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Pietro von Abano

Ludwig Tieck: Pietro von Abano - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefairy
authorLudwig Tieck
booktitleDie schönsten Märchen
titlePietro von Abano
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2880
printrunErste Auflage
editorHermann Hesse
year2003
isbn3458345809
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
modified20151207
senderwww.gaga.net
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Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme, hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes gelenkt. Es war ihm ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier, begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulich und tröstend gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und erwiederte nur sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso's ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid Ihr nicht mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und ihm den Preis zu geben, den er verdient?

Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich Euch beleidigt habe. – Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt, wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so unterlaßt heut das lobpreisen Eures vergötterten Pietro. Sprechen wir von andern Gegenständen.

Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger Mensch, denn die Weisheit, das seh' ich nun wohl ein, ist Euch ein zu erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur bei diesen so lange, bis Euch die Milchzähne ausgefallen sind.

Ihr sprecht übermütig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch.

Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser Universität so hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der Euch sein innigstes Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmütig verleugnet?

Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt, daß ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken, so würdet Ihr mich wieder nicht verstehn.

Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das halbe und Viertel-Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist demütiger, als Ihr, seine schwächliche Kopie.

Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der höchsten Erbitterung aus. Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben, beim Himmel und bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwert sein muß, versichere, daß es in ganz Italien, in Europa, keinen so argen Bösewicht, keinen so verruchten Heuchler gibt als diesen –

Wen? schrie Alfonso.

Pietro Abano, sagte Antonio gemäßigt: was würdet Ihr dann sagen?

Nichts, rief jener wütend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als daß Ihr und jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswürdigste Schurke sei, der je das Heilige zu lästern sich erfrechte. Zieht, wenn Ihr nicht eine eben so verächtliche Memme, als ein niederträchtiger Verleumder heißen wollt.

Das gezogene Eisen begegnete dem Ausfordernden schon eben so schnell, und es half nichts, daß ihnen eine heisere ängstliche Stimme: Halt! zurief. Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann Blut aus dem Arm Antonio's. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte trennen wollen, eilte nun herbei, er verband die Wunden und stillte das Blut, darauf rief er andere Studierende herzu, die er in der Nähe schon gesehen hatte, die den ermatteten Alfonso nach der Stadt führen sollten. Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio noch einmal zu ihm, und raunte ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so kommt von der Ursache unsers Zwistes kein Wort über Eure Lippen. In vier Tagen sprechen wir uns wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Überzeugung seid, bin ich zu jeder Genugtuung erbötig.

Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, daß die Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den jungen Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt hatten, ging Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum, fing dieser an, wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hölle überliefern? Ich sehe, daß Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das Schwert wohl der Redner, der andre bekehren darf? – Antonio war ungewiß, in wie weit er sich dem Mönche entdecken sollte, doch verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit, welche er erlebt hatte, und bedung sich nur die Erlaubnis aus, bei dem nahe bevorstehenden Osterfeste, während des Hochamtes, durch die Sakristei in der Nähe des Altars zum großen Tempel eingehen zu dürfen. Nach einigen Einwürfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jüngling mit dieser Erlaubnis bezwecken könne. Ich will einen Gast so in die Kirche einführen, sagte dieser nur noch, dem man am großen Tor den Eingang vielleicht versagen würde.


Alle Glocken der Stadt läuteten, um das heilige Osterfest in Freuden und Andacht zu begehn. Das Volk strömte nach dem Dom, um das froheste christliche Fest zu feiern, und auch den berühmten Apone in seiner neuen Würde zu erblicken. Die Studierenden begleiteten ihren berühmten Lehrer, der vom Adel, dem Rat und der Bürgerschaft ehrfurchtvoll begrüßt in anscheinender Frömmigkeit und Demut dahin wandelte, Allen ein Beispiel, der Stolz der Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Tür des Tempels wich das Gedränge in scheuer Verehrung zurück, um dem Gefeierten Platz zu machen, der in der Tracht des Prälaten, mit der goldenen Kette geschmückt, im weißen Bart und lockigen Haupthaar einem Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in seinem majestätischen Anstande zu vergleichen war.

In der Nähe des Altars war dem berühmten Manne ein erhobener Sitz zubereitet, daß Schüler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der Andächtigen in den Tempel hereingeströmt war, begann das Hochamt. Theodor, der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und Alt, Vornehm und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung des Herrn würdig zu begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und sich nach den Tagen der strengen Fasten, nach den betrübenden Vorstellungen der Leiden und des Schmerzes an dem Gefühl des wieder erwachten Lebens zu trösten.

