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Pietro von Abano

Ludwig Tieck: Pietro von Abano - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefairy
authorLudwig Tieck
booktitleDie schönsten Märchen
titlePietro von Abano
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2880
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year2003
isbn3458345809
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
modified20151207
senderwww.gaga.net
created20081213
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Antonio hatte sich aber nicht getäuscht. Es war wirklich die Alte, die er im Gedränge wahrgenommen hatte. Sie wohnte in einer kleinen Hütte, hinter verfallenen Häusern, unweit des Laterans. Verfolgt, dürftig, von aller Welt verlassen, gehaßt und gefürchtet, war sie hier, im Aufenthalte des Elendes, der Verzweiflung nahe. Sie wagte es nur selten, sich zu zeigen und war auch nur an diesem Tage gezwungen worden, auszugehn, um ihre Crescentia, die ihr entlaufen war, wieder zu finden. Da jedermann ihr scheu aus dem Wege ging, da es ihr selbst schwer wurde, nur hie und da ein Almosen zu erhalten, und ihre ehemaligen Künste keine Liebhaber fanden, so war sie nicht wenig erstaunt, als sie am Abend an ihre Tür klopfen hörte, indem draußen Geschrei und Lärmen tobte. Sie nahm ihre Lampe und machte auf, und sah draußen ein Rudel Gassenjungen und Pöbel, die eine kleine bucklige Figur, die in rotem Sammet mit Gold phantastisch gekleidet war, verfolgten. Wohnt hier nicht die würdige Frau Pankrazia? schrie der mißgestalte Zwerg. – So ist es, sagte die Alte, indem sie mit Gewalt die Tür zuschlug und das Volk draußen mit Schimpfreden zu vertreiben suchte. – Wer seid Ihr? würdiger Herr, was sucht Ihr bei einer alten verlassenen Frau?

Setzt Euch nieder, sagte der Kleine, und zündet etwas mehr Licht an, damit wir uns schauen und betrachten können, und weil Ihr Euch arm nennt, so nehmt diese Goldstücke, und wir wollen auf bessere Bekanntschaft ein Gläschen Wein mit einander leeren.

Die Alte schmunzelte, zündete einige Wachskerzen an, die sie in einer Schieblade verwahrte und sagte: ich habe noch ein Fläschchen guten Florentiner, ehrwürdiger Herr, der uns schmecken soll. Sie öffnete einen kleinen Schrank und setzte die rote Labung auf den Tisch, dem Unbekannten zuerst einschenkend.

Warum nennt Ihr mich ehrwürdig? fragte dieser.

Sagen es die Goldstücke nicht aus, antwortete sie, Euer Wamms, die Tressen darauf, die Feder auf dem Hut? Seid Ihr kein Prinz, kein Magnat?

Nein, schrie der Kleine: ei poz tausend, Muhme, kennt Ihr mich denn gar nicht? hat man mir doch schon in der Jugend damit schmeicheln wollen, daß wir uns einigermaßen ähnlich sehen, und wahrlich, wenn ich so Eure Statur, Physiognomie, den Ausdruck, das Lächeln und das Blinzeln der Augen unparteiisch betrachte und erwäge, so sind die Muhme Pankrazia, aus dem Hause Posaterrena aus Florenz, und der kleine Beresynth, aus der Familie Fuocoterrestro aus Mailand, so in Verwandschaftszügen, wie Muhme und Vetter, sich ähnlich genug.

Jemine! schrie die Alte erfreut, so seid Ihr der Beresynth aus Mailand, von dem ich in meiner Kindheit wohl habe reden hören? Ei! ei! so muß ich so spät, im hohen Alter, noch einen so liebenswerten Vetter von Angesicht zu Angesicht kennen lernen!

Ja, sagte der Kleine, recht von Nase zu Nase, denn die aufgeworfene hohe Schanze ist doch das größte Knochenstück in unsrem Gesicht. Kuriosität halber, liebe Muhme, probieren wir einmal, ob wir uns wohl einen vetterlichen Kuß geben können. – Nein, pur unmöglich, die weit ausgestreckten Vorgebirge rasseln gleich aneinander, und schließen unsre demütigen Lippen von jeder sanften Begrüßung aus. Man müßte mit beiden Fäusten die edlen Römernasen seitwärts zwängen. So. Laßt nicht abschnappen, Frau Muhme, ich möchte eine Ohrfeige kriegen, daß mir die letzten Zähne ausfielen.

