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Pimpernellche

Anna Croissant-Rust: Pimpernellche - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePimpernellche
authorAnna Croissant-Rust
year1901
firstpub1901
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin / Leipzig
titlePimpernellche
pages205
created20131110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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179 Am nächsten Morgen war der häßliche, rauhe Spätherbst da. Der Sturm stieß den Nebel in Schwaden über den Rhein, es sah aus, als flüchte er sich. Die Blätter schossen förmlich durch die feuchte Luft und die Bäume ächzten und knarrten. Die Läden der Häuser wollten sich nicht aufthun und die Menschen nicht aus den Häusern kommen.

In der Küche des Direktors war auch Sturm und grauer Tag. Die dralle Fee stand mit verschlafenen Augen und bockbeiniger Miene vor der »Madame« und setzte ihrer endlosen Strafpredigt stummen Widerstand und schnippisches Lippenaufwerfen entgegen. Natürlich war sie zu spät aufgestanden, viel zu spät sogar, aber wozu der Lärm? Ging denn die »Madame« nicht auch »uff de Ball« und blieb dann liegen bis elf oder zwölf, warum sollte sie nicht einmal schlafen dürfen, wenn die's öfter so machte?

Freilich Korb und Problem fehlten, auch Nickla selbst. Lieber Gott! – sie hatte ihn nicht an ihre Bettstatt angebunden, damit sie ihn rechtzeitig wecken könne! Freilich war er mit ihr »uff der 180 Kerwe« – »m'r werd doch aach noch sein Spaß hawwe derfe?!«

Und plötzlich kam ihr die Erinnerung an den Heimweg und sie bog sich ab und fing solch ein respecktloses, sich wie ein Bindfaden abwickelndes endloses Gelächter an, wobei sie sich setzen mußte und die Beine weit von sich streckte, und zuletzt vom Lachen in's Brüllen kam, daß der Gnädigen nichts übrig blieb, als mit zornrotem Gesicht zu entweichen und den äußersten Nachdruck in das Schließen der Thüre zu legen.

Nickla erschien nicht nur an dem, sondern auch am folgenden Tag nicht in der Fabrik. Ein Kamerad, der ihn besorgt aufsuchen wollte – er wohnte allein, weil seine Tochter mittlerweile geheiratet hatte, was ihm als angehendem Freiersmann sehr erwünscht war – sah nur seine Nasenspitze an der Thüre, die Nickla gleich wieder zuschlug (die Thüre nämlich!), und behauptete trotzdem, er hätte wie »Ledder« ausgesehen.

Am dritten Tag erschien er, ein andrer Nickla. Jugend und Schönheit verweht, die Locken in Büscheln wild vom Kopf abstehend, voller Stoppeln, ohne weise Reden, ja ganz ohne Stimme, scheu –

181 »Des mol is' m's Butterbrod uff die letz Seit' g'falle«, tuschelten sie.

Er saß steif an einer Stelle und hielt den »Schick« unbeweglich im Backen, von Spaziergängen, oder einem heimlichen Drang nach der direktorlichen Küche hin keine Rede.

Wenn einer es wagte ihn zu fragen, oder gar den Namen der von ihm sichtlich Erkorenen zu nennen, schlug er ein Kreuz und kehrte sich stumm gegen die Wand. Einer wollte sogar gesehen haben, daß er mit einer Schmerzgrimmasse Schnur und Amulet aus dem bedrängten Busen gerissen, und daß das verehrte Säckchen sich dünn und schlank, nur als Haut präsentierte. – Das gab schwer zu denken und viel zu reden, aber Nickla blieb unnahbar in seinem Schmerz. Mit der Miene eines kranken, müden Herrschers winkte er ab, und sie fügten sich.

Lange hielten sie's freilich nicht aus; nach kurzer Zeit fingen die Sticheleien wieder an und wurden immer ärger, je weniger sich der Alte helfen konnte. »Er hot Sehnsucht« hänselte einer, und eh sich's Nickla versah, führte der am Arm die von dem Alten am Kerwesonntag Erkorene, die 182 sich vor Lachen den Schurz in's Maul stopfen mußte, unter unbändigem Gelächter aller Arbeiter vor den Brütenden, der leichenblaß dasaß und nicht aufzuschauen wagte. Am Abend schlich er aus der Fabrik blaß, elend, ein alter Mann, und er kam nicht wieder.

»Es hot'n« sagten sie, aber sie freuten sich nicht recht an ihrem Spaß und an seiner ersten Niederlage.

Eines Morgens brachte der Jüngste heim, Nickla'n habe in der Nacht der Schlag getroffen und er sei bewußtlos zu seiner Tochter geschafft worden. Am Abend zogen sie in hellen Haufen hin und schauten ihn an. Zu abscheulich sah er aus, sie schlichen gleich wieder weg. Die ganze linke Gesichtsseite nach oben gerückt, verbogen, verschoben, zusammengepreßt, die Farbe wie Lehm, die Augen herausgetrieben, lag er da wie ein Toter, nur von Zeit zu Zeit stöhnend.

