nase platt an den Scheiben und thaten so, als ob sie ihre Aufgaben repetierten.

Ob Pimpernellche eine Freude oder eine Erholung brauche, daran dachte kein Mensch. Ließ sie nur das Geringste davon verlauten, so war 31 großes Geschrei und die Brüder wollten sich ausschütten vor Lachen.

Ansprüche? Was wollte sie denn um Himmelswillen? Solch eine »wüschte« Kreatur? Wer machte sich denn etwas aus ihr? Sie sollte nur in ihrer Küche bleiben, wozu war sie denn sonst auf der Welt?

Mit Sannchen war das ganz etwas anderes. Von Anfang an hatten es alle, selbst der Vormund für selbstverständlich gehalten, daß sie im Institut blieb, auch mußte sie immer gut angezogen sein, weil sie doch »mit de bessre Mädcher« ging. Zum Arbeiten im Haus hatte sie nie Zeit, dagegen wurden ihr stets Spaziergänge und dergleichen erlaubt, selbst Pimpernellche war ihr gegenüber schwach und freute sich, wenn sie rosig und frisch, »schön geputzt«, mit ihren Freundinnen die Straße hinunter schwänzelte.

Auch die Brüder verkehrten mit dem »Kind« in einer Art derber, täppischer und ungeschlachter Galanterie, die sich in Kneipen in die Arme, Tragen der Schultasche, Teilen von gestohlenem Obst und dergleichen äußerte.

32 Sannchen nahm alles an, wie wenn es ihr gebühre. Sie war kein liebenswürdiges, eher ein mürrisches, launisches Mädchen, das nur bitten, betteln und schön thun konnte, wenn es etwas erreichen wollte.

Ging es nicht nach Wunsch, so konnte sie bitterbös werden und häßliche Redensarten ausstoßen. Sie zerriß alles was ihr unter die Finger kam, biß und kratzte und suchte der Schwester obendrein noch irgend einen heimtückischen Streich zu spielen, der ihr eine kleine Freude nahm. Freilich weinte sie dann wieder darüber und versuchte Pimpernellche zu trösten.

Im Übrigen fand sie es ganz in der Ordnung, daß nichts für Pimpernellche und alles für sie war, auch daß die Ältere stets zurücktrat; in der Ansicht wurde sie natürlich von der Mutter bestärkt, die oft beim Anblick Sannchens seufzte: »ach des arm' Kind!«, worauf diese sofort prompt mit einem Thränenguß reagierte.

Sie war es doch, weiß Gott, die Opfer brachte! Wenn man ihre Freundinnen ansah, wie die angezogen waren, und wenn man sie von zu Hause reden hörte! Sannchen ballte oft die Hände vor 33 Wut und räsonnierte den ganzen Tag in der Wohnung herum, weil ihr nichts recht war.

An einem Sonntag kam sie einmal ganz aufgeregt aus der Kirche nach Haus, sie hatte Geburtstag gehabt, ihren vierzehnten, und ein neues Kleid bekommen, das das praktische Pimpernellche in einem schönen Grau gewählt hatte.

Dies neue Kleid nun, an dem sie zuerst viel Freude gehabt, warf sie so verächtlich beim Ausziehen auf den Boden, mit solch erregten Geberden, daß Pimpernellche gleich wußte, es sei was los. Endlich nach verschiedenen Anläufen und dunkeln Redensarten kam's heraus.

Franz war ihr begegnet und hatte sie angesprochen, Franz, der ihr Haus schon seit langer Zeit mied, weil er sich mit den zwei groben jungen Herrn gezankt.

Und warum er sie angeredet? Es war nichts weiter als Hohn.

»Warum hast Du denn kein solch schönes, weißes Kleid an, wie Doktors Cläre, es müßt Dir viel besser stehn, besonders mit blauen Schleifen. Schaff Dir doch eins an, Du würdest mir ausgezeichnet gefallen.«

34 »Und die Cläre ist doch ein nett' Mädche und – und« heulte Sannchen und wußte ihres Jammers kein Ende. Mit den Füßen stieß sie das graue Kleid weg und warf Pimpernellche böse Blicke zu.

Die Mutter aber horchte auf: »Soso, ei, ei, der Franz! Guck ämol do!« Franz hatte doch die ganze Familie geschnitten wegen seines Streites mit den Buwe und nun –?

Franz war Primaner, studierte in Karlsruhe, und kam nur zu Ferien nach Haus. Er trug sich »foin« wie Frau Heß, Sannchens Mutter, sagte. Besondern Eindruck hatte ihr immer ein heller Überzieher neuesten Schnittes gemacht, in dem er auch gern an heißen Tagen prangte. Er ließ sich alles in Karlsruhe machen, bezog seine Stiefel aus Mainz vom allerersten Schuster und verachtete diejenigen, die gezwungen waren, in seiner Vaterstadt arbeiten zu lassen.

Merkwürdig oft war der Franz jetzt immer zu Hause, seitdem er Sannchen angeredet, fast jeden Samstag, und eines Tages erschien er wieder ganz unbefangen »in's Hesse«.

Die Mutter saß im Lehnstuhl, halbschlafend wie immer.

35 »Gutn Tag. No, wie geht's? Springen Se alleweil noch wie ä Hirsch, Madame Heß?«

Er hatte immer solche Scherze geliebt, und Frau Heß, die sonst sehr beleidigt war, wenn man auf ihren wachsenden Leibesumfang oder ihre Trägheit anspielte, lächelte huldvoll zu seinem Witz. Sie hatten sich immer ziemlich fremd gestanden, nie gedutzt, sie hielt ihn für den Verderber ihrer unschuldigen Knaben und hatte ihn mindestens danach behandelt.