Unter herzlichem Lachen rief die Alte: Ei! so fröhlich bin ich lange nicht gewesen. Was wollte man denn von Euch da draußen, Vetter?

Was? schrie der Kleine: mich ansehn, sich über mich freuen, weiter nichts. Ist der Mensch nicht, wertgeschätzte Frau Muhme, eine ganz dumme Figur? Hier in Rom sind nun seit Monaten Hunderttausende versammelt, ihrem Erlöser zu Ehren, so wie sie vorgeben, und ihre Sünden abzubüßen, und, so wie ich nur aus dem Fenster gucke (ich bin erst seit vorgestern hier), sei es auch nur in der Schlafmütze, oder gar mit ganzer Figur und in meinem besten Anzuge auf den Markt hinaus trete, so müßte man doch schwören, daß das ganze Gezeug bloß meinetwegen von allen Ecken Europa's ausgezogen sei, so gucken, äugeln, forschen, fragen sie, lachen und freuen sich. Reich, so scheint es, könnte ich werden, wenn ich mich die Zeit hier für Geld wollte sehen lassen, und wenn ich ihnen nun einmal umsonst die Freude mache, so schreit und lärmt das dumme Volk hinter mir drein. Eine Meerkatze, Affen oder Seehunde zu beschauen, müßten sie sich in Unkosten setzen, und statt meine Großmut ruhig und wie gesetzte Leute zu genießen, tobt und schimpft der Pöbel um mich her, und sucht alle Ekelnamen aus der Naturgeschichte zusammen, um seine krasse Ignoranz an den Tag zu geben.

Ja wohl, ja wohl, seufzte die Alte: es geht mir nicht besser. Sind die Tiere wohl so dumm? Da mag einer Nase, Augen und Kinn nach Gutdünken haben, und es geht ihm ruhig hin.

Seht nur die sonst einfältigen Fische an, fuhr Beresynth fort, welche philosophische Toleranz! Und unter denen sind manche Kerle doch ganz Schnauze, und halten den Forschern der Tiefe eine Physiognomie entgegen, ernst, kalt, ruhig im Bewußtsein ihrer Originalität, und umher krümmelt und wimmelt es von andren seltsamen Angesichtern, Kiefern, Zähnen, vorgequollnen Augen und von frappantem Ausdruck aller Art, aber ruhig und still wandelt jedes Ungeheuer dort seinen Gang, ungeschoren und unmolestiert. Nur der Mensch ist so töricht, daß er über das Nebengeschöpf lacht und spottet.

Und worauf, sagte die Alte, läuft denn nun der mächtige Unterschied hinaus? Ich habe doch noch keine Nase gesehn, die nur eine einzige Elle lang wäre, ein Zoll, höchstens zwei, kaum drei ist der Unterschied zwischen der sogenannten Mißgeburt und dem, was sie Schönheit nennen. Und auf den Höcker zu kommen. Wenn er im Bett nicht manchmal unbequem wäre, nicht wahr, so ist er eigentlich viel angenehmer, als so ein dummer, gerader Rücken, wo sich bei manchem großgewachsenen Schlingel die langweilige gerade Linie, ohne Verzierung und Schnörkel, bis ins Unermeßliche hinauf erstreckt.

Recht habt Ihr, Frau Muhme, rief der schon trunkne Beresynth der Trunknen entgegen. Was macht denn die Natur, wenn sie solche gerade Katze, solche sogenannte Schönheit von der Töpferscheibe laufen läßt? Das ist ja kaum der Mühe wert, die Arbeit nur anzufangen. Aber solche Kabinetstücke, wie wir, da kann die schaffende Kraft, oder das Naturprinzip, oder Weltgeist, oder wie man das Ding nennen will, doch mit einer gewissen Beruhigung und Befriedigung seine Produktion anschauen. Das rundet sich doch, das bricht in merkwürdige Ecken aus, das zackt sich wie Korallen, springt hervor in Kristallen, formiert sich wie Basalt, und rennt und springt und hüpfelt in allen Linien um unsern Körper. Wir, Base, sind die verzognen, verhätschelten Kinder der Formation, und darum ist der Pöbel der Natur auch so boshaft und neidisch auf uns. Das schlanke miserable Wesen gränzt an den kläglichen Aal, da ist keine Auferbauung. Von der dummen Figur zur Seespinne ist schon sehr weit, und wie fern dann Meerkalb, wie übertreffen wir dieses, so wie den Seestern, Krebs und Hummer, getreuste Kousine, mit unsern Abnormitäten, die sich in keine Rechnung bringen lassen. – Wo habt Ihr nur die herrlichen beiden Zähne her? Diese unvergleichlichen Mordanten figurieren so recht schwarz und düster in der tiefsinnigen Fugierung Eures unergründlichen Mundes.