Schon war der erste Teil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand führte. Er stellte diese auf die Erhöhung, dem Pietro dicht gegenüber, und warf sich dann betend am Altare nieder. Die Verschleierte stand starr und hoch da, und man sah unter der Verhüllung die brennend schwarzen Augen. Pietro erhob sich vom Sessel, und sank bleich und zitternd in denselben zurück. Die Musik der Messe strömte und wogte in volleren Akkorden, jetzt wickelte sich die Verhüllte langsam aus ihren Schleiern, das Antlitz war frei, und die Nächsten erkannten mit Entsetzen die gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch die Fernsten faßte ein heimliches Grauen, das totenbleiche Bild so hoch dort stehn zu sehn, das so andächtig betete und die großen feurigen Augen nicht vom Priester am Altar verwendete. Auch der große mächtige Pietro schien in eine Leiche verwandelt, man hätte ihn den entstellten Zügen nach für tot halten können, wenn sich sein Leben nicht im heftigen Zittern verraten hätte. Nun wendete sich der Priester, und erhob die geweihte Hostie, Trompeten verkündigten die erneute Gegenwart des Herrn, und mit einem Jubelton, mit hochentzücktem Antlitz, die Arme weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah! rief, daß die Kirche wiedertönte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen, und lag tot, starr und bewegungslos zu Pietro's Füßen hingestürzt. Das Volk lief hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studierenden wollten den ehrwürdigen Greis, der so tieferschüttert schien, trösten und unterstützen, als Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie, und die furchtbarste Anklage, die schrecklichste Erzählung begann, die höllische Kunst, die verworfene Magie des zagenden Sünders aufdeckte, von sich und Crescentia und ihrem schaudervollen Wiederfinden sprach, so daß Zorn, Wut, Verwünschung, Abscheu und Fluch, wie ein stürmendes Meer, um den Geängsteten tobten und ihn zu vernichten, im Wahnsinn des Grimmes zu zerreißen drohte. Man sprach von Schergen und Fesseln, die Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhob, mit geballten Fäusten um sich stieß und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen schien. Er trat zu Crescentia's Leichnam, der lächelnd wie das Bild einer Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann brüllend und mit funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen ergriff das Volk, man machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurück. So kam Pietro auf die freie Straße, doch nun besann sich der Pöbel, und mit Geschrei, Verfluchung und Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der in Eil dahin rannte, indem sein Talar ihm weit nachflog, und die goldne Kette schallend auf Brust und Schultern schlug. Das Gesindel grub die Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es ihn nicht einholen konnte, und verwundet, blutend, triefend von Schweiß, die Zähne klappernd vor Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses.

Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth trat fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die Straße geführt und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden Getümmel nichts anders als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins Verhör! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und führten ihn nach dem Gefängnis. Alles Volk drängte sich nach. Hier hinein! rief der Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner. Er wollte sich losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her, der faßte ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden. Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder zerrten, fuhren alle plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein Kleidungsstück, Ärmel, Mütze oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht sein, er schien verschwunden, doch keiner begriff wie.

Als man Apone's Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden tot und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die magischen Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrat, alles wurde den Flammen übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem Trugbild wendeten, war nun um so größer.


Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde der Leichnam Pietro's still in der Nacht außerhalb des geweihten Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit Feierlichkeit und einer andächtigen Rede, den Leichnam der schönen Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen ließ. Antonio konnte nun nicht länger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den Entschluß, nach Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Ablaß von Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles, sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn.

Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine einsame Bahn, denn er vermied die große Straße, teils um seiner Schwermut desto ungestörter nachhängen zu können, teils um die Schwärme zu vermeiden, die sich auf dem großen Wege drängten, und in den Nachtlagern beschwerlich fielen.

So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Täler des Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich zeigen. Indem die Schatten dichter wuchsen, hörte er seitwärts im Walde das Glöcklein eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und gelangte, als die Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die kleine Hütte, zu welcher ein schmaler Steg von Brettern über den Bach in das Buschwerk hinein führte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in tiefster Andacht vor einem Krucifixe betend. Der Einsiedler nahm den Jüngling, der ihn freundlich begrüßte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm im Felsen, der durch eine Tür von der Einsiedelei getrennt war, ein Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen Früchten, Wasser und etwas Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich am Gespräche des Mönchs, der früher in der Welt gelebt und als Soldat manchen Feldzug mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jüngling begab sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mönch hereintrat, der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte.

Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf. Ihm dünkte, er vernähme laute Stimmen und Streit. Er richtete sich empor, und es blieb ihm über das Gezänk und dem Wortwechsel kein Zweifel übrig. Auch die Töne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob er nicht träume. Er näherte sich der Türe und entdeckte eine Spalte, durch welche er in den vordern Raum schauen konnte. Wie erstaunte er, als er Pietro Abano gewahr wurde, den er für gestorben halten mußte, der mit zornigen Augen und rotem Antlitz laut sprach und sich in heftigen Gebärden bewegte. Ihm gegenüber stand die Fratze des kleinen Beresynth. Also Euren Verfolger, rief dieser mit krächzender Stimme, der Euch unglücklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt Ihr hier in Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die Grube gefallen? Und Ihr zögert noch, ihn abzuschlachten? – Schweig, rief die große Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern beraten, sie wollen nicht einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in keiner Sünde befangen. – So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure Geister, mit Euren eigenen huldreichen Händen tot, so wird ihm seine Tugend und Sündenlosigkeit nicht viel helfen, und ich müßte ein elender Diener sein, wenn ich Euch in so löblicher Tat nicht beistehen sollte. – So laß uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich führe das Beil, jetzt schläft er fest. – Sie näherten sich der Tür, doch Antonio riß diese auf, um den Bösewichtern mutig entgegen zu treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine Bildsäule, mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche Einsiedler auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete murmelten. Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirt, der sich mühsam vom Boden erhob. Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert? fragte der gebückte, schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio zog sich zurück mit der Entschuldigung, daß ihn ein böser Traum erschreckt und geängstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so verstört waren seine Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths krähende Stimme, und Pietro sagte mit vollem klaren Tone: laß ab, denn Du siehst, er ist bewaffnet und gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht von neuem überlassen. – Wir müssen ihn überwältigen! schrie der Kleine, da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja auf alle Weise verloren! Der Knecht gibt uns morgen der Inquisition an, und das Volk ist auch dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand.

Durch die zerrissene Tür erkannte er die beiden Zauberer. Er stürzte wieder mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte, im Gebete flehend, am Boden liegen. Erbittert über die Truggestalten ergriff er sie in seine Arme, und rang kräftig mit ihnen, sie wehrten sich verzweifelnd, bald war es Pietro, bald der Eremit, bald das Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis. Unter Geschrei, Toben, Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus der Zelle zu werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hörte er draußen Gewinsel, Bitten und Ächzen, dazwischen ein Flüstern von vielen Stimmen, Gesang und Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein fernes Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getöse. Betäubt schlief endlich Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Krucifixe ruhend ein, und als ihn der kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der höchsten Spitze einer schmalen Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und glaubte hinter sich ein Hohngelächter zu vernehmen. Nur mit Lebensgefahr gelang es ihm, von der schroffen Höhe hinab zu klimmen, indem er die Kleider zerriß und Antlitz und Hand und Fuß verwundete. Mühselig mußte er durch die Wälder irren, kein Mensch war zu errufen, keine Hütte, so oft er auch die Anhöhe bestieg, weit umher zu entdecken. Erst in der Nacht traf er, von Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung aufgelöst, auf einen alten Köhler, der ihn in seiner kleinen Hütte erquickte. Er erfuhr, daß er von jener Einsiedelei, die er gestern getroffen hatte, wohl zwölf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spät am folgenden Tage konnte er, etwas gestärkt und ermuntert, seine Reise nach Florenz wieder fortsetzen. Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden, welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in dem großen väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den wohlbekannten Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht lebhaft zu vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in sein Verhängnis verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Hätte er nur irgend eine Hoffnung fassen können, so wäre es ihm möglich gewesen, sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Endlich ging ihm der Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der Gläubigen Teil zu nehmen, die berühmten Kirchen und Heiligtümer zu besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge der unzähligen Fremden, die aus allen Teilen der Erde dorthin zogen, zu zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermutete auch, den alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem Bekümmerten wohl auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit in Rom an.

Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre Macht, ihre Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, daß er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro's, von der Wiederbelebung Crescentia's und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger, entstellt, mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegenteil ausgebildet. Die Eltern hörten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio's Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter, ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwünschte, von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, daß er den Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft, herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen Frevel erwecken zu können.

Überlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere, die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu entziehen. Durch meine Beschützer hier werde ich es möglich machen, meine Besitzungen Klöstern oder frommen Stiftungen zu übertragen, und mein Lebensüberdruß bewegt mich vielleicht, selbst als Mönch oder Klausner mein Leben zu enden.

Wie aber, wandte die Mutter mit Tränen ein, wenn es doch noch möglich wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht genannt hat, die Ähnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam überein, daß wir die Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu früh, nicht übereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen.

Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als der Tod, und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom Himmel erflehen.

Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige nicht mit Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet haben?

Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des Lebens geraubt habt.

Wie meint Ihr das? fragte Antonio.

Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und Wald, wo Ihr mir jenes Märchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen Nacht begegnet sein sollte –

Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkürlich auf sein Schwert.

Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer Lüge bezichtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmut, wie Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne meine Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut heimzuführen gedachtet, Eure Sinne in Unordnung geraten sind, Eure Vernunft geschwächt ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen, daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren unglücklichen Vater, an Eure früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Hütte? Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getöteten Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter, an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht erkannt habt, daß jenes fast lächerliche Gaukelspiel mit Euch vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzählt habt? Nein, junger Freund, Gram und Schmerz haben Euren gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind.

Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften erschüttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu deutlich bewußt, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er fühlte einen neuen Trieb zur Tätigkeit, er wünschte wenigstens dartun zu können, daß die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, daß jene zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu können. In dieser Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die Stadt, allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von den Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden, als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas öffnete, jene häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen Mädchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre Nähe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein entgegenströmender Zug von Pilgern ihn wieder völlig von jener Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmöglich machte. Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des Tempels des heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu können, fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich zu finden hoffte?

Wie meinst Du das? fragte Antonio.

Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener, hier vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort.

Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß, seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie, der Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals gehaßt, weil er der Überzeugung gewesen, sie könnten nur durch verdammliche Mittel und Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar höheren und verklärteren Lichte.

Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst! Dir leuchtet nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es geringfügige Künste sind, die nur Scherz und Gelächter veranlassen können; alles Höhere aber, welches nicht auf leere Täuschung hinausgeht, allerdings nur durch böse und verdammliche Kräfte aufzuregen ist?

Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schönste Vertrauen entgegen.

Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein.

Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein überirdisches Wesen auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewußtsein, als ein Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erkünsteltem Glanz die gewöhnlichen Söhne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes, er ließ sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen ihm und uns noch fühlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen mußten? Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich stellt) will nicht groß und erhaben erscheinen, er belächelt dies Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewähr, daß etwas Unechtes, Gebrechliches verhüllt werden solle, denn ein klares Bewußtsein wolle nur gelten als das, was es sich fühlt, und der größte der Sterblichen müsse sich ja doch gestehn, daß er eben so, wie der blödsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei.

Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und weiß mir zu sagen, wie glücklich oder unglücklich noch meine Verhängnisse sein werden? Ob gewisse, geheimnisvolle Wünsche sich erfüllen können? Kann er denn erraten und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte undeutlich ist?

Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, daß er durch Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles erfährt, wozu jene Unglückseligen Beschwörungen, Formeln, Heulen, Geschrei und Todesangst anwenden müssen. Darum findest Du auch jenen widerwärtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und keine fratzenartigen Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich sagte ihm von Dir, und er fand in seiner Rechnung, daß ich Dich heut, in dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewiß antreffen würde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn.

Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten und gingen gegen Abend zur Stadt zurück. Die Straßen waren etwas mehr beruhigt, sie konnten ungestörter ihren Weg fortsetzen. In der Dämmerung kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus zogen. Sie schritten durch ein Gärtchen: ein freundliches Licht schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie zogen die Glocke, die Tür öffnete sich, und mit den sonderbarsten und gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal.


Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht großen jungen Mann vor sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel über dreißig Jahre alt sein konnte. Mit einfacher Gebärde begrüßte er den eintretenden Jüngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen, sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so viel Gutes von Euch gesagt, daß ich mich schon längst auf Euren Umgang gefreut habe. Nur müßt Ihr freilich nicht wähnen, daß Ihr zu einem Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor welchem die Hölle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden könnt, so wie jeder, den die ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetümmel nicht abschrecken.