Heute behandelte er die Buwe gönnerhaft, mit der Miene des Weltmannes, den Zwist ignorierend, bot er ihnen Zigarren an, die sie unter mütterlichem Angstgeschrei und dito verzweifelten Abwehrungsversuchen gierig zu dampfen begannen. Die Folgen ließen nicht auf sich warten, nichtsdestoweniger schüttete Madame Heß die volle Schale ihrer Huld über den dicken Franz aus.

Sie verstand. Wenn nur Sannchen auch verstanden hätte! War er da, gab sie ihm schnippische Antworten, echte Schulfratzenantworten, oder sie ging gleich gar nicht ins Zimmer.

»Was brauchscht'n Du immer vunn Karlsruh' rüwer zu fahre, bleib drüwwe!« sagte sie ihm.

36 War er fort, warf sie den Kopf nach hinten und that verächtlich.

»O der kleen, dick' fett' Kerl, nix wie Kleeder hot er.«

Vor einem Jahre noch hatte er sie ganz als Kind behandelt und versucht, sie in die Waden zu kneifen, das vergaß sie ihm nicht.

Aber der gute, dicke Franz war beharrlich. So manchen Samstag saß er geduldig der ewig klagenden Mama Heß gegenüber und wartete. Nur kam dann Sannchen entweder sehr spät oder gar nicht nach Hause. Daß sie während der Zeit mit ihren Freundinnen – manchmal waren auch ein paar Freunde dabei – draußen herumzog und sogar eine Flamme im Herzen trug, ahnten weder Franz noch die Mutter, selbst nicht die Brüder, die sonst alles von ihren Kameraden erfuhren.

Die Buwe hatten zu der Zeit einen feinen Sinn für die Schönheiten der Natur. Alle Samstage zog es sie in ein schönes, stilles Thal, in dem ein einsamer Wirt, der auch ein ähnlicher Naturfreund war, unzählige Halbe an sie unter Verschwiegenheit und für wenig Bares schenkte.

37 Sie begannen mit Sannchen rauher umzugehn, sprachen viel von Germanentum, Sittenreinheit, Einfachheit, Stärke, Kraft und Ehrlichkeit, schliefen am Sonntag immer wie die Bärenhäuter, spielten mit Bierkrügeln Fangball, rangen – d. h. balgten sich – miteinander, lachten stets in tiefen Tönen »hohoho«, hielten sich lange, ellenlange heimliche Pfeifen mit blaugelbroten Quasten und wurden von Franz als »komplett ruppig« bezeichnet.

Pimpernellche aber schwamm in eitel Glück und Freude. Franzens Besuche waren schon seit langer Zeit für sie wie ein Geschenk des Himmels, ja ihr einziges Glück gewesen. Immer hatte sie Franz ein wärmeres Gefühl bewahrt, seit der Kinderliebkosung.

Nun war aus dem kleinen rotbackigen Franz ein starker Franz mit dichtem Blondhaar geworden, nach dem sie immer verborgen vom Gangfenster aus schielte, während er sich draußen etwas arg geräuschvoll die Füße abkratzte. Er that natürlich, wie wenn er zum Besuch der Brüder käme, und getraute sich nicht mehr zu ihr zu sagen wie im Gang ein schnelles »Gu'n Tag Nelly« – er sagte immer »Nelly!« – »sin' die Buwe drinn?«

38 Wenn sie dann aber wieder in der Küche hantierte, legte sie jedem Wort, jedem Ton, jeder Bewegung Bedeutung bei, wie er ihr die Hand bot z. B., manchmal vergaß er's auch, dann hatte sie ihn natürlich erzürnt, und sie war tief unglücklich. So phantasierte sie sich eine Liebschaft zusammen, von der der beteiligte, schwer betroffene Franz keine Ahnung hatte.

Später, als das große Unglück für ihre Liebe kam, der Bruch mit den Brüdern, hatte sie wohl viel geweint, Tag und Nacht, denn diese reine, heilige Liebe war doch der einzige Stern im Dunkel ihres Daseins, hatte täglich auf einen Brief gewartet, der nie kam, hatte Franz auf der Straße flehentliche Blicke zugeworfen, die er nicht sah – er machte vor ihr kehrt wie vor den andern.

Wie schwer mußte der Edle gekränkt worden sein, daß er ihr diese Prüfung auferlegte! Aber sie hielt aus, still, tapfer und demütig, und nun kam er wieder! Kam wieder schöner und feiner als die andern Männer, äußerlich vor ihnen ausgezeichnet, ein Weltmann. Doch auch sie war nicht mehr das schüchterne, schmalbrüstige und unbeholfene Kind, ein großes Mädchen war sie geworden, 39 breitschulterig und breithüftig von der vielen körperlichen Arbeit; wenn ihr auch die Fülle etwas fehlte, eckig war sie nicht mehr und schüchtern, auch sie konnte Weltdame sein, wie er Weltmann.

Sie begrüßte ihn freudig, aber mit der einer Dame geziemenden Reserve, sie war viel im Wohnzimmer anzutreffen, trotz der mißbilligenden Blicke der Mutter. Doch merkwürdig! bei längerem Verkehr stellte sich heraus, daß er, der Lustige, Muntere, still und blöd in ihrer Nähe wurde, unruhig auf seinem Stuhl hin und her rückte, wenn sie ihm von ihren Büchern erzählte oder gar ein kleines Gedicht vorlas. Ihr Herz jubelte, wie ihn die Liebe zag machte, den Stolzen!

Nur der Abschied war immer besonders herzlich, und seine Augen leuchteten auf, wenn sie ihm die Hand bot, weil sie häusliche Pflichten riefen.

Damals las sie »Dreizehnlinden«. Das hatte sie sich gewahrt, die Verehrung für ihre Bücher, und so manche Nachtstunde saß sie zusammengekauert in der Küche und las bei einem Kerzenstümpchen. »Dreizehnlinden!« und Franz, der kräftige, träumerische, blonde Recke war Elmar, ihr Elmar. Hundertmal unter dem Kochen seufzte sie »Elmar«! und es 40 war ihr sogar schon passiert, daß sie von Franz gesprochen und ihn »Elmar« genannt hatte.

Die Situation dauerte über ein Jahr und Pimpernellche sah sich immer noch als die Ursache der heimlichen Besuche Franzens an, er dagegen befand sich immer noch gleich unbehaglich in ihrer Nähe. Er fürchtete sie, wußte nichts aus ihr zu machen, hielt sie für überbildet und spöttisch und dank dem schlecht verhehlten Jammer der Mutter und irgend einer brüsken Bemerkung der Buwe für eine Art von Hausdrache.

So was war seiner friedfertigen Natur ein Gräuel, davon hatte er genug zu Hause! Zudem war sie in ihrer Magerkeit durchaus nicht sein Geschmack, war so alt wie er und kam überhaupt für ihn nicht in Betracht, seine Liebeslinie bewegte sich einige Jahre tiefer. Von ihrer stillen und entgegenkommenden Anbetung merkte er, selber bis über die Ohren verliebt, gar nichts.

Ach! und er liebte unglücklich! Sannchen verstand seine vielen Besuche, seine zarten leisen und zarten lauten Andeutungen gar nicht, sie lachte dazu. Welch ein Kind! Aber sie würde noch verstehen lernen, wenn er erst kam an Weihnachten 41 in der schmucken, blauen Dragoneruniform, das mußte sie blenden!

Und der Herr Freiwillige kam. Sporenklirrend, kurzgeschoren, mit hochwattierter Brust, über die die Schnüre der Uniform nur so spannten. Einen Zwicker hatte er sich beigelegt und ein Armband, das sich des öfteren nicht ganz ohne Zufall aus den Manschetten stahl und von ihm mit einer eleganten und zugleich energischen Bewegung zurückgeschleudert wurde.

Sannchen war nun fünfzehnjährig, körperlich sehr entwickelt und noch ebenso rosig und lockig wie als Kind.

»Goldengel« nannten sie die Studenten, während Pimpernellche in der Stadt »s Hesse Rothche« hieß.

Sannchen war ein wenig faul, verträumt, ein ganz klein wenig sentimental, ohne je die Realität in ihrem Interesse außer acht zu lassen, nicht allzu gefühlvoll, ziemlich rasch im Erfassen und schnippisch und treffend in der Antwort; nach außen sehr offen scheinend, repräsentierte sie ein gut Teil pfälzischer Art.

Dem Herrn Franz trat sie sehr seriös entgegen, nannte ihn trotz der Verwandtschaft »Sie« und 42 duldete durchaus nicht, daß er sie mit »Du« anredete. Seine offenen und etwas forciert kecken Huldigungen nahm sie mit überlegener Kühle auf, so, wie wenn sie dergleichen schon lange gewöhnt sei und kaum der Beachtung wert fände.

Das entflammte jedoch den kühnen Krieger erst recht.

Er schloß sich, wenn auch mit der Herablassung, die er seiner Uniform schuldig war, den Buwe noch enger an, zog sogar mit ihnen nach dem stillen Waldthal, wo er wie sie laute Lieder sang, bunte Mützen trug und mit dem Schläger fuchtelte. Von Treue, Herrlichkeit und Freiheit brüllten sie, die Zeche bezahlte großmütig Franz, und beim Nachhausegehn steckte er ihnen Zettelchen zu, die sie an Sannchen abgaben.

Sannchen pflegte sie zu entfalten, ihr Gesicht zu einer Fratze zu verziehen, sie zusammenzuknüllen und den Buwe ins Gesicht zu werfen, was sie als einen famosen Witz mit ihrem »hohoho«-Baßgelächter begleiteten.

Zwischen Pimpernellche und dem edlen Krieger änderte sich das Verhältnis. Er saß ihr nicht mehr scheu gegenüber, er war zu ihr von »edler 43 knapper Würde.« Er war auch nicht mehr der träumerische Jüngling, ein kühner Mann war er geworden, er war der Herr, dem sie sich demütig neigen mußte.

»Hier bin ich, Deine Magd, Deine Dienerin, ganz Dein Eigen, hebe mich auf und mache mich zu Deiner Herrin.«

Doch er wollte sie prüfen, er ward hochfahrend, kaum bemerkte er sie, nachlässig nur grüßte er, und wenn er sich den Mantel reichen und beim Anziehen helfen ließ, dankte er nicht einmal. Sie war seine Magd, ja, gewiß, sie war seine Magd, – immerhin – Pimpernellche machte die Augen unter Tags etwas weiter auf wie sonst, und in der Nacht schloß sie sie wenig und starrte und weinte auch, und sie fing an Konturen zu sehen, die ihr gar nicht gefallen wollten, und eines Abends sollte ihr die nackte, grausame Wahrheit klar werden.

Franz saß mit den Buwe in ihrem kleinen Zimmer. Die zwei angehenden Primaner hatten eingefeuert, daß der eiserne Ofen förmlich pfauchte. Pimpernellche hatte Bier in einem großen Krug für die drei besorgt und nun ging der »Humpen« 44 – es war zwar nur ein ganz alltäglicher blau und grauer Krug – rum. Da saßen sie und brüllten in das tabaksqualmige Zimmer:

»Oo alte Bu-u-u-rschenherrlichkeit« und um dem »Einwilligen« zu gefallen – so nannten sie ihn witziger Weise! – auch: »O Elslein, liebstes Elslein«, und der lauteste war der Herr Soldat. Er hatte seinen Waffenrock der Bruthitze halber abgelegt, saß im Hemd, die Ärmel weit offen, dort, hatte eine blaugelbrote Mütze auf und eine erschrecklich lange Pfeife mit blaugelbroten Troddeln in der Hand, aus der er in den Pausen, in denen er nicht sang oder trank, ungeheuerlich viel Rauch blies.

Also sah der Held aus, als Pimpernellche, den Busen von Liebe, Eifersucht und Schmerz geschwellt, eintrat, gänzlich ungerufener Weise. Bei ihren ersten Schritten fuhr der Kriegerstudent zusammen, wähnend, es sei die Geliebte. Er ließ die Pfeife fallen vor Schrecken über den unwürdigen Anblick, den er ihr jetzt von hinten bieten mußte, und schnellte auf, seinen Waffenrock zu ergreisen. Aber die Buwe dämpften seinen Eifer. Karl der 45 Ältere, »Kall« ausgesprochen, drückte ihn gleichmütig nieder: »'s isch nor der Pimpernell«.

»Ach so!« machte er, bückte sich um die Pfeife, trank den Humpen leer und reichte ihn hin, ohne sich auch nur umzudrehen.

»Da« sagte er, das war Alles.

Pimpernellche blieb starr stehn.

Alles war ihr klar, alles sah sie klar auf einmal.

Vor ihr saß nicht Elmar, der Held, der kühne starke Mann, sondern ein dicker, fetter Freiwilliger ohne Uniformsrock, mit einem roten, schweißigen, betrunkenen Gesicht und einem glatt rasierten Schädel, auf dem die Studentenmütze schief saß, nur vom linken Ohr gehalten, – und groß waren die Ohren obendrein! – und der Freiwillige war unverschämt gegen sie, war immer unverschämt gegen sie gewesen in der letzten Zeit, behandelte sie wie einen Dienstboten und – war in ihre Schwester verliebt.

Mit einer Wut ohne Gleichen riß sie ihm den Krug aus der Hand und schleuderte ihn zu Boden, am liebsten hätte sie sich auf den Helden Elmar gestürzt und ihm den Krug an den Kopf geworfen.

Das war gar kein Schmerz, nur ein Zorn ohne Maß und Ziel, über ihn, der ihr wie ein 46 Betrüger, ein Verführer, ein Charlatan vorkam. Und sie konnte ihre Wut nicht anders ausdrücken, als daß sie floh und die Thüre mit aller Gewalt zuschmetterte.

Die drei sahen zuerst verdutzt den Krug an, dann die Thüre, die noch gewaltig bebte. »Jetzt rappelt's 'r aa noch!« meinte »Kall« gleichmütig, dann bückte er sich um den Krug, der ihm viel wichtiger war als die Emotion seiner Schwester, und der zweite sah ihm stier dabei zu.

Nein, er hatte nur unbedeutenden Schaden gelitten, so war alles gut, bis aufs Bierholen!

Der Einwillige hatte zuerst gerade hinausplatzen wollen, das Lachen verging ihm aber wunderlicher Weise sehr schnell und kam nur als ein vergurgeltes Räuspern zu Tag.

Wahrlich, er schämte sich, er hatte sich patzig betragen. Pimpernellche war immerhin ein erwachsenes Frauenzimmer, wenn auch kein ihm lieblich dünkendes, und immerhin die Tochter des Hauses, mit der er früher treue Freundschaft gehalten.

Ein guter Junge wie er im Grunde war, wollte er sich beim Nachhausegehn entschuldigen, aber 47 Pimpernellche blieb unsichtbar und ließ sich auch durch das Getrommel an ihrer Thüre nicht herbeilocken, auf welch zarte Weise die Brüder den Wunsch nach ihrer Anwesenheit anzudeuten beliebten.

Pimpernellche war wie ein vom Bogen abgeschnellter Pfeil direkt in die Schlafstube gestürzt. Sie hatte geglaubt, Mutter und Schwester schon schlafend zu finden, und sich in ihr Bett verwühlen, sich dort ausschluchzen zu können, »wie ein wundes Tier«, sagte sie sich immerwährend vor.

Nun traf sie wohl die Mutter in tiefem Schlaf, aber Sannchen war noch wach. Mit gelösten Haaren stand sie vor der Kommode, deren oberste Schublade aufgezogen war, und hielt etwas in der Hand, das sie blitzschnell in der Schublade verschwinden ließ. Dann kämmte sie vor dem Toilettespiegel ihr langes Haar, wie wenn sie nie etwas anderes gethan.

Pimpernellche kroch schaudernd unter die Decke und wartete auf den großen Ausbruch ihres Schmerzes. Sonderbarer Weise wollte er gar nicht kommen, obwohl sie sich gehörig mit 48 Selbstverachtung dazu anstachelte. Es hielt sie wohl die Gegenwart der Schwester ab.

Immer schielte sie nach dem Lichtstreifen, der durch ihre Decke drang, endlich kroch sie vor und hob behutsam den Kopf und sah Sannchen an.

Die Spitzen ihrer Haare flammten von dem vor ihr stehenden Licht und in dem großen, verräterischen Spiegel sah Pimpernellche etwas Merkwürdiges.

Sannchen hielt eine Photographie in der Hand, ihr ganzes Gesicht glühte, ihre Augen funkelten, die Lippen waren halb geöffnet. Plötzlich riß sie das Bild an ihren Mund und küßte es wieder und wieder, drückte es an ihre Brust und faltete die Hände leidenschaftlich darüber.

War das die Liebe, dieser Sturm, dieser Aufruhr, dies wilde Wesen?

Pimpernellches Herz klopfte, das war etwas Fremdes, vor dem sie Scheu hatte – und wie schön ihr die junge Schwester erschien und doch wie fremd in ihrer Erregung!

O, so hatte sie die Liebe nicht gekannt, nie – und es kam eine förmliche Beruhigung über sie, trotzdem ihr Herz klopfte.

49 Und dann auf einmal packte sie eine große Sehnsucht, die aufschrie und sie stammeln ließ: »Ich auch, ich auch will meinen Anteil am Leben, ich auch will geliebt sein!« Keinen lockigen Helden, keinen Schemen, kein Ideal, sie wollte von einem Manne geliebt sein, wie die Schwester geliebt war.

Zum erstenmal zog etwas wie Neid durch ihr Herz – fiel denn kein Tropfen Glück auf sie, immer nur auf andere? Die ganze Nacht warf sie sich herum und weinte und sehnte sich. Sie wollte nicht weiter Sklavin sein, nicht weiter das häßliche Pimpernellche, das in der Herdasche wühlen und nach der schönen Schwester schauen durfte – gleiche Rechte, gleiche Pflichten – und vor Demütigungen wollte sie sicher sein.

So klug war sie zu wissen, daß zu ihr wohl nie ein Märchenprinz kommen würde, sie aus der Asche zu heben, ihr strahlende Gewänder überzuwerfen und ein blitzendes Krönlein ins Haar zu drücken. Ach, ihr paßte der goldne Schuh nicht. Schönheit und Anmut waren nicht ihr Los.

»Was geb' ich d'r for dein Kopp, ä G'sicht sollscht hawwe,« hatte ihr vor kurzem »Kall« gesagt:

50 Ä G'sicht sollscht hawwe! Richtig. Aber »ä G'sicht« hatte sie eben nicht, damit mußte sie sich abfinden.

Irgendwo in der Welt gab's vielleicht doch irgend einen Menschen, der auch ihren »Kopp« und ihr Wesen liebte, irgendwo – hier nicht. Aber irgendwo, draußen in der Welt. –

Wenn Sie hinausginge in die Welt?

Ihr Herz fing an mächtig zu schlagen und sie getraute sich gar nicht den Gedanken auszudenken, schielte nur von fern nach ihm.

In die Welt!

Der nächste Tag war ein Sonntag und der erste April. Ein herrlicher, sonniger Frühlingstag, der wie ein Gottesgeschenk heruntergefallen war nach all den rauhen, eisigkalten Märztagen.

Sannchen war schon in aller Frühe auf, ganz gegen ihre Gewohnheit und trällerte in den Stuben umher. Schon um 10 Uhr flog sie im hellen Kleide die Straße hinab und Pimpernellche schaute ihr nach, es war etwas von ihrem alten mütterlichen Stolz in dem Blick.

Da ging sie hin, etwas tänzelnd, frisch, elastisch, ganz Frühling, ganz Leben. Ein paar Studenten 51 sahen sich nach ihr um, ein Herr blieb stehen, es war ein Triumph für Pimpernellche sich sagen zu können: »Dieses schöne Geschöpf will ihn nicht und er leidet deshalb.«

Unaufmerksamer und gleichgültiger hatte sie nie gekocht und wichtiger war sie sich auch nie erschienen. Sie fühlte sich vor einem neuen Lebensabschnitt stehen, sie wollte ihr Joch abschütteln, der Gedanke benahm ihr Hirn so, daß sie ganz konfus war.

»Schote!« sagten die »Buwe«, mehr gestatteten sie sich nicht ihrer Konstitution halber, die nicht auf Alterationen berechnet war. Sie waren kurz und langsam in den Bewegungen, im Gymnasium schlugen sie auch durchaus kein schnelles Tempo an, sondern hatten immer Treue gezeigt in Beibehaltung derselben Klasse.

Es wurde ein denkwürdiger Sonntag für den »Schote«.

Das Denkwürdige war nicht, daß Franz gleich nach Tisch kam um die Brüder abzuholen, und bei der Gelegenheit eine lange Standrede an Pimpernellche hielt, an deren Schluß Sannchen in ein echtes, ungezogenes Kinderlachen ausbrach, das 52 Denkwürdige war auch nicht, daß sie sich dabei höchst korrekt, nein »stählern« hielt, obwohl das wohl schon ans Denkwürdige grenzte.

Denn wie sie Franz behandelte! In Gegenwart aller sagte sie: »Sie« (Sie sagte sie!) »werden sich noch viel an- und viel abgewöhnen müssen«, machte eine hochmütige Bewegung mit dem Kopf und ging. Im Schlafzimmer vor dem Spiegel machte sie's nach.

Gehalten wie eine Heldin! Aber elend und käseweiß sah sie aus, es hatte sie doch aufgeregt. Jetzt wußte sie aber, daß sie das Zeug in sich hatte zu etwas anderem, daß sie keine feige, unterwürfige Natur war, daß sie aufschäumen, verachten konnte – und war sie auch nicht aus dem Holz, aus dem man Königinnen schnitzt, so war doch etwas von dem Holz in ihr, aus dem man Heldinnen schnitzt, das fühlte sie. Nur Raum – nur Leben!

Die Mutter ließ ein großes Gezeter los über ihre zwei dummen »Gäns von Mädcher«; zum erstenmal war sie ernstlich bös über ihr geliebtes Sannchen, weil sie den Einwilligen fortdauernd niederträchtig behandelte.

53 »Jetzt fangt die Anner aa noch an« schrie sie Pimpernellche an, »daß er jo de Leede kriecht, so dumm, so dumm! Sein Glück so mit Füße zu trete!« (das galt wieder Sannchen, –) »meenscht Du die Verehrer fallen vum Himmel?«

Das Thema Verehrer war so unerschöpflich, daß Sannchen bei der ersten besten Gelegenheit verschwand. Nun brummelte die Mutter weiter, bis sie sich endlich in den Schlaf gebrummelt hatte, und noch im Schlaf behielt sie eine äußerst mißbilligende Miene.

Im ganzen Haus regte sich nichts. Sannchen war im schönsten Staat ausgeflogen, vorher die Buwe mit Franz, nachdem sie ein Rüchlein schlechten Knasters hinterlassen, das trotz der weit geöffneten Fenster nicht weichen wollte.

Pimpernellche ging in den Zimmern hin und her, und wenn sie an einen Spiegel kam, streckte sie sich und blinzelte hinein, wie ihr die Verachtung zu Gesicht stünde. Kam sie an das Bücherregal, so warf sie einen Blick halb der Trauer und halb des Mitleids auf »Dreizehnlinden.«

Fahrwohl Elmar, fahrwohl schöner Traum, fahrt 54 wohl Jugend und Märchen! Ausgeträumt ist für mich, und das Leben beginnt.

»Halte die Augen offen, Einsame, Unerfahrene, hüte dich!« So hatte sie heute Morgen in ihr Tagebuch geschrieben.

Es war eigentlich kein richtiges, sondern ein altes französisches Schreibheft mit einigen verbes irréguliers, letztes Zeichen ihrer Liebe zur Wissenschaft! Sie hatte geschwankt, ob sie das halbausgeschriebene in der Wirtschaft oder im Dienst der idealeren Sache verwenden solle und sich für das Letztere entschieden, natürlich ließ sie ein weißes Blatt zwischen dem letzten verbe und ihren jetzigen Gedanken.

»Lerne zu vergessen und Stärke zu gewinnen« schrieb sie als zweites, schon eine Stunde danach. Sie hatte zuerst schreiben wollen »um stark zu werden«, aber »Stärke zu gewinnen« machte sich doch viel besser, sie hatte immer »eins« im Aufsatz erzielt.

Plötzlich blieb sie vor den Büchern stehen. Ein altes, schöngeistiges Fräulein, zu dem sie manchmal kam, hatte ihr neulich einen Band Bourget gegeben; natürlich hatte sie nur aus Höflichkeit 55 genommen, denn Bourget – nein! Nun betrachtete sie den geschmackvollen Einband nachdenklich.

Neues Leben, neue Bücher, und wenn es zu gefährlich wurde, konnte sie ja immer aufhören. Und sie setzte sich in großer Spannung ans Fenster und begann zu lesen, eifrig, alles ringsum vergessend.

Die breite Straße zogen eine Menge sonntäglich geputzter Menschen hinunter nach den Anlagen, man hörte ihr Schwätzen und Lachen deutlich im Zimmer. Aber Pimpernellche sah und hörte nichts, sie saß mit rotem Kopf, das Buch nah an ihre kurzsichtigen Augen gerückt, und staunte über den Zauber, der aus ihm emporstieg.

Plötzlich irritierte sie etwas, sie wurde durch irgend etwas in ihrer Lektüre gestört, widerwillig, wie unter einem Zwange mußte sie von dem Buch aufschauen und ihre Augen nach der Straße richten.

Und das Denkwürdige begann. Ihrem Fenster gegenüber, mit dem Rücken gegen die breite Hausthüre drüben gelehnt, stand ein Mann, der starr nach ihr blickte, der schon geraume Zeit nach ihr geblickt haben mußte.

56 Pimpernellche wurde unruhig. Sollte das ihr gelten? Sie erhob sich schnell, bog sich weit aus dem Fenster und sah die Straße links und rechts hinauf – überall alle Jalousieen geschlossen. Schnell setzte sie sich wieder mit der Empfindung sich blamiert zu haben, und verkroch sich hinter die Blumenstöcke. Aber durch die grünen Blätter sah sie mit halb zugekniffenen Augen nach dem vis-a-vis. Was wollte der fremde Mann? Er stand immer noch und starrte nach dem Haus.

Ein paar Vorübergehende schauten ihn neugierig an, weil er so hartnäckig an das Thor gelehnt stehen blieb, so was that man nicht in der Stadt! Da begann er langsam die Straße hinabzuschlendern, gestoßen und gepufft von den Nachkommenden, die es eiliger hatten als er.

Welch vornehme, nachlässige Bewegungen! Welch aristokratische Erscheinung! Wie er hervorstach unter den Biedern mit ihren in der Vaterstadt gebauten Röcken! Er fiel ganz aus dem Rahmen im Schnitt seiner Kleidung, im ganzen Gebahren ein Großstädter, wie aus ihrem Roman gestiegen, ja, ganz so!

57 Unbewußt ihrer alten Neigung getreu, wurde er gleich mit einem Nimbus umgeben, nicht mehr der Held Elmar freilich, ein anderer Held, ein Großstadtmensch, ein Gehirnmensch, ein verfeinerter Mensch, und sie mußte lächeln, wenn sie an Elmar-Franz dachte, den Dandy ihrer Heimat, der in seinen Kleidern steckte wie die pralle Wurstfülle in der Haut. Erfahrungen mußte man haben, vergleichen können!

Was er nur hatte, dieser Großstadtmensch, daß er sich das Haus so angelegentlich betrachtete? Sie hatten's zwar zum Verkauf ausgeschrieben seit Jahren, aber was sollte dieser vornehme Mann mit diesem Haus?

Einen Augenblick dachte sie an die goldlockige Schwester, aber die war ja fort, amüsierte sich draußen und zudem war sie fest versorgt, wie sie seit gestern wußte.

Jetzt kehrte er auch noch um, wahrhaftiger Gott! Und wieder ging er auf das Haus zu, und seine Schritte verlangsamten sich, und wieder fixierte er das Fenster. Sie hielt den Atem an: Ging er weiter?

58 Kaum zwei Häuser weit war er gekommen, so schaute er sich schon wieder um. Sie kam sich recht albern vor mit ihrem Versteckspielen und stellte sich aufrecht ans Fenster:

Ent- oder weder, wie die Herrn »Buwe« zu sagen pflegten. Wollte er etwas – gut, wollte das Leben etwas von ihr, hier stand sie, mit klaren Augen, ohne Beben wollte sie allem ins Antlitz schauen.

Er ging quer über die Straße, das sah sie; sein Überzieher war hellgelb und der Anzug schwarz, dabei trug er einen Cylinder und einen Kneifer mit breitem Rand, das stand fest. Aber nun wurde sie schon unsicherer, denn er näherte sich ihr immer mehr, und jetzt – war er beinah dicht unter ihrem Fenster, sie hätte fast seinen Cylinder greifen können, und er sah sie an, lange, eindringlich.

Was sagten denn seine Augen? Um Gottes willen, was sagten sie? Eine Frage war drinn, eine dringliche, gespannte Frage – und sie, sie verstand ja nichts, rein nichts, hilflos war sie diesen großen, tiefliegenden Augen gegenüber, die sie in einem fort förmlich anflehten –

59 Da hob er den Hut, ehrerbietig und resigniert, die Augenlider unter dem Hornkneifer gesenkt, entfernte er sich rasch, ohne noch einmal umzusehen.

Pimpernellche hätte sich die Haare ausraufen mögen, da ging es vorbei, das heiße, reiche Leben, und sie hatte die ausgestreckten Hände zurückgezogen! Wußte sie doch nicht einmal, ob sie für seinen Gruß gedankt hatte!

Wars nun für immer vorbei?

Hatte sie, die Ungeschickte, Unerfahrne ihn etwa verscheucht?

Die Stirne hätte sie sich zerschlagen, sich die Kleider vom Leib reißen mögen, über sich herfallen, sich austoben – da war er ja der Prinz, und er hatte ihr etwas gewollt, ihr, ihr!

Die ärgerliche Stimme der Mutter, die sie schon ein paarmal gerufen, brachte sie wieder zu sich. Sannchen hatte bei ihrem eiligen Weggang alles im Schlafzimmer kunterbunt durcheinander geworfen, die Mutter hatte die Verwüstung gesehen und Pimpernellche mußte natürlich wieder Ordnung machen.

Beim Anblick der offenen Schubladen kam ihr das nächtliche Bild wieder, – am Ende war 60 er –? – die Photographie in des Kindes Hand, sein leidenschaftliches Gebahren –

Die obere Schublade war unverschlossen und Pimpernellche begann mit zitternden Fingern alles zu durchwühlen.

Was sie sonst als eine Gemeinheit verachtet hätte, erschien ihr jetzt als ein Akt der Notwehr, als Selbsterhaltungstrieb; sie durchsuchte jede Ecke und fand endlich in einem Päckchen Briefe einen festen, steifen Gegenstand, die Photographie.

Sie zog sie rasch vor, fast hätte sie aufgeschrieen, nein, nein, er war es nicht!

Ein blutjunges Bürschchen, mit einem Anflug von Schnurrbart, dunklen, kecken, etwas vorstehenden Augen, im Ganzen ein ziemlich eigenartiger, mehr fremder Typus.

Diese zwei Kinder! So jung, so jung! Eine Welle von Zärtlichkeit überflutete Pimpernellches Herz, wie eine Mutter fühlte sie für die junge, unerfahrene, leichtsinnige Schwester und aus einer mütterlichen Regung griff sie zum obersten Briefe und las ihn.

Oh, das waren keine Kinder mehr, die das schrieben, das waren Menschen, die die Liebe 61 kannten. Und das hatte das kleine Schwesterchen verstanden, ohne sich Belehrung zu holen bei ihr oder bei der Mutter? Das war ihr ins Herz gepflanzt. Das kam also wie der Sturmwind, wie das Unwetter über die Kinder der Welt –!

Und Pimpernellche lief an ihr Tagebuch und schrieb mit Schauern vor der Gewalt der Liebe, die gebraust kam wie die Windsbraut: »Und kommt die Liebe, so beuge Dich in Demut, aber breite die Arme aus und schreie, schreie wie einst die entflammten Krieger schrieen, die ins heilige Land zogen: »Gott will es, Gott will es.«

Mit Ehrfurcht legte sie das Päckchen Briefe zurück, schloß sorgfältig ab und steckte den Schlüssel ein, damit kein Profaner die Stätte der Liebe entweihe.

Der Tag blieb sonnig, warm und klar, und das Licht drang auch am Abend noch kräftig durch die Fenster.

Wie eine glühende Verheißung lohte der Brand am westlichen Himmel und noch lang, nachdem die Sonne gesunken, zogen sich blutrote Bänder über den dunkeln Horizont, allmählich verlöschend. Es 62 war schon fast ganz Nacht, als Sannchen nach Haus kam, hinter ihr die Buwe.

Die Mutter hatte die ganze Zeit am Fenster gesessen und gespannt die lange Straße hinabgeschaut. Sie war sehr unwillig und empfing Sannchen mit Schelten über ihr spätes Nachhausekommen.

»No sin mir nit Kawalier genung?« meinte »Kall«, der Ältere, der immer den Wortführer machte.

»No un der Franz?« fragte die Mutter entgegen.

»Der Franz, ha, der, der is heem.«

Mehr war nicht herauszubringen, aus allen Dreien nicht, verstimmt schien Sannchen und verstimmt war die Mutter, sodaß man bald zu Bett ging, die Mutter, nachdem sie lang vergebliche Versuche gemacht, Sannchen ins Gebet zu nehmen.

Als alles dunkel war und die Mutter laut schnarchte, – sie hatte immer einen guten Schlaf, obwohl ihre Hauptbeschäftigung unter Tags der Halbschlummer war – tastete sich Pimpernellche an Sannchens Bett. Sie kam halb als die Mutter, die Sorgende, Mitfühlende und halb als die Unsichere, 63 die Unwissende, als die Einsame, die es nach Mitteilung verlangte, die voll Ratlosigkeit war.

Sannchen stellte sich zuerst schlafend und wollte die Schwester gar nicht verstehn, erst als sie von dem vergessenen Schlüssel hörte, rückte sie bereitwilligst im Bett, ja sie zog Pimpernellche mit offenbarer Hast hinein und mahnte sie leise zu sprechen. Zuerst stellte sie sich allerdings, als verstünde sie nichts, allmählich aber wurde sie zutraulicher und zuletzt fing sie zu weinen an.

Sie hatten sich heute gezankt, Franzens wegen, der sich so aufdringlich benommen. Sie war ungezogen gegen Franz gewesen und dann auch grob mit ihm, und er war ihr jetzt bös.

»Wenn nur der Franz nix der Mutter sagt! Wenn's nur niemand im Institut erfährt! Die Buwe sagen ja nix, die wissen's schon lang« – und plötzlich warf Sannchen ihren Kopf hin und her, und es überfiel sie eine Art Wut, daß sie anfing laut und heftig zu reden.

Oh, wenn sie nur nicht so jung wären! Sie noch im Institut! Wie wenn das nach dem Alter ginge! Wie wenn sie sich nun nagelsgroß um das Lernen scheere, wie wenn sie sich je darum gescheert 64 hätte! Und er wollte das gar nicht. Ihm war's egal, was sie im Kopf hatte, Gelehrsamkeit oder keine, wenn sie ihn nur liebte. Aber nun der Streit, die Eifersucht.

»Wenn ich 'n nur jetzt heiraten könnt'! Nur nit warte!«

Pimpernellche tröstete und streichelte Sannchen und war ganz erstaunt, daß aus dem halbphlegmatischen Kind solch eine Unrast geworden war. Aber das Trösten empörte sie nur und sie schrie Pimpernellche an:

»Glaabscht dann ich krieg wieder so E'n'n?«

Und sie schrie so laut, daß die Mutter wach wurde und fragte was denn wäre. Da blieben sie mäuschenstill und krochen unter die Decke, bis alles ruhig war, dann fing Pimpernellche an zu erzählen, stockend und voll Scham, sie beschrieb den Fremden, deutete auch sein merkwürdiges Gebahren an. Jetzt wurde Sannchen interessiert. Sie setzte sich in die Höhe, stützte sich auf die Ellenbogen und verlor kein Wort der Schwester.

Nein, sie wußte nicht, wer er war, sie kannte sonst alle jungen Herrn in der Stadt, es mußte ein Fremder sein; und sie hörte eifrig zu.

65 Als aber Pimpernellche gar nicht aufhörte und dem jungen Blut wirklich der Schlaf kam, gähnte Sannchen laut und bald schlief sie fest.

Pimpernellche verließ sie enttäuscht. Nein, sie hatte keine Gemeinschaft mit der Schwester, die empfand und handelte anders, auch die schwersten Sorgen dauerten nur Augenblicke für sie. Ihr Leben würde wohl sonniger, heiterer sein, als das ihre! –

Die nächsten Tage stand Pimpernellche viel am Fenster, und auch wenn es Nacht wurde, konnte sie sich nicht entschließen ihren Posten zu verlassen, es waren lichte, weiße Mondscheinnächte und die Straße hell wie am Tag, so daß sie oft bis zehn Uhr stehen blieb und hinausschaute, doch niemals sah sie ihn. –

* * *

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