O Schäker, o Schmeichler, lachte die Alte, aber Euer liebes Kinn, das sich so huldreich und dienstfertig hervordrängt und tischartig umbeugt. Könntet Ihr nicht einen ziemlichen Teller bequem daraufsetzen, und von ihm ungestört mit den Lippen herunter naschen, indessen Eure Hände anderswo Arbeit suchten? Das nenne ich ökonomische Einrichtung.

Wir wollen uns nicht durch Lobeserhebungen verderben, sagte der Zwerg, sind wir ja doch schon auf unsre Vorzüge eitel genug, die wir uns nicht selbst gegeben haben.

Ihr habt Recht, sagte sie, aber, was treibt Ihr, Vetter? Wo lebt Ihr?

Kurios genug, antwortete Beresynth, bald hier, bald dort, wie ein Vagabund; jetzt aber will ich mich zur Ruhe setzen, und da ich hörte, daß noch eine nahe Verwandte von mir lebte, so wollte ich die aufsuchen, und sie bitten, mit mir zu ziehn. So komm ich zu Euch. In meiner Jugend war ich Apotheker in Kalabrien, da jagten sie mich fort, weil sie meinten, ich fabriziere Liebespulver. Du liebe Zeit! als wenn es deren noch bedürfte. Dann war ich einmal Schneider, es hieß, ich stöhle zu arg; als Pastetenbäcker wieder die Beschuldigung, daß ich Katzen und Hunden nachstellte. Ich wollte Mönch werden, aber kein Kloster wollte mich einlassen. Als Doktor sollt' ich verbrannt werden, denn sie sprachen gar von Hexerei. Ich wurde gelehrt; schrieb, dichtete, das Volk meinte, ich lästre Gott und die Christenheit. Nach vielen Jahren kam ich zum weltberühmten Pietro Apone, und wurde dessen Famulus, nachher Eremit, und was nicht Alles; am besten, daß ich in jedem Stande Geld gemacht und zurückgelegt habe, so daß ich meine alten Tage ohne Not und Sorge beschließen kann. – Und Ihr, Muhme, Eure Geschichte?

Wie die Eurige, antwortete die Base: man wird immer unschuldig verfolgt. Ich habe etlichemal am Pranger stehn müssen, aus einigen Ländern bin ich verwiesen, sie wollten mich unter andern auch verbrennen: es hieß, ich hexte, ich stöhle Kinder, ich verzauberte die Leute, ich kochte Gift.

Nicht wahr, sagte Beresynth treuherzig, es war auch etwas an diesem Gerede? Ich muß es wenigstens von mir bekennen, und vielleicht liegt es in der Familie, daß ich manche dem ähnliche Künste getrieben habe. Zarte Freundin, wer einmal vom lieben Hexen ein Bischen weg hat, der kann es nachher Zeitlebens nicht wieder lassen. Das Ding ist wie mit dem Weintrinken. Einmal den Geschmack gewonnen, und Zunge, Kehle, Gaumen, ja Lung und Leber lassen von dem Dinge nicht wieder los.

Ihr seid ein Menschenkenner, lieber Vetter, sagte die Alte mit selbstgefälligem Lächeln. So etwas Mord und Hexerei, Gift und Diebstahl läuft auch beim Unschuldigsten mit unter. Das Kuppeln hat mir nie einschlagen wollen. Und was soll man sagen, wenn man an eignen Kindern Undank und Unheil erlebt? Meine Tochter, die nun gesehn hat, wie ich Hunger und Kummer leiden muß, wie ich mir an meinem alten Munde absparte, um sie nur schön in Kleidung zu setzen, die ungeratne Dirne hat sich nie von mir erweichen lassen, auch nur einen Groschen zu verdienen. Früher konnte sie gute Heiraten treffen: Ildefons, Andrea und noch einige andere tapfere Männer, die unser ganzes Haus und sie mit erhielten; da brauchte sie den armseligen Vorwand, daß die Herren Räuber und Mörder wären, denen sie ihr Herz verschließen müsse. Die Männer waren so großmütig, daß sie sich wirklich die Dirne wollten antrauen lassen, aber die dumme Jugend hat weder Verstand noch Tugend. Nun ruhen sie im Grabe, die vorzüglichen Männer, und sind auf eine schnöde Art umgekommen. Doch das rührt sie so wenig, wie mein Kummer und Elend, so daß sie nicht drein willigen mochte, mit einem jungen reichen vornehmen Herrn, dem Neffen eines Kardinals, zu leben, der unsre ganze Stube mit Gold überziehen konnte. Weggelaufen ist die einfältige Dirne, und man will sie mir gar nicht wieder ausliefern. So werden heut zu Tage die Eltern verachtet.