Antonio fühlte sich wohl und behaglich, so sehr er auch überrascht war, er musterte die Stube, die, außer einigen Büchern und einer Laute, nichts Ungewöhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Gepränge, den Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte: freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit, die mir mein Freund gerühmt und in welcher Ihr untrüglich sein sollt.

Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht untrüglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um, dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein Bett; hier ist weder Raum noch Möglichkeit, trügerische Anstalten zu verbergen, oder künstliche Maschinen in Tätigkeit zu setzen. Alle jene Kreise, Gläser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwörer zu ihren Künsten nötig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden werden auch nur vom Geist der Lüge hintergangen, weil sie die Kräfte ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen seiner Seele, von Demut und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er vergebens durch künstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hölle erzwingen will. »Werdet wie die Kinder!« In diesem Aufruf liegt das ganze Geheimnis verborgen. Ist unser Gemüt ungefälscht, können wir, wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen, welches unsre ersten Eltern mit frevlem Mutwillen an sich zogen, so wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Kräften tritt wie damals, im bräutlichen Jugendalter der Welt, dem verklärten Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, daß körperliche Schranken, verwirrender Raum und Zeit, ihn nicht hemmen sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflügelt, über alle Sternenräume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene Erdengewalt, die sich in der Sünde erst auf ihn geworfen, und ihn zu ihrem Knechte gemacht hat. Diese können und sollen wir aber wieder bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch Erkennen unsrer großen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit für seine überschwengliche Liebe, und dann sehn und hören wir, was sich uns durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt heran, und schüttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die himmlischen Kräfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem echten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rührung seines Herzens, indem er ihre Liebe fühlt, mehr und wünschenswerter, als alle Schätze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle Enthüllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen.

Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, daß ihm hier im Gewande einfacher Demut mehr entgegen komme, als ihn aus Apone's Munde, zur Zeit seiner größten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals angesprochen hatte. Faßte er doch jetzt die Überzeugung, daß die Weisheit, welche man die übernatürliche nennt, sich wohl mit Frömmigkeit und der völligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse.

Wißt Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jüngling bewegt; könnt Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen?

Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde Eurer Geburt weiß, antwortete Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures Antlitzes und die Züge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon offenbaren zu können.

Antonio übergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jünglingen Wein ein, indem er selber ein wenig von diesem genoß, schlug einige Bücher auf und setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gespräche mit den Jünglingen völlig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge heitre Mann ein ganz gewöhnliches Geschäft vornehme, das bei weitem nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und fröhlichen Gesprächen eine Stunde verflossen sein, als Castalio aufstand und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich weiß nicht, fing er an, wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen wollt. Er betrachtete hierauf Antonio's Gesicht, so wie seine Hände sehr aufmerksam, und erzählte ihm dann zusammenhängend die Geschichte und das Unglück seiner Eltern, den frühen gewaltsamen Tode der Mutter, die verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio's eigne Begebenheiten, wie er den Mörder gesucht und verfolgt, und selbst von einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also, beschloß er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jüngling, der jüngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise entdeckt hat, der den Schändlichen seiner Strafe überlieferte, obgleich er selbst nur um so unglücklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal auf entsetzliche Weise verlieren mußte.

Antonio bestätigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches Zutrauen zu ihm gewonnen, daß es ihm war, als wenn er nur mit sich selber spräche. Er erzählte ihm hierauf noch von den Abenteuern jener Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie er glauben müsse, heute von neuem erschienen sei. Könnt Ihr mir nun, fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zuführen werde?

Castalio war nachdenklicher als zuvor. Wenn jener abenteuerliche Beresynth, die Fratze, welche den Zauberer begleitete, sich nicht als Weib verstellt hat, um den Nachforschungen zu entgehn, so getraue ich mir dieses Weib aufzufinden. Geduldet Euch nur bis morgen und ich sage Euch Bescheid. Übrigens sind die Begebenheiten jener Nacht keine Phantasien Eures Innern, sondern Wirklichkeit gewesen, damit mögt Ihr fürs Erste Euch und Euren ältern Freund beruhigen.

Nachdenkend verließen die jungen Leute den wunderbaren Mann, und Antonio dankte dem Spanier herzlich, daß er ihm diese Bekanntschaft verschafft hatte.

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