»'s is aus mit'm« meinten sie, und das meinten sie so lang, bis das Frühjahr kam. Da rappelte er sich auf einmal auf, das Gehen ging ja nicht recht, aber wenn man ihn führte, konnte er in den Garten humpeln. Dort saß er in der Sonne, 183 und das Essen schmeckte ihm herrlich, und das Reden ging auch wieder, obgleich das Maul hoch oben links im Gesicht sitzen geblieben war. Und, o Ironie des Schicksals! Er, der stets mit dem Leben fertig geworden, sah jetzt mit dem ewig grinsenden, krummen Gesicht aus, als moquiere er sich über den ganzen Krempel, als säße er da, ein lachender Philosoph, beschaulich und ausgesöhnt, während die andern sich vergeblich abzappelten und vom Leben abgebeutelt wurden, das mit ihnen etwa umging, wie es große Hunde mit kleinen zu thun pflegen, die sie sicher an der Halsschwarte haben.

Bis zuletzt ward Nickla in die Lage versetzt, sich als Lebenskünstler beweisen zu können und einen guten Trumpf auszuspielen gegen eben dieses Leben, das auch ihn schon einmal fast totgebeutelt hatte.

Im Hochsommer, als in dem kleinen Garten vor dem Haus seiner Tochter die Rosen wie unsinnig blühten, und Nickla in der warmen Sonne in Wohlbehagen schwamm, zog in das verwahrloste Haus gegenüber ein junges Paar. Ein Paar, das Nickla immer vor Augen hatte, in dessen Fenster er schauen konnte, wenn er im Garten, 184 wenn er in der Stube saß, sogar wenn er in seinem Bett lag. Und dieses Paar bestand aus seinem alten, verkrusteten Gorillatodfeind, der nur einmal in seinem Leben gründlich gewaschen worden war, und aus der Kundry, die ihn in seinen alten Tagen am »Kerwesunndag« so süß umgarnt, und die seine Liebe so schnöd gelohnt hatte!

Die ersten Tage saß Nickla mit dem Rücken gegen die neuen Nachbarn, und sein krummes Gesicht sah aus, wie wenn er in zehn Holzäpfel zugleich gebissen hätte. Aber je öfter die Sonne über dem Dach seiner Todfeinde aufging, um so mehr rutschte Nickla herum, bis er endlich dem verwahrlosten Haus gerade gegenüber saß. Und der Herr meinte es gut mit ihm und bescheerte ihm Freude in seinem Alter.

Drüben ging's nämlich überaus belustigend und für ihn befriedigend zu. Schon daß die Kundry, die sonst vor Sauberkeit geleuchtet, ein dicker, schmutziger, fettiger Klumpen geworden war, ganz im Stil ihres Gorillaherrn, hatte eine erste Drehung nach rechts veranlaßt. Aber als die leisen Duette drüben mählich in laute und lautere ausarteten, als sich unter Brüllen und Schreien 185 und Winseln Szenen wie in einem Menageriekäfig abspielten, rutschte er nicht nur ganz herum, sondern er jubilierte laut: »Gott hat mich aus der große Gefahr, in die ich bald gesterzt wär', glücklich errett,« (die Gorilla- alias Baronsehefrau wurde nämlich nicht nur geschlagen, sondern schlug getreulich und sogar sehr nachdrücklich selbst) »isch bin wiedder ä mol als Siescher hervorgegange, wenn isch's aach dheier bezahlt hab, isch bin oin nobler Mann nun redd nit drüwer, es sei'r gegunnt.«

Er erholte sich sichtlich in seiner Befriedigung; seine Rosenwänglein blühten wieder, seine Äuglein leuchteten, er hielt den »Schick« kunstgerecht im Backen und bald fing er an wie früher seine schöne Kunst auszuüben, ja es schien, als sei seine Virtuosität mit dem nach oben verpflanzten Maul gewachsen. Abendlich und sonntäglich versammelte sich ein Kreis um ihn, – das alte Leben, die alten Wetten und das Amulet, das seit dem schnöden Verrat welk und dürr und leer auf seiner Brust gehangen, schwoll und schwoll.

Wenn dann aus dem Nachbarhause Wutschreie, Gebrüll und Gekreisch schallten, wenn es »patschte« 186 und die Thüren dröhnten, kannte seine Behaglichkeit und Lebensfreudigkeit keine Grenzen. Und als einmal die Gorillafrau, verfolgt von ihrem Gorillamann, Schutz an der nachbarlichen Thüre gesucht, dieselbe jedoch verschlossen gefunden, und auf öffentlicher Straße ihre übliche Tracht Prügel bekommen hatte, faltete er fromm die Hände: »Lieber Herrgott isch danke Dir, daß Du mir so oinen scheenen Lebensabend bescheert hascht.« 187

 


 

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