Laßt sie laufen, die Verächtliche, sagte Beresynth, wir wollen ohne sie schon glücklich miteinander leben, denn unsre Neigungen und Gemüter sind sich gleich.

Warum aber weglaufen, sagte die Alte, wie eine ungetreue, geprügelte Katze? Wir hätten uns ja wie Liebende, wie vernünftige Wesen trennen können. Es fand sich gewiß Gelegenheit, die bleichsüchtige Dirne vorteilhaft zu verkaufen, an Alt oder an Jung, und das hätte auch wohl gelingen können, wenn sie sich nicht einen einfältigen jungen Burschen ins Herz geschlossen hätte, den sie liebt, wie sie sagt.

O hört auf, schrie Beresynth, taumelnd, und schon halb im Schlaf, wenn Ihr von Liebe sprecht, Base, so verfalle ich in so konvulsivisches Lachen, daß ich mich in drei Tagen nicht wieder erhole. Liebe! das dumme Wort hat meinem berühmten Meister Pietro den Hals gebrochen. Ohne den Taranteltanz säße die große Habichtsnase noch als Professor auf seinem Katheder, und kraute die jungen Gänse mit Philosophie und Tiefsinn an ihren dummen Köpfen, die ihm die Gelbschnäbel entgegen reckten. Ja, ja, Alte, das Affentum von Liebe und platonischer Seelentrunkenheit hätte uns beiden, Euch und mir, nur noch gefehlt, um die Wundertat unsrer heroischen Existenz vollständig zu machen. – Nun lebt wohl, Alte, morgen in der Nacht um diese Zeit hole ich Euch ab, und dann trennen wir uns nie wieder.

Vetter, sagte Pankrazia, auf Wiedersehn. Seit Ihr zu mir eingetreten seid, bin ich ein ganz andres Wesen geworden. Wir wollen in Zukunft eine herrliche Haushaltung führen.

Haben wir unser Jubeljahr doch nun auch gefeiert, lallte Beresynth, der schon auf der Straße stand, und in dunkler Nacht nach seiner Wohnung taumelte.

Antonio hatte indessen den alten Ambrosio und dessen Gattin schon darauf vorbereitet, daß er gewiß jene widerwärtige Alte, und so auch deren Tochter Crescentia wieder auffinden würde. Die Mutter glaubte ihm gern, aber der Vater blieb bei seinen Zweifeln. Noch vor Sonnenuntergang begab sich der Jüngling mit seinem Freunde wieder zum weisen Castalio. Dieser kam ihnen schon lächelnd entgegen und sagte: Hier, Antonio, nehmt dieses Blatt, Ihr findet auf ihm verzeichnet, in welcher Gasse, in welchem Hause Ihr jene Unholdin antreffen werdet. Wenn Ihr sie aufgefunden habt, werdet Ihr an meiner Wissenschaft nicht mehr zweifeln.

Schon jetzt bin ich überzeugt, sagte Antonio, ich war es schon gestern. Ihr seid der weiseste der Sterblichen, und werdet mich durch Eure Kunst zum glücklichsten machen. Ich gehe, die böse Alte aufzusuchen, und wenn Crescentia nicht gestorben, oder verloren ist, so führe ich sie in die Arme ihrer Eltern.

Bewegt und voller Erwartung wollte er sich eilig entfernen, er hatte schon den Drücker der Tür in der Hand, als sich ein leises ängstliches Klopfen draußen ankündigte, von einem heisern Husten und Scharren der Füße begleitet. Wer ist da? rief Castalio, und da die Freunde öffneten, trat Beresynth herein, der sich gleich in die Mitte des Zimmers stellte, und unter vielen fratzenhaften Verbeugungen, so wie Verzerrungen des Gesichtes dem weisen Manne seine Dienste anbot.

Wer seid Ihr? rief Castalio, der sich verfärbt hatte und mit blassem Angesicht einige Schritte zurückgewichen war.

Ein Bösewicht ist der Verruchte! rief Antonio, ein Zauberer, den wir der Inquisition überliefern müssen, der verruchte Beresynth selbst ist es, dessen Namen Ihr, verehrter Mann, schon kennt, und von dem ich Euch erzählt habe.

Meint Ihr, junges Blut? sagte Beresynth mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung. Mit Euch, ihr Kinder, habe ich nichts zu schaffen. Kennt Ihr mich nicht? rief er zu Castalio gewendet, und könnt auch meine Dienste nicht brauchen?

Wie sollt ich? sagte Castalio mit ungewisser Stimme, ich habe Euch nie gesehn. Entfernt Euch, ich muß Eure Dienste ablehnen. In meinem kleinen Hause bedarf ich keines fremden Wesens.

Beresynth ging mit großen Schritten auf und ab. Also Ihr kennt mich nicht? Kann sein; man verändert sich manchmal, denn der Mensch bleibt nicht in seiner Blüte. Doch, mein' ich, sollte man mich nicht so bald vergessen, oder mit andern verwechseln, wie so manchen glatten, fein gemalten, unbedeutenden Tropfen. – Und ihr, indem er sich zu den jungen Leuten wendete, kennt wohl jenen Weisheitsfinder auch nicht?

O ja, sagte Antonio, er ist unser Freund, der treffliche Castalio.

Da erhub der Kleine ein so ungeheures Lachen, daß Wände und Fenster des Zimmers erklirrten und wiederhallten. Castalio! Castalio! schrie er wie besessen; warum nicht auch Aganippe oder Hippokrene? Also, ihr habt den Brill vor den Augen, mit Kalbsblicken schaut eure Seele aus dem runden Kürbis eurer Köpfe dumm heraus? Reibt euch die Nase, und seht und erkennt doch euren verehrten Pietro von Abano, den großen Tausendkünstler aus Padua!

Derjenige, der sich Castalio nannte, war wie ohnmächtig in einen Sessel gesunken, sein Zittern war so heftig, daß alle Glieder seines Körpers flogen, die Muskeln seines Antlitzes bebten so gewaltsam, daß kein Zug in ihm wahrzunehmen war, und nachdem die jungen Leute dies einige Zeit staunend betrachtet hatten, glaubten sie mit Entsetzen wahrzunehmen, daß aus den sich verwirrenden Lineamenten die alte Bildung des bekannten greisen Apone hervorstiege. Laut schreiend erhub sich der Zauberer vom Sessel, ballte die Fäuste und schäumte mit dem Munde, er schien in seiner Wut riesengroß. Nun ja, brüllte er im Donnerton, ich bin es, jener Pietro, und Du, Knecht, verdirbst mir jetzt mein Spiel, jene junge Brut dort auf einem neuen Wege zu vernichten. Was willst Du, Wurm, von mir, der ich, Dein Meister, Dich nicht mehr anerkenne? Zitterst Du nicht in allen Gebeinen vor meiner Rache und Strafe?

Beresynth erhub wieder jenes schallende, entsetzliche Gelächter. Strafe? Rache? wiederholte er grinsend; Dummkopf ohne Gleichen! Mußt Du denn jetzt erst merken, daß Dir diese Sprache zu mir nicht geziemt? Daß Du, Gaukler, Dich vor mir im Staube krümmen mußt? daß ein Blick meines Auges, ein Griff meines erznen Armes Dich zerschmettert, Du erdgebornes Larvenspiel elender Künste, die nur ich gelingen ließ?

Ein Scheusal stand im Saal. Seine Augen sprühten Feuer, seine Arme dehnten sich wie zwei Adlerschwingen aus, das Haupt berührte die Decke; Pietro lag winselnd und heulend zu seinen Füßen. Ich war es, fuhr der Dämon fort, der Deine arme Gaukelei beförderte, der die Menschen täuschte, der den Frevel durch meine Macht erschuf. Du tratst mich mit Füßen, ich war Dein Hohn, Deine hochmütige Weisheit triumphierte ob meinem Blödsinn. Nun bin ich Dein Herr! Jetzt folgst Du mir als mein leibeigner Knecht in mein Gebiet. – Entfernt euch, ihr Elenden! rief er den Jünglingen zu, was wir noch verhandeln, geziemt euch nicht zu schauen! Und ein ungeheurer Donnerschlag erschütterte das Haus in seinen Tiefen, geblendet, entsetzt stürzten Antonio und Alfonso hinaus, ihre Knie wankten, ihre Zähne klappten. Ohne zu wissen, wie, befanden sie sich wieder auf der Straße, sie flüchteten in einen nahen Tempel, denn eine heulende Windsbraut erhob sich mit Donner und Blitzen, und die Wohnung, als sie hinter sich sahen, brannte in zerfallenen Trümmern, zwei dunkle Schatten schwebten über dem Brande, kämpfend, so schien es, und sich in Verschlingungen hin und her werfend und ringend, Geheul der Verzweiflung und lautes Lachen des Hohnes erklang abwechselnd zwischen den Pausen des lautrasenden Sturmwinds.

Erst nach langer Zeit konnte sich Antonio so viel sammeln, daß er stark genug war, nach der gegebenen Anweisung das Haus der Alten aufzusuchen. Er fand sie geschmückt und sie rief ihm frohlockend entgegen: ei! Florentiner! seid Ihr auch einmal wieder da?

Wo ist Eure Tochter? fragte Antonio, zitternd vor Eil.

Wenn Ihr sie jetzt haben wollt, sagte die Alte, so will ich sie Euch nicht vorenthalten. Aber bezahlen müßt Ihr rechtschaffen für sie, oder der Podesta von Padua, wenn er noch lebt, denn sie ist sein Kind, das ich ihm damals gestohlen habe, weil mir die Herren Markoni ein ansehnliches Stück Geld dafür gönnten.

Wenn Ihr es beweisen könnt, sagte der Jüngling, so fordert.

Beweise, so viel Ihr wollt, rief die Alte, Windeln mit Wappen, Kleider von damals, ein Mal auf der rechten Schulter, was ja die Mutter am besten kennen muß. Aber auch Briefe von den Markonis sollt Ihr haben, Schriften vom Podesta selbst, die ich damals in der Eile mit wegfischte. Alles, nur Geld muß da sein.

Antonio zahlte ihr alles Gold, was er bei sich trug, und gab ihr noch die Edelsteine, die Hut und Kleidung schmückten, Perlen und eine goldne Kette. Sie strich alles lächelnd ein, indem sie sagte: wundert Euch nicht, daß ich so eilfertig und leicht zu befriedigen bin. Die Dirne ist mir weggelaufen, weil sie keinen Liebhaber wollte, und steckt im Nonnenkloster bei der Trajanssäule, die Äbtissin hat sie mir nicht herausgeben wollen, aber meldet Euch nur dort, das junge Blut wird Euch von selbst in die Arme springen, denn es träumt und denkt nur von Euch, so habt Ihr ihr törichtes Herz bezaubert, daß sie seit jener Nacht, der Ihr Euch wohl noch erinnern werdet, kein vernünftiges Wort mehr gesprochen hat, daß sie weder Liebhaber noch Mann mehr leiden konnte. Froh bin ich, daß ich sie so los werde, ich gehe mit einem vornehmen Vetter, Herrn Beresynth, der mich eigen dazu aufgesucht hat, noch heut Nacht auf seine Güter. Lebt wohl, junger Narr, und seid mit Eurer Crescentia glücklich.

Antonio nahm alle Briefschaften, die Kleidung des Kindes, alle Beweise ihrer Geburt. In der Tür begegnete ihm schon jener Furchtbare, der sich Beresynth nannte. Er eilte, und war so leichten Herzens, so beflügelt, daß er den Sturm hinter sich nicht vernahm, der die Gegend zu verwüsten und die Häuser aus ihren Gründungen zu heben drohte.

Bei nächtlicher Weile untersuchten die überglücklichen Eltern die Briefe, und diese, so wie die Kleider überzeugten sie, daß diese zweite Crescentia ihr Kind sei, die Zwillingsschwester jener gestorbenen, die sie in der Taufe damals Cäcilie genannt hatten. Der Vater holte am Morgen das schöne bleiche Mädchen aus dem Kloster, die sich wie im Himmel fühlte, edlen Eltern anzugehören, und einen Jüngling, der sie anbetete, wieder gefunden zu haben, dem sie in jener Nacht auf ewig ihr ganzes Herz hatte schenken müssen.

Rom sprach einige Zeit von den beiden Unglücklichen, welche das Gewitter erschlagen hatte, und Ambrosio lebte nachher mit seiner Gattin, der wieder gefundenen Tochter und seinem Eidam Antonio in der Nähe von Neapel. Der Jüngling verschmerzte im Glück der Liebe die Leiden seiner Jugend, und an Kindern und Enkeln trösteten sich die Eltern über den Verlust der schönen und innig geliebten Crescentia